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1873

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Ereignisse

  • 1873: Nach der gewaltsamen Reichsgründung von 1871 sollte der Patriotismus die zerrissene bürgerlich-liberale Gesellschaft einen. Minderheiten, vor allem den Juden, wurde oft ein Mangel an „wahrem Deutschtum“ unterstellt. Politisch-soziale Widersprüche und ökonomische Krisen im nationalen Einigungsprozess wurden ihnen angelastet. Auf den Gründerkrach 1873 folgte eine mehrjährige Wirtschaftskrise. Viele Bauern, Händler und Bürger verloren ihre Ersparnisse und mussten ihre Firmen aufgeben, während Grossindustrielle und Bankiers Verluste besser auffangen konnten. Da sich unter letzteren relativ viele Juden befanden, machte der abstiegsbedrohte Mittelstand alle Juden für die Pleitewelle verantwortlich. Nun ergriff der Antisemitismus breite Bevölkerungsschichten: Viele neu gebildete Vereine machten ihn zu ihrem Programm.
  • 1873: Der deutsche Journalist Wilhelm Marr (1819-1904) gilt als Erfinder des Substantivs „Antisemitismus“ (zum Adjektiv "antisemitisch" vgl. 1862 bei Renan). Das Antonym „Semitismus“ oder „Semitentum“ dazu verwendete er seit 1873, um die Juden für den damaligen Gründerkrach verantwortlich zu machen. Sonst bezeichnete der Begriff im Deutschen später nur aus einer semitischen Sprache entlehnte Worte (ähnlich z. B. „Latinismus“). Da die jüdische Minderheit keine einheitliche Ideologie oder Partei vertrat, die man hätte bekämpfen können, konstruierten die Antisemiten einen völkisch-rassischen Gegensatz. Im Februar 1879 warf Marrs Schrift „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum“ das Schlagwort „Antisemitismus“ in die politische Debatte. Er richtete es nicht gegen alle zur semitischen Sprachfamilie gehörenden Völker, sondern gezielt nur gegen Juden, um sie nach ihrer Abstammung, nicht nach ihrer Religion zu definieren, und sie damit einer anderen „Rasse“ zuzuweisen, um deren angeblich unveränderbaren „Nationalcharakter“ behaupten zu können, und um diese Zuschreibungen wissenschaftlich begründet aussehen zu lassen. Marr stellte den Begriff ausdrücklich alternativ zum christlich-religiösen „Judenhass“ vor, um diese „unaufgeklärte“, bloss emotionale Aversion auf einen „modernen“, angeblich rationalen Diskurs über den verderblichen gesellschaftlichen Einfluss der Juden zu lenken. Damit wollte er allen, auch religionsfernen Bürgern die Ausgrenzung aller Juden als politisches Ziel plausibel machen. Deren Integration in die bürgerliche Gesellschaft, sei es durch erzieherische „Verbesserung“, sei es durch die Taufe, sollte von vornherein unmöglich erscheinen. Daher griff Marr gerade auch die assimilierten Juden als „artfremde Nation in der Nation“ an, die deren Selbstfindung im Wege stehe. „Der Jude“, schon lange ein Schimpfwort, wurde nun Inbegriff aller als negativ erlebten und gedeuteten Zeiterscheinungen. Er stand für eine Infiltration der Nation mit ihr fremden Ideen und Tendenzen, für egoistisches Gewinnstreben und kalte Zweckrationalität. Er stand für die Antisemiten hinter allen von ihnen abgelehnten modernen Wissenschafts-, Staats- und Gesellschaftstheorien: Aufklärung, Rationalismus, Liberalismus, Materialismus, Internationalismus, Individualismus, Pluralismus, Kapitalismus (Manchesterliberalismus), Demokratie, Sozialismus, Kommunismus. Er galt als der eigentlich Schuldige an der „Zersetzung“ der traditionellen Gesellschaftsstrukturen und der Uneinigkeit und Schwäche der Nation, indem er angeblich die kritische Presse besass und lenkte und für Ausbeutung, Wirtschaftskrisen, Kapitalkonzentration und Inflation sorgte. Dabei war dieses auch sonst in Europa gepflegte Feindbild besonders in Deutschland die Kehrseite eines aggressiven Nationalismus, der die Juden aus dem „Volkstum“ ausgrenzte. So münzte man die Emanzipation der Juden in eine „Emanzipation von den Juden“ um, die notwendige Bedingung für nationale Identitätsfindung sei. Als „-ismus“ kennzeichnete der Begriff eine Weltanschauung mit bekennender Anhängerschaft und einem mehr oder weniger ausgeprägten ideologischen System. Er wies „Semiten“ (Juden) gegenüber „Germanen“ (Deutschen) bzw. „Ariern“ (Nordeuropäern) bestimmte rassische und kulturelle Eigenarten zu, die sie einerseits minderwertig, andererseits überlegen erscheinen liessen: Arier seien Semiten an Körperstatur, Gesundheit und Moral überlegen. Arier seien einfach und fromm, Semiten dagegen sinnlich und verschlagen. Arier lebten von ehrlicher Arbeit, Semiten von Wucher, Spekulation und Ausbeutung. Arier seien Schöpfer geistiger Werte und des Fortschritts in Philosophie, Religion, Naturwissenschaften, Semiten seien Nachahmer und Plagiatoren. In diesem Sinne wurde der Begriff rasch Allgemeingut und gut 75 Jahre lang zur Eigenbezeichnung „prinzipieller“ Judenfeinde. Erst seit dem Holocaust trat diese zurück: Rassistische Judenfeinde bezeichnen sich heute kaum noch als Antisemiten. Die Antisemitismusforschung jedoch verwendet den Begriff weiterhin: meist für die besondere anti-emanzipatorische Strömung, die sich von 1789 an in Mitteleuropa etablierte, darüber hinaus auch als Oberbegriff für alle komplexen Motive und Traditionen pauschaler Judenfeindschaft. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Wilhelm Marr 1873 seine antisemitische Publizistik begann, mit der er Gobineaus rassistische Ideen übernahm, aber nur die Juden als besondere „Rasse“ kennzeichnete, um sie ideologisch besser ins Visier nehmen zu können. Dabei konnte er auf fortbestehende kirchliche, aufgeklärte und völkisch-nationale Judenbilder zurückgreifen.
