Jewiki unterstützen. Jewiki, die größte Online-Enzyklopädie zum Judentum.

Helfen Sie Jewiki mit einer kleinen oder auch größeren Spende. Einmalig oder regelmäßig, damit die Zukunft von Jewiki gesichert bleibt ...

(Spendenkonto siehe Impressum). Vielen Dank für Ihr Engagement!

1871

Aus Jewiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Portal Geschichte | Portal Biografien | Aktuelle Ereignisse | Jahreskalender

| 18. Jahrhundert | 19. Jahrhundert | 20. Jahrhundert |
| 1840er | 1850er | 1860er | 1870er | 1880er | 1890er | 1900er |
◄◄ | | 1867 | 1868 | 1869 | 1870 | 1871 | 1872 | 1873 | 1874 | 1875 | | ►►

Ereignisse

  • 1871: Die volle Gleichberechtigung der Juden wird gesamtdeutsches Staatsgesetz im Kaiserreich.
  • 1871: Versiegen der jüdischen Auswanderung aus Deutschland seit der Reichsgründung
  • 1871: Zum Zeitpunkt der Reichsgründung leben im deutschsprachigen Raum etwa 512 000 Juden (auf 1 000 Reichsdeutsche kommen etwa 12-13 Juden).
  • 1871: Anglo-Jewish Association (A. J. A.), englisch-jüdische philanthropische Organisation gegründet nach dem Vorbild der französischen Alliance Israélite Universelle zur Förderung des Schulwesens in den orientalischen Ländern, steht seit 1925 positiv zur Jewish Agency; von 1895-1921 war Claude Montefiore ihr Präsident; 1893 erhielt sie von Baron Hirsch finanzielle Unterstützung durch Abtretung eines Teils seiner Anteilsscheine an der Jewish Colonization Association
  • 1871: Russland. Durch die Türkenkriege und die drei polnischen Teilungen im 18. Jhdt. gelangten zahlreiche Judengemeinden in den eroberten Gebieten unter russische Herrschaft. Bereits 1790 verbot Katharina II. Juden nach anfänglicher Toleranz den Kaufmannsberuf und erlegte ihnen doppelte Steuern auf, um die Moskauer Kaufleute vor unliebsamer Konkurrenz zu schützen. Gleichwohl mussten sich die leibeigenen Bauern häufig beim jüdischen Kleinbürgertum verschulden, um die hohen Auflagen ihrer Grundherren auszugleichen. Auf dieser Basis kam es schon 1825, dann erneut 1841 und 1871 in Odessa zu Ausschreitungen gegen die Juden der Region. Die auf dem Land verbreitete Judenverachtung spiegelt sich auch in der damaligen Literatur, etwa in TurgenewsAufzeichnungen eines Jägers“ (1852).
  • 1871: Max Skaller geboren, Mediziner (Innere Medizin) in Berlin
  • 1871: Zoltán Bálínt in Budapest geboren, jüdischer Architekt
  • 1871: Leo S. Rowe geboren, Volkswirtschaftler in den USA
  • 1871: James Rothstein geboren, Opernkomponist
  • 1871: Martin Spinner geboren, studierte in Wien und war Angehöriger der nationaljüdischen Studentenverbindung "Unitas", später Bankdirektor in Galatz, Rumänien; übersetzte Herzls "Judenstaat" ins Rumänische (erschien noch 1896)
  • 10.1.1871–24.6.1940: Curt Sobernheim, geb. in Berlin, gest. in Paris, Bankier; Bruder von Walter Sobernheim (1869-1945) und Stiefsohn von Eugen Landau (1852-1935), der ihn protegierte und ihm die Wege ebnete; Curt Sobernheim war tätig an leitenden Stellen der Nationalbank für Deutschland und seit 1911 im Vorstand der Commerz- und Disconto-Bank in Berlin, wo er mit der zu Zeiten von Krieg und Weltwirtschaftskrise schwierigen Aufgabe betraut war, die Beziehungen zu in- und ausländischen Industrie- und Handelskreisen auszubauen; er zog viel Kritik auf sich und wurde schliesslich 1932 veranlasst, aus dem Vorstand der Bank auszuscheiden; Dr. Ing. h. c.; flüchtete 1933 nach Paris, wo er vermutlich später in Gestapohaft zu Tode gebracht wurde
  • 14.1.1871–20.9.1937: Felix Warburg, Bankier, jüdischer Philanthrop, Mitbegründer der Jewish Agency
  • 16.1.1871–14.5.1912: Raoul Richter, Philosoph (Nietzscheaner)
  • 22.1.1871–4.1.1942: Leon Jessel, geb. in Stettin; in Berlin von der Gestapo schwer misshandelt und an den Folgen gestorben; er war ein deutsch-jüdischer national orientierter Komponist, der mit den Nazis sympathisierte und dennoch wegen seines Judentums umgebracht wurde; er komponierte vor allem Operetten; der Sohn eines Kaufmanns war ab 1891 zunächst in Gelsenkirchen und Mülheim an der Ruhr, später auch in Freiberg (Sachsen), Kiel, Stettin und Chemnitz als Kapellmeister tätig; 1896 heiratete er Clara Luise Grunewald (Nichtjüdin, wegen ihr war er aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten); von 1899 bis 1905 wirkte Jessel als Kapellmeister am Wilhelm-Theater in Lübeck und war anschliessend Direktor der Liedertafel des Gewerkvereins Lübeck; im Jahre 1909 wurde seine Tochter Eva Maria geboren, 1911 übersiedelte die Familie nach Berlin; 1919 wurde die erste Ehe geschieden, 1921 heiratete er seine zweite Ehefrau Anna; in seiner Berliner Zeit ab 1911 wandte sich Jessel verstärkt der Komposition von Operetten und Singspielen zu, die vor allem in Berlin, später auch in München, Hamburg und Königsberg uraufgeführt wurden; seinen