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1900

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Ereignisse

  • Vor 1900: Nathaniel Meyer Freiherr von Rothschild liess Ende des 19. Jhdts. das Schloss Rothschild in Reichenau an der Rax (Niederösterreich) errichten
  • um 1900: geschätzte Zahl der Mischehen zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland: 720 000
  • 1900: Verein zur Förderung ritueller Speisehäuser (Hamburg 1, Grosse Bäckerstrasse 6), gegründet 1900, gab periodisch (etwa quartalsweise) Verzeichnisse der unter Aufsicht gesetzestreuer Rabbiner stehenden Speisehäuser heraus
  • um 1900: Die jüdische Sportbewegung Makkabi wurde in Deutschland begründet. Hier entstanden um 1900 die ersten jüdischen Turnvereine zu einer Zeit, als Sport mehr war als reines Freizeitvergnügen. Im Kampf gegen den Antisemitismus, aber auch in Abgrenzung zu eigenen Traditionen wollten jüdische Sportler ein neues, modernes Menschenbild prägen. Nach 1933 gehörten diese Vereine zu den letzten Orten, wo Juden eine geschützte Gemeinschaft finden konnten. – "Der Makkabi", seit 1900 in Berlin monatlich in deutscher Sprache herausgegebenes zionistisches Organ der Makkabi-Bewegung
  • 1900: Dessau: Gründung der Baron Moritz von Cohn-Stiftung (zur Unterstützung bedürftiger Personen und Familien anhaltinischer Staatsangehörigkeit ohne Unterschied der Konfession) durch Baronin Julie Cohn Oppenheim (vgl. 1905)
  • 1900: angeblicher Ritualmord in Konitz
  • um 1900: Chaim S. Schor Oberrabbiner in Bukarest
  • 1900: jüdische Bevölkerung in Palästina, ca. 50 000 Seelen
  • um 1900: Ansiedlung von etwa 150 Juden in den zypriotischen Kolonien Cholmakchi, Kuklin und Margo durch die Jewish Colonization Association
  • um 1900: Wilna: um die Jahrhundertwende bei mehr als 150 000 Einwohnern fast 50% jüdische Einwohner
  • um 1900: Elieser Ben-Jehuda (1858–1922), der Wiedererwecker des Hebräischen, setzt den Gebrauch der Sprache durch.
  • 1900: Boxeraufstand, fremdenfeindlicher Aufstand in Nordostchina, der von einer chinesischen Geheimsekte entfacht wurde; nach Angriffen auf ausländische Vertretungen und Ermordung des deutschen Gesandten von Ketteler von einem Expeditionskorps der europäischen Grossmächte niedergeworfen; unter den deutschen Truppen kämpften 35 Juden
  • Um 1900: Buenos Aires. Zumeist vermittelt durch jüdische Zuhälter/innen bzw. Frauenhändler/innen, landeten Tausende von Frauen aus dem Zarenreich und der k.u.k.-Monarchie in den Bordellen Europas und vor allem Lateinamerikas. In Buenos Aires waren um 1900 mehr als 4000 Jüdinnen als Prostituierte registriert, womit sie rund ein Viertel aller in diesem Gewerbe tätigen Frauen ausmachten.
  • 1900: Max Band in Naumestis, Litauen, geboren, Maler, seit 1924 in Paris, schuf besonders charakteristische Kinderporträts
  • 1900: Hans Meisel geboren, Schriftsteller (Prosa, Dramen)
  • um 1900: Mark Günzburg, Pianist
  • um 1900: Andreas Weissgerber geboren, Violinist
  • um 1900: Simon Goldberg geboren, Violinist
  • um 1900: Boris Schwarz geboren, Violinist
  • um 1900: Frieda Mosheim geboren, Violinistin
  • um 1900: Stefan Frenkel geboren, Violinist
  • 1.1.1900: Baron Rothschild stellt die Hilfe für die jüdischen Dörfer in Palästina ein und überträgt ihre Betreuung der Jewish Colonization Association (J. C. A.)
  • 12.1.1900: Uraufführung von Herzls „I love you“ (einaktiges Lustspiel) am Burgtheater (insgesamt 8 Aufführungen)
  • 12.1.1900–24.1.1951: Eleonora von Mendelssohn (verheiratete Fischer, verheiratete Jessenski, verheiratete Forster, verheiratete Kosleck), Schauspielerin, geb. in Berlin, Selbsttötung New York City; Eleonora (Eleonore) von Mendelssohn, Tochter des Bankiers und Cellisten Robert von Mendelssohn (1857–1917) und der Konzertpianistin Giulietta Gordigiani sowie Bruder des Übersetzers, Theaterdirektors, Cellisten und Schauspielers Francesco von Mendelssohn (1901–1972), erhielt ihren Vornamen nach ihrer Taufpatin, der Schauspielerin Eleonora Duse (1858–1924); sie studierte Schauspiel und Klavier in Berlin; 1925 erhielt sie ihr erstes Engagement am Schauspielhaus in Düsseldorf; nach Theatertourneen durch Europa in Produktionen von Max Reinhardt erhielt sie Engagements an den Kammerspielen in München und am Preussischen Staatstheater in Berlin; Eleonora von Mendelssohn wurde als Jüdin 1933 entlassen und emigrierte nach Wien, wo sie ein Engagement am Theater in der Josefstadt von Max Reinhardt hatte; hier heiratete sie 1936 den Pianisten, Dirigenten, Musikpädagogen, Komponisten und Schriftsteller Edwin Fischer (1886–1960); das Ehepaar verbrachte seine Flitterwochen im Haus der Kunstmäzenin Jenny Mautner (1856–1938), Witwe des Grossindustriellen Isidor Mautner (1852–1930), der seit 1925 auch Besitzer der Textilfabrik Marienthal war; nach ihrer Scheidung heiratete Eleonora von Mendelssohn den ehemaligen österreichisch-ungarischen Offizier und nunmehrigen Reiter und Piloten Jedre Jessenski, von dem sie aber ebenfalls bald geschieden wurde; schliesslich ehelichte sie den Schauspieler Rudolf Forster (1884–1968); 1937 emigrierte sie mit ihrem Ehemann in die USA; Rudolf Forster, von dem sie geschieden wurde, kehrte 1945 nach Österreich zurück; nach Filmarbeiten in Hollywood versuchte sie vergeblich, auf dem Theater Fuss zu fassen; sie engagierte sich auch bei Exilorganisationen und war Mitglied der »Selfhelp«; sie nahm insbesondere an den kulturellen Aktivitäten des »German Jewish Club« in New York teil; seit 1945 trat sie auf Bühnen in New York und Boston auf und unterhielt einen bekannten Künstlerzirkel in ihrer Wohnung; 1947 heiratete Eleonora von Mendelssohn den Schauspieler Martin Kosleck (1904–1994); nach dem gescheiterten Versuch, ihre Drogenabhängigkeit zu bekämpfen, wählte sie den Freitod
  • Seit Januar 1900: Die schwedische Schriftstellerin Selma Lagerlöf hält sich mehrere Monate in Jerusalem auf und schreibt später ihr berühmtes Buch "Jerusalem", für das sie den Nobelpreis erhält
