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1880

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Ereignisse

  • 1880: Max Liebermann von Sonnenberg (1848-1911), hochdekorierter Veteran des Deutsch-Französischen Krieges, die Lehrer Bernhard Förster (1853-1889), ein Schwager Nietzsches, und Ernst Henrici (1854-1915) initiierten im Sommer 1880 eine „Antisemitenpetition“. Sie forderte u. a. eine separate Besteuerung von Juden, ihren Ausschluss von allen Regierungsämtern, vom öffentlichen Dienst und Bildungswesen sowie ein Verbot jüdischer Einwanderung nach Deutschland. Viele Studenten unterstützten die Petition an den Universitäten mit Ausschüssen. Daraus gingen die Vereine Deutscher Studenten hervor, die sich 1881 im Kyffhäuserverband vereinten (grundsätzliche Nichtzulassung von Juden, die "satisfaktionsunfähig" seien). Auch Marrs Liga und Stoecker mobilisierten ihre Anhänger in der Berliner Bewegung (konservativ-antisemitische Bewegung gegen die Vorherrschaft der Fortschrittspartei in der Berliner Stadtverwaltung, gegründet 1880 von Hofprediger A. Stöcker; brach trotz agitatorischer Unterstützung durch Rektor Hermann Ahlwardt 1890 zusammen). 225 000 Bürger unterzeichneten die Petition; im April 1882 übergab Sonnenberg die Unterschriften im Reichstag, Bismarck ignorierte die Forderungen jedoch. Henrici suchte 1880 reichsweit mit antisemitischen Hetzreden Wähler für seine „Soziale Reichspartei“ zu gewinnen. Er bezeichnete sich selbst als „Brandstifter“, griff auch Kirchen und Obrigkeit an und löste häufig Tumulte aus. Der unaufgeklärte Synagogenbrand vom 18. Februar 1881 in Neustettin folgte auf eine seiner Reden. 1881 gründete Sonnenberg den patriotisch-konservativen „Deutschen Volksverein“ sowie die Deutsche Volkszeitung, die das Schlagwort „Antisemitismus“ in ganz Deutschland verbreiteten.
  • 1880: Juden gehörten im Kaiserreich ebenso wie ihre Gegner meist zum aufstrebenden Bürgertum. Sie erfuhren vor allem in Schule, Universität und Armee unvermeidbar alltägliche Diskriminierung und Feindseligkeit, so dass Walther Rathenau resümierte: „In den Jugendjahren eines jeden deutschen Juden gibt es den schmerzlichen Augenblick, an den er sich zeitlebens erinnert: wenn er sich zum erstenmal voll bewusst wird, dass er als Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten ist, und dass keine Tüchtigkeit und kein Verdienst ihn aus dieser Lage befreien kann“. Die antisemitische Propaganda traf besonders gebildete Juden unvorbereitet, da sie sich von ihren Traditionen bereits vielfach weit entfernt hatten. So antwortete der jüdische Historiker Harry Bresslau 1880 apologetisch auf Treitschke, „Juden“ und „Semiten“ seien nicht identisch. Er werde nur die als Juden bezeichnen, deren beide Eltern als Juden geboren seien. Die Fortdauer des deutschen Judentums war nicht seine Sorge, er vertrat eine vollständige Assimilation der Juden und ihr Aufgehen in der deutschen Nation. Seine Argumentation begünstigte aber die Gleichsetzung von Juden mit einer angeblichen „semitischen Rasse“: 1895 definierte der Brockhaus „Semitismus“ als „Bezeichnung für das ausschliesslich vom ethnologischen Standpunkt aus betrachtete Judentum“.
  • 1880: Berlin: Eröffnung des jüdischen Friedhofes in Weissensee
  • 1880: Wien: In Wien leben jetzt ca. 73 000 Juden = 10% der Einwohnerzahl (zurückzuführen vor allem auf die Immigration galizischer Juden seit Ende der 1850er Jahre)
  • 1880: Niederlande: Gründung der berühmten (auf Leeser Rosenthal, 1794-1868, zurückgehenden) jüdischen "Bibliotheca Rosenthaliana" (der Amsterdamer Universität eingegliedert)
  • 1880: Ben Hur, historischer Roman (Bestseller, im 19. Jhdt. das nach der Bibel meistgedruckte Buch) aus der Christuszeit von Lewis Wallace (nichtjüdisch), in dem der (fiktive) jüdische Fürst Juda ben Hur sich nach Unterdrückung durch die Römer mit seiner Familie Jesus anschliesst; mehrmals verfilmt
  • 1880: Darwin distanzierte sich 1880 vom politischen Missbrauch seiner Theorien. Nach seinem Tod 1882 wurden diese jedoch immer stärker rassistisch umgedeutet. Man redete nun von der „Zersetzungskraft jüdischen Blutes“ und zählte auch „Halb“- oder „Viertel“-Juden zum Judentum, während die „arische Rasse“ immer stärker zur einheitsstiftenden Idee wurde. Deren „Notwehr“ gegen die Juden wurde als Naturgesetz dargestellt. Damit wurde das Recht des Stärkeren gegenüber Natur- und Menschenrecht deterministisch legitimiert.
  • 1880: Ort, ORT (Abkürzung für Obschtschestwo rasprostranenija truda), Gesellschaft zur Förderung des Handwerks, der Industrie und der Landwirtschaft unter den Juden, gegründet 1880 in Russland, besteht seit 1920 als „Ort“-Verband mit Landesorganisationen in Polen, Russland, Rumänien, Litauen, Lettland, Deutschland, England, Frankreich, USA und Kanada. Arbeitsgebiete: fachliche Ausbildung, Versorgung jüdischer Handwerker mit Maschinen, Werkzeugen und Rohstoffen, Betreuung landwirtschaftlicher Siedlungen usw.
  • 1880: Marrakesch: Zwischen 1864 und 1880 wurden in Marrakesch in Marokko über 300 Juden ermordet.
  • 1880: Der amerikanische Konsul in Jerusalem berichtet, dass sich der historische Niedergang des Landes fortsetze
  • 1880: Leopold Fejér geboren, Mathematiker (Budapest)
  • 1880: Erich Kaufmann geboren, Jurist (Staats- und Verwaltungsrecht)
  • 1880: Ernst Isay geboren, Jurist (internationales Finanzrecht)
  • 1880: Felix Pinner geboren, Journalist am Berliner Tageblatt
  • 1880: Gerschon Schofmann in Orscha (Weissrussland) geboren, neu-hebräischer Erzähler (impressionistische Novellen und Skizzen)
  • 1880: Edgar Istel geboren, Opernkomponist
  • 1880: Juliusz Wolfsohn geboren, jüdischer Komponist in Polen
  • 1880: Max Hochdorf geboren, Schriftsteller (Essays, Prosa, Dramen)
  • 1880: Ludwig Baron von Hatvány in Budapest geboren, ungarischer Aristokrat und Schriftsteller, Sohn des später geadelten Alexander Deutsch, lebte wegen aktiver Teilnahme an der Revolution 1918-1927 in der Emigration; Roman "Herren und Menschen" (zum Thema Assimilation)
  • 1880: Carlo Foà geboren, Mediziner (Physiologie) in Mailand
  • 1880: Erich Ruttin geboren, Mediziner (Hals-Nasen-Ohrenheilkunde) in Istanbul
  • 1880: Ernst Laqueur geboren, Pharmakologe in Amsterdam; gest. 1947
  • 1880: Wilhelm Peters geboren, Psychologe (pädagogische Psychologie)
  • 1880: Max Wertheimer geboren, Psychologe (Gestalttheorie)
  • 1880: Rudolf Saudek geboren, jüdischer Bildhauer
  • 1880: Paul Maas geboren, Altphilologe
  • 1880: Serge Bernstein geboren, Mathematiker (Charkow)
  • 1880: Aaron Abraham Kabak geboren in Smorgon (Polen), hebräischer Erzähler; schrieb "Salomo Molcho" (historischer Roman in drei Bänden), 1928/1929, Kabak war seit 1911 (mit Unterbrechungen) in Palästina; er starb 1944 in Jerusalem
  • 1.1.1880-10.7.1957: Schalom Asch (auch Scholem, Scholom [so unterschrieb er], Schulem, Sholem, Shulem, Shalom, Shulim, Szulim Asch usw.); in Kutnia, Warschauer Gouvernement (= Kutno, Polen), geboren (nach einigen Quellen geboren nicht am 1.1.1880, sondern am 1.11.1880); in London gestorben; bedeutender und erfolgreicher jiddischer Romancier und Dramatiker, Ehrenvorsitzender des jiddischen Pen-Klubs (seit 1932); seine Hauptwerke sind in fast alle Weltsprachen übersetzt; er war eines von zehn Kindern eines jüdischen Schankwirts und Viehhändlers (Moszek Asz, 1825-1905; Mutter: Frajda Malka, geborene Widawska), erhielt eine traditionelle jüdische Erziehung, lernte bis zu seinem 16. Lebensjahr Bibel und Talmud, wurde jedoch bald von der europäischen Kultur und Literatur angezogen, zog zuerst in die Stadt Wloclawek, ging 1899 von dort dann nach Warschau, wo er seine literarische Tätigkeit in Hebräisch und Jiddisch entfaltete; Deutsch hatte er aus der Mendelssohn'schen Bibelübersetzung gelernt; in Warschau konnte er als Schriftsteller debütieren; seine ersten Werke verfasste er in hebräischer Sprache (Novellenband, Warschau 1900); in dieser Zeit war er auch politisch aktiv, die Haskala war ihm dabei sehr wichtig; bei dieser Arbeit lernte er Jitzchok Leib Perez kennen, unter dessen Einfluss schrieb Asch fortan Jiddisch; in Warschau heiratete Schalom Asch