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1874

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Ereignisse

  • 1874: Stärker ökonomisch-judenfeindlich als Wilhelm Marr argumentierte Otto Glagau (1834-1892) in einer vielgelesenen Artikelserie in der „Gartenlaube“ (1874), dann mit Schriften über den angeblichen „Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin“ (1875) und „Bankerott des Nationalliberalismus und die 'Reaktion'“ (1878). Auch er wandte sich an ruinierte Mittelständler und Kleinbürger und mobilisierte deren überkommene christliche Vorurteile gegen Juden.
  • 1874: Nürnberg: Fertigstellung der Hauptsynagoge (daneben bestand noch bis vor dem 2. Weltkrieg die Synagoge der Adass Jisroel)
  • 1874: Schweiz: Die Bundesverfassung von 1848 verwehrte Juden weiterhin Niederlassungs- und Kultusfreiheit sowie die Gleichheit in Gerichtsverfahren gegenüber Christen. Bis etwa 1850 weigerten sich die meisten Kantone, Juden die Ansiedlung zu gestatten. Erst 1866 brachte eine Volksabstimmung ihnen die vollen bürgerlichen Rechte und erlaubte ihnen auch die freie Religionsausübung. Erst auf internationalen Druck Frankreichs, der Niederlande und der USA hin, die ihre Handelsverträge mit der Schweiz von der Niederlassungsfreiheit auch für Juden abhängig machten, hob die revidierte Bundesverfassung 1874 die letzten Einschränkungen der Bürgerrechte für Juden auf. Doch die Bevölkerung blieb antijüdisch eingestellt.
  • 1874: Eröffnung der ersten jüdischen Bibliothek Böhmens in Prag
  • 1874: Bis heute befindet sich eine Sammlung von über 15 000 Flaschen an Rothschild-Weinen im englischen Waddesdon Manor, einem in seiner Architektur, Gartenanlage und Kunstsammlung einmaligen Familienbesitz der Rothschilds, 1874 errichtet von Ferdinand von Rothschild
  • 1874: Richard Kann geboren, Jurist (Völkerrecht, internationales Privatrecht)
  • 1874: M. H. van Campen geboren, niederländisch-jüdischer Schriftsteller
  • 1874: Siegfried Wagner geboren, jüdischer Bildhauer in Dänemark
  • 1874: Ernst Valentin geboren, Techniker (Kraftfahrzeugbau)
  • 1.1.1874–13.11.1951: Hugo Leichtentritt, geb. in Pleschen bei Posen, gest. in Cambridge/Massachusetts, deutsch-jüdischer Musikwissenschaftler; in Deutschland geboren und aufgewachsen, wurde Hugo Leichtentritt mit 15 Jahren nach Amerika geschickt; dort besuchte er die höhere Schule in Somerville/Massachusetts; im Anschluss daran studierte er an der Hochschule für Musik in Berlin und war dann an der Harvard University Schüler von John Knowles Paine; nachdem er hier 1894 den B.A erhielt, setzte er sein Studium in Deutschland an der Königlichen Hochschule in Berlin fort und promovierte 1901 mit der Dissertation "Reinhard Keiser in seinen Opern"; ab demselben Jahr war er als Lehrer für Komposition, Musikgeschichte und Ästhetik am Klindworth-Scharwenka-Konservatorium tätig und lehrte hier bis 1924; er schrieb daneben auch Musikkritiken für "Die Musik", die "Allgemeine Musikzeitung", die "Vossische Zeitung" und "Signale für die musikalische Welt" und arbeitete ebenfalls als Korrespondent für den "New Yorker Musical Courier" und für die Londoner "Musical Times"; in der deutschen Armee diente er 1917/18 als Schreiber; danach gab er in Berlin, fast ausschliesslich als Privatlehrer, Kompositionsunterricht; als Jude wurde Leichtentritt 1933 gezwungen, Deutschland zu verlassen und emigrierte in die USA, wo er sich in Cambridge/Massachusetts niederliess; Leichtentritt war bis zu seiner Emeritierung 1940 Professor an der Harvard University, hielt aber bis 1944 auch an der New York University Vorlesungen; Leichtentritt verfügte über ein hohes Mass an Allgemeinbildung und hatte grundlegende Kenntnis von Literatur, Sprachen und Philosophie, was es ihm erlaubte, Musik in weltgeschichtlichen Zusammenhängen darzustellen; als Historiker sind vor allem seine Beschäftigungen mit der Motette, dem Madrigal und der deutschen Oper von Bedeutung; auch verfolgte er die zeitgenössische Musik mit hohem Interesse; lange Zeit galten seine "Geschichte der Motette" (1908) und "Musikalische Formenlehre" (1911) als Standardwerke; zu seinen herausragendsten Schriften zählen seine in den USA entstandenen "Music, History, and Ideas" (1938) und das 1956 posthum veröffentlichte "Music of the Western Nations", die eine Synthese seiner musikalischen Gedanken darstellen; Leichtentritt komponierte zwei Opern, von denen "Der Sizilianer" 1920 in Freiburg uraufgeführt wurde; er schrieb eine Symphonie, Solokonzerte, Kammermusik und Lieder im neobarocken Stil mit impressionistischem Einschlag; mit diesen meist unveröffentlichten Werken erlangte er aber nie grosse Beachtung; noch zu erwähnen wären seine monumentale Händel-Biographie (1924); "Chopin", 1905; "Analyse der Chopinschen Klavierwerke", 2 Bände, 1921 f.
  • 4.2.1874–19.3.1937: Paul Wertheimer, geboren und gestorben in Wien, Rechtsanwalt, Schriftsteller, Journalist bei der Neuen Freien Presse
  • 4.2.1874–20.3.1941: Robert Liefmann, Volkswirtschaftler, Systematiker der modernen Unternehmensformen
  • 21.3.1874–20.4.1945: Max Meyerhof, Mediziner (Augenheilkunde) in Kairo
  • 25.3.1874–3.10.1952: Sawel Kwartin, berühmter Kantor
  • 28.4.1874-12.6.1936: Karl Kraus, geb. in Gitschin, Böhmen (als Sohn des Papierfabrikanten und wohlhabenden Kaufmanns Jakob Kraus und seiner Frau Ernestine, geborene Kantor), gest. in Wien, österreichisch-jüdischer Schriftsteller und Publizist; einer der bedeutendsten österreichischen Schriftsteller des beginnenden 20. Jhdts., Publizist, Satiriker, Lyriker, Aphoristiker, Dramatiker, Sprach- und Kulturkritiker, vor allem ein scharfer Kritiker der Presse und des Hetzjournalismus (oder der Journaille, wie er sich ausdrückte, der „Tintenstrolche“, „Fanghunde der öffentlichen Meinung“, „Pressmaffia“, „Pressköter“ …), der sich zuweilen aber auch ordentlich verrennen konnte und einer merkwürdigen Magie der Sprache als Sprache erlag, politisch schwankend und in der Attitüde sich zuweilen erschöpfend; kämpfte in seiner Zeitschrift „Die Fackel“ (1899-1936), deren Beiträge er grösstenteils selbst schrieb, als Kulturkritiker und Sprachreformer gegen politische, wirtschaftliche, moralische und künstlerische Missstände; zu seinen jüdischen Angriffszielen gehörten Benedikt, Brod, W. Haas, Harden, Kerr, Kuh, Salten und Werfel; er war ein Wegbereiter junger Talente (u. a. Altenberg, Lasker-Schüler, Trakl); Vortragskünstler; Kraus verfasste neben seinem publizistischen Werk auch Dramen, besonders das Antikriegsstück „Die letzten Tage der Menschheit“ (1918/1919), und gedanklich bestimmte Gedichte („Worte in Versen“, 9 Bde., 1916-1930); ein Lebenszeugnis sind die Briefe an Sidonie Nádherný von Borutin 1913-1936; die Familie zog im Jahr 1877 von Gitschin nach Wien; die Mutter starb 1891; 1892 begann Kraus ein Jurastudium an der Universität Wien, wechselte dann das Fach und studierte bis 1896 Philosophie und Germanistik, ohne jedoch das Studium abzuschliessn; aus dieser Zeit rührt auch seine Freundschaft mit Peter Altenberg her; im selben Jahr 1896 gelang Kraus mit der Veröffentlichung der Satire „Die demolirte Litteratur“ der erste grosse Publikumserfolg, symptomatisch war bereits zu diesem Zeitpunkt, dass Kraus sich die bittere Feindschaft der durch ihn blossgestellten Literaten zuzog; im Folgejahr wurde Kraus Wiener Korrespondent der Breslauer Zeitung; aus Erwägungen des Jahres 1898 resultierte die Gründung der neuen Zeitschrift „Die Fackel“, die ab April 1899 erschien (es erschienen insgesamt über 20 000 Seiten und 922 Nummern, wobei häufig Doppel-, Dreifach- oder Vierfachnummern von Kraus herausgebracht wurden); 1901 fand der erste von vielen Gerichtsprozessen statt, der von Personen geführt wurde, die sich durch die „Fackel“ angegriffen fühlten (Hermann Bahr und Emmerich Bukovics); 1899 trat Kraus aus der jüdischen Gemeinde aus, 1911 wurde er katholisch und liess sich am 8. April in Wien taufen; sein Taufpate war der bekannte österreichische Architekt Adolf Loos; 1923 trat Karl Kraus aus der katholischen Kirche wieder aus (mit der Begründung: "aus Antisemitismus"); 1902 behandelte Karl Kraus erstmals das wichtige Thema Sexualmoral und Justiz im Aufsatz „Sittlichkeit und Kriminalität“; von 1906 an veröffentlichte er in der Fackel seine ersten Aphorismen, 1910 hielt Kraus die erste seiner (bis 1936) siebenhundert öffentlichen Lesungen aus seinen Schriften; im selben Jahr erschien die Schrift „Heine und die Folgen“; viel Rummel machte auch Krausens Abfertigung seines früheren Gönners Harden (wegen dessen Rolle im Eulenburg-Prozess) in der Fackel 1907; 1913 lernte Kraus die böhmische Baronin Sidonie Nádherny von Borutin kennen, mit der ihn eine lange, intensive Beziehung verband; nach einem Nachruf auf den in Sarajevo ermordeten Franz Ferdinand in der Fackel im Sommer 1914 erschien die Fackel viele Monate lang nicht; Kraus schrieb gegen den Krieg und schwieg gegen den Krieg; mehrmals noch wurde die Fackel von der Zensur behindert oder gar einzelne Ausgaben beschlagnahmt; 1915 begann Kraus mit der Arbeit am Theaterstück „Die letzten Tage der Menschheit“ (das in der Fackel in Teilen vorab gedruckt wurde); 1919 gab Kraus seine gesammelten Kriegsaufsätze unter dem Titel „Weltgericht“ heraus; 1920 veröffentlichte Kraus als Replik zu einem von Franz Werfel unter dem Titel „Spiegelmensch“ veröffentlichten Angriff gegen seine Person die auf Werfel gemünzte Satire „Literatur oder Man wird doch da sehn“; im Januar 1924 begann die Auseinandersetzung mit dem erpresserischen Verleger des Boulevardblattes „Die Stunde“, Imre Békessy; dieser antwortete mit Rufmordkampagnen gegen Kraus, der im Jahr darauf unter dem Schlachtruf „Hinaus aus Wien mit dem Schuft!“ zu einer „Erledigung“ ausholte und 1926 erreichte, dass Békessy sich seiner Verhaftung durch Flucht aus Wien entziehen musste; 1927 versuchte Kraus eine ähnliche Aktion gegen Johann Schober, Polizeipräsident zur Zeit der blutig niedergeschlagenen Julirevolte, scheiterte aber; 1928 veröffentliche Kraus die Akten des Prozesses, den Kerr gegen Kraus angestrengt hatte, da Kraus ihm seine früheren chauvinistischen Kriegsgedichte in der Fackel vorgehalten hatte; 1933 erschien nach der Machtergreifung Hitlers keine Ausgabe der Fackel, da Kraus an einem Text arbeitete, der aber erst posthum unter dem Titel „Die Dritte Walpurgisnacht“ erschien (mit dem berühmten Zeilenanfang: „Mir fällt zu Hitler nichts ein“); in der Oktoberausgabe 1933 (der einzigen Ausgabe der Fackel im Jahr 1933 und mit nur 4 Seiten der „dünnsten“ Fackel überhaupt) veröffentlichte Kraus das Gedicht „Man frage nicht“, das mit der Zeile endet: „Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte“; mit seiner Unterstützung für Dollfuss, von der sich Kraus erhoffte, dass dieser das Überschwappen des Nationalsozialismus auf Österreich verhindern würde, entfremdete sich Karl Kraus von Teilen seiner Anhängerschaft; das letzte Heft der Fackel erschien im Februar 1936; am 12. Juni 1936 starb Karl Kraus nach kurzer Krankheit in Wien an einer Herzembolie; Karl Kraus hat zeitlebens polarisiert, seine Leser und seine Zuhörer waren von ihm und seiner moralischen Autorität oder zumindest von dem, was auf sie so wirkte, fasziniert und betäubt, nach seinen Vorlesungen waren alle so erschlagen, dass sie – nach einem Bericht von Elias Canetti – nicht einmal wagten zu atmen; „wer ihn gehört habe, der wolle nie mehr ins Theater, das Theater sei langweilig verglichen mit ihm, er allein sei ein ganzes Theater, aber besser, und dieses Weltwunder, dieses Ungeheuer, dieses Genie trug den Namen Karl Kraus“ (Elias Canetti, „Die Fackel im Ohr“, 1982); für seine zahlreichen Gegner, die er sich durch die Unbedingtheit und Leidenschaft seiner Parteinahme schuf, war er hingegen ein verbitterter Misanthrop und ein „armer Möchtegern“ (Alfred Kerr); „hinter Karl Kraus steht keine Religion, kein System, keine Partei, hinter Karl Kraus steht immer wieder immer nur Karl Kraus. Er ist ein in sich geschlossenes System, er ist eine Ein-Mann-Kirche, ist selbst Gott und Papst und Evangelist und Gemeinde dieses Bekenntnisses. Er spricht in eigenem Namen, in eigenem Auftrag und ohne Rücksicht auf Resonanz“ (Hans Weigel); Karl Kraus sei im Grunde ein verhinderter Schauspieler, deshalb diese Theatralik am falschen Ort (Hans Weigel); Karl Kraus gilt als herausgehobenes Beispiel für den so genannten „jüdischen Selbsthass“; 1922 machte Karl Kraus seine Hinwendung zur katholischen Kirche publikumswirksam rückgängig, weil die Salzburger Kollegienkirche Max Reinhardt das Kirchengebäude für Theateraufführungen zur Verfügung stellte; seine Sprache benutzte klar antisemitische Vokabeln und Topoi (z. B. das viel zitierte „Heinrich Heine habe der deutschen Sprache das Mieder gelockert, so dass jeder Kommis nun an ihren Brüsten herumfingern dürfe“), aber in Wahrheit liegt die Sache etwas komplizierter als vermutet; eindeutig ist hingegen sein Antizionismus ("Eine Krone für Zion", 1898); Kraus’ Selbstbewusstsein war ungemein, seine Misanthropie legendär, so liest man beispielsweise in der Fackel im Januar 1921: „Ich lese keine Manuskripte und keine Drucksachen, brauche keine Zeitungsausschnitte, interessiere mich für keine Zeitschriften, begehre keine Rezensionsexemplare und versende keine, bespreche keine Bücher, sondern werfe sie weg, prüfe keine Talente, gebe keine Autogramme …, besuche keine Vorlesungen ausser den eigenen, erteile keinen Rat und weiss keinen, mache keinen Besuch und empfange keinen, schreibe keinen Brief und will keinen lesen und verweise auf die völlige Aussichtslosigkeit jedes Versuchs, mich zu irgendeiner der hier angedeuteten oder wie immer beschaffenen, schon in ihrer Vorstellung meine Arbeit störenden, mein Missbehagen an der Aussenwelt mehrenden Verbindungen mit eben dieser bestimmen zu wollen, und habe nur noch die Bitte, die auf alle derlei Unternehmungen vergeudeten Porto- und sonstigen Kosten von jetzt an der Gesellschaft der Freunde Wiens I., Singerstrasse 16, zuzuwenden“; man kann natürlich auch sagen: Da man das nicht als ernst gemeinten Hinweis – mit der Schlussfolgerung eines manifesten Grössenwahns – lesen darf, hat man es hier wieder mit der blossen Attitüde zu tun, und so ist es wohl auch; Kraus wurde immer autokratischer, immer monomanischer; die Fackel und Kraus waren identisch geworden, keine anderen Stimmen veröffentlichten mehr etwas in ihr, zuletzt hatte sich Kraus selbst überlebt bzw. Kraus und seine Zeit hatten sich auseinandergelebt; die Fackel, die Bücher, die Vorlesungen waren zum Verlustgeschäft geworden, Kraus starb fast mittellos; der Nachlass deckte kaum die Beerdiungskosten; - vgl. noch bei Anton Kuh
  • 10.5.1874–30.6.1956: Rideamus (Fritz Oliven), deutscher humoristischer Schriftsteller
  • 31.5.1874–13.8.1950: Robert Prechtl (Friedlaender), Schriftsteller (Dramen, Essays)
  • 7.7.1874–20.5.1944: Hans Przibram, Biologe in Wien (Przibram = aus Prag stammende jüdische Familie)
  • 25.8.1874–26.8.1947: Franz Haymann, Jurist (Bürgerliches Recht)
  • 19.12.1874–20.2.1946: Abraham Kahana, jüdischer Gelehrter, lebte in Tel Aviv; "Perusch maddai", wissenschaftlicher Bibelkommentar, 1903 ff.
  • 1874–1954: Juda Bergmann, jüdischer Gelehrter, Rabbiner in Berlin 1908–1933

Bücher

Zeitungen und Zeitschriften

  • Seit 1874: La Buena Esperanca, in Smyrna/Türkei wöchentlich in spaniolischer Sprache erscheinendes Blatt
  • Seit 1874: La Epoca, in Saloniki in Spaniolisch erscheinend

1874 in Wikipedia