grössten Erfolg feierte er mit der Operette "Das Schwarzwaldmädel" (Libretto von August Neidhart), die 1917 in der Komischen Oper Berlin uraufgeführt wurde; der Erfolg des Schwarzwaldmädel lässt sich daran ermessen, dass es innerhalb der folgenden 10 Jahre rund 6000 mal national und international aufgeführt wurde, unter anderem 1922 am Teatro Coliseo in Buenos Aires; einen zweiten grossen Erfolg konnte er 1921 mit der Operette "Die Postmeisterin" feiern; den Nationalsozialisten auf Grund seiner deutschnationalen Ansichten zunächst offenbar eher wohlwollend gegenüberstehend, ersuchte Jessel nach der Machtergreifung um Aufnahme in den Kampfbund für deutsche Kultur Alfred Rosenbergs; er wurde jedoch abgewiesen und wenig später auf Grund seiner jüdischen Abstammung mit Aufführungsverbot belegt, obwohl er bereits 1894 aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten war und sich zum christlichen Glauben bekannt hatte; am 15. Dezember 1941 wurde Jessel zur Gestapo-Leitstelle in Berlin-Mitte vorgeladen und festgenommen; Grund war ein 1939 geschriebener, bei einer Hausdurchsuchung gefundener Brief an seinen Librettisten Wilhelm Sterk nach Wien, in dem Jessel geschrieben hatte: "Ich kann nicht arbeiten in einer Zeit, wo Judenhetze mein Volk zu vernichten droht, wo ich nicht weiss, wann das grausige Schicksal auch an meine Tür klopfen wird"; von der Gestapo wurde Jessel in einem Keller des Polizei-Präsidiums am Alexanderplatz so schwer misshandelt, dass er schwer erkrankte und am 4. Januar 1942 im Jüdischen Krankenhaus Berlin verstarb; seine letzten Worte an seine Frau waren "Gestapo, Gestapo, Gestapo"; Werke: Die beiden Husaren (Operette; Text: Wilhelm Jacoby u. Rudolf Schanzer, Uraufführung: 6. Februar 1913 im Theater des Westens, Berlin); Wer zuletzt lacht (musikalisches Lustspiel, Text: Arthur Lippschitz u. A. Bernstein-Sawersky, Uraufführung: 31. Dezember 1913 im Theater an der Weidendammer Brücke, Berlin); Das Schwarzwaldmädel (Operette, Text: August Neidhart, Uraufführung: 25. August 1917 in der Komischen Oper Berlin); Ein modernes Mädel (Operette, Text evtl. Fritz Grünbaum u. Wilhelm Sterk, Uraufführung: 28. Juni 1918, Volkstheater München); Schwalbenhochzeit (Operette, Text: Pordes-Milo, Uraufführung: 28. Januar 1921 im Theater des Westens, Berlin); Die Postmeisterin (Operette, Text: August Neidhart, Uraufführung: 3. Februar 1921 im Central-Theater, Berlin); Des Königs Nachbarin (Singspiel, Text: Fritz Grünbaum u. Wilhelm Sterk, Uraufführung: 15. April 1923, Wallner-Theater, Berlin); Die goldene Mühle (Singspiel, Text: Wilhelm Sterk, teilweise nach Carl Costa, 1936 in Olten in der Schweiz uraufgeführt, da Jessel in Deutschland nicht mehr gespielt werden durfte); - Literatur: Albrecht Dümling: Die verweigerte Heimat. Leon Jessel, der Komponist des "Schwarzwaldmädel". Düsseldorf 1992
  • 3.2.1871–23.9.1934: Ludwig Vogelstein, geb. in Pilsen; gest. in New York, war ein Industrieller und Philanthrop (sehr engagiert u. a. in der Good Will Union in Amerika); 1896 zog er als Vertreter der Metallfirma Aaron Hirsch & Sohn aus Halberstadt in die USA; später gründete er sein eigenes sehr erfolgreiches Metallunternehmen; er war ein entschiedener Befürworter und Führungsfigur des Reformjudentums, ein Gegner des Zionismus und aktiv im jüdischen Gemeindeleben; unter anderem war er Vizepräsident der World Union for Progressive Judaism; Ludwig Vogelstein war der zweite Sohn von Heinemann Vogelstein und Bruder von Hermann und Theodor Vogelstein sowie von Julie Braun-Vogelstein
  • 21.2.1871–7.1.1926: Paul Cassirer, legendärer deutsch-jüdischer Verleger (u. a. Zeitschrift "Pan") und Kunsthändler, 21.2.1871 Görlitz – 7.1.1926 Berlin (Selbsttötung); gründete 1898 in Berlin zusammen mit seinem Vetter Bruno Cassirer (Breslau 1872–Oxford 1941) einen Kunstsalon, aus dem sich später ein Verlag („Bruno-Cassirer-Verlag“) entwickelte (der die Zeitschrift "Kunst und Künstler" und Kunstliteratur herausgab); Paul Cassirer förderte u. a. den Impressionismus und die Berliner Sezession; nach seinem Tod wurde die Firma von seinen Partnern (Dr. W. Feilchenfeldt und Dr. Grete Ring) weitergeführt, bis der „jüdische“ Verlag 1933 zu einem erzwungenen Ende kam, während die Kunsthandlung in den Exilländern Holland, England und der Schweiz fortgesetzt werden konnte; Paul Cassirer war verheiratet mit Tilla Durieux
