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1903

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Ereignisse

  • 19. April 1903: In Kischinew/Russland kommt es zu dreitägigen Massenpogromen von russischen Christen gegen Juden, bei denen die Polizeikräfte nicht eingreifen. Nach internationalen Protesten erklärt das russische Innenministerium die Judenverfolgung mit deren sozialistischen Aufruhr gegen Zar Nikolaus II. Journalisten vermuten eher eine Sündenbock-Politik angesichts der Wirtschaftsmisere, der weitverbreiteten Armut und wachsenden Arbeiterunruhen.
  • 25. April 1903–14. Mai 2004: Hermann Gundersheimer, Kunsthistoriker
  • 10.5.1903-5.2.1993: Hans Jonas, jüdischer Philosoph und Religionswissenschaftler deutscher Herkunft, geb. in Mönchengladbach, gest. in New York; emigrierte 1933; lebte ab 1955 in den USA; lehrte in Jerusalem, Montreal, Ottawa und New York; Untersuchungen zum mythischen Ursprung und zur Wirkungsgeschichte der Gnosis; Entwicklung einer neuen Verantwortungsethik; erhielt 1987 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels; Hauptwerke: „Augustin und das Paulinische Freiheitsproblem“, 1930; „Gnosis und spätantiker Geist“, 2 Bände, 1934-1954; „The Gnostic Religion“, 1958; Das Prinzip Verantwortung, 1979; Hans Jonas wurde 1903 in Mönchengladbach als Sohn des Textilfabrikanten Gustav Jonas und seiner Frau Rosa geboren, der Tochter des Krefelder Oberrabbiners Jakob Horowitz; in seiner Jugend wandte er sich gegen den Willen des Vaters örtlichen zionistischen Zirkeln zu; sein Bruder verstarb 1916; Hans Jonas besuchte das Stiftische Humanistische Gymnasium in Mönchengladbach und legte dort 1921 sein Abitur ab; nach dem Studium der Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte in Freiburg, Berlin, Heidelberg und Marburg (u.a. bei Edmund Husserl, Martin Heidegger und Rudolf Bultmann) promovierte Hans Jonas 1928 mit einer Arbeit zum „Begriff der Gnosis“; mit seiner Kommilitonin Hannah Arendt verband ihn eine enge Freundschaft, die lediglich für einige Zeit wegen Auseinandersetzungen über ihr Werk Eichmann in Jerusalem unterbrochen war; an seinem ersten Buch arbeitete er in Heidelberg, wo sich auch Arendt aufhielt, zum Thema: Augustinus und das paulinische Problem der Freiheit, einem zur Dissertation Arendts eng verwandten Gebiet; 1933 wanderte er nach London aus, 1935 nach Palästina (Jerusalem); von 1940 bis 1945 war er britischer Soldat in der Jüdischen Brigade, 1948 bis 1949 in der israelischen Armee; nach der Rückkehr nach Deutschland erfuhr er von der Verschleppung und der Ermordung seiner Mutter in Auschwitz; 1949 siedelte Jonas nach Kanada und 1955 schliesslich nach New York über; er war Fellow an der McGill University Montreal und 1950-1954 an der Carleton University Ottawa sowie anschliessend Professor an der New School for Social Research/New York; Gastprofessuren hatte er an der Princeton University, Columbia University, University of Chicago und der Ludwig-Maximilians-Universität München inne; für sein Werk erhielt Jonas zahlreiche internationale Auszeichnungen, 1987 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, die Ehrenbürgerschaft seiner Heimatstadt Mönchengladbach, zahlreiche Ehrendoktorate wie von der Universität Konstanz (Philosophie) und die Verleihung von Ehrenmitgliedschaften in der American Academy of Arts and Science (Cambridge) und der International Academy of Science; 2003 erschien zum 10-jährigen Todestag seine Autobiographie „Erinnerungen“; Jonas beschäftigte sich zunächst vorwiegend mit geistes- und philosophiegeschichtlichen Themen; dabei galt sein Hauptinteresse der spätantiken Gnosis, die er aus existenzphilosophischer Perspektive als