  • 1873: Berlin: orthodoxes Rabbinerseminar seit 1873, verbunden mit der Austrittsgemeinde Adass Jisroel, Dozenten u. a. E. Hildesheimer, D. Hoffmann
  • 1873: Israelitische Allianz, 1873 in Wien gegründete Hilfsorganisation für bedrängte Juden in Ost- und Südosteuropa; Hilfswerke bei Pogromen, Eingreifen in Ritualmordprozesse (Tisza-Eszlar, Polna, Beilis); Gründung von Schulen
  • 1873: Edmond Rothschild wird Eigentümer des Weingutes Château Clarke
  • 1873: (jüdische) Taubstumme/Gehörlose, jüdische Selbsthilfegemeinschaft, Ortsgruppen in deutschen Grossstädten; Fürsorgevereine: "Freunde der Taubstummen" (Jedide Ilmim), Israelitische Taubstummenanstalt 1873 gegründet von Markus Reich; Hilfsverein für die jüdischen Taubstummen, mit Altersheim, gegründet 1903; Weltbund der jüdischen Taubstummen gegründet 1927 in Prag
  • 1873: Ernst Kalmus geboren, Arzt; Dr. Kalmus gehörte zu den ersten deutschen Zionisten, als Student war er Mitbegründer der "Vereinigung Jüdischer Studierender" in Berlin, der Wiege des KJV; später lebte er in Breslau, Hamburg, dann in Palästina
  • 7.1.1873–13.12.1926: Rudolf Eisler, geb. und gest. in Wien, österreichisch-jüdischer Philosoph und "mechanistischer Psychologe"; Vater von Gerhart Eisler und Hanns Eisler; stand dem kritischen Realismus von Wundt nahe; Verfasser von grundlegenden, allgemein benutzten enzyklopädischen Werken, u. a. "Wörterbuch der philosophischen Begriffe und Ausdrücke", 3 Bände, 1899 (mehrere Auflagen, Neubearbeitung 1971); "Philosophenlexikon", 1912; "Kantlexikon", 1930 (mehrere Auflagen)
  • 8.1.1873–19.12.1936: Jakob Nussbaum, deutscher Maler und Grafiker, Impressionist, lebte in Tiberias
  • 9.1.1873–4.7.1934: Chajim Nachman Bialik (Chaim Nachman Bialik, vereinzelt auch: Chaim Nachum Bialik), geb. Rady (in der Nähe von Schitomir, Wolhynien / Ukraine), gest. Wien, volkstümlicher neuhebräischer Dichter, gehört zu den grössten modern-hebräischen Dichtern, lebte in Odessa (bis 1921) und Tel Aviv; grössere Poeme („Die Toten der Wüste“, „Die Flammenrolle“, Gedicht in Prosa; „Am Ort des Mordens“, über den Pogrom von Kischinew), lyrische Gedichte und Volkslieder (auch jiddisch), realistische Erzählungen, Aufsätze und Studien; auch Übersetzungen, Editionen und Anthologien; Bialik gründete die Verlage „Morija“ und „Dwir“; hebräische Gesamtausgabe (4 Bände, 1924); deutsche Übersetzer der Gedichte: Ernst Müller, Louis Weinberg; Bialik wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, für beide Elternteile war es bereits die zweite Ehe; der Vater stammte zwar aus einer Gelehrtenfamilie, war aber durch Unerfahrenheit in geschäftlichen Dingen verarmt; im Alter von sechs Jahren übersiedelte Bialik mit seinen Eltern nach Schitomir, da sie auf der Suche nach einem Lebensunterhalt waren; der Vater musste sich mit der Führung eines Wirtshauses am Stadtrand begnügen; 1879 starb Bialiks Vater, und Bialik wird zum wohlhabenden väterlichen Grossvater gegeben und damit von einem strengen und frommen alten Mann erzogen; Bialik war kein einfaches Kind und machte viel Ärger, der Besuch von Cheder und Jeschiba genügte ihm nicht, er beschäftigte sich zusätzlich mit russischer und europäischer Literatur; noch als Jeschiwaschüler schloss sich Bialik der geheimen orthodox-zionistischen Studentenorganisation Nezach Israel an, die versuchte, den jüdischen Nationalgedanken und die Aufklärung mit dem Festhalten an der Tradition zu verbinden; in dieser Zeit war Bialik durch die Lehren von Achad Ha Ams spirituellem Zionismus beeinflusst; 1891 verliess Bialik die Jeschiwa und ging nach Odessa, der literarische Kreis um Achad Ha Am zog ihn an, und Bialik hegte den Traum, in Odessa könne er sich auf den Eintritt in das moderne orthodoxe Rabbinerseminar von Berlin vorbereiten; ohne Geld und allein, verdiente er eine zeitlang seinen Lebensunterhalt als Hebräischlehrer, und man begann, seine Gedichte zur Kenntnis zu nehmen, deren Veröffentlichung Achad Ha Am ermöglicht hatte; 1893, nach dem Tod des Grossvaters und des älteren Bruders, heiratete Bialik Mania Averbuch; während der nächsten drei Jahre arbeitete er im Holzgeschäft des Schwiegervaters in Korostyschew, nahe Kiew, und fand 1897 eine Anstellung als Lehrer in Sosnowiec, in der Nähe der preussischen Grenze, aber die Enge des provinziellen Lebens verdross ihn; 1900 fand er eine Lehrerstelle in Odessa, wo er bis 1921 lebte, unterbrochen durch einen einjährigen Aufenthalt in Warschau, 1904, wo er eine hebräische Zeitung herausgab; gemeinsam mit drei anderen Schriftstellern gründete er das Moriah Verlagshaus, das Bücher für die moderne jüdische Schule publizierte; in diesen Jahren wuchs Bialiks Ruf, und als 1901 sein erster Gedichtband erschien, wurde er als "Dichter der nationalen Wiedergeburt" gepriesen; 1903 schockten die Pogrome von Kischinew die zivilisierte Welt; nachdem Bialik mit einigen Überlebenden des Massakers gesprochen hatte, schrieb er das Gedicht „Al haSchechitah" („Auf der Schlachtbank"), in dem er den Himmel aufruft, entweder sofort Gerechtigkeit zu üben oder die Welt zu zerstören, denn Vergeltung allein ist nicht genug; 1921 gehörte Bialik zu einer Gruppe hebräischer Schriftsteller, die auf Intervention Maxim Gorkis die Sowjetunion verlassen durften; nach drei Berliner und Hamburger Jahren übersiedelte Bialik 1924 nach Tel Aviv, wo er den Rest seines Lebens verbrachte; Chaim Nachman Bialik starb 1934 in Wien nach einer gescheiterten Operation an Prostatakrebs und wurde in Tel Aviv neben Achad Ha-Am begraben; das Bialik Haus ist heute ein Museum, dessen Bibliothek aus dreissigtausend Büchern besteht; Bialik ist der grosse Dichter der hebräischen Renaissance, er besingt den Geist des Judentums und ist in den ersten dreissig Jahren des 20. Jhdts. der ungekrönte König der hebräischen Sprache; seine abwechselnd milden und zornigen Verse spiegeln nicht nur das Unglück der Juden wider, sondern versuchen die innersten jüdischen Entscheidungen und Ressourcen zu stärken; viele von Bialiks Gedichten wurden vertont und sind immer noch sehr bekannt, vor allem seine Kindergedichte; Bialik war auch ein Erzieher, mit seinem Freund Jehoschua Hana Rawnitzky gab er 1908 bis 1911 eine eindrucksvolle Anthologie rabbinischer Legenden heraus: "Sefer Ha Aggadah" - "Buch der Legenden", ein Standardtext in israelischen Schulen; Bialik war in der Öffentlichkeit sehr engagiert und bereiste die ganze Welt in hebräischen und zionistischen Angelegenheiten; in seinen späteren Jahren wuchs seine positive Haltung dem Judentum gegenüber, und er wurde der Begründer des populären Oneg Schabbat ("Sabbatfreude", von Bialik in Palästina eingeführte geistige und künstlerische Feierstunden zur Gestaltung des Sabbattages, ursprünglich mit eigenen Baulichkeiten in Tel Aviv ); Bialik schrieb Kurzgeschichten, Essays und übersetzte Cervantes "Don Quichote" und Schillers "Wilhelm Tell" ins Hebräische; er verfügte über eine vollständige Kenntnis des Hebräischen und war in der Lage, die Möglichkeiten dieser Sprache voll auszuschöpfen; er nahm das Hebräische des modernen Israel vorweg und beeinflusste es in einem hohen Mass
  • 13.1.1873-14.11.1934: Walther Bensemann, jüdische Gründerfigur des deutschen Fussballs, geb. Berlin, gest. Montreux, gründete mit vierzehn Jahren seinen ersten Verein in Montreux, wo er ein Internat besuchte, zwei Jahre später, mit sechzehn Jahren, gründete er den Karlsruher FV, in Leipzig half er, den DFB zu gründen (1900, der Name des DFB geht auf ihn zurück), 1920 gründete er den „Kicker“, eine illustrierte Fussballzeitschrift, die er selbst redigierte und in der er mehrfach seine liberalen Ansichten veröffentlichte, musste 1933 als Herausgeber des „Kicker“ zurücktreten, ging ins Exil in die Schweiz, wo er mittellos und unbeachtet verstarb.