Mathilde, eine Tochter des Schriftstellers M. M. Shapiro; mit ihr hatte er einen Sohn: Moses Asch, den späteren Gründer von Folkways Records; 1908 reiste er mit seiner Frau nach Jerusalem (seine Eindrücke legte er in einer Serie historischer Bilder "In Erez Israel" nieder) und bald nach seiner Rückkehr (1909) in die USA, ging aber 1910 abermals zurück nach Russland; den ersten Weltkrieg verbrachte Asch, ausgewandert, zusammen mit seiner Familie in New York; hier wurde er u. a. engagierter Mitarbeiter der bedeutendsten jiddischen Zeitschriften, vor allem beim "Forwerts"; 1920 wurde er amerikanischer Staatsbürger; mit seinen Theaterstücken hatte Asch Erfolg, und auch sein übriges Werk wurde positiv besprochen; 1923 kehrte Asch nach Polen zurück, emigrierte aber 1938 über Frankreich wieder in die USA; 1956 liess er sich in Bat Yam, einem Tel Aviver Vorort, nieder; sein damaliges Wohnhaus ist jetzt seinem Wunsch gemäss als Museum und Gedenkstätte ausgestaltet; Schalom Asch verfasste historische und moderne jüdische Romane, Erzählungen und Dramen, schrieb auch Essays und schilderte u. a. in romantischem Stil die ostjüdische Welt; versuchte mit seinem nicht unumstrittenen Spätwerk – biographischen Romanen über Jesus, den Apostel Paulus und über Maria -, das eine Annäherung an christliche Denkweise erkennen lässt, zur Versöhnung von Christentum und Judentum beizutragen; heftige Angriffe von orthodox-jüdischer Seite und Ablehnung breitester jüdischer Kreise waren die Folge (so konnte er als langjähriger Schreiber für den "Forward" keine Beiträge mehr dort platzieren und wurde durch den "Forward" sogar öffentlich angegriffen - während die nichtjüdische englische Presse Asch's Spätschriften teilweise enthusiastisch aufnahm) und verbitterten ihm seine letzten Lebensjahre (Gerüchte einer angeblichen Zuneigung zum Katholizismus wurden nie bestätigt); mehrfach wurde versucht, bei Asch drei verschiedene Schaffensperioden zu unterscheiden, jedoch sind alle diese Ansätze nicht überzeugend und haben sich nicht durchgesetzt; festzuhalten bleibt, dass Asch, obwohl mit der jüdischen Vergangenheit und Herkunft - speziell mit der jiddischen Tradition des Stetls - eng verbunden geblieben, die jiddische Literatur aus diesen thematisch engen Fesseln befreit und mit dem mainstream europäischer und amerikanischer Kultur verbunden hat und so zum ersten jiddischen Schriftsteller wurde, der internationale Aufmerksamkeit erhielt und der jiddischen Literatur zu grosser Popularität weltweit verholfen hat; im Alter von 77 Jahren starb Schalom Asch am 10. Juli 1957 in London; der Grossteil des Nachlasses seiner Bibliothek, darunter seltene jiddische Bücher, Manuskripte und auch Manuskripte seiner eigenen Werke, wird durch die Universität Yale betreut; Werke / Ausgaben (Auswahl): Novellen, Warschau 1900 (hebräisch); in a schlechte zait (Erzählungen), 1903; Mitn Schtrom (Mit dem Strom), 1903 (sein erstes Drama, wurde noch im selben Jahr in polnischer Übersetzung im Krakauer Stadttheater aufgeführt); Die Stadt (Roman), 1903; Meschiachs Zeiten, 1904 (Theaterstück, aufgeführt in Jiddisch vom berühmten Schauspieler und Theatermogul J. P. Adler in Amerika und in russischer Übersetzung durch den seinerzeitigen Schauspielstar Vera Komisarschewskaja; Versuch der Darstellung des auseinanderbrechenden zeitgenössischen Judentums im Rahmen einer Familiengeschichte); Dos klajne Schtetl, 1905 (gesammelte Skizzen); Der got fun nekome (Der Gott der Rache), 1905 (Drama in drei Akten; behandelt die Nöte eines jüdischen Bordellbesitzers, der seine eigene Tochter von der sie alle umgebenden Unzucht abschirmen will und dafür eine Torarolle stiftet, diese jedoch entweiht, als ihm der "Gott der Rache" seinen Wunsch nicht erfüllt; 1908 von Reinhardt in Berlin in deutscher Übersetzung aufgeführt und dadurch weit bekannt geworden; auch auf jiddischen und russischen Bühnen gespielt, löste es wegen seiner anstössigen Thematik noch 1923 am Broadway einen handfesten Skandal aus, während dessen das gesamte Ensemble wegen "Obszönität" verhaftet wurde); Die Jüngsten, ca. 1906 oder später (Roman, erschienen in Jiddisch in Warschau und New York, in deutscher Übersetzung in Berlin); Bilder aus dem Ghetto, Berlin 1907; In Erez Israel, ca. 1909; Die Familie Grossglück (Komödie in drei Akten), Berlin 1909; Amerika (Erzählung), 1910 (erschienen im in Russland herausgegebenen Fraind); Mori, 1911 (Roman); Der Landsmann, 1911 (dreiaktige Komödie); Das chorban beth hamikdosch, 1912 (Poem); Der Bund der Schwachen (Drama), Berlin 1913; Reb Schloime Nogid, 1913 (Novelle); Erde (Erzählung), Berlin 1913; Der Weg zu sich selbst (Theaterstück), 1917; Motke Ganev (oder Motke Gannew etc.), 1917 (gehört zu den bekanntesten Werken Aschs, viele weitere Ausgaben, z. B. deutsch Mottke der Dieb. Roman, München 1987, Goldmann; in diesem von Gorki beeinflussten Werk gibt Asch ein liebevoll, beinahe idealisierend gezeichnetes Bild der jüdischen Unterwelt, Motke scheitert bei seinem Versuch, eines geliebten Mädchens wegen das Verbrechermilieu hinter sich zu lassen); Sabbatai Zewi. Tragödie in 3 Akten, Berlin 1918; Onkel Moses (Zeit-Roman aus dem amerikanisch-jüdischen Arbeitermilieu), 1918, deutsch: Berlin 1929; englisch 1938; Ein Glaubensmartyrium (Erzählung über das jüdische Leben zur Zeit des Chmielnicki-Aufstandes; Originaltitel: Kiddusch haschem, 1919; englisch: 1926), Berlin 1929; Di muter (Die Mutter, Roman), 1919 (deutsch: Berlin 1930; englisch 1930); Der Psalmenjude (Roman), 1920; Die Zauberin von Kastilien (Erzählung), Berlin 1929 (jiddisches Original 1921); Kleine Geschichten aus der Bibel, Berlin 1923; Das Toidturteil (Roman, 1924, identisch mit dem "Elektrischen Stuhl"?); Joseph. Eine Hirtenlegende in 5 Bildern, Berlin 1925 (ab diesem Zeitpunkt erschienen für viele Jahre die meisten seiner Werke bei Zsolnay); Chaim Lederers Rückkehr, Berlin 1929 (Orig.: Chaim Lederers Tsurikkumen, 1927); Kohlen, 1928 (Drama); Der elektrische Stuhl (in Amerika spielender psychologisierender Mord-Krimi), Berlin 1929: Vor der Sintflut (zusammenfassender Trilogie-Titel für die folgenden drei Romane, 1929-1930; Original: "Farn Mabul", engl.: "Three Cities" [1933]; frz.: "Trois villes"; beschreibt das jüdische Leben der im Titel genannten Städte zu Anfang des 20. Jahrhunderts): 1. Petersburg (Roman), Berlin 1929; 2. Warschau (Roman), Berlin 1929; 3. Moskau (Roman), Berlin 1930; Von den Vätern, Berlin 1931; Die Kinder Abrahams. Novellen aus Amerika, Berlin 1931 (englisch 1942); Rückblick (autobiographische Skizze seines Lebens), 1931, in: Jahrbuch 1931 des Wiener Zsolnay-Verlages; Der Gefangene Gottes (Roman), Berlin 1932; Der Trost des Volkes. Roman, 1934 (weitere Ausgabe z. B. Konstanz 1961, Diana-Verlag); Der Tehillim-Jid, 1934 (engl. Titel: "Salvation", 1951); Kinder in der Fremde (Erzählungen), Amsterdam 1935 (DeLange); Der Krieg geht weiter (Roman), Amsterdam 1936; Bajm Opgrunt ("Am Abgrund"), 1937 (thematisiert die Hyperinflation der Zwanzigerjahre in Deutschland); Three novels, 1938; Gesang des Tales (Roman; Original: Dos gesang fun tol), Amsterdam 1938 (thematisiert das Leben der Chaluzim und reflektiert seinen Palästinabesuch 1936; englische Ausgabe 1939); The Nazarene, 1939 (grosser Roman über Jesus, Original jiddisch, zunächst in englischer Übersetzung erschienen, deutsch "Der Nazarener", 1950; "Jesus der Nazarener", Augsburg 1991, Weltbild-Verlag); What I believe ("An was ich glaube", Essay), New York 1941; The Apostle, 1943 (grosser Roman über Paulus; Original jiddisch, zunächst in englischer Übersetzung erschienen; deutsch 1946: "Der Apostel. Roman", Stockholm, bei Bermann-Fischer); One Destiny, 1945; East River (Roman), Konstanz 1955 (über die Juden Amerikas; Erstausgabe 1946); Der brenendiker dorn, 1946 (in der Hitlerzeit entstandene Erzählungen zur Thematik des Martyriums rund um die Schülerinnen einer jüdischen Schule in Warschau, die eine kollektive Selbsttötung durchführen, um nicht in die Hände der deutschen Truppen zu fallen); Ein Schicksal, ein Brief an die Christen (Essay), 1948; Tales of My People, 1948 (short stories); Mary, 1949 (grosser Roman über Maria, die Mutter Jesu; Original jiddisch, zunächst in englischer Übersetzung erschienen; deutsch 1950; weitere dt. Ausg.: "Maria, Mutter des Erlösers", Augsburg 2004, Weltbild-Verlag); Moses (Roman), New York 1951; A Passage in the Night, 1953 (deutsch 1956: Reise durch die Nacht); The Prophet (Roman), New York 1955 (zunächst nur englisch; zum Thema Deuterojesaja); weitere Werke: Amnon we Tamar (Theaterstück); Jephtas Tochter (Theaterstück); Wenn der Frühling kommet (Theaterstück); Gesamtausgaben und Sammelbände: Gesammelte Werke, 8 Bände, o. J. o. O.; Gesammelte Werke, 12 Bände, 1920, in Amerika anlässlich Asch's 40. Geburtstag herausgegeben durch ein Komitee, dem J. L. Magnes vorsass, mit einer Einleitung versehen von S. Niger; Kleine Geschichten aus der Bibel, aus dem Jiddischen übersetzt und bearbeitet von Dr. phil. Helene Sokolow (2. Aufl. 1924); Gesammelte Werke, 18 Bände, Warschau 1924; Gesammelte Romane, Berlin 1926