Ausdruck der menschlichen Grunderfahrung einer tiefen Entzweiung von Ich und Welt deutete; spätere Arbeiten entwickelten die Konzeption einer philosophischen Biologie, die als ontologisch orientierte Philosophie des Organischen den in Gnosis und Neuzeit gleichermassen aufbrechenden Dualismus von Subjekt und Objekt, Geist und Materie, Seele und Leib, Freiheit und Notwendigkeit theoretisch zu überwinden versucht; ihr zufolge bildet das Organische bereits in seinen phylo- und ontogenetisch elementarsten Formen das Geistige vor, während der Geist umgekehrt noch in seinen höchsten und subtilsten Leistungen stets Teil des Organischen bleibt; so wird z. B. die alles Geistige wesentlich kennzeichnende Freiheit als ein im Kern schon im organischen Vorgang des Stoffwechsels angelegtes Prinzip interpretiert, das sich in steter Abhängigkeit von seinen materiellen Grundlagen gleichwohl zu gattungsgeschichtlich immer höher entwickelten Formen entfaltet; auf dieser naturphilosophischen Grundlage wandte sich Jonas schliesslich zunehmend ethischen Fragestellungen zu, die insbesondere das Verhältnis des Menschen zur Natur und seinen Umgang mit der Technik betreffen; gegenüber der vorwiegend auf den Menschen als denkendes und handelndes Subjekt bezogenen Ethik der Neuzeit blieb dabei der ontologische Gesichtspunkt bestimmend: Was gut und richtig ist, verdankt sich nicht primär subjektiver Reflexion, sondern ist im Sein selbst gleichsam objektiv vorgezeichnet; Jonas' Hauptwerk erschien 1979 unter dem Titel Das Prinzip Verantwortung - Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation; aus ihm stammt das bekannte, in der Formulierung an Kants kategorischen Imperativ angelehnte Zitat, das auch als „ökologischer Imperativ“ bekannt ist: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ Zuletzt suchte Jonas diesen verantwortungsethischen Ansatz auch für konkrete Anwendungsfelder wie die Ökologie, die Medizin und insbesondere die Biomedizin zu präzisieren; im Spätwerk hat sich Jonas wieder vermehrt religionsphilosophischen Fragestellungen zugewandt, die insbesondere die eigene jüdische Tradition einer neuen Lesart unterzogen haben; von besonderer Bedeutung ist hier sein Beitrag zur Theodizeefrage nach Auschwitz (Der Gottesbegriff nach Auschwitz: eine jüdische Stimme, 1984); um nach dem millionenfachen Mord an den Juden Europas überhaupt noch von Gott sprechen zu können, müsse die Vorstellung von der Allmacht Gottes aufgegeben werden; Gott, der sich in der Erschaffung der Welt ihrem zufällig evolutionären Werden ausgesetzt hat, bleibt zwar gütig und steht in Kommunikation zu seiner Schöpfung, doch kann er selbst auf den Weltlauf keinen Einfluss nehmen; die Verantwortung für das Böse in der Welt trägt infolgedessen der Mensch allein
  • 11.9.1903-6.8.1969: Theodor W. Adorno (eigentlich Theodor Ludwig Wiesengrund-Adorno), geb. in Frankfurt a. M., gest. in Visp/Wallis (an einem Herzinfarkt in ungewohnter Höhe); Soziologie-Professor, führender Kultur- und Sozialphilosoph, Musikwissenschaftler (er war auch Thomas Manns wichtigster Berater in allen musiktheoretischen Fragen beim Verfassen des "Doktor Faustus"), Musikkritiker, auch Komponist (vor allem Klavierliederzyklen); herausragender Theoretiker der "Neuen Linken" und der "Frankfurter Schule" ("Kritische Theorie"); seit frühester Kindheit höchstbegabt, überspringt mehrere Klassen des Gymnasiums; Promotion 1924 (summa cum laude) über Husserl; Kompositionsstudium bei Alban Berg in Wien; 1927 wieder in Frankfurt, dort 1930/31 Habilitation bei Paul Tillich über Kierkegaard (Habil.