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1874

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Ereignisse

  • 1874: Stärker ökonomisch-judenfeindlich als Wilhelm Marr argumentierte Otto Glagau (1834-1892) in einer vielgelesenen Artikelserie in der „Gartenlaube“ (1874), dann mit Schriften über den angeblichen „Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin“ (1875) und „Bankerott des Nationalliberalismus und die 'Reaktion'“ (1878). Auch er wandte sich an ruinierte Mittelständler und Kleinbürger und mobilisierte deren überkommene christliche Vorurteile gegen Juden.
  • 1874: Nürnberg: Fertigstellung der Hauptsynagoge (daneben bestand noch bis vor dem 2. Weltkrieg die Synagoge der Adass Jisroel)
  • 1874: Schweiz: Die Bundesverfassung von 1848 verwehrte Juden weiterhin Niederlassungs- und Kultusfreiheit sowie die Gleichheit in Gerichtsverfahren gegenüber Christen. Bis etwa 1850 weigerten sich die meisten Kantone, Juden die Ansiedlung zu gestatten. Erst 1866 brachte eine Volksabstimmung ihnen die vollen bürgerlichen Rechte und erlaubte ihnen auch die freie Religionsausübung. Erst auf internationalen Druck Frankreichs, der Niederlande und der USA hin, die ihre Handelsverträge mit der Schweiz von der Niederlassungsfreiheit auch für Juden abhängig machten, hob die revidierte Bundesverfassung 1874 die letzten Einschränkungen der Bürgerrechte für Juden auf. Doch die Bevölkerung blieb antijüdisch eingestellt.
  • 1874: Eröffnung der ersten jüdischen Bibliothek Böhmens in Prag
  • 1874: Bis heute befindet sich eine Sammlung von über 15 000 Flaschen an Rothschild-Weinen im englischen Waddesdon Manor, einem in seiner Architektur, Gartenanlage und Kunstsammlung einmaligen Familienbesitz der Rothschilds, 1874 errichtet von Ferdinand von Rothschild
  • 1874: Richard Kann geboren, Jurist (Völkerrecht, internationales Privatrecht)
  • 1874: M. H. van Campen geboren, niederländisch-jüdischer Schriftsteller
  • 1874: Siegfried Wagner geboren, jüdischer Bildhauer in Dänemark
  • 1874: Ernst Valentin geboren, Techniker (Kraftfahrzeugbau)
  • 1.1.1874–13.11.1951: Hugo Leichtentritt, geb. in Pleschen bei Posen, gest. in Cambridge/Massachusetts, deutsch-jüdischer Musikwissenschaftler; in Deutschland geboren und aufgewachsen, wurde Hugo Leichtentritt mit 15 Jahren nach Amerika geschickt; dort besuchte er die höhere Schule in Somerville/Massachusetts; im Anschluss daran studierte er an der Hochschule für Musik in Berlin und war dann an der Harvard University Schüler von John Knowles Paine; nachdem er hier 1894 den B.A erhielt, setzte er sein Studium in Deutschland an der Königlichen Hochschule in Berlin fort und promovierte 1901 mit der Dissertation "Reinhard Keiser in seinen Opern"; ab demselben Jahr war er als Lehrer für Komposition, Musikgeschichte und Ästhetik am Klindworth-Scharwenka-Konservatorium tätig und lehrte hier bis 1924; er schrieb daneben auch Musikkritiken für "Die Musik", die "Allgemeine Musikzeitung", die "Vossische Zeitung" und "Signale für die musikalische Welt" und arbeitete ebenfalls als Korrespondent für den "New Yorker Musical Courier" und für die Londoner "Musical Times"; in der deutschen Armee diente er 1917/18 als Schreiber; danach gab er in Berlin, fast ausschliesslich als Privatlehrer, Kompositionsunterricht; als Jude wurde Leichtentritt 1933 gezwungen, Deutschland zu verlassen und emigrierte in die USA, wo er sich in Cambridge/Massachusetts niederliess; Leichtentritt war bis zu seiner Emeritierung 1940 Professor an der Harvard University, hielt aber bis 1944 auch an der New York University Vorlesungen; Leichtentritt verfügte über ein hohes Mass an Allgemeinbildung und hatte grundlegende Kenntnis von Literatur, Sprachen und Philosophie, was es ihm erlaubte, Musik in weltgeschichtlichen Zusammenhängen darzustellen; als Historiker sind vor allem seine Beschäftigungen mit der Motette, dem Madrigal und der deutschen Oper von Bedeutung; auch verfolgte er die zeitgenössische Musik mit hohem Interesse; lange Zeit galten seine "Geschichte der Motette" (1908) und "Musikalische Formenlehre" (1911) als Standardwerke; zu seinen herausragendsten Schriften zählen seine in den USA entstandenen "Music, History, and Ideas" (1938) und das 1956 posthum veröffentlichte "Music of the Western Nations", die eine Synthese seiner musikalischen Gedanken darstellen; Leichtentritt komponierte zwei Opern, von denen "Der Sizilianer" 1920 in Freiburg uraufgeführt wurde; er schrieb eine Symphonie, Solokonzerte, Kammermusik und Lieder im neobarocken Stil mit impressionistischem Einschlag; mit diesen meist unveröffentlichten Werken erlangte er aber nie grosse Beachtung; noch zu erwähnen wären seine monumentale Händel-Biographie (1924); "Chopin", 1905; "Analyse der Chopinschen Klavierwerke", 2 Bände, 1921 f.
  • 5.1.1874–5.12.1965: Joseph Erlanger, geb. in San Francisco, gest. in St. Louis, Missouri, US-amerikanischer Physiologe; erhielt für die Erforschung der elektrophysiologischen Vorgänge im Nervensystem zusammen mit Herbert Spencer Gasser (Nichtjude) den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin 1944; sein Vater Hermann Erlanger stammte aus einem kleinen Dorf in Württemberg und war 1842 mit 16 Jahren völlig allein und mittellos in die Vereinigten Staaten von Amerika nach New York ausgewandert; Joseph Erlanger publizierte mehr als 100 wissenschaftliche Beiträge und wurde mit zahlreichen Mitgliedschaften (11), Preisen und Ehrendoktorwürden (7) ausgezeichnet
  • 17.1.1874–6.10.1949: Georg Schlesinger, geb. in Berlin, gest. in Wembley/England, Maschinenbauer, 1897-1904 in der Firma Ludwig Loewe; Promotion in Berlin, 1904-1933 Prof. für Werkzeugmaschinen und Fabrikbetrieb an der Technischen Hochschule Berlin, 1938 ff. in Zürich, Brüssel und London; hervorragend im deutschen Werkzeug- und Maschinenbau (Modernisierung von Fabrikationsanlagen) und in der Durchführung der Normung; im 2. Weltkrieg Direktor im britischen Institut der Produktions-Ingenieure; Herausgeber der Zeitschrift "Werkstattstechnik" seit 1907; Werke: Psychotechnik und Betriebswissenschaft, 1920; Prüfbuch für Werkzeugmaschinen, 1927 (6. Aufl. 1955); Die Werkzeugmaschinen, 1936; The factory, 1949; Berlin stiftete 1979 einen Georg-Schlesinger-Preis für technische Leistungen
  • 21.1.1874–6.11.1949: Martha Marcovaldi, geborene Heimann, Malerin, seit 15. April 1911 nach vielen Schwierigkeiten die Ehefrau Robert Musils, sie war 7 Jahre älter als er und zuvor mit einem vermögenden römischen Kaufmann verheiratet und bereits Mutter zweier Kinder (Annina und Gaetano); sie war Musil für den Rest seines Lebens eine Stütze und opferte ihm ihre eigene künstlerische Karriere
  • 1.2.1874–15.7.1929: Hugo von Hofmannsthal (Hugo Laurenz August Hofmann, Edler von Hofmannsthal, genannt Hugo von Hofmannsthal), geb. in Wien, gest. in Rodaun bei Wien, österreichischer Dichter, er gilt als einer der wichtigsten Repräsentanten des deutschsprachigen Fin de Siècle und der Wiener Moderne; war ein genial-konservativer Kopf, monarchistisch eingestellt, verfasste in den Jahren nach 1914 kriegspropagandistische Texte und stand seit Anfang der 1920er Jahre dem italienischen Faschismus nahe wie viele Grossbürger der untergegangenen Donaumonarchie; Hofmannsthal studierte Jura und Romanistik; schon früh überraschte er durch impressionistische stimmungsvolle „Kleine Dramen“ („Der Tod des Tizian“, 1892; „Der Tor und der Tod“, 1894) und symbolistisch-formvollendete Lyrik, geriet dann in eine innere Krise, in der er an der Aussagekraft der Sprache verzweifelte, und wurde nun zu einem Fortführer und Erneuerer abendländischer, zumal österreichisch-spanischer Überlieferungen, der im Wandel das Beständige zu bewahren suchte; Themen: Schönheit, Ästhetik, Tod, Ehe, Staat. - Dramen: „Jedermann“, 1911; „Das Salzburger grosse Welttheater“ 1922; „Das Bergwerk von Falun“ (postum), 1933; Lustspiele: „Der Schwierige“, 1921; „Der Unbestechliche“, 1923; auch Textbücher für Richard Strauss: „Elektra“, 1909; „Der Rosenkavalier“, 1911; „Ariadne auf Naxos“, 1912; „Die Frau ohne Schatten“, 1919; „Arabella“ (postum), 1933; ferner Erzählwerke, darunter der Fragment gebliebene Roman „Andreas oder die Vereinigten“, 1932, Essays, Aufzeichnungen, Reden; reicher Briefwechsel (fast 10 000 Briefe an 1 000 verschiedene Adressaten!), u. a. mit Richard Strauss und Stefan George (mit dem ihn in seinen Jugendjahren eine merkwürdig krankhafte literarisch-homoerotische Beziehung verband, die sich aber wegen unterschiedlicher Auffassungen um die Verortung der Lyrik im wirklichen Leben seit 1899 auseinanderentwickelte; Hofmannsthals dramatischer Entwurf zum „Jedermann“ von 1905 enthält eine späte Abrechnung mit dem einstigen – herrschsüchtig-autoritären – „Freund“: „Nie wieder dein Aug in meinem, deine Antwort auf meine Frage. Nie wieder! … Zwischen uns ist Hurerei und Scheissdreck. Es war Narretei, ein ödes Hin- und Herzappeln. Eine Sache wie Leichenschändung“); Hugo von Hofmannsthal hatte böhmische, jüdische und lombardische Vorfahren, sein jüdisch-orthodoxer Urgrossvater Isaak Löw Hofmann (1759-1849) wurde als erfolgreicher Industrieller 1835 von Ferdinand I. geadelt; er hatte die Seidenindustrie in Österreich eingeführt und für seine Familie ein ansehnliches Vermögen geschaffen; sein Sohn und Erbe Augustin Emil von Hofmannsthal (1815-1881) konvertierte zum katholischen Glauben und heiratete 1850 die bürgerliche Italienerin Petronilla Ordioni (1815-1898); Hugo August Peter Hofmann, Edler von Hofmannsthal (1841-1915), der Vater des Schriftstellers, wurde unehelich geboren und erst bei der Hochzeit seiner Eltern legitimiert; er studierte Jura, stieg zum Direktor einer Wiener Bank auf und heiratete Anna Maria Josefa Fohleutner (1852-1904), die Tochter eines Notars; beim Gründerkrach von 1873, noch während der Flitterwochen, in denen Hugo junior gezeugt wurde, verloren sie das ganze Familienvermögen; die Familie war somit auf die Einkünfte des Vaters angewiesen; der Schriftsteller musste sein Geld selbst verdienen und lebte mit einer ständigen Angst vor Verarmung – während in der Öffentlichkeit meist angenommen wurde, er lebe vom Vermögen seiner Familie; auch über einen anderen Aspekt seiner Herkunft vertrat sein Umfeld eine andere Meinung als er selbst: Während sich der Schriftsteller Hofmannsthal stets als katholischer Aristokrat sah und sich auch zu eindeutig antisemitischen Bemerkungen hinreissen liess, wurde er von Freund wie Feind häufig als „jüdischer“ Intellektueller apostrophiert; Hofmannsthals Famile legte Wert auf Bildung; Hugo, ein Einzelkind, wurde zuerst von Privatlehrern erzogen und besuchte ab 1884 das Akademische Gymnasium in Wien, eine Eliteschule der Donaumonarchie; er lernte unter anderem Italienisch, Französisch, Englisch, Latein und Griechisch; er las ungeheuer viel, war in Umgang und Intellekt frühreif und war ein ausgezeichneter Schüler; am 1.6.1901 heiratete er die 21-jährige Gertrud Schlesinger („Gerty“), die jüngere Schwester seines Freundes Hans Schlesinger, der wie der Dichter auch der Sohn eines Wiener Bankiers war; die Jüdin Gerty konvertierte noch vor der Hochzeit zum christlichen Glauben; sie zogen nach Rodaun, einen Vorort von Wien, in ein Barockschlösschen (heute „Hofmannsthal-Schlössl“ genannt); in den kommenden Jahren gebar Gerty drei Kinder: Christiane (1902-1987), Franz (1903-1929) und Raimund (1906-1974); am 13. Juli 1929 erschoss sich Hofmannsthals Sohn Franz im Alter von 26 Jahren; der künstlerisch unbegabte Sohn hatte im Leben nicht Fuss fassen können und war nach erfolglosen Anstellungen wieder zu seinen Eltern zurückgekehrt; zwei Tage nach dem Suizid seines Sohnes starb Hofmannsthal an einem Schlaganfall, als er zur Beerdigung seines Sohnes aufbrechen wollte; Hofmannsthal wurde auf dem Kalksburger Friedhof beigesetzt; er wurde in der Kutte eines Franziskanermönchs beerdigt, was sein eigener Wunsch gewesen sein soll; bei seinem Begräbnis waren viele Künstler und Politiker sowie Tausende von Wiener Bürgern anwesend; mit dem „Anschluss“ Österreichs am 12. März 1938 sah sich die Familie gezwungen, in die Emigration zu gehen, das Vermögen der Hofmannsthals wurde von den Nazis beschlagnahmt; Gerty von Hofmannsthal lebte ab Juli 1939 in Oxford, 1947 wurde sie britische Staatsbürgerin und blieb in England bis zu ihrem Tod am 9.11.1959; Raimund von Hofmannsthal, der den weltläufigen Charme seines Vaters geerbt hatte, war seit 1933 mit der Amerikanerin Ava Alice Muriel Astor verheiratet, der einzigen Tochter des sehr vermögenden John Jacob Astor IV (der beim Untergang der Titanic am 15.4.1912 umkam); 1939 heiratete er seine zweite Frau Lady Elizabeth Paget aus britischem Adel; Raimund starb am 20.3.1974; seine Schwester Christiane hatte 1928 den Indologen Heinrich Zimmer (1890-1943) geheiratet, mit dem sie in Heidelberg lebte und 1940 nach New York in die Emigration ging, weil er als Ehemann einer nicht-arischen Frau die Lehrbefugnis verloren hatte; sie studierte Sozialarbeit und wurde später Assistant Professor an der Fordham University (NYC); ihr Haus in New York war über lange Zeit Treffpunkt von amerikanischen und europäischen Künstlern und Intellektuellen
  • 3.2.1874–27.7.1946: Gertrude Stein, US-amerikanische Schriftstellerin und Verlegerin, geb. in Allegheny, Pennsylvania, als Kind deutsch-jüdischer Einwanderer, gest. in Paris, wo sie seit 1903 gelebt hatte; sie wollte den abstrakten Kubismus der Malerei in die Literatur übersetzen und gewann, besonders mit ihren sprachlichen Experimenten, theoretisch dargestellt in „Lectures in America“ 1935 (Assoziation, Klang, Verzicht auf Interpunktion), Einfluss auf eine ganze Generation von Autoren (z. B. Joyce und Hemingway); Werke: "Drei Leben" (Erzählungen) 1909, deutsch 1960; „Tender Buttons“ (Gedichte) 1915; „The Making of Americans“ (Roman) 1925; „Picasso“ 1938, deutsch 1958; sie war mit ihrem Bruder Leo nach Paris gegangen, wo sie innerhalb kürzester Zeit einen angesehenen Salon gründen und Freundschaften zu Künstlern wie Pablo Picasso und Henri Matisse aufbauen konnte; von Gertrude Stein stammt der berühmte Satz "Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose" (1922, "Sacred Emily")
  • 4.2.1874–19.3.1937: Paul Wertheimer, geboren und gestorben in Wien, Rechtsanwalt, Schriftsteller, Journalist bei der Neuen Freien Presse
  • 4.2.1874–20.3.1941: Robert Liefmann, Volkswirtschaftler, Systematiker der modernen Unternehmensformen
  • 17.2.1874–1943: Dr. Theodor Zlocisti, Arzt, Schriftsteller und Sozialist, geb. in Borchestowa bei Danzig, Westpreussen, gest. 1943 in Haifa, einer der ersten Zionisten, Mitgründer der Studentenverbindung "Jung-Israel" in Berlin 1893, im Jahr 1900 dort in Medizin promoviert, war mit seiner (späteren?) Frau (Hulda Tomaschewsky?) Teilnehmer des Ersten Zionistenkongresses; sein besonderes Interesse galt dem Ostjudentum und der jiddischen Sprache; er wanderte 1921 nach Palästina aus und verfasste 1937 das grundlegende Werk "Klimatologie und Pathologie Palästinas"; weitere Werke: "Vom Heimweg. Verse eines Juden", 1903; "Von jüdisch-deutscher Sprache und jüdisch-deutscher Literatur. Impressionen", Berlin 1910; "Am Tor des Abends. Lieder vom Heimweg", Berlin 1912; er gab auch Moses Hess, "Jüdische Schriften", heraus (Berlin 1905)
  • 20.2.1874–8.7.1943: Julius Prüwer, geb. in Wien, gest. in New York, Dirigent, 1896-1923 am Stadttheater Breslau (dort u. a. deutsche Erstaufführung von Mussorgskys "Boris Godunow"), 1924-1933 Prof. an der Hochschule für Musik in Berlin und Dirigent der Volkskonzerte der Berliner Philharmoniker sowie Generalmusikdirektor, seit 1940 am New York College of Music
  • 24.2.1874–6.10.1953: Mosche Smilansky (Pseudonyme: Cheruti; Chawadscha Mussa), geboren in Talpino/Gouvernement Kiew, gestorben in Rechovot, zionistisch eingestellter hebräischer Schriftsteller - nach Shaked "der herausragendste Dichter seiner Generation" und ein "eindeutiger Vertreter der naiven Genreliteratur"; er wurde in einem Dorf in der Oblast Kiew geboren; nachdem er seinen ursprünglichen Plan einer Ausbildung an der landwirtschaftlichen Schule von Uman aufgegeben hatte, zog er 1891 allein nach Eretz Israel, wo er einer der Gründer von Hadera war; 1893 liess er sich in Rechovot nieder, wo er Orangenhaine und Weinberge besass; seine literarische Karriere begann 1898 mit der Veröffentlichung zahlreicher Artikel in jüdischen Zeitungen in Russland, in Eretz Israel und in anderen Ländern; daneben gehörte er zu den Gründern der Literaturzeitschrift Ha-Omer; Smilansky sah sich selbst als Schüler von Achad Ha'am und war unter dem Pseudonym Cheruti ("Meine Freiheit") einer der ersten Mitarbeiter der Zeitung Ha-Poel ha-Tzair ("Der junge Arbeiter"); 1918 meldete er sich freiwillig zur Jüdischen Legion; nach dem Ersten Weltkrieg wurde er zum Anhänger der politischen Ansichten von Chaim Weizmann und veröffentlichte entsprechende Beiträge in der Presse des Landes, vor allem in Haaretz; als Mitglied der jüdischen Friedensbewegung Brit Schalom setzte er sich für die Verständigung zwischen Arabern und Juden ein und nahm 1936, zu Beginn des Arabischen Aufstands, an inoffiziellen und nicht veröffentlichten Gesprächen mit führenden arabischen Persönlichkeiten teil; in den 1940er Jahren widersetzte er sich dem Kampf des Jischuw gegen die britische Herrschaft in Palästina; im Palmach hatte er eine führende Funktion inne und war innerhalb dieser Organisation für die Region um Rechovot verantwortlich; in einem grossen Teil seines schriftstellerischen Werks beschreibt Smilansky die Geschichte der landwirtschaftlichen Ansiedlung von Juden in Eretz Israel; vor dem Ersten Weltkrieg veröffentlichte er unter dem Pseudonym Chawadscha Mussa zum Teil romantisierende Erzählungen über das Leben unter Arabern; gegen Ende seines Lebens schrieb er einige autobiographische Romane, beispielsweise Bi-Sdot Ukraina ("In den ukrainischen Feldern", 1944), Be-Tzel Ha-Pardesim ("Im Schatten der Obstgärten", 1951) und Tekuma we-Shoa ("Aufstand und Shoa", 1953)
  • 12.3.1874–4.10.1949: Edmund Eysler (Edmund Samuel Eysler, eigentlich Eisler), geb. und gest. in Wien, österreichischer Operetten-Komponist, er wurde als Sohn eines Kaufmanns geboren; eigentlich sollte er den Ingenieurberuf ergreifen, seine Bekanntschaft mit Leo Fall bewog ihn jedoch zum Musikstudium am Wiener Konservatorium, wo er als Schüler von Robert Fuchs Komposition studierte und sich zum Klavierlehrer und Kapellmeister ausbilden liess; nachdem er seine Ausbildung mit Auszeichnung abschloss, hielt Eysler sich mit Klavierunterricht finanziell über Wasser; 1898 heiratete er Poldi Allnoch, mit der er zwei Töchter hatte; 1901 erhielt er eine Stelle als Kapellmeister; er komponierte zunächst Kammermusik und Klavierstücke sowie die Oper Fest auf Solhaug und das Ballett Schlaraffenland; durch einen wohlmeinenden Verwandten lernte Eysler den Librettisten Ignaz Schnitzer kennen, welcher schon die Texte für den Zigeunerbaron verfasst hatte; so erhielt Eysler von Schnitzer den Auftrag, dessen Text zu der Oper Der Hexenspiegel zu vertonen; ursprünglich sollte das Werk nach seiner Fertigstellung an der Wiener Hofoper aufgeführt werden, wurde aber dann von deren Direktor abgelehnt, da die Musik zu einfach sei; so wurde der Hexenspiegel nie aufgeführt, obwohl der Verleger Weinberger einer Veröffentlichung des Materials zustimmte; Weinberger war es auch, der Eysler ermutigte, aus der Musik für den Hexenspiegel eine Operette zuschaffen; es entstand die Operette Bruder Straubinger, welche bei ihrer Uraufführung am 20. Februar 1903 mit Alexander Girardi in der Hauptrolle ein grosser Erfolg wurde; für das Wiener Bürgertheater komponierte Edmund Eysler die Operette Der unsterbliche Lump (Libretto von Felix Dörmann); am 14. Oktober 1910 fand die Erstaufführung statt; der Erfolg war überwältigend, die Pressestimmen meinten, diese Operette von Eysler signalisiere den Wechsel des Genres; die Musik des Komponisten wurde gelobt, die solide Instrumentation und die einfache Harmonisierung hervorgehoben; sicherlich trug dieser grosse Erfolg dazu bei, dass Eysler "Hauskomponist" des Wiener Bürgertheaters bleiben sollte; am 23. Dezember 1911 gab man seine neueste Operette Der Frauenfresser, auch ihr war grosser Erfolg beschieden; im März 1913 folgte die Uraufführung des Werks Der lachende Ehemann; von der Kritik äusserst positiv aufgenommen wurden vor allem die einprägsamen, anspruchslosen Melodien; bis 1921 sollte dieses Eysler-Werk 1793 Aufführungen erfahren; auch in den Jahren des 1. Weltkriegs brachte man im Wiener Bürgertheater in gewohnter Weise pro Saison mehrere Eysler-Operetten heraus; an dieser Stelle seien genannt: Frühling am Rhein, Die - oder Keine! und Der dunkle Schatz;nach dem Ende des 1. Weltkriegs veröffentlichte Eysler gleich eine weitere, sehr erfolgreiche Operette, Die gold’ne Meisterin, die in Wien sehr grossen Anklang fand; wegen Eyslers jüdischer Abstammung verboten die Nationalsozialisten die Aufführung seiner Werke; jetzt entdeckte auch Adolf Hitler, dass seine Lieblingsoperette Die gold'ne Meisterin von einem Juden war; Edmund Eysler flüchtete jedoch nicht, sondern fand Unterschlupf bei Verwandten und Freunden; zudem gewährte ihm der Titel eines Bürger ehrenhalber der Stadt Wien (verliehen am 7.10.1927) einen gewissen Schutz; nach dem Krieg erzielte er mit der Operette Wiener Musik, deren Uraufführung am 22. Dezember 1947 im Burgtheater stattfand, einen letzten grossen Erfolg; zum 75. Geburtstag 1949 erhielt Eysler den Ehrenring der Stadt, und die in der NS-Zeit entfernte Gedenktafel an seinem Geburtshaus in der Thelemanngasse wurde wieder angebracht; Edmund Eysler starb am 4.Oktober 1949 in Wien an den Folgen eines Sturzes von der Bühne und wurde auf dem Zentralfriedhof in Wien in einem Ehrengrab beigesetzt; mit insgesamt 60 Operetten prägte Eysler die damalige Musikwelt in Österreich und Deutschland sehr stark; internationale Erfolge waren jedoch weniger zu verzeichnen, da Eyslers Musik eher wienerisch und lokalfolkloristisch war
  • 17.3.1874–19.4.1949: Stephen S. Wise (Stephen Samuel Wise; sein Grossvater hiess noch Weiss), geb. in Budapest, gest. in New York City, radikaler amerikanischer Reformrabbiner, Zionistenführer, Teilnehmer am 2. zionistischen Kongress; Begründer des „Jewish Institute of Religion“ in New York (nicht zu verwechseln mit Isaac Mayer Wise, 1819–1900)
  • 21.3.1874–20.4.1945: Max Meyerhof, Mediziner (Augenheilkunde) in Kairo
  • 24.3.1874–31.10.1926: Harry Houdini (eigentlich Erich Weisz, Sohn des Rabbiners Mayer Samuel Weisz), geb. Budapest, gest. Detroit, berühmter jüdisch-ungarisch-US-amerikanischer Entfesselungs- und Zauberkünstler, nach einigen der „grösste Magier aller Zeiten“; als er vier Jahre alt war, emigrierte die Familie in die USA; Houdini, der schon mit 17 Jahren als Zauberer auftrat, begeisterte seine Zuschauer vor allem mit seinen Entfesselungskünsten, bei denen er sich aus den kompliziertesten Verschnürungen, Zwangsjacken, Safes und Unterwasserkäfigen befreite; dabei kamen, wie er in seinen Büchern verriet, nicht nur seine aussergewöhnliche Körperbeherrschung und Beweglichkeit zum Einsatz – er konnte sich beispielsweise seine Schultern ausrenken – sondern auch diverse Hilfsmittel wie Schnürsenkel oder Dietriche; Houdini war versehen mit dem Mythos des unbesiegbaren Supermanns, war ein Abenteurer, dabei sehr zwiespältige, skurrile Persönlichkeit (äusserst geltungssüchtiger Choleriker, geistig sehr einseitig hochbegabt, dafür im allgemeinen beschränkt), seit 1923 Freimaurer; er war neben Sarah Bernhardt der bekannteste Star seiner Zeit und verdiente ordentlich Geld
  • 25.3.1874–3.10.1952: Sawel Kwartin, berühmter Kantor
  • 26.3.1874–23.3.1930: Elisabeth Altmann-Gottheiner, geb. in Berlin, gest. in Mannheim, sie war eine der ersten deutschen Hochschullehrerinnen und als Frauenrechtlerin aktiv; sie studierte in London und Berlin; im Jahr 1904 folgte die Promotion in Zürich mit der Untersuchung Studien über die Wuppertaler Textil-Industrie und ihre Arbeiter in den letzten 20 Jahren; im Jahr 1908 war sie erste weibliche Lehrbeauftragte an der Handelshochschule Mannheim; ab 1912 gab sie das Jahrbuch der Frauenbewegung heraus; 1921 veröffentlichte sie Die Berufsaussichten der deutschen Akademikerinnen (Halle/Saale); 1924 wurde ihr die Amtsbezeichnung ordentlicher Professor verliehen; die Universität Mannheim vergibt jährlich den Elisabeth-Altmann-Gottheiner-Preis, gestiftet von der Senatskommission zur Förderung der gleichberechtigten Entfaltung von Frauen in Studium, Forschung und Lehre
  • 28.4.1874-12.6.1936: Karl Kraus, geb. in Gitschin, Böhmen (als Sohn des Papierfabrikanten und wohlhabenden Kaufmanns Jakob Kraus und seiner Frau Ernestine, geborene Kantor), gest. in Wien, österreichisch-jüdischer Schriftsteller und Publizist; einer der bedeutendsten österreichischen Schriftsteller des beginnenden 20. Jhdts., Publizist, Satiriker, Lyriker, Aphoristiker, Dramatiker, Sprach- und Kulturkritiker, vor allem ein scharfer Kritiker der Presse und des Hetzjournalismus (oder der Journaille, wie er sich ausdrückte, der „Tintenstrolche“, „Fanghunde der öffentlichen Meinung“, „Pressmaffia“, „Pressköter“ …), der sich zuweilen aber auch ordentlich verrennen konnte und einer merkwürdigen Magie der Sprache als Sprache erlag, politisch schwankend und in der Attitüde sich zuweilen erschöpfend; kämpfte in seiner Zeitschrift „Die Fackel“ (1899-1936), deren Beiträge er grösstenteils selbst schrieb, als Kulturkritiker und Sprachreformer gegen politische, wirtschaftliche, moralische und künstlerische Missstände; zu seinen jüdischen Angriffszielen gehörten Benedikt, Brod, W. Haas, Harden, Kerr, Kuh, Salten und Werfel; er war ein Wegbereiter junger Talente (u. a. Altenberg, Lasker-Schüler, Trakl); Vortragskünstler; Kraus verfasste neben seinem publizistischen Werk auch Dramen, besonders das Antikriegsstück „Die letzten Tage der Menschheit“ (1918/1919), und gedanklich bestimmte Gedichte („Worte in Versen“, 9 Bde., 1916-1930); ein Lebenszeugnis sind die Briefe an Sidonie Nádherný von Borutin 1913-1936; die Familie zog im Jahr 1877 von Gitschin nach Wien; die Mutter starb 1891; 1892 begann Kraus ein Jurastudium an der Universität Wien, wechselte dann das Fach und studierte bis 1896 Philosophie und Germanistik, ohne jedoch das Studium abzuschliessn; aus dieser Zeit rührt auch seine Freundschaft mit Peter Altenberg her; im selben Jahr 1896 gelang Kraus mit der Veröffentlichung der Satire „Die demolirte Litteratur“ der erste grosse Publikumserfolg, symptomatisch war bereits zu diesem Zeitpunkt, dass Kraus sich die bittere Feindschaft der durch ihn blossgestellten Literaten zuzog; im Folgejahr wurde Kraus Wiener Korrespondent der Breslauer Zeitung; aus Erwägungen des Jahres 1898 resultierte die Gründung der neuen Zeitschrift „Die Fackel“, die ab April 1899 erschien (es erschienen insgesamt über 20 000 Seiten und 922 Nummern, wobei häufig Doppel-, Dreifach- oder Vierfachnummern von Kraus herausgebracht wurden); 1901 fand der erste von vielen Gerichtsprozessen statt, der von Personen geführt wurde, die sich durch die „Fackel“ angegriffen fühlten (Hermann Bahr und Emmerich Bukovics); 1899 trat Kraus aus der jüdischen Gemeinde aus, 1911 wurde er katholisch und liess sich am 8. April in Wien taufen; sein Taufpate war der bekannte österreichische Architekt Adolf Loos; 1923 trat Karl Kraus aus der katholischen Kirche wieder aus (mit der Begründung: "aus Antisemitismus"); 1902 behandelte Karl Kraus erstmals das wichtige Thema Sexualmoral und Justiz im Aufsatz „Sittlichkeit und Kriminalität“; von 1906 an veröffentlichte er in der Fackel seine ersten Aphorismen, 1910 hielt Kraus die erste seiner (bis 1936) siebenhundert öffentlichen Lesungen aus seinen Schriften; im selben Jahr erschien die Schrift „Heine und die Folgen“; viel Rummel machte auch Krausens Abfertigung seines früheren Gönners Harden (wegen dessen Rolle im Eulenburg-Prozess) in der Fackel 1907; 1913 lernte Kraus die böhmische Baronin Sidonie Nádherny von Borutin kennen, mit der ihn eine lange, intensive Beziehung verband; nach einem Nachruf auf den in Sarajevo ermordeten Franz Ferdinand in der Fackel im Sommer 1914 erschien die Fackel viele Monate lang nicht; Kraus schrieb gegen den Krieg und schwieg gegen den Krieg; mehrmals noch wurde die Fackel von der Zensur behindert oder gar einzelne Ausgaben beschlagnahmt; 1915 begann Kraus mit der Arbeit am Theaterstück „Die letzten Tage der Menschheit“ (das in der Fackel in Teilen vorab gedruckt wurde); 1919 gab Kraus seine gesammelten Kriegsaufsätze unter dem Titel „Weltgericht“ heraus; 1920 veröffentlichte Kraus als Replik zu einem von Franz Werfel unter dem Titel „Spiegelmensch“ veröffentlichten Angriff gegen seine Person die auf Werfel gemünzte Satire „Literatur oder Man wird doch da sehn“; im Januar 1924 begann die Auseinandersetzung mit dem erpresserischen Verleger des Boulevardblattes „Die Stunde“, Imre Békessy; dieser antwortete mit Rufmordkampagnen gegen Kraus, der im Jahr darauf unter dem Schlachtruf „Hinaus aus Wien mit dem Schuft!“ zu einer „Erledigung“ ausholte und 1926 erreichte, dass Békessy sich seiner Verhaftung durch Flucht aus Wien entziehen musste; 1927 versuchte Kraus eine ähnliche Aktion gegen Johann Schober, Polizeipräsident zur Zeit der blutig niedergeschlagenen Julirevolte, scheiterte aber; 1928 veröffentliche Kraus die Akten des Prozesses, den Kerr gegen Kraus angestrengt hatte, da Kraus ihm seine früheren chauvinistischen Kriegsgedichte in der Fackel vorgehalten hatte; 1933 erschien nach der Machtergreifung Hitlers keine Ausgabe der Fackel, da Kraus an einem Text arbeitete, der aber erst posthum unter dem Titel „Die Dritte Walpurgisnacht“ erschien (mit dem berühmten Zeilenanfang: „Mir fällt zu Hitler nichts ein“); in der Oktoberausgabe 1933 (der einzigen Ausgabe der Fackel im Jahr 1933 und mit nur 4 Seiten der „dünnsten“ Fackel überhaupt) veröffentlichte Kraus das Gedicht „Man frage nicht“, das mit der Zeile endet: „Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte“; mit seiner Unterstützung für Dollfuss, von der sich Kraus erhoffte, dass dieser das Überschwappen des Nationalsozialismus auf Österreich verhindern würde, entfremdete sich Karl Kraus von Teilen seiner Anhängerschaft; das letzte Heft der Fackel erschien im Februar 1936; am 12. Juni 1936 starb Karl Kraus nach kurzer Krankheit in Wien an einer Herzembolie; Karl Kraus hat zeitlebens polarisiert, seine Leser und seine Zuhörer waren von ihm und seiner moralischen Autorität oder zumindest von dem, was auf sie so wirkte, fasziniert und betäubt, nach seinen Vorlesungen waren alle so erschlagen, dass sie – nach einem Bericht von Elias Canetti – nicht einmal wagten zu atmen; „wer ihn gehört habe, der wolle nie mehr ins Theater, das Theater sei langweilig verglichen mit ihm, er allein sei ein ganzes Theater, aber besser, und dieses Weltwunder, dieses Ungeheuer, dieses Genie trug den Namen Karl Kraus“ (Elias Canetti, „Die Fackel im Ohr“, 1982); für seine zahlreichen Gegner, die er sich durch die Unbedingtheit und Leidenschaft seiner Parteinahme schuf, war er hingegen ein verbitterter Misanthrop und ein „armer Möchtegern“ (Alfred Kerr); „hinter Karl Kraus steht keine Religion, kein System, keine Partei, hinter Karl Kraus steht immer wieder immer nur Karl Kraus. Er ist ein in sich geschlossenes System, er ist eine Ein-Mann-Kirche, ist selbst Gott und Papst und Evangelist und Gemeinde dieses Bekenntnisses. Er spricht in eigenem Namen, in eigenem Auftrag und ohne Rücksicht auf Resonanz“ (Hans Weigel); Karl Kraus sei im Grunde ein verhinderter Schauspieler, deshalb diese Theatralik am falschen Ort (Hans Weigel); Karl Kraus gilt als herausgehobenes Beispiel für den so genannten „jüdischen Selbsthass“; 1922 machte Karl Kraus seine Hinwendung zur katholischen Kirche publikumswirksam rückgängig, weil die Salzburger Kollegienkirche Max Reinhardt das Kirchengebäude für Theateraufführungen zur Verfügung stellte; seine Sprache benutzte klar antisemitische Vokabeln und Topoi (z. B. das viel zitierte „Heinrich Heine habe der deutschen Sprache das Mieder gelockert, so dass jeder Kommis nun an ihren Brüsten herumfingern dürfe“), aber in Wahrheit liegt die Sache etwas komplizierter als vermutet; eindeutig ist hingegen sein Antizionismus ("Eine Krone für Zion", 1898); Kraus’ Selbstbewusstsein war ungemein, seine Misanthropie legendär, so liest man beispielsweise in der Fackel im Januar 1921: „Ich lese keine Manuskripte und keine Drucksachen, brauche keine Zeitungsausschnitte, interessiere mich für keine Zeitschriften, begehre keine Rezensionsexemplare und versende keine, bespreche keine Bücher, sondern werfe sie weg, prüfe keine Talente, gebe keine Autogramme …, besuche keine Vorlesungen ausser den eigenen, erteile keinen Rat und weiss keinen, mache keinen Besuch und empfange keinen, schreibe keinen Brief und will keinen lesen und verweise auf die völlige Aussichtslosigkeit jedes Versuchs, mich zu irgendeiner der hier angedeuteten oder wie immer beschaffenen, schon in ihrer Vorstellung meine Arbeit störenden, mein Missbehagen an der Aussenwelt mehrenden Verbindungen mit eben dieser bestimmen zu wollen, und habe nur noch die Bitte, die auf alle derlei Unternehmungen vergeudeten Porto- und sonstigen Kosten von jetzt an der Gesellschaft der Freunde Wiens I., Singerstrasse 16, zuzuwenden“; man kann natürlich auch sagen: Da man das nicht als ernst gemeinten Hinweis – mit der Schlussfolgerung eines manifesten Grössenwahns – lesen darf, hat man es hier wieder mit der blossen Attitüde zu tun, und so ist es wohl auch; Kraus wurde immer autokratischer, immer monomanischer; die Fackel und Kraus waren identisch geworden, keine anderen Stimmen veröffentlichten mehr etwas in ihr, zuletzt hatte sich Kraus selbst überlebt bzw. Kraus und seine Zeit hatten sich auseinandergelebt; die Fackel, die Bücher, die Vorlesungen waren zum Verlustgeschäft geworden, Kraus starb fast mittellos; der Nachlass deckte kaum die Beerdiungskosten; - vgl. noch bei Anton Kuh
  • 10.5.1874–30.6.1956: Rideamus (Fritz Oliven), deutscher humoristischer Schriftsteller
  • 31.5.1874–13.8.1950: Robert Prechtl (Friedlaender), Schriftsteller (Dramen, Essays)
  • 7.7.1874–20.5.1944: Hans Przibram, Biologe in Wien (Przibram = aus Prag stammende jüdische Familie)
  • 25.8.1874–26.8.1947: Franz Haymann, Jurist (Bürgerliches Recht)
  • 19.12.1874–20.2.1946: Abraham Kahana, jüdischer Gelehrter, lebte in Tel Aviv; "Perusch maddai", wissenschaftlicher Bibelkommentar, 1903 ff.
  • 1874–1954: Juda Bergmann, jüdischer Gelehrter, Rabbiner in Berlin 1908–1933

Bücher

Zeitungen und Zeitschriften

  • Seit 1874: La Buena Esperanca, in Smyrna/Türkei wöchentlich in spaniolischer Sprache erscheinendes Blatt
  • Seit 1874: La Epoca, in Saloniki in Spaniolisch erscheinend

1874 in Wikipedia