  • 5.1.1880–3.4.1961: Leopold Sachse, geb. in Berlin, gest. in Englewood Cliffs/New Jersey, Opern-Dirigent, erst Bassist, hauptsächlich Wagner-Rollen, war Intendant bzw. Direktor in Münster, Halle (Saale) und von 1915 bis 1922 in Hamburg (Staatsoper); emigrierte 1935 in die USA, dort an der Metropolitan Opera in New York
  • 10.1.1880–14.7.1959: "Grock", geb. in Loveresse, Kanton Bern, Schweiz, gest. in Imperia, Ligurien, Italien, berühmter schweizerischer Akrobat, Musikclown und Komponist unzähliger Melodien; er beherrschte 24 Instrumente, spielte virtuos Violine, Klavier und Konzertina, sein eigentlicher Name war Adrien Wettach (Charles Adrien Wettach); riesige Schlappschuhe, riesige Schlabberhose und winzige Instrumente waren seine Markenzeichen ebenso wie sein in allen Tonarten hervorgebrachtes „Waruuuuuum?“, gefolgt von einem „Nit möööööglich!“, ausgestossen in vollster Naivität und bodenlosem Erstaunen; ab 1903 als Dummer August im Schweizer National-Zirkus; 1910 ist Grock der bekannteste Unterhaltungskünstler in Europa, die grössten Zirkusse und Varieté-Bühnen in London, Paris und Berlin reissen sich um seine Auftritte; Abschiedsvorstellung 1954 in Hamburg; von 1897 bis 1899 war der als Sohn eines jüdischen Vaters (Jean Adolphe Wettach) geborene, hochgebildete Dr. Adrien Wettach als Sprach- und Reitlehrer in Ungarn tätig, zeitweise auch als Hauslehrer des späteren ungarischen Ministerpräsidenten Graf Bethlen; 1928 hatte sich Grock an der italienischen Riviera eine prunkvolle Villa bauen lassen, lebte aber Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre oft in Paris; ab 1933 nahm der Clown in Deutschland durch die nationalsozialistische Führungsspitze Verehrung entgegen, zu seinen Fans zählten auch Hitler und Goebbels; in den Dreissigerjahren bewunderte Grock den neuen "Führer", was ihm nach dem Zweiten Weltkrieg harte Kritik eintrug; kurz vor Ausbruch des Krieges nahm Grock Abschied von der Bühne und zog sich in seine Villa in Oneglia zurück; 1944 flüchtete er in die Schweiz und trat dort schon bald wieder auf; 1951 gründete Grock sein erstes Zirkusunternehmen; 1954 Rückzug in seine Villa Bianca in Italien, wo er am 14. Juli 1959 starb; er sprach 6 Sprachen fliessend: Französich (Muttersprache), Englisch, Italienisch, Deutsch, Spanisch und Ungarisch
  • 12.1.1880: Melchior Lengyel geboren in Hireshat Pusta, ungarischer Schriftsteller, bekanntestes Drama: "Taifun" (1909)
  • 18.1.1880-25.9.1933: Paul Ehrenfest, geb. in Wien, gest. in Amsterdam, österreichisch-jüdischer Physiker; Ehrenfest lehrte von 1907 bis 1912 in Sankt Petersburg und von 1912 an als Professor für Theoretische Physik an der Universität Leiden, sein Beitrag zur modernen Physik ist vor allem das nach ihm benannte Ehrenfest-Theorem (1927), ein Satz der Quantentheorie, der eine allgemein gültige Beziehung zur klassischen Physik herstellt; er war ausserdem ein Wegbegleiter und guter Freund von Albert Einstein, den er zusammen mit Niels Bohr mehrfach fotografierte; noch heute oft diskutiert ist das Ehrenfestsche Paradoxon, ein scheinbares Paradoxon der Relativitätstheorie; Ehrenfest, der an Depressionen litt, tötete sich am 25. September 1933 selbst (zuvor erschoss er seinen Sohn Wassik, der mit Down-Syndrom zur Welt gekommen war); seinen Suizid hatte er in einem Brief an seine Freunde und Kollegen Niels Bohr, Albert Einstein, James Franck, Gustav Herglotz, Abram Fjodorowitsch Ioffe, Philip Kohnstamm (1875-1951) und Richard C. Tolman angekündigt, aber dieser Brief wurde nicht verschickt
  • 20.1.1880–21.4.1949: Alexander von Lichtenberg, geb. in Budapest, gest. in Mexico City, Pionier der Urologie, 1910-1918 Prof. an der Universität Strassburg, seit 1922 der Universität Berlin, verfasste rund 100 Abhandlungen; durch Kontrastmitteldarstellung der Nieren über die Blutbahn vereinfachte er die Untersuchung wesentlich; er war Hrsg. des Handbuchs der Urologie (1933)und der Zeitschrift für urologische Chirurgie bis 1936; emigrierte 1936 mit seiner Familie nach Budapest, 1939 schliesslich nach Mexiko
  • 20.1.1880–27.11.1953: Rudolf Bernauer, geb. in Wien, gest. in London, Schauspieler, Chanson-Autor, Operetten-Librettist, Theaterdirektor, Filmregisseur und Drehbuchautor; er schrieb Texte für Berliner Operetten und Lieder (z. B. „Die Männer sind alle Verbrecher ...“, „Untern Linden, untern Linden“, „Es war in Schöneberg im Monat Mai“); er war Direktor des Berliner Theaters, von Komödienhaus und Hebbel-Theater; am Viktoria-Luise-Platz 1 in Berlin-Schöneberg hatte er eine schöne, grosse Wohnung, die im Krieg zerstört wurde; am Neubau des Gebäudes erinnert eine Gedenktafel an ihn und seine Tochter, die Schauspielerin Agnes Bernelle; Rudolf Bernauer inszenierte zwei Filme, schrieb aber Drehbücher und Texte zu weiteren Filmen; 1935 emigrierte er nach London; Drehbuchautor und Textschreiber (Auswahl): The Chocolate Soldier (USA 1915; Operettentext); Bummelstudenten (D 1917); The Garden of Eden / Der Garten Eden (USA 1928); Geld auf der Strasse (Ö 1930); Der Herr Bürovorsteher (D 1931); Under Secret Orders (GB 1937); Vadertje Langbeen (NL 1938; Szenario); Duchácek to zarídí (CZ 1938); Money for Jam (GB 1939); Give me the Stars (GB 1945); als Regisseur: Ausflug ins Leben (1931); Goldblondes Mädchen, ich schenk Dir mein Herz (1932); Schrift: "Die Forderungen der reinen Schauspielkunst", 1920; Autobiographie: Das Theater meines Lebens. Erinnerungen, Berlin 1955
  • 28.1.1880–30.3.1941: Herbert Freundlich (Herbert Max Finlay Freundlich), geb. in Charlottenburg (heute Berlin), gest. in Minneapolis, Minnesota, USA, führender Grundlagenforscher in der Kolloidchemie, seine Mutter Ellen Elizabeth Finlayson war schottische Jüdin, sein Vater Friedrich Philipp Ernst Freundlich leitete in Wiesbaden eine Eisengiesserei, wo Herbert Freundlich auch aufwuchs; sein Bruder Erwin Finlay Freundlich (1885-1964) wurde Astrophyiker und Leiter des Einstein-Instituts in Potsdam; Herbert Freundlich wollte ursprünglich Pianist werden, entschloss sich dann zu einem naturwissenschaftlichen Studium, wurde Ostwald-Schüler in Leipzig, 1911 Prof. an der TH Braunschweig, wo Fritz Haber auf den talentierten Nachwuchswissenschaftler aufmerksam wurde; 1919 stellvertretender Direktor am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem; ab 1923 Honorarprofessor an der Universität Berlin und seit 1925 an der Technischen Hochschule; die Machübernahme der Nationalsozialisten 1933 setzte seiner erfolgreichen Forschungstätigkeit ein Ende; wie Fritz Haber weigerte er sich, seine „nichtarischen“ Mitarbeiter zu entlassen, beide legten ihre Ämter nieder und emigrierten nach England; die Briten und Amerikaner hatten eigens für Wissenschaftler mit Berufsverbot eine Agentur in der Linkstrasse am Potsdamer Platz eingerichtet; Freundlich emigrierte mit seiner gesamten Institutsabteilung nach England; auch die Verschiffung von Ausrüstungsgegenständen, die mit Geldern der Rockefeller-Stiftung angeschafft worden waren, wurde nicht vom Interimsdirektor Otto Hahn gestoppt; die Rockefeller-Stiftung revanchierte sich dafür 1937 mit der Finanzierungsbeteiligung an einem weiteren physikalischen Institut; das Engagement der Ölindustrie in der Kolloidik ist kein Zufall, da die Viskosität von Erdöl, Bitumen, Teer etc. zu den Hauptproblemen bei der Ölförderung gehört; das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physikalische Chemie wurde nach Freundlichs Emigration zum wiederholten Male zu einem militärischen Forschungsinstitut für Giftgasforschung umgewandelt; um den Exodus ihrer besten Forscher zu beenden, schickte die deutsche Industrie den Geheimrat Max Planck zu Hitler vor; die explosive Dummheit seiner Antwort nahm bereits die bald folgenden Vernichtungen vorweg: „Ja, was liegt denn schon daran, wenn Deutschland mal für eine Generation keine führenden Physiker hat. Mir liegen grössere Dinge am Herzen, Herr Geheimrat, mir liegt die deutsche Rassereinheit am Herzen!“ – 1938 nahm Freundlich einen Ruf an die University of Minnesota an; dort starb er schon 1941 als ein entwurzelter und gebrochener Mann; zu seinen Doktoranden zählten Robert Havemann und Friedrich Rogowski
