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1879

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Ereignisse

  • 1879: 1879 gilt als Geburtsjahr des „modernen“ Antisemitismus, in dem sich deutschnationale, antiliberale, antikapitalistische und rassistische Motive verknüpften und im Bürgertum reichsweit gesellschaftsfähig wurden. In jenem Jahr erreichte Marrs (er prägte 1879 auch den Begriff „Antisemitismus“) Buch „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum“ 12 Auflagen. Daraufhin gründete er die Antisemitenliga als erste deutsche Gruppe, die die Vertreibung der Juden aus Deutschland anstrebte. Sprachrohr dafür war das Hetzblatt „Deutsche Wacht“, das Marr zweimal monatlich herausgab. Im selben Jahr begann der zweijährige Berliner Antisemitismusstreit mit einem Artikel ("Ein Wort über unser Judentum") des angesehenen Historikers Heinrich von Treitschke (1834-1896). Er unterstützte Stoeckers Forderungen und prägte den verhängnisvollen, später von den Nationalsozialisten nur zu gerne übernommenen Satz (z. B. ab 1927 auf jeder Titelseite des "Stürmer" auf der Fusszeile abgedruckt): Die Juden sind unser Unglück. Diese allgemeine antiliberale Judenfeindschaft kritisierte der Althistoriker Theodor Mommsen (1817-1903) 1880 scharf ("Auch ein Wort über unser Judentum"). Mit einer von ihm initiierten „Notabeln-Erklärung“ gelang es ihm zeitweise, Treitschke an der Humboldt-Universität Berlin zu isolieren. Doch nun war die Judenfrage auch als „wissenschaftliches“ Thema etabliert. Auch der Rabbiner Manuel Joel verfasste als Abwehrmassnahme gegen Treitschke einen offenen Brief (1879); weitere Gegenschriften von M. Lazarus ("Was heisst national?", 1880), H. Bresslau ("Zur Judenfrage", Sendschreiben 1880); - Treitschke behandelte die jüdische Frage auch in seiner "Deutschen Geschichte im 19. Jhdt." (3. Bd., 9. Kap.; 4. Bd., 7. Kap.)
  • 1879: Unter dem Einfluss des Berliner Antisemitismusstreits kam es auch in Skandinavien unvermutet zu antijüdischen Reaktionen gegen die Judenemanzipation: So polemisierte der norwegische Theologe F. C. Heuch 1879 gegen den jüdischen Literaturhistoriker Georg Brandes, der in Anlehnung an Gotthold Ephraim Lessing einen humanistischen Fortschrittsglauben vertrat. Heuch sah das „glaubenslose Reformjudentum“ als gefährlichen Feind des Christentums. Ähnlich warnte auch der Kopenhagener Pastor Fredrik Nielsen 1880 vor dem „modernen Judentum“, das von Lessing, Moses Mendelssohn und Abraham Geiger inspiriertes Anti-Christentum sei. Aber weder Heuch noch Nielsen hatten eine nachhaltige Wirkung auf das Geistesleben ihrer Länder.
  • 1879: Leo Rosenberg geboren, Jurist (Völkerrecht, internationales Privatrecht)
  • 1879: Heinrich Hoeniger geboren, Jurist (Arbeitsrechtler)
  • 1879: Ludwig F. Meyer geboren, Mediziner (Kinderheilkunde) in Berlin
  • 1879: Ernst Pribram geboren, Mediziner (Bakteriologe) in Chicago (Przibram = aus Prag stammende jüdische Familie)
  • 1879: Rudolf Ehrmann geboren, Mediziner (Innere Medizin) in Berlin
  • 1879: E. Magnus-Alsleben geboren, Mediziner (Innere Medizin) in Ankara
  • 1879: Gregor Fitelberg geboren, jüdischer Komponist in Polen
  • 1879: Eugen Täubler in Gostyn (Posen) geboren, Historiker (Alte Geschichte), jüdischer Gelehrter, 1906-1918 Leiter des "Gesamtarchivs der deutschen Juden"; o. Prof. in Heidelberg 1924-1933; verfasste "Imperium Romanum" (1913); er starb 1953 in Cincinnati
  • 1879: Kurt Münzer geboren, Schriftsteller (Romane, Novellen)
  • 1879: Arthur Feiler geboren, Journalist an der Frankfurter Zeitung
  • 1879: Emil J. Wolf geboren, Anglist
  • 1879: Joseph Toplinsky geboren. Joseph „Yosky“ Toplinsky („Yosky Nigger“, laut New York Times-Artikel 18.7.1935: „Chief of Horse Poisoners in 1902“), jüdischer Gangster, Kopf einer unabhängigen New Yorker East Side-Gang, die um 1900 herum ihr Geld damit verdiente, von den herumziehenden Händlern Schutzgeld zu erpressen, und im Falle der Nichtzahlung u. a. deren Pferde vergifteten („Yiddish Black Hand“); er konnte 1935 – nach einer Lkw-Entführung und dem Kidnapping von Fahrer und Beifahrer – verhaftet und eingesperrt werden
  • 1879: Seit 1879 fortlaufende jüdische Einwanderung nach Palästina (Alija)
  • 1879: Petach Tikwa / Petah Tikva ("Tor der Hoffnung"); genannt "Mutter der jüdischen Siedlungen", Landstadt in Palästina mit Munizipalrecht, nach missglücktem Versuch (1879) seit 1882 besiedelt; 1934 ca. 12.000 Einwohner (Orangenbau mit arabischen und jüdischen Lohnarbeitern); heute eine der grössten Städte Israels
  • 18.1.1879–10.5.1954: Leopold Neuhaus, geb. in Rotenburg an der Fulda, gest. in Detroit, Michigan, war der letzte Rabbiner der dritten jüdischen Gemeinde, die in Frankfurt am Main vernichtet wurde; er gründete die vierte Jüdische Gemeinde in Frankfurt; Neuhaus absolvierte das Gymnasium in Kassel, studierte Philosophie an der Universität Berlin, besuchte dort das orthodoxe Hildesheimersche Rabbinerseminar und wurde dort auch zum Dr. phil. promoviert; 1908 amtierte er als Rabbiner in Lauenburg in Pommern, 1909 kam er nach Ostrowo in der Provinz Posen; als diese Provinz 1919 an Polen abgetreten wurde, floh er nach Leipzig, wo er Ko-Rektor der Jüdischen Schule wurde; in den Jahren 1926-1934 war er Rabbiner in Mülheim an der Ruhr und siedelte danach nach Frankfurt über; in Frankfurt wurde er Lehrer am Philanthropin; am 18. August 1942 wurde Neuhaus mit seiner Frau Cilly, der Tochter des Lübecker Rabbiners Carl Salomon Carlebach, in das KZ Theresienstadt deportiert; mit ihm wurden 1.020 Frankfurter Juden, der Rest der jüdischen Gemeinde in Frankfurt, nach Theresienstadt deportiert; dort amtierte er als Rabbiner in der "Magdeburger Kaserne"; nach der Befreiung von den Nationalsozialisten holte die Stadt Frankfurt ihn mit den Überlebenden aus Theresienstadt zurück; hier baute er mit der Unterstützung der Amerikaner eine neue jüdische Gemeinde auf; 1946 wanderte er nach Detroit aus; bis zu seinem Tod mit fünfundsiebzig Jahren war er dort Rabbiner der Gemeinde „Gemiluth Chasodim“
  • 3.2.1879–26.1.1932: Harry Fuld, geb. in Frankfurt, gest. in Zürich, Telefonfabrikant; betrieb das Mietgeschäft im deutschen Telefonverkehr, hatte ein kleines Unternehmen zur Herstellung von Haustelefonanlagen gegründet, woraus der Fuld-Konzern mit einer ausgedehnten Fabrikation von Fernsprechgeräten entstand; nach der Zulassung des Anschlusses von Privattelefonanlagen an das postalische Fernsprechnetz (1900) entwickelte Harry Fuld in seinen Betrieben vor allem die fernsprechtechnischen Einrichtungen für die Privatnebenstellen; er baute dann einen nationalen und internationalen Vertrieb auf; sein Unternehmen mit allen zugehörigen Gesellschaften wurde 1928 in eine AG umgewandelt, der Konzern beschäftigte dann rund 5000 Menschen in Deutschland und im Ausland; nach Auftragsboykott und Zwangsarisierung ging daraus die "Telefonbau & Normalzeit GmbH" (T&N) hervor
  • 5.2.1879–Mai 1940: Gustav Brecher, geb. in Eichelbaum (Eichwald?)/Böhmen, Selbsttötung gemeinsam mit seiner Frau (Gertrud Deutsch), um der Deportation zu entgehen, bei Ostende, bedeutender Operndirigent in Leipzig, kam über Wien, Olmütz, Hamburg, Köln, Frankfurt/M. als Generalmusikdirektor und Operndirigent nach Leipzig (1924-1933); er komponierte Sinfonien ("Aus unserer Zeit") und übersetzte Opernlibretti; er schrieb auch eine Monographie über R. Strauss
  • 5.2.1879–3.1.1942: Pinchas Ruthenberg, geb. in Romny, Gouvernement Poltawa; gest. in Jerusalem, russisch-jüdischer Wasserbau-Ingenieur, Unternehmer und zionistischer Pionier; Pinchas Ruthenberg war eines der aktivsten Mitglieder der sozial-revolutionären Partei Russlands und spielte eine führende Rolle am blutigen Sonntag (22. Januar 1905), an dem er dem Priester Gapon das Leben rettete; 1914 ging er nach Amerika und beteiligte sich an der dortigen jüdischen Kongressbewegung; zu dieser Zeit trat er vorübergehend in die Poale-Zion-Partei ein; während der russischen Revolution 1917 war er Leiter der nordrussischen Zivilverwaltung und während der Oktoberrevolution einer der drei Generalbevollmächtigten der provisorischen Regierung und kämpfte bis zum Schluss gegen die Bolschewiki; nach seiner Befreiung ging er nach Moskau, dann nach Kiew und Odessa, schliesslich nach Palästina, wo er nach langwierigen technischen Vorbereitungen nach dem Ersten Weltkrieg von 1920 bis 1930 das gross angelegte Projekt der hydroelektrischen Ausnutzung der Jordanfälle erarbeitete; 1923 war unter Beteiligung britisch-jüdischen Kapitals mit regierungsamtlicher Konzession die Palestine Electric Corporation (P. E. C.) zur Finanzierung des Ruthenberg-Projekts gegründet worden; 1932 wurde die Station Tel-Or ("Lichtberg") beim Einfluss des Jarmuk in den Jordan unterhalb des Tiberiassees gegründet; die Gesamtkapazität (einschl. Diesel-Hilfsstationen Tel Aviv und Haifa) betrug schnell ca. 33 000 PS; Kraftstromverbrauch 1934 über 34 Mill. kW; dieses Projekt okkupierte ihn so sehr, dass er für eine politische Beteiligung keine Zeit fand; erst nach den blutigen Ereignissen des August 1929 liess er sich zum Präsidenten des Waad Le'umi (provisorische Jischuw-Regierung) wählen und wurde so auch kooptiertes Mitglied der Jewish Agency
  • 6.2.1879–15.11.1924: Edwin Samuel Montagu, geb. in Clifton, gest. in London, englischer Staatsmann, liberaler Politiker, Privatsekretär Asquiths (Nichtjude), 1910-1914 Unterstaatssekretär, 1917-1922 Staatssekretär für Indien, Mitverfasser des indischen Verfassungsgesetzes; Gegner des Zionismus
  • 8.2.1879: Leo Loewenstein in Aachen geboren, Chemiker und Physiker, Erfinder der Schallmessung und ihr erster Organisator an der Kriegsfront, Gründer und Leiter des R.J.F.