-Schrift dem Freund Siegfried Kracauer gewidmet), seitdem Dozent an der Universität Frankfurt, 1934 nach Oxford emigriert, lehrte zur Hitler-Zeit u. a. in London, New York (seit 1938) und Los Angeles (dort Direktor des Research Projects über Racial Discrimination; hierbei erschien unter seiner wesentlichen Mitarbeit das Werk über "The Authoritarian Personality"), danach seit 1949 an der Universität Frankfurt/M. (Prof. für Sozialphilosophie 1950-1969); jüdischer Vater: Oscar Alexander Wiesengrund (1870-1946), Weingrosshändler, bereits zum Protestantismus gewechselt; nichtjüdische (katholische) Mutter: Marie Adorno (Maria Barbara, geb. Calvelli-Adorno, 1865-1952); Adorno selbst protestantisch getauft; seit 1937 verheiratet mit der Chemikerin Margarete Karplus ("Gretel", 1902-1993); Adornos Hauptwerke: Kierkegaard, 1933; Philosophie der neuen Musik, 1949, 3. Aufl. 1966; Dialektik der Aufklärung (mit M. Horkheimer), 1947; Einleitung in die Musiksoziologie, 1962; Negative Dialektik, 1966; weitere Werke: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben (1951); Versuche über Wagner; Prismen; Kulturkritik und Gesellschaft; Dissonanzen. Musik in der verwalteten Welt (1956); Aspekte der Hegelschen Philosophie (1957); Ästhetische Theorie, postum 1970
  • 26.11.1903: Alice Sommer (Alice Herz-Sommer) in Prag geboren, tschechisch-jüdische Pianistin und Musikpädagogin, "die Pianistin von Theresienstadt", wo sie als junge Frau mehr als 100 Konzerte gab; sie ist Mutter des 2001 verstorbenen Cellisten und Dirigenten Raphael Sommer und Witwe des Geigers Leopold Sommer; ihr Sohn Raphael war Schüler von Paul Tortelier und Mitglied des Solomon Trio; Alice Herz-Sommer spielt mit über 100 Jahren noch immer täglich mehrere Stunden Klavier; sie wurde am 26. November 1903 zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Marianne in Prag geboren; als Tochter des Fabrikantenehepaars Sofie und Friedrich Herz wuchs sie im Umfeld eines aufgeklärten und liberalen Bürgertums auf; bereits in frühen Jahren entdeckte sie ihre Liebe zur Musik; mit drei Jahren sass sie das erste Mal am Klavier, bereits mit fünf Jahren bekam sie Klavierunterricht, ausserdem erlernte sie mehrere Fremdsprachen; in ihrem Elternhaus verkehrten bekannte Schriftsteller, Wissenschaftler, Musiker und Schauspieler wie Sigmund Freud und Franz Kafka, der für Alice wie ein älterer Bruder war und oft mit ihr spazieren ging; Alice Herz-Sommer ist wohl einer der letzten lebenden Menschen, die Franz Kafka noch persönlich kannten; er war Freund ihres Schwagers, des Journalisten, Schriftstellers und Philosophen Felix Weltsch; Kafka, Weltsch, der Journalist Oskar Baum und Max Brod kamen jeden Sonntag zusammen, um über das Tagesgeschehen und die Politik zu sprechen und sich gegenseitig vorzulesen, was sie unter der Woche geschrieben hatten; Alice war es als zehnjähriges Mädchen des Öfteren erlaubt, mitzukommen. Die Eltern waren zudem intensiv befreundet mit den Eltern von Gustav Mahler; auch Franz Werfel lernte Alice kennen; während der Zeit des Ersten Weltkriegs verlor ihr Vater fast sein gesamtes Vermögen; nach dem Ersten Weltkrieg wird sie mit 16 Jahren das jüngste Mitglied an der Deutschen Musikakademie Prag, wenige Jahre später ist Alice eine der bekanntesten Pianistinnen der Stadt, und zu Beginn der dreissiger Jahre ist sie auch in Europa als Pianistin bekannt; zusammen mit dem Chor der Musikakademie führte sie die 8. Symphonie von Gustav Mahler unter der Leitung von Alexander Zemlinsky auf; sie gewann mehrere Auszeichnungen; Max Brod verfasste aufgrund ihres Talents einige Jahre später mehrere Musikkritiken über Alice; als sie dem österreichischen Pianisten und Komponisten Artur Schnabel vorspielte, um seine Meisterschülerin zu werden, lehnte dieser ab mit dem Argument, er könne ihr weder technisch