  • 23.2.1880–13.5.1926: Artur Fürst (Arthur Fürst), deutscher technischer Schriftsteller jüdischer Herkunft, er war der bekannteste und meistgelesene Technikschriftsteller der Weimarer Zeit; er stammte aus der westpreussischen Provinz und zog um 1900 nach Berlin, um an der Technischen Hochschule Maschinenbau und Elektrotechnik zu studieren; bald ging er nach Paris und schrieb neben dem Studium für eine deutschsprachige Zeitung; als Journalist statt als praktizierender Ingenieur kehrte er nach Berlin zurück; hier arbeitete er als freier Autor für grosse Berliner Zeitungen; das "Berliner Tageblatt" aus dem Mosse-Verlag wurde sein "Hausblatt"; seine Spezialität waren die Elektrizität und die Technik der Wellen, die den Alltag eroberten; Fürsts Talent, komplexe Zusammenhänge klar, amüsant und für jedermann verständlich darzustellen, sein sachlicher, feuilletonistischer Stil machten ihn populär; Fürst schrieb die erste Biografie über den AEG-Gründer Emil Rathenau, ein Buch über Werner von Siemens sowie über die Funkstelle Nauen und über die Geschichte der Eisenbahn; er illustrierte "Das Reich der Kraft" mit Werken des Berliner Malers Hans Baluschek zur "Poesie der Eisenbahn", verband so auch Technik und Kunst; Fürsts Bücher erfreuten sich in den 1910er- und 1920er-Jahren ausserordentlicher Beliebtheit; berühmt wurde er unter anderem durch das gemeinsam mit Alexander Moszkowski verfasste "Buch der 1000 Wunder", in dem Albert Einstein als "Galileo des 20. Jahrhunderts" gewürdigt wurde; sein umfangreichstes und bekanntestes Werk ist "Das Weltreich der Technik" in vier Bänden (das Standardwerk für eine ganze Generation von Ingenieuren, Technikern und Technikhistorikern); der erste Band, "Telegraphie und Telephonie", erschien 1923 im Ullstein-Verlag, grossformatig, reich illustriert und mit erklärenden bunten Schnittbildern versehen, eine drucktechnische Sensation; 1924 folgte "Verkehr auf dem Lande", 1925 "Der Verkehr auf dem Wasser und in der Luft" und 1927, posthum, "Kraftmaschinen und elektrischer Starkstrom"; Artur Fürst starb im Jahr 1926 im Alter von nur 47 Jahren und konnte daher den vierten Band nicht mehr selbst vollenden; sein Freund Hans Dominik ergänzte das fehlende Kapitel zum Thema Starkstrom; so blieb die ursprünglich von Ullstein geplante mehrbändige Enzyklopädie "Das Weltreich der Technik" Fragment, allerdings ein grossartiges Fragment; Krankheit und Tod nahmen Artur Fürst am 13. Mai 1926 die Feder aus der Hand; Erich Lasswitz schrieb den Nekrolog in den "VDI nachrichten": "Die Techniker haben den besten Verkünder ihrer Taten verloren, die deutsche Literatur bedauert einen ihrer glänzendsten Vertreter auf dem so schwer erschliessbaren Gebiet der Technik. Die Technik selbst weint, um einen ihrer treuesten Gläubigen"; ab 1933 wurde Fürsts literarisches Werk von den Nationalsozialisten aufgrund der jüdischen Herkunft des Autors verboten und geriet dadurch auch in der Nachkriegszeit weitgehend in Vergessenheit; dennoch veröffentlichten einige Verlage in jüngerer Zeit Nachdrucke einiger seiner Werke; seinem Sohn Peter Fürst gelang 1934 die Flucht über die Dominikanische Republik nach Amerika, wo er als Journalist und Autor bekannt wurde; Artur Fürsts Werke: "Die Wunder um uns. Neue Einblicke in die Natur und Technik", 1911; "Die Welt auf Schienen", 1918; "Im Bannkreis von Nauen. Die Eroberung der Erde durch drahtlose Telegraphie", 1922; "Das Weltreich der Technik", 4 Bände, 1923-1927
  • 23.2.1880–17.12.1948: Edgar Istel, geb. in Mainz, gest. in Miami/Fla., Musikschriftsteller und Komponist; Bühnenwerk: "Der fahrende Schüler" (nach Miguel de Cervantes, La cueva de Salamanca), komisch-romantisches Spiel 1 Aufzug (1906 Karlsruhe); Neubearbeitung als "Maienzauber" (1919 Gera); "Des Tribunals Gebot" (frei nach einem Lustspiel von Friedrich Halm), komisch-romantisches Bühnenspiel 2 Akte (1916 Mainz); als "Verbotene Liebe" (1919 Gera); "Wenn Frauen träumen", Operette (1920 Berlin); "Endlich allein" (Edgar Istel) burlesk-romantische Oper 2 Akte (1920 Schwerin)
  • 1.3.1880–11.4.1954: Hans Tietze, geb. in Prag, gest. in New York, bedeutender Kunsthistoriker, 1918-1938 Prof. in Wien, wo er die Museen neu ordnete, ging dann an das Metropolitan Museum in New York; Hauptwerke: Wien, 1918; Die Juden Wiens, 1933; Tizian, 2 Bände, 1936, 1950; Tintoretto, 1948; Die grossen Nationalgalerien, 1954
  • 7.3.1880–27.6.1954: Richard Gans (Richard Martin Gans), geb. in Hamburg, gest. in City Bell/La Plata, Argentinien; Physiker; evangelisch getauft, 1901 summa cum laude Dr. rer. nat. in Strassburg, 1908 Prof. in Tübingen, 1911 in Strassburg; 1913 in Argentinien, wurde dort Direktor des von ihm aufgebauten Physikalischen Instituts der Universität in Rio de la Plata; 1925-1935 Ordinarius für Theoretische Physik in Königsberg, am 27.12.1935 zwangsemeritiert; danach u. a. bei der AEG in Berlin überbrückungsweise beschäftigt, seit 1947 wieder in Argentinien, schrieb über 200 Artikel in Fachzeitschriften; Hauptwerk: Einführung in die Vektoranalysis mit Anwendungen auf die mathematische Physik, 1905
  • 18.3.1880–9.4.1935: Walter Wreszinski, geb. in Meseritz, gest. in Königsberg, Ägyptologe, Prof. in Königsberg, langjähriger Herausgeber der „Orientalischen Literatur-Zeitung“
  • 27.3.1880–3.9.1977: Moritz Goldstein, geb. in Berlin, gest. in New York, deutsch-amerikanischer Schriftsteller (Essays, Novellen) und Publizist, der Mann, der 1912 die "Kunstwart-Debatte" auslöste (dessen dort in einem berühmt gewordenen Aufsatz ["Begriff und Programm einer jüdischen Nationalliteratur"] geäusserte These lautete: "Wir Juden verwalten den geistigen Besitz eines Volkes, das uns die Berechtigung und die Fähigkeit dazu abspricht"; die öffentlich geführte Auseinandersetzung um diese Äusserung offenbarte die Identitätskrisen vieler im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts geborener Juden in Deutschland; sie lehnten die herkömmlichen Identifikationsmuster "Judentum" und "Deutschtum" ab, an deren Stelle sie neue Orientierungs- und Positionierungsmodelle entwarfen); Goldstein trat auch als Gerichtsberichterstatter hervor (Pseudonym "Inquit" ["Er untersucht"], schrieb für die Vossische Zeitung, Berlin, und war neben Paul Schlesinger ["Sling"] und Gabriele Tergit der bekannteste und bedeutendste Gerichtsreporter der Weimarer Republik); 1906 Dr. phil., seit 1915 Mitarbeiter, seit 1918 Feuilletonredakteur der Vossischen Zeitung; 1907-1914 Herausgeber der Goldenen Klassikerbibliothek, 1933-1936 im Exil Direktor des Landschulheims in Florenz, dann in England und (seit 1948) in den USA; Hauptwerke: Deutschjüdischer Parnass, 1912; Schauspiele Die Gabe Gottes, 1919, und Der verlorene Vater, 1927; Novellen Die zerbrochene Erde, 1928 (unter Pseudonym "Michael Osten"); Führers must fall, 1942; Memoiren, 1977 (unter dem Titel "Berliner Jahre")