  • 11.2.1879–20.12.1942: Jean Gilbert, geb. in Hamburg, gest. in Buenos Aires, eigentlich: Max Winterfeld, war ein deutsch-jüdischer Operetten-Komponist und Dirigent; er war ein Cousin des Komponisten Paul Dessau; Jean Gilbert wuchs in einer Hamburger Familie auf, in der fast alle männlichen Mitglieder Sänger, Schauspieler oder Musiker waren; ein Onkel Jean Gilberts ist der Konzertmeister der Kgl. Kapelle, Professor Dessau; die künstlerisch veranlagten Verwandten, Onkel und Vettern, förderten natürlich die zeitig erwachte Neigung des kleinen Max zur Musik; nach mehreren Studienjahren, unter anderem auch bei Professor Scharwenka in Berlin, der ihm Kompositionslehre erteilte, trat er mit 15 Jahren als Klaviervirtuose auf; aber nach kurzer Zeit zog es ihn ans Theater; mit 18 Jahren wurde er Kapellmeister in Bremerhaven; anschliessend wechselte er nach Hamburg ins Carl-Schultze-Theater und mit 20 Jahren als Nachfolger von Leo Fall an die Zentralhalle in Hamburg zu Direktor Ernst Drucker; dieser liess ihn eine Operette nach einem französischen Stoff komponieren (Das Jungfernstift); hieraus ergab sich die Namensänderung in Jean Gilbert; mit 21 Jahren heiratete er eine Hamburgerin, zur selben Zeit absolvierte er seinen Militärdienst; nach einer Kapellmeisterstation am Berliner Apollo-Theater, wo er Operetten von Paul Lincke dirigierte, unternahm er als Konzertdirigent eine grosse Tournee durch Deutschland, Italien, Frankreich und Skandinavien, bis er sich 1910 in Berlin niederliess, um erneut zu komponieren; 1910 erzielte er seinen ersten grossen Erfolg mit der Operette "Die keusche Susanne"; 1927/28 wirkte Gilbert am Broadway, und 1933 emigrierte er nach Buenos Aires, wo er ab 1939 das Orchester einer Rundfunkanstalt leitete; als Vertreter der Berliner Operette hat er mit seinen Werken grosse Popularität gewonnen, aus denen manche bis heute lebendige Schlager hervorgingen, u.a. "Püppchen, du bist mein Augenstern"; sein Sohn Robert Gilbert war ebenfalls Komponist; - Jean Gilberts Bühnenwerk: Das Jungfernstift (Comtesse Marie/L'Alliance des Vièrges) (Ernest Guinot, nach Paul de Kock), Vaudeville-Operette 4 Akte (1901 Hamburg); Der Prinzregent (Hans Forsten), Operette 3 Akte (1903 Hamburg); Jou-Jou (Hans Buchholz), Vaudeville 4 Akte (1903 Hamburg); Onkel Casimir (Heinz Gorden), Operette 1 Akt (1908 Düsseldorf); Polnische Wirtschaft (Curt Kraatz und Georg Okonkowski), Vaudeville-Posse 3 Akte (1909 Cottbus); Berliner Bearbeitung von Jean Kren und Alfred Schönfeld (1910 Berlin ); Die keusche Susanne (Georg Okonkowski, nach Le Fils à papa von Antony Mars und Maurice Desvallièrs), Operette 3 Akte (26. Febr. 1910 Magdeburg); textliche und musikalische Neubearbeitung von Robert Gilbert; Die lieben Ottos (Xanrof, Jean Kren und Alfred Schönfeld), Posse 3 Akte (1911 Berlin); Die moderne Eva (Georg Okonkowski und Alfred Schönfeld nach Place aux femmes von Alfred Hennequin und Albin Valabrègue), Operette 3 Akte (1911 Berlin); Das Autoliebchen (Jean Kren und Alfred Schönfeld nach Dix minutes d'auto von Georges Barre und Pierre Decourcelle), grosse Posse mit Gesang und Tanz 3 Akte (1912 Berlin); So bummeln wir (Gustav Kadelburg), Posse 3 Akte (1912 Berlin); Die elfte Muse (Georg Okonkowski), Operette 3 Akte (1912 Hamburg); Neubearbeitung als Die Kino-Königin (Georg Okonkowski und Julius Freund), Operette 3 Akte (1913 Berlin); textliche und musikalische Neubearbeitung von Robert Gilbert und Per Schwenzen (1961 Nürnberg); Puppchen (Jean Kren, Curt Kraatz und Alfred Schönfeld), grosse Posse mit Gesang und Tanz 3 Akte (19. Dez. 1912 Berlin, Thalia Theater); Die Reise um die Erde in vierzig Tagen (Julius Freund nach Jules Verne), Ausstattungsstück mit Gesang und Tanz (1913 Berlin); Die Tangoprinzessin (Jean Kren, Curt Kraatz und Alfred Schönfeld), grosse Posse mit Gesang und Tanz (1913 Berlin); Fräulein Trallala (Georg Okonkowski und Leo Leipziger), Posse mit Gesang 3 Akte (1913 Königsberg); Die Sünde des Lulatsch (Hugo Doblin), burleske Operette 3 Akte (1914 Chemnitz); Wenn der Frühling kommt! (Jean Kren, Georg Okonkowski und Alfred Schönfeld), grosse Posse mit Gesang und Tanz 3 Akte (1914 Berlin); Kam'rad Männe (Jean Kren, Georg Okonkowski und Alfred Schönfeld), Volksposse mit Gesang 3 Akte (1914 Berlin); Woran wir denken (Franz Arnold und Walter Turszinsky), Zeitbild (1914 Berlin); Drei Paar Schuhe (Jean Kren und Alfred Schönfeld nach Carl Görlitz), Lebensbild mit Gesang (1915 Berlin); Jung muss man sein (Leo Leipziger und Erich Urban), Operette 3 Akte (1915 Berlin); Das Fräulein vom Amt (Georg Okonkowski und Franz Arnold), Operette 3 Akte (1915 Berlin); Der tapfere Ulan (Karl Hermann), Weihnachtsmärchen (1915 Berlin); Arizonda (Felix Dörmann), Operette 1 Akt (1916 Wien); Blondinchen (Jean Kren, Curt Kraatz und Alfred Schönfeld), Possenspiel mit Gesang und Tanz 3 Bilder (1916 Berlin); Die Fahrt ins Glück (Franz Arnold und Ernst Bach), Operette 3 Akte (1916 Berlin); Das Vagabunden-Mädel (Jean Kren, Robert Buchbinder und Alfred Schönfeld), Possenspiel mit Gesang und Tanz 3 Akte (1916 Berlin); Die Dose Sr. Majestät (Rudolf Presbet und Leo Walther Stein), deutsches Singspiel 3 Akte (1917 Berlin); Der verliebte Prinz (Der verliebte Herzog) (Georg Okonkowski und Hans Bachwitz nach Friedrich W. Hackländer), Operette 3 Akte (1917 Berlin); Der ersten Liebe goldene Zeit (Leo Kastner), Singspiel 3 Akte (1918 Dresden); Eheurlaub (Julius Horst und Hans Bachwitz), Schwank mit Gesang 3 Akte (1918 Breslau); Zur wilden Hummel (Jean Kren und Eduard Ritter), Gesangsposse 3 Akte (1919 Berlin); Die Schönste von allen (Georg Okonkowski), Operette 3 Akte (1919 Berlin); Die Frau im Hermelin (Rudolph Schanzer und Ernst Welisch), Operette 3 Akte (23. Aug. 1919 Berlin, Theater des Westens); Der Geiger von Lugano (Rudolph Schanzer und Ernst Welisch), Operette, Vorspiel und 2 Akte (1920 Berlin); Onkel Muz (Bruno Decker und Robert Pohl), Volksstück mit Gesang 3 Akte (1921 Halle); Die Braut des Lucullus (Rudolph Schanzer und Ernst Welisch), Operette 3 Akte (1921 Berlin); Prinzessin Olala (Rudolph Schanzer und Rudolf Bernauer), Vaudeville-Operette 3 Akte (1921 Berlin); Dorine und der Zufall (Fritz Grünbaum und Wilhelm Sterk), Lustspiel mit Musik 3 Akte (1922 Berlin); Katja, die Tänzerin (Leopold Jacobson und Rudolf Oesterreicher), Operette 3 Akte (1923 Wien); Die kleine Sünderin (Hans Hellmut Zerlett und Willy Prager), Operettenschwank 3 Akte (1922 Berlin); Das Weib in Purpur (Leopold Jacobson und Rudolf Oesterreicher), Operette 3 Akte (1923 Wien); Neubearbeitung als The Red Robe (H. B. Smith) (1928 New York); Der Gauklerkönig (Rudolf Presber, Leo Walther Stein und Hans Hellmut Zerlett), Operette 3 Teile (1923); Zwei um eine (Leopold Jacobson), Operette 3 Akte (1924); Die Geliebte Sr. Hoheit (Rudolf Bernauer und Rudolf Oesterreicher), Operette 3 Akte (1924 Berlin); Uschi (Leo Kastner und Alfred Möller), Schwank-Operette 3 Akte (1925 Hamburg); Neubarbeitung als Yvonne (Percy Greenbank), (1926 London) (mit Duke); Annemarie (Georg Okonkowski und Robert Gilbert), Operette 3 Akte (1925 Berlin, Schillertheater) (mit Robert Gilbert); Der Lebenskünstler (Leo Kastner und Alfred Möller), burleske Operette 3 Akte (1925 Dresden); Das Spiel um die Liebe (Rudolph Schanzer und Ernst Welisch), Operette 3 Akte (1925 Berlin); Lene, Lotte, Liese – Josefines Töchter (Georg Okonkowski), Volksstück 3 Akte (1926 Berlin) (mit Robert Gilbert); In der Johannisnacht (Robert Gilbert, nach La Belle Aventure von Robert de Flers, Gaston de Caillavet und Etienne Rey), musikalisches Lustspiel 3 Akte (1926 Hamburg); The Girl from Cooks (R. H. Burnside und Greatrex Newman), (1927 London) (mit Raymond Hubbell); Eine Nacht in Kairo (Leopold Jacobson und Bruno Hardt-Warden), Operette 3 Akte (1928 Dresden); Hotel Stadt Lemberg (Ernst Neubach, nach Ludwig Biro), musikalisches Schauspiel 3 Akte und Nachspiel (1929 Hamburg); Das Mädel am Steuer (Rudolph Schanzer und Ernst Welisch), Spiel 3 Akte (1930 Berlin); Lovely Lady (Hans Hellmut Zerlett und Robert Gilbert nach Arthur Wimperis) (1932 London); Die Dame mit dem Regenbogen (Julius Brammer und Gustav Beer), Operette 3 Akte (1933 Wien)
  • 25.2.1879–9.12.1933: Julius Falkenstein, geb. u. gest. in Berlin, deutsch-jüdischer Schauspieler; er gehörte zu den beliebtesten Komikern des deutschen Stummfilms, aber auch der Übergang zum Tonfilm bereitete ihm keine Mühe, im Gegenteil, er spielte in mehr Produktionen als je zuvor; Julius Falkenstein erhielt sein erstes Engagement vermutlich 1904/1905 in Berlin; in den folgenden Jahren spielte er meist an Berliner Bühnen, unterbrochen nur durch Verpflichtungen von 1908 bis 1910 am Lustspielhaus Düsseldorf, am Wiener Bürgertheater 1911 und am Theater an der Wien 1912; Falkenstein, der vor allem wegen seiner komödiantischen Qualitäten geschätzt war, ging häufig auf Gastspielreisen und betätigte sich mehrmals selbst als Spielleiter; ab 1914 wurde er auch im Film eingesetzt; seine Rollen waren meist klein, aber dank seiner Markenzeichen Glatze und Monokel sehr einprägsam; er spielte Adlige, Militärpersonen, Direktoren ebenso wie Sekretäre und Buchhalter, manchmal in bis zu 20 Produktionen pro Jahr; daneben fand er noch Zeit für Theatereinsätze, zuletzt an der Komischen Oper und im Theater am Kurfürstendamm; er schrieb auch selbst eine Komödie („Julie“), die mit Erfolg aufgeführt wurde; der Machtantritt der Nationalsozialisten beendete 1933 jäh seine Karriere; zwar bekam er eine Sondergenehmigung, wurde aber nur noch ein einziges Mal im Film eingesetzt; er starb an einer Gehirnhautentzündung; Julius Falkenstein sagte einmal: "Mein Wunsch ist, unter guten Regisseuren gute tragisch-komische Rollen zu spielen - Rollen, bei denen der Zuschauer zugleich lachen und weinen muss"; eine (nur kleine) Auswahl seiner Filme: „Die geheimnisvolle Villa“, 1914; „Arme Eva Maria“, 1916; „Pension Trudchen“, 1917; „Ihr Junge“, 1918; „Die Austernprinzessin“, 1919; „Die Tänzerin Barberina“, 1920; „Der Gang durch die Hölle“, 1921; „Schloss Vogelöd“, 1921; „Dr. Mabuse, der Spieler“, 1922; „Die Finanzen des Grossherzogs“, 1923; „Ein Walzertraum“, 1925; „Die Warenhausprinzessin“, 1926; „Männer vor der Ehe“, 1927; „Die Regimentstochter“, 1928; „Was eine Frau im Frühling träumt“, 1929; „Tingel-Tangel“, 1930; „Der Kongress tanzt“, 1931; „Viktoria und ihr Husar“, 1931; „Ich bei Tag und Du bei Nacht“, 1932; „Lachende Erben“, 1933; „Das Blumenmädchen vom Grand-Hotel“, 1933
  • 14.3.1879–18.4.1955: Albert Einstein, geb. in Ulm, gest. in Princeton, New Jersey (USA), schweizerisch-US-amerikanischer Physiker deutsch-jüdischer Herkunft, der durch seine Relativitätstheorie sowie Beiträge zur Quantenphysik die Grundlagen für eine neue Physik legte; Pazifist und Weltbürger; Einstein gilt als einer der bedeutendsten Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts; 1895 am Polytechnikum (heute ETH) Zürich abgewiesen (er bestand als jüngster Teilnehmer mit 16 Jahren die Aufnahmeprüfung für ein Studium nicht, weil er, statt sich vorzubereiten, einer Reise nach Norditalien den Vorzug gab; der naturwissenschaftliche Teil war kein Problem für ihn, aber es haperte mit der Allgemeinbildung; Deutschland hatte er, als man ihm in der Schule in München Respektlosigkeit vorwarf, aus Protest ohne Abitur verlassen, hatte die deutsche Staatsangehörigkeit abgelegt und war aus der Jüdischen Gemeinde ausgetreten – Einsteins Familie lebte mittlerweile in Mailand); auf Vermittlung des von ihm überzeugten Rektors und Physikers Heinrich Weber besuchte Einstein im Folgejahr die liberal geführte Kantonsschule in Aarau und erwarb dort die Matura; während dieser Zeit kam er bei der Familie Winteler unter, deren Sohn Paul 1910 seine Schwester Maja heiratete; mit Beginn des akademischen Jahres 1896 nahm er sein Studium am Polytechnikum, das ihn zuvor abgewiesen hatte, auf (mathematisch-physikalisches Fachlehrerstudium); 1900 Diplom als Fachlehrer; seine Bewerbungen auf Assistentenstellen am Polytechnikum und anderen Universitäten blieben jedoch erfolglos; er verdingte sich dann als Hauslehrer in Winterthur, Schaffhausen und schliesslich in Bern; 1901 wurde seinem Antrag auf die Schweizer Staatsangehörigkeit stattgegeben; durch Vermittlung seines Studienkollegen Marcel Grossmann erhielt Einstein seine erste feste Anstellung, er wurde dann 1902-1909 Mitarbeiter („Technischer Vorprüfer“, „Experte 3. Klasse“) am Eidgenössischen Amt für geistiges Eigentum (Patentamt) in Bern; während des Studiums hatte Einstein seine zukünftige Ehefrau, die dreieinhalb Jahre ältere Serbin Mileva Maric, kennen gelernt; erst nach dem Tod seines Vaters Ende 1902 heirateten die beiden – gegen den Willen der Familien – am 6. Januar 1903 (2 Söhne: Hans Albert, 1904-1973; Eduard, 1910-1965; eine sagenumrankte uneheliche Tochter, Lieserl, geb. bereits 1902; Down-Syndrom? Freigabe zur Adoption?); von Oktober 1903 bis Mai 1905 wohnte Einstein in der Berner Kramgasse 49 – heute das als Museum geführte Einstein-Haus Bern; 1905 die bahnbrechenden Veröffentlichungen in den „Annalen der Physik“ zu Quanten- und Relativitätstheorie (spezielle Relativitätstheorie); am 30. April 1905 reichte er an der Universität Zürich bei den Professoren Kleiner und Burkhardt seine Dissertation mit dem Titel „Eine neue Bestimmung der Moleküldimensionen“ ein (Buchdruckerei K. J. Wyss, Bern, Umfang 17 Seiten, DIN A5); hierfür erhielt er am 15. Januar 1906 den Doktortitel in Physik; 1907 Ablehnung der Habilitation an der Berner Universität; 1908 dort Habilitation; 1909-1914 Professor in Zürich und Prag, 1914-1933 Leiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik in Berlin und ordentliches Mitglied der Preussischen Akademie der Wissenschaften; 1916 allg. Relativitätstheorie; 1921 Nobelpreis für Physik für seine Erklärung des photoelektrischen Effekts (1905); zuvor sprach Einstein auch (Chaim Weizmann war an ihn herangetreten) am 21. April 1921 in New York vor 5 000 begeisterten Juden und unterstützte die zionistische Sache: „Unser Führer und euer Führer, Dr. Chaim Weizmann, hat gesprochen, und er hat für uns alle sehr gut gesprochen. Er leistet dem jüdischen Volk einen guten Dienst. Mehr habe ich nicht zu sagen“; Einstein half beim Fundraising für den Jüdischen Nationalfonds und die Hebräische Universität; am 30.1.1933, am Tag der Machtübernahme durch die NSDAP in Deutschland, befindet sich Einstein in Pasadena; er protestiert gegen die Menschenrechtsverletzungen in Deutschland und legt sein Amt an der Preussischen Akademie der Wissenschaften nieder, noch bevor die Nationalsozialisten ihn ausschliessen können; anschliessend Emigration in die USA, wird Professor in Princeton (Institute for Advanced Studies), 1940 erhielt Einstein zusätzlich zur schweizerischen auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft; am 18. April 1955 starb Einstein im Alter von 76 Jahren in Princeton an inneren Blutungen, die durch das Platzen eines Aneurysmas im Bereich der Aorta verursacht wurden; seine letzten Worte sind unbekannt, da er deutsch sprach, das die anwesende Krankenschwester nicht verstand; der Pathologe Dr. Thomas Harvey stahl bei der Obduktion Einsteins Gehirn, um es angeblich für weitere Untersuchungen seiner womöglich einzigartigen Struktur der Nachwelt zu erhalten; mit diesem Gehirn war Harvey dann, nachdem ihm deshalb die Approbation entzogen wurde und er sich als Fabrikarbeiter an verschiedenen Orten durchschlagen musste, 40 Jahre lang unterwegs; Einsteins Ruhm begann 1919 mit der experimentellen Bestätigung der Lichtablenkung durch Arthur Eddington während einer Sonnenfinsternis; parallel zu seiner wachsenden Popularität war er in Deutschland antisemitisch beeinflussten Angriffen ausgesetzt; als Pazifist und Zionist bezog er auch zu politischen Fragen Stellung; 1939 unterzeichnete er zusammen mit anderen Wissenschaftlern einen Brief, der den US-amerikanischen Präsidenten Roosevelt auf die Möglichkeit zum Bau einer Atombombe hinwies; er selbst war an der Realisierung („Manhattan-Projekt“ und das, was folgte) nicht beteiligt; in späteren Jahren nutzte Einstein seine Popularität, um für weltweiten Frieden und Abrüstung zu werben; Einstein war Jude nicht nur durch Geburt, sondern auch durch seinen Glauben und seine Taten; er nahm Anteil an jüdischen Angelegenheiten und sammelte Geld für die zionistische Sache; er besuchte Palästina und war von der Entwicklung des Landes beeindruckt; 1946 trat er vor dem anglo-amerikanischen Untersuchungskomitee auf und setzte sich für die Errichtung einer nationalen jüdischen Heimstätte in Palästina ein; als der Staat Israel proklamiert wurde, pries er dieses Ereignis als die Erfüllung eines alten Traumes, die die Bedingungen schafft, innerhalb derer sich der Geist und die Kultur einer hebräischen Gesellschaft in Freiheit entfalten können; nach Weizmanns Tod wurde er von Ben Gurion gefragt, ob er bereit sei, die Präsidentschaft in Israel zu übernehmen; Einstein lehnte tief berührt ab, er sei für eine solche Position nicht geeignet; als er 1955 wegen der Krankheit, die zu seinem Tod führen würde, das Krankenhaus aufsuchen musste, nahm er Aufzeichnungen mit, die er für eine Grussadresse via Fernsehen zum siebenten Unabhängigkeitstag Israels vorbereitet hatte
  • 4.4.1879–7.10.1943: Ignácz Trebitsch alias Ignatius Timothy Trebitsch-Lincoln, Ignaz Trebitsch-Lincoln, eigentlich: Abraham Schwarz, auch: Ignaz Thimoteus Trebitzsch, bekannt auch unter dem Namen Moses Pinkeles, in der Kleinstadt Paks/Ungarn geboren als Sohn eines jüdischen Tempeldieners, gestorben in Shanghai; grössenwahnsinniger Abenteurer, der u. a. von Ceylon aus England mit Krieg drohte; nach einem evang. Theologiestudium wurde er 1898 in Hamburg als Lutheraner getauft, wurde Prediger einer religiösen Sekte in New York, presbyterianischer Pfarrer, Kanzelredner und Weissager in Kanada und England; in England anglikanischer Priester, dann Quäker, 1910 als Liberaler für Darlington Mitglied des Unterhauses, Direktor einer Ölgesellschaft in Rumänien während des Ersten Weltkriegs, militärischer Zensor, englischer Spion, 1916 nach New York geflohen, nach Wechselfälschung von Amerika an England ausgeliefert, drei Jahre Zuchthaus in London, nach seiner Freilassung 1919 begab er sich auf den Kontinent, versuchte in Amerongen Kaiser Wilhelm II. zu interviewen, bemühte sich in Ungarn, dem Erzherzog Josef die Krone zu verschaffen, war darauf Teilnehmer und "Presse-Chef" beim Kapp-Putsch 1920, nach dem Scheitern des Putsches nach Wien geflüchtet, über Budapest und Rom kam er im November 1921 nach Amerika, wo er wegen Übertretung der Einwanderungsgesetze bestraft wurde, später Geheimagent für Deutschland, flüchtete in der Folge nach China, dort Berater des chinesischen Kriegsherrn Wu Peifu (angeblich chinesischer General und durch Waffenhandel sehr reich geworden, kaufte sich eine Plantage in Java, hatte aber bald sein ganzes Geld in Monte Carlo wieder verspielt), soll dann in Afghanistan den König Aman Ullah vom Thron abgesetzt und die alten koranfrommen Kreise wieder an die Macht gebracht haben, darauf wurde er, angeblich der Politik überdrüssig, nach der Hinrichtung seines Sohnes John in London Anfang März 1926 wegen Ermordung eines Barmixers, zunächst buddhistischer Mönch in Ceylon (von wo aus er in seiner Antrittsrede 1927 England offen den Krieg androhte: ... mein Land (England) jagt mich fort, und ich werde schon wissen, wo ich meine Freunde finde. Mit Hilfe der gelben Massen werde ich das Land zu treffen wissen ... ), dann mit Namen Chao Kung buddhistischer Abt und Eiferer in Shanghai, China; seit 1932 dort Mitarbeiter des japanischen Geheimdienstes sowie der rechtsextremen nationalistischen "Schwarzdrachengesellschaft" (Kokuryūkai, 黒龍会), trieb in China bis zu seinem Tod Propaganda zugunsten Japans; er verfasste u. a.: J. T. Trebitsch-Lincoln, der grösste Abenteurer des XX. Jahrhunderts!? (Wien 1931)
  • 24.5.1879: Moissej Kogan in Orgjejew (Bessarabien) geboren, Bildhauer, seit 1910 in Paris, schuf meist Akte im Stile des von Maillol angeregten Neoarchaismus
  • 29.5.1879–23.11.1943: Curt Glaser, geb. in Leipzig, gest. in Lake Placid/N. Y., Kunsthistoriker, ca. 1911 protestantisch getauft; Dr. med. 1902; 1907 in Kunstgeschichte promoviert; Prof., mehrere Jahre Kustos am Berliner Kupferstichkabinett, 1924-1933 Direktor der Staatlichen Kunstgewerbebibliothek Berlin; Kunstkritiker am Berliner Börsen-Courier 1918-1933 (zuvor, seit 1902, für den Hamburgischen Correspondent und für die Zeitschrift "Kunst und Künstler"); 1933 Heirat mit Maria Milch; er emigrierte erst in die Schweiz (Juni 1933), 1941 über Kuba in die USA; verfasste Bücher über Munch, Manet, Cézanne, altdeutsche und ostasiatische Kunst (Auswahl: Die Kunst Ostasiens, 1913; Zwei Jahrhunderte deutscher Malerei, 1916; Edward Munch, 1917; Die Graphik der Neuzeit, 1922; Amerika baut auf, 1932)
  • 31.5.1879–26.8.1960: Mark Hambourg (russisch Марк Михайлович Хамбург), geb. in Bogutschar (Russland), gest. in Cambridge (England), war ein russisch-englischer Pianist, der Sohn von Professor Michail Hambourg (1855-1916); im Jahr 1888 begann er in Moskau mit öffentlichen Auftritten und hatte schon sehr bald Aufführungen in allen grossen Städten Europas; er erhielt seine grundlegende Klavierausbildung in Wien bei Teodor Leszetycki; seit 1889 lebte er in London und nahm 1896 die britische Staatsangehörigkeit an; Mark Hambourg war der Bruder von Boris, Jan und Clement Hambourg und der Vater der Pianistin Michal Hambourg, mit der er gemeinsame Auftritte hatte; er veröffentlichte: "From Piano to Forte", London 1931
  • 5.6.1879–25.11.1966: Joseph Plaut (Josef Plaut), geb. in Detmold, gest. in Bad Salzuflen, jüdischer Schauspieler, Rezitator und lippischer Heimatdichter; Schüler von Hans Pfitzner und Engelbert Humperdinck; von 1902 an Karriere als Opernsänger, Soldat im ersten Weltkrieg, von 1918 an Schauspieler und Vortragskünstler mit Kabarettprogramm ("Heitere Plaut-Abende") an vielen Orten, ab 1933 nur noch im jüdischen Bereich tätig; 1936 Emigration über die Schweiz nach Südafrika und von dort 1937 nach England, wo er BBC-Mitarbeiter wurde; 1951 Rückkehr nach Deutschland und Tätigkeit am Rundfunk; Hauptwerke: Das Kabarett im Haus, 1953; Humor des Herzens, 1961
  • 5.7.1879–16.8.1959: Wanda Landowska, grandiose Cembalistin
  • 9.7.1879–2.1.1960: Dr. phil. Friedrich Adler, österreichisch-jüdischer Politiker (Sozialdemokrat), geb. in Wien, gest. in Zürich; Sohn von Victor Adler; im ersten Weltkrieg bekämpfte er kompromisslos die Kriegspolitik seines Landes; erschoss am 21.10.1916 den österreichischen Ministerpräsidenten Graf Stürgkh (als Protest gegen die Fortsetzung des Krieges); zu 18 Jahren Zuchthaus verurteilt, Ende 1918 amnestiert; nach dem Krieg verteidigte er die Sozialdemokratie gegen den Kommunismus; 1923-1939 Generalsekretär/Leiter des Exekutivbüros der 2. Sozialistischen Internationale (in Zürich, London und Brüssel); im zweiten Weltkrieg emigrierte er über Paris und Lissabon nach New York; nach dem Krieg kehrte er nach Europa zurück
  • 31.7.1879: Hans Winterstein in Prag geboren, Physiologe, 1927-1934 o. Prof. Breslau, dann Istanbul; arbeitete über Stoffwechsel des Nervensystems und der Atmung
  • 12.8.1879-4.6.1965: Jonas Fränkel, geb. in Krakau, gest. in Riedegg bei Thun, sehr engagierter Literaturwissenschaftler (Germanist), der in seinem Leben viel Unrecht erleiden musste; Studium der Literaturgeschichte in Wien und Bern, 1902 Promotion, 1921-1949 a.o. Prof. für Literaturgeschichte an der Universität Bern; 1964 Ehrendoktorat der Schilleruniversität in Jena; Bearbeiter der offiziellen vom Kanton Zürich veranstalteten Gottfried-Keller-Ausgabe; literarischer Vertrauter und Ratgeber Carl Spittelers und somit Mitwirkender beim Entstehen neuer Grosswerke der Poesie; von der eingenommenen hohen Warte aus waltete Fränkel aber auch als Richter seines kritischen Amtes, unerbittlich, hart, oft auch mit Sarkasmen und selbst Hohn seine Opfer bedenkend, ein Mann, der keine Kompromisse einging, ein Feind aller lauwarmen Temperatur, so schuf er sich eine heimlich grollende, immer stärker anwachsende Gegnerschaft in einer Zeit allgemeinen Duckmäusertums; Kellers Nachlass durchforschend und bearbeitend, wich Fränkel von der landläufigen Auffassung ab, welche unter dem Dichter Keller vorab den Schöpfer des "Grünen Heinrich" und der Novellen versteht, stattdessen rückte er dessen Lyrik in den Vordergrund; die Gesamtausgabe war auf über 20 Bände veranschlagt; kaum aber hielten die Leser Kellers die von Fränkel herausgegebenen 17 Bände in Händen, lobpreisend, glücklich ob dem aus der Gruft des Nachlasses gehobenen, von den Schlacken der "Textverwitterung" gereinigten Schatz, so änderte sich die Szenerie, und Schatten zogen über die Bühne: Fränkel wurde vom Kanton Zürich die Herausgeber-Befugnis entzogen und gar seine vor Gericht geltend gemachten Urheberrechte abgesprochen; vielleicht ausgelöst durch Fränkels Buch "Gottfried Kellers politische Sendung", das zu schreiben er sich verpflichtet fühlte, als das berüchtigte Nazitreiben auch in der Schweiz mehr und mehr Bewunderer fand; mit Spittelers Werken machte Fränkel nur zögernd nähere Bekanntschaft; der Ton der biblischen Sprache im "Prometheus und Epimetheus" gemahnte ihn zu sehr an den von ihm bewunderten Zarathustra "und wirkte sich auf meine Aufnahmebereitschaft distanzierend aus", bekennt Fränkel in seinem Buch "Spittelers Recht. Dokumente eines Kampfes"; bis er in einer entscheidenden glücklichen Stunde doch am Pandorakapitel des Prometheus Feuer fing; "Seit jener Stunde", bekennt Fränkel, "war ich an Spitteler verloren. Es war die stärkste geistige Revolution, die mich in meinem Leben heimsuchte"; so angefeuert, las Fränkel auch den "Olympischen Frühling", der damals nur in der ersten Fassung vorlag; alsbald liess er in Hardens "Zukunft" eine Studie über Spitteler erscheinen, die so einsichtsvoll auf das Phänomen Spitteler einging, dass dieser sofort in Fränkel seinen Bruder im Geiste erkannte und ihn einlud, "ihm seine Sorgen und Nöte bei der Umarbeitung des Olympischen Frühlings . . . zu schlichten"; die Mitwirkung Fränkels an dieser Umgestaltung war intensiver und weitreichender als es die Gegner Fränkels wahrhaben wollen; Spitteler gestand in einem Vortrag, dass er den zweiten Teil "Hera die Braut" "ohne die Fürsprache Fränkels" aus dem Werke habe beseitigen wollen; auch wo sein Jugendfreund Widmann Bedenken hatte, hielt Spitteler an dem "hundertmal bewährten fabelhaft poetisch gescheiten Urteil" Fränkels fest; ohne dieses Urteil Fränkels besässen wir denn auch die grandiose unvergessliche Hochzeitsnacht des Zeus im II. Teil des Olympischen Frühlings nicht; an Emil Lohner in Bern schrieb Spitteler am 19. Mai 1916: "Seit Jahren veröffentliche ich kein Buch, das ich nicht zuvor der Begutachtung, keine Zeile, die ich nicht vorher dem Urteil Dr. Fränkels unterbreitet hätte"; und Dr. Bodmer, dem Präsidenten des Lesezirkels Hottingen, gegenüber erklärte Spitteler, Fränkel hätte von ihm ein für allemal jede Vollmacht erhalten, in seinen Angelegenheiten alles zu tun, was er für gut finde; dergleichen Zeugnisse und Erklärungen Spittelers finden sich immer wieder in Briefen; auch dass Spitteler 1919 den Nobelpreis erhielt, war der unermüdlichen Initiative Fränkels mitzuverdanken; nach Spittelers Tod wurde Fränkel von den Erbinnen (die in ihrer Entscheidung allerdings auch nicht frei und unbeeinflusst waren) nach und nach beiseite gedrängt; die Gesamtausgabe der Werke wurde der Eidgenossenschaft als Geschenk angeboten, schliesslich wurde Fränkel sogar der Zutritt zum Nachlass, an dem er selber 15 Jahre massgeblich mitgearbeitet hatte, untersagt; ein (zeitlich nicht einzuordnender) Aufsatz aus der "Literaturszene Schweiz" beschreibt die Vorgänge folgendermassen: "Als Will Vesper, Hitlers ergebenster Literat, im September 1936 in der Neuen Literatur forderte, die wissenschaftliche Gottfried-Keller-Ausgabe müsse "den störrischen Händen des jüdischen Herausgebers entwunden werden", da rannte er in der Schweiz quasi offene Türen ein. Er war unter helvetischen Fachgenossen von Anfang an verhasst gewesen, der aus Krakau stammende, seit 1909 als Privatdozent in Bern lebende Jonas Fränkel, hatte er doch die Autorisation der Zürcher Regierung nur erhalten, weil die Editionen von Ermatinger, Maync und Nussberger wissenschaftlich indiskutabel waren. Zugang zum Keller-Nachlass bekam er aber auch dann erst, als er sich verpflichtete, Ermatingers Edition der Keller-Briefe nicht zu kritisieren! Fränkel arbeitete, durch dauernde Rechtsstreitigkeiten zermürbt, langsamer als seine Vorgänger - 1939 lagen von insgesamt 24 erst 17 Bände fertig vor -, aber er war sachlich derart unanfechtbar, dass man ihm nur mit persönlichen Angriffen beikommen konnte. 1912 bereits war er im Basler "Samstag" als "Literaturjude" und "hergewehter Asiate" beschimpft worden, von dem man sich die grossen Schweizer Dichter nicht vermitteln lassen wolle. Als dann 1933 draussen im Reich der Antisemitismus hoffähig wurde, stellte man sich nicht etwa schützend vor den unflätig Beschimpften, sondern vollzog auf kaltem Wege, was der Führer befahl. Martin Bodmers Corona z. B. legte 1938 dem Heft mit dem Briefwechsel Keller-Vieweg einen Zettel bei, auf dem sie sich vom Herausgeber Fränkel distanzierte. Im Zürcher Kantonsrat fiel Regierungsrat Hafner am 24.11.1941 über Fränkels mutiges Buch Gottfried Kellers politische Sendung her und zitierte das ominöse Wort von der "hebräischen Bosheit". Professor Max Nussberger aber, der unterlegene Konkurrent von 1921, durfte am 9.5.1942 im Zürcher Volksrecht ungestraft schreiben, mit seiner Edition arbeite Fränkel "seit 20 Jahren daran, die Werke Kellers ins Hebräische zu übersetzen!" So kam denn alles, wie es kommen musste. Die Zürcher Regierung zwang Fränkel zum Verzicht auf die Herausgeberschaft und setzte 1942 den im Reich unverdächtigen Carl Helbling zu seinem Nachfolger ein. Und nicht viel anders erging es Fränkel mit der Spitteler-Werkausgabe, welche ihm der Dichter noch selbst übertragen hatte. Nach jahrelangen Intrigen betraute Bundesrat Etter 1944 nicht Fränkel, sondern dessen Gegenspieler Altwegg, Faesi und Bohnenblust mit der "ehrenvollen nationalen Aufgabe". 1927, es ging um die Benützung des Keller-Archivs durch Fränkel, befürwortete SSV-Präsident Moeschlin Karl Naef gegenüber die völlige Freigabe: "Sonst behält der Kerl schliesslich noch das moralische Recht auf seiner Seite." - Eine Befürchtung, die sich voll bewahrheitet und der Schweizer Germanistik der ersten Jahrhunderthälfte eine schwere, noch immer nicht abbezahlte Hypothek hinterlassen hat"; allerdings war Jonas Fränkel tatsächlich ein Polemiker von einer Schärfe, einer Treffsicherheit und einer argumentativen Virtuosität, wie es ihn in der Schweiz vor ihm nicht gegeben hat und wie es ihn leider, leider auch heute nicht mehr gibt; und tatsächlich wird der tödliche Hass, mit dem ihn die Ordinarien von Zürich und Basel, Ermatinger und Nussberger, sowie deren Schüler, Freunde und Günstlinge verfolgten, nur verständlich, wenn man Fränkels kritische Essays über deren editorische und biographische Bemühungen kennt, in denen ihnen auf überzeugende und unwiderlegbare Weise jegliche Befähigung für ihr Tun abgesprochen worden ist; zur Folge hatte dies aber u. a., dass Fränkels akademische Karriere zu Ende war; wo immer sich Fränkel, mehrfach von Carl Spitteler empfohlen und unterstützt, um eine Professur bewarb, wurde er "seines polemischen Temperaments wegen" abgewiesen, obwohl es damals kaum einen amtierenden Lehrstuhlinhaber gab, der ihm fachlich-wissenschaftlich das Wasser hätte reichen können; was Fränkel, der in ebenso unschweizerischer wie undiplomatischer Weise frank und ohne Rücksicht auf Verluste alles, was er für richtig erkannt hatte, offen heraussagte, nicht hinderte, weiterhin kritisch tätig zu sein; am brillantesten, vernichtendsten und folgenreichsten im Jahre 1928 im 29. Band der Zeitschrift "Euphorion", wo er die Keller-Ausgaben der Professoren Emil Ermatinger (Zürich), Max Nussberger (Basel) und Harry Maync (Bern) derart materialreich und überzeugend als dilettantische Fehlleistungen entlarvte, dass die philologische Kompetenz und die berufliche Reputation der selbsternannten Keller-Spezialisten für Eingeweihte endgültig kompromittiert war
  • 17.8.1879-31.1.1974: Samuel Goldwyn, US-amerikanischer Filmproduzent und Hollywood-Pionier
  • 31.8.1879–11.12.1964: Alma Mahler-Werfel (Alma Maria Mahler-Werfel, geborene Schindler, verheiratete Gropius), geb. in Wien, gest. in New York, N. Y.; war eine bemerkenswerte Persönlichkeit der Kunst-, Musik- und Literaturszene in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und Ehefrau/Gefährtin des Komponisten Gustav Mahler (1. Ehe, 1902-1911), des Malers Oskar Kokoschka (mit ihm befreundet), des Architekten Walter Gropius (Heirat 1915, Trennung 1918) und des Dichters Franz Werfel (Heirat 1929, mit ihm 1940 Flucht über Frankreich nach Amerika); sie selbst war nur in ihrer Jugend künstlerisch aktiv, von ihren Kompositionen sind nur sechzehn Lieder erhalten; dennoch machte sie immer wieder von sich reden, man (bzw. die Männer) kam einfach nicht an ihr vorbei, während ihres Lebens begleitete sie bedeutende Künstler auf deren Lebensweg und war einer Reihe von europäischen und US-amerikanischen Kunstschaffenden in Freundschaft verbunden, darunter Eugen d’Albert, Alban Berg, Leonard Bernstein, Benjamin Britten, Franz Theodor Csokor, Lion Feuchtwanger, Wilhelm Furtwängler, Gerhart Hauptmann, Hugo von Hofmannsthal, Otto Klemperer, Heinrich Mann, Thomas Mann, Eugene Ormandy, Hans Pfitzner, Maurice Ravel, Max Reinhardt, Erich Maria Remarque, Arnold Schönberg, Franz Schreker, Richard Strauss, Igor Strawinsky, Bruno Walter, Carl Zuckmayer; der Maler Gustav Klimt machte ihr den Hof, als sie erst 17 Jahre alt war; mit dem Komponisten Alexander von Zemlinsky hatte sie eine Liebesaffäre, bis sie sich entschied, den wesentlich älteren Komponisten und Wiener Operndirektor Gustav Mahler zu heiraten; noch zu Lebzeiten Mahlers hatte sie eine Affäre mit dem Bauhaus-Architekten Walter Gropius, den sie nach Mahlers Tod und einer heftigen Liaison mit Kokoschka heiratete; nach der Scheidung von Gropius wurde sie die Ehefrau Franz Werfels, mit dem sie gemeinsam in die USA auswanderte; ihr Verhältnis zum Judentum war äusserst zwiespältig und changierte, wie vieles bei ihr, zwischen verschiedenen, extremen Polen, aber zumeist in die negative Richtung; ihr Leben hat sie in der Autobiographie „Mein Leben“ geschildert; das Urteil über ihre Persönlichkeit fällt sehr unterschiedlich aus; sie selbst hat sich zur schöpferischen Muse stilisiert, ein Urteil, das von einigen ihrer Zeitgenossen geteilt wird, vielleicht aber auch ihre grosse Lebenslüge darstellt; Berndt W. Wessling, einer ihrer Biografen, bezeichnete sie als „eine der exzentrischsten, weiblichsten, intelligentesten Frauen ihrer Zeit, eine Persönlichkeit von so komplexer Natur, dass sie zu einer symbolischen Gestalt in der Geschichte dieses Jahrhunderts wurde; Klaus Mann verglich sie mit den intellektuellen Musen der deutschen Romantik und den „stolzen und brillanten Damen des französischen grand siècle“; andere sehen in ihr eine