  • 15.1.1873–28.6.1937: Max Adler, Soziologe
  • 18.1.1873–27.12.1942: Heinrich Gomperz, seit 1924 o. Prof. in Wien, lieferte wertvolle Beiträge zur Systematik und Geschichte der Philosophie, Sohn von Theodor Gomperz
  • 20.1.1873–10.4.1941: Adolf Böhm, Wirtschaftstheoretiker des Zionismus/Palästinakundler, geb. in Teplitz-Schönau/Böhmen, gest. in Wien; Fabrikbesitzer in Wien, Volkswirt, war Herausgeber/Redakteur der Monatsschrift "Palästina" 1910-1912 und 1927-1938; 1915-1925 Jahre war er aktiv für den Jüdischen Nationalfonds (auch Direktoriumsmitglied); Mitglied des Aktionskomitees der Zionistischen Organisation (Anhänger/Führer des "praktischen" Zionismus); schrieb die "Geschichte der zionistischen Bewegung" (2 Bde., 1935/1937, Vorläuferfassung bereits 1920); auch er starb als Opfer der Judenverfolgung
  • 30.1.1873: Benno Strauss in Fürth geboren, Prof., beschäftigte sich mit der Metallurgie des Eisens, im Jahr 1912 Erfinder des nichtrostenden Edelstahls (Nirosta) bei der F. Krupp A. G. in Essen, er starb 1944 entrechtet und entehrt im Zwangsarbeitslager Vorwohle bei Holzminden
  • 2.2.1873–16.9.1925: Leo Fall, geb. in Olmütz (Olomouc, Tschechische Republik), gest. in Wien, österreichisch-jüdischer Komponist und Kapellmeister, einer der bedeutendsten Vertreter der Operetten-Ära (der jüngeren Wiener Operette) neben Lehar und Straus; der Sohn des Militärkapellmeisters Moritz Fall (1848-1922), Bruder der Komponisten Richard Fall (1882 Gewitsch, Österreich-Ungarn - 1945 Auschwitz) und Siegfried Fall (1877 Olmütz, Mähren - 1943 Theresienstadt? Auschwitz?), die beide von den Nazis ermordet wurden, kurze Zeit Militärmusiker unter F. Lehár senior, kam nach dem Besuch des Wiener Konservatoriums der Gesellschaft der Musikfreunde, wo er u. a. Musiktheorie bei Robert Fuchs und Johann Nepomuk Fuchs studierte, 1892 als Kapellmeister nach Hamburg, anschliessend als Sologeiger ans Berliner Metropoltheater; als seine ersten Opern erfolglos blieben, vollzog sich mit seiner Tätigkeit als Hauskomponist des Berliner Kabaretts Böse Buben im Berliner Künstlerhaus der Übergang zur Operette; Leo Fall widmete sich seit 1906 (Übersiedlung nach Wien) ausschliesslich der Komposition, schaffte von 1907 bis 1908 mit drei Operetten (darunter Die Dollarprinzessin) den Durchbruch und wurde schliesslich mit späteren Werken wie Die Rose von Stambul (1916) weltweit bekannt: Leo Fall, dessen Werke von den Nationalsozialisten verboten wurden, zählt neben Franz Lehár und Oscar Straus zu den bedeutendsten Komponisten der sogenannten „Silbernen Operettenära“; seine musikalisch breit gefächerten Operetten oszillieren zwischen klassischen (Wiener Walzer) und modernen Motiven (Schlager, Jazz, Foxtrott); die Kombination von schwingenden Melodien mit rhythmischen Irregularitäten liess viele seiner Melodien zum Allgemeingut werden; es war vor allem der im WDR Köln tätige Dirigent Franz Marszalek, der sich mit vielen beispielhaften Aufnahmen für Leo Fall eingesetzt hat; Leo Falls Grabstelle befindet sich auf dem Zentralfriedhof Wien (israelitischer Teil Tor 4, Gruppe 3, Reihe 4, Nr. 1); Werke (Auswahl): Paroli (Oper, 1902); Irrlicht (Oper, 1904); Der Rebell (1905); Der fidele Bauer (1907); Die Dollarprinzessin (1907); Die geschiedene Frau (1908); Der Schrei nach der Ohrgeige (1909); Brüderlein fein (Singspiel, 1909); Das Puppenmädel (1910); Die schöne Risette (1910); Der ewige Walzer (1911); Die Sirene (1911); Der liebe Augustin (1912); Die Studentengräfin (1913); Der Nachtschnellzug (1913); Der Frau Ministerpräsident (1914); Der künstliche Mensch (1915); Die Kaiserin (Fürstenliebe) (1916); Die Rose von Stambul (1916); Die spanische Nachtigall (1920); Der heilige Ambrosius (1921); Die Strassensängerin (1922); Madame Pompadour (1922); Der süsse Kavalier (1923); Jugend im Mai (1926); nachgelassen: "Der junge Herr René" (Uraufführung Sept. 1951 in Karlsruhe) - Literatur: W. Zimmerli, Leo Fall, 1957
  • 2.2.1873: Oskar Kaufmann geboren in Neu St. Anna (Siebenbürgen), bedeutender, von der Innenarchitektur herkommender Künstler-Architekt, 1903 getauft (auf Wunsch seines künftigen Schwiegervaters, des damaligen Bürgermeisters von Baden-Baden, Rudolf Gönner), Oskar Kaufmann schuf seit 1907 in Berlin zahlreiche Theaterbauten (u. a. Hebbel-Theater 1907; Volksbühne 1914; Theater in der Königgrätzer Strasse; Theater am Kurfürstendamm; Umbau der Krolloper 1923; Komödie 1924; Renaissance-Theater 1926) in geschmackvoll der jeweiligen Bestimmung angepassten Formensprache; weiter in Bremerhaven Stadttheater und Museum (beides 1909), in Wien Stadttheater und in Tel Aviv das Habimah-Theater (seit 1934); erbaute auch Villen und nahm viele Innenarchitektur-Aufträge von Prominenten an; Oskar Kaufmann starb am 6.9.1956 in Budapest – und hatte im Alter, bedingt durch den Nazi-Terror und die Folgen, unter Not und Armut zu leiden
  • 11.2.1873–17.1.1942: Georg Hirschfeld, naturalistischer Schriftsteller, bevorzugte in seinen Dramen und Romanen Stoffe aus der jüdischen Gesellschaft; "Die Mütter", 1896; "Agnes Jordan", 1898
  • 1.3.1873–26.11.1942: Efraim Frisch, deutscher Erzähler und Essayist, 1914-1925 Herausgeber der Zeitschrift "Der Neue Merkur" in München; "Das Verlöbnis. Erzählung aus dem Ghetto" (1902); "Zenobi. Roman aus dem Vorkriegsösterreich" (1927)
  • 3.3.1873– 27.3.1926: Max Fabian, geb. u. gest. in Berlin, Maler, Schüler von Arthur Kampf (Nichtjude); Porträts und Genrebilder
  • 6.3.1873–31.8.1955: Ernst Sonntag, geb. in Breslau, gest. in Lugano, Richter, Dr. iur., seit 1912 in Berlin, 1919 Oberlandesgerichtsrat in Breslau, 1920 Kammergerichtsrat in Berlin, zuletzt Reichsgerichtsrat, emigrierte in die Schweiz; Hauptwerke: Die Aktiengesellschaften, 1918; Die Franzosenherrschaft in Oberschlesien, 1920; Mietrecht, 1924-1927; Fürstenabfindung, 1926; Kommentar zum Gesetz über die Stundung der Aufwertungshypotheken, 1930; Korfanty, 1954
  • 8.3.1873–14.4.1943: Mathilde Jacob, geb. in Berlin, gest. im KZ Theresienstadt, Übersetzerin und Stenotypistin; als Sekretärin und enge Vertraute von Rosa Luxemburg schmuggelte sie deren Briefe und Manuskripte aus dem Gefängnis und rettete Teile ihres Nachlasses; Mathilde Jacob wurde in Berlin als Tochter des jüdischen Schlachtmeisterehepaares Julius und Emilie Jacob geboren; als selbstständige Stenotypistin und Übersetzerin lernte sie Ende 1913 über Schreibaufträge für Die sozialdemokratische Korrespondenz deren Herausgeber Julian Balthasar Marchlewski, Franz Mehring und Rosa Luxemburg kennen; tief beeindruckt von der Persönlichkeit Rosa Luxemburgs half Mathilde Jacob der Antimilitaristin insbesondere während der mehrmaligen Inhaftierungen; das ging von der Versorgung der Wohnung (inklusive Rosa Luxemburgs heiss geliebter Katze "Mimi") bis hin zum Schmuggeln von Briefen und hochpolitischen Manuskripten aus dem Gefängnis; als Mathilde Jacob im Mai 1919 selbst kurz in Haft sass, erfuhr sie vom Tod Rosa Luxemburgs, deren Leiche sie auch identifizieren musste; nachdem sie den grossen Verlust überwunden hatte, schloss sie sich dem ehemaligen Verteidiger Rosa Luxemburgs, Paul Levi, an, der am 31.Dezember 1918 Vorsitzender der neu gegründeten KPD wurde; nachdem dieser 1921 auf Grund von Meinungsverschiedenheiten über die Märzaktion aus der KPD ausgeschlossen