  • 5.3.1871–15.1.1919: Rosa Luxemburg (Rozalia Luksenburg), geb. in Zamość im damaligen zu Russland gehörenden Kongresspolen; in Berlin ermordet; deutsche sozialistische Politikerin polnisch-jüdischer Herkunft; absolvierte 1887 in Warschau das Gymnasium mit sehr gut, promovierte 1897 in Zürich magna cum laude über die industrielle Entwicklung Polens zum Dr. iur. publ. et rer. cam.; 1893 Mitgründerin der „Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Litauens“; seit 1896 sprach sie als SPD-Delegierte auf 20 Parteitagen in Deutschland und Europa, seit 1898 in Deutschland; arbeitete publizistisch für die SPD, behielt eine führende Stellung in der polnischen Partei und trat auch in der Zweiten Internationale hervor (1904-1914 Mitglied des Internationalen Sozialistischen Büros); gegenüber der Reformpolitik der SPD-Führung vertrat sie einen revolutionären, gegenüber dem Parteizentralismus der russischen Bolschewiki einen demokratischen Marxismus; "Freiheit ist immer Freiheit des anders Denkenden"; 1906 nahm sie in Warschau an der russischen Revolution teil; seit 1907 lehrte sie an der Berliner Parteischule der SPD; als Kriegsgegnerin 1914/1915 im Gefängnis, 1916-1918 in "Schutzhaft"; von dort aus Mitarbeit an den illegalen „Spartakus-Briefen“; am 9.11.1918 aus der Haft entlassen, gründete sie mit Karl Liebknecht und anderen Linken die Rote Fahne, im Dezember die KPD; nach dem Berliner Januar-Aufstand wurde sie zusammen mit Liebknecht von Freikorpsoffizieren ermordet; Hauptwerke: Sozialreform oder Revolution, 1899; Die Akkumulation des Kapitals, 1913; Einführung in die Nationalökonomie, 1925; -- die Bundesrepublik und die DDR brachten Gedenkbriefmarken für sie heraus; -- Luise Kautsky über ihre Freundin Rosa Luxemburg: "Worin der Zauber ihres Wesens bestand? In ihrer Lebendigkeit, in ihrem schnellen Sicheinfühlenkönnen in jede Stimmung des andern, in ihrer vollendeten Kunst, zuzuhören, in ihrer liebevollen Art, auf des anderen Freud und Leid einzugehen, in ihrem sprudelnden Witz, in ihrem klaren Urteil, in ihrer Heiterkeit, die sich ansteckend ihrem Partner mitteilte, und andererseits in dem tiefen sittlichen Ernst, mit dem sie an alle Probleme herantrat, die ihr an Ereignissen so reiches Leben ihr täglich stellte"
  • 16.3.1871–5.12.1942: Viktor Aptowitzer, jüdischer Gelehrter, Professor an der Israelitisch-Theologischen Lehranstalt Wien
  • 5.4.1871–16.7.1943: Arthur Czellitzer, geb. in Breslau, ermordet in Sobibor, Augenarzt, Fabrikantensohn, gründete 1924 in Berlin die Gesellschaft für jüdische Familienforschung, war Herausgeber der Zeitschrift "Jüdische Familienforschung" und des Archivs für jüdische Familienforschung, emigrierte vor dem Krieg nach Holland und wurde von dort deportiert (zuvor hatte er noch erleben müssen, dass seine Forschungen, die Familienchroniken in gedruckter und handschriftlicher Form, Memoiren, Stammtafeln usw., von den Nazis als Informationsmaterial für die Judenverfolgung herangezogen wurden); Hauptwerk: "Mein Stammbaum", 1930
  • 6.4.1871–18.11.1952: Gustav Glück, Kunsthistoriker, Direktor der Wiener Gemäldegalerie, verfasste zahlreiche Schriften, besonders zur niederländischen Malerei (Brueghel-Monographie 1932)
  • 10.4.1871–29.9.1950: Alfred Meissner, geboren in Jungbunzlau (Böhmen), gestorben in Prag, einer der Führer der tschechischen Sozialdemokratie, 1929 Justizminister
  • 21.4.1871–25.8.1958: Leo Blech, geb. in Aachen, gest. in Berlin, deutsch-jüdischer Dirigent und Komponist; wirkte 1906–1937 (seit 1926 an der Staatsoper) und 1949–1953 in Berlin; sechs Opern (u. a. „Versiegelt“, 1908), drei Sinfonische Dichtungen, Lieder, Chorwerke
  • 29.4.1871–27.3.1938: William Stern (Wilhelm Louis Stern, William Louis Stern), bedeutender US-amerikanischer Philosoph und Psychologe deutsch-jüdischer Herkunft, Mitgründer der Universität Hamburg, Vater von Günther Anders; geb. in Berlin, gest. in Poughkeepsie, North Carolina (USA); 1919–1933 o. Prof. in Hamburg; schrieb neben seinem philosophischen Hauptwerk („Person und Sache“, 3 Bde. 1906–1924) über Kinder- und Jugendpsychologie, Begabtenforschung und Intelligenzprüfung; Begründer der differenziellen Psychologie ("Die differentielle Psychologie", 1911); begründete eine personalistische Weltanschauung
  • 4.5.1871–9.9.1946: Salomo Friedlaender (Varianten: Salomon; Friedländer etc.), Pseudonym "Mynona" (Umkehrung von anonym), geb. in Gollantsch (Posen), gest. in Paris, Philosoph und Schriftsteller (Grotesken, Essays), emigrierte 1933 nach Paris; Hauptwerke: Friedrich Nietzsche, 1911; Schöpferische Indifferenz, 1918 (Explikation der mystischen Grundidee des Nichts als "Mutterschoss alles Seienden"); Grotesken, 1921; George Grosz, 1922; Graue Magie, 1922; Wie durch ein Prisma, 1924; Anti-Freud, 1924; Katechismus der Magie, 1925; Mein 100. Geburtstag, 1928; Der lachende Hiob, 1935
  • 23.5.1871–27.6.1935 Nikodem Caro (Nicodem Caro), geb. in Lodz, gest. in Rom, bedeutender polnisch-jüdischer Chemiker, 1892 Dr. phil., 1913 Professor und Industrieller, erzeugte mit Adolf Frank Kalkstickstoff (wertvolles Düngemittel) aus Luft (sog. Frank-Caro-Verfahren, wirtschaftlich von grösster Bedeutung), mehrfach Dr. h. c. (Dr. Ing. h. c., Dr. agr. h. c.), Geheimer Regierungsrat, langjähriger Leiter der Bayerischen Stickstoffwerke, kreativer Forscher auf vielen Gebieten der Chemie, Inhaber vieler Patente; 1904 hatte er ein Handbuch für Acetylen geschrieben; Neffe von Jakob Caro