noch musikalisch etwas beibringen; 1931 heiratet sie den Geiger Leopold Sommer; die beiden bekommen 1937 einen Sohn: Raphael Sommer; nach und nach verschlechtert sich ihre Lebensituation; als die deutsche Wehrmacht im März 1939 Prag besetzt, beginnt auch dort die Verfolgung der jüdischen Bürger; einige Bekannte, Freunde und Verwandte wie ihre Schwester Irma sowie ihr Schwager Felix Weltsch und Max Brod konnten mit dem letzten Zug am 14. März 1939 fliehen; Alice, die nun schon eine bekannte und gefeierte Pianistin war, wurde aufgrund ihrer jüdischen Herkunft mit einem Auftrittsverbot belegt; in Prag wie auch in zahlreichen anderen von den Nazis besetzten Städten entwickelte sich jetzt ein reges Hauskonzertleben, Alice und ihre Freundin Edith Kraus, ebenfalls Pianistin, veranstalteten und spielten viele solcher Hauskonzerte, doch aufgrund der zunehmenden Unterdrückung der jüdischen Bevölkerung und anderer Minderheiten konnten die Freundinnen sich gegenseitig nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr besuchen, da sie zu weit voneinander entfernt wohnten und es den Juden der Stadt verboten war, nach 20 Uhr noch auf der Strasse zu sein; somit lud man überwiegend Freunde aus der direkten Nachbarschaft als Gäste; zu Alice kam ein paarmal der Komponist, Dirigent und Pianist Viktor Ullmann; den Lebensunterhalt der Familie konnte Alice mit dem Klavierunterricht finanzieren, durch die deutsche Besatzung wurde dies jedoch auch von Tag zu Tag schwieriger, denn Juden durften keine Nicht-Juden mehr unterrichten, somit wurde vielen Juden auch die letzte Lebensgrundlage genommen; dennoch setzte sich Alice über die Bestimmungen hinweg und unterrichtete weiter. - „Es war alles verboten, man konnte kaum mehr wo einkaufen, mit der Tram nicht mehr fahren. In einen Park durften wir nicht gehen. Wir sind mit unseren Kindern auf einen jüdischen Friedhof gegangen, damit sie bessere Luft schnappen konnten.“ 1942 deportierten die Nazis ihre 72 Jahre alte und kranke Mutter; sie sahen sich nie wieder; neben ihrer Mutter verlor auch ihr Ehemann Leopold später im KZ sein Leben; Alice Herz-Sommer, sonst eher eine Optimistin, verfiel daraufhin in Depressionen; ein einschneidendes und prägendes Erlebnis hatte sie eines Tages, als sie durch die Strassen von Prag ging: „Eine innere Stimme kam mir in den Sinn, an die ich mich auch nach 80 Jahren noch genau erinnere, an welcher Stelle in Prag dies geschah. Diese Stimme sagte mir: Jetzt kannst nur du dir helfen, nicht der Mann, nicht der Doktor, nicht das Kind. Und im selben Moment wusste ich: Ich muss die 24 Etüden von Frédéric Chopin spielen. Diese Etüden sind die grösste Anforderung an jeden Pianisten. Sie sind wie Goethes Faust oder Shakespeares Hamlet. Herrliche Kompositionen. Ich rannte nach Hause, und von dem Moment an habe ich Stunden um Stunden und Stunden geübt, bis zu unserer Deportierung.“ Mehr als ein Jahr später hatte sie die Etüden zur Konzertreife gebracht. 1943 wurde die Familie Sommer in einer grossen Halle festgehalten, angesichts tausender Matratzen und den Aufmärschen unter freiem Himmel wurde Alice klar, was auf sie alle zukommen wird; sie selbst, ihr Mann und ihr sechsjähriger Sohn wurden in das KZ Theresienstadt deportiert; im Juni 1940 hatten die Nazis damit begonnen, aus Theresienstadt ein Konzentrationslager zu machen; in der Kleinen Festung richteten sie am 10. Juni 1940 ein Gefängnis der Gestapo ein, in dem bis 1945 etwa 32 000 tschechische Oppositionelle, Mitglieder des Widerstandes gegen die Besatzung und Kriegsgefangene eingesperrt wurden; ein Jahr später, im November 1941, entstand in der Garnisonsstadt ein Sammel- und Durchgangslager für die jüdische Bevölkerung