wurde, gründete er zunächst die Kommunistische Arbeitsgemeinschaft (KAG) und trat mit Mathilde Jacob 1922 zunächst der USPD und mit deren Mehrheit der SPD bei; hier unterstützte sie Paul Levi bei der Herausgabe verschiedener Publikationen wie beispielsweise der Zeitschrift Unser Weg; nach dem Tod Levis 1930 zog sich Mathilde Jacob aus allen politischen Tätigkeiten zurück, hielt jedoch nach 1933 Kontakte zu Widerstandskreisen; als Jüdin musste sie die Repressalien und Einschränkungen des Naziregimes ertragen; sie konnte sich nur mit einer kleinen Rente und gelegentlichen Schreibarbeiten über Wasser halten, bis sie schliesslich am 27. Juli 1942 abgeholt und ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurde, wo sie am 14. April 1943 starb; ihr Leben und ihre Leistungen wurden von Heinz Knobloch „wiederentdeckt“, sorgfältig recherchiert und 1985 in seinem Buch Meine liebste Mathilde dargestellt; als historisches Verdienst wird Mathilde Jacob insbesondere angerechnet, dass sie 1915 Rosa Luxemburgs Manuskript Die Krise der Sozialdemokratie aus dem Gefängnis schmuggelte und für Druck und Verbreitung sorgte; als weitere historische Tat gilt die Rettung von Teilen des Rosa-Luxemburg-Nachlasses, den Mathilde Jacob sorgfältig verwaltete und 1939 einem amerikanischen Historiker übergab; 1995 wurde der Rathausvorplatz des damaligen Berliner Bezirks Tiergarten nach ihr benannt, 1997 eine dazugehörige Gedenktafel am Rathaus eingeweiht; seit der Berliner Bezirksfusion 2001 gehört der Mathilde-Jacob-Platz 1 nun zum Bezirk Mitte
  • 10.3.1873–1.1.1934: Jakob Wassermann, geb. in Fürth, gest. in Alt-Aussee/Steiermark, deutsch-jüdischer Schriftsteller (Romane, Novellen, Essays), lebte seit 1898 im Wiener Raum, einer der bedeutendsten Prosaiker der moderneren deutschen Literatur und einer der meistgelesenen Autoren der Weimarer Republik; seine Romane sind spannend, psychologisch vertieft und vom Willen getragen, die Herzensträgheit zu überwinden; seine Stellung zu Deutschtum und Judentum hat Wassermann 1921 im autobiographischen „Mein Weg als Deutscher und Jude“ gekennzeichnet; in fast allen seinen Romanen jüdische Zentral- oder Randfiguren; "Die Juden von Zirndorf", 1897; "Der Moloch", 1903; "Caspar Hauser", 1908; "Das Gänsemännchen", 1915; "Christian Wahnschaffe", 1919; "Der Fall Maurizius", 1928 (verfilmt); "Columbus" (Biographie), 1929; "Über Hofmannsthal", 1930; 7 Bände Gesammelte Werke, 1944-1948
  • 10.3.1873–8.9.1966: Walter Friedlaender (Walter Ferdinand Friedlaender), deutsch-jüdischer Kunsthistoriker, geboren in Glogau, gest. in New York; studierte u. a. bei Heinrich Wölfflin und Georg Swarzenski; Prof. in Freiburg i. Br. 1914-1933 und am Institute of Fine Arts der New York University ab 1935; unter seinen ersten Studenten war Erwin Panofsky
  • 20.3.1873–26.8.1944: Hans Hirschfeld, Mediziner (Innere Medizin) in Berlin
  • 25.3.1873–17.3.1959: Selig Soskin (Selig Eugen Soskin), Landwirtschaftsexperte; geboren auf der Krim, liess er sich – aus Berlin kommend – 1896 in Palästina nieder als Berater im Auftrage der Chowewe Zion; 1903 nahm er als Ersatzmann nach dem Ausscheiden von Emile-Ghislain Laurent an der El-Arisch-Expedition teil; von 1906 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs arbeitete er in den deutschen Kolonien in Westafrika; er schloss sich 1926 den Zionisten-Revisionisten an und vertrat diese seit 1927 als Repräsentant beim Völkerbund in Genf; nach der Spaltung der Revisionisten 1933 schloss er sich der Judenstaatspartei an
  • 27.3.1873–17.3.1930: Marcell Salzer, geb. in St. Johann, gest. in Berlin, Schauspieler/Vortragskünstler
  • 29.3.1873–29.12.1941: Tullio Levi-Cività, italienischer Physiker und Mathematiker, seit 1918 o. Prof. in Rom
  • 7.4.1873–9.10.1936: Friedrich von Oppeln-Bronikowski (Nichtjude), aus altem lausitzschem Adelsgeschlecht, Schriftsteller, Kulturhistoriker, Übersetzer und Herausgeber (durch schweren Reitunfall an einer ursprünglich geplanten Militär-Karriere gehindert); er wurde dann u. a. Biograph D. F. Koreffs, in seinem Spätwerk setzte er sich mit dem Antisemitismus in Deutschland auseinander und plädierte für einen vorurteilslosen Umgang mit dem Judentum; Verfasser von: "Antisemitismus? Eine unparteiische Prüfung", 1920 (1921 erschien bei Weicher in Leipzig von Adolf Bartels, dem Wegbereiter der NS-Germanistik, eine Gegenschrift: "Die Berechtigung des Antisemitismus. Eine Widerlegung der Schrift von Herrn von Oppeln-Bronikowsky "Antisemitismus?"); sowie von "Gerechtigkeit! Zur Lösung der Judenfrage", 1932
  • 16.4.1873–17.12.1931: Oscar A. H. Schmitz, Schriftsteller (Essays, Dramen, Prosa)
  • 7.5.1873–1.1.1955: Richard Falck, geb. in Landeck, Westpreussen, gest. in Atlanta, Pilzforscher, wurde 1910 Prof. an der Forst-Akademie in Hann. Münden, emigrierte 1933 nach Palästina, später in die Sowjetunion und in die USA; Hauptwerk: 12 Hefte Hausschwammforschungen, 1907-1937
  • 21.5.1873–10.3.1932: Fritz Stier-Somlo, Jurist (Staats- und Verwaltungsrecht)
  • 23.5.1873-2.11.1956: Leo Baeck (auch: Bäck), reformjüdischer Rabbiner, bedeutender jüdischer Theologe und kantianisch orientierter Religionsphilosoph, Vertreter des deutschen (liberalen) Judentums, Sohn von Samuel Baeck (1837-1912) und dessen Frau Eva, geb. Placzek; er wurde geb. am 23.5.1873 in Lissa (Posen), starb am 2.11.1956 in London (begraben Golders Green, London); Studium am konservativen Rabbinerseminar (Jüdisch-Theologisches Seminar) in Breslau, 1894 Wechsel an die liberale „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums“ in Berlin (seine Lehrer dort waren Heymann Steinthal und Sigmund Maybaum; Promotion dort 1895 bei Wilhelm Dilthey über Spinoza), 1897 nahm er eine Rabbinerstelle in Oppeln (Oberschlesien) an (dort entstand sein als Antwortschrift auf Harnacks „Das Wesen des Christentums“ konzipiertes Hauptwerk „Das Wesen des Judentums“, das 1905 erschien; darin setzte er sich kritisch mit den Positionen des evangelischen Theologen Adolf von Harnack auseinander und wehrte sich gegen die Darstellung des Judentums als überholter Gesetzesreligion). Von 1907 bis 1912 amtierte er in Düsseldorf, ab 1912 unterrichtete er an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, wo er auch Gemeinderabbiner war (zu der Zeit zählte die Jüdische Gemeinde Berlin ungefähr 150 000 Mitglieder); am Ersten Weltkrieg nahm Leo Baeck als Feldrabbiner teil, in der Weimarer Republik wurde er zum bekanntesten Vertreter des liberalen deutschen Judentums und übernahm mehrere repräsentative Ämter in jüdischen Organisationen wie der deutschen Sektion von B´nai B´rith (1924); 1922 Vorsitz im Allgemeinen Deutschen Rabbinerverband (der Rabbiner aller Richtungen umfasste); ab 1925 war er Vorsitzender des Wohlfahrtsverbandes „Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden“; 1927-1929 Mitglied des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (der im Wesentlichen das Assimilationsjudentum repräsentierte) und gleichzeitig war er (dieser Widerspruch wurde ihm nicht verübelt!) Mitglied der Jewish Agency for Palestine und des Keren Hajessod. 