  • 29.5.1871–2.9.1968: Stefan Jellinek, Mediziner (Pathologie) in Wien
  • 5.6.1871–16.1.1954: Isidor Schalit, in der Ukraine (Nowosolky) gebürtig, aufgewachsen und Studium in Wien, Kadimah-Mitglied seit 1889 (1893 deren Präses); dann Zahnarzt in Wien; Teilnehmer und wichtige Vorarbeiten zum ersten Zionistenkongress und erster "Secretär des Engeren Actionscomitees" in Wien (1897-1905); Mitarbeit an der "Welt"; seit 1905 Leiter der Zionistischen Organisation in Österreich; 1905/1906 Organisation der jüdischen Autonomiebestrebungen im Zusammenhang mit der zisleithanischen Wahlrechtsreform; Juli 1906 Organisation des Krakauer Zionistentages, leitende Funktionen in der daraufhin entstandenen "Jüdischen Nationalpartei"; 1907 auf dem VIII. Kongress ins grosse Aktionskomitee gewählt und Kandidatur in der Wiener Leopoldstadt für den Reichsrat; er konnte 1938 noch nach Palästina fliehen (nicht zu verwechseln mit Leon/Leib Schalit, Kaufmann aus Riga, Teilnehmer am 1.-3. u. 5. Zionistenkongress, mehrmals in den Finanzausschuss gewählt); 1949 Sonderbeauftragter Israels zur Rückführung der sterblichen Überreste Herzls, seiner Eltern und seiner Schwester dorthin; in 1897 fühlte sich Schalit von Herzl mehrfach respektlos behandelt und zurückgesetzt; 1898 fühlte sich Schalit in der Redaktion der Welt von Siegmund Werner zurückgesetzt; Isidor Schalit starb in Israel
  • 10.7.1871–18.11.1922: Marcel Proust (Valentin Louis Georges Eugène Marcel Proust; Prousts Mutter, Jeanne Weil, entstammte einer jüdischen Familie aus Stuttgart; im August 1871 wird Marcel Proust katholisch getauft), geb. und gest. in Paris, bedeutender französischer Prosaiker; verkehrte als junger Ästhet in den mondänen Pariser Salons, zog sich seit 1906 ganz in sein verdunkeltes Krankenzimmer zurück, wo er aus seinen Erinnerungsassoziationen ein dichtes, oft mikroskopisch genaues, mitunter auch absonderliches Bild der von ihm erlebten Gesellschaftswelt schuf. Sein monumentales Hauptwerk ist von grossem Einfluss auf den europäischen Roman des 20. Jahrhunderts: A la recherche du temps perdu („Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“), 7 Teile, 1913–1927
  • 24.7.1871–11.8.1939: Paul Epstein, geb. in Frankfurt a. M., gest. Frankfurt-Dornbusch, Mathematiker, 1903 Dozent im damals zum deutschen Reich gehörenden Strassburg (1908 dort Prof.), Kriegsdienst, Prof. in Frankfurt 1919–1935; wesentliche Beiträge zur Funktionentheorie, Zahlentheorie und zur Geschichte der Mathematik; er war Herausgeber von Ernesto Pascals Repertorium (1912) und der Enzyklopädie der Elementarmathematik (4. Aufl. 1922); als er eine Vorladung der Gestapo erhielt, vergiftete er sich mit Barbital
  • 5.8.1871: Aron Freimann in Filehne (Posen) geboren, Bibliograph und Historiker, Bibliothekar an der Frankfurter Stadtbibliothek; Thesaurus typographiae hebraicae saeculi XV (1924); Zeitschrift für hebräische Bibliographie (1900–1921); er starb am 6.6.1948 in New York
  • 10.8.1871–5.7.1941: Oscar Fried, jüdischer Dirigent in Berlin
  • 11.8.1871–3.9.1957: Eugen Heltai, ungarisch-jüdischer Schriftsteller
  • 15.8.1871–22.3.1953: Alfred Froehlich (Alfred Fröhlich), geb. in Wien, gest. in Cincinnati, Pharmakologe und Neurologe, 1912 Prof. in Wien, musste 1939 in die USA emigrieren und ging zum Jüdischen Hospital in Cincinnati, wo er weiter forschte, später völlig erblindete; nach ihm ist ein Syndrom (Fröhlich-Syndrom) benannt: die Dystrophia adiposogenitalis (Fettleibigkeit aufgrund eines Hypophysen- bzw. Hypothalamustumors); er arbeitete auch an der Potenzierung des Kokains durch Adrenalin; Alfred Froehlich liebte Musik und Literatur; er nahm Stunden in Harmonielehre bei Anton Bruckner und war mit Rudyard Kipling befreundet
  • 18.8.1871: Am 18. August 1871 erwarb die Templergesellschaft nahe dem Fluss Jarkon Land; 1872 kamen die ersten Siedlerfamilien in die deutsche Templerkolonie Sarona (Scharona), doch verhinderte die Malaria einen raschen Ausbau der Kolonie; 1873 galt die Malaria in der Umgebung als besiegt; die Siedler hatten Eukalyptusbäume gepflanzt und die Sümpfe der Umgebung trockengelegt; doch forderte die Malaria bis zu diesem Zeitpunkt einen hohen Blutzoll, so gab es im Jahre 1875 erst 80 Siedler in Sarona; Haupteinnahmequelle Saronas war die Landwirtschaft, wenige fanden bei der Personenbeförderungsgesellschaft der Kolonie Jaffa Arbeit; nach Ausbruch des 2. Weltkrieges wurden die deutschen Palästinasiedler von der britischen Regierung deportiert; nach Israels Staatsgründung wurde aus Sarona das Regierungsviertel Hakirja, der erste Regierungssitz Israels (bis 1955), mit dem supermodernen Gebäude des Verteidigungsministeriums, heute ein Wohnviertel von Tel Aviv; ein Teil der Gebäude ist heute noch zugänglich; der grösste Teil der ehemaligen Templersiedlung liegt jedoch im Sperrgebiet des Verteidigungsministeriums; immer noch befindet sich der zweite Amtssitz des Regierungschefs in einem der dortigen zwölf von rund einhundert ehemaligen Templerhäuser
  • 18.8.1871–1936: Jakob Plessner, jüdischer Bildhauer in Deutschland
  • 22.8.1871–3.8.1935: Lydia Rabinowitsch-Kempner, geb. in Kowno, gest. in Berlin, Bakteriologin, 1896-1898 Prof. am Women's Medical College, Philadelphia, seit 1912 erster weibl. Prof. in Berlin, bis 1933 Abteilungsdirektor des Bakteriologischen Laboratoriums am Krankenhaus Moabit, Berlin; schrieb zahlreiche Arbeiten besonders auf dem Gebiet der Tuberkuloseforschung
  • 27.8.1871: Samuel Abba Horodezky in Malin (Ukraine) geboren, hebräischer Schriftsteller und jüdischer Gelehrter (Mystik, Chassidismus), lebte später in Berlin; "Religiöse Strömungen im Judentum", 1920; er starb 1957
  • 6.9.1871–25.4.1953: Martin Wassermann, deutscher bzw. argentinischer Jurist (Warenzeichenrecht)
  • 4.10.1871–21.2.1948: Gustav Mayer, geb. in Prenzlau, gest. in London, Historiker, war zuerst Journalist bei der Frankfurter Zeitung, wurde dann Historiker der Arbeiterbewegung, erst als Professor in Brüssel; war seit 1908 Privatgelehrter, seit 1919 Prof. der Geschichte der Demokratie und des Sozialismus in Deutschland sowie der Geschichte der Parteien an der Universität Berlin, später in Frankfurt am Main; 1933 emigrierte er in die Niederlande, 1936 nach London; er trat für die Versöhnung zwischen Deutschen und Juden ein; -- Hauptwerke: Engels, 2 Bde., 1920 (gilt als die bedeutendste Veröffentlichung auf diesem Gebiet; 1933 eingestampft); Lassalle, 6 Bde., 1921–1925; Vom Journalisten zum Historiker der deutschen Arbeiterbewegung (Memoiren), Zürich 1949; aus dem Nachlass erschienen im Jahr 1973: Politische Geschichte der englischen Arbeiterbewegung 1857–1872, 3 Bde.; Arbeiterbewegung und Obrigkeitsstaat
  • 7.10.1871: Georg Hermann in Berlin als jüngstes von sechs Kindern einer alteingesessenen jüdischen Familie geboren, eigentlich Georg Borchardt: Georg Hermann Borchardt / G. H. Borchardt, Bruder von Ludwig Borchardt (1863-1938, Ägyptologe, Entdecker der Nofretete); der gewählte Name "Hermann" war der Vorname seines Vaters (Kaufmann, ging 1875 bankrott), "dessen Leben und Sterben das harte Leben und bittere Sterben des hoffnungslos Unterliegenden war"; den Namen des Vaters wollte und sollte er wieder zu Ehren bringen; populärer, feinsinniger Erzähler, mit seinen psychologisch genau beobachtenden, von grosser Sachkenntnis getragenen Darstellungen des biedermeierlich-jüdischen Berlin würdiger Nachfolger von Willibald Alexis und Ludwig Rellstab, vor allem aber Fontanes; begann als Kunsthistoriker und Kunstkritiker; Mitarbeiter bei über vierzig Zeitungen und Zeitschriften (hauptsächlich Ullstein-Verlag); bekannt vor allem für seine Romane aus dem biedermeierlichen jüdischen Berliner Bürgertum (1840er Jahre): „Jettchen Geberts Geschichte“, 1906-1909 (dramatisiert von Reinhart Baumgart in der populären Operette "Wenn der Weisse Flieder wieder blüht"); Fortsetzung: „Henriette Jacoby“, 1908 (waren damals Bestseller mit zusammen mehr als 260 Auflagen); zahlreiche Berliner jüdische Gesellschaftsromane aus der jüngeren Vergangenheit; war (1909) Mitgründer und 1910-1913 erster Vorsitzender des "Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller", dem bald fast alle prominenten Schriftsteller deutscher Sprache beitraten; er floh 1933 mit seiner Familie nach Holland, seine Bücher wurden verbrannt (Mai 1933); 1943, zucker- und herzkrank, über Westerbork mit dem Viehwaggon ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort umgekommen oder umgebracht (vermutlich am 19. November); - weitere Werke: Spielkinder, 1896; Modelle, 1897; Die Zukunftsfrohen, 1898; Aus dem letzten Hause, 1900; Die deutsche Karikatur im 19. Jhdt., 1901; Wilhelm Busch, 1902; Skizzen und Silhouetten, 1902; Max Liebermann, 1904; Kubinke, 1910 (Die Geschichte eines Berliner Frisörs); Aus guter alter Zeit, 1911; Der Wüstling, 1911 (Drama); Die Nacht des Dr. Herzfeld, 1912; Das Biedermeier im Spiegel seiner Zeit, 1913 (Herausgebertätigkeit); Heinrich Schön jr., 1915; Vom gesicherten und ungesicherten Leben, 1915; Der Guckkasten, 1916; Einen Sommer lang, 4. Aufl. 1917; Mein Nachbar Ameise, 1918 (Schauspiel); Frau Antonie, 1917 (Schauspiel); Die Kette, 1917-1934 (fünfbändige Darstellung jüdischen Lebens des Deutschland von 1899-1923); Randbemerkungen, 1919 (politische Kommentare); Kleine Erlebnisse, 1920; Schnee, 1921 (über den Weltkrieg); Die steile Treppe, 1925; Der kleine Gast, 1925; Spaziergang in Potsdam, 1926; Der doppelte Spiegel, 1926 (polemische Schrift über die Judenproblematik in Deutschland); Tränen um Modesta Zamboni, 1927 (Roman); Träume der Ellen Stein, 1929; November 18, 1930; Grenadier Wordelmann, 1930; Das Buch Ruth, 1931; Eine Zeit stirbt, 1933 (autobiographisch); Ruths schwere Stunde, Amsterdam 1934; Rosenemil, 1935 (verfilmt von Radu Gabrea); Weltabschied, 1935 (Essay, Reflexionen über sein eigenes Judentum); Der etruskische Spiegel, 1936; M. B., der unbekannte Fussgänger, 1936 (autobiographisch); Nur für Herrschaften, 1949; 5 Bde. Gesammelte Werke, 1922; -- parkähnlicher "Georg-Hermann-Garten" in Berlin-Friedenau zu seinem Gedenken (1962 eingeweiht)
  • 9.10.1871–1.8.1959:Oscar Fehr, Mediziner (Augenheilkunde) in Berlin
  • 10.10.1871: Max Grunwald in Hindenburg (Oberschlesien) geboren, jüdischer Gelehrter (jüdische Volkskunde, Kultur- und Kunstgeschichte), seit 1895 Rabbiner in Hamburg, 1903 bis 1930 Rabbiner in Wien; er starb am 24.1.1953 in Jerusalem
  • 13.10.1871–30.12.1933: Carl Melchior, geb. u. gest. in Hamburg, deutschjüdischer Jurist, Bankier und Politiker; er war Leiter der deutschen Finanzdelegation bei den Friedensverhandlungen zum Friedensvertrag von Versailles; Melchior wuchs in Hamburg auf und war dort nach einem Studium der Rechtswissenschaft tätig; 1902 trat er als Syndicus in das Bankhaus M. M. Warburg & Co. ein, 1911 wurde er dort zum Generalbevollmächtigten ernannt; nach Ausbruch des ersten Weltkriegs meldete sich Melchior freiwillig und nahm am Krieg teil, wurde schwer verwundet; nach seiner Genesung 1917 wurde er der erste familienfremde Teilhaber von M. M. Warburg & Co.; er übernahm die Anteile von Felix Warburg, der, da er 1907 amerikanischer Staatsbürger geworden war, mit dem Kriegseintritt der USA seine Anteile an einer deutschen Firma abgeben musste; Melchior bestimmte zusammen mit Max Warburg in den folgenden Jahren den erfolgreichen Kurs der Bank; er hatte weitere einflussreiche Ämter, beispielsweise wurde er 1922 Vorsitzender des Aufsichtsrats der Beiersdorf AG; Melchior stand der Deutschen Demokratischen Partei nahe, an deren Gründung er mitwirkte, ohne später ein Amt zu bekleiden; bei den Verhandlungen zum Versailler Friedensvertrag verliess er die Gespräche vorzeitig unter Protest wegen der in seinen Augen unmöglichen Bedingungen; Melchior war einer der wichtigsten deutschen Finanzpolitiker, der es mehrmals ablehnte, Reichsfinanzminister zu werden; sein Rat war gefragt, so fand beispielsweise während der Ruhrbesetzung ab dem 8. Juni 1923 eine dreitägige Geheimkonferenz in Berlin statt, an der Melchior, Reichskanzler Wilhelm Cuno, Aussenminister Frederic von Rosenberg und für die britische Regierung John Maynard Keynes teilnahmen; 1923 gründete Melchior zusammen mit Max Warburg das Institut für Auswärtige Politik an der Universität Hamburg, das noch heute besteht; 1928/1929 war Melchior Vorsitzender des Finanzkomitees des Völkerbundes; dem Vorstand der 1930 gegründeten Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, Basel, gehörte Melchior von 1930 bis April 1933 als Stellvertretender Direktor an
  • 8.11.1871–24.1.1922: Nehemia Anton Nobel (Nehemia Tzvi Anton Nobel), geb. in Nagyatád, Komitat Somogy, Ungarn, als Sohn des Rabbiners Josef Nobel (1839-1917), gest. in Frankfurt/M., konservativer Rabbiner, berühmter Kanzelredner, jüdischer Gelehrter; orthodoxer Jude und gleichzeitig deutscher Patriot; wuchs in Halberstadt auf, studierte in Berlin und Marburg, promovierte; betätigte sich als Prediger in Köln, Leipzig, Hamburg; 1910-1922 Rabbiner in Frankfurt/M., wo er später einen Lehrauftrag für jüdische Religionswissenschaft und Ethik an der Universität wahrnahm; 1919 zum Vorsitzenden der deutschen Rabbiner gewählt
  • 11.12.1871–5.1.1940: Alfred Bielschowsky, Mediziner (Augenheilkunde) in Breslau
  • 17.12.1871: Lazarus Goldschmidt (eigentlich Elieser ben Gabriel) in Plungiany (Litauen) geboren, jüdischer Gelehrter, deutscher Übersetzer des babylonischen Talmuds, lebte in Berlin; "Der babylonische Talmud" hebräisch und deutsch 1893 ff. (vollständig), deutsche Volksausgabe (ohne Urtext) 1929 ff.; er war auch Sammler von Inkunabeln, hebräischer und anderer wertvoller Drucke; er starb am 18. April 1950 in London
  • 1871–1908: Dr. Fritz Pflaum, Alpinist; er war begeisterter Naturfreund, Sportsmann und ein Liebhaber des Wilden Kaisers; am 25.08.1908 kam er auf einer schwierigen Tour zu Tode; danach stifteten Angehörige, Freunde und Bekannte Geld zur Erbauung der Fritz-Pflaum-Hütte (Alpenvereinshütte im Kaisergebirge in Tirol), die am 25.08.1912, genau vier Jahre nach seinem Tod, eingeweiht wurde; sie wurde zwischenzeitlich in Griesnerkarhütte umbenannt, was sich jedoch nie durchsetzte
  • 1871–1913: Moritz von Halle, Volkswirtschaftler
  • 1871–1924: Menachem Scheinkin, zionistischer Führer, Mitglied der Demokratischen Fraktion und russischer Kongressdelegierter seit dem 2. Kongress, Mitglied des Aktionskomitees 1903-1907, einer der heftigsten Gegner Herzls in der Ugandafrage auf dem 6. Kongress; er starb bei einem Strassenbahn-Unfall, als er Chicago, Il. besuchte
  • 1871–1924: Julius Morgenroth, Mediziner (Bakteriologe) in Berlin
  • 1871–1926: Fritz Cassirer, Dirigent und Musikschriftsteller
  • 1871–1928: Ernst Steinitz, Mathematiker (Kiel)
  • 1871–1929: Edmund Reinhardt (eigentlich: Goldmann), erfolgreicher Finanzdirektor der Theaterunternehmungen seines Bruders Max Reinhardt (vgl. dort); Max Reinhardt sagte über ihn u. a.: "Unsere Zusammenarbeit bewährt sich. In 99 Prozent der Fälle hat mein Bruder recht. In einem Prozent habe ich recht. Von diesem einen Prozent leben wir ... "
  • 1871–1932: Dr. Adolf Friedemann, Berliner Rechtsanwalt und Zionist, Teilnehmer an den Zionistenkongressen seit 1898; begleitete Herzl 1902 auf der Ägyptenreise; zionistischer Pressereferent für Deutschland, 1903-1905 Mitglied des Grossen Aktionskomitees der Zionistischen Organisation und 1902-1920 Mitglied des Aufsichtsrates des Jewish Colonial Trust; zuletzt lebte er in Amsterdam, wo er auch starb; er hatte u. a. auch eine Herzl- („Das Leben Theodor Herzls“, 1914) und eine Wolffsohn-Biographie verfasst; Pseudonym gelegentlich: Eli Samgar
  • 1871–1933: Viktor Loewe, Historiker (Urkundenforschung)
  • 1871–1933: Boris Kazmann, Agronom und Ingenieur, zionistischer Pionier in Palästina, der dort Bodenuntersuchungen anstellte
  • 1871–1935: Lydia Rabinowitsch, Medizinerin (Bakteriologie) in Berlin
  • 1871–1936: Joseph Bloch, geb. in Wilkowischken / Wilkowischki (Russisch-Polen), gest. in Prag; Redakteur; Dr. phil.; war 1897-1933 Herausgeber der von ihm gegründeten "Sozialistischen Monatshefte", die die revisionistische Richtung der SPD vertraten; 1933 Emigration nach Prag
  • 1871–1937: Joseph Lurie, Redakteur des jiddischen "Der Jud" von 1899-1902, war schon am ersten Zionistenkongress Delegierter, wanderte 1908 nach Palästina aus
  • 1871–1942: Hillel Zeitlin, geb. in Korme, Gouvernement Mohilew, Russland; getötet 1942 im Warschauer Ghetto, hebräischer und jiddischer Schriftsteller und Publizist sowie religiöser Denker; er entstammte einer streng chassidischen Gelehrtenfamilie, erhielt eine gründliche Ausbildung in Tanach, Talmud und neuhebräischer Literatur und studierte naturwissenschaftliche Fächer; er war viele Jahre in mehreren Orten Kinderlehrer, beschäftigte sich vor allem mit Philosophie und zunächst insbesondere mit Spinoza, bevor er sich den neueren britischen Philosophen Herbert Spencer, Charles Darwin und John Stuart Mill, aber auch Schopenhauer und Nietzsche zuwandte; während dieser Lebensphase - mittlerweile war er nach Homel übergesiedelt - begann er, seine religiöse Verbundenheit zu lockern, und näherte sich dem Säkularismus; den politischen Zionismus hielt er für einen Irrweg und war ein Anhänger des praktischen Territorialismus, für den er sich auch publizistisch einsetzte; von 1902 bis 1905 hatte er seinen Wohnsitz in Ruslawl im Smolensker Gouvernement und war aktiv an der Herausgabe verschiedener hebräischer Zeitschriften beteiligt; ab 1906 lebte er in Wilna und war Mitarbeiter des Jiddischer Folk; 1906 bis 1907 redigierte er in Warschau das Jüdische Volksblatt, arbeitete aber auch am Haint und anderen jüdischen Zeitschriften und Anthologien mit; seit 1910 war er massgeblicher Redakteur und Herausgeber der jiddischen Tageszeitung Moment, aber auch anderweitig engagiert, z. B. durch seine Beteiligung an einem der ersten jiddisch-enzyklopädischen Wörterbücher, das schliesslich 1917 in Warschau erschien; nach dem Ersten Weltkrieg wandte er sich wieder der angestammten Religion zu, wurde orthodox und observant, blieb dabei aber geistig unabhängig und durchaus originell-unkonventionell in seinem Denken; im Alter von 71 Jahren wurde er von Nationalsozialisten im Warschauer Ghetto getötet, während er eine Ausgabe des Zohar in Händen hielt, eingehüllt in ein Tallit und mit angelegten Tefillin; der grösste Teil seiner Familie wurde gleichfalls umgebracht, nur sein Sohn Aaron überlebte; seine Söhne Aaron Zeitlin (1898-1973) und Elchonon Zeitlin (1920-1942) waren ebenso wie er jiddische Autoren; Werke (Auswahl): Hatow we-hara ("Gut und Böse"), 1898 (über Optimismus und Pessimismus); Monographie über Spinoza, 1900; Monographie über Nietzsche, ca. 1901; Schriften, 1910; Dus Problem fun Gits un Schlechts ba Jiden un andere Völker, Warschau 1911; Rabbi Israel Baalschemtow, Warschau 1911; Der alter Rebe, 1912; Über R. Schneor Salman von Ladi, 1912; Chassidoth, 1922; Wus es lebt un singt in mir, o. J.