herrschsüchtige, materialistische, antisemitische und sexbesessene Femme fatale (vier Geburten, elf Abtreibungen), die ihre prominenten Lebensgefährten ausnutzte; die Schriftstellerin Gina Kaus erklärte, „sie war der schlechteste Mensch, den ich gekannt habe“; Claire Goll schrieb, „wer Alma Mahler zur Frau hat, muss sterben“, und Almas Freundin Marietta Torberg meinte: „Sie war eine grosse Dame und gleichzeitig eine Kloake“; Alma war die Tochter des (zunächst erfolglosen, dann vermögenden) Wiener Landschaftsmalers Emil Jakob Schindler und der zur Sängerin ausgebildeten Anna Sofie Schindler, geborene Bergen (die während der Ehe mehrere Verhältnisse mit anderen Männern hatte; Lüge, Verleugnung, Unaufrichtigkeit und Heimlichkeit waren ein ständiger Gast im Haus, in dem Alma aufwuchs; sicherlich blieb das nicht ohne Einfluss auf sie); Alma war 13, als der Vater starb; die Mutter setzte das Verhältnis zu Carl Moll, einem ehemaligen Assistenten von Almas Vater, das schon zu dessen Lebzeiten bestanden hatte, heimlich fort; sie heirateten erst 1895, womit Moll zu Almas Stiefvater wurde, den sie nicht akzeptierte, sie empfand die Heirat ihrer Mutter als Verrat am verstorbenen Vater; auch auf die Geburt der Halbschwester Maria am 9.8.1899 reagierte sie mit starker Ablehnung und fühlte sich insgesamt von ihrer Familie vernachlässigt; Carl Moll gehörte zur Wiener Sezession, im Haus des Ehepaars Moll verkehrten viele Wiener Künstler, von denen Alma die meisten kennen lernen konnte; über Monate hinweg wurde sie besonders von Klimt umworben – gegen den Willen von Almas Mutter, und auch der Stiefvater war nicht einverstanden; während einer Reise der Familie nach Norditalien, an der auch Klimt teilnahm, kam es zu einer Kussszene zwischen Alma und Klimt, woraufhin Carl Moll Klimts Abreise erzwang; Klimt, der für seinen freizügigen Lebenswandel bekannt und zum Zeitpunkt seines Todes Vater von mindestens vierzehn unehelichen Kindern war, versprach Moll, sich in Zukunft von Alma fernzuhalten; sie habe ihm halt gefallen, „wie uns Malern eben ein schönes Kind gefällt“; während Almas allgemeine Schulbildung eher unsystematisch blieb, erhielt sie eine gründliche musische Ausbildung (Klavierspiel, Kompositionsunterricht), schockierte aber Alexander von Zemlinsky, bei dem sie ab 1900 zusätzlichen Kompositionsunterricht nahm, durch die mangelhafte Qualität ihrer Kompositionen, er machte ihr unmissverständlich klar, wie wenig fortgeschritten sie auf diesem Gebiet war und teilte ihr angesichts der ersten vorgelegten Kompositionen mit, dass diese so viele Fehler enthielten, dass ihm der Kopf schmerze; er verdeutlichte ihr aber auch, dass Komponieren konsequentes Arbeiten erfordere: „Entweder Sie componieren oder Sie gehen in Gesellschaften – eines von beiden. Wählen Sie aber lieber das, was Ihnen näher liegt – gehen Sie in Gesellschaften“; obwohl sie ihn anfänglich als physisch abstossend empfand – sie bezeichnete ihn u. a. als „kleinen, hässlichen Gnom“ – verliebte sie sich bald in den jungen, hoffnungsvollen Komponisten, und er erwiderte ihre Gefühle; Familie und Freunde der Familie fanden die Liaison vor allem wegen seines Judentums unpassend und versuchten, Alma diese Beziehung auszureden; Alma selbst erlebte ein Wechselbad der Gefühle; pathetische Liebesbekundungen und teils bizarre Tagebucheintragungen („Alex – mein Alex. Dein Weihebecken will ich sein. Giess deinen Überfluss in mich“, Tagebuch 24.9.1901) wechselten mit Demütigungen und Quälereien gegenüber Zemlinsky; vor einer Ehe mit ihm schreckte sie zurück, vor allem wollte sie nicht „die Mutter jüdischer Kinder“ sein; den hoch angesehenen, gefeierten Komponisten, Dirigenten und Direktor der Wiener Hofoper Gustav Mahler lernte Alma bei einer Abendgesellschaft von Bertha Zuckerkandl am 7.11.1901 kennen; Mahler verliebte sich offenbar an diesem Abend in die sehr selbstsichere und ihm gegenüber frech auftretende junge Frau; bereits am 28.11. machte ihr Mahler einen Heiratsantrag; die Familie war wieder nicht einverstanden: Der neunzehn Jahre ältere Mahler sei zu alt für sie, verarmt und unheilbar krank (Moll), auch war wieder das Judentum des zum Katholizismus übergetretenen Mahler ein Thema; zu diesem Zeitpunkt war Alma noch mit Zemlinsky liiert, ein klärendes Gespräch mit ihm schob sie vor sich her; Mahler schickte zärtliche Liebesbriefe; Alma war verunsichert, sie störte sein Körpergeruch, sein Singen; seine Musik verstand sie nicht; auch Mahler selbst zweifelte, und nicht nur wegen des Altersunterschieds; er wollte ein Ehefrau an seiner Seite, die ihm hilft und auch das Haus besorgt, keine rivalisierende Komponistenkollegin, die um Anerkennung ihrer Musik buhlt und seine Musik nicht schätzen kann; am 23.12.1901 verlobten sie sich, am 9.3.1902 heirateten sie in der Wiener Karlskirche in kleinstem Kreise, weil Mahler den gesellschaftlichen Aufwand scheute; Mahlers Freunde und viele aus dem weiteren Bekanntenkreis reagierten verständnislos auf diese Eheschliessung; Bruno Walter, Kapellmeister an der Wiener Hofoper, schrieb in einem Brief an seine Eltern: „Er ist 41 und sie 22, sie eine gefeierte Schönheit, gewöhnt an ein glänzendes gesellschaftliches Leben, er so weltfern und einsamkeitsliebend; und so könnte man noch eine Menge von Bedenken anführen … „ ; Alma war auf die Ehe und auf das, was sie erwartete, nicht vorbereitet, ausserdem sehr verwöhnt; trotz des sehr anständigen Einkommens Mahlers bezeichnete sie die finanziellen Verhältnisse zu Beginn der Ehe als „beengt“; dabei gehörten zum Haushalt des Ehepaares u. a. zwei Dienstmädchen und eine englische Gouvernante für die am 2.11.1902 geborene Tochter Maria; obwohl Alma über ein sehr grosszügig bemessenes Haushaltsgeld verfügen konnte, blieb sie bei ihrer Darstellung, eventuell um einen Vorwand zu haben, Mahler auf seinen Konzertreisen nicht so häufig begleiten zu müssen; das Zusammenleben mit Mahler verlief anders, als sie es vom abwechslungsreichen und geselligen Elternhaus gewohnt war; Mahler mied Gesellschaften und legte grossen Wert auf einen sehr geregelten Tagesablauf, um sein grosses Arbeitspensum bewältigen zu können; Alma langweilte sich, fühlte sich einsam, sah sich zur Haushälterin degradiert; das Gefühl der inneren Leere änderte sich auch nicht mit der Geburt der zweiten Tochter, Anna Justina (geb. 15.6.1904); mit Wissen und Billigung Mahlers begann sie wieder, mit Zemlinsky gemeinsam zu musizieren; Mahler vermisste in seiner Frau die Gefährtin, die mit ihm sein Leben teilte; der Bruch verstärkte sich, als sie sich auf einen heftigeren Flirt mit seinem Kollegen Hans Pfitzner einliess; am Morgen des 12.7.1907 verstarb die älteste Tochter der Mahlers nach einem sehr heftigen Krankheitsverlauf an Diphterie; der Tod der kleinen Maria, der zeitlich mit einer Herzfehler-Diagnose bei Mahler zusammentraf, bedeutete in Mahlers Leben eine Zäsur und verstärkte noch den Bruch zwischen den Eheleuten; um über den Tod ihrer Tochter hinwegzukommen, begab Alma Mahler sich zur Kur, während Mahler in Helsinki und Sankt Petersburg auf Konzertreise war; im Dezember 1907 begann für Mahler, der als Leiter der Wiener Hofoper wegen seines Führungsstils angegriffen worden war und anfing, sich aus dem Wiener Musikleben zurückzuziehen, ein Engagement am Manhattan Opera House, und Alma begleitete ihn für einen viermonatigen Aufenthalt nach New York; während Mahler mit der Aufführung von Richard Wagners Tristan und Isolde seinen ersten grossen Erfolg in New York feiern konnte, fühlte sie sich einsam und isoliert; erst am Ende des Aufenthalts lernten sie Joseph Fraenkel kennen, der für sie beide zum engen Freund wurde; weitere Aufenthalte in den Staaten schlossen sich an, in Europa befand sich Alma Mahler zumeist in Kur und lebte von ihrem Mann getrennt; in dieser Zeit erlitt Alma mindestens eine Fehlgeburt bzw. liess einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen; 1910, nach dem dritten Aufenthalt in New York, begab sich Alma Mahler mit ihrer fünfjährigen Tochter und deren Gouvernante nach Tobelbad, einem kleinen, in Mode gekommenen Kurort in der Steiermark; dort lernte sie den noch unbekannten Architekt Walter Gropius kennen, mit dem sie ein Verhältnis begann, von dem Mahler aber schnell erfuhr, da ihm ein Liebesbrief von Gropius in die Hände fiel; Gropius hatte – aus Versehen – den Brief an Gustav Mahler adressiert! Die Ehe stürzte in eine grosse Krise, Mahler wurde empfohlen, Sigmund Freud aufzusuchen, der Mahler im August 1910 im niederländischen Kurbad Leyden für vier Stunden empfing; Freuds Diagnose sah folgendermassen aus: „Mahlers Frau Alma liebte ihren Vater Rudolf Schindler und konnte nur diesen Typus suchen und lieben. Mahlers Alter, das er so fürchtete, war gerade das, was ihn seiner Frau so anziehend machte. Mahler liebte seine Mutter und hat in jeder Frau deren Typus gesucht. Seine Mutter war vergrämt und leidend, und dies wollte er unterbewusst auch von seiner Frau Alma“; Mahler bemühte sich nun intensiv um die Zuneigung seiner Frau, widmete ihr seine 8. Sinfonie, die sein grösster musikalischer Triumph wurde; ihre Musik liess er veröffentlichen und aufführen; kurz vor einer weiteren New York-Reise mit ihrem Mann reiste Alma Mahler aber nach Paris, um sich dort vor der längeren Abwesenheit noch einmal mit Gropius zu treffen; auch aus New York versicherte sie Gropius brieflich immer wieder, wie sehr sie ihn liebe; Almas Mutter unterstützte ihre Tochter darin, sich Gropius zu nähern, nur sollte Alma noch etwas warten, weil der Zeitpunkt, sich Gropius vollständig zuzuwenden noch nicht gekommen sei (evtl. wartete man nach dem bei Mahler festgestellten Herzfehler auf einen verfrühten Tod?); auf seiner letzten USA-Reise erkrankte Mahler schwer, dirigierte aber dennoch ein langes und anstrengendes Konzert; sein Zustand besserte sich nicht, und die Ärzte stellen eine langsam fortschreitende Herzinnenhautentzündung fest, für die es zu diesem Zeitpunkt kaum Behandlungsmöglichkeiten gab; zurück in Wien starb Mahler am 18. Mai 1911; obwohl nach Mahlers Tod nichts (ausser der Pietät) gegen eine intensivere Beziehung zu Gropius gesprochen hätte, brach Alma Mahler die Beziehung zu Gropius ab; Gropius hatte sich schockiert gezeigt, dass es trotz Almas Treueschwüren ihm gegenüber zwischen Alma und Gustav Mahler kurz vor dessen Tod noch zu Geschlechtsverkehr gekommen war; einem möglichen Wiedersehen war Gropius aus dem Weg gegangen; bei einem späteren Treffen war es zu Spannungen gekommen, die die Beziehung weiter abkühlen liessen; in Wien wurde Alma Mahler, nun durch Gustav Mahlers Erbe zu beträchtlichem Vermögen gekommen, heftig umworben; im Herbst 1911 hatte sie ein kurzes Verhältnis mit dem Komponisten Franz Schreker; auch Joseph Fraenkel aus New York kam nach Wien und hielt um Almas Hand an; in ihrem Tagebuch bezeichnete sie ihn als „armes, krankes, ältliches Männlein, das nur mit seiner schweren Darmkrankheit beschäftigt sei“; sie lehnte den Heiratsantrag ab; mehr Aufmerksamkeit brachte sie dem genialen, aber halbverrückten Biologen Paul Kammerer entgegen, der sowohl Gustav Mahler als auch Alma Mahler krankhaft liebte (er drohte Alma mehrfach, sich am Grab Gustav Mahlers zu erschiessen, sollte sie seine Liebe nicht erwidern; erhob sie sich aus einem Sessel, roch er intensiv dort, wo sie gesessen hatte, auch in Gegenwart weiterer Personen usw.); er bot Alma Mahler eine Stellung als Assistentin in seinem Institut an, obwohl sie keinerlei Ahnung hatte, worum es da ging; und tatsächlich arbeitete sie für mehrere Monate an seinen Experimenten mit Gottesanbeterinnen und Geburtshelferkröten mit; im Frühjahr 1912 beendete sie ihre Mitarbeit im Institut; bei Almas Halbschwester Margarethe Julie – von Alma zu dieser Zeit noch als Tochter ihres Vaters