1933 wurde Baeck Präsident der Reichsvertretung der Deutschen Juden (ab 1939: „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“; nebenbei: die, teilweise unter Zwang zustande gekommene, Entwicklung der Namen jüdischer Zusammenschlüsse ist ein guter Beleg für die zunehmende Diskriminierung, Entrechtung, ja Verachtung, die Juden in Deutschland entgegenschlug), die eine Dachorganisation der jüdischen Organisationen darstellte und zu deren Leitung er mit seinen Fähigkeiten zu vermitteln besonders geeignet war. Die Aufgaben der Reichsvertretung in der Zeit der schwersten antijüdischen Verfolgung reichten von der humanitären Unterstützung für die verelendete jüdische Bevölkerung, der Bildung für die aus den Schulen getriebenen Schülerinnen und Schüler bis zur Unterstützung bei der Auswanderung. Die Nazis entzogen durch die Einbindung der Reichsvertretung ab 1939 anderen jüdischen Einrichtungen die Selbständigkeit und versuchten, über die Gestapo die Aktivitäten direkt zu kontrollieren. Auch unter diesem Druck lehnte Leo Baeck Angebote zur Emigration ab und unterhielt Kontakte zur Widerstandsgruppe um Carl Friedrich Goerdeler. 1943 wurde Baeck (mit der Nummer 187 894) wie die meisten anderen Vertreter der Reichsvertretung in das Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. Die „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ wurde von der Gestapo geschlossen. In Theresienstadt wurde Baeck Mitglied im Ältestenrat und kümmerte sich unter schwierigsten Bedingungen – unterstützt von Regina Jonas und Viktor Frankl – um die Gemeinde, versuchte, ihr moralischen Halt zu geben und Hoffnung zu vermitteln, u. a. hielt er eine Vortragsreihe ab, beginnend mit einem Vortrag über Platon. Bereits im August 1943 hatte Baeck in Theresienstadt erfahren, dass Auschwitz ein Vernichtungslager war, traf aber die Entscheidung, seinen Mitgefangenen nichts davon zu sagen. Er überlebte (schwer misshandelt, seine vier Schwestern waren im Ghetto umgekommen) den Holocaust und ging als Präsident der „Weltunion für progressives Judentum“ nach London (1945). Folgender Ausspruch von Leo Baeck nach dem Zweiten Weltkrieg wird immer wieder zitiert: „Unser Glaube war es, dass deutscher und jüdischer Geist auf deutschem Boden sich treffen und durch ihre Vermählung zum Segen werden könnten. Dies war eine Illusion – die Epoche der Juden in Deutschland ist ein für alle Mal vorbei.“ 1947 gründete er das später nach ihm benannte „Institut zur Erforschung des Judentums in Deutschland seit der Aufklärung“. 1948 übernahm er zudem eine Professur am „Hebrew Union College“ in Cincinnati. Bis heute erforscht das (Name seit 1954:) Leo-Baeck-Institut in New York, London und Jerusalem besonders die Geschichte der deutschen Juden. Der Name Leo Baeck wird von einer Vielzahl von Institutionen als Erinnerung an ihn und auch als Auszeichnung verwendet: von Schulen, Logen, Synagogen und Gemeindezentren auf der ganzen Welt. – Weitere Werke (Auswahl): Romantische Religion (1922); Wege im Judentum (1933); Pharisäer (1937); The faith of Paul (1952); Dieses Volk (1954); Geschichte der Juden, 3 Bände (1954-1959, 1965); Aus drei Jahrtausenden (1958); die Deutsche Bundespost gab zum ersten Todestag eine Gedenkbriefmarke mit der Abbildung Leo Baecks heraus; Biographie von Albert H. Friedlander, 1973; - Leo Baeck Institut (LBI) mit Sitz in Jerusalem, London und New York, 1954 gegründet zur Erforschung und Veröffentlichung von Material über die Geschichte des deutschen Judentums (Jahrbücher erscheinen seit 1956: Leo Baeck Institute Year Book LBIYB, hrsg. London 1956-1999, New York 2000 ff.); Leo Baeck College 1956 in London von der Vereinigung britischer Reform-(liberaler) Synagogengemeinden errichtete jüdisch-theologische Lehranstalt; Leo Baeck Preis, vom Zentralrat und der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland 1956 gestiftet, seit 1957 (theoretisch) jährlich vergeben an "Personen, deren Charakter und Tätigkeit dazu beitragen, Religiosität, Achtung vor Geisteswissenschaft, Wohltätigkeit und Humanität im Sinne Baecks fortzupflanzen": 1957: Peter Adler, Stuttgart; Hermann L. Goldschmidt, Zürich; 1958: H. G. Adler, London; Ernst L. Ehrlich, Basel; Erwin Sylvanus, Völlinghausen (Westf.); 1959: Eleonore Sterling, Frankfurt/M.; Schalom Ben Chorin, Jerusalem; 1960: Karl Otten, Locarno; Heinrich Strauss, Jerusalem; 1961: Joseph Wulf, Berlin; Walter Kaufmann, Princeton (N. J.); 1962: David Baumgardt, Long Beach (N. Y.); Reinhold Mayer, Tübingen; Franz Rödel, Jetzendorf; 1963: Hans-Joachim Herberg, Köln; Helmut Paul, Linz am Rhein; Julius I. Löwenstein, Ramat Chen (Israel); Pnina Navé, Jerusalem; 1964: Konrad Schilling, Köln; 1965: Ernst Blum, Saarbrücken; 1966: Ludwig Wörl, München; 1967: Charles H. Jordan (posthum); 1970: Franz Böhm, Johannes Giesberts; 1971: Rolf Vogel; 1973: Hendrik George van Dam (posthum); 1975: Jeanette Wolff; 1977: Josef Neuberger (posthum); 1980/81: Bernhard Brilling, Anton Maria Keim, Robert Weltsch; 1988/89: Gisbert von Putlitz, Gerhard Rau; 1990: Heiner Lichtenstein; 1992: Norddeutscher Rundfunk; 1994: Richard von Weizsäcker; 1995: Johannes Rau; 1996: "Tribüne. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums", Otto Romberg; 1997: Helmut Kohl; 1998: Roman Herzog; 1999: Berthold Beitz, Else Beitz; 2000: Friede Springer; 2001: Hans-Jochen Vogel; 2002: Iris Berben; 2003: Ralph Giordano; 2004: Joschka Fischer; 2005: Peter Hommelhoff; 2006: Hubert Burda; 2007: Angela Merkel; 2009: Theo Zwanziger; --- Leo-Baeck-Medaille, seit 1978 in unregelmässigen Abständen vom Leo Baeck Institut in New York an Personen vergeben, die sich in besonderer Weise um die deutsch-jüdische Aussöhnung verdient gemacht haben: 1978: Axel Springer, Verleger, Berlin; 1980: Fred W. Lessing, Vorstandsmitglied des Leo-Baeck-Instituts New York; 1995: Fred Grubel, Sekretär und Vizepräsident des Leo-Baeck-Instituts New York; 1996: Ernst Cramer, Vorstandschef der Axel-Springer-Stiftung in Berlin; 1997: Helmut Sonnenfeldt, Politikberater und ehemaliges Mitglied des Nationalen Sicherheitsrates der USA; 1998: George L. Mosse, Professor an der Universität von Wisconsin, USA und der Hebräischen Universität in Jerusalem; 1999: Werner Michael Blumenthal, Direktor des Jüdischen Museums Berlin; 2000: Edgar Bronfman sen., Präsident des Jüdischen Weltkongresses, New York; 2001: Johannes Rau, Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland; 2002: Ruth K. Westheimer, Psychotherapeutin und Autorin, New York; 2003: Daniel Libeskind, Architekt; 2004: Fritz Stern, Historiker und Autor, New York; 2005: Otto Schily, Bundesminister des Innern der Bundesrepublik Deutschland; 2006: James D. Wolfensohn, Präsident der Weltbank a. D.; 2007: Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender des deutschen Medienunternehmens Axel Springer AG; 2008: Wolfgang Ischinger, ehemaliger Botschafter; 2009: Joschka Fischer; 2010: Angela Merkel
  • 30.5.1873–21.2.1953: Otto Kestner (Cohnheim), geb. in Breslau, gest. in Hamburg, Mediziner (Physiologie) in Hamburg; evangelisch getauft, Sohn des Pathologen Julius Cohnheim, wurde 1903 Prof. in Heidelberg, 1919 Ordinarius in Hamburg, war 1914-1918 Feldarzt, 1933 vorzeitig emeritiert; emigrierte nach England, wo er im Krieg interniert wurde; 1949 kehrte er zurück nach Hamburg; Hauptwerke: Chemie der Eiweisskörper, 1900 (4. Aufl. 1924); Lehrbuch der Physiologie des Menschen, 1909 (4. Aufl. 1931); Die Ernährung des Menschen, 1924 3. Aufl. 1928)