  • 19.1.1900: Brief Herzls an David Wolffsohn in Köln (aber vermutlich nicht abgeschickt): "Lieber Freund, ich will Ihnen nur mit zwei Worten meine Empörung darüber ausdrücken, dass Sie mit dem absolut unfähigen Secretär Loewe [der Banksekretär James Henry Loewe in London] einen 5 jährigen Vertrag abgeschlossen haben. Einen Menschen, der nicht einmal fähig war, Allotmentbriefe zu machen – die grellsten Beispiele lasse ich jetzt zusammenstellen – engagirt man für 5 Jahre. Ich begreife nicht, dass Sie dazu Ihre Einwilligung geben konnten, da Ihnen meine Ansichten bekannt waren. Machen Sie diesen Vertrag ungeschehen, das ist das Einzige, was ich Ihnen sagen kann. Ich habe mich über Ihren Brief heute derartig geärgert, dass ich nach ruhigen Worten suche. Sie sind natürlich ein braver Kerl, aber für die Herren Kann u. Lourie zu schwach. Wenn die wenigstens tüchtig wären. Aber sie sind es nicht u. wenden nur auf dem unrichtigen Platze Gewalt an. Meine Geduld ist zu Ende. Mit herzlichem Gruss, Ihr Benjamin ... Ueber die Anstellung Louries wird das grosse AC [Actions Comité] das sich am 18. Februar in Wien versammelt, entscheiden. Von Ihrer Ehrenhaftigkeit und Freundschaft für mich erwarte ich, dass Sie den 5 jährigen Vertrag mit Loewe annuliren u. fortab keinerlei Beschlüsse zulassen werden, durch welche die Controle des Aufsichtsrathes zu Schanden gemacht wird. Ich würde, wenn Sie mir darin keine Beruhigung geben, zu meinem Schmerze bedauern müssen, dass ich ein so unbegrenztes Vertrauen in Sie gesetzt habe. Zumindest müssen Sie erwirken, dass auch der Vertrag Loewe der Zustimmung des grossen AC vorbehalten bleibe"
  • 26.1.1900–1942: Yva = Ilse Neulaender-Simon, geb. am 26. Januar 1900 in Berlin als Else Ernestine Neuländer, umgekommen höchstwahrscheinlich 1942 im Konzentrationslager Majdanek, deutsch-jüdische Fotografin; die Tochter eines Kaufmanns und einer Modistin war die jüngste von neun Geschwistern; mit 25 (= 1925) gründete sie ihr erstes Photoatelier in Berlin in der Friedrich-Wilhelm-Strasse 17 (lebte und arbeitete dort 1925-1930); danach wechselte sie ihre Adresse noch zweimal, zuerst zog sie in die Bleibtreustrasse 17 (1930-1934), dann in die Schlüterstrasse 45 (1938 zwangsweise Umzug in die Düsseldorfer Strasse); 1926 arbeitete sie kurzzeitig mit dem Fotografen Heinz Hajek-Halke zusammen; seit 1929 arbeitete sie für den Ullstein-Verlag, so dass Yvas Arbeiten in den Zeitschriften des Verlags erschienen; 1932 Beteilung an der 1. Biennale Internazionale d'Arte Fotografica Roma; 1933 Beteilung an der Ausstellung The Modern Spirit in Photography, Royal Photographic Society of Great Britain, London, und La Beauté de la femme, 1. Internationaler Salon der Akt-Photographie, Paris; nach der Machterlangung der NSDAP 1933 erhielt sie wegen ihrer jüdischen Herkunft Berufsverbot als Presse-Fotografin; 1934 heiratete sie Alfred Simon und konnte mit dessen Hilfe ihre Arbeit noch einige Zeit fortsetzen; einer „arischen“ Freundin (Charlotte Weidler) übergab sie dann 1936 die offizielle Leitung des Ateliers, um weiterarbeiten zu können; im selben Jahr begann die Ausbildung des später berühmten Fotografen Helmut Newton als Lehrling; 1938 musste Yva das Atelier (in dem bis zu zehn Angestellte tätig waren) und die Wohnräume ganz aufgeben, da sie nun komplettes Berufsverbot erhielt; sie hielt sich dann über Wasser als Röntgenassistentin im Jüdischen Krankenhaus (Exerzierstrasse) im Wedding; 1942 wurde sie enteignet (die Akten ihres Ateliers sind vernichtet), verhaftet und am 1.6.1942 in das KZ Majdanek deportiert, nachdem sie vorher noch Vorbereitungen zur Auswanderung getroffen hatte; im Konzentrationslager wurde sie höchstwahrscheinlich noch in 1942 umgebracht, aber erst am 31. Dezember 1944 für tot erklärt; "Yva" hatte sich besonders der Aktfotografie und der Modefotografie gewidmet; ihre Fotos wurden unter anderem veröffentlicht in: Uhu, Die Dame, Elegante Welt, Berliner Illustrirte Zeitung und Das Deutsche Lichtbild, Das Illustrirte Blatt, Wiener Magazin, Moden-Spiegel, Münchner Illustrierte Presse; Literatur: "Frauengeschichte(n) aus Tiergarten 1850-1950", 1999; Marion Beckers, Elisabeth Moortgat, "Yva. Photographien 1925-1938", 2001
  • 28.1.1900: zionistische Festversammlung in Köln zu Ehren des Kaisers Wilhelm II. anlässlich seines Geburtstags (die Versammlung schickte eine Grussadresse an Herzl)
  • 28.1.1900–3.5.1996: Hermann Kesten, geb. in Podwołoczyska, Galizien; gest. in Basel, Schriftsteller, einer der Hauptvertreter der literarischen Neuen Sachlichkeit während der 1920er Jahre in Deutschland; Dr. phil., war seit 1927 Lektor, später literarischer Leiter des Kiepenheuer-Verlages in Berlin, leidenschaftlicher Förderer schriftstellerischer Talente; 1933 floh er nach Amsterdam und leitete einen Emigranten-Verlag; 1939 ging er über Paris nach New York; seine zeitkritischen Romane handeln von Freiheit, Gerechtigkeit und Toleranz gegenüber Verblendung und Gewalt; 1974 erhielt er den Büchner-Preis, 1977 den Nelly-Sachs-Preis; 1975 wurde ein Preis nach ihm benannt; Romane (in mehrere Sprachen übersetzt): Der Scharlatan, 1932; Gens heureux, 1933 (deutsch "Glückliche Menschen", 1948); Der Gerechte, 1934; Ferdinand und Isabella, 1936 (= Sieg der Dämonen, 1953); König Philipp II., 1938 (= Ich, der König, 1950); Die Kinder von Guernika, 1939; Die Zwillinge von Nürnberg, 1946; Die fremden Götter, 1949; Ein Sohn des Glücks, 1955; Die Abenteuer eines Moralisten, 1961 (autobiographisch); Biographien: Copernicus, 1953; Lauter Literaten, 1963; Dichter im Café, 1959; Gesammelte Werke 1969 ff.; Roman: Ein Mann von 60 Jahren, 1975; Josef sucht die Freiheit, 1977; Glückliche Menschen, 1981
  • 30.1.1900–1978: Max Kreutzberger, geb. in Königshütte/Schlesien, gest. in Locarno, Sozialpolitiker; Sozialarbeiter, promoviert, war Direktor der Zentralwohlfahrtstelle der deutschen Juden in Berlin bis 1936, der Vereinigung der Einwanderer aus Deutschland (Hitachduth Olej Germania) in Tel Aviv, nach dem Krieg der Jewish Agency in Deutschland, 1955-1967 des Leo-Baeck-Instituts in New York, dessen Bibliothek und Archiv er aufbaute; er war 1936 nach Ceylon emigriert
  • 1.2.1900: Brief eines A. S. Rappaport aus Roman/Rumänien an Herzl, in welchem dieser "im Namen von 1000 Familien" in Rumänien um Herzls Rat zu einer Kolonisation in Anatolien bzw. ersatzweise Amerika bittet; Herzl antwortet sehr zurückhaltend (mit Brief vom 9.2.1900)
  • 15.2.1900: Herzl beim österreichischen Ministerpräsidenten Koerber (halbstündige Audienz in freundlicher Atmosphäre, es ging um die Nichtbehinderung der Jüdischen Colonialbank)
  • Seit Februar 1900: ein gewisser S. Leresku, "Schauspieler und jüdischer Volksdichter" in Sanok/Galizien, hatte ein Theaterstück "Dr. Theodor Herzl" verfasst und in der Folge mehrfach zur Aufführung gebracht – ohne Einverständnis und gegen Herzls erklärten Willen
  • 28.2.1900: Brief Herzls an Martin Buber in Berlin, worin auch Herzls Unzufriedenheit mit der "Stagnation unserer Bewegung in der deutschen Hauptstadt" zum Ausdruck kommt