Böhmens und Mährens; am 16. Februar 1942 wurde die städtische Gemeinde aufgelöst, die einheimische Bevölkerung musste die Stadt verlassen, stattdessen kamen in den folgenden Jahren neben einheimischen Juden Juden aus Deutschland und anderen europäischen Ländern in das von den Nazis so genannte „Altersghetto“; um der Öffentlichkeit ein normales Leben mit zufriedenen Einwohnern vorzuspielen, um dadurch die menschenfeindliche Ideologie der Nazis zu verschleiern und um die internationale Öffentlichkeit über die mit der „Endlösung der Judenfrage“ verbundenen Ziele zu täuschen, liess die SS ein von den Lagerhäftlingen selbst organisiertes Kulturleben zeitweilig zu; tagsüber mussten Alice Herz-Sommer und ihre Freundin Edith Kraus transparente Kohle mit einem kleinen Messer spalten, die daraufhin in Öfen als Sichtfenster eingebaut wurde: „Wenn am Abend das Material nicht das gleiche Gewicht hatte, konnte man erschossen werden.“ Sie spielte in mehr als hundert Konzerten und verschönerte dadurch den tristen und bedrohlichen Alltag der Mithäftlinge in einer Welt von Hunger, Leid und Tod; ihr Sohn Raphael war mehr als fünfzigmal einer der Hauptdarsteller in der Kinderoper Brundibár des Komponisten Hans Krása, der als alter Mann im KZ Auschwitz-Birkenau starb; unter anderem spielten die Häftlinge, weitgehend ohne Partituren, aus dem Gedächtnis, Beethoven, Bach, Tschechen und die 24 Etüden Chopins; alle halbe Stunde wechselten sich die vielen Konzertpianisten des Lagers ab, um in einem kleinen Zimmer auf dem Piano des Lagers zu üben; an einigen Tagen waren bis zu vier Konzerte angesetzt; immer wieder verschwanden die Namen der Musiker von den Transportlisten, die in andere Vernichtungslager führten; auf die Frage hin, wie Alice es geschafft hat, das Leben im Konzentrationslager auszuhalten, antwortete sie: „Da gibt es nur ein Wort als Erklärung: Die Musik. Die Musik ist ein Zauber. Wir haben alles auswendig gespielt. Die Etüden, die Beethoven-Sonaten, Schubert, alles. Im Rathaus-Saal für 150 Leute, alte, verzweifelte, kranke, verhungerte Menschen. Die haben gelebt von der Musik, die Musik war das Essen. Die wären längst schon gestorben, wenn sie nicht gekommen wären. Und wir auch.“ Ihr Mann, Leopold Sommer, wurde Ende September 1944 in das KZ nach Auschwitz verbracht, danach in das KZ Buchenwald, darauf folgte das KZ Flossenbürg, und er starb kurz vor der Befreiung 1945 in Dachau an Flecktyphus; Alice und ihr Sohn Raphael, als eines von nur 130 Kindern, überlebten Theresienstadt; ihr Mann rettete ihr und dem gemeinsamen Kind Raphael durch seine Warnung, nichts freiwillig zu machen, vor seinem Abtransport das Leben. „Eines Abends kam mein Mann und sagte mir, dass am nächsten Tag tausend Männer mit einem Transport weggeschickt würden. Und dass er darunter sei. Er hat mir das Ehrenwort abgenommen, nichts freiwillig zu machen, wenn er weg ist. Am Tag nach seinem Transport gab es einen weiteren Transport unter dem Motto: Frauen gehen den Männern nach. Viele Frauen haben sich freiwillig gemeldet. Sie haben die Männer nie getroffen, sie sind getötet worden. Ich hätte mich ohne seine Warnung sofort gemeldet.“ Am 8. Mai 1945 erreichte und befreite die Rote Armee das Theresienstädter Konzentrationslager. Zuletzt erfüllte die „jüdische Mustersiedlung“ drei Aufgaben: Sie war Transitlager, sie diente der Vernichtung von Menschen und zeitweilig der Propaganda; auch nach der Befreiung sieht sie sich und andere jüdische Mitbürger dem Antisemitismus ausgesetzt und hat nun in der Tschechoslowakei unter dem stalinistischen Terror zu leiden; in einem Klima der politischen Unterdrückung herrschen zu dieser Zeit Angst und Misstrauen in der Gesellschaft; 1947 emigriert sie mit ihrem Sohn zu ihrer Zwillingsschwester und Freunden nach Israel, die sich schon in den Dreissiger Jahren nach Palästina hatten retten können; Alice Herz-Sommer unterrichtete am Jerusalemer Konservatorium und unter anderem arbeitete sie auch als Musikpädagogin, sie wurde Gründungsmitglied der Akademie in Jerusalem, an der sie dann 25 Jahre arbeiten sollte; ihre Freundin Edith Kraus wurde Gründungsmitglied der Akademie in Tel Aviv; im privaten Leben besuchte sie viele Jahre sonntags ihre Schwester Irma, Frau ihres Schwagers und lebenslang guten Freundes Felix Weltsch, welche ihre Wohnung in der Nachbarschaft in Jerusalem hatten; die Freundinnen E. Kraus und A. Herz Sommer verloren beide einen grossen Teil der Familie und mussten miterleben, wie ihre Männer nach Auschwitz deportiert wurden; sie sind als Zeitzeugen für die Geschichts- und Musikforschung von besonderer Bedeutung; persönlich waren sie aus der Zeit in Prag und im KZ Theresienstadt sehr gut bekannt mit Viktor Ullmann, Pavel Haas, Gideon Klein, Hans Krása und Karel Reiner; Viktor Ullmann schätzte beide Pianistinnen sehr; Alice Herz-Sommer widmete er seine 4. Sonate; Edith Kraus spielte die Uraufführung der 6. Klaviersonate in Theresienstadt; Ullmann wirkte als Klavierbegleiter, organisierte Konzerte („Collegium musicum“, „Studio für neue Musik“), schrieb Kritiken über musikalische Veranstaltungen und komponierte; sein Theresienstädter Nachlass blieb nahezu vollständig erhalten; 1986, im Alter von bereits 83 Jahren, zieht Alice nach 37 Jahren in Israel zu ihrem Sohn Raphael Sommer und seiner Familie nach London; er war ein international gefeierter Cellist und Dirigent und Mitglied des Solomon Trio (gest. 2001); seit 1993, als sie den Geiger Tony Strong traf, übt Alice auch neue Stücke ein, u. a. Debussy, Poulenc, Ravel; zweimal im Monat trifft sie sich mit ihm zum Spielen; bis in ihr 92. Lebensjahr beherrschte sie ihr gesamtes Repertoire auswendig; doch nachdem ihre beiden Zeigefinger steif wurden, studierte sie einen Teil der Stücke mit einem Acht-Finger-System neu ein, dies im stolzen Alter von 92 Jahren; 1995 wurde Raphael Sommer im Auftrag der Jeunesses Musicales Deutschland musikalischer Leiter der Kinderoper Brundibár, die in Berlin, Warschau und Prag weltweit beachtet sehr erfolgreich aufgeführt wurde; plötzlich und völlig unerwartet verstarb er jedoch 2001, 64-jährig, in Israel auf einer Konzerttournee; ein weiterer grosser Schicksalsschlag in Alice’s Leben; täglich übt sie zwischen 10:00 Uhr und 13:00 Uhr drei Stunden Klavier; Essen hält sie für überschätzt, seit 30 Jahren macht sie einmal wöchentlich einen grossen Topf Hühnersuppe, die sie jeweils mit frischem Gemüse variiert, das Spirituelle, glaubt sie seit Theresienstadt, ist für den Menschen wichtiger als das Essen. „Der Mensch braucht nicht Essen, er braucht nur einen Inhalt. Und das kann die Musik sein. Nicht die Malerei und nicht der Goethe mit dem Shakespeare, denn die Musik macht uns vergessen. Zeit existiert dann nicht mehr. Man hört, und speziell in einer schwierigen Situation ist man verzaubert, in einer anderen, in einer besseren, hoffnungsvolleren Welt.“ Auch im 104. Lebensjahr läuft sie ohne Stock. Alice Herz-Sommer war ein Freund des Hauptrichters der Nürnberger Prozesse, mit dem sie vierhändig Klavier gespielt hatte. Dank ihm konnte sie dem Prozess gegen Eichmann zuschauen; Alice Herz-Sommer fühlte Mitleid mit ihm und keinen Hass
  • 1903-1957: Chaim Michael Dov Weissmandl, Rabbiner, Autor, Rosch Jeschiwa und Judenretter

Bücher

  • M. Ginsburger, Targum Pseudo-Jonathan, Berlin 1903

Zeitungen und Zeitschriften

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