angesehen (sie war hingegen mit grösster Wahrscheinlichkeit die Tochter des väterlichen Künstlerkollegen Julius Victor Berger, mit dem man eine Zeit lang, als das Geld noch knapp war, zusammen gelebt hatte) – wurde zur selben Zeit „Dementia praecox“ diagnostiziert; Anna Moll redete ihrer Tochter ein, die Diphterieerkrankung des Vaters sei die Ursache von Margarete Julies Geisteskrankheit; dies löste bei Alma Mahler über Jahre hinweg die Sorge aus, ebenfalls geisteskrank zu werden; Almas Stiefvater Carl Moll gehörte zu den Förderern Oskar Kokoschkas und beauftragte ihn unter anderem, ein Porträt von Alma anzufertigen; schon bei der ersten persönlichen Bekanntmachung zwischen Kokoschka und der verwitweten Alma Mahler (12.4.1912) verliebte dieser sich in Alma und bombardierte sie mit Liebesbriefen; die Affäre zwischen den beiden war sehr stark von der Eifersucht Kokoschkas geprägt; im Rückblick bezeichnete Alma die Beziehung als dreijährigen Liebeskampf („niemals zuvor habe ich so viel Krampf, so viel Hölle, so viel Paradies gekostet … “); die Eifersucht Kokoschkas galt nicht nur den Männern, denen sie begegnete, sondern auch dem verstorbenen Gustav Mahler; Kokoschkas Eifersucht nahm immer absurdere Züge an; Kokoschkas Freunde waren von der Beziehung überhaupt nicht begeistert; Adolf Loos warnte ihn wiederholt vor ihrem schlechten Einfluss; auch Kokoschkas Mutter war entschieden gegen die Verbindung; Kokoschka aber wollte Alma unbedingt heiraten; sie war vermutlich von ihm im Juli 1912 schwanger, liess die Schwangerschaft aber im Oktober abbrechen; den Schmerz, den Alma ihm mit der Abtreibung des gemeinsamen Kindes zufügte, verarbeitete er 1913 in den beiden Studien „Alma Mahler mit Kind und Tod“ und „Alma Mahler spinnt mit Kokoschkas Gedärmen“; mit Gropius hatte Alma weiter in Briefkontakt gestanden, ihn aber über ihr Verhältnis zu Kokoschka im Unklaren gelassen; Gropius erfuhr aber dennoch davon und brach den brieflichen Verkehr ab; auch mit Kokoschka wurde das Verhältnis zunehmend kühler; er warb zwar immer noch um sie, aber sie entzog sich seinem Werben regelmässig durch lange Reisen mit ihrer Freundin Lilly Lieser (ermordet am 3.12.1943 in Auschwitz); Kokoschka warf Alma in seinen Briefen Oberflächlichkeit und innere Leere vor („Almi, man kann nicht nach Belieben einmal töricht und einmal weise sein. Man verliert sonst beide Glücksmöglichkeiten. Und du wirst eine Sphinx, die nicht leben noch sterben kann, aber den Mann umbringt, der sie liebt und der zu moralisch ist, diese Liebe zurückzunehmen oder zu betrügen für sein Wohl …“, Brief vom 6.3.1914); für Alma war die Beziehung beendet; in den nächsten Monaten bandelte sie mit dem Grossindustriellen Carl Reininghaus und wieder mit dem Komponisten Hans Pfitzner an; zu einem wirklichen Ende der Beziehung zu Kokoschka kam es aber erst im ersten Jahr des Ersten Weltkriegs, als Kokoschka sich freiwillig zum vornehmsten Reiterregiment der Österreicher, dem Dragonerregiment Nr. 15, meldete; noch während der Beziehung zu Kokoschka knüpfte Alma neue Bande zu Gropius, besuchte ihn im Februar 1915 in Berlin, um sich „den bürgerlichen Musensohn wieder beizubiegen“; die Wiederbegegnung verlief so stürmisch, dass Alma sich nach ihrer Rückkehr nach Wien sorgte, wieder schwanger zu sein; in Briefen an Gropius versicherte sie ihm ihre Liebe und beschwor ihren Wunsch, endlich seine Ehefrau werden zu wollen; Kokoschka und Gropius leisteten ihren Militärdienst; währenddessen nahm Alma das gesellschaftliche Leben wieder auf, das ihren Ruf als künstlerische Muse begründete; wie von ihrem Elternhaus gewöhnt, empfing sie im Salon ihrer Wiener Wohnung in der Elisabethstrasse zahlreiche Kunstschaffende; Gerhart Hauptmann, Julius Bittner, Franz Schreker, Johannes Itten, Richard Specht, Arthur Schnitzler und Siegfried Ochs sowie ihre alten Verehrer Kammerer und Pfitzner verkehrten dort regelmässig; gleichzeitig begann sie sich immer mehr als Bewahrerin des musikalischen Erbes ihres verstorbenen Mannes Gustav Mahler zu gerieren; Peter Altenberg karikierte die ergriffene Teilnahme der in Trauerkleidung gehüllten Alma an einer Aufführung von Mahlers Kindertotenliedern so treffend als inszeniert, dass Alma auf Rache sann; der S. Fischer-Verlag verzichtete in späteren Altenberg-Ausgaben darauf, diese Satire weiterhin mit zu publizieren; die Eheschliessung zwischen Walter Gropius und Alma fand am 18.8.1915 in Berlin statt; Gropius hatte dafür zwei Tage Sonderurlaub erhalten und musste dann wieder zurück an die Front; Kokoschka wurde am 29.8. an der Front schwer verwundet, in Wien kursierte schon die Nachricht von seinem Tod; Alma reagierte darauf, indem sie sich in sein Atelier begab und die Briefe an sich nahm, die sie ihm geschrieben hatte, darüber hinaus Skizzen und Zeichnungen; die Ehe zwischen Alma und Walter Gropius stand unter keinem guten Stern, die Gefühle auf seiten Almas waren wahrscheinlich nicht echt, sie handelte wohl eher aus gesellschaftlicher Konvention, innerer Leere und Desorientierung, führte ihr gesellschaftliches Leben in Wien fort, empfing weiter Musiker, Dirigenten und Künstler, die ihr als Mahlers Witwe die Aufwartung machten; vom Schriftsteller Albert von Trentini liess sie sich sogar den Hof machen; sie sah sich nach wie vor vor allem als Mahlers Witwe und empfand die Ehe mit Gropius als sozialen Abstieg; obwohl ihr Nachname nun offiziell Gropius lautete, bezeichnete sie sich gelegentlich als „Alma Gropius-Mahler“ oder „Mahler-Gropius“; in einem ihrer Briefe an Gropius schrieb sie: „ … dass die Thüren der ganzen Welt, die dem Namen Mahler offenstehen, zufliegen vor dem gänzlich unbekannten Namen Gropius“ (wie charmant …); einigen Bekannten wie der Ehefrau von Gerhart Hauptmann teilte sie die Eheschliessung erst mit, als man ihre Schwangerschaft nicht mehr übersehen konnte; auch erlaubte sie sich Lieblosigkeiten gegenüber ihrer neuen Schwiegermutter; Gropius kämpfte zu dieser Zeit an der Vogesenfront und war wiederholt in Kämpfe verwickelt, war auch während der Geburt seiner Tochter Manon am 5. August 1916 nicht anwesend; am 14. November 1917 brachte der Schriftsteller Franz Blei den erst 27-jährigen Franz Werfel zu einer der Abendgesellschaften in Almas Salon mit; sie kannte ihn noch nicht persönlich, obwohl sie schon eines seiner Gedichte vertont hatte; sie fand ihn physisch wenig attraktiv und störte sich daran, dass er Jude war: „Werfel ist ein O-beiniger, fetter Jude mit wülstigen Lippen und schwimmenden Schlitzaugen! Aber er gewinnt, je mehr er sich gibt … “; Werfel interessierte sich, anders als Gropius, sehr für Musik, besuchte sie in den folgenden Wochen häufiger, um mit ihr zu musizieren, und allmählich begann sie sich, für ihn zu interessieren; als Gropius am 15. Dezember anlässlich seines Weihnachtsurlaubs zurückkehrte, reagierte sie ablehnend und kühl auf ihn; es kam zu heftigen Auseinandersetzungen; schliesslich war sie froh, dass er am 30. Dezember wieder Richtung Front abreisen musste; das Liebesverhältnis zu Werfel hatte vermutlich schon Ende 1917 begonnen; Anfang 1918 stellte sie fest, dass sie erneut schwanger war und vermutete Werfel als den Vater; der Sohn Martin Carl Johannes kam am 2. August als Frühgeburt, die durch zügellosen Geschlechtsverkehr mit Werfel ausgelöst wurde, zur Welt; Gropius, der kurz nach der Geburt Heimaturlaub erhielt, musste feststellen, dass er wohl nicht der Vater des Kindes war, als er zufällig Ohrenzeuge eines Telefonates zwischen seiner Ehefrau und Werfel wurde; der Sohn starb – vermutlich an Hirnwassersucht – am 15. Mai 1919; Werfel litt unter dem Tod, da er sich für die zu frühe Geburt verantwortlich machte; die Ehe zwischen Gropius und Alma wurde am 11. Oktober 1920 geschieden; strittig war lange Zeit zwischen beiden Ehepartnern das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter Manon; nüchtern konstatiert Gropius in einem Brief an seine Noch-Ehefrau (18.7.1919): „Unsere Ehe war niemals eine Ehe. Die Frau fehlte in ihr. Eine kurze Zeit warst Du mir herrliche Geliebte und dann gingst Du fort, ohne die Krankheit meiner Kriegsverdorrung mit Liebe und Milde und Vertrauen überdauern zu können – das wäre eine Ehe gewesen … “; obwohl das Verhältnis zwischen Werfel und Alma zu dem Zeitpunkt bereits öffentlich bekannt war, nahm Gropius die Schuld für das Scheitern der Ehe auf sich; in einer theaterreifen Farce liess er sich in flagranti mit einer Prostituierten in einem Hotelzimmer ertappen, um so eine schnelle Scheidung zu erwirken; von 1919 an lebte Alma mit Werfel zusammen; er war elf Jahre jünger als sie, literarisch sehr begabt, aber faul und liess sich nur allzu gern ablenken und zog nächtelang mit seinen Freunden durch die Bars und Cafés von Wien; das änderte sich durch Alma, die ihn zur Schreibarbeit anhielt; sobald Alma (ohne ihn) verreist war, fiel er in das alte Verhaltensmuster zurück und ging mit Ernst Polak, Alfred Polgar oder Robert Musil auf Tour; Anna Mahler, die Tochter aus der ersten Ehe mit Gustav Mahler, hatte bereits siebzehnjährig den Dirigenten Rupert Koller geheiratet, ihn aber wenige Monate später verlassen; 1922 begann sie eine Beziehung zum Komponisten Ernst Krenek, der in seinen Erinnerungen („Im Atem der Zeit“) ein kritisches Bild von Alma Mahler zeichnet; der einstmals gefeierten Wiener Schönheit begegnete Krenek das erste Mal, als sie Anfang Vierzig war, und beschrieb sie als ein etwas korpulentes „prächtig aufgetakeltes Schlachtschiff … Sie war es gewohnt, lange, fliessende Gewänder zu tragen, um ihre Beine nicht zu zeigen, die vielleicht ein weniger bemerkenswertes Detail ihres Körperbaus waren. Ihr Stil war der von Wagners Brünhilde, transportiert in die Atmosphäre der Fledermaus“; beeindruckt war Krenek dagegen von ihrer unerschöpflichen und scheinbar unzerstörbaren Vitalität; Essen und Trinken waren Grundelemente ihres Vorgehens, um Menschen an sich zu binden; nur selten sei er mit ihr zusammengetroffen, ohne „raffinierte, komplizierte und sichtlich teure Speisen und vor allem reichlich schwere Getränke“ serviert bekommen zu haben; irritiert war er über die sexuell aufgeladene Atmosphäre im Hause Mahler-Werfel: „Sex war das Hauptgesprächsthema, und meistens wurden lärmend die sexuellen Gewohnheiten von Freunden und Feinden analysiert, wobei Werfel eine ernste und intellektuelle Note einzubringen versuchte … “; Anfang der 1920er Jahre erwarb Alma Mahler zusätzlich einen dritten Wohnsitz in Venedig; von Gustav Mahlers Vermögen war jedoch kaum noch etwas übrig, die Tantiemen für Aufführungen flossen auch nur noch spärlich; um Geld zu beschaffen, beauftragte sie u. a. ihren Schwiegersohn Ernst Krenek damit, das Fragment von Gustav Mahlers 10. Sinfonie zu „vollenden“, was dieser aber aufgrund des Respekts vor Mahlers Werk ablehnte; dennoch bewirkte sie die Aufführung der Bruchstücke in Amsterdam und New York und legte Wert darauf, die Tantiemen in US-Währung zu erhalten; parallel zur Uraufführung in Wien liess Alma Mahler eine von ihr edierte Sammlung von Mahler-Briefen herausgeben sowie ein Faksimile der 10. Sinfonie veröffentlichen, was bis heute immer wieder kritisiert worden ist; Mahler hatte an der Sinfonie noch auf dem Totenbett gearbeitet, die Notenblätter tragen zahlreiche sehr persönliche Notizen, die unter anderem auch seine Verzweiflung über Alma Mahlers Seitensprung mit Gropius widerspiegeln (z. B.: „Für dich leben, für dich sterben! Almschi!); gleichzeitig zur Veröffentlichung der Briefe publizierte sie auch eigene Kompositionen; schliesslich wurde auch Werfel als Geldquelle aktiviert, sie lenkte ihn weg von der Lyrik hin zu grösseren Formaten, ihr war klar, dass mit Romanen mehr Geld zu verdienen war; „Verdi – Roman der Oper“ wurde innerhalb weniger Monate 20 000 Mal verkauft; als Alma Mahler 1929 endlich dem Drängen von Werfel nachgab und mit ihm am 6. Juli die Ehe schloss, war Werfel ein arrivierter Schriftsteller, der zu den meistgelesenen der deutschen Sprache zählte; die Beziehung zu Werfel war von Anfang an instabil, von Höhen und Tiefen gekennzeichnet, schon 1924 hatte Alma ihrem Tagebuch anvertraut: „Ich liebe ihn nicht mehr. Mein Leben hängt innerlich nicht mehr mit dem seinen zusammen. Er ist wieder zusammengeschrumpft zu dem kleinen, hässlichen, verfetteten Juden des ersten Eindrucks“; die Eheschliessung änderte nichts an der gegenseitigen Fremdheit und Beziehungslosigkeit, beide lebten ihr eigenes Leben, oft räumlich getrennt, politisch hatten sie ganz entgegengesetzte Meinungen; der Antisemitismus Almas verstärkte sich, sie hatte es zur Bedingung gemacht, dass Werfel vor der Eheschliessung „aus der jüdischen Religionsgemeinschaft austreten“ müsse; Werfel war diesem Wunsch gefolgt, trat jedoch wenige Monate später, am 5.11.1929, wieder zum Judentum zurück (wenn man das mal so ausdrücken darf); auch Elias Canetti, der als Verehrer der Mahler-Tochter Anna im Hause Almas verkehrte, erzählt, wie Alma selbst Gustav Mahler verächtlich als „kleinen Juden“ bezeichnete; mit den deutschen Nationalsozialisten sympathisierte Alma Mahler und empfand die Auseinandersetzungen zwischen Nationalsozialisten und dem Rest der Welt als eine Auseinandersetzung zwischen Christen und Juden; 1934 stand sie – im Gegensatz zu Werfel – auf Seiten der Austrofaschisten; während des Spanischen Bürgerkriegs stand sie – wieder im Gegensatz zu Werfel – auf Seiten der Franquisten; in der Wiener Villa Almas verkehrten seit Anfang der 1930er Jahre zunehmend Gäste, die Almas politischer Richtung entsprachen; Werfel stand dem verständnislos gegenüber; in den 37-jährigen Theologieprofessor und Ordenspriester Johannes Hollnsteiner, Beichtvater Schuschniggs, der in Hitler eine Art neuen Luther sah, verliebte sich die Fünfzigjährige, und zwischen den beiden kam es zu einer Affäre; für ungestörte Schäferstündchen mietete Alma sogar eine kleine Wohnung, damit niemand sie zusammen sehe; Werfel wurde das offenbar, als man seine Bücher in der von Goebbels angeordneten Aktion „wider den undeutschen Geist“ verbrannte; 1935 starb die erst 19-jährige Manon Gropius, die Tochter von Alma und Walter Gropius, an Kinderlähmung; Alma führte die Schönheit und Anmut des Kindes auf die Tatsache zurück, dass dies das einzige von einem „Arier“ empfangene Kind sei; Claire Goll gegenüber bezeichnete sie ihre anderen Kinder später einmal verächtlich als „Mischlinge“; die Beerdigung der jungen Manon Gropius wurde zum gesellschaftlichen Grossereignis, Manon selbst zu einem „Engel“, zu einem „wunderbaren Geschöpf an Reinheit und Keuschheit der Empfindung“ hochstilisiert; die Villa auf der Hohen Warte, in der Manon Gropius gestorben war, wurde von Alma Mahler-Werfel zunehmend als Unglückhaus empfunden; Franz Werfel lebte immer seltener dort und zog es vor – vielleicht auch wegen des grossen Alkoholkonsums seiner Frau – in Hotelzimmern ausserhalb Wiens zu arbeiten; vor dem „Anschluss“ Österreichs hatte Alma sämtliche Bankkonten aufgelöst, das Geld in die Schweiz schmuggeln lassen, war dann zum Zeitpunkt des Anschlusses (12.3.1938) gemeinsam mit ihrer Tochter, die als Halbjüdin nun bedroht war, über Prag und Budapest nach Mailand gereist, wo Franz Werfel auf sie wartete; die Spannungen zwischen den beiden Ehepartnern hielten an, Alma schrieb in ihrem Tagebuch über „zwei Menschen“, die „zwei unterschiedliche Sprachen sprechen“ und deren „Rassenfremdheit“ unüberbrückbar war; über Umwege folgte Alma Mahler – obwohl sie die Scheidung von Werfel und die alleinige Rückkehr nach Österreich erwogen hatte – Werfel in das amerikanische Exil, was sich äusserst schwierig, gefährlich und langwierig gestaltete; am 13. Oktober 1940 waren alle auf amerikanischem Boden; das Ehepaar Mahler-Werfel liess sich in Los Angeles nieder, wo zahlreiche deutsche und österreichische Emigranten lebten; insbesondere zu Friedrich Torberg entwickelte sich in den kommenden Jahren ein besonders enges Verhältnis – sowohl zu Werfel wie auch zu Alma Mahler-Werfel; auch hier konnten sich Alma und Franz Werfel wieder eine Villa und einen Hausangestellten leisten, verkehrten wieder illustre Gäste in ihrem Haus, z. B. Thomas Mann und seine Frau Katia; die Meinungsunterschiede zwischen Werfel und Alma blieben, sie hielt die Alliierten für „degenerierte Schwächlinge“ und die Deutschen, einschliesslich Hitler, für „Supermänner“; Werfel konnte nur den Kopf schütteln und sagte „Was soll man mit so einer Frau nur machen … Man darf nicht vergessen, dass sie eine alte Frau ist … “ Werfels Roman „Das Lied der Bernadette“ über Bernadette Soubirous wurde zu einem US-Bestseller, von dem innerhalb weniger Monate 400 000 Exemplare verkauft wurden, Twentieth Century Fox erwarb die Filmrechte, Rezensionen erschienen in zahlreichen US-Tageszeitungen, Radio-Interviews mit Werfel wurden landesweit ausgestrahlt; das Ehepaar konnte nun in Beverly Hills eine noch komfortablere Villa erwerben; Werfel lebte aber meist räumlich getrennt von Alma und arbeitete in Santa Barbara an seinen Texten; in der Nähe der neuen Villa lebten Torberg, Ernst Deutsch, ein Jugendfreund Werfels, das Ehepaar Schönberg sowie das Ehepaar Feuchtwanger; Erich Maria Remarque wurde dort zu Alma Mahler-Werfels neuem Zechkumpan, der ihr nach der ersten durchfeierten Nacht eine Flasche russischen Wodka, gehüllt in einen riesigen Blumenstrauss, schenkte; Franz Werfel erlitt in der Nacht des 13. September 1943 einen schweren Herzinfarkt, von dem er sich nur sehr langsam erholte; im Sommer 1945 verschlechterte sich sein Gesundheitszustand wieder, am 26.8.1945 erlag er einem weiteren schweren Herzinfarkt; an der Beisetzung nahm Alma Mahler-Werfel nicht teil; es wird darüber spekuliert dass Alma Mahler-Werfel an Werfel noch die Nottaufe vollzogen habe, als sie ihren sterbenden Mann fand; Werfel hatte zwar generell Sympathien gegenüber dem katholischen Glauben bekundet, sich aber mehrfach zum Judentum bekannt und unter anderem 1942 in einem Brief an den Erzbischof von New Orleans festgehalten, dass es ihm angesichts der Judenverfolgung widerstrebe, „mich in dieser Stunde aus den Reihen der Verfolgten fortzuschleichen“; als „La grande veuve“, als die grosse Witwe Gustav Mahlers und Franz Werfels, bezeichnete Thomas Mann Alma Mahler-Werfel in ihren letzten 19 Lebensjahren; boshafter fiel das Urteil von Claire Goll über die Witwe aus, die nach Golls Meinung nach Werfels Tod ihr Auge auf Bruno Walter geworfen hatte; sie verglich Alma Mahler, deren Figur ihre Vorliebe für Champagner und Bénédictine nicht bekommen war, mit einer auseinanderquellenden Germania und schrieb über sie: „Um ihre welkenden Reize aufzufrischen, trug sie gigantische Hüte mit Straussenfedern; man wusste nicht, ob sie als Trauerpferd vor einem Leichenwagen oder als neuer d’Artagnan aufzutreten wünschte. Dazu war sie gepudert, geschminkt, parfümiert und volltrunken. Diese aufgequollene Walküre trank wie ein Loch“; ihre alte Heimatstadt Wien besuchte Alma nur noch einmal kurz im Jahre 1947; ihre Mutter war im Herbst 1938 gestorben; ihr Stiefvater Carl Moll, ihre Halbschwester Maria und Richard Eberstaller, die beide langjährige NSDAP-Mitglieder gewesen waren, hatten im April 1945 Suizid begangen; bei ihrem Besuch ging es überwiegend um die Regelung von Vermögensfragen; zu ihrem 70. Geburtstag erhielt sie viele Glückwünsche, die zeigen, wie sehr sie in der Kulturszene verankert war; unter den Gratulanten befanden sich auch Gropius, Kokoschka, ihr ehemaliger Schwiegersohn Krenek, aber auch Heinrich und Thomas Mann, Zuckmayer, Feuchtwanger, Benjamin Britten, Strawinsky sowie der ehemalige österreichische Bundeskanzler Kurt von Schuschnigg; Arnold Schönberg widmete ihr einen vierstimmigen Geburtstagskanon mit dem vielsagenden Text: „Gravitationszentrum eigenen Sonnensystems, von strahlenden Satelliten umkreist, so stellt dem Bewunderer dein Leben sich dar“; 1951 übersiedelte Alma Mahler-Werfel nach New York und begann mit dem Schreiben ihrer Autobiographie auf Basis der Tagebücher, zur Unterstützung zog sie mehrere Ghost Writer hinzu (Paul Frischauer, E. B. Ashton), die aber alle wieder ausstiegen oder drohten auszusteigen, weil sie sich in ihrem antisemitischen Gegeifer nicht zügeln lassen wollte; 1958 erschien dann „The bridge is love“ und wurde sehr verhalten aufgenommen, viele, insbesondere Gropius, ärgerten sich über das, was sie da lesen mussten; die Jahre später erschienene deutschsprachige Ausgabe „Mein Leben“ (1963) wurde nochmals gezähmt und fand ebenso keine günstige Aufnahme; das Buch galt als „schlüpfrig“, zweideutig, widersprüchlich und reizte in seiner ich-bezogenen Darstellungsweise zur Karikatur; langjährige Wegbegleiter wie Zuckmayer oder Thomas Mann hatten sich bereits nach Veröffentlichung der englischen Version von ihr zurückgezogen; Zuckmayer schrieb nach ihrem Tod, „bei allem Spass, den man an der Buntheit, Farbigkeit, Lebensbegabung, sogar an der Hemmungslosigkeit und Gewalttätigkeit dieser Natur haben konnte, ist sie mir durch dieses allzu hemmungslose Memoirenbuch, (dem allerdings etwas Gigantisches, nämlich an Taktlosigkeit und Verfälschungen, innewohnt), recht zuwider geworden“; - Alma Mahler-Werfel starb am 11. Dezember 1964 im Alter von 85 Jahren in ihrem New Yorker Appartment; Soma Morgenstern hielt die Trauerrede; beigesetzt wurde sie aber erst am 8. Februar 1965 neben dem Grab ihrer Tochter Manon auf dem Grinzinger Friedhof in Wien; während ihrer künstlerisch aktiven Zeit komponierte bzw. vertonte Alma Mahler-Werfel etwas mehr als hundert Lieder, verschiedene Instrumentalstücke und den Anfang einer Oper; das Meiste davon ist während des Zweiten Weltkriegs verloren gegangen
  • 1.9.1879–30.5.1944: Bruno Granichstaedten (Bruno Bernhard Granichstaedten), geb. in Wien, gest. in New York, Operettenkomponist und Librettist in Wien, schrieb von 1908 bis 1930 insgesamt 16 Operetten, emigrierte 1940 in die USA, schrieb auch Filmlieder wie "Zuschau'n"; Hauptwerke: Bub oder Mädel, 1908; Auf Befehl der Kaiserin, 1915; Der Orlow, 1925; Das Schwalbennest, 1926; Evelyne, 1928
  • 3.9.1879–30.12.1958: Dr. Adolf Kober, geb. in Beuthen, Oberschlesien; gest. in New York, Rabbiner und Historiker; Rabbinerexamen 1907; 1918 übernahm er in Köln, in einer der damals grössten jüdischen Gemeinden Deutschlands, die Stelle des Gemeinderabbiners; dort gründete er 1928 das "Jüdische Lehrhaus" als Stätte jüdischer Erwachsenenbildung; neben seiner Rabbinertätigkeit widmete sich Kober in zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen der Geschichte der rheinischen Juden; in den 1930er-Jahren war er Mitherausgeber der angesehenen Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland; 1939 emigrierte er in die USA, wo er bis zu seinem Tod 1958 in New York neben seiner Arbeit als Rabbiner weiter wissenschaftlich tätig blieb; auch in den USA beschäftigte er sich weiter mit der Geschichte des rheinischen Judentums; im Jahr 1963 benannte die Stadt Köln im rechtsrheinischen Stadtteil Stammheim eine Strasse nach Adolf Kober
  • 8.9.1879–Juni 1944: Dr. Adolf Altmann, geb. in Hunsdorf (Huncovce), Ungarn; umgekommen in Auschwitz, aus Österreich-Ungarn stammender Rabbiner; von 1920 bis 1938 war er Oberrabbiner von Trier; er war überzeugter Zionist und betätigte sich als Journalist, unter anderem ab 1904 für die Ungarische Wochenschrift; 1903 heiratete er Malwine Weisz (geb. 1881), mit der er fünf Kinder hatte: Alexander, Erwin, Hilde, Manfred und Wilhelm; ab 1907 Rabbiner in Salzburg (trug dort massgeblich zur Gründung einer selbstständigen jüdischen Kultusgemeinde im Jahre 1911 bei; vorher gehörte Salzburg zur Linzer Gemeinde); 1914 wurde er Rabbiner in Meran und diente dann von 1915 bis 1918 als Feldrabbiner in der österreichischen Armee; 1920 wurde Altmann als Rabbiner nach Trier berufen und stand dort der fast 1000 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde vor; er pflegte gute Kontakte zum christlichen Klerus, unter anderem zum Trierer Bischof Franz Rudolf Bornewasser; auch mit dem Zentrumspolitiker Ludwig Kaas war er befreundet; im April 1938 musste er mit seiner Familie vor den antisemitischen Repressalien der Nationalsozialisten in die Niederlande fliehen; bis September 1940 hielt er sich in Scheveningen auf, dann in Groningen und ab März 1943 im Ghetto von Amsterdam; von dort wurde er über Zwischenstationen in den Konzentrationslagern Westerbork und Theresienstadt schliesslich am 16. Mai 1944 in das KZ Auschwitz deportiert, wo er innerhalb weniger Wochen an Entkräftung starb; auch seine Frau und zwei der Kinder kamen im Vernichtungslager um; 1958 wurde in Trier die Dr.-Altmann-Strasse nach ihm benannt; sein Sohn Alexander Altmann (1906-1987) war ebenfalls Rabbiner
  • 22.10.1879–19.12.1957: Camillo Castiglioni, geb. in Triest, gest. in Rom, Börsenspekulant, unternehmerischer Wirbelwind, Pionier der österreichischen Luftfahrt, Sohn eines Rabbiners; führend in der Auto- und Flugzeugindustrie Österreichs und Italiens, Kunstmäzen; Zusammenbruch seiner Unternehmungen durch Fehlspekulationen; nach dem Zweiten Weltkrieg für die jugoslawische Regierung tätig; zwischen 1923 und 1924 hatte er für Max Reinhardt den Umbau des Theaters in der Josefstadt in Wien sowie die Salzburger Festspiele finanziert
  • 26.10.1879–3.9.1935: Oskar Strnad, geb. in Wien, gest. in Alt-Aussee, Architekt, Prof. an der Wiener Kunstgewerbeschule, besonders durch seine Bühnenentwürfe (u. a. für Max Reinhardt) bekannt geworden
  • 7.11.1879–21.8.1940: Leo Trotzki (den Namen „Trotzki“/“Trotzkij“ nahm er 1902 auf der Flucht aus Irkutsk zur Verdeckung seiner wahren Identität an; seinem Hang zur Ironie folgend, nach dem Namen des Oberaufsehers des Gefängnisses in Odessa, wo er zuvor einsitzen musste), eigentlich Lew (Leo) Dawidowitsch Bronstein, d. h. Leib Braunstein, geb. in Janowka, Ukraine, als fünftes Kind des Landwirts David Bronstein und der Anna Bronstein, ermordet in Coyoacán, Mexiko, sowjetisch-jüdischer Politiker, marxistischer Revolutionär, ganz ausserordentliches Organisationsgenie, hervorragender Redner mit stark demagogischem Einschlag; er schloss sich als Schüler der sozialdemokratischen Bewegung an, wurde verbannt und floh nach Westeuropa; 1903 geriet er in der Frage des Parteiaufbaus in Gegensatz zu Lenin und stand fortan zwischen den Fraktionen der Bolschewiki und Menschewiki; in der Revolution 1905 war Trotzkij Vorsitzender des Petersburger Sowjets (Arbeiterrats), wurde erneut verbannt und floh wiederum; nach der Februarrevolution 1917 schloss er sich den Bolschewiki an und wurde wieder Vorsitzender des Petrograder Sowjets; 1917-1927 war er Mitglied des ZK, 1919-1926 des Politbüros der bolschewistischen Partei; als Volkskommissar (Minister) für Äusseres (1917/1918) versuchte er, mit einer Verschleppungstaktik den Frieden von Brest-Litowsk zu verhindern; als Volkskommissar für Militärwesen (1918-1925) war er der eigentliche Schöpfer der Roten Armee (führte dort auch die Todesstrafe und Sippenhaft ein); für die blutige Niederschlagung von Bauernaufständen mit Tausenden von Toten und des Matrosenaufstandes in der vor Petersburg liegenden Seefestung Kronstadt von 1921 wurde Trotzki als oberster Heeresführer verantwortlich gemacht; die Kronstädter Matrosen waren einst eine Kerngruppe der Oktoberrevolution; Kritikern der brutalen Bekämpfung der Aufstände entgegnete Trotzki, der diese Aufstände als kleinbürgerlich-bäuerlich und symptomatisch für die Konfliktsituation zwischen Stadt und Land auffasste: „Ich weiss nicht, ob es unschuldige Opfer [in Kronstadt] gab … Ich bin bereit, zuzugeben, dass ein Bürgerkrieg keine Schule für menschliches Verhalten ist. Idealisten und Pazifisten haben der Revolution immer Exzesse vorgeworfen. Die Schwierigkeit der Sache liegt darin, dass die Ausschreitungen der eigentlichen Natur der Revolution entspringen, die selbst ein Exzess der Geschichte ist. Mögen jene, die dazu Lust haben, in ihren armseligen journalistischen Artikeln die Revolution aus diesem Grund verwerfen. Ich verwerfe sie nicht“ Nach Lenins Tod 1924 unterlag Trotzkij im Machtkampf gegen Stalin; ab 1925 verlor er schrittweise alle Staats- und Parteiämter; 1927 wurde er als "Abweichler" und "Jüdischer Verschwörer" aus der Partei ausgeschlossen, 1928 nach Kasachstan verbannt und 1929 aus der UdSSR ausgewiesen; im Exil war Trotzkij publizistisch tätig, entwickelte seine politischen Auffassungen („Trotzkismus“) in zahlreichen Schriften, kritisierte Stalin, deckte nach Möglichkeit die Verbrechen von GPU (Staatspolizei, Nachfolgeorganistion der Tscheka) und der Gulags auf und gründete 1938 die IV. Internationale, um der unter Stalins Dominanz stehenden III. Internationale entgegenzuwirken; er wurde von einem Agenten der sowjetischen Geheimpolizei in seinem zur Festung ausgebauten und rund um die Uhr von sieben bis acht Wachleuten bewachten Haus (das ihm von seiner zeitweiligen Geliebten Frida Kahlo geschenkt worden war) in Mexiko ermordet; bereits im Mai 1940 war er nur knapp einem bewaffneten Überfall des russischen Geheimdienstes auf dieses Haus entgangen; am 20. August wurde er von einem eingeschleusten Mörder, der sich als trotzkistischer Sympathisant „Frank Jacson“ ausgegeben hatte (und in Wirklichkeit Jaime Ramón Mercader del Rio Hernández hiess), mit einem Eispickel angegriffen und am Kopf schwer verletzt; seine Leibwächter fanden ihn blutüberströmt, aber noch lebend; einen Tag später starb Leo Trotzki an den Folgen dieses Mordanschlages; Trotzkis Mörder wurde von Stalin zum „Held der Sowjetunion“ ernannt; in Mexiko trauerten viele um Trotzki, 300 000 Menschen begleiteten dessen Leichenzug; sein Leichnam wurde eingeäschert und im Garten seines Hauses begraben; 32 Jahre später kam die Asche seiner in Paris gestorbenen Frau Natalja dazu; diese Stelle markiert heute ein weisser, mit Hammer und Sichel gekennzeichneter Stein mit einer roten Fahne; das Haus des Anschlags kann heute als „Museo León Trotsky“ besichtigt werden; die KPdSU hat den Revolutionsführer und Organisator der Roten Armee nie rehabilitiert, sowohl Chruschtschow als auch der Reformer Gorbatschow versagten ihm jegliche posthume Würdigung; - 1930 schrieb Trotzki "Mein Leben"; wichtig auch: "Die permanente Revolution" (ebenfalls 1930); - die zionistische Lösung der Judenfrage hatte Trotzki bezweifelt und sah gemäss seiner sozialistischen Ideologie Erfolg nur in der weltweiten Emanzipation
  • 1879–1884: Albert Salomon Anselm von Rothschild liess 1879-1884 nach den Plänen von Gabriel-Hippolyte Destailleur sein Palais Albert Rothschild in der Wiener Prinz-Eugen-Strasse errichten
  • 1879–1922: Grete Meisel-Hess, Schriftstellerin (Prosa, Essays), geb. in Prag, gest. in Berlin; schrieb auch über Sexualität, vertrat die Einehe und kämpfte gegen die doppelte Moral; gegen den jüdischen Antisemiten Otto Weininger schrieb sie "Weiberhass und Weiberverachtung" (1904); von ihren Romanen war "Die Intellektuellen" (1913) umstritten; weitere Werke: "Über das Wesen der Geschlechtlichkeit", 2 Bände, 1916; "Die Ehe als Erlebnis", 1921; in ihren letzten Lebensjahren litt sie an Depressionen
  • 1879–1928: Paul Zifferer, Schriftsteller (Romane, Novellen)
  • 1879–1933: Egon Pollak, bedeutender Operndirigent in Hamburg
  • 1879–1933: David Koigen, geb. in Waschnaki (Ukraine), gest. in Berlin, Kulturphilosoph und Soziologe, schrieb hauptsächlich Deutsch; lebte 1892-1913 und wieder seit 1921 in Berlin, war 1918-1921 Prof. in Kiew, 1925-1927 Herausgeber der Zeitschrift "Ethos", originell in seiner Kulturphilosophie, die im Judentum die Vollendung der Religionsentwicklung sieht; Werke (Auswahl): Die Kulturanschauung des Sozialismus. Ein Beitrag zum Wirklichkeits-Idealismus, Berlin 1903; Ideen zur Philosophie der Kultur, 1910 ("der Kulturakt" als zentraler Begriff); Die Kultur der Demokratie. Vom Geiste des volkstümlichen Humanismus und vom Geiste der Zeit, Jena 1912; Der moralische Gott. Eine Abhandlung über die Beziehungen zwischen Kultur und Religion, 1922; Apokalyptische Reiter. Aufzeichnungen aus der jüngsten Geschichte, Berlin 1925 (autobiographisch); Geschichte und Kultur. Grundzüge einer Geschichts- und Kultursoziologie, 2 Teile, 1925-1926; Der Aufbau der sozialen Welt im Zeitalter der Wissenschaft. Umrisse einer soziologischen Struktur, Berlin 1929; Begriffsbildung in der Soziologie, 1931; Das Haus Israel, 1934
  • 1879–1933: Hermann Jacobsohn, Indogermanist
  • 1879–1933: Eugen Joseph, Mediziner (Urologie) in Berlin
  • 1879–1936: Ephraim Carlebach, Rabbiner in Leipzig
  • 1879–1941: Albert Freiherr von Goldschmidt-Rothschild, geb. in Frankfurt, gest. in Lausanne (Selbsttötung), stand zunächst im deutschen diplomatischen Dienst; Bankier, Exil in der Schweiz (seit 1939), war verheiratet mit Miriam Rothschild, Vermögen 1911: 38 Mio RM; sein Vater Maximilian (1843-1940), Bankier in Frankfurt, hatte die letzte Erbin der Frankfurter Rothschilds geheiratet
  • 1879–1942: Nathan Max Nathan, geb. in Emmerich, gest. in Theresienstadt, Rabbiner, in Hamburg seit 1912, wo er die Gemeindeverwaltung leitete und das 1925 gegründete Gemeindeblatt für Hamburg redigierte; 1942 wurde Dr. Nathan nach Theresienstadt deportiert und war seither verschollen

Bücher

  • Carl Brisch, Geschichte der Juden in Cöln und Umgebung, Mülheim a. Rh. 1879
  • Isaac Gastfreund, Die Wiener Rabbinen seit den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart, Wien 1879
  • Stern, Die Lehrsätze des neugermanischen Judenhasses
  • A. Schwarz, Die Tosifta des Tr. Sabbath, in ihrem Verhältnis zur Mischna, Karlsruhe 1879
  • J. Guttmann, Die Religionsphilosophie des Abraham Ibn Daud, Göttingen 1879
  • Chaim David Lippe, Bibliographisches Lexicon der gesammten jüdischen Literatur der Gegenwart, und Adress-Anzeiger: ein lexicalisch geordnetes Schema mit Adressen von Rabbinen, Predigern, Lehrern, Cantoren, Förderern der jüdischen Literatur in der alten und neuen Welt, nebst bibliographisch genauer Angabe sämmtlicher von jüdischen Autoren der Gegenwart publicirten, speciell die jüdische Literatur betreffenden Schriftwerke und Zeitschriften, Wien 1879-81; Neue Serie, Bd. I Wien 1889, Bd. II Wien 1899

Zeitungen und Zeitschriften

  • Seit 1879: El Sol, in Istanbul in Spaniolisch erscheinend
  • Seit 1879: Israelitische Gemeinde- und Familienzeitung, in Elbing wöchentlich in deutscher Sprache erscheinendes religiös-reformerisches Blatt
  • Seit 1879: Israel, in Loebau wöchentlich erscheinendes jiddisches Blatt
  • Seit 1879: Israelit, in Königsberg/Preussen wöchentlich erscheinendes jiddisches Blatt
  • 1879–1884: Russkij Jewrej, in Petersburg wöchentlich in russischer Sprache erscheinend
  • 1879–1885: Fraternitatea, in Jassy wöchentlich in rumänischer Sprache erscheinendes Blatt, hrsg. von den Brüdern Elias und Moses Schwarzfeld
  • 1879–1886: The Jewish Advocate, in New York erscheinende Monatsschrift
  • 1879–1898: Der Jüdische Kantor, in Bromberg/Posen wöchentlich in deutscher Sprache erscheinendes Fachorgan
  • 1879–1914: Machsike hadat, in Lemberg wöchentlich in hebräischer Sprache erscheinendes orthodoxes Blatt
  • 1879–1945: The American Hebrew, New Yorker Wochenblatt unter der Leitung von Philip Cowen, unterstützte den orthodoxen Standpunkt gegen Bestrebungen des Reformjudentums, erschien 1879–1945, letzter Redakteur war Isaac Landman

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