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1874

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Ereignisse

  • 1874: Stärker ökonomisch-judenfeindlich als Wilhelm Marr argumentierte Otto Glagau (1834-1892) in einer vielgelesenen Artikelserie in der „Gartenlaube“ (1874), dann mit Schriften über den angeblichen „Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin“ (1875) und „Bankerott des Nationalliberalismus und die 'Reaktion'“ (1878). Auch er wandte sich an ruinierte Mittelständler und Kleinbürger und mobilisierte deren überkommene christliche Vorurteile gegen Juden.
  • 1874: Nürnberg: Fertigstellung der Hauptsynagoge (daneben bestand noch bis vor dem 2. Weltkrieg die Synagoge der Adass Jisroel)
  • 1874: Schweiz: Die Bundesverfassung von 1848 verwehrte Juden weiterhin Niederlassungs- und Kultusfreiheit sowie die Gleichheit in Gerichtsverfahren gegenüber Christen. Bis etwa 1850 weigerten sich die meisten Kantone, Juden die Ansiedlung zu gestatten. Erst 1866 brachte eine Volksabstimmung ihnen die vollen bürgerlichen Rechte und erlaubte ihnen auch die freie Religionsausübung. Erst auf internationalen Druck Frankreichs, der Niederlande und der USA hin, die ihre Handelsverträge mit der Schweiz von der Niederlassungsfreiheit auch für Juden abhängig machten, hob die revidierte Bundesverfassung 1874 die letzten Einschränkungen der Bürgerrechte für Juden auf. Doch die Bevölkerung blieb antijüdisch eingestellt.
  • 1874: Eröffnung der ersten jüdischen Bibliothek Böhmens in Prag
  • 1874: Bis heute befindet sich eine Sammlung von über 15 000 Flaschen an Rothschild-Weinen im englischen Waddesdon Manor, einem in seiner Architektur, Gartenanlage und Kunstsammlung einmaligen Familienbesitz der Rothschilds, 1874 errichtet von Ferdinand von Rothschild
  • 1874: Richard Kann geboren, Jurist (Völkerrecht, internationales Privatrecht)
  • 1874: M. H. van Campen geboren, niederländisch-jüdischer Schriftsteller
  • 1874: Siegfried Wagner geboren, jüdischer Bildhauer in Dänemark
  • 1874: Ernst Valentin geboren, Techniker (Kraftfahrzeugbau)
  • 1874: Boris Brutzkus geboren, Sozialpolitiker in Russland, beschäftigte sich mit jüdischen Siedlungsfragen
  • 1.1.1874–13.11.1951: Hugo Leichtentritt, geb. in Pleschen bei Posen, gest. in Cambridge/Massachusetts, deutsch-jüdischer Musikwissenschaftler; in Deutschland geboren und aufgewachsen, wurde Hugo Leichtentritt mit 15 Jahren nach Amerika geschickt; dort besuchte er die höhere Schule in Somerville/Massachusetts; im Anschluss daran studierte er an der Hochschule für Musik in Berlin und war dann an der Harvard University Schüler von John Knowles Paine; nachdem er hier 1894 den B.A erhielt, setzte er sein Studium in Deutschland an der Königlichen Hochschule in Berlin fort und promovierte 1901 mit der Dissertation "Reinhard Keiser in seinen Opern"; ab demselben Jahr war er als Lehrer für Komposition, Musikgeschichte und Ästhetik am Klindworth-Scharwenka-Konservatorium tätig und lehrte hier bis 1924; er schrieb daneben auch Musikkritiken für "Die Musik", die "Allgemeine Musikzeitung", die "Vossische Zeitung" und "Signale für die musikalische Welt" und arbeitete ebenfalls als Korrespondent für den "New Yorker Musical Courier" und für die Londoner "Musical Times"; in der deutschen Armee diente er 1917/18 als Schreiber; danach gab er in Berlin, fast ausschliesslich als Privatlehrer, Kompositionsunterricht; als Jude wurde Leichtentritt 1933 gezwungen, Deutschland zu verlassen und emigrierte in die USA, wo er sich in Cambridge/Massachusetts niederliess; Leichtentritt war bis zu seiner Emeritierung 1940 Professor an der Harvard University, hielt aber bis 1944 auch an der New York University Vorlesungen; Leichtentritt verfügte über ein hohes Mass an Allgemeinbildung und hatte grundlegende Kenntnis von Literatur, Sprachen und Philosophie, was es ihm erlaubte, Musik in weltgeschichtlichen Zusammenhängen darzustellen; als Historiker sind vor allem seine Beschäftigungen mit der Motette, dem Madrigal und der deutschen Oper von Bedeutung; auch verfolgte er die zeitgenössische Musik mit hohem Interesse; lange Zeit galten seine "Geschichte der Motette" (1908) und "Musikalische Formenlehre" (1911) als Standardwerke; zu seinen herausragendsten Schriften zählen seine in den USA entstandenen "Music, History, and Ideas" (1938) und das 1956 posthum veröffentlichte "Music of the Western Nations", die eine Synthese seiner musikalischen Gedanken darstellen; Leichtentritt komponierte zwei Opern, von denen "Der Sizilianer" 1920 in Freiburg uraufgeführt wurde; er schrieb eine Symphonie, Solokonzerte, Kammermusik und Lieder im neobarocken Stil mit impressionistischem Einschlag; mit diesen meist unveröffentlichten Werken erlangte er aber nie grosse Beachtung; noch zu erwähnen wären seine monumentale Händel-Biographie (1924); "Chopin", 1905; "Analyse der Chopinschen Klavierwerke", 2 Bände, 1921 f.
  • 5.1.1874–5.12.1965: Joseph Erlanger, geb. in San Francisco, gest. in St. Louis, Missouri, US-amerikanischer Physiologe; erhielt für die Erforschung der elektrophysiologischen Vorgänge im Nervensystem zusammen mit Herbert Spencer Gasser (Nichtjude) den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin 1944; sein Vater Hermann Erlanger stammte aus einem kleinen Dorf in Württemberg und war 1842 mit 16 Jahren völlig allein und mittellos in die Vereinigten Staaten von Amerika nach New York ausgewandert; Joseph Erlanger publizierte mehr als 100 wissenschaftliche Beiträge und wurde mit zahlreichen Mitgliedschaften (11), Preisen und Ehrendoktorwürden (7) ausgezeichnet
  • 17.1.1874–6.10.1949: Georg Schlesinger, geb. in Berlin, gest. in Wembley/England, Maschinenbauer, 1897-1904 in der Firma Ludwig Loewe; Promotion in Berlin, 1904-1933 Prof. für Werkzeugmaschinen und Fabrikbetrieb an der Technischen Hochschule Berlin, 1938 ff. in Zürich, Brüssel und London; hervorragend im deutschen Werkzeug- und Maschinenbau (Modernisierung von Fabrikationsanlagen) und in der Durchführung der Normung; im 2. Weltkrieg Direktor im britischen Institut der Produktions-Ingenieure; Herausgeber der Zeitschrift "Werkstattstechnik" seit 1907; Werke: Psychotechnik und Betriebswissenschaft, 1920; Prüfbuch für Werkzeugmaschinen, 1927 (6. Aufl. 1955); Die Werkzeugmaschinen, 1936; The factory, 1949; Berlin stiftete 1979 einen Georg-Schlesinger-Preis für technische Leistungen
  • 21.1.1874–6.11.1949: Martha Marcovaldi, geborene Heimann, Malerin, seit 15. April 1911 nach vielen Schwierigkeiten die Ehefrau Robert Musils, sie war 7 Jahre älter als er und zuvor mit einem vermögenden römischen Kaufmann verheiratet und bereits Mutter zweier Kinder (Annina und Gaetano); sie war Musil für den Rest seines Lebens eine Stütze und opferte ihm ihre eigene künstlerische Karriere
  • 1.2.1874–15.7.1929: Hugo von Hofmannsthal (Hugo Laurenz August Hofmann, Edler von Hofmannsthal, genannt Hugo von Hofmannsthal), geb. in Wien, gest. in Rodaun bei Wien, österreichischer Dichter, er gilt als einer der wichtigsten Repräsentanten des deutschsprachigen Fin de Siècle und der Wiener Moderne; war ein genial-konservativer Kopf, monarchistisch eingestellt, verfasste in den Jahren nach 1914 kriegspropagandistische Texte und stand seit Anfang der 1920er Jahre dem italienischen Faschismus nahe wie viele Grossbürger der untergegangenen Donaumonarchie; Hofmannsthal studierte Jura und Romanistik; schon früh überraschte er durch impressionistische stimmungsvolle „Kleine Dramen“ („Der Tod des Tizian“, 1892; „Der Tor und der Tod“, 1894) und symbolistisch-formvollendete Lyrik, geriet dann in eine innere Krise, in der er an der Aussagekraft der Sprache verzweifelte, und wurde nun zu einem Fortführer und Erneuerer abendländischer, zumal österreichisch-spanischer Überlieferungen, der im Wandel das Beständige zu bewahren suchte; Themen: Schönheit, Ästhetik, Tod, Ehe, Staat. - Dramen: „Jedermann“, 1911; „Das Salzburger grosse Welttheater“ 1922; „Das Bergwerk von Falun“ (postum), 1933; Lustspiele: „Der Schwierige“, 1921; „Der Unbestechliche“, 1923; auch Textbücher für Richard Strauss: „Elektra“, 1909; „Der Rosenkavalier“, 1911; „Ariadne auf Naxos“, 1912; „Die Frau ohne Schatten“, 1919; „Arabella“ (postum), 1933; ferner Erzählwerke, darunter der Fragment gebliebene Roman „Andreas oder die Vereinigten“, 1932, Essays, Aufzeichnungen, Reden; reicher Briefwechsel (fast 10 000 Briefe an 1 000 verschiedene Adressaten!), u. a. mit Richard Strauss und Stefan George (mit dem ihn in seinen Jugendjahren eine merkwürdig krankhafte literarisch-homoerotische Beziehung verband, die sich aber wegen unterschiedlicher Auffassungen um die Verortung der Lyrik im wirklichen Leben seit 1899 auseinanderentwickelte; Hofmannsthals dramatischer Entwurf zum „Jedermann“ von 1905 enthält eine späte Abrechnung mit dem einstigen – herrschsüchtig-autoritären – „Freund“: „Nie wieder dein Aug in meinem, deine Antwort auf meine Frage. Nie wieder! … Zwischen uns ist Hurerei und Scheissdreck. Es war Narretei, ein ödes Hin- und Herzappeln. Eine Sache wie Leichenschändung“); Hugo von Hofmannsthal hatte böhmische, jüdische und lombardische Vorfahren, sein jüdisch-orthodoxer Urgrossvater Isaak Löw Hofmann (1759-1849) wurde als erfolgreicher Industrieller 1835 von Ferdinand I. geadelt; er hatte die Seidenindustrie in Österreich eingeführt und für seine Familie ein ansehnliches Vermögen geschaffen; sein Sohn und Erbe Augustin Emil von Hofmannsthal (1815-1881) konvertierte zum katholischen Glauben und heiratete 1850 die bürgerliche Italienerin Petronilla Ordioni (1815-1898); Hugo August Peter Hofmann, Edler von Hofmannsthal (1841-1915), der Vater des Schriftstellers, wurde unehelich geboren und erst bei der Hochzeit seiner Eltern legitimiert; er studierte Jura, stieg zum Direktor einer Wiener Bank auf und heiratete Anna Maria Josefa Fohleutner (1852-1904), die Tochter eines Notars; beim Gründerkrach von 1873, noch während der Flitterwochen, in denen Hugo junior gezeugt wurde, verloren sie das ganze Familienvermögen; die Familie war somit auf die Einkünfte des Vaters angewiesen; der Schriftsteller musste sein Geld selbst verdienen und lebte mit einer ständigen Angst vor Verarmung – während in der Öffentlichkeit meist angenommen wurde, er lebe vom Vermögen seiner Familie; auch über einen anderen Aspekt seiner Herkunft vertrat sein Umfeld eine andere Meinung als er selbst: Während sich der Schriftsteller Hofmannsthal stets als katholischer Aristokrat sah und sich auch zu eindeutig antisemitischen Bemerkungen hinreissen liess, wurde er von Freund wie Feind häufig als „jüdischer“ Intellektueller apostrophiert; Hofmannsthals Famile legte Wert auf Bildung; Hugo, ein Einzelkind, wurde zuerst von Privatlehrern erzogen und besuchte ab 1884 das Akademische Gymnasium in Wien, eine Eliteschule der Donaumonarchie; er lernte unter anderem Italienisch, Französisch, Englisch, Latein und Griechisch; er las ungeheuer viel, war in Umgang und Intellekt frühreif und war ein ausgezeichneter Schüler; am 1.6.1901 heiratete er die 21-jährige Gertrud Schlesinger („Gerty“), die jüngere Schwester seines Freundes Hans Schlesinger, der wie der Dichter auch der Sohn eines Wiener Bankiers war; die Jüdin Gerty konvertierte noch vor der Hochzeit zum christlichen Glauben; sie zogen nach Rodaun, einen Vorort von Wien, in ein Barockschlösschen (heute „Hofmannsthal-Schlössl“ genannt); in den kommenden Jahren gebar Gerty drei Kinder: Christiane (1902-1987), Franz (1903-1929) und Raimund (1906-1974); am 13. Juli 1929 erschoss sich Hofmannsthals Sohn Franz im Alter von 26 Jahren; der künstlerisch unbegabte Sohn hatte im Leben nicht Fuss fassen können und war nach erfolglosen Anstellungen wieder zu seinen Eltern zurückgekehrt; zwei Tage nach dem Suizid seines Sohnes starb Hofmannsthal an einem Schlaganfall, als er zur Beerdigung seines Sohnes aufbrechen wollte; Hofmannsthal wurde auf dem Kalksburger Friedhof beigesetzt; er wurde in der Kutte eines Franziskanermönchs beerdigt, was sein eigener Wunsch gewesen sein soll; bei seinem Begräbnis waren viele Künstler und Politiker sowie Tausende von Wiener Bürgern anwesend; mit dem „Anschluss“ Österreichs am 12. März 1938 sah sich die Familie gezwungen, in die Emigration zu gehen, das Vermögen der Hofmannsthals wurde von den Nazis beschlagnahmt; Gerty von Hofmannsthal lebte ab Juli 1939 in Oxford, 1947 wurde sie britische Staatsbürgerin und blieb in England bis zu ihrem Tod am 9.11.1959; Raimund von Hofmannsthal, der den weltläufigen Charme seines Vaters geerbt hatte, war seit 1933 mit der Amerikanerin Ava Alice Muriel Astor verheiratet, der einzigen Tochter des sehr vermögenden John Jacob Astor IV (der beim Untergang der Titanic am 15.4.1912 umkam); 1939 heiratete er seine zweite Frau Lady Elizabeth Paget aus britischem Adel; Raimund starb am 20.3.1974; seine Schwester Christiane hatte 1928 den Indologen Heinrich Zimmer (1890-1943) geheiratet, mit dem sie in Heidelberg lebte und 1940 nach New York in die Emigration ging, weil er als Ehemann einer nicht-arischen Frau die Lehrbefugnis verloren hatte; sie studierte Sozialarbeit und wurde später Assistant Professor an der Fordham University (NYC); ihr Haus in New York war über lange Zeit Treffpunkt von amerikanischen und europäischen Künstlern und Intellektuellen
  • 3.2.1874–27.7.1946: Gertrude Stein, US-amerikanische Schriftstellerin und Verlegerin, geb. in Allegheny, Pennsylvania, als Kind deutsch-jüdischer Einwanderer, gest. in Paris, wo sie seit 1903 gelebt hatte; sie wollte den abstrakten Kubismus der Malerei in die Literatur übersetzen und gewann, besonders mit ihren sprachlichen Experimenten, theoretisch dargestellt in „Lectures in America“ 1935 (Assoziation, Klang, Verzicht auf Interpunktion), Einfluss auf eine ganze Generation von Autoren (z. B. Joyce und Hemingway); Werke: "Drei Leben" (Erzählungen) 1909, deutsch 1960; „Tender Buttons“ (Gedichte) 1915; „The Making of Americans“ (Roman) 1925; „Picasso“ 1938, deutsch 1958; sie war mit ihrem Bruder Leo nach Paris gegangen, wo sie innerhalb kürzester Zeit einen angesehenen Salon gründen und Freundschaften zu Künstlern wie Pablo Picasso und Henri Matisse aufbauen konnte; von Gertrude Stein stammt der berühmte Satz "Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose" (1922, "Sacred Emily")
  • 4.2.1874–19.3.1937: Paul Wertheimer, geboren und gestorben in Wien, Rechtsanwalt, Schriftsteller, Journalist bei der Neuen Freien Presse
  • 4.2.1874–20.3.1941: Robert Liefmann, Volkswirtschaftler, Systematiker der modernen Unternehmensformen
  • 17.2.1874–1943: Dr. Theodor Zlocisti, Arzt, Schriftsteller und Sozialist, geb. in Borchestowa bei Danzig, Westpreussen, gest. 1943 in Haifa, einer der ersten Zionisten, Mitgründer der Studentenverbindung "Jung-Israel" in Berlin 1893, im Jahr 1900 dort in Medizin promoviert, war mit seiner (späteren?) Frau (Hulda Tomaschewsky?) Teilnehmer des Ersten Zionistenkongresses; sein besonderes Interesse galt dem Ostjudentum und der jiddischen Sprache; er wanderte 1921 nach Palästina aus und verfasste 1937 das grundlegende Werk "Klimatologie und Pathologie Palästinas"; weitere Werke: "Vom Heimweg. Verse eines Juden", 1903; "Von jüdisch-deutscher Sprache und jüdisch-deutscher Literatur. Impressionen", Berlin 1910; "Am Tor des Abends. Lieder vom Heimweg", Berlin 1912; er gab auch Moses Hess, "Jüdische Schriften", heraus (Berlin 1905)
  • 20.2.1874–8.7.1943: Julius Prüwer, geb. in Wien, gest. in New York, Dirigent, 1896-1923 am Stadttheater Breslau (dort u. a. deutsche Erstaufführung von Mussorgskys "Boris Godunow"), 1924-1933 Prof. an der Hochschule für Musik in Berlin und Dirigent der Volkskonzerte der Berliner Philharmoniker sowie Generalmusikdirektor, seit 1940 am New York College of Music
  • 24.2.1874–6.10.1953: Mosche Smilansky (Pseudonyme: Cheruti; Chawadscha Mussa), geboren in Talpino/Gouvernement Kiew, gestorben in Rechovot, zionistisch eingestellter hebräischer Schriftsteller - nach Shaked "der herausragendste Dichter seiner Generation" und ein "eindeutiger Vertreter der naiven Genreliteratur"; er wurde in einem Dorf in der Oblast Kiew geboren; nachdem er seinen ursprünglichen Plan einer Ausbildung an der landwirtschaftlichen Schule von Uman aufgegeben hatte, zog er 1891 allein nach Eretz Israel, wo er einer der Gründer von Hadera war; 1893 liess er sich in Rechovot nieder, wo er Orangenhaine und Weinberge besass; seine literarische Karriere begann 1898 mit der Veröffentlichung zahlreicher Artikel in jüdischen Zeitungen in Russland, in Eretz Israel und in anderen Ländern; daneben gehörte er zu den Gründern der Literaturzeitschrift Ha-Omer; Smilansky sah sich selbst als Schüler von Achad Ha'am und war unter dem Pseudonym Cheruti ("Meine Freiheit") einer der ersten Mitarbeiter der Zeitung Ha-Poel ha-Tzair ("Der junge Arbeiter"); 1918 meldete er sich freiwillig zur Jüdischen Legion; nach dem Ersten Weltkrieg wurde er zum Anhänger der politischen Ansichten von Chaim Weizmann und veröffentlichte entsprechende Beiträge in der Presse des Landes, vor allem in Haaretz; als Mitglied der jüdischen Friedensbewegung Brit Schalom setzte er sich für die Verständigung zwischen Arabern und Juden ein und nahm 1936, zu Beginn des Arabischen Aufstands, an inoffiziellen und nicht veröffentlichten Gesprächen mit führenden arabischen Persönlichkeiten teil; in den 1940er Jahren widersetzte er sich dem Kampf des Jischuw gegen die britische Herrschaft in Palästina; im Palmach hatte er eine führende Funktion inne und war innerhalb dieser Organisation für die Region um Rechovot verantwortlich; in einem grossen Teil seines schriftstellerischen Werks beschreibt Smilansky die Geschichte der landwirtschaftlichen Ansiedlung von Juden in Eretz Israel; vor dem Ersten Weltkrieg veröffentlichte er unter dem Pseudonym Chawadscha Mussa zum Teil romantisierende Erzählungen über das Leben unter Arabern; gegen Ende seines Lebens schrieb er einige autobiographische Romane, beispielsweise Bi-Sdot Ukraina ("In den ukrainischen Feldern", 1944), Be-Tzel Ha-Pardesim ("Im Schatten der Obstgärten", 1951) und Tekuma we-Shoa ("Aufstand und Shoa", 1953)
  • 12.3.1874–4.10.1949: Edmund Eysler (Edmund Samuel Eysler, eigentlich Eisler), geb. und gest. in Wien, österreichischer Operetten-Komponist, er wurde als Sohn eines Kaufmanns geboren; eigentlich sollte er den Ingenieurberuf ergreifen, seine Bekanntschaft mit Leo Fall bewog ihn jedoch zum Musikstudium am Wiener Konservatorium, wo er als Schüler von Robert Fuchs Komposition studierte und sich zum Klavierlehrer und Kapellmeister ausbilden liess; nachdem er seine Ausbildung mit Auszeichnung abschloss, hielt Eysler sich mit Klavierunterricht finanziell über Wasser; 1898 heiratete er Poldi Allnoch, mit der er zwei Töchter hatte; 1901 erhielt er eine Stelle als Kapellmeister; er komponierte zunächst Kammermusik und Klavierstücke sowie die Oper Fest auf Solhaug und das Ballett Schlaraffenland; durch einen wohlmeinenden Verwandten lernte Eysler den Librettisten Ignaz Schnitzer kennen, welcher schon die Texte für den Zigeunerbaron verfasst hatte; so erhielt Eysler von Schnitzer den Auftrag, dessen Text zu der Oper Der Hexenspiegel zu vertonen; ursprünglich sollte das Werk nach seiner Fertigstellung an der Wiener Hofoper aufgeführt werden, wurde aber dann von deren Direktor abgelehnt, da die Musik zu einfach sei; so wurde der Hexenspiegel nie aufgeführt, obwohl der Verleger Weinberger einer Veröffentlichung des Materials zustimmte; Weinberger war es auch, der Eysler ermutigte, aus der Musik für den Hexenspiegel eine Operette zuschaffen; es entstand die Operette Bruder Straubinger, welche bei ihrer Uraufführung am 20. Februar 1903 mit Alexander Girardi in der Hauptrolle ein grosser Erfolg wurde; für das Wiener Bürgertheater komponierte Edmund Eysler die Operette Der unsterbliche Lump (Libretto von Felix Dörmann); am 14. Oktober 1910 fand die Erstaufführung statt; der Erfolg war überwältigend, die Pressestimmen meinten, diese Operette von Eysler signalisiere den Wechsel des Genres; die Musik des Komponisten wurde gelobt, die solide Instrumentation und die einfache Harmonisierung hervorgehoben; sicherlich trug dieser grosse Erfolg dazu bei, dass Eysler "Hauskomponist" des Wiener Bürgertheaters bleiben sollte; am 23. Dezember 1911 gab man seine neueste Operette Der Frauenfresser, auch ihr war grosser Erfolg beschieden; im März 1913 folgte die Uraufführung des Werks Der lachende Ehemann; von der Kritik äusserst positiv aufgenommen wurden vor allem die einprägsamen, anspruchslosen Melodien; bis 1921 sollte dieses Eysler-Werk 1793 Aufführungen erfahren; auch in den Jahren des 1. Weltkriegs brachte man im Wiener Bürgertheater in gewohnter Weise pro Saison mehrere Eysler-Operetten heraus; an dieser Stelle seien genannt: Frühling am Rhein, Die - oder Keine! und Der dunkle Schatz;nach dem Ende des 1. Weltkriegs veröffentlichte Eysler gleich eine weitere, sehr erfolgreiche Operette, Die gold’ne Meisterin, die in Wien sehr grossen Anklang fand; wegen Eyslers jüdischer Abstammung verboten die Nationalsozialisten die Aufführung seiner Werke; jetzt entdeckte auch Adolf Hitler, dass seine Lieblingsoperette Die gold'ne Meisterin von einem Juden war; Edmund Eysler flüchtete jedoch nicht, sondern fand Unterschlupf bei Verwandten und Freunden; zudem gewährte ihm der Titel eines Bürger ehrenhalber der Stadt Wien (verliehen am 7.10.1927) einen gewissen Schutz; nach dem Krieg erzielte er mit der Operette Wiener Musik, deren Uraufführung am 22. Dezember 1947 im Burgtheater stattfand, einen letzten grossen Erfolg; zum 75. Geburtstag 1949 erhielt Eysler den Ehrenring der Stadt, und die in der NS-Zeit entfernte Gedenktafel an seinem Geburtshaus in der Thelemanngasse wurde wieder angebracht; Edmund Eysler starb am 4.Oktober 1949 in Wien an den Folgen eines Sturzes von der Bühne und wurde auf dem Zentralfriedhof in Wien in einem Ehrengrab beigesetzt; mit insgesamt 60 Operetten prägte Eysler die damalige Musikwelt in Österreich und Deutschland sehr stark; internationale Erfolge waren jedoch weniger zu verzeichnen, da Eyslers Musik eher wienerisch und lokalfolkloristisch war
  • 17.3.1874–19.4.1949: Stephen S. Wise (Stephen Samuel Wise; sein Grossvater hiess noch Weiss), geb. in Budapest, gest. in New York City, radikaler amerikanischer Reformrabbiner, Zionistenführer, Teilnehmer am 2. zionistischen Kongress; Begründer des „Jewish Institute of Religion“ in New York (nicht zu verwechseln mit Isaac Mayer Wise, 1819–1900)
  • 21.3.1874–20.4.1945: Max Meyerhof, Mediziner (Augenheilkunde) in Kairo
  • 24.3.1874–31.10.1926: Harry Houdini (eigentlich Erich Weisz, Sohn des Rabbiners Mayer Samuel Weisz), geb. Budapest, gest. Detroit, berühmter jüdisch-ungarisch-US-amerikanischer Entfesselungs- und Zauberkünstler, nach einigen der „grösste Magier aller Zeiten“; als er vier Jahre alt war, emigrierte die Familie in die USA; Houdini, der schon mit 17 Jahren als Zauberer auftrat, begeisterte seine Zuschauer vor allem mit seinen Entfesselungskünsten, bei denen er sich aus den kompliziertesten Verschnürungen, Zwangsjacken, Safes und Unterwasserkäfigen befreite; dabei kamen, wie er in seinen Büchern verriet, nicht nur seine aussergewöhnliche Körperbeherrschung und Beweglichkeit zum Einsatz – er konnte sich beispielsweise seine Schultern ausrenken – sondern auch diverse Hilfsmittel wie Schnürsenkel oder Dietriche; Houdini war versehen mit dem Mythos des unbesiegbaren Supermanns, war ein Abenteurer, dabei sehr zwiespältige, skurrile Persönlichkeit (äusserst geltungssüchtiger Choleriker, geistig sehr einseitig hochbegabt, dafür im allgemeinen beschränkt), seit 1923 Freimaurer; er war neben Sarah Bernhardt der bekannteste Star seiner Zeit und verdiente ordentlich Geld
  • 25.3.1874–3.10.1952: Sawel Kwartin, berühmter Kantor
  • 26.3.1874–23.3.1930: Elisabeth Altmann-Gottheiner, geb. in Berlin, gest. in Mannheim, sie war eine der ersten deutschen Hochschullehrerinnen und als Frauenrechtlerin aktiv; sie studierte in London und Berlin; im Jahr 1904 folgte die Promotion in Zürich mit der Untersuchung Studien über die Wuppertaler Textil-Industrie und ihre Arbeiter in den letzten 20 Jahren; im Jahr 1908 war sie erste weibliche Lehrbeauftragte an der Handelshochschule Mannheim; ab 1912 gab sie das Jahrbuch der Frauenbewegung heraus; 1921 veröffentlichte sie Die Berufsaussichten der deutschen Akademikerinnen (Halle/Saale); 1924 wurde ihr die Amtsbezeichnung ordentlicher Professor verliehen; die Universität Mannheim vergibt jährlich den Elisabeth-Altmann-Gottheiner-Preis, gestiftet von der Senatskommission zur Förderung der gleichberechtigten Entfaltung von Frauen in Studium, Forschung und Lehre
  • 5.4.1874–5.6.1925: Jenny Apolant, geb. Rathenau (Tochter von Albert und Johanna Rathenau), geb. in Berlin, gest. in Frankfurt/M., (lesbische) Vorkämpferin der kommunalen Arbeit für Frauen und des Frauenstimmrechts, liberaldemokratisch; Stadtverordnete in der ersten Frankfurter Stadtverordnetenversammlung; seit 1906 Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins; sie leitete eine Stellenvermittlung für Frauen, führte in Frankfurt die Krankenfürsorge ein, gründete alkoholfreie Gastwirtschaften, schrieb über Frauen in der Armen- und Waisenpflege, den Schulen und im Wohnungswesen; Hauptwerke: Stellung und Mitarbeit der Frauen in der Gemeinde, 1912; Das kommunale Wahlrecht der Frauen in den deutschen Bundesstaaten, 1918
  • 18.4.1874: Eugen Spiro in Breslau geboren, Maler, 1906-1914 in Paris, Impressionist, als kultivierter Porträtist bekannt; er starb 1972 in New York
  • 28.4.1874-12.6.1936: Karl Kraus, geb. in Gitschin, Böhmen (als Sohn des Papierfabrikanten und wohlhabenden Kaufmanns Jakob Kraus und seiner Frau Ernestine, geborene Kantor), gest. in Wien, österreichisch-jüdischer Schriftsteller und Publizist; einer der bedeutendsten österreichischen Schriftsteller des beginnenden 20. Jhdts., Publizist, Satiriker, Lyriker, Aphoristiker, Dramatiker, Sprach- und Kulturkritiker, vor allem ein scharfer Kritiker der Presse und des Hetzjournalismus (oder der Journaille, wie er sich ausdrückte, der „Tintenstrolche“, „Fanghunde der öffentlichen Meinung“, „Pressmaffia“, „Pressköter“ …), der sich zuweilen aber auch ordentlich verrennen konnte und einer merkwürdigen Magie der Sprache als Sprache erlag, politisch schwankend und in der Attitüde sich zuweilen erschöpfend; kämpfte in seiner Zeitschrift „Die Fackel“ (1899-1936), deren Beiträge er grösstenteils selbst schrieb, als Kulturkritiker und Sprachreformer gegen politische, wirtschaftliche, moralische und künstlerische Missstände; zu seinen jüdischen Angriffszielen gehörten Benedikt, Brod, W. Haas, Harden, Kerr, Kuh, Salten und Werfel; er war ein Wegbereiter junger Talente (u. a. Altenberg, Lasker-Schüler, Trakl); Vortragskünstler; Kraus verfasste neben seinem publizistischen Werk auch Dramen, besonders das Antikriegsstück „Die letzten Tage der Menschheit“ (1918/1919), und gedanklich bestimmte Gedichte („Worte in Versen“, 9 Bde., 1916-1930); ein Lebenszeugnis sind die Briefe an Sidonie Nádherný von Borutin 1913-1936; die Familie zog im Jahr 1877 von Gitschin nach Wien; die Mutter starb 1891; 1892 begann Kraus ein Jurastudium an der Universität Wien, wechselte dann das Fach und studierte bis 1896 Philosophie und Germanistik, ohne jedoch das Studium abzuschliessn; aus dieser Zeit rührt auch seine Freundschaft mit Peter Altenberg her; im selben Jahr 1896 gelang Kraus mit der Veröffentlichung der Satire „Die demolirte Litteratur“ der erste grosse Publikumserfolg, symptomatisch war bereits zu diesem Zeitpunkt, dass Kraus sich die bittere Feindschaft der durch ihn blossgestellten Literaten zuzog; im Folgejahr wurde Kraus Wiener Korrespondent der Breslauer Zeitung; aus Erwägungen des Jahres 1898 resultierte die Gründung der neuen Zeitschrift „Die Fackel“, die ab April 1899 erschien (es erschienen insgesamt über 20 000 Seiten und 922 Nummern, wobei häufig Doppel-, Dreifach- oder Vierfachnummern von Kraus herausgebracht wurden); 1901 fand der erste von vielen Gerichtsprozessen statt, der von Personen geführt wurde, die sich durch die „Fackel“ angegriffen fühlten (Hermann Bahr und Emmerich Bukovics); 1899 trat Kraus aus der jüdischen Gemeinde aus, 1911 wurde er katholisch und liess sich am 8. April in Wien taufen; sein Taufpate war der bekannte österreichische Architekt Adolf Loos; 1923 trat Karl Kraus aus der katholischen Kirche wieder aus (mit der Begründung: "aus Antisemitismus"); 1902 behandelte Karl Kraus erstmals das wichtige Thema Sexualmoral und Justiz im Aufsatz „Sittlichkeit und Kriminalität“; von 1906 an veröffentlichte er in der Fackel seine ersten Aphorismen, 1910 hielt Kraus die erste seiner (bis 1936) siebenhundert öffentlichen Lesungen aus seinen Schriften; im selben Jahr erschien die Schrift „Heine und die Folgen“; viel Rummel machte auch Krausens Abfertigung seines früheren Gönners Harden (wegen dessen Rolle im Eulenburg-Prozess) in der Fackel 1907; 1913 lernte Kraus die böhmische Baronin Sidonie Nádherny von Borutin kennen, mit der ihn eine lange, intensive Beziehung verband; nach einem Nachruf auf den in Sarajevo ermordeten Franz Ferdinand in der Fackel im Sommer 1914 erschien die Fackel viele Monate lang nicht; Kraus schrieb gegen den Krieg und schwieg gegen den Krieg; mehrmals noch wurde die Fackel von der Zensur behindert oder gar einzelne Ausgaben beschlagnahmt; 1915 begann Kraus mit der Arbeit am Theaterstück „Die letzten Tage der Menschheit“ (das in der Fackel in Teilen vorab gedruckt wurde); 1919 gab Kraus seine gesammelten Kriegsaufsätze unter dem Titel „Weltgericht“ heraus; 1920 veröffentlichte Kraus als Replik zu einem von Franz Werfel unter dem Titel „Spiegelmensch“ veröffentlichten Angriff gegen seine Person die auf Werfel gemünzte Satire „Literatur oder Man wird doch da sehn“; im Januar 1924 begann die Auseinandersetzung mit dem erpresserischen Verleger des Boulevardblattes „Die Stunde“, Imre Békessy; dieser antwortete mit Rufmordkampagnen gegen Kraus, der im Jahr darauf unter dem Schlachtruf „Hinaus aus Wien mit dem Schuft!“ zu einer „Erledigung“ ausholte und 1926 erreichte, dass Békessy sich seiner Verhaftung durch Flucht aus Wien entziehen musste; 1927 versuchte Kraus eine ähnliche Aktion gegen Johann Schober, Polizeipräsident zur Zeit der blutig niedergeschlagenen Julirevolte, scheiterte aber; 1928 veröffentliche Kraus die Akten des Prozesses, den Kerr gegen Kraus angestrengt hatte, da Kraus ihm seine früheren chauvinistischen Kriegsgedichte in der Fackel vorgehalten hatte; 1933 erschien nach der Machtergreifung Hitlers keine Ausgabe der Fackel, da Kraus an einem Text arbeitete, der aber erst posthum unter dem Titel „Die Dritte Walpurgisnacht“ erschien (mit dem berühmten Zeilenanfang: „Mir fällt zu Hitler nichts ein“); in der Oktoberausgabe 1933 (der einzigen Ausgabe der Fackel im Jahr 1933 und mit nur 4 Seiten der „dünnsten“ Fackel überhaupt) veröffentlichte Kraus das Gedicht „Man frage nicht“, das mit der Zeile endet: „Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte“; mit seiner Unterstützung für Dollfuss, von der sich Kraus erhoffte, dass dieser das Überschwappen des Nationalsozialismus auf Österreich verhindern würde, entfremdete sich Karl Kraus von Teilen seiner Anhängerschaft; das letzte Heft der Fackel erschien im Februar 1936; am 12. Juni 1936 starb Karl Kraus nach kurzer Krankheit in Wien an einer Herzembolie; Karl Kraus hat zeitlebens polarisiert, seine Leser und seine Zuhörer waren von ihm und seiner moralischen Autorität oder zumindest von dem, was auf sie so wirkte, fasziniert und betäubt, nach seinen Vorlesungen waren alle so erschlagen, dass sie – nach einem Bericht von Elias Canetti – nicht einmal wagten zu atmen; „wer ihn gehört habe, der wolle nie mehr ins Theater, das Theater sei langweilig verglichen mit ihm, er allein sei ein ganzes Theater, aber besser, und dieses Weltwunder, dieses Ungeheuer, dieses Genie trug den Namen Karl Kraus“ (Elias Canetti, „Die Fackel im Ohr“, 1982); für seine zahlreichen Gegner, die er sich durch die Unbedingtheit und Leidenschaft seiner Parteinahme schuf, war er hingegen ein verbitterter Misanthrop und ein „armer Möchtegern“ (Alfred Kerr); „hinter Karl Kraus steht keine Religion, kein System, keine Partei, hinter Karl Kraus steht immer wieder immer nur Karl Kraus. Er ist ein in sich geschlossenes System, er ist eine Ein-Mann-Kirche, ist selbst Gott und Papst und Evangelist und Gemeinde dieses Bekenntnisses. Er spricht in eigenem Namen, in eigenem Auftrag und ohne Rücksicht auf Resonanz“ (Hans Weigel); Karl Kraus sei im Grunde ein verhinderter Schauspieler, deshalb diese Theatralik am falschen Ort (Hans Weigel); Karl Kraus gilt als herausgehobenes Beispiel für den so genannten „jüdischen Selbsthass“; 1922 machte Karl Kraus seine Hinwendung zur katholischen Kirche publikumswirksam rückgängig, weil die Salzburger Kollegienkirche Max Reinhardt das Kirchengebäude für Theateraufführungen zur Verfügung stellte; seine Sprache benutzte klar antisemitische Vokabeln und Topoi (z. B. das viel zitierte „Heinrich Heine habe der deutschen Sprache das Mieder gelockert, so dass jeder Kommis nun an ihren Brüsten herumfingern dürfe“), aber in Wahrheit liegt die Sache etwas komplizierter als vermutet; eindeutig ist hingegen sein Antizionismus ("Eine Krone für Zion", 1898); Kraus’ Selbstbewusstsein war ungemein, seine Misanthropie legendär, so liest man beispielsweise in der Fackel im Januar 1921: „Ich lese keine Manuskripte und keine Drucksachen, brauche keine Zeitungsausschnitte, interessiere mich für keine Zeitschriften, begehre keine Rezensionsexemplare und versende keine, bespreche keine Bücher, sondern werfe sie weg, prüfe keine Talente, gebe keine Autogramme …, besuche keine Vorlesungen ausser den eigenen, erteile keinen Rat und weiss keinen, mache keinen Besuch und empfange keinen, schreibe keinen Brief und will keinen lesen und verweise auf die völlige Aussichtslosigkeit jedes Versuchs, mich zu irgendeiner der hier angedeuteten oder wie immer beschaffenen, schon in ihrer Vorstellung meine Arbeit störenden, mein Missbehagen an der Aussenwelt mehrenden Verbindungen mit eben dieser bestimmen zu wollen, und habe nur noch die Bitte, die auf alle derlei Unternehmungen vergeudeten Porto- und sonstigen Kosten von jetzt an der Gesellschaft der Freunde Wiens I., Singerstrasse 16, zuzuwenden“; man kann natürlich auch sagen: Da man das nicht als ernst gemeinten Hinweis – mit der Schlussfolgerung eines manifesten Grössenwahns – lesen darf, hat man es hier wieder mit der blossen Attitüde zu tun, und so ist es wohl auch; Kraus wurde immer autokratischer, immer monomanischer; die Fackel und Kraus waren identisch geworden, keine anderen Stimmen veröffentlichten mehr etwas in ihr, zuletzt hatte sich Kraus selbst überlebt bzw. Kraus und seine Zeit hatten sich auseinandergelebt; die Fackel, die Bücher, die Vorlesungen waren zum Verlustgeschäft geworden, Kraus starb fast mittellos; der Nachlass deckte kaum die Beerdigungskosten; - vgl. noch bei Anton Kuh
  • 10.5.1874–8.7.1941: Moses Schorr (Mose Schorr), Semitist, Rabbiner und Politiker, geb. in Przemysl, gest. im sowjetrussischen Konzentrationslager Pisty (Usbekistan); studierte in Wien und Berlin; Prof. an der Universität Warschau; Anreger und Prof. des 1928 in Warschau eröffneten "Instituts für die Wissenschaft des Judentums"; polnischer Senator 1936–1939; Oberrabbiner und Vorsitzender der polnischen Hilfsaktion für jüdische Flüchtlinge aus Deutschland 1938
  • 10.5.1874–30.6.1956: Rideamus (Fritz Oliven), deutscher humoristischer Schriftsteller
  • 23.5.1874–3.9.1914: Ludwig Frank, geb. in Nonnenweiher (Baden), gest. in Luneville, Rechtsanwalt in Mannheim, führender sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter seit 1906, besonders in der Jugendbewegung tätig, glänzender Redner; als Kriegsfreiwilliger gefallen; G. Wachenheim, "Auswahl der Reden und Aufsätze Ludwig Franks", 1923
  • 23.5.1874–Juli 1925: Ephraim Lilien (Ephraim Moses Lilien, von Freunden „Efra“ genannt), geb. in Drohobycz (Galizien), gest. in Badenweiler, jüdischer Künstler; Zeichner, Radierer und auch Photograph, der all seine Kunst immer einem klaren Auftrag unterordnete, jedes Produkt mit einer konkreten Botschaft versah; Sohn eines armen orthodoxen Drechslermeisters (mit vermögender Bankiersverwandtschaft, für die Familie selbst reichte es allerdings nur zum Nötigsten; seine reichen Verwandten schickten ihm in seinen künstlerischen Anfangsjahren in München monatlich 10 Mark); Lilien war 1894-1899 in München, dann in Berlin; unternahm, 1906 beginnend (1910 gemeinsam mit seiner Frau Helene), vier Palästinareisen und hat dort viele Photographien gemacht, aus denen später dann Vorlagen für Zeichnungen wurden; 1912 Reise in die Hohe Tatra nach Zakopane; 1920 Übersiedlung nach Braunschweig, wo seine Frau schon seit Jahren lebte: Die Schwiegereltern waren an der grauenhaften Spanischen Grippe gestorben; seine Arbeit setzte er dort unvermindert fort; am 23. Mai 1924 anlässlich seines 50. Geburtstags erhält er eine grosse Ehrung im Logenhaus der Berliner Bnei Brith; die Eröffnungsrede hält Chaim Weizmann, der Präsident der zionistischen Bewegung und von 1948 bis 1952 der erste Staatspräsident Israels; seit 1924 machen sich die unglaublichen Strapazen, die Lilien sich auf seinen Reisen und bei seiner unermüdlichen Arbeit abverlangt hat, bemerkbar und rächen sich bitter, er erleidet Schwächeanfälle, geht später zur Kur nach Badenweiler, wo er nach wenigen Wochen seinem Herzleiden erliegt; Liliens Frau blieb mit den Kindern in Braunschweig und floh erst 1939 nach England, nachdem ihre Kinder Deutschland bereits vorher verlassen hatten; an den Sohn Otto, der in Jerusalem war, schickte sie die Zeichnungen und Radierungen Liliens, seine Bibliothek und seine Briefe; eine zweite Sendung wurde bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Bremen aufgehalten, als jüdisches Eigentum beschlagnahmt und offenbar versteigert; nach Aufenthalten in den USA und in Indien liess sich Helene Lilien schliesslich in Dänemark nieder, wo sie 1971, im Alter von 91 Jahren, gestorben ist; Liliens Radierungen und Zeichnungen, sämtlich dem jüdischen Themenkreis entnommen, vertreten in der jüdischen Kunst die manchmal hochstehende, manchmal vom Absturz in den Kitsch gefährdete Stilstufe eines ornamentalen „Jugendstils“; Illustrationen (1900) zu „Juda“ von Börries von Münchhausen (Nichtjude, der sich sehr viel später als Anhänger des Nationalsozialismus bei Einmarsch der Amerikaner 1945 ums Leben brachte) und zu den „Liedern des Ghetto“ von Morris Rosenfeld (übersetzt von Berthold Feiwel); Liliens Werk ist lange Zeit eine einzigartige Synthese aus bewusstem Nationaljudentum, Zionismus und moderner Buchschmucksbewegung; auf seinen Reisen hat er zunehmend fotografiert, die Fotografien künstlerisch verwertet und die daraus enstandenen Endprodukte zum Teil in Massenauflagen verkauft bzw. zu verkaufen versucht; seine Kunden fand er fast ausschliesslich unter Juden; Liliens Bilder, seine Zeichnungen, Radierungen und Photographien, Lichtzeichnungen allesamt, sind Grundbestand jüdischer Kultur und Identität geworden und haben die Vernichtungspolitik in Deutschland überstanden; ob Symbol oder Dokument, Lilien lässt mit technischer Brillanz Wesenszüge von Menschen und Orten aufscheinen, die uns heute immer wieder seltsam anrühren; die Briefe Liliens an seine Frau, herausgegeben 1985 von Liliens Sohn Otto (1907-1991; Lilien hatte auch eine Tochter, Hannah: geb. 1911) und Eve Strauss, sind die bislang beste Quelle für die Beschäftigung mit Lilien; wertvoll auch durch die vielen präzisen Angaben im Vorwort
  • 31.5.1874–13.8.1950: Robert Prechtl (Friedlaender), Schriftsteller (Dramen, Essays)
  • 7.7.1874–20.5.1944: Hans Przibram, Biologe in Wien (Przibram = aus Prag stammende jüdische Familie)
  • 26.7.1874–5.2.1931: Josef Horovitz, geb. in Lauenburg in Pommern, gest. in Frankfurt am Main, deutscher Orientalist, der sich zeitlebens für eine kulturelle Verständigung von Juden und Arabern einsetzte; er war ein Sohn des Frankfurter Rabbiners Markus Horovitz (1844-1910); Josef Horovitz studierte bei Eduard Sachau an der Universität zu Berlin und war dort seit 1902 als Dozent tätig; von 1907 bis 1915 arbeitete er in Indien, wo er am Muhammedan Anglo-Oriental College von Aligarh (später Aligarh Muslim University) Arabisch unterrichtete und im Auftrag der indischen Regierung Kurator für islamische Inschriften war; in dieser Funktion gab er die Sammlung Epigraphia Indo-Moslemica heraus (1909-1912); nach seiner Rückkehr nach Deutschland war er von 1914 bis zu seinem Tode Professor für semitische Sprachen am Orientalischen Seminar der Universität Frankfurt, wo unter anderem Shlomo Dov Goitein zu seinen Schülern zählte; seit der Gründung der Hebräischen Universität Jerusalem im Jahre 1918 war Horovitz Mitglied ihres Kuratoriums; er gründete an der Hebräischen Universität das Departement für Orientalistik und wurde dessen Direktor; zunächst widmete er sich dem Studium der historischen arabischen Literatur; danach lancierte er die Konkordanz früher arabischer Poesie als kollektives Projekt; sein Hauptwerk war ein Koran-Kommentar, der unvollendet blieb; in seinen Koranstudien (1926) benutzte er seine Methode der detaillierten Analyse der Sprache von Mohammed und seiner Anhänger sowie historische Erkenntnisse aus dem Studium der frühen Texte selbst; in seiner Abhandlung Jewish Proper Names and Derivatives in the Koran (Hebrew Union College Annual 2, Cincinnati 1925) sowie in Das koranische Paradies (Jerusalem 1923) untersuchte er die Beziehungen zwischen Islam und Judentum; sein Werk Indien unter britischer Herrschaft erschien 1928 (Leipzig: B. G. Teubner) und erstreckt sich von der ersten muhammedanischen Dynastie von Delhi bis zum Auftreten Gandhis
  • 28.7.1874–13.4.1945: Ernst Cassirer, geb. in Breslau, gest. in Princeton/N. J., bedeutender deutsch-jüdischer Philosoph, Neukantianer, Schüler H. Cohens, Professor in Berlin, Hamburg (1919-1933) und Göteborg; ging dann nach New York; bildete den logischen Idealismus der Marburger Schule weiter zur „Philosophie der symbolischen Formen“ (sein Hauptwerk, 3 Bde., 1923-1929), d. h. der Ausdrucksformen des Geistes in Sprache, Mythos, Religion und Wissenschaft; Philosophiehistoriker; für die Sprachtheorie von Bedeutung, da er die sprachliche Entwicklung vom sinnlichen Ausdruck bis zum Ausdruck der logischen Beziehungsformen zu zeigen versuchte; weitere Werke/Ausgaben (Auswahl): Leibniz' System, 1902; Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit, 1906-1920 (3 Bde.; 4. Bd. The problem of knowledge, 1950); Substanzbegriff und Funktionsbegriff, 1911; Freiheit und Form, 1916; Kants Leben und Lehre, 1918; Zur Einsteinschen Relativitätstheorie, 1920; An essay on man, 1945; The myth of the state, 1946; Wesen und Wirken des Symbolbegriffs, 1956; Zur modernen Physik, 1956; Ernst Cassirer edierte auch 11 Bände Kants Werke (1912-1922); -- Toni Cassirer (seine Cousine, die er 1902 heiratete), "Aus meinem Leben mit Ernst Cassirer", 1950
  • 21.8.1874–6.11.1956: Alice Schalek (Alice Therese Emma Schalek, Pseudonym Paul Michaely), geb. in Wien, gest. in New York, österreichische Journalistin, Fotografin, Autorin, Forschungsreisende; sie war der einzige weibliche Kriegsreporter im 1. Weltkrieg; sie stammte aus einer bürgerlichen jüdischen Familie; ihr Vater Heinrich Schalek besass eine "Annoncen-Expedition", eine frühe Form der Werbeagentur; Alice Schalek besuchte das Lyzeum des Wiener Frauenerwerbsvereins und lernte mehrere Fremdsprachen; schon früh interessierte sie sich für andere Länder; 1902 veröffentlichte sie unter dem männlichen Pseudonym Paul Michaely den Wiener Roman Wann wird es tagen?; 1903 fing sie als Journalistin im Feuilleton der Neuen Freien Presse in Wien an, für die sie insgesamt über 30 Jahre lang tätig sein sollte; 1904 konvertierte sie zum Protestantismus; 1903 unternahm Alice Schalek ihre erste grössere Auslandsreise nach Norwegen und Schweden, 1905 folgten Algerien und Tunesien, 1909 reiste sie unter anderem durch Indien; 1911 folgte eine ausgedehnte Tour durch Ostasien, 1913 eine kleine Weltreise durch zahlreiche Länder; nach ihrer Rückkehr schrieb sie umfangreiche Reiseberichte für die Neue Freie Presse, die später auch in Buchform erschienen; auf jeder Reise machte sie ausserdem zahlreiche Fotos; sie hielt auch Vorträge über ihre Reisen, unter anderem bei der Urania in Wien und Berlin; als erste Frau wurde sie in den Presseclub Concordia aufgenommen; ausserdem war sie Vorstandsmitglied des Vereins der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen in Wien und des PEN; 1914 gehörte sie zu den Gründern der Wohltätigkeitsorganisation Schwarz-Gelbes Kreuz; auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin wurde sie dann 1915 als Kriegsberichterstatterin zugelassen und beim Kriegspressequartier in Österreich akkreditiert; sie berichtete über die Kämpfe in den Dolomiten, über den Serbienfeldzug und die Isonzofront; sie war auch eine begeisterte Bergsteigerin; der Kriegseinsatz der Journalistin und ihre begeisterten patriotischen Berichte stiessen in der Öffentlichkeit auf ein geteiltes Echo; Karl Kraus gehörte zu den schärfsten Kritikern; er warf ihr "Kriegsverherrlichung" vor und setzte ihr in seinem Werk "Die letzten Tage der Menschheit" ein Negativdenkmal; Alice Schalek erhob eine Beleidigungsklage gegen Kraus, die sie 1917 aber zurückzog; für ihren Kriegseinsatz wurde sie 1917 mit dem Goldenen Verdienstkreuz mit Krone am Band der Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet - eine sehr ungewöhnliche Auszeichnung für eine Frau; in diesem Jahr beendete sie auch ihre Tätigkeit als Kriegsreporterin, vermutlich auf Grund des öffentlichen Drucks; ab 1923 war Alice Schalek wieder als Reisejournalistin unterwegs, 1930 besuchte sie die USA; Ende der 1920er Jahre sympathisierte sie offen mit dem Kommunismus und rechtfertigte zum Beispiel die Verfolgung der "Kulaken"; ihr Buch Der grosse Tag erschien 1930 in Moskau; 1939 wurde sie von der Gestapo verhaftet mit der Anschuldigung, "Greuelpropaganda" gegen das Regime zu verbreiten; mit Hilfe von Beziehungen konnte Schalek ihre Freilassung erreichen und über die Schweiz zunächst nach London fliehen; von dort emigrierte sie 1940 in die USA; dort lebte sie zurückgezogen und starb 1956 in einem Pflegeheim in der Nähe von New York; - weitere Veröffentlichungen (Auswahl): Auf dem Touristendampfer (Novellen), 1905; Das Fräulein (Novellen), 1905; Von Tunis nach Tripolis (Reiseberichte), 1906; Schmerzen der Jugend (Roman), 1912 (?) (laut Wininger 1900); Indienbummel (illustriertes Reisewerk), 1912; Südsee-Erlebnis (Reiseberichte), 1914; Tirol in Waffen (Berichte über die Dolomitenkämpfe), 7. Auflage 1915; Drei Monate an der Isonzofront (illustrierte Kriegsberichte), 1917; In Buddhas Land (Reiseberichte), 1922; Ein Bummel durch Birma, Java, Siam und Tonking, 1923; Japan, das Land des Nebeneinaner, eine Winterreise durch Japan, Korea und die Mandschurei (illustriertes Reisewerk), Breslau 1924
  • 22.8.1874–19.5.1928: Max Scheler, geb. in München (lutheranischer Vater, strenge orthodox-jüdische Mutter; Scheler konvertierte 1899 zum Katholizismus), gest. in Frankfurt am Main, Philosoph (vor allem Ethik); Professor in Köln und Frankfurt; zunächst von Eucken beeinflusst, wandte Scheler sich der Phänomenologie Husserls zu, deren Methode er auf das Gebiet der Geisteswissenschaften, der Ethik, Psychologie, Religionsphilosophie und Wissenssoziologie übertrug; begründete die Anthropologie neu; Lit.: Wohlgemuth, Grundgedanken der Religionsphilosophie Max Schelers in jüdischer Beleuchtung, 1931
  • 25.8.1874–26.8.1947: Franz Haymann, Jurist (Bürgerliches Recht)
  • 1.9.1874–1.8.1943: Ismar Elbogen, geb. in Schildberg/Posen (heute Ostrzeszów, Westpolen), gest. in New York, führender jüdischer Gelehrter (vor allem auf den Gebieten Liturgie und Geschichte) und Rabbiner; er wurde zunächst von seinem Onkel Jaacov Lavy, dem Autor des Neuhebräischen Wörterbuchs, ausgebildet, besuchte später das Gymnasium und das Jüdisch-Theologische Seminar in Breslau; Promotion an der Universität Breslau 1898; Rabbinerdiplom 1899; Dozent für Biblische Exegese und Jüdische Geschichte am Collegio Rabbinico Italiano in Florenz 1899-1902; 1902 wurde er Privatdozent bei der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin (blieb dort bis 1938, seit 1919 als preussischer Prof.); später auch am Rabbinerseminar in Cincinnati/USA; 1938 emigrierte er in die USA, wo er bis zu seinem Tod am Hebrew Union College in New York lehrte; Werke (Auswahl): „Der Tractatus de Intellectus Emendatione und Seine Stellung Innerhalb der Philosophie Spinozas“, 1898 (Diss.); „In Commemorazione di S. D. Luzzatto“, 1901; „Die Neueste Construction der Jüdischen Geschichte“, 1902; "Geschichte des Achtzehngebets" (gekrönte Preisschrift), 1903; "Die Religionsanschauungen der Pharisäer", 1904 (gegen Harnack, Bousset u. a.); „Der jüdische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwickelung“, 1913 (anerkanntes Standardwerk, fussend auf Vorarbeiten von Leopold Zunz); „Geschichte der Juden seit dem Untergang des jüdischen Staates“, 1919; "Lehren des Judentums" (4 Bde.), 1920-1924; "Gestalten und Momente aus der jüdischen Geschichte", 1927; Mitarbeiter des Jüdischen Lexikons 1927-1930; 1928-1934 gab er 10 Bände der Encyclopaedia Judaica heraus; von 1933-1938 Mitglied, dann Vorsitzender der Schulabteilung der Reichsvertretung der deutschen Juden; Mitarbeiter der "Germania Judaica" seit 1934; „Die Geschichte der Juden in Deutschland“, 1935 (Neuauflage hrsg. von Eleonore Sterling 1966); Mitgründer und Mitherausgeber (mit Aron Freimann und Max Freudenthal) der „Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland“ (Vierteljahresschrift), 1929-1937; nachgelassenes Werk: "A Century of JewishLife", Philadelphia 1944
  • 13.9.1874–13.7.1951: Arnold Schönberg, bedeutender österreichisch-jüdischer Komponist, konsequenter Vertreter der "Neuen Musik", die durch Leugnung der bisherigen harmonischen, melodischen und rhythmischen Gesetze eine absolute Ausdruckskunst anstrebt; geb. in Wien als Sohn des aus Ungarn stammenden Schuhfabrikanten Samuel Schönberg (1838-1889), gest. in Los Angeles; Arnold Schönberg begann als Autodidakt und studierte ab 1891 bei Alexander von Zemlinsky; seit 1903 Lehrtätigkeit in Wien; dort u. a. Lehrer von A. Berg und A. von Webern, mit denen er die "Zweite Wiener Schule" begründete; 1925-1933 Lehrer an der Berliner Hochschule für Musik; 1925 Berufung an die Preussische Akademie der Künste in Berlin, 1933 Emigration über Frankreich in die USA, wo er 1936-1944 eine Professur für Kompositionslehre innehatte; Schönberg begann mit spätromantischen Werken in der Nachfolge Wagners und Brahms' ("Pelleas und Mélisande", 1902/03; "Gurrelieder", 1900-1903 und 1910/11) und bahnte sich 1906 in der "Kammersymphonie" op. 9 und den "Fünf Orchesterstücken" op. 16 (1909) den Weg zur Atonalität; Höhepunkte seiner expressionistisch-atonalen Periode sind die Musikdramen "Erwartung" 1909 (Uraufführung 1924) und das Melodram "Pierrot lunaire" 1912; nach langer Schaffenspause entwickelte Schönberg zwischen 1921 und 1924 die Zwölftontechnik (Zwölftonmusik) als "Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen", die eine umwälzende Neuordnung des Tonmaterials bedeutete und die klassische Harmonik ersetzte; wichtigste Werke in der neuen Technik sind die "Variationen für Orchester" 1928 und die in der Emigration entstandenen Kompositionen wie die Konzerte für Violine und für Klavier und das Chorwerk "Ein Überlebender aus Warschau" 1947; das alttestamentliche Oratorium "Die Jakobsleiter" 1917 (unvollendet, 1961 aufgeführt) und die Oper "Moses und Aaron", 1932 (ebenfalls unvollendet, 1954 konzertant, 1957 szenisch aufgeführt) bezeugen Schönbergs religiöse Sensibilität; seine Kompositionslehre ist in mehreren theoretischen Schriften wie der "Harmonielehre" (1911) oder der "Lehre vom Kontrapunkt" (1942) überliefert; daneben war Schönberg auch als Maler aktiv und schuf zahlreiche Aquarelle, Zeichnungen und Ölbilder, u. a. mit Porträts von Freunden; -- Lit. P. Stefan, Arnold Schönberg, 1924
  • 15.10.1874–10.5.1933: Selma Kurz (Selma Halban-Kurz), geb. in Bielitz (Bielsko Biala), Schlesien, gest. in Wien, deutsch-jüdische (aber getaufte) Opernsängerin aus ursprünglich armen Verhältnissen; in ganz Europa und Amerika gefeierte Koloratursopranistin; mit 16 Jahren wurde sie, protegiert vom Fürsten Esterházy, zum Gesangsstudium nach Wien geschickt; 1895, kurz nach Gustav Mahlers Weggang, hatte sie am Hamburger Theater ihr Debüt als Mignon, ging 1896 an die Frankfurter Oper, wo sie Rollen wie die "Elisabeth" in "Tannhäuser" oder auch die "Carmen" singt; 1899 von Mahler an die Wiener Hofoper geholt, wo sie bis 1929 wirkte; sang 1904-1907 und wieder 1924 im Londoner Covent Garden; sie war die erste Zerbinetta in R. Strauss´ "Ariadne auf Naxos"; Schallplattenaufnahmen; ihr Ehemann war der Wiener Gynäkologe Prof. Josef Halban; ihre Tochter Desirée ("Desi") Halban war die Ehefrau des niederländisch-jüdischen Kunsthändlers Jacques Goudstikker und ebenfalls Opernsängerin (Sopran)
  • 25.10.1874–26.11.1936: Albrecht Mendelssohn Bartholdy (Enkel des Komponisten), geb. in Karlsruhe, gest. in Oxford (an Magenkrebs), bedeutender Jurist (Völkerrecht) und Politikwissenschaftler, war Prof. in Würzburg und Hamburg, wo er das Institut für auswärtige Politik gründete und leitete (seit 1922); er setzte sich entschieden für die Revision des Versailler Vertrages ein (war auch einer von Deutschlands Vertretern bei den Friedensverhandlungen in Versailles); 1933 emigrierte er nach England und wurde Prof. am Balliol College in Oxford; Werke (Auswahl): Englisches Recht, 1909; Internationales Strafrecht, 1910; Der Völkerbund, 1918; Der Volkswille, 1919; Diplomatie, 1927; 40 Bände Akten des Auswärtigen Amtes ("Die Grosse Politik der europäischen Kabinette") gab er 1922-1927 mit heraus, die Zeitschrift "Europäische Gespräche" 1922-1933
  • 9.11.1874–5.6.1976: Albert Reimann, geb. in Gnesen, gest. in London, Kunstpädagoge, gründete und leitete in Berlin 1902-1933 die nach ihm benannte Kunst- und Kunstgewerbeschule mit 23 verschiedenen Unterrichtsfächern und über 100 Lehrkräften für Wohnkultur, Werbetechnik, Schaufensterdekoration usw., die 1933-1940 im Exil in London weitergeführt wurde; Hauptwerk: Die Reimann-Schule in Berlin, 1966
  • 10.11.1874–25.7.1933: Gustav Embden (Gustav Georg Embden), Mediziner, Grossneffe von Heinrich Heine, war als Physiologe seiner Zeit weit voraus, geb. in Hamburg, gest. in Nassau, war seit 1914 Prof. für Physiologie und Direktor des Chemisch-Physiologischen Instituts in Frankfurt; er arbeitete vor allem über Kohlenhydrate und Muskelstoffwechsel; seine Arbeiten wurden grundlegend für die Lehre vom Diabetes; 1925/26 war er Rektor der Universität Frankfurt
  • 26.11.1874: Edmond Fleg (eigentlich Edmond Flegenheimer) in Genf geboren, französischsprachiger Schriftsteller bewusst jüdischer Haltung; "Anthologie juive", 1923; zionistischer Knabenroman "L'enfant prophète" (1926; der Roman brachte einer ganzen Generation von assimilierten Juden das Judentum auf packende Weise wieder nahe und war lange so etwas wie der Katechismus der französischen jüdischen Pfadfinder); "Moïse" (autobiographisch, 1948); einer seiner bekanntesten Texte ist "Pourquoi je suis juif" (Warum ich Jude bin, 1929); die Vorträge, mit denen er während der Okkupation bedrohte junge Juden über die Schönheiten ihrer Religion aufklärte, erschienen 1946 unter dem Titel "Le chant nouveau"; seine Erfahrungen während der Besatzungszeit beschrieb er 1949 in "Nous de l'Espérance"; nach dem Krieg war Fleg an massgeblicher Stelle an der Wiederannäherung zwischen den christlichen Konfessionen und dem Judentum in Frankreich beteiligt; obwohl er zweimal in Israel war (das erste Mal 1932 zusammen mit seinem Freund Marc Chagall), stand er dem Zionismus am Ende seines Lebens reserviert gegenüber; er war der Meinung, die Juden müssten als ebenbürtige Staatsbürger in die Länder integriert werden, wo sie geboren wurden; obwohl Schweizer von Geburt an und erst 1921 auf Grund seines Einsatzes in der Fremdenlegion französischer Bürger geworden, verstand er sich als Jude ebenso wie als leidenschaftlicher und "ganzer" Franzose; bei seinem Tode hat Fleg einen imposanten Nachlass zurückgelassen, der u. a. Korrespondenzen mit den berühmtesten französischen Schriftstellern seiner Zeit enthielt; wenige Tage, nachdem 1973 seine Frau Madeleine starb, die seinen Nachlass gewissenhaft geordnet hatte, wurden sämtliche Dokumente, Briefe und Fotografien von unbekannten Dieben aus der Wohnung der Flegs am Quai aux Fleurs 1 in Paris gestohlen und tauchten seither nicht wieder auf; Edmond Fleg starb am 15. Oktober 1963 in Paris; sein Sohn Maurice fiel im Juni 1940 in Flandern; sein Sohn Daniel (geb. 1912) litt an Depressionen und ertränkte sich 1939
  • 27.11.1874–9.11.1952: Chaim (Chajim) Weizmann, Wissenschaftler, Präsident der Zionistischen Weltorganisation und erster Präsident des Staates Israel; Chaim Weizmann wurde am 27. November 1874 im Dorf Motal (Motyli), nahe Pinsk, am Rande des russischen Ansiedlungsrayons, als drittes von fünfzehn Kindern eines Holzhändlers geboren. Er besuchte den traditionellen Cheder und trat danach im Alter von elf Jahren in das Pinsker Gymnasium ein. Pinsk formte Weizmanns Leben als Zionist und als Chemiker. Als er sieben Jahre später maturierte, war er ein vielversprechendes "chemisches Talent" und ein eifriger zionistischer „Fundraiser“. "Unsere zionistischen finanziellen Ressourcen waren lächerlich gering. Wir zählten die Kopeken. ... Ich beteiligte mich aktiv an den Geldsammlungen, ..., stundenlang war ich in den schmutzigen Strassen von Pinsk unterwegs, von einem Ende der Stadt zum anderen. ... Ich arbeitete bis spät in die Nacht und hatte meistens die immense Genugtuung, dass ich mehr Geld gebracht hatte als alle anderen." 1892 ging Weizmann nach Deutschland, wo er am Polytechnischen Institut in Darmstadt Chemie studierte. Ab 1894 setzte er seine Studien in Berlin fort. Als er 1897 Berlin verliess, um nach Freiburg in der Schweiz zu gehen, hatte er die Vorarbeiten für seine Dissertation beendet. Sein Glaube an die Ideen des Zionismus war gestärkt. 1899 promovierte er an der Universität Freiburg summa cum laude. 1900 wurde Weizmann Privatdozent, 1901 Professor an der Universität Genf und 1904 Professor an der Universität Manchester. Ab nun war er mit dem Dilemma seines Lebens konfrontiert: Chemie oder Zionismus. Weizmann begeisterte sich für Theodor Herzls Aufruf, die Juden sollten im August 1897 nach Basel kommen, um am Ersten Zionistischen Kongress teilzunehmen. Weizmann versäumte zwar den ersten Kongress, aber ab dem zweiten Zionistischen Kongress war er bereits eine bekannte Persönlichkeit in der Zionistischen Bewegung. 1901 war er Mitgründer der (oppositionellen) Demokratischen Fraktion in der Zionistischen Organisation (die auf dem 11. Zionistischen Kongress 1913 die Schaffung einer hebräischen Universität in Jerusalem anregte). Am sechsten Kongress, 1903 in Basel, stimmte er gegen den Ugandaplan, und der achte Kongress, 1907, übernahm seine Position des „Synthetischen Zionismus“: politische Aktivität in Verbindung mit praktischer Arbeit in Palästina. Weizmanns grosse Momente kamen während des Ersten Weltkrieges. Als Chemiker unterstützte er die britische Kriegsführung und entwickelte eine neue Methode zur künstlichen Azetonherstellung. Als glühender Zionist war er an der diplomatischen Front aktiv und versuchte, den britischen Politikern und Journalisten die Sache des jüdischen Staates näher zu bringen. Weizmanns (und Sokolows) Bemühungen gipfelten in der Balfour-Erklärung vom 2. November 1917. 1918 ging er als Vorsitzender der Zionistischen Kommission nach Palästina, um die dortigen Bedingungen zu studieren und der britischen Regierung Vorschläge zu unterbreiten. General Allenby schlug vor, Emir Feisal, den Führer der arabischen Nationalisten, zu treffen. Weizmann reiste nach Ma'an, nördlich von Akaba. Erstmals schien eine jüdisch-arabische Zusammenarbeit in der Entwicklung Palästinas möglich zu sein. Ein weiterer Höhepunkt dieser Reise war die Teilnahme an der Grundsteinlegung der zwölf Steine - die zwölf Stämme Israels symbolisierend - für die Hebräische Universität in Jerusalem, die 1925 eröffnet wurde. Als er im Oktober 1918 nach London zurückkehrte, wurde er von tausenden Juden empfangen, die ihn als Sprecher der jüdischen Nation feierten. 1919 führte er die zionistische Delegation in die Pariser Friedenskonferenz und forcierte beim Völkerbund das britische Mandat über Palästina. Weizmann hatte als Staatsmann gehandelt während öffentlicher Auftritte, privater Treffen und in seiner Korrespondenz, auch wenn er - wie er sagte - keine Armee und keine Marine als Rückendeckung hatte. Auf der Londoner Zionistischen Konferenz 1920 wurde er Präsident der Jewish Agency und zum Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation gewählt. Dieses Amt behielt er bis 1931 und bekleidete es dann wieder von 1935 bis 1946. 1922 akzeptierte Weizmann widerwillig das Churchill Weissbuch. Nach dem Passfield Weissbuch von 1930 trat er zornig von seinem Amt zurück und wurde erst wieder Präsident der WZO, nachdem der britische Premierminister MacDonald in einem Brief die britischen Verpflichtungen zur Errichtung einer nationalen jüdischen Heimstätte erneuert hatte. 1931 wurde Weizmann als Präsident der WZO nicht bestätigt. In den folgenden vier Jahren widmete er sich wieder seiner wissenschaftlichen Tätigkeit ("Ich war - mit Ausnahme eines zufälligen Besuches - fast dreizehn Jahre lang in keinem Laboratorium mehr gewesen"), setzte aber daneben seine zionistischen Bemühungen fort. Er unternahm Reisen in die Vereinigten Staaten und nach Südafrika, um Geld zu sammeln und arbeitete für die Rettung jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland. Im April 1933 berief er eine ausserordentliche Sitzung des Vorstandes der Hebräischen Universitaet ein, um Lehr- und Forschungsmöglichkeiten für jüdische Wissenschaftler zu prüfen. Das von Weizmanns Freunden 1934 gegründete (und von Weizmann geleitete) Sieff-Institut in Rechovot bot den aus Nazi-Deutschland vertriebenen Wissenschaftlern Unterschlupf. "Ich habe diese letzten zwei Jahre fast ausschliesslich dem Institut und der deutschen Siedlungsarbeit dort gewidmet", schrieb Weizmann in einem Brief nach New York. Während er in Rechovot lebte und arbeitete, nahm er dennoch einmal in der Woche an Sitzungen der Jewish Agency in Jerusalem teil. Der Präsident dieser Sitzungen war der Führer der Arbeiterbewegung des Jischuw: David Ben Gurion. 1935 kehrte Weizmann zu seiner Präsidentschaft in der WZO zurück; 1936 vertrat er die zionistische Angelegenheit vor der Peel-Kommission; 1939 wandte er sich erbost gegen das MacDonald Weissbuch, das trotz seiner Appelle im Mai veröffentlicht worden war. ("Damit wurde die Balfour Deklaration für null und nichtig erklärt.") Der im späten August 1939 in Genf zusammengekommene 21. Zionistische Kongress fand im Schatten des Weissbuches statt, das die Hoffnungen auf eine nationale jüdische Heimstätte zerstört hatte. Weizmanns Schlussadresse, nachdem der Kongress die Neuigkeit des Hitler-Stalin-Paktes vernommen hatte, war prophetisch: "Um uns wird es dunkel ... wenn wir, wie ich hoffe, verschont bleiben, und unsere Arbeit fortgesetzt werden kann, wer weiss, vielleicht wird dann aus der Dunkelheit ein neues Licht auf uns scheinen. ... Die Übriggebliebenen werden weiterarbeiten, weiterkämpfen, weiterleben bis zur Morgendämmerung eines besseren Tages. Im Blick auf diese Morgendämmerung grüsse ich Euch. Mögen wir einander in Frieden wieder treffen." Im Zweiten Weltkrieg drängte Weizmann die britische Regierung, die Bildung einer jüdischen Truppe zu gestatten. In den USA half er bei der Vorbereitung der Herstellung von synthetischem Kautschuk. Als in Grossbritannien nach dem Krieg die Arbeiterpartei die Macht übernahm und ihre vor dem Krieg abgegebenen Versprechen, eine prozionistische Politik zu führen, nicht hielt, endete Weizmanns Position als Präsident der WZO. Der 22. Kongress, 1946, wählte ihn nicht mehr. Obwohl Weizmann keine offizielle Position in der Zionistischen Bewegung mehr innehatte, blieb er doch weiterhin der wichtigste Sprecher für die jüdische nationale Sache. Am 1. Oktober 1947 sprach er vor dem Komitee für Palästina der Vereinten Nationen: "...eine Welt, die uns in diesem Moment unserer Agonie nicht hört, ist taub für die Stimme der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, die laut und klar erhoben werden muss, wenn die moralischen Grundlagen unserer Gesellschaft überleben sollen." In den folgenden Monaten wurde er zum Architekten zweier Erfolge: die Einbeziehung des Negev in den Teilungsplan der Vereinten Nationen und die Anerkennung Israels durch die USA. Als er sich im März 1948 mit dem amerikanischen Präsidenten Harry Truman traf, betonte Weizmann die Wichtigkeit der Errichtung des jüdischen Staates. Weizmanns Bemühungen führten zweifellos zu einer raschen Anerkennung des Staates Israel durch die USA. Am 17. Mai 1948 wurde Weizmann zum Präsidenten des Provisorischen Staatsrates ernannt. Er erhielt in New York ein von Ben Gurion, Golda Meir, David Remez und Eliezer Kaplan unterzeichnetes Telegramm: "Anlässlich der Proklamation des Jüdischen Staates senden wir Dir unsere Grüsse. Du hast mehr als jeder andere für ihn getan. Deine Standhaftigkeit und Deine Unterstützung haben uns alle gestärkt. Wir blicken mit Freude dem Tag entgegen, an dem wir Dich als das Oberhaupt eines in Frieden gegründeten Staates begrüssen werden." Am 16. Februar 1949 wählte die Konstituierende Versammlung Chaim Weizmann zum ersten Präsidenten des Staates Israel. Sein Gegenkandidat war Prof. Joseph Klausner. 114 Knessetmitglieder nahmen an der Abstimmung teil, 83 stimmten für Weizmann, der noch am selben Tag vereidigt wurde. Weizmann hatte die Liebe, die Zuneigung und den Respekt seines Volkes und der Repräsentanten der internationalen Gemeinschaft. Im November 1951 wurde Weizmann trotz seiner schweren Krankheit (er war damals schon schwer herzkrank) für eine zweite Amtsperiode wiedergewählt und am 25. November in seinem Heim in Rechovot vereidigt. Dr. Chaim Weizmann starb am 9. November 1952 in Rechovot und wurde im Garten seines Hauses, das heute ein Teil des Weizmann Institutes ist, beerdigt. Weizmann hinterliess seine Frau Vera und seinen älteren Sohn Benjamin. Der jüngere Sohn Michael war im Zweiten Weltkrieg gefallen. 1933 zollte Lloyd George Weizmann einen bemerkenswerten Tribut: "Ach, ja, ich habe in meinem Leben eine Menge interessanter Leute getroffen, aber ich kenne niemanden, den ich mehr respektiere als Weizmann. Er ist der grösste Mann, den die Juden in den letzten tausend Jahren hervorgebracht haben. Er ist jetzt weltberühmt, und in tausend Jahren von heute an, wird sich jeder Jude an ihn erinnern. Und er wird der einzige jetzt lebende Jude sein, an dessen Namen man sich dann erinnern wird."
  • 13.12.1874–2.12.1944: Josef Lhévinne (Joseph Lhévinne, urspr. russisch Иосиф Аркадьевич Левин), geb. in Orjol, Zentralrussland, gest. in New York, war ein russisch-jüdisch-US-amerikanischer Pianist; Lhévinne, das elfte Kind einer Musikerfamilie, begann mit dem Klavierspiel bereits im Alter von 3 Jahren und galt schon früh als "Wunderkind"; mit 11 Jahren konnte er am Moskauer Konservatorium bei Wassili Safonow studieren; sein Debüt mit Beethovens 5. Klavierkonzert dirigierte Anton Rubinstein; 1892 graduierte er mit Goldmedaille; weitere Preisträger in diesem Jahr waren Rachmaninoff und Skrjabin; 1898 heiratete er Rosina (geb. Bessie), ebenfalls Pianistin und Absolventin des Moskauer Konservatoriums; mit ihr spielte er später häufig im Duo; 1902-1906 lehrte er am Moskauer Konservatorium; 1906 gab er sein erfolgreiches Debüt in der Carnegie Hall, gefolgt von einer Tournee mit über 100 Konzerten; der Lebensmittelpunkt der Lhévinnes war aber bis 1919 Berlin; 1922 wurden Josef und Rosina Lhévinne Lehrer an der Juilliard School; Josef starb in New York 1944 an einem Herzinfarkt; Rosina überlebte ihn um mehr als 30 Jahre und starb erst 1976; ihr berühmtester Schüler war Van Cliburn; von Josef Lhévinne existieren nur sehr wenige Solo-Aufnahmen, da er seine Aufgabe mehr als Lehrer sah; die vorhandenen zeigen jedoch einen ausserordentlich kraftvollen Pianisten mit hervorragender Technik; sein Stil ist relativ nüchtern, die Zeit der Manierismen des 19. Jahrhunderts war vorbei; sein Buch "Basic principles in pianoforte playing" (1924) galt lange als Standardwerk über die Technik des Klavierspiels
  • 17.12.1874–28.6.1940: James Goldschmidt, geb. in Berlin, gest. in Montevideo/Uruguay, Jurist, seit 1908 Prof. für Strafrecht und Zivilprozessrecht in Berlin, 1919/1920 mit dem Entwurf der Strafprozessordnung im Reichsjustizministerium beauftragt; er emigrierte über Spanien nach Amerika; Hauptwerke: Verwaltungsstrafrecht, 1909; Der Notstand als Schuldproblem, 1913; Reform des Strafverfahrens, 1919; Neue Zivilprozessordnung, 1920; Der Prozess als Rechtslage, 1925
  • 19.12.1874–20.2.1946: Abraham Kahana, jüdischer Gelehrter, lebte in Tel Aviv; "Perusch maddai", wissenschaftlicher Bibelkommentar, 1903 ff.
  • 27.12.1874: Max Ettinger in Lemberg geboren, Komponist, bekannt durch Lieder, Kammermusikwerke und die Opern „Juana“, „Clavigo“, „Frühlings Erwachen“; er starb am 19. Juli 1951 in Basel
  • 1874–1899: Mordechai Seew Feierberg, hebräischer Dichter in Wolhynien, Aufklärer und Zionist; „lean“ (Wohin?), autobiographische Erzählung
  • 1874–1908: Richard Vallentin, Regisseur und Schauspieler
  • 1874–1915: Rudolf Berger, tschechisch-jüdischer Tenor (ursprünglich Bariton)
  • 1874–1927: Emanuel Carlebach, Rabbiner (Köln)
  • 1874–1927: Erich Meyer, Mediziner (Innere Medizn) in Göttingen
  • 1874–1929: Joseph Goldberger, Mediziner (Bakteriologie) in Washington
  • 1874–1929: Richard Leopold, deutsch-jüdischer Schauspieler (Komiker); wegen seiner Fistelstimme wurde er „die pfeifende Maus“ genannt; 1901-1907 spielte er bei Max Reinhardt, von 1911 an am Hebbel-Theater, von 1915 an am Berliner Theater
  • 1874–1931: Fernand Nozière, französisch-jüdischer Schriftsteller
  • 1874–1933: Georg Baum, Jurist, Vorkämpfer eines einheitlichen Arbeitsrechts, geb. u. gest. in Berlin, Rechtsanwalt am Kammergericht, Dr. iur., seit 1918 Dozent an der Handelshochschule, war Mitschöpfer der Gewerbe- und Kaufmannsgerichte, der Vorläufer der Arbeitsgerichte, an deren Errichtung er ebenfalls massgeblich beteiligt war; redigierte seit 1907 die Zeitschrift "Arbeitsgericht" (Mitarbeit an diesem Blatt seit 1901, Vorgängertitel: "Gewerbegericht"); Werke (Auswahl): Handbuch für Gewerbe- und Kaufmannsgerichte, 1903; Recht des Arbeitsvertrages, 1912; Kriegsbüchlein für das deutsche Haus, 1914; Merkbuch über die Ansprüche der Kriegsverletzten und der Hinterbliebenen von Kriegsteilnehmern, 1915; Hilfsdienstgesetz, 1917; Gesetzgebung über Ein- und Ausfuhr, 1922
  • 1874–1933: Felix Perles, geb. in München, gest. in Königsberg, jüdischer Gelehrter (Bibel-Forschung), Rabbiner (wie sein Vater) und (seit 1924) Professor (für hebräische Literatur) in Königsberg; schrieb u. a. Jüdische Skizzen, 1912; Analekten zum A. T., 1922
  • 1874–1934: Berthold Laufer, Sinologe
  • 1874–1941: Siegfried Falk, geb. in Rheydt, Selbsttötung in Düsseldorf, Bankier, gründete 1903 das Bankhaus Falk, das er zu einer der führenden Privatbanken des rheinisch-westfälischen Industriegebietes ausbaute; er verfügte über Aufsichtsratsmandate mehrerer bedeutender Konzerne und war daneben in der jüdischen Gemeinde, im C. V. und im UOBB aktiv; 1938 wurde er Vorsitzender der Gemeinde; als er den Befehl erhielt, sich zur Deportation einzufinden, wählten er und seine Frau den Freitod
  • 1874–1943: Gerson Ssirota (Gershon Sirota), berühmter Kantor in Warschau
  • 1874–1945: Samuel Losinski, Schriftsteller und Historiker
  • 1874–1951: Dr. Serge Kussewitzky (Sergei Alexandrowitsch/Aleksandrovich Kussewizki/Koussevitzky), geb. in Wischnij-Wolotschok, Russland, gest. in Boston, USA, Kontrabassist und namhafter Dirigent
  • 1874–1953: Eduard Benfey, geb. in Göttingen, gest. in Groton/USA, Richter, getauft, Offizier im 1. Weltkrieg, war 1922-1935 in Berlin Senatspräsident beim Reichswirtschaftsgericht, emigrierte 1939 über England in die USA
  • 1874–1954: Juda Bergmann, jüdischer Gelehrter, Rabbiner in Berlin 1908–1933
  • 1874–1955: Dr. Arthur Hantke, geb. in Berlin, Rechtsanwalt in Berlin, führender deutscher Zionist, seit 1905 leitend in verschiedenen zionistischen Organisationen Deutschlands, ab 1926 Direktor des Keren Hajessod in Jerusalem
  • 1874–1957: Friedrich Stampfer, geb. in Brünn/Mähren, gest. in Kronberg/Taunus, Politiker, studierte Staatswissenschaft, war 1914 Redakteur der Leipziger Volkszeitung, 1916-1933 Chefredakteur des Vorwärts in Berlin, 1920-1933 Mitglied des Reichstags; er schrieb die Rede gegen das Ermächtigungsgesetz; 1933 ausgebürgert, leitete er 1933-1938 in Karlsbad den Neuen Vorwärts; seit 1940 in den USA, gehörte er zur Redaktion der Neuen Volks-Zeitung in New York; 1948-1953 lehrte er an der Akademie der Arbeit in Frankfurt am Main; Hauptwerke: Grundbegriffe der Politik, 1910 (mehrere Auflagen); Die ersten 14 Jahre der Deutschen Republik, 1936 (mehrere Auflagen); Erfahrungen und Erkenntnisse, 1957
  • 1874–1958: Joseph Gedalja Klausner (Josef Klausner), geb. 1874 Olkeniki, Litauen, gest. 1958 Jerusalem, bedeutender jüdischer Literaturwissenschaftler, Historiker und Religionswissenschaftler; Teilnehmer am Ersten Zionistenkongress; 1919 wanderte er nach Palästina aus und erhielt 1926 in Jerusalem an der Hebräischen Universität den Lehrstuhl für (neu-) hebräische Literatur (verfasste eine „Geschichte der neuhebräischen Literatur“) und später auch den für die Erforschung der Geschichte des Zweiten Tempels. Seine Privatbibliothek umfasste (laut seinem Grossneffen Amos Oz) 25 000 Bände; Klausner war kein orthodoxer Jude, sondern eher ein nationalliberaler Zionist, hatte aber eine umfassende Kenntnis des Talmud und der gesamten hebräischen Literatur. Berühmt wurde er durch sein Buch „Jesus von Nazareth“ und die Fortsetzung „Von Jesus zu Paulus“. Seine Position, dass Jesus ein jüdischer Reformer gewesen und als überzeugter Jude gestorben sei, wurde von christlicher und jüdischer Seite scharf angegriffen. Er gab „ha-meassef“ von Achad Ha-Am heraus und war Kandidat der Konservativen für die Präsidentschaft in Israel. Mit Chaim Weizmann hatte er mehrere Kontroversen. Sein Haus in Talpiot wurde bei den arabischen Aufständen 1929 weitgehend zerstört. In Anerkennung seiner Verdienste gab der Staat Israel eine Gedenkmarke für ihn heraus. Samuel Josef Agnon hatte ein sehr gespanntes Verhältnis zu Klausner.
  • 1874–1973: Moses Glikin, russischer Zionist; ging 1892 nach Palästina, arbeitete zwei Jahre als Tagelöhner in der Landwirtschaft, kehrte 1894 nach Russland zurück, um sich vom Militärdienst freistellen zu lassen; 1899 ging er zum Studium an die Universität Leipzig; nahm an der Gründung der "demokratisch-zionistischen Fraktion" teil; gegen den sozialistischen Bund eingestellt, gehörte er in Minsk zu den Mitgründern einer zionistischen Arbeiterorganisation, arbeitete mit bei der Petersburger nationaljüdisch-jiddischsprachigen Tages-Zeitung "Der Fraind" (Der Freund); 1908 kehrte er nach Palästina zurück und managte von 1909-1934 die Migdal-Farm am See Genezareth

Bücher

Zeitungen und Zeitschriften

  • Seit 1874: La Buena Esperanca, in Smyrna/Türkei wöchentlich in spaniolischer Sprache erscheinendes Blatt
  • Seit 1874: La Epoca, in Saloniki in Spaniolisch erscheinend
  • Seit 1874: Il Vessilo Israelitico, in Turin monatlich in Italienisch erscheinende wissenschaftliche Zeitschrift
  • Seit 1874: Ungarischer Israelit, in Budapest wöchentlich in deutscher Sprache erschienen
  • Seit 1874: Die Jiddische Gazetten, in New York wöchentlich in Jiddisch und Englisch erscheinend
  • Seit 1874: Die Rose, in Jerusalem wöchentlich in jiddischer Sprache herausgegebenes orthodoxes Blatt
  • Seit 1874: The Jewish Gazette, in Calcutta in Maharattisch (Marathi) erscheinendes Blatt
  • 1874–1875: The New Era, erstes jüdisches Blatt New Yorks (Monatsschrift)
  • 1874–1877: Revista Israelita, in Jassy/Rumänien in rumänischer Sprache erscheinendes Blatt
  • 1874–1887: The Jewish Record, in Philadelphia erscheinendes Wochenblatt konservativer Richtung
  • 1874–1890: Jahrbücher für Jüdische Geschichte und Literatur. Herausgeber: Nehemia(s) Brüll; erschienen 1874 bis 1890 in Frankfurt a. M.; sie widmen sich unter dem Zeichen eines entschieden reformjüdischen Wissenschaftsansatzes schwerpunktmässig der Dokumentation und Erforschung exegetischer, literaturhistorischer und geschichtlicher Texte und Quellen des Judentums; sie wurden 1890 eingestellt, da Nehemias Brüll die Fortführung der von Moritz Steinschneider herausgegeben "Hebräischen Bibliographie" übernahm; dieses neue Projekt, der "Central-Anzeiger für Jüdische Litteratur", der auch die Jahrbücher teilweise kompensieren sollte, wurde durch Brülls frühen Tod vorzeitig beendet
  • 1874–1893: Magazin für die Wissenschaft des Judentums. Herausgeber: Abraham (Adolf) Berliner, David Hoffmann; erschien seit 1874 in Berlin in vierteljährlichem Abstand; nach 20 Jahrgängen wurde die Zeitschrift 1893 eingestellt; die Herausgeber Abraham (Adolf) Berliner (1833-1915) und David Hoffmann (1843-1921), beide Absolventen des renommierten Berliner Rabbinerseminars von Esriel Hildesheimer, dessen Leitung Hoffmann nach dem Tod seines Lehrers übernahm, zählten zu den bedeutendsten Philologen jüdischer Literatur ihrer Zeit; obwohl Kritiker der liberalen Reformbewegung, fanden Berliners und Hoffmanns wissenschaftliche Arbeiten, die massgeblich zur Erneuerung und Öffnung der jüdischen Orthodoxie beitrugen, breite Anerkennung im gesamten Judentum; das von Berliner 1874 gegründete, seit 1876 gemeinsam mit Hoffmann herausgegebene "Magazin für die Wissenschaft des Judentums" widmete sich vorrangig der Edition, Analyse und Kommentierung biblischer, talmudischer bzw. nachtalmudischer Schriften des Judentums, die – ein Novum zu jener Zeit – nach Massgabe moderner, philologisch fundierter Prämissen dokumentiert wurden; zahlreiche Abhandlungen basierten zudem auf Funden, die die Herausgeber in in- und ausländischen Bibliotheken machten; die Zeitschrift stand der neoorthodoxen Bewegung nahe, propagierte aber stets einen undogmatischen und kritischen Umgang mit den Zeugnissen der jüdischen Überlieferung
  • 1874–1938: Berichte für die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums; Herausgeber: Curatorium der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums; die "Berichte" erschienen von 1874 bis 1938 in jährlicher Folge und informierten jeweils über die Semester des Vorjahres; die 1870 gegründete Berliner Hochschule, seit 1883 'Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums' benannt - war die Wirkungsstätte u.a. von A. Geiger, H. Steinthal und L. Baeck; sie widmete sich der theologischen Ausbildung jüdischer Studenten, nahm jedoch auch Schüler anderer Religionen auf; selbständig und unabhängig von Staats-, Gemeinde- und Synagogenbehörden, sollte sie eine von jeder Rücksicht freie Stätte der Forschung und Lehre sein und die Wissenschaft des Judentums erhalten, fortbilden und pflegen; vor 1933 zählte die Lehranstalt 155 Studenten, nach 1933 bis zu ihrer Zwangsschliessung 1942 widmete sich die Einrichtung vermehrt der Erwachsenenbildung; die "Berichte" gaben Auskunft über die aktuellen Unterrichtsstände und -inhalte und informierten über die Sitzungen des leitenden Kuratoriums sowie die statistischen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Einrichtung; weitere Abschnitte widmeten sich den Aktivitäten der Mitglieder und den Spenden der Sponsoren der Lehranstalt; Lehrkräfte der Anstalt wie auch auswärtige Wissenschaftler konnten in den Berichten über ihre aktuellen Forschungen informieren

1874 in Wikipedia