  • 2.3.1900–3.4.1950: Kurt Weill (Kurt Julian Weill), geb. in Dessau, gest. in New York, aussergewöhnlich vielseitiger US-amerikanischer Komponist deutsch-jüdischer Herkunft; zwei Mal verheiratet mit Lotte Lenya; emigrierte 1935 in die USA; entwickelte für Brechts episches Theater einen neuen Typus der Bühnenmusik (insbesondere „Songs“), der eine Synthese aus Unterhaltungsmusik, Moritat, kabarettistischem Chanson und klassizistischen Elementen der Kunstmusik darstellt; in den USA schrieb Weill insbesondere für Theater des Broadway; erzielte mit der Dreigroschenoper 1928 (nach J. Pepuschs „Beggar’s Opera“ von 1728 in der Bearbeitung von Bert Brecht) einen Welterfolg; weitere Bühnenwerke u.a.: „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“, 1930; „Die Bürgschaft“, 1932; „Lady in the Dark“, 1941; „Down in the Valley“, 1948; „Lost in the Stars“, 1949; Ballett mit Gesang „Die sieben Todsünden“, 1933 (nach Brecht); schrieb daneben Kammermusik, Filmmusik und Lieder
  • 6.3.1900–18.5.1973: Avraham Shlonsky, israelischer Schriftsteller und Übersetzer
  • 10.3.1900: Herzl erneut Audienz bei Ministerpräsident Koerber; Herzl, Zigarre rauchend, erfährt, dass man Herzls Vorschläge bezüglich der Banksache folgen werde, auch wenn das nicht ganz legal sei; Bedingung sei, dass nichts an die Öffentlichkeit gelangen, nichts in den Blättern verlautbart werden dürfe
  • 11.3.1900: Konitz-Affäre: Ein (bis heute) unaufgeklärter (und zu wildesten Spekulationen Anlass gebender) Mord an dem 18-jährigen Gymnasiasten Winter in Konitz (Westpreussen) verursachte gegen Juden gerichtete Mordanklage und Ritualmordbeschuldigung; das Verfahren gegen die Beschuldigten Levy (Vater und Sohn) wurde eingestellt, der Hauptbelastungszeuge Masloff wegen Meineids zu Zuchthaus verurteilt; nach dem Gutachten des preussischen Medizinalkollegiums (Virchow, Bergmann und andere) wurde Winter durch Erwürgen getötet, seine Leiche dann zerstückelt (einzelne Teile des Leichnams tauchten dann, "kunstgerecht zerlegt", nach und nach an verschiedenen Stellen auf: der Rumpf, ein Bein, schliesslich der Kopf)
  • 20.3.1900: Tagebucheintragung Herzl: „Wunderbar, wie man sich auch an Ministerpräsidenten gewöhnt. Ich vergass gestern einzutragen, dass ich wieder bei Koerber war. Er empfing mich charmant wie gewöhnlich, übergab mir die Erledigung, wie ich sie gewünscht hatte u. sprach die Erwartung aus, dass wir, bei gelegenerer Zeit noch über die „hierländige Zulassung“ der Colonialbank reden würden. Er wolle mich nächstens am Abend zu sich bitten, damit wir über die innerpolitische Situation reden könnten, namentlich über seine scheinbare leider nothgedrungene Nachgiebigkeit gegenüber den Antisemiten. „Ich bin doch kein Antisemit“, sagte er. An der Thür sagte ich ihm: Excellenz, ich glaube, Sie werden lange regieren! Er lächelte dankbar für diese Prophezeiung u. führte mich durch den Vorsaal hinaus, wo der Landespräsident von Schlesien hatte warten müssen, bis unsere Unterredung zu Ende war, obwol er schon mit mir zugleich eingetroffen war.“
  • 23.3.1900–18.3.1980: Erich Fromm (Erich Pinchas Fromm), geb. in Frankfurt am Main als einziges Kind einer orthodox-jüdischen Familie, aus der zahlreiche Rabbiner und Gelehrte hervorgegangen waren, gest. in Muralto bei Locarno, deutsch-jüdischer Psychoanalytiker; 1934 in die USA emigriert, Professor in Mexiko und New York; Vertreter einer neopsychoanalytischen Richtung, die die soziokulturellen Einflüsse bei der Entstehung oder Überformung menschlicher Bedürfnisse betonte; er prägte den Begriff Akkulturation für das Hineinwachsen des Einzelnen in eine Kultur; Hauptwerke: Die Furcht vor der Freiheit, 1941; Psychoanalyse und Ethik, 1954; Das Menschenbild bei Marx, 1969; Analytische Sozialpsychologie und Gesellschaftstheorie, 1970; Haben oder Sein, 1976; Anatomie der menschlichen Destruktivität, 1976; Sigmund Freuds Psychoanalyse, 1979; Die Kunst des Liebens, 1980; Und ihr werdet sein wie Gott, 1980, u. a.
  • 26.3.1900: Herzl wieder bei Koerber (ebenfalls am 27.3.1900 und am 13.4.1900; Herzl entpuppte sich zu seinem innenpolitischen Berater: Es ging vor allem um das Sprachengesetz)
  • 31. März 1900: Erstaufführung von Herzls Stück "Gretel" mit mässigem Erfolg im Raimundtheater/Wien
  • 31.3.1900–30.3.1973: Immanuel Estermann, geb. in Berlin, gest. in Haifa, Atomphysiker, 1921 in Hamburg promoviert, ab 1922 dort Dozent; er emigrierte 1933 an das Carnegie-Institut in Pittsburgh/USA, wo er Prof. wurde, ging 1951 an das Office of Naval Research in London, dessen Direktor er 1959 wurde; Hauptwerke: Recent Research in Molecular Beams, 1959; Hrsg. Advances in Atomic and Molecular Physics, 3 Bde., 1965-1968
  • 3.4.1900–14.9.1955: Franz Carl Weiskopf (bekannt als F. C. Weiskopf), geb. in Prag, gest. in Berlin, Sohn eines jüdisch-deutschen Bankangestellten und einer tschechischen Mutter; Autor, Dr. phil. (1923), 1918 Militärdienst, seit 1921 Mitglied der KPC, 1928 Redakteur bei Berlin am Morgen, ging 1933 nach Prag als Chefredakteur der Arbeiter-Illustrierten, emigrierte 1939 über Paris in die USA, war nach dem Krieg diplomatischer Vertreter der CSSR in Washington, Stockholm und Peking, kehrte 1953 nach Berlin zurück; die DDR benannte 1956 einen Literatur-Preis nach ihm; Hauptwerke: Drama Föhn, 1921; Gedichte Es geht eine Trommel, 1923; Umsteigen ins 21. Jahrhundert (Erlebnisse in der Sowjetunion), 1927; Wer keine Wahl hat, hat die Qual, 1928; Romane Das Slawenlied, 1931; Lissy oder die Versuchung, 1937 (verfilmt 1954 f.); Himmelfahrtskommando (KZ), 1947; Abschied vom Frieden, 1950
  • 8. April 1900: flehentlicher Bittbrief an Herzl vom "Comité der niedergeschlagenen Arbeiterclasse" in Borislaw/Galizien, das unter der Führung Josef Goldhammers stand
  • Frühjahr 1900: Beginn einer Massenemigration rumänischer Juden, da die Verfolgungen immer unerträglicher wurden; die offiziellen jüdischen Wohlfahrtsorganisationen waren hoffnungslos überfordert und reagierten planlos, riefen Herzl zu Hilfe, der sie (bzw. die Israelitische Allianz) jedoch in der Presse verspottete
  • 18.4.1900: Herzl beim Grossherzog von Baden in Karlsruhe (Dauer: fünf Viertelstunden): Deutschland könne sich augenblicklich nicht für die zionistische Sache exponieren – Österreich hingegen schon; Bülow sei kein eigentlicher Gegner des Zionismus, nur vorsichtig; Herzl will versuchen, in England Lord Salisbury für den Zionismus zu gewinnen, was dann evtl. auch Bülow umstimmen könnte
  • 21.-22.4.1900: Herzl beim „Poeta laureatus“ Alfred Austin in Ashford, der sich (ohne Erfolg) bei Salisbury für Herzl einsetzte
  • 25.4.1900–15.12.1958: Wolfgang Pauli, geb. in Wien, gest. in Zürich; einer der bedeutendsten Physiker des 20. Jhdts.; 1929 Professor in Zürich, 1935/36 und 1940-1946 in den USA; einer der Mitbegründer der Quantentheorie; Entdecker des Pauli-Prinzips; Nobelpreis für Physik 1945; - Pauli wurde in Wien als Sohn eines Universitätsprofessors für Kolloidchemie, Wolfgang Josef Pauli (1869-1955), geboren, der aus einer jüdischen Prager Verleger-Familie stammte, aber zum Katholizismus konvertiert war (sein ursprünglicher Name war Wolf Pascheles); seine Mutter Berta „Maria“ (1878-1927) war Journalistin und Frauenrechtlerin; Pauli hatte noch eine Schwester Hertha (1906-1973), die Schauspielerin und Schriftstellerin war; mit zweitem Vornamen wurde Pauli nach seinem Patenonkel benannt, dem Physiker Ernst Mach; bereits auf dem Gymnasium in Wien galt Pauli als mathematisches Wunderkind; 1918 veröffentlichte er gleich nach dem Abitur seine erste Arbeit über Hermann Weyls Erweiterung von Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie
  • 27.4.1900: Tod des Georg Herz Taubin (geb. 1841); er war ein seit 1878 in Wien lebender vermögender russisch-jüdischer Privatier und hatte Herzl einige Male vor seinem Tod sein beträchtliches Erbe für die zionistische Bewegung angeboten; als Herzl merkte, dass Taubin alkoholkrank und/oder geistesgestört war, war er auf dieses Angebot aus Gewissensgründen nicht mehr zurückgekommen; das Erbe hatte sich dann der ehemalige Wechselstuben-Inhaber Albert Vogl – aus nichtzionistischer Familie – erschlichen, wogegen dessen russische Verwandtschaft klagte und in welchem Zusammenhang Herzl später (März 1901) von der Polizei befragt wurde
  • 1. Mai 1900: Kanns Demissionsbrief an den Aufsichtsrat: "Meine Herren, Ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, dass ich den Entschluss gefasst habe als Director der Jewish Colonial Trust meine Demission zu geben. Als ich bei der Gründung der Gesellschaft den Posten von Director auf mich genommen habe, da habe ich das gethan in der Ueberzeugung, dass ich mit meinen Herren Collegen des Directoriums die ganze Verwaltung der Trust in Händen hätte. Ich habe der Aufsichtsrath immer betrachtet als einen Körper, welcher nur dazu geschaffen sei um vorzusehen, dass die Directoren nie etwas unternehmen würden, dass mit dem Zionismus in Widerspruch war. Darum habe ich es nicht als eine Gefahr betrachtet, dass der Aufsichtsrath nicht aus Geschäftsleuten zusammengesetzt war. Ich sehe nun aber, dass ich micht getäuscht habe, und das fortwährende Eingreifen des Aufsichtsraths, namentlich des Herrn Dr. Herzl's in die Arbeit der Directoren, durch welches Eingreifen nach meiner Ansicht die Existenz der Bank ernstlich gefährdet wird, hat mich zu obigem Entschluss bestimmt. Die Firma Lissa & Kann, welche es als eine grosse Ehre betrachtet hat, die Trust mit gegründet zu haben, muss mit derselben jetzt die Beziehungen abbrechen. Sie werden mir wohl erlauben, dass ich in geeigneter Weise publiciere, dass und warum ich die Trust verlasse. Obgleich ich also meine Demission gebe, weil ich die Arbeiten der Führer der Zionistischen Bewegung in Sache der Trust als unpractisch und gefährlich betrachte, so bitte ich Sie überzeugt zu sein, dass die Zionistische Idee immer meine ganze Sympathie haben wird. Selbst aber thätig mitarbeiten werde ich erst dann wieder, wenn in irgend einer Weise Sicherheit dafür geschaffen wird, dass das durch ernste und schwierige Arbeiten Erreichte geschützt ist gegen leichtsinnige Handlungen von Laien. Hochachtungsvoll, J. Kann"
  • 1. Mai 1900: Herzl reibt sich auf in der Arbeit für die zionistische Sache, gefährdet dabei seine wirtschaftliche Existenz als wichtiger Mitarbeiter der Neuen Freien Presse, gibt privates Geld, wird müde und zweifelnd, schreibt in sein Tagebuch: „Ich weiss jetzt eine gute Grabschrift für mich: „Er hatte eine zu gute Meinung von den Juden.““
  • 4. Mai 1900: Herzl bei Koerber, gibt ihm Informationen für Goluchowski (den österreichischen Aussenminister)
  • 4. Mai 1900: Wolffsohn an Herzl: " Lieber Freund! Ihre beiden Depeschen versetzten mich in nicht geringe Angst und Sorge. Sie fassen die Sachlage viel zu leicht auf, weil Sie die hiesigen Arbeiten die das Spezialcomité zu machen hatte nicht kennen, und nicht wissen, was dazu gehört um unsere Bank zu leiten. Wie konnten Sie bloss mit Kann so verfahren? Ich bin erstaunt dass Sie ihn mit Schach und Landau in einem Athemzuge nennen. Kann ist der einzige von allen jüdischen Bankiers der mit uns ging. Er hat von allen Zionisten die grössten Opfer gebracht. Er hat den höchsten Betrag (1700 Pfund) als Erster bei der Gründung beigesteuert und beinahe 2 Jahre lang mehr gearbeitet wie irgend einer unserer Besten. Kann ist einer der nichts für sich verlangte und erwartete, der seine angesehene sociale Stellung der Sache zu Liebe aufs Spiel setzte. Er ist der ehrlichste aller Freunde unserer Sache und nun diese Behandlung! Hüten Sie sich lieber Freund vor einer solchen Undankbarkeit! Sie könnte sich schrecklich rächen! Was soll nun werden, nachdem Sie die Brücke hinter sich zerstört haben? Ich fürchte sehr stark dass Sie damit das sauer und schwer Erworbene der Zerstörung entgegen führen. Kann war unter uns der einzige Fachmann, der ehrlich nach seinem besten Wissen und Gewissen die Arbeit gethan. Wer soll Alles leiten? Auf mich dürfen Sie dabei nicht rechnen. Es war mir durchaus ernst, als ich damals in Gegenwart von Kann sagte, dass ich den mir übertragenen Posten nur annehme, wenn Kann Vicepräsident wird. Meine Arbeit ist wie mir scheint, bei der Bank gethan. Meine Hauptaufgabe war die Vermittlerrolle, die mir schwer und sauer genug gemacht worden ist, die ich aber durchzuführen bestimmt gehofft hatte. Jetzt aber hat mein Bleiben gar keinen Zweck mehr und ich bitte Sie dringend mich von meinen Posten zu entheben. Vielleicht werde ich Ihnen und der Sache der ich treu ergeben bin, als Privatmann mehr nützen können, als es mir unter den jetzigen Umständen möglich sein wird. Jetzt werden Sie Ihr eigener Minister sein. Sie werden die Bank leiten und ich werde, wenn ich nicht den schwersten Schritt meines Lebens – gegen Sie zu sein – thun sollte, Alles mitmachen müssen, was vielleicht unsere ganze Bewegung ruinieren könnte. Bis jetzt wo ich einen Rückhalt hatte, war es mir ein Vergnügen stets auf Ihrer Seite zu sein. Jetzt aber fürchte ich es nicht mehr zu können. Ich wäre und bin zu Allem bereit, wenn es gilt mit Ihnen zusammen für den Zionismus etwas zu wagen. Hier handelt es sich aber nicht um den Zionismus, hier ist eine Geldangelegenheit im Spiele wozu unser beider Vermögen nicht ausreichen wird, um den Schaden zu decken, der entstehen könnte. Aus dem ganzen Directorium – die besten aus den Zionisten die dafür zu haben waren – bleibt schon jetzt nur der kleinste Theil, und zwar der Theil, der bis jetzt noch nichts gethan höchstens geschimpft und verläumdet hat. Loewe, von dem Sie selbst so wenig halten, wird jetzt der einzige Leiter der Bank, weil er der einzige Fachmann ist und an Ort und Stelle sich befindet. Sie werden sich bald zu Handlungen verleiten lassen, die gegen jede Geschäftspraxis sein werden, und es kann nicht ausbleiben, dass Ihr glänzender Adel und