  • 3.6.1873–25.12.1961: Otto Loewi, geb. in Frankfurt am Main, gest. in New York, Pharmakologe, Sohn des jüdischen Weinhändlers Jacob Loewi und von Anna Willstätter, wurde 1909 Professor in Graz, emigrierte als Jude 1938 in die USA, 1939 Professor in New York; wies 1921 nach, dass die Nervenimpulse auf chemischem Wege auf das Erfolgsorgan übertragen werden, und erhielt hierfür, gemeinsam mit Henry Hallett Dale, den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin 1936; nach dem "Anschluss" Österreichs wurde Loewi als Jude einige Monate inhaftiert und dann gedrängt, das Land zu verlassen; vorher musste er die schwedische Bank in Stockholm anweisen, das Preisgeld für den Nobelpreis an eine Bank zu überweisen, die von den Nationalsozialisten kontrolliert wurde; neben dem Nobelpreis erhielt Loewi viele weitere Ehrungen, unter anderem Ehrendoktortitel der New York University, der Yale University sowie der Universitäten in Graz und Frankfurt
  • 4.6.1873–7.1.1950: Ernst Spiro, führend tätig im Beschaffungswesen der deutschen Eisenbahnen
  • 7.6.1873: Franz Weidenreich in Edenkoben (Rheinland-Pfalz) geboren, Mediziner (Anatomie) und Anthropologe in Peiping (= Peking = Beijing); er starb 1948 in New York
  • 15.6.1873–1944: Max Brahn, Philosoph (Nietzscheaner)
  • 28.6.1873–28.5.1956: Max Friedländer (auch: Max Friedlaender), geb. in Bromberg, gest. in London, Rechtsanwalt, Sohn eines Gutsbesitzers, hervorragender Kenner des deutschen und internationalen Anwaltsrechts, schrieb u. a. einen Kommentar zur Rechtsanwaltsordnung (3. Aufl. 1930); war vor und nach der Nazi-Zeit Vorsitzender des Bayerischen Anwaltsvereins; 1956 schrieb er über Anwaltsprobleme bei Balzac, Dickens, Dostojewski, Dreiser, Galsworthy, Jonson, Kleist, Shakespeare, Silone, Sinclair, Tolstoi, Trollope und Wassermann
  • 28.6.1873–25.1.1965: Moritz Julius Bonn, geb. in Frankfurt/Main, gest. in London, Bankier und Nationalökonom, seit 1911 Prof. in München, 1920-1933 in Berlin, danach Gastprofessur in Amerika; schrieb u. a. „Stabilisierung der Mark“; „Das Schicksal des deutschen Kapitalismus“; „Amerika und sein Problem“
  • 12.8.1873: Max Moszkowski in Breslau geboren, später in Berlin, Biologe und Forschungsreisender (Sumatra, Neuguinea 1906-1911)
  • 1.9.1873–9.4.1953: Werner Weisbach, geb. in Berlin, gest. in Basel, Kunsthistoriker
  • 2.9.1873–25.7.1927: Rudolf Magnus, geb. in Braunschweig, gest. in Pontresina, Physiologe und Pharmakologe, o. Prof. in Utrecht, arbeitete über Physiologie der Körperstellung
  • 9.9.1873– 31.10.1943: Max Reinhardt, eigentlich Maximilian Goldmann, jüdisch-österreichischer Schauspieler, künstlerisch äusserst vielseitiger Regisseur und Theaterleiter, als solcher ein rastloser Theaterunternehmer, der Theater auch systematisch aufkaufte; zu seiner Zeit der unumschränkte Gebieter der Theaterwelt, geb. in Baden bei Wien (in Stomfa, einem kleinen Dorf in der Slovakei, besass sein Vater einen kleinen Laden; als Max Reinhardt erste Erfolge hatte, holte er seinen Vater nach Berlin und betreute ihn und alle Angehörigen), gest. in New York; zuerst (nach Ausbildung u. a. bei Emil Bürde in Wien) Schauspieler am Stadttheater in Salzburg (1893), 1894-1902 Schauspieler bei Otto Brahm am Deutschen Theater in Berlin (er brillierte, obwohl noch jung an Jahren, vor allem in Rollen alter Männer); 1901 Mitbegründer des aus dem Überbrettl (Reinhardt-Gründung, gemeinsam mit Christian Morgenstern, Friedr. Kayssler, Martin Zickel u. a.) entwickelten Künstlerkabarett „Schall und Rauch“ (später umbenannt in "Kleines Theater Unter den Linden"; er leitete es 1902-1905), das er zu einer ernsten Bühne umgestaltete (mit Gorkys "Nachtasyl" hatte er dort geschäftlich einen Riesenerfolg; am "Schall und Rauch" war auch sein Bruder Edmund (1871-Juli 1929) tätig; Edmund wurde von Max 1901 zum kaufmännischen Direktor seiner Theaterunternehmungen ernannt und war künftig mit grossem geschäftlichen und organisatorischen Erfolg für Max tätig). 1905 wurde Reinhardt Leiter des Deutschen Theaters (leitete es bis 1933 und übertrug es im selben Jahr, nachdem er als Jude im April 1933 von der künstlerischen Leitung ausgeschlossen wurde, in einem offenen Brief – mittlerweile war das Theater in seinen Besitz übergegangen – dem deutschen Volk) und gründete 1906 die Kammerspiele für intimere Stücke; 1909 wurde ihm vom Herzog von Koburg der Titel Prof. verliehen. Im Jahr 1918 erwarb Max Reinhardt das Rokoko-Schloss Leopoldskron sowie den nahe gelegenen Meierhof für 250.000 Reichsmark und machte Leopoldskron als eine „Bühne für Kunst und Leben“ zu einem internationalen Treffpunkt der Eliten aus Kultur, Wirtschaft und Politik (seit 1947 gehört Schloss Leopoldskron dem internationalen „Salzburg Seminar“/Salzburg Global Seminar). Seit 1919 leitete er auch das Grosse Schauspielhaus. Reinhardt gelang es, die bedeutendsten deutschsprachigen Schauspieler an seine Häuser zu verpflichten. Er war Mitbegründer der Salzburger Festspiele (finanziert durch Castiglioni) und seit 1923 auch Leiter des Theaters in der Josefstadt/Wien. Nach 1933 arbeitete Reinhardt noch in Österreich und emigrierte 1937 in die USA, wo er aber weniger Erfolg hatte (Gründung und Leitung einer Schauspielschule in Hollywood; 1942 Rückzug aus dem Theaterbetrieb, es folgten grosse finanzielle Probleme, Freunde unterstützten ihn, u. a. Erich Wolfgang Korngold; Einbürgerung Reinhardts in den USA 1940). Zeitweise hatte er vier Theater in Berlin, zwei in Wien und die Salzburger Festspiele geleitet. Er bereicherte das Theater um Musik und Pantomime, Tanz und Gesang. Seine auf Massenwirkungen hinzielenden Inszenierungen waren Kunstwerke von gigantischer Grösse. Er erregte Aufsehen mit Inszenierungen des Sommernachtstraums, des Rosenkavaliers, der Ariadne, der Fledermaus, des Jedermann, des Kaufmanns von Venedig, der Schönen Helena und des König Ödipus. Als Dramaturg (Wilde, Shaw, Maeterlinck, Hofmannsthal, Wedekind) und Regisseur (Shakespeare) Gegenspieler Otto Brahms. Seine Theaterarbeit etablierte den Regisseur im deutschen Theater als eigenständigen Künstler und drängte Naturalismus und Akademismus zurück. Weitaus stärker als die meisten Theaterleute seiner Zeit war Max Reinhardt auch am Film interessiert und in Filmprojekte involviert. - Seit 1912 Ritter der Ehrenlegion, 1930 Dr. h. c. in Frankfurt und Kiel, 1933 in Oxford. Er war Gastregisseur nicht nur in London, sondern auch in Budapest, Kopenhagen und Venedig. Österreich (1973), Berlin (1957) und die DDR gaben Gedenkbriefmarken aus. Er war verheiratet in 1. Ehe mit Else Heims (eine seiner ersten Darstellerinnen), in 2. Ehe (seit 1917) mit der Schauspielerin Helene Thimig (beide nichtjüdisch), seine Söhne (aus erster Ehe) sind Gottfried und Wolfgang (beide wurden Filmproduzenten in Hollywood)
  • 10.9.1873–8.5.1944: Alexander Beer, geb. in Hammerstein/Westpreussen, umgekommen in Theresienstadt, origineller jüdischer Architekt, in Berlin tätig (z. B. das Jüdische Altersheim in Berlin Schmargendorf, erbaut 1930), war Regierungsbaumeister, Sohn eines Gerbermeisters, zunächst im hessischen Staatsdienst, später Leiter des Bauamts der Berliner Gemeinde, wo sich seine Tätigkeit bis zur Synagoge in Oranienburg erstreckte; am 17.3.1943 wurde er nach Theresienstadt deportiert
  • 19.9.1873–18.4.1900: Rudolf Charousek (Rudolph Charousek, ungarisch: Charousek Rezsö), geb. in Prag, gest. in Budapest, ungarisch-jüdischer Schachmeister, der nur aufgrund seines frühen Todes keiner von den ganz Grossen wurde; als Gymnasiast wandte er sich dem Schachspiel zu, das ihn so in seinen Bann zog, dass er ein 1893 aufgenommenes Studium der Rechtswissenschaft abbrach, um fortan als Berufsschachspieler zu leben; er freundete sich mit dem ungarischen Schachmeister Maróczy an, mit dem er viele freie Partien spielte; Charousek war so arm, dass er grosse Teile des Schachlehrbuchs von Bilguer abschrieb, da er sich das Buch nicht leisten konnte; er hungerte viel und erkrankte früh an Tuberkulose; zunächst beteiligte er sich ab 1893 am ersten Fernturnier, das in Ungarn veranstaltet wurde, zusammen mit Maróczy teilte er Platz 1 bis 2; nach ersten lokalen Erfolgen in Budapest folgten Einladungen zu internationalen Turnieren; herausragend sein Auftritt beim Schachturnier von Nürnberg 1896, wo er den amtierenden Weltmeister Emanuel Lasker besiegte; im Herbst des gleichen Jahres teilte er sich beim Jubiläumsturnier in Budapest mit Tschigorin den ersten Platz, den Stichkampf verlor er allerdings; weitere Turniererfolge schlossen sich an, so dass er als Kandidat für eine Herausforderung Laskers angesehen wurde (übrigens auch von Lasker selbst, der sehr beeindruckt von ihm war), zu der es jedoch nicht mehr kam: Charousek starb mit 26 Jahren an Tuberkulose; seine beste historische Elo-Zahl war 2 734 (März 1900); von Mai 1899 bis April 1900 lag er auf Platz 6 der Weltrangliste; der Schriftsteller Gustav Meyrink hat Charousek nach dessen Tod im Roman „Der Golem“ ein literarisches Denkmal gesetzt: Eine der drei Hauptfiguren des Romans ist der Medizinstudent und Schachspieler „Innozenz Charousek“
  • 9.10.1873–11.5.1916: Karl Schwarzschild, geb. in Frankfurt/M. (als ältestes von sechs Kindern, Schwarzschilds Eltern: Henrietta Sabel, Moses Martin Schwarzschild, wohlhabende deutsch-jüdische Familie), gest. in Potsdam an Pemphigus Vulgaris, woran er als Kriegsfreiwilliger erkrankt war (Rückkehr von der Front im März 1916, Albert Einstein hielt für ihn die Grabrede), Dr. phil., Astronom und Mathematiker, Wegbereiter der modernen Astrophysik, getauft, schon als Gymnasiast verfasste er eine "Methode der Bahnbestimmung der Doppelsterne", Studium in Strassburg und München, lehrte in München seit 1899, in Göttingen 1901-1909 (Direktor der Sternwarte Göttingen), seit 1909 Direktor des Astrophysikalischen Observatoriums auf dem Telegraphenberg bei Potsdam und Prof. der Universität Berlin, einer der genialsten Mathematiker unter den Astronomen seiner Zeit, brachte Anregungen auf fast allen Teilgebieten der Astronomie, früher Anhänger der Theorien Albert Einsteins, seit 1912 Mitglied der Preussischen Akademie der Wissenschaften; Hauptwerke: Das zulässige Krümmungsmass des Raumes, 1900; Untersuchungen zur geometrischen Optik, 1905; Über die Eigenbewegung der Fixsterne, 1908; der Asteroid "Schwarzschilda" ist nach seinem Namen benannt; Karl Schwarzschild ist Vater des Astrophysikers Martin Schwarzschild
  • 9.10.1873–15.11.1944: Prof. Carl Flesch, geb. in Wieselburg, Ungarn, gest. in Luzern, ungarisch-jüdischer Violinvirtuose, Violinlehrer und Musikschriftsteller; Carl Flesch studierte von 1890 bis 1894 am Pariser Konservatorium, zunächst als Schüler von Sauzay (1809-1901), dann bei Martin Marsick und debütierte 1895 in Wien; seit 1897 verband er mit seiner solistischen Karriere eine intensive Lehrtätigkeit, zunächst bis 1902 als Professor am Konservatorium in Bukarest, von 1903 bis 1908 in Amsterdam, schliesslich von 1903 bis 1926 in Berlin (darüber hinaus auch am Curtis Institute in Philadelphia); bis 1934 lebte er dann in Baden-Baden; 1934 verliess er Deutschland und ging zunächst nach London, später nach Amsterdam und Luzern; mit Hugo Becker und Artur Schnabel bildete er ein Klaviertrio; er veröffentlichte zahlreiche pädagogische und violinmethodische Schriften, darunter Standardwerke wie "Die Kunst des Violinspiels" (2 Bde., 1923-1928, gemeinsam mit Max Dessoir formuliert) und "Das Skalensystem" (ursprünglich als Anhang zu ersterem gedacht); in seinen "Erinnerungen eines Geigers" gibt er spitzzüngig Auskunft über berühmte Kollegen, wodurch das Werk zu einer wichtigen Quelle zur Geschichte des Violinspiels wird; er gab zahlreiche Notenausgaben bedeutender Werke der Violinliteratur heraus; als Solist gelang ihm nie der entscheidende internationale Durchbruch, aber er war zu seiner Zeit einer der teuersten und erfolgreichsten Lehrer; er revolutionierte die Unterrichts- und Übemethodik, die zu seiner Zeit vor allem vom Grundsatz der Quantität des Übens beherrscht wurde; zur illustren Liste seiner Schüler zählen u. a. Josef Wolfsthal, Alma Moodie, Ida Haendel, Ginette Neveu, Ricardo Odnopossoff, Henryk Szeryng, Roman Totenberg, Norbert Brainin, Szymon Goldberg, Max Rostal, Ivry Gitlis, Stefan Frenkel
  • 17.10.1873–16.5.1934: Paul Darmstädter (auch: Darmstaedter), geb. in Charlottenburg, gest. in Montreux, Historiker, arbeitete über amerikanische und allgemeine Kolonialgeschichte, seit 1907 Prof. in Göttingen; Hauptwerke: Die Vereinigten Staaten von Amerika, 1909; Geschichte der Aufteilung und Kolonisation Afrikas, 2 Bde., 1910-1926
  • 17.10.1873–24.4.1955: Alfred Polgar (eigentlich Alfred Polak), österreichisch-jüdischer Schriftsteller, Kritiker und Übersetzer, Meister der "Kleinen Form", geb. in Wien, gest. in Zürich; Theaterkritiker in Wien und Berlin; schrieb u. a. für die "Schaubühne", die "Weltbühne", das "Berliner Tagblatt" und den "Morgen"; 1933 floh er vor den Nationalsozialisten und gelangte über Prag, Wien, Zürich, Paris und Lissabon schliesslich 1940 in die USA; in Hollywood arbeitete er als Drehbuchautor für Metro-Goldwyn-Mayer; 1943 zog Polgar nach New York, 1949 kehrte er nach Europa zurück; er verfasste kritische Skizzen, Essays und Novellen: "Hiob" (Erzählung), 1912; "An den Rand geschrieben", 1926; "Ja und Nein" (Kritiken), 4 Bände, 1926/1927; darüber hinaus sind seine Theaterkritiken und Feuilletons in 11 Bänden 1926-1932 gesammelt erschienen; "Handbuch des Kritikers", 1938; "Begegnung im Zwielicht", 1951; "Standpunkte", 1953
  • 29.10.1873–25.6.1929: Julius Goldstein, geb. in Hamburg, gest. in Darmstadt, Soziologe (Soziologie der Technik), Kulturwissenschaftler, Philosoph (Pragmatist James'scher Prägung, dessen "Pluralistisches Universum" er übersetzte, 1913) und Physiker, bereits 1901 Privatdozent an der TH Darmstadt; Offizier im 1. Weltkrieg; 1925 a. o. Prof. für Philosophie an der Technischen Hochschule Darmstadt (um seine Ernennung zum Professor entbrannte ein antisemitischer Streit, in dessen Verlauf Rudolf Eucken und Ernst Troeltsch sich öffentlich zugunsten Goldsteins aussprachen); Begründer und Leiter des "Morgen" (deutsch-jüdische Zweimonatsschrift, seit 1925); "Untersuchungen zum Kulturproblem der Gegenwart", 1899; "Die empiristische Geschichtsauffassung David Humes", 1903; "Wandlungen in der Philosophie der Gegenwart", 1911; "Die Technik", 1912; "Rasse und Politik", 1921 (4. Auflage 1924); "Aus dem Vermächtnis des 19. Jahrhunderts", 1922; "Deutsche Volksidee und deutsch-völkische Idee", (2. Auflage) 1927
  • 9.11.1873–5.3.1946: Hugo Breitner, geb. in Wien, gest. in Claremont/USA, Politiker (SPÖ); sein Vater Moritz Breitner war ein aus Budapest zugewanderter jüdischer Getreidehändler, der auch an der Wiener Börse erfolgreich tätig war; Hugo Breitner war Bankkaufmann bis 1918, 1919-1932 Stadtrat für Finanzen in Wien; die nach ihm benannte Steuer ermöglichte den Bau von über 60 000 Wohnungen der Stadt; Breitner wurde auf gehässigste Weise als "Asiatenkopf" angegriffen (durch den christlich-sozialen Innenminister E. R. Starhemberg); Hugo Breitner emigrierte 1934 in die USA, wo er 1932-1942 an der Universität Claremont/Kalifornien lehrte
  • November 1873: Gründung von Mea Schearim, ultraorthodoxes Viertel in Jerusalem
  • 28.11.1873–11.11.1953: Louis Ginzberg, geb. in Kowno, gest. in New York, führender konservativer jüdischer Gelehrter in Amerika; über fünfzig Jahre lang lehrte er am Jewish Theological Seminary und schrieb im Laufe seines Lebens Hunderte von Büchern über talmudische und rabbinische Gegenstände; er studierte in Berlin, Strassburg und Heidelberg, wurde 1898 Dr. phil., ging 1899 nach Amerika, war Mitarbeiter an der Jewish Encyclopedia und seit 1902 Professor für Talmud und rabbinische Wissenschaft am Jewish Theological Seminary in New York; er war auch Vorsitzender der American Academy for Jewish Learning; Werke (Auswahl): Die Haggada bei den Kirchenvätern und in der Apokryphischen Literatur, 1900; Geonica I und II, 1909; Yerushalmi Fragments, 1909; The Legends of the Jews, 1909-1928 (7 Bände); Eine unbekannte jüdische Sekte, I, 1922; Midrash and Haggadah, 1928
  • 3.12.1873: Gustav Rudolph Manning geboren bei London, jüdische Gründerfigur des deutschen Fussballs, Mitbegründer des FC Bayern, ebenso Mitgründer des FC Freiburg (1897), kurz darauf beteiligt an der Gründung des DFB, 1905 als Arzt in die USA ausgewandert, 1913 Präsident der United States Football Association, 1948 als erster Vertreter der USA in das Exekutivkomitee der FIFA gewählt, er starb 1953 in New York
  • 12.12.1873–2.2.1953: Richard Frankfurter, geb. in Bielitz/Schlesien, gest. in Montevideo, Rechtsanwalt und Notar in Berlin, Dr. iur., war Syndikus des Deutschen Bühnenvereins, Theater- und Filmanwalt (einer der ersten, die sich, als der Tonfilm in Deutschland aufkam, dieser Materie annahmen), Mitbegründer der DDP, Mitglied des Reichstags 1928, Autorität für Verlags- und Urheberrecht; 1933 emigrierte er über die Schweiz nach Uruguay; 1923 schrieb er "David schlägt die Harfe"; 1949 den Roman "Der Eid des Hippokrates"
  • 17.12.1873–22.4.1939: Horace Goldin (eigentlich Hyman Goldstein), jüdischer Magier; in Polen geboren, mit 16 nach Tennessee ausgewandert; begann mit 20 herumzutingeln und wirkte in verschiedenen unbedeutenden Shows mit; da er nur gebrochen Englisch sprach, stellte er ein Programm zusammen, das er ohne Vortrag vorführte; mit 26 schaffte er den Durchbruch und wurde ins Palace Theater in London verpflichtet, wo er mehrere Monate vor ausverkauftem Haus spielte; Goldin trat vor vielen gekrönten Häuptern auf; 1915 wurde er vom König von Siam eingeladen, und da kein Theater vorhanden war, das für Goldins Show gross genug gewesen wäre, wurde in 7 Tagen ein spezielles Theater für ihn aufgebaut; er führte als erster eine reine Illusionsnummer mit zwanzig Illusionen vor, die er in atemberaubendem Tempo darbot; er entwickelte P. T. Selbits "zersägte Jungfrau" weiter und führte das Zersägen mit einer Kreissäge vor, wobei Kopf, Arme und Beine der Assistentin während des ganzen Vorganges sichtbar blieben
  • 27.12.1873–5.9.1953: Rudolf Höber, Mediziner (Physiologie) in Philadelphia
  • 1873–1910: Heinrich Gabel, seit 1892 Rechtsanwalt in Lemberg, Galizien, wo er zu den führenden Zionisten gehörte; 1907 wurde er in den österreichischen Reichstag gewählt; er kämpfte dafür, dass die galizischen Juden als eigene nationale Einheit am öffentlichen Leben Österreichs teilnähmen; er war Mitglied des Grossen Aktionskomitees der zionistischen Bewegung; traf am 16.9.1896 auf Herzl und forderte rasche Aktivitäten
  • 1873–1914: Viktor Arnold, Charakterkomiker (George Dandin u. ä. Rollen) in Berlin unter Reinhardt
  • 1873–1916: Karl Schwarzschild, Berlin, deutsch-jüdischer Astronom
  • 1873–1924: Max Hickl, Gründer der "Jüdischen Volksstimme" in Brünn (vgl. 1900–1934)
  • 1873–1938: Hermann Isay, Jurist in Berlin (Berg- und Patentrecht)
  • 1873–1942: Dr. Max Weyl, geb. in Berlin, umgekommen in Theresienstadt, Rabbiner, 1900-1911 in Konitz/Westpreussen, danach in Berlin, 1913-1917 Bezirksrabbiner in Kaiserslautern, danach wieder – fast 25 Jahre – in Berlin; 1942 nach Theresienstadt deportiert
  • 1873–3.10.1942: Max Malini, geb. in Ostrov/Galizien als Max Katz Breit; gest. in Honolulu, Hawaii, populärer Zauberkünstler in Amerika, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere vor mehreren US-Präsidenten auftrat, Einladungen zu Sondervorstellungen in den Buckingham Palace erhielt und dem Geschenke von gekrönten Häuptern in Europa und Asien gemacht wurden; als junger Mann war er aus Europa mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten (New York City) emigriert; er wurde wegen seiner körperlichen Kleinheit (1.57 m) in Verbindung mit seiner Präsenz und Durchsetzungskraft Napoleon der Zauberei genannt
  • 1873–1943: Heinrich Wolf, geb. in Schwäbisch-Hall, ermordet in Auschwitz, Rechtsanwalt in Stuttgart, Dr. iur., war nach 1920 Präsident der Stuttgart-Loge des UOBB, Vorsitzender der Ortsgruppe Stuttgart des CV und Präsident der israelitischen Landesversammlung für Württemberg; 1943 wurde er mit seiner Frau nach Theresienstadt, dann nach Auschwitz deportiert
  • 1873–1943: Hugo Kaufmann, geb. in Krefeld, umgekommen in Theresienstadt, Rechtsanwalt, Dr. iur., Kriegsteilnehmer 1914-1919, Stadtverordneter, Justizrat, Fachanwalt für Staats- und Verwaltungsrecht, war Vorsitzender der Synagogengemeinde und des UOBB Krefeld, wurde 1942 mit seiner Frau nach Theresienstadt deportiert; seine Frau kam 1944 in Auschwitz ums Leben
  • 1873–1944: Arpad Basch, ungarisch-jüdischer Genremaler
  • 1873–1950: Julien Weill, aus Versailles gebürtig, Schwiegersohn von Zadoc Kahn, späterer Oberrabbiner von Paris

Bücher

  • David Hoffmann, Mar Samuel, Leipzig 1873
  • Midrasch Schocher Tob Lemberg 1851 (= Midrasch Psalmen / Midrasch Tehillim), Warschau 1873
  • Israel Jeiteles, Die Kultusgemeinde der Israeliten in Wien mit Benützung des statistischen Volkszählungsoperates vom Jahre 1869, Wien 1873
  • Gustav Adolph (Adolf ?) Schimmer, Statistik des Judenthums in den im Reichsrathe vertretenen Koenigreichen und Laendern, nach den vom K. K. Ministerium des Innern angeordneten Erhebungen und nach sonstigen Quellen bearbeitet, Wien 1873

Zeitungen und Zeitschriften

  • Seit 1873: Das jüdische Literaturblatt, in Magdeburg wöchentlich in deutscher Sprache erscheinende Zeitschrift (bis 1894; hrsg. Moritz Rahmer)
  • Seit 1873: Israelitische Gemeinde-Zeitung, in Prag halbmonatlich erscheinende Zeitschrift in deutscher Sprache
  • Seit 1873: Ungarisch-Jüdische Schulzeitung, in Budapest in deutscher Sprache erschienen
  • Seit 1873: El Tiempo, in Saloniki täglich in Spaniolisch erscheinend (türkisch-national)
  • 1873–1879: Hajisraeli, in Mainz wöchentlich erscheinendes jiddisch-orthodoxes Blatt

1873 in Wikipedia