  • 3.4.1880-4.10.1903: Otto Weininger, geb. in Wien, Selbsttötung in Wien, hochbegabter, frühreifer österreichisch-jüdischer Philosoph; er wurde durch sein Werk „Geschlecht und Charakter“ berühmt sowie durch die Selbsttötung, die der erst Dreiundzwanzigjährige in Beethovens Sterbehaus in Wien verübte; Otto Weininger wurde als Sohn des jüdischen Goldschmieds Leopold Weininger und dessen Frau Adelheid in Wien geboren und entstammte einer ungarisch-jüdischen Familie; er besuchte Volksschule und Gymnasium und war vielseitig begabt, bereits mit 16 Jahren versuchte er sich an einem etymologischen Aufsatz über speziell bei Homer zu findende griechische Redewendungen; im Juli 1898 legte er die Reifeprüfung ab; an der Wiener Universität studierte er Philosophie und Psychologie, hörte aber auch naturwissenschaftliche und medizinische Vorlesungen; mit 18 beherrschte er Griechisch, Latein, Französisch, Englisch, später auch Spanisch und Italienisch; passive Kenntnis der Sprachen Strindbergs und Ibsens (Schwedisch, Norwegisch) kamen hinzu; er wurde von den Ideen Kants beeinflusst und besuchte Sitzungen der Philosophischen Gesellschaft, wo er unter anderen den Wagner-Schwiegersohn und radikalen Antisemiten Houston Stewart Chamberlain hörte; trotz oder vielleicht gerade wegen seiner Talente fügte sich Weininger nur schwer ein und galt als Aussenseiter und Querdenker; im Frühsommer 1901 hinterlegte Weininger zur Wahrung der Priorität seiner Ideen ein Manuskript in der Akademie der Wissenschaften in Wien, „Eros und Psyche. Eine biologisch-psychologische Studie“, die Erstfassung seiner späteren Dissertation; 1902 legte Weininger das erweiterte Manuskript den Professoren Jodl und Müllner an der Wiener Universität vor, das als Dissertation angenommen wurde; am 21. Juli 1902 legte Weininger seine Promotionsprüfung ab, er war nun Doktor der Philosophie; kurz nach der Promotion trat er voll Stolz und Enthusiasmus zum Protestantismus über und brach damit sowohl mit der eigenen jüdischen Herkunft in Wien als auch mit seiner katholischen Heimatstadt, verleugnete auch seine Zugehörigkeit zur Wiener Kultur; im Sommer 1902 reiste Weininger nach Bayreuth, wo er tief beeindruckt Richard Wagners Parsifal hörte; über Dresden und Kopenhagen setzte er seine Reise nach Christiana (Oslo) fort und sah zum ersten Mal auf einer Bühne Ibsens Erlösungsdrama „Peer Gynt“; Weininger schrieb dann eine lange Abhandlung zu Ibsens 75. Geburtstag, dessen Leitmotiv beschäftigte ihn zutiefst: „Wer sein Leben will behalten, der wird es verlieren, und wer sein Leben verliert um meinet- und des Evangelii willen, der wird es behalten“ (nach Markus 8,34-36); im Herbst machte er sich auf die Suche nach einem Verleger für seine Dissertation, doch Friedrich Jodl, sein Doktorvater, wollte „Eros und Psyche“ keinem Verlag empfehlen, so lange bestimmte „gedankliche und sprachliche Exzesse“ nicht korrigiert wurden; Weininger war aber zu stolz und ungeduldig, um den Ratschlägen zu folgen; er legte Sigmund Freud sein Manuskript vor, in der Hoffnung, durch dessen Empfehlung im Verlag Franz Deuticke gedruckt zu werden; Freud berichtete später, dass Weininger auf ihn einen grossen Eindruck gemacht habe (erinnerte sich an ein „ernsthaftes, schönes Gesicht, auf dem ein Hauch von Genialität schwebte“), dass er aber Weiningers Manuskript streng kritisiert habe, eine Kritik, die angesichts der späteren Buchfassung noch schärfer zu formulieren gewesen wäre; Weininger verfiel in tiefe Depressionen, ein unheilvoller Doppelgänger, den Weininger „das Ensemble aller bösen Eigenschaften des Ich“ nannte, beunruhigte ihn zutiefst; in ihm reifte ein erster Entschluss zum Tod, doch nach einem langen nächtlichen Gespräch mit seinem Freund Artur Gerber befand er die Zeit als „noch nicht reif“; Artur Gerber erinnerte sich später: „Sein Äusseres war befremdend. Die hagere Gestalt mutete steif an, entbehrte aller Biegsamkeit und Grazie. Die Bewegungen, oft nur linkisch, unbeholfen, waren meist jäh und unvermittelt“; Stefan Zweig beschrieb seine Begegnung mit Weininger als „Vorbeigehen an einem unauffälligen Menschen“: „Er sah immer aus wie nach einer dreissigstündigen Eisenbahnfahrt, schmutzig, ermüdet, zerknittert, ging schief und verlegen herum, sich gleichsam an eine unsichtbare Wand drückend, und der Mund unter dem dünnen Schnurrbärtchen quälte sich irgendwie schief herab. Seine Augen (erzählten mir später die Freunde) sollen schön gewesen sein: ich habe sie nie gesehen, denn er blickte immer an einem vorbei (auch als ich ihn sprach, fühlte ich sie keine Sekunde lang mir zugewandt): all dies verstand ich erst später aus dem gereizten Minderwertigkeitsempfinden, dem russischen Verbrechergefühl des Selbstgepeinigten“ (Berliner Tagblatt, 3.10.1926); nach Monaten konzentrierter Arbeit erschien im Juni 1903 „Geschlecht und Charakter – eine prinzipielle Untersuchung“, die das „Verhältnis der Geschlechter“ in ein „neues Licht“ zu rücken wünschte, im Wiener Verlagshaus Braumüller & Co.; es war der Text von Weiningers Doktorarbeit, noch um drei entscheidende Kapitel erweitert, in denen Weininger seine Tendenzen zum Antisemitismus, zur Misogynie und zur unbeherrschten Metaphysik ungebremst entfaltete: „Das Wesen des Weibes und sein Sinn im Universum“, „Das Judentum“, „Das Weib und die Menschheit“; auf 600 Seiten breitete Weininger die Summe seines Lebens aus, es war das Konstrukt eines Frauenhasses, dem auch das Judentum zum Opfer fiel, da es ihm „durchtränkt scheint von Weiblichkeit“; in beiden, in Frauen und Juden, erblickte Weininger eine Bedrohung: Sexualität, Schuld, nur Körper und Materie, bar jedes Geistes, jeder Seele oder jeder Sittlichkeit, beides bedrängte und quälte ihn in seinem Innersten; Erlösung versprach nur ein Genius, der Innbegriff des Männlichen, dessen höchste Form sah Weininger im Religionsstifter; das Buch wurde nicht ablehnend aufgenommen, doch die erwartete Sensation blieb aus; der Leipziger Professor Paul Julius Möbius, Autor des Buches „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“, griff Weininger unter dem Vorwurf des Plagiats an; Weininger reiste enttäuscht und voll quälender Zweifel nach Italien; Aphorismen über das Böse in ihm und über sein heimliches Verbrechertum häuften sich in dieser Zeit, sein Bedürfnis nach „Strafe und Sühne“ wurde stärker; „Der anständige Mensch geht selbst in den Tod, wenn er fühlt, dass er endgültig böse wird … “ , heisst es in den Aphorismen aus dem Nachlass; nach seiner Rückkehr verbrachte Weininger die letzten fünf Tage bis zum 3. Oktober bei seinen Eltern; er händigte seinem Vater noch das abgewetzte Lederfutteral seiner Brille aus und mietete sich dann ein Zimmer in Beethovens Sterbehaus in der Schwarzspanierstrasse 15; dorthin begab er sich am Abend des 3. Oktober; in dieser Nacht schrieb er zwei Briefe, einen an seinen Vater, den anderen an seinen Bruder Richard; am Morgen des 4. Oktober wurde er sterbend in seinem Zimmer aufgefunden, er hatte sich eine Kugel ins Herz geschossen; er starb um halb elf Uhr vormittags im Wiener Allgemeinen Krankenhaus in der Alser Strasse; „in dem Gesichte des Toten war kein Zug von Güte, kein Schimmer von Heiligkeit und Liebe zu sehen. Auch Schmerz nicht; nur ein Ausdruck, der dem Gesichte des Lebenden vollkommen gefehlt hatte: Etwas Furchtbares, etwas Entsetzenerregendes, das, was ihm die Todeswaffe in die Hand gedrückt hatte: Der Gedanke an das Böse“ (Artur Gerber, „Ecce Homo“, 1922); Otto Weininger wurde auf dem evangelischen Friedhof von Matzleinsdorf begraben, wo noch heute sein Grab mit der von seinem Vater verfassten Inschrift zu sehen ist: „Dieser Stein schliesst die Ruhestätte eines Jünglings, dessen Geist hiernieden nimmer Ruhe fand. Und als er die Offenbarungen desselben und die seiner Seele kundgegeben hatte, litt es ihn nicht mehr unter den Lebenden. Er suchte den Todesbezirk eines Allergrössten im Wiener Schwarzspanierhause und vernichtete dort seine Leiblichkeit“; -- „Geschlecht und Charakter“ zählt zu den klassischen Dokumenten der Wiener Moderne, das Werk tritt, ähnlich wie Chamberlains „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“, mit einem universalen Deutungsanspruch auf, im Mittelpunkt steht die Geschlechterproblematik; in seinem Hauptwerk offenbarte Weininger eine, trotz seiner jüdischen Abstammung, scharf ablehnende Haltung alles Jüdischen und erwies sich zugleich als Verfechter einer frauen- und körperfeindlichen Geisteshaltung; die Werte höheren