makelloser Name dabei Schaden nehmen wird. Bei Geldsachen wird nicht nach den Motiven, sondern nach den Leistungen geurtheilt. Man nennt Jeden der damit nicht umzugehen versteht und Schaden anrichtet, einen Schwindler. Und Sie, die Hoffnung unseres Volkes, Sie setzen sich unnützer Weise diesen Gefahren aus. Dass Sie nicht viel von Geschäften verstehen, beweist Ihre letzte Handlung, die so unkaufmännisch ist, wie ich sie kaum bezeichnen kann. Bei einem so complicirten und umfangreichen Geschäft wie unsere Bank ist, nehmen Sie binnen 5 Minuten die einzige Leiter ohne Ersatz gestellt zu haben. Jeder Kaufmann wird Ihnen sagen, dass Sie nun die Bureaus absperren und die Thätigkeit einstellen müssen, wenn Sie nicht noch grösseren Schaden anrichten wollen. Die Misswirtschaft über die Sie so oft geklagt, wird eine zehnfache schlimmere werden, dafür garantiere ich Ihnen. Und weswegen ist das Alles geschehen? Einzig und alleine weil Ihnen einige Leute die von der ganzen Sache keine Ahnung haben, weder verantwortlich noch dazu berufen sind, Ihnen gesagt haben, dass man 60 000 Rbl. = 6 000 Pfund in verschiedenen Zahlstellen ansammeln liess, die nach deren Ansicht nicht creditfähig sind, und weil einer der Leitenden Directoren der unbesoldet und selbstlos für die Bank gearbeitet, sich geweigert hat, unlegale Beschlüsse die ohne sein Wissen geführt wurden, auszuführen und weil derselbe die Einmischung anderer in Angelegenheiten die ihm übertragen wurden und für die er die Verantwortung übernommen, ablehnte und zwar ausschliesslich im Interesse der Bank. Denken Sie darüber nach lieber Freund! Rathen kann ich jetzt nicht mehr. Ich kenne Sie zu gut und weiss dass Sie jetzt meinen Rath nicht befolgen werden. Mein innigster Wunsch ist, dass es Ihnen gelingen möge sich aus dieser Affaire ohne viel Schaden zu leiden herauszuziehen [sic]. Mich aber lassen Sie jetzt als treu ergebener [sic] Freund gehen, damit ich nicht ausser aus schönen Hoffnungen auch noch Ihre Zuneigung und Freundschaft verlieren muss. Es ist für mich als Zionist der erste trübe hoffnungslose Tag. Gebe Gott dass ich Unrecht behalte. Ihr stets getreuer D. Wolffsohn"
  • 5.5.1900–28.9.1976: Albert Hochheimer, geb. in Steinheim/Westfalen, gest. in Crocifisso/Tessin, Schriftsteller, Autor von Kinder- und Jugendbüchern, historischen und Abenteuerromanen, Hörspielen und Zeitungsartikeln; er war Lederfabrikant in Offenbach, Kriegsteilnehmer im ersten Weltkrieg, emigrierte nach Holland und Frankreich, war Freiwilliger in der Fremdenlegion; Hauptwerke: Jugendbücher: Der Ausreisser, 1952; Die Salzkarawane, 1966; Der Schatz des Montezuma, 1969; Die Eroberung von Tenochtitlan, 1971; Sachbücher: Die Geschichte der grossen Ströme, 1954 (in verschiedene Sprachen übersetzt); Henri Dunant-Biographie, 1963; Gold, die Geissel der Völker, 1956 (in verschiedene Sprachen übersetzt); Romane: Und setzet ihr nicht das Leben ein, 1960; Die Passagiere der Penelope, 1970
  • 7. Mai 1900: Herzl bei Koerber, Beratungsdienste für die Ansprache anlässlich der Einbringung des Sprachengesetzes; letztlich hält Koerber eine ganz andere Rede; warum hilft Herzl ihm? [Herzl:] „Es geschieht nur, damit er mich an Goluchowski u. dieser an den Sultan empfehle“
  • 7. Mai 1900: Herzls Antwort an Wolffsohn in Köln: "Lieber Freund, Sie suchen doch wol keine Ausrede, um uns zu verlassen? Eine Ausrede brauchen Sie nicht, wenn dieser Moment bei Ihnen eingetreten ist. Dann sagen Sie ganz einfach: Ich habe genug! Und gehen weg. Ich habe mir von Herrn Kann mehr gefallen lassen, als von irgendeinem Menschen, selbst nachdem ich seine Unfähigkeit erkannt habe. Was man nach seinem groben Demissionsbriefe, in dem er andeutete, er werde seinen Austritt öffentlich bekanntgeben, Anderes thun konnte, als eine so würdig gehaltene Erklärung zu veröffentlichen [Herzls Erklärung in der "Welt" IV/18 vom 4.5.1900], das müssen Sie mir erst erklären. War vielleicht dieser Demissionsbrief nur eine Komödie, um noch einmal fussfällig angefleht zu werden? Ich verstehe solche Spässe nicht. Mir ist es Ernst. Was jetzt noch übrig bleibt, ist, die geeigneten Massnahmen zu treffen. Wir werden im Zionismus noch andere, grössere Probleme zu lösen haben, als dieses, und werden die mit Gottes Hilfe lösen. In die Hosen scheissen darf man natürlich nicht, wenn eine Schwierigkeit auftaucht. Die Schwierigkeiten sind dazu da, dass man sich stärke, indem man sie überwindet. Der Bank wird Kanns Austritt colossal nützen. Erstens, weil wir statt eines finanziellen Sportsman ernste Leute bekommen werden. Zweitens, weil die Unzufriedenheit unserer Leute mit der bisherigen Bankgebahrung einen Namen bekommen hat. Ich weiss wol, dass Kann nicht an Allem Schuld ist. Ich glaube sogar, dass dieser mir im Grunde sympathische Mensch von Lourie und Loewe gegen mich aufgehetzt worden ist. Möge er mir durch sein Verhalten jetzt nach der Demission den Rückweg nicht verschliessen. Vielleicht kann ich ihn später, bei geklärten Verhältnissen wieder rufen. Ich bin der Mensch, ihm auch wieder goldene Brücken zur Rückkehr zu bauen, wenn er keine weiteren Dummheiten macht. Er ist ein Erbe, kein Erwerber. Ihn muss man in eine fertige Position hineinsetzen, dann kommen seine von mir anerkannten guten Eigenschaften gewiss noch zum Vorschein. Für die Aufgabe, die ihm diesmal gestellt war, hatte er nicht die Fähigkeiten. Wie Sie von Undankbarkeit reden können, ist mir ein Räthsel. Sie, der Sie wissen, wie hoch ich jedem Genossen der ersten Stunde sein Mitgehen anrechne. Mein lieber Daade, werden Sie nicht locker. Sie lassen sich von zu vielen Leuten beeinflussen. Ich werde Ihnen einen Schlüssel zu jeder Situation, in die Sie gerathen können, geben. Fragen Sie sich immer, ob Sie noch an den Zionismus glauben. Wenn ja, dann gehen Sie ruhig durch Dick u. Dünn mit mir. Ihr Brief strotzt von Bemerkungen, die Ihnen Andere eingeblasen haben. Ich kenne jedes Wort, das von Ihnen u. das von Anderen ist. Wie Sie, der Sie alle meine Anschauungen, meine Opferbereitschaft für die Sache u. meine bisherige väterlich ernste Umsicht in allen zionistischen Angelegenheiten kennen, davon reden können, dass ich leichtfertige Experimente mit der Bank im Sinne habe, das verstehe ich nicht. Das hat Ihnen jemand eingeblasen. Ich will nicht "mein eigener Minister", d. h. Bankverwalter sein, sondern die geeigneten Leute dazu finden. Ich glaube sie schon unter der Hand zu haben u. werde sie Ihnen demnächst vorstellen. Um nun zu Ihrem Demissionswunsche zurückzukehren: das, was Sie angeben, ist kein Grund für mich, es ist überhaupt kein stichhaltiger Grund. Verstehen würde ich das nur, wenn Sie Herrn Kann u. nicht mich als den Führer der zionistischen Bewegung ansehen. Dann gehen Sie in Gottes Namen mit ihm, ich werde Sie nicht halten. Sind Sie aber einfach müde, wie mancher Andere auch, dann überlassen Sie es mir, eine schöne, präsentable Ausrede für Sie zu finden, die sich vor den Leuten sehen lassen kann. Sonst blamiren Sie sich. Aber Sie blamiren auch mich, weil ich so lange an Sie geglaubt und Sie in das Innerste meines Herzens habe blicken lassen. Mit herzlichem Gruss noch immer, Ihr treuer Benjamin [= Herzl] "
  • 9.5.1900–1965: Kurt Wilhelm, geb. in Magdeburg, gest. in Stockholm, jüdischer Gelehrter, spezialisiert auf die Erforschung der Geschichte der so genannten Wissenschaft des Judentums; Kurt Wilhelm, der auch Mitglied des Jung-jüdischen Wanderbundes war, studierte 1919 bis 1923 am Jüdisch-Theologischen Seminar in Breslau und wurde 1923 in Würzburg zum Dr. phil. promoviert; 1925 studierte er am Jewish Theological Seminary in New York und erhielt dort sein Rabbinerdiplom; er lebte und wirkte als liberaler Rabbiner in Braunschweig (1925-1929) und in Dortmund (1929-1933) und wanderte 1933 nach Palästina aus (1936 in Jerusalem Gründung und bis 1948 Rabbiner der liberalen Gemeinde Emet ve-Emunah); 1948 bis 1965 war er Oberrabbiner in Schweden (Stockholm, auch Dozent an der Universität Stockholm), seit 1959 auch Honorarprofessor für die Wissenschaft des Judentums an der Universität Frankfurt am Main; Kurt Wilhelm war verheiratet mit Ilka Wilhelm, die ihn überlebt hat; Hauptwerke: Wege nach Zion. Reiseberichte und Briefe aus Erez Jissrael in drei Jahrhunderten, Berlin 1935 (engl. New York 1948); Von jüdischer Gemeinde und Gemeinschaft. Aus Gemeindebüchern, Satzungen und Verordnungen, Berlin 1938; Jüdischer Glaube, eine Auswahl aus zwei Jahrtausenden (Hrsg.), Berlin etc. 1961; Wissenschaft des Judentums im deutschen Sprachbereich (Hrsg.), 2 Bde., Tübingen 1967
  • 10. Mai 1900: Brief Herzls an Eduard Crespi in Konstantinopel (Original französisch): "Sehr geehrter Herr, aus London zurück, finde ich Ihren geschätzten Brief vom 24. IV. [worin Crespi um Zusendung eines neuen Exposés für das türkische Aussenministerium bittet] vor. Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, dass ich nicht den geringsten Nutzen in der Ausarbeitung eines neuen Exposés sehe. Alles was ich zu sagen habe, habe ich schon mehrmals gesagt. Wenn Sie imstande sind zu handeln, so haben Sie reichlich Information. Wenn Sie aber nichts machen können, wäre es besser, es mir einfach zu sagen. Was verlange ich schliesslich? Von Seiner Majestät in Audienz empfangen zu werden, um ihm für sein Reich vorteilhafte Vorschläge zu machen. Er kann sie zurückweisen, wenn er sie nicht gut genug findet. Die genaue Wahrheit aber ist, dass wir die Einzigen sind, die der Türkei etwas bringen. Und dieses Etwas beziffert sich auf Hunderte von Millionen. Wenn man es vorzieht, sich eine Konzession nach der nächsten von anderen ohne Gegenleistung entreissen zu lassen, soll man das tun. Wir warten in diesem Fall ruhig auf unsere Stunde, und all jene, die viel durch uns hätten gewinnen können, werden nichts haben. Nehmen Sie, sehr geehrter Herr, meine vornehmsten Grüsse entgegen, Herzl"
  • 12.5.1900–6.5.1971: Helene Weigel („Helli“ genannt), geb. in Wien, gest. in Berlin, Schauspielerin und Intendantin des Berliner Ensembles, lernte Bert Brecht 1923 kennen, Geburt des gemeinsamen Sohnes Stefan 1924 (da war Brecht noch mit seiner ersten Frau verheiratet), Heirat mit Brecht fünf Jahre später, 1930 kam die Tochter Barbara zur Welt (Haupterbin Brechts und Inhaberin aller Rechte an Brechts Stücken, die sie nur sehr restriktiv vergab); 1933-1947 Emigration; fast alle Frauengestalten der Brechtschen Stücke sind von Helene Weigel beeinflusst, fast alle hat sie verkörpert; 1948 Rolle in der Uraufführung von Brechts Antigone in Chur; 1950 war Helene Weigel Gründungsmitglied der Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin, für die SED trat sie als Kandidatin für die Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus an, dreimal erhielt sie den Nationalpreis der DDR, 1960 erhielt sie den Professorentitel, 1965 den Vaterländischen Verdienstorden in Silber; der Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei 1968 liess sie an der DDR verzweifeln
  • 15. Mai 1900: Brief Herzls an David Wolffsohn in Köln: " Lieber Freund, nun ist es wol Jedermann klar, dass Lourie hinter Kann gesteckt und diesen Esel aufgestachelt hat. Dass Kann ein Esel ist, zeigt mir sein Brief, den Sie mir heute beilegen. Er weiss also noch immer nicht, welchen furchtbaren Stoss er der Bank gegeben oder doch zu geben versucht hat. Auf Louries unerhörtes Circular erlassen wir heute eine Antwort streng vertraulicher Natur. Ihrem Freunde Kann können Sie sagen, dass er mein Vertrauen, das ich in ihn setzte, schlecht belohnt hat. Er hat mir eine der bittersten und kostspieligsten Lehren gegeben. Ich bin diesem jungen Menschen mit grösster Sympathie und Liebenswürdigkeit entgegengekommen, wollte aus ihm einen grossen Menschen machen (das klingt vielleicht unbescheiden) indem ich ihn an vorderster Stelle an einem grossen Werk mitarbeiten liess. Zu dumm um das zu verstehen, hat er sich von Intriganten gegen meine "Tyrannei" aufhetzen lassen. Am Zionismus hat er sich schwer versündigt. Was er mir angethan hat, daran denke ich keinen Augenblick. Ich bin doch kein eitler Narr. Ich würde ihm heute die Hand reichen, als Erster sogar, ich würde ihn geradezu bitten, wieder in die Verwaltung einzutreten – da Lourie beseitigt ist – aber das ist nach seiner scandalösen Publication ausgeschlossen. Ich habe es immer gesagt: wenn ein Jud dumm ist, ist er schrecklich dumm. Das ist Kanns Fall. Alle Schufte haben uns bisher nicht so weh gethan, wie dieser gottverlassene Esel. Ich garantire Ihnen, dass er auch noch das Vergnügen haben wird, den von seiner hochfahrenden Dummheit angerichteten Schaden (Vertrag Loewe etc. etc.) zu bezahlen, wenn er noch eine einzige Zeile veröffentlicht. Er spielt doch nicht mit kleinen Kindern. Im Uebrigen ist mir nicht bange. Ich bin schon anderen Schwierigkeiten beigekommen, als dieser. Lassen Sie sich nur nicht die Hoden herausschneiden, und verlassen Sie sich auf Ihren Benjamin [= Herzl]"
  • 16.5.1900: Brief Herzls an Wolffsohn: "Lieber Freund, Kanns Brief zeigt mir, dass er noch nicht genug Scandal hat. Was sagte ich Ihnen? Er benimmt sich wie Fabius Schach u. Landau, nur richtet er leider viel mehr Schaden an. Er wird schliesslich noch blamirter sein, als die Herren. Sie wollen immer intervenieren, aber Sie intervenieren zu spät, wenn der Schaden schon angerichtet ist. Schreiben Sie jetzt Kann Folgendes: Sie setzen sich immer tiefer ins Unrecht durch Ihren Eigensinn u. machen endlich auch mich zu Ihrem Gegner. Lourie, der wahrscheinlich an der ganzen Verhetzung Schuld trägt, hatte wenigstens die Rücksicht, die Auseinandersetzung in einem streng vertraulichen Circular an die Functionäre der Bank vorzunehmen. Sie tragen einen Familienstreit in die Oeffentlichkeit. Sie waren durch die Drohung mit der Publication in Ihrem Demissionsbriefe Schuld daran, dass der Aufsichtsrath ein Communiqué erlassen musste. In diesem Communiqué hat man Sie als ehrenhaften u. verdienstvollen Mann hingestellt u. der Differenz einen rein sachlichen Charakter gegeben. Daraus machen Sie Scandal in den antizionistischen Blättern u. beschuldigen Dr. Herzl eines leichtsinnigen Gebahrens, weil er von den zahllosen Reclamationen u. der uns Allen wohlbekannten Misswirthschaft in London beunruhigt war und weil er in einemfort um Abhilfe depeschirte. Die Versammlungen, die er einberief, hatten nur den Zweck, eine Aussprache u. besseren Geschäftsgang herbeizuführen. Dass diese Reisespesen hinausgeworfen waren, war Ihre u. Louries Schuld, weil Sie nicht erschienen. All das kann u. wird Herzl leicht rechtfertigen u. Sie stehen dann als derjenige da, der unseren Führer beschimpft hat. Dass Herzl eine sichere Anlage aufgeben wollte, um unsichere zu machen, das wissen Sie selbst ist nicht wahr. Er wird Ihnen am Ende noch einen Verleumdungsprocess machen. Wie es sich mit dem Depot von 3000 Pfund beim Actions Comité verhält, wissen wir doch Alle. Es sollte nur für den Charter, sonst aber nicht genommen werden. Wenn Sie aber eine solche Sache in die Oeffentlichkeit tragen, handeln Sie nicht mehr als Ehrenmann. Man hat Ihnen gewisse geheime Dinge unter Ehrenwort anvertraut. Ich war selbst dabei, wie Ihnen Ihr Ehrenwort abgenommen wurde. Wenn Sie solche Dinge zur Sprache bringen, so werden Sie wohl dem Zionismus einen Augenblick unangenehm werden, aber dann werden sich alle anständigen Leute von Ihnen abwenden. Was machen Sie jetzt für unbestimmte Anspielungen? Glauben Sie, dass Herzl einen Schatten auf seiner Ehre dulden wird? Er wird Sie auffordern, Ihre Anspielungen zu begründen u. wird darthun, dass Sie darauf gerechnet hatten, er müsse schweigen, um die Arbeiten seiner Agenten in Konstantinopel nicht zu compromittieren. So werden Sie derjenige sein, der verleumdet hat, der Indiscretionen begangen hat u. dem Zionismus schwere Wunden zu schlagen versucht hat. Betrachten Sie mich nicht länger als Ihren Freund, wenn Sie die Zeitungspolemik noch mit einer Zeile fortsetzen. Wenn Sie auf die Erklärungen der Wiener Herren noch etwas antworten wollen, so thun Sie es in einem streng vertraulichen Circular. Aber hüten Sie sich vor weiteren Zeitungspublicationen. Da sind Sie erstens Herzl nicht gewachsen, zweitens fügen Sie der Bank unberechenbaren Schaden zu, drittens kränken Sie u. entfremden sich Ihren Freund: Wolffsohn. – So müssen Sie Kann schreiben, wenn Sie noch retten wollen, was möglich ist. Ich fürchte, es ist zu spät. Sie waren zu gut u. nachgiebig gegen Kann und Lourie. Sie hätten viel verhindern können, wenn Sie Einspruch erhoben hätten, wie ich es von Ihnen erwarten durfte. Machen Sie jetzt wenigstens keinen Fehler mehr. Ich grüsse Sie herzlich. Ihr getreuer Benjamin [= Herzl] "
  • 20. Mai 1900: Brief Herzls an Wolffsohn in Köln (Auszüge): "Aus Kanns Briefstelle, "er lasse sich nicht opfern" schliesse ich, dass Sie ihm noch immer als Freund Einblick in meine Correspondenz gewähren. Denn dieses Wort kann sich nur auf meine Bemerkung beziehen, die Unzufriedenheit werde den Namen Kann bekommen. Das ist aber seine, nicht meine Schuld. Seien Sie vorsichtig, Daade! Sie sprechen immer von meinen Fehlern in der Banksache. Ich habe von den Ihrigen nicht gesprochen, weil ich weiss, wie sehr es Sie kränken würde. Aber, mein guter Daade, weitere Fehler dürfen nicht begangen werden. Kann steht ausserhalb, dem entsprechend haben Sie ihn zu behandeln. Er ist unser Vertrauensmann nicht mehr nach dem was er angestellt hat. Nur das Eine können Sie ihm noch von mir sagen: dass ich ihn für einen eigensinnigen Esel aber trotz des schweren Vergehens das er durch seine Publication begangen hat für keinen schlechten Menschen halte. Es thut mir sehr leid um ihn, weil ich ihn gern gehabt habe. Dass er ein Esel war u. sich von Lourie u. Loewe gegen mich aufhetzen liess, wird er wol schon einsehen, oder doch in den nächsten Wochen, bis ich die ganze Intrigue blossgelegt habe. Es thut mir insbesondere darum leid um unseren holländischen Esel, weil er mich für undankbar halten wird, was ich – Gott ist mein Zeuge – nicht bin ... Es zeigt sich wieder einmal, warum ich der Führer bin, obwol unter Euch viele viel bessere Männer sind als ich. Weil ich nämlich nicht in die Hosen scheisse! Wie Sie glauben konnten, dass wir auf Kanns öffentliche Erklärung er gehe weil wir der Bank "eine gefährliche Wendung" geben nicht antworten würden, ist mir einfach unerfindlich. Wenn er repliciren wird, werden wir dupliciren. Er soll sich nur in acht nehmen, dass er sich nicht in einen Verleumdungsprocess verwickelt ... Seien Sie der Präsident der Bank, ich verlange nichts Besseres. Ich werde mich als Erster vor Ihnen beugen, wenn Sie es wirklich sind u. nicht andere für sich präsidiren lassen. Denn zu Ihnen habe ich unerschütterliches Vertrauen. Gott zum Gruss, Ihr Benjamin "
  • 20. Mai 1900: Paul Naschauer, der Bruder von Herzls Frau Julie und Herausgeber der Welt, stirbt unerwartet in Wien im Alter von nur 34 Jahren
  • 21.5.1900–1989: Fritz Naschitz, geb. in Wien, gest. in Tel Aviv; Studium in Ungarn, Deutschland und Frankreich; 1940 Auswanderung nach Palästina und dort im Industriellenverband aktiv; in Israel übernahm er den Posten des Vorsitzenden des Verbandes deutschsprachiger Schriftsteller; erhielt später das deutsche Bundesverdienstkreuz
  • 23. Mai 1900: Herzl bei Koerber; Herzl rät, wie man die Verwaltung auf Linie bringt, verfasst auf Koerbers Wunsch einen Fragebogen für die Behörden
  • 4.6.1900–12.2.1971: Rabbi Nelson Glueck, geb. u. gest. in Cincinnati, US-amerikanischer Reformrabbiner und biblischer Archäologe, der sich mit bahnbrechenden Untersuchungen im Jordantal und im Negev einen Namen machte, archäologische Funde aber nicht wertfrei stets im Hinblick auf die Bibel bewertete; über vier Jahrzehnte hinweg lokalisierte ca. 1500 biblische Orte
  • 7.6.1900: Brief Herzls an M. G. Schlaposchnikoff [1858 – nach 1913, Arzt, Delegierter der ersten vier Zionistenkongresse] in Charkow, Russland: "Sehr geehrter Herr Gesinnungsgenosse! Es wird nothwendig sein, am Londoner Congresse die Universalität unserer Bewegung stärker zu betonen. Von grossem Nutzen wäre eine Delegation der tscherkessischen Bergjuden. Könnten Sie nicht bei den Beziehungen, die Sie besitzen, ein Arrangement treffen, dass Sie nach London 2 oder 3 Originaljuden aus dem Kaukasus mitbringen ... "
  • 16.6.1900: Herzl besucht Vámbéry in Tirol und schreibt darüber in seinen Tagebüchern: „Ich habe einen der interessantesten Menschen kennen gelernt in diesem hinkenden 70jährigen, ungarischen Juden, der nicht weiss ob er mehr Türke oder Engländer ist, deutsch schriftstellert, 12 Sprachen mit gleicher Perfection spricht u. 5 Religionen bekannt hat, wovon er in zweien Priester war. Bei der intimen Kenntniss so vieler Religionen musste er natürlich Atheist werden. Er erzählte mir 1001 Geschichte [sic] aus dem Orient, von seiner Intimität mit dem Sultan etc. Er fasste sofort volles Vertrauen zu mir u. sagte mir unter Ehrenwort, er sei englischer u. türkischer Geheimagent. Die Professur in Ungarn ein Aushängeschild, nachdem es lange eine Marter gewesen inmitten einer judenfeindlichen Gesellschaft. Er zeigte mir eine Menge geheimer Schriftstücke, allerdings in türkischer Sprache, die ich nicht lesen, nur bewundern kann. U. A. eigenhändige Aufzeichnungen des Sultans. Hechler schickte er gleich schroff weg er wollte mit mir allein sein. Er begann: „Ich will kein Geld haben ich bin ein reicher Mann. Goldene Beefsteaks kann ich nicht essen. Eine viertel Million hab’ ich, ich brauche nicht die Hälfte meiner Zinsen. Wenn ich Ihnen helfe ist’s wegen der Sache.“ Er liess sich von mir alle Details unseres Planes, Geld etc. sagen. Er vertraute mir an, der Sultan habe ihn gerufen, um in den europäischen Blättern Stimmung für ihn zu machen. Ob ich da mithelfen könne? Ich antwortete evasiv. Zwischendurch kam er immer wieder auf die Denkwürdigkeiten seines Lebens zurück, die allerdings gross waren. Durch Disraeli wurde er Agent Englands. In der Türkei begann er als Sänger in Kaffeehäusern, anderthalb Jahre später war er Intimus des Grossveziers. Er könnte in Yildiz [in den Gemächern des Sultans] schlafen, meint aber, man könne ihn da ermorden. Er isst an des Sultans Tisch – in der Intimität mit den Fingern aus der Schüssel – aber er kann den Gedanken der Vergiftung nicht loskriegen. Und hundert andere solche pittoreske Sachen. Ich sagte ihm … schreiben Sie dem Sultan er möge mich empfangen, 1. weil ich ihm in der Presse Dienste leisten kann, 2. weil die blosse Thatsache meines Erscheinens ihm seinen Credit hebt. Am liebsten wäre mir, wenn Sie der Dolmetsch wären. Aber er fürchtet die Strapazen der Sommerreise. Meine Zeit war um. Es blieb im Ungewissen, ob er was thun wird … Aber er umarmte und küsste mich, als ich Abschied nahm … „
  • 19.11.1900–1.6.1983: Anna Seghers, Schriftstellerin, bürgerlich Netty Radványi, gebürtig Reiling, das Pseudonym „Seghers“ entlieh sie dem von ihr geschätzten niederländischen Radierer und Maler Hercules Pieterszoon/Pietersz Seghers (ca. 1590 – ca. 1638, auch: Segers); Anna Seghers wurde geboren in Mainz und starb in Berlin Ost; sie war das einzige Kind des Mainzer Kunsthändlers Isidor Reiling und seiner Frau Hedwig (geb. Fuld); die Familie bekannte sich zum orthodoxen Judentum; allerdings war das abgegriffenste Buch in der Familienbibliothek der Reilings die Lutherbibel; sie heiratete einen ungarischen Sozialisten, 1928 Mitglied der KPD; als Emigrantin seit 1933 in Frankreich und Mexiko; seit 1947 in Ostberlin, dort Nationalpreisträgerin und Präsidentin des Schriftstellerverbands; gegenüber dem Unrecht, vom DDR-Regime begangen an Walter Janka, dem Leiter des Aufbau-Verlags, der auch ihre Bücher verlegte, an Heiner Müller, an Wolf Biermann und vielen anderen, blieb sie stumm; ihre Parteitreue und unverhohlene Stalin-Begeisterung irritiert; Erzählungen und Romane (Auswahl): „Der Aufstand der Fischer von St. Barbara“, 1928; „Die Rettung“, 1937; „Das siebte Kreuz“, 1942; „Transit“, spanisch 1944, deutsch 1948; „Der Ausflug der toten Mädchen“, 1946; „Die Toten bleiben jung“, 1949; „Die Entscheidung“, 1959; „Das Vertrauen“, 1969; „Überfahrt“, 1971; „Steinzeitliche Wiederbegegnung“, 1977

Bücher

  • Salomon Bamberger, Historische Berichte über die Juden in der Stadt und des ehemaligen Fürstbistums Aschaffenburg, Strassburg 1900
  • M. Rosenmann, Jüdische Realpolitik in Oesterreich, Wien 1900
  • General Elections 1900. Opinions of Parliamentary Candidates on Zionism, hrsg. von der English Zionist Federation
  • Ludwig Müller, Aus fünf Jahrhunderten. Beiträge zur Geschichte der jüdischen Gemeinden im Ries, Augsburg 1900
  • Alphonse Levy, Geschichte der Juden in Sachsen, Berlin 1900
  • Robert Jaffe, Ahasver, Berlin 1900
  • Emil Kautzsch (Hrsg.), Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments, 2 Bde., Tübingen 1900 (in Verbindung mit Fachgenossen)
  • Prof. Hermann Leberecht Strack, Das Blut im Glauben und Aberglauben der Menschheit, 1900
  • Emil Kronberger, Zionisten und Christen. Ein Beitrag zur Erkenntnis des Zionismus, Leipzig 1900
  • Theodor Herzl, Philosophische Erzählungen, Berlin 1900 (Sammlung von 17 Feuilletons aus den Jahren 1887-1900)

Zeitungen und Zeitschriften

  • 1900: Der Schadchen, in New York wöchentlich erscheinende, der Vermittlung jüdischer Ehen dienende Zeitschrift
  • 1900: Die von Herzl seit 1897 in Wien herausgegebene Welt bekommt eine ebenfalls in Wien wöchentlich herausgegebene jiddische Parallel-Ausgabe (die sich dann aber nur ein Jahr halten kann)
  • 1900: Israelitisches Wochenblatt, in Berlin wöchentlich in deutscher Sprache erscheinend
  • 1900–1934: Jüdische Volksstimme; Herausgeber: Max Hickl (1900-1920), Gustav Kohn (1920) u.a.; Redaktion: Jakob Fingermann, Isaak Zandner, Arnold Hickl u.a.; erschien seit Februar 1900 wöchentlich im Brünner Verlag von Max Hickl; zur Jahresmitte 1934 wurde das Blatt eingestellt; die "Jüdische Volksstimme" war 1900 von dem Brünner Verleger Max Hickl (1874-1924) ins Leben gerufen worden und fand ihr Hauptabsatzgebiet zunächst vor allem in den östlichen Regionen der k.u.k. Monarchie Österreich-Ungarn; neben Herzls "Welt" (1897-1914) wurde die Zeitschrift bald zum zweiten überregionalen Organ, das sich mit grosser Resonanz der Unterstützung des zionistischen Programms widmete; die Wochenschrift, die mit Änderung des Verlagsorts kurzzeitig unter dem Titel "Wiener Jüdische Volksstimme" erschien, richtete sich insbesondere an die jüdische Arbeiter- und Handwerkerschaft; berichtet wurde über alle Lebensbereiche und Tagesereignisse, die das Judentum bzw. den Zionismus bzw. den militanter werdenden Antisemitismus betrafen; einen besonderen Schwerpunkt bildete die Berichterstattung über das Ostjudentum, dessen gefährdete Existenz dem weitgehend assimilierten Westen vermittelt werden sollte
  • 1900–1935: Jung Juda, in Prag erschienen

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