  • 1871–1943: Bruno Heymann, Mediziner (Hygieniker) in Berlin
  • 1871–1945: Peter Rona, geb. und gest. in Budapest, Chemiker und Mediziner, seit 1906 in Berlin, 1922-1933 Prof. an der Universität Berlin, ging 1935 nach Budapest, 1944 stand er unter dem Schutz der dortigen schwedischen Botschaft; 1920-1935 war er Herausgeber der Berichte über die gesamte Physiologie und experimentelle Pharmakologie; Hauptwerk: Praktikum der physiologischen Chemie, 1930
  • 1871–1947: Walter Kaufmann, geb. in Elberfeld, gest. in Freiburg/Breisgau, Physiker, seit 1908 Prof. in Königsberg, entdeckte 1901 die Zunahme der Elektronenmasse mit wachsender Geschwindigkeit und trug damit zur Vorbereitung der Relativitätstheorie bei; Herausgeber von Müller-Pouillets Lehrbuch der Physik und Meteorologie
  • 1871–1950: Arthur Stein, geb. in Wien, gest. in Prag, Altertumsforscher, erst Gymnasiallehrer, unternahm 1898 für die Wiener Akademie Ausgrabungen in Bulgarien, wurde 1923 (1922?) o. Prof. der Universität Prag für römisches Altertum und Epigraphik; überlebte das KZ Theresienstadt; Werkauswahl: Die Verwaltungsbeamten unter Severus Alexander, 1912; Geschichte und Verwaltung Ägyptens unter römischer Herrschaft, 1915; Die römische Provinz Thracia, 1920; Der römische Ritterstand, 1927; Die Legaten von Mösien, 1940; Die Präfekten von Ägypten, 1950; lieferte auch Beiträge zum Pauly-Wissowa und zur Krollschen Realenzyklopädie

Bücher

  • Th. Kroner (Rabbiner in Hannover und Seminardirektor), Entstelltes, Unwahres und Erfundenes in dem „Talmudjuden“ Professor Dr. August Rohling´s. Nachgewiesen vom Rabbiner Dr. Kroner, Seminardirektor, Münster 1871 (darin der Nachweis, dass die meisten Behauptungen Rohlings in den angegebenen Quellen nicht oder nicht so zu finden waren und dass Rohling aus Eisenmenger (ebenfalls ein Machwerk), vor allem aber aus dem 1869 in Paris erschienenen Pamphlet des Roger Gougenot des Mousseaux „Le Juif, le judaisme et la judaisation des peuples chrétiens“ abgeschrieben hatte, ohne die Quellen zu nennen. Kroner kam zum Ergebnis: „Der Herr Professor kennt den Talmud fast gar nicht und kann nicht ein Blatt in demselben ohne Fehler lesen, wenn er nicht vorher noch lange Studien an der Hand eines Talmudkundigen gemacht“.
  • Ludwig Geiger, Geschichte der Juden in Berlin. Als Festschrift zur zweiten Säkular-Feier, 2 Bände, Berlin 1871 (grundlegendes Werk, wenn auch skizzenhaft und unvollendet; erstmals Berücksichtigung archivalischer Quellen)
  • I. H. Weiss, Dor Dor we-Dorschaw. Zur Geschichte der jüdischen Tradition, 5 Bände, Wien 1871–1883
  • M. Schwab, Le Talmud de Jérusalem, 11 Bände, Paris 1871–1889 (unzuverlässig)

Zeitungen und Zeitschriften

  • Seit 1871: El Telegrafo, in Istanbul erscheinend (David Fresco)
  • Seit 1871: Die Post, in New York erscheinendes jiddisches (politisches) Blatt
  • 1871–1872: Ungarisch-Jüdische Wochenschrift, in Pest wöchentlich in deutscher Sprache erschienen
  • 1871–1873: Wjestnik Russkich Jewrejew, in Petersburg wöchentlich in russischer Sprache erscheinende russisch-jüdische Zeitschrift
  • 1871–1873: Rumänische Post, in Rumänien herausgegeben vom amerikanischen Generalkonsul Benjamin F. Peixotto
  • 1871–1874: Blätter für Schule und Haus, in Mainz in deutscher Sprache erschienene pädagogische Zeitschrift
  • 1871–1901: Young Israel, in New York monatlich erscheinende Jugendzeitschrift in englischer, deutscher und jiddischer Sprache

1871 in Wikipedia