Lebens seien der Frau ebenso unzugänglich wie die Welt der Ideen; je weiblicher das Weib, desto mehr verkörpere es eine rein geistlose Geilheit; erst durch den Mann empfange die Frau ein Leben aus zweiter Hand; Weininger predigt auch einen wütenden Antisemitismus: „Der Jude“, behauptet er, sei auf Grund seines „weiblichen“ Wesenskerns „stets lüstern und geil“; „der geborene Kommunist“; von Natur aus „ein Kuppler“ und nicht eigentlich fromm, denn „er kann gar nicht glauben“; dennoch dämmere eine kleine Hoffnung; die jüdische Nicht-Existenz wäre „Zustand vor dem Sein“ und daher müssten „die Juden gegen sich kämpfen, innerlich das Judentum in sich besiegen“, um Menschen, also Männer, zu werden; auch Christus „war ein Jude, aber nur, um das Judentum in sich am vollständigsten zu überwinden“; daher „ist er der grösste Mensch“, der seine „besondere Erbsünde“ – nämlich Jude zu sein – durch die „vollkommene Negation“ seines Wesens besiegt hätte; das Judentum schien Weininger durchtränkt von Weiblichkeit; daraus leitete er die Gleichung ab, dass „der Jude ein Weib“ sei; da beide, Frauen und Juden, nur Sexualität, nur Körper und Materie seien, bar jeden Geistes, jeder Seele und jeder Sittlichkeit und unfähig zur sexuellen Askese, stellten sie eine Bedrohung dar; die Gesellschaft müsse laut Weininger die weiblichen Elemente überwinden und sich an „M“ orientieren; er fordert eine neue Menschheit, die auf einer neuen Männlichkeit aufgebaut sein soll; eine Übereinstimmung von Männlichkeit und Gesellschaftsordnung wird postuliert; trotz jüdischer Abstammung und umfassender geistes- und naturwissenschaftlicher Bildung mit Vorurteilen behaftet, antisemitisch eingestellt und Verfechter einer frauen- und körperfeindlichen Geisteshaltung, sprach Weininger Frauen und Juden damit de facto die Menschlichkeit ab und befürwortete die totale sexuelle Enthaltsamkeit der Männer und dadurch implizit die Ausrottung der Juden, letzteres wie sein ebenfalls jüdischer Schriftstellerkollege Arthur Trebitsch; Weininger versuchte sich an der Definition des Männlichen und Weiblichen, und zwar vor dem Hintergrund der Annahme, dass in allen lebenden Dingen ein Anteil von beiden zu finden sei; er platzierte das Männliche an einem Ende der Skala; in der Vorstellung von Weib und Trieb einerseits und Mann und Geist andererseits ordnete er der Frau eine seelische und sittliche Minderwertigkeit zu, die Frau sei zu keiner geistigen Orientierung und schöpferischen Produktivität fähig; er wies auch verschiedensten Bewegungen und Konzepten männliche bzw. weibliche Züge zu; so war für ihn das Judentum stark weiblich dominiert, während das Christentum eher männliche Züge hatte (was hätte wohl Nietzsche davon gehalten?); die Ausführungen Weiningers zum Judentum bilden innerhalb der Geschichte des modernen Antisemitismus eine der literarisch wirkungsvollsten Versionen judenfeindlicher Ideologie; in seiner Beschreibung „des Juden“ wählt er Kategorien äusserster Negativität; Stereotype, aus der antisemitischen Propaganda übernommene oder zumindest mit ihnen gleich lautende Urteile werden herangezogen, um „das Judentum“ gegenüber „dem Christentum“ zu kennzeichnen; dabei appelliert Weininger durch seine Formulierungen häufig an antisemitische Ressentiments; so gehöre das Judentum zu den wichtigsten Störfaktoren der gesellschaftlichen Ordnung, das Christentum stelle demgegenüber die „absolute Negation“ des Judentums dar; obwohl es im Wien des Fin de Siècle immer wieder Juden gab, die sich von ihrer Religion abwandten, enthielt „Geschlecht und Charakter“ doch besonders starke, auch durch den Vater mitbeeinflusste antisemitische Tendenzen (Zitate folgen unten); - manche Ideen wurden von Karl Kraus und August Strindberg aufgegriffen und beeinflussten massgeblich das Werk von Canetti, Musil, Trakl und Ludwig Wittgenstein; Weininger ist der Erste, der die androgyne Natur des Menschen erkennt und untersucht und der Erste, der eine Theorie der körperlichen und seelischen Bisexualität ausarbeitet; die ursprüngliche Anlage des Menschen sei zweigeschlechtlich, erst das Überwiegen des männlichen oder weiblichen Elements konstituiere das, was man Mann oder Frau nennt, prozentuale Anteile der konträren Geschlechtlichkeit erhielten sich aber auch bei Erwachsenen zu verschiedenen Graden, und aus den Ergänzungsverhältnissen ergäben sich die Gesetze der sexuellen Anziehung; jedes Individuum versuche dabei, seinen unvollständigen Prozentsatz von „M“ oder „W“ zu vervollständigen, in idealtypischer Abstraktion hiesse das, dass immer ein ganzer Mann (M) und ein ganzes Weib (W) zueinander streben bzw. ihr sexuelles Komplement suchen; besteht ein Individuum also aus ¾ M und ¼ W, so wird es von einem Partner angezogen, der sich aus ¾ W und ¼ M zusammensetzt; statt die Möglichkeit der Freiheit von Geschlechterrollen und ihren Zwängen wahrzunehmen, fordert Weininger aber dessen „Überwindung“; wie der Mann seine W-Anteile ausmerzen muss, so gilt dasselbe auch für die Frau, der Grad ihrer Emanzipation hängt ab vom Grad ihrer „M-Werdung“; „Geschlecht und Charakter“ erreicht seinen Gipfel in den Formeln: „Das Weib besitzt kein Ich, das Weib ist das Nichts“; in Weiningers letzten Tagebuchaufzeichnungen heisst es: „Der Hass gegen die Frau ist nichts anderes als der Hass gegen die eigene, noch nicht überwundene Sexualität“; unter dem Zwang seines Systems steigern sich Weiningers Schuldgefühle bis zur Ausweglosigkeit; zur kritischen Beurteilung Weiningers muss man die dunklen, teils wahnhaften Tendenzen in den erhaltenen Manuskripten heranziehen; so waren seine grundlegenden Erkenntnisse über ein Zusammenspiel von männlichen und weiblichen Elementen in allen Wesen sowie manche andere Ansätze ebenso richtig und revolutionär, wie seine Schlussfolgerungen über die Art des Zusammenspiels schrecklich falsch waren; durch die zusätzlich stark antisemitische Tendenz wurde er von der akademischen Diskussion weitgehend unbeachtet gelassen, obwohl sich manche seiner Ansätze eindeutig in Werken anderer Philosophen und Psychologen wiederfinden; drei Jahre nach Weiningers Tod wurde Sigmund Freud in einen Urheberrechtsstreit verwickelt; sein Freund Wilhelm Fliess, Hals-Nasen-Ohren-Arzt zu Berlin, beschuldigte ihn, über seinen Patienten Hermann Swoboda, der auch Weiningers Freund war, das Fliess’sche Konzept der „unbedingten Bisexualität aller Lebewesen (das auch den zentralen Ausgangspunkt in Weiningers Analyse der Geschlechter darstellt) ausgeplaudert zu haben; dies traf zu, die Idee stammte ursprünglich von Fliess, wurde aber von Weininger ausgeschlachtet; Freud stritt erst ab, gab dann aber später kleinlaut das Gegenteil zu; zuvor hatte es aber einen heftigen öffentlichen Schlagabtausch zwischen Swoboda und Freud auf der einen, Fliess und Richard Pfennig auf der anderen Seite gegeben; der Konflikt entzweite die Freunde und hinterliess bei allen Beteiligten einen bitteren Nachgeschmack; nach seiner spektakulären Selbsttötung gelangte Otto Weininger schnell zu – allerdings umstrittenem – Ruhm, für geistesgestört hielt ihn die psychiatrische Fachwelt, für dubios die philosophische und für genial die literarische Welt (oder zumindest Teile davon); Weiningers Ruf verbreitete sich durch ganz Europa, „Geschlecht und Charakter“ wurde zum Kultbuch, der Autor zur Legende; Weiningers Anhängerschaft bejahte euphorisch seine Genietheorie, seine Thesen waren in aller Munde, sein Antifeminismus wurde zur modernen Charakterologie der „neuen Frau“ verklärt, er beeinflusste eine ganze Generation in ihrer misogynen Grundstimmung; der Autor von „Geschlecht und Charakter“ wurde zum Inbegriff des Weiberfeindes, Judenhassers und Keuschheitsapostels; während es neun Jahre dauerte, bis die 600 Exemplare der ersten Auflage von Sigmund Freuds „Traumdeutung“ (erschienen 1900) verkauft waren, lag „Geschlecht und Charakter“ 1909 bereits in der elften Auflage vor, bis 1932 sollten achtundzwanzig weitere folgen; der Braumüller-Verlag druckte eigene Werbeprospekte mit zahlreichen Huldigungen, darunter die von Karl Kraus, der an der Spitze der Weininger-Anhängerschaft stand; Kraus widmete Weininger auch einen Nachruf, in dem er schrieb: „Dieser Selbstmord war in einem Anfall von geistiger Klarheit begangen … Weininger hatte Gründe, metaphysische und religiöse, im Beginn einer grossen Laufbahn das Leben wegzuwerfen …“; Strindberg ehrte Weiningers Gedächtnis „als das eines tapferen männlichen Kämpfers“ und verfasste ebenfalls einen Nachruf, den Karl Kraus in der „Fackel“ abdruckte: „Unabhängig von Ansichten ist wohl das Faktum, dass das Weib ein rudimentärer Mann ist .. es war dieses bekannte Geheimnis, das Otto Weininger auszusprechen wagte; es war diese Entdeckung des Wesens und der Natur des Weibes, die er in seinem männlichen Buche mitteilte, und die ihm das Leben kostete …“; die Liste illustrer Verehrer und Bewunderer ist lang; der Schriftsteller Arthur Trebitsch war einer der konsequentesten Weininger-Epigonen, es gelang ihm sogar, seine jüdische Abstammung beinahe vollkommen zu verheimlichen; er war stolz auf sein „arisches“ Erscheinungsbild und biederte sich bei Erich Ludendorff und Ernst von Salomon an, mit denen er die Welt vor der „semitischen Gefahr“ retten wollte; für den Maler und Zeichner Alfred Kubin war Weininger „der grösste Mensch dieses Jahrhunderts“, wie er einem Freund brieflich anvertraute; viele der frühen Zeichnungen Kubins wirken wie Illustrationen zu Weiningers Werk: wollüstige, riesige, spinnenverwandte Frauenkörper, in denen Männer unter- und an denen Männer zugrunde gehen; Kubins Zeichnung „Selbstmord“ zeigt geradezu eine Seelenverwandtschaft zu Weiningers Freitod; bedeutende Denker jener Tage, Georg Simmel, Henri Bergson, Fritz Mauthner, Ernst Mach und Alois Höfler setzten sich in Kollegs und Gegenschriften mit Weiningers Gedanken auseinander; Sigmund Freud erwähnte Weininger in einer Fussnote der „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben“ aus dem Jahr 1909: „Der Kastrationskomplex ist die tiefste unbewusste Wurzel des Antisemitismus, denn schon in der Kinderstube hört der Knabe, dass dem Juden etwas am Penis – er meint, ein Stück des Penis – abgeschnitten wurde, und dies gibt ihm das Recht, den Juden zu verachten. Auch die Überhebung gegen das Weib hat keine stärkere unbewusste Wurzel. Weininger, jener hochbegabte und sexuell gestörte junge Philosoph, der nach seinem merkwürdigen Buche „Geschlecht und Charakter“ sein Leben durch Selbstmord beendigte, hat in einem vielbemerkten Kapitel den Juden und das Weib mit der gleichen Feindschaft und mit den nämlichen Schmähungen überhäuft. Weininger stand als Neurotiker völlig unter der Herrschaft infantiler Komplexe: die Beziehung zum Kastrationskomplex ist das dem Juden und dem Weibe dort Gemeinsame“; auch an der Musik gingen Weininger und seine Theorien nicht spurlos vorüber: Franz Schreker hat sich intensiv mit Weininger auseinandergesetzt; Alexander Zemlinskys Oper „Der Zwerg“ (1922) ist von Weininger beeinflusst, das Libretto dazu schrieb Georg Klaren, der auch 1924 eine Monografie über Weininger herausbrachte; „Geschlecht und Charakter“ beeindruckte auch Arnold Schönberg und Alban Berg, dessen „Herz es pochen liess“ und der zahlreiche Passagen in eine Zitatensammlung aufnahm, die später in seine Oper „Lulu“ Eingang fanden; Theodor Lessing kritisierte 1930 in seinem Buch „Der jüdische Selbsthass“ in einer Fallstudie über Weininger dessen „wildbewegtes“ Buch und dessen Lehre, „welche doch nichts ist als ein tolles Naturspiel von krankhafter Verstiegenheit und von brutaler Willkür. Ich meine die krüde und rüde Lehre vom Judentum“, sie sei der Schlüssel zu dem ungeheuren Schicksal eines tragischen Selbsthasses, schreibt Lessing und bezeichnet Weininger als „jüdischen Ödipus und herakliteische Natur in einem“; Ernst Bloch nannte Weiningers Buch „eine einzige Anti-Utopie des Weibes“, der Schriftsteller Karl Bleibtreu meinte, Weiningers Tod sei im Grunde eine „höhnische Absage an unser Zeitalter“ gewesen; der Philosoph Ludwig Wittgenstein, der Weininger als Jüngling das letzte Geleit am Matzleinsdorfer Friedhof gegeben hatte, bewahrte für Weininger ein Leben lang positive Gefühle; Oswald Spengler nennt Weininger „einen Heiligen des Judentums“, „dessen Tod in einem magisch durchlebten Seelenkampf zwischen Gut und Böse einer der erhabensten Augenblicke später Religiosität ist“; Weininger sah seine Zeit nicht nur als „die jüdischste sondern auch die weibischste aller Zeiten“, er nannte sie „die Zeit des leichtgläubigen Anarchismus, die Zeit ohne Sinn für Staat und Recht“, allein damit sicherte er sich einen unumstrittenen Platz im Vorfeld des Faschismus; dennoch beendete der Nationalsozialismus den Siegeszug des Buches, es wurde verboten, da sein Autor Jude war; Adolf Hitler erzählte eines Abends in den langen Monologen im Führerhauptquartier Wolfsschanze, sein Münchner Freund Dietrich Eckart habe ihm versichert, es gebe nur „einen anständigen Juden … den Otto Weininger, der sich das Leben genommen hat, als er erkannte, dass der Jude von der Zersetzung anderen Volkstums lebt“; auch Mussolini gab an, von Weininger viel gelernt zu haben; Weininger diente im faschistischen Italien als Instrument zur Abwehr der „jüdisch-entarteten Psychoanalyse“ (u. a. Vorlesungen an der faschistischen Universität von Bologna); danach geriet Weininger in Vergessenheit, ist heute eigentlich nur noch ein Kuriosum; 1983 kam mit „Weiningers Nacht“ (im Original: „The Soul of a Jew“) ein international erfolgreiches Theaterstück des israelischen Dramatikers Joshua Sobol zur Uraufführung, das vielfach ausgezeichnet und 1989 auch verfilmt wurde; Jacques Le Rider veröffentlichte 1985 mit „Der Fall Weininger“ die bis dahin umfassendste Biographie Weiningers; nun soll Weininger in Zitaten noch selbst zu Wort kommen, zitiert ist aus „Geschlecht und Charakter“, vierte unveränderte Auflage, Verlag Wilhelm Braumüller, Wien und Leipzig, 1905: „Die sogenannten „Frauenkenner“, d. h. solche, die nichts mehr sind als nur „Frauenkenner“, sind darum alle zum guten Teile selbst Weiber“ (S. 68/69) – „Alle wirklich nach Emanzipation strebenden, alle mit einem gewissen Recht berühmten und geistig irgendwie hervorragenden Frauen weisen stets zahlreiche männliche Züge auf, und es sind an ihnen dem schärferen Blicke auch immer anatomisch-männliche Charaktere, ein körperlich dem Manne angenähertes Aussehen, erkennbar“ (S. 80/81) – „Chopin, den man sogar als den einzigen weiblichen Musiker bezeichnen könnte – so weibisch ist er“ (S. 82) – „Der Zustand der sexuellen Erregtheit bedeutet für die Frau nur die höchste Steigerung ihres Gesamtdaseins. Dieses ist immer und durchaus sexuell. W geht im Geschlechtsleben, in der Sphäre der Begattung und Fortpflanzung, d. i. im Verhältnisse zum Manne und zum Kinde, vollständig auf, sie wird von diesen Dingen in ihrer Existenz vollkommen ausgefüllt, während M nicht nur sexuell ist“ (S. 112) – „W befasst sich … mit aussergeschlechtlichen Dingen nur für den Mann, den sie liebt, oder um des Mannes willen, von dem sie geliebt sein möchte. Ein Interesse für diese Dinge a n s i c h fehlt ihr vollständig“ (S. 112/113) – „Dem entsprechend sind es ausschliesslich weiblichere Männer, die in einem fort hinter den Frauenzimmern her sind und an nichts Interesse finden als an Liebschaften und an geschlechtlichem Verkehre“ (S. 113) – „W ist nichts als Sexualität. M ist sexuell und noch etwas darüber“ (S. 113) – „Die Frau ist nur sexuell, der Mann ist auch sexuell“ (S. 114) – „Beim Weibe ist die Sexualität diffus ausgebreitet über den ganzen Körper, jede Berührung, an welcher Stelle immer, erregt sie sexuell“ (S. 115) – „Das Weib ist fortwährend, der Mann nur intermittierend sexuell“ (S. 115) – „Der Begattungstrieb ist für M sozusagen ein pausierendes Jucken, für W ein unaufhörlicher Kitzel“ (S. 115) – „Grob ausgedrückt: der Mann hat den Penis, aber die Vagina hat die Frau“ (S. 116) – „Bei W sind Denken und Fühlen eins, ungeschieden, für M sind sie auseinanderzuhalten“ (S 128) – „M lebt bewusst, W lebt unbewusst“ (S. 130) – „Die Frauen haben, wenn auch der äussere Schein für das Gegenteil sprechen mag, in Wahrheit gar keinen Sinn für das Genie, ihnen gilt jede Extravaganz der Natur, die einen Mann aus Reih und Glied der anderen sichtbar hervortreten lässt, zur Befriedigung ihres sexuellen Ehrgeizes gleich“ (S. 132) – „kein männliches Wesen ist ganz ungenial“ (S. 147) – „Die absolute Bedeutungslosigkeit der Frauen in der Musikgeschichte“ (S. 151) – „ … Darum ist auch die Baukunst eine durchaus männliche Sache, der weibliche Baumeister eine fast nur Mitleid weckende Vorstellung“ (S. 151) – „Frauen geht jegliches Unsterblichkeitsbedürfnis völlig ab“ (S. 166) – „Von Baco bis Fritz Mauthner sind alle Flachköpfe Sprachkritiker gewesen“ (S. 176) – „Es ist also richtig, dass das Weib keine Logik besitzt“ (S. 191) – „Das Weib also ist amoralisch“ (S. 194) – „ … es gehört zwar nicht eben viel dazu, der grösste englische Philosoph zu sein, aber Hume hat auch auf diese Bezeichnung nicht den ersten Anspruch“ (S. 197) – „die Geburt der Kantischen Ethik, des heroischesten Aktes der Weltgeschichte“ (S. 209) – „ … ein Mensch hat immer so viel Arroganz, als ihm Selbstbewusstsein fehlt“ (S. 218) – „Das Denken des Weibes ist ein Gleiten und ein Huschen zwischen den Dingen hindurch, ein Nippen von ihren obersten Flächen, denen der Mann, der „in der Wesen Tiefe trachtet“, oft gar keine Beachtung schenkt, es ist ein Kosten und ein Naschen, ein Tasten, kein Ergreifen des Richtigen. Darum, weil das Denken des Weibes vornehmlich eine Art Schmecken ist, bleibt auch Geschmack, im weitesten Sinne, die vornehmste weibliche Eigenschaft, das Höchste, was eine Frau selbständig erreichen, und worin sie es bis zu einer gewissen Vollendung bringen kann. Geschmack erfordert eine Beschränkung des Interesses auf Oberflächen …“ (S. 244/245) – „Kein Weib hat wirkliches Interesse für die Wissenschaft“ (S. 250) – „ … die Phantasie des Weibes ist Irrtum und Lüge, die Phantasie des Mannes hingegen, als Künstlers oder Philosophen, erst höhere Wahrheit“ (S. 251) – „eine Frau konversiert (kokettiert) oder schnattert, aber sie redet nicht. Am gefährlichsten aber ist sie, wenn sie stumm ist: denn der Mann ist nur allzu geneigt, Stummheit für Schweigen zu nehmen“ (S. 252) – „die tiefe Verlogenheit des Weibes“ (S. 252) – „ … alles weibliche Mitleid äussert sich in körperlicher Annäherung an das bemitleidete Wesen, es ist tierische Zärtlichkeit, es muss streicheln und trösten“ (S. 256) – „Frauen haben … keine Würde – die Dame wurde ja nur erfunden, um diesen Mangel auszufüllen“ (S. 260) – „So ist denn ein ganz umfassender Nachweis geführt, dass W seelenlos ist, dass es kein Ich und keine Individualität, keine Persönlichkeit und keine Freiheit, keinen Charakter und keinen Willen hat“ (S. 269) – „Es gibt kein Rechtsinstitut weiblichen Ursprungs, alles Recht rührt vom Manne, und nur viele Sitten vom Weibe her“ (S. 290) – „Die Mutterliebe kann sittlich nicht hochgeschätzt werden“ (S. 295) – „Die Hetäre steht in gewisser Beziehung über der Mutter“ (S. 297) – „Die geistig höchstentwickelten Frauen, alles, was dem Manne irgendwie Muse wird, gehört in die Kategorie der Prostituierten“ (S. 297) – „Bedeutende Menschen haben stets nur Prostituierte geliebt“ (S. 298) – „Das Ergänzungsverhalten zum Pöbel ist geradezu konstitutiv für den Politiker. Er kann überhaupt nur Pöbel brauchen“ (S. 302) – „Liebe und Begehren sind zwei so verschiedene, einander so völlig ausschliessende, ja entgegengesetzte Zustände, dass in den Momenten, wo ein Mensch wirklich liebt, ihm der Gedanke der körperlichen Vereinigung mit dem geliebten Wesen ein völlig undenkbarer ist … Der lügt oder hat nie gewusst, was Liebe ist, der behauptet, eine Frau noch zu lieben, die er begehrt: so verschieden sind Liebe und Geschlechtstrieb“ (S. 319) – „Es gibt nur „platonische“ Liebe. Denn was sonst noch Liebe genannt wird, gehört in das Reich der Säue. Es gibt nur eine Liebe: es ist die Liebe zur Beatrice, die Anbetung der Madonna“ (S. 319/320) – „In aller Liebe liebt der Mann nur sich selbst“ (S. 324) – „Liebe ist Mord. Der Geschlechtstrieb negiert das körperliche und das psychische, die Erotik noch immer das psychische Weib. Die ganz gemeine Sexualität sieht im Weibe einen Apparat zum Onanieren oder eine Kindergebärerin; man kann gegen das Weib nicht niedriger sein, als wenn man ihm seine Unfruchtbarkeit vorhält, und ein erbärmlicheres Zeugnis kann einem Gesetzbuch nicht ausgestellt werden, als wenn es die Sterilität eines Weibes als legalen Grund der Ehescheidung anführt“ (S. 334) – „Das Weib ist unfrei: es wird schliesslich immer bezwungen durch das Bedürfnis, vom Manne, in eigener Person wie in der aller anderen, vergewaltigt zu werden; es steht unter dem Banne des Phallus und verfällt unrettbar seinem Verhängnis“ (S. 377) – „Frauen haben keine Existenz und keine Essenz, sie sind nicht, sie sind nichts. Man i s t Mann oder man i s t Weib, je nachdem ob man wer i s t oder nicht“ (S. 388) – „Das Weib ist verlogen“ (S. 389) – „einen wahrhaft bedeutenden Menschen, der im Koitus mehr sähe als einen tierischen, schweinischen, ekelhaften Akt, oder gar in ihm das tiefste, heiligste Mysterium vergötterte, wird es, kann es niemals geben“ (S. 390) – „ … ob die Frauen überhaupt noch Menschen seien? Ob sie … nicht eigentlich unter die Tiere oder die Pflanzen gerechnet werden müssten?“ (S. 393) – „das Bedürfnis der Frau ist vielmehr, nur als Körper begehrt, und nur als fremdes Eigentum besessen zu werden“ (S. 396/397) – „Das Weib hat keine Möglichkeit einer Entwicklung, ausser durch den Mann“ (S. 400) – „Der höchste Augenblick im Leben des Weibes, der, in dem sein Ursein, die Urlust, sich offenbart, ist jener Moment, wo der männliche Same in es fliesst. Da umarmt es den Mann stürmisch und presst ihn an sich: es ist die höchste Lust der Passivität, stärker noch als das Glücksgefühl der Hypnotisierten“ (S. 402) – „ … das Weib sündigt nicht, denn es ist selbst die Sünde, als Möglichkeit im Manne. Der reine Mann ist das Ebenbild Gottes, des absoluten Etwas, das Weib, auch das Weib im Manne, ist das Symbol des Nichts: das ist die Bedeutung des Weibes im Universum, und so ergänzen und bedingen sich Mann und Weib“ (S. 403) – „ … das höchststehende Weib steht noch unendlich tief unter dem tiefststehenden Manne“ (S. 410) – „ … die bisherigen Deduktionen beziehen sich zuvörderst auf den arischen Mann und das arische Weib“ (S. 411) – „das Judentum scheint anthropologisch mit Negern wie mit den Mongolen eine gewisse Verwandtschaft zu besitzen. Auf den Neger weisen die so gern sich ringelnden Haare, auf Beimischung von Mongolenblut die ganz chinesisch oder malayisch geformten Gesichtsschädel, die man so oft unter den Juden antrifft, und denen regelmässig eine gelblichere Hautfärbung entspricht“ (S. 411) – „ … der Zionismus ist die Negation des Judentums, in welchem, seiner Idee nach, die Ausbreitung über die ganze Erde liegt“ (S. 417) – „dem Juden wie dem Weibe fehlt die Persönlichkeit“ (S. 418) – „So wenig wie es in der Wirklichkeit eine „Würde der Frauen gibt“, so unmöglich ist die Vorstellung eines jüdischen „gentleman“. Dem echten Juden gebricht es an jener inneren Vornehmheit, welche Würde des eigenen und Achtung des fremden Ich zur Folge hat. Es gibt keinen jüdischen Adel; und dies ist um so bemerkenswerter, als doch unter den Juden jahrtausendelange Inzucht besteht“ (S. 418) – „der echte Jude hat wie das Weib kein Ich und darum auch keinen Eigenwert“ (S. 418) – „Unbewusst nur achtet jeder Jude den Arier höher als sich selbst. Erst die feste und unerschütterliche Entschlossenheit, die höchste Selbstachtung sich zu ermöglichen, könnte den Juden vom Judentum befreien“ (S. 425) – „der Dekalog, das unmoralischeste Gesetzbuch der Welt“ (S. 426) – „Der jüdische Monotheismus hat mit echtem Glauben an Gott nichts, gar nichts zu tun, er ist vielmehr seine Negation, der „Afterdienst“ des wahren Dienstes … die Homonymität des Judengottes und des Christengottes die ärgste Verhöhnung des letzteren. Hier ist keine Religion aus reiner Vernunft; eher ein Altweiberglaube aus schmutziger Angst. Warum wird aber aus dem orthodoxen Jehovah-Knecht so rasch und leicht ein Materialist, ein „Freigeist“? Warum ist das Lessingsche Wort vom „Aufkläricht“, trotz der Einrede des wohl nicht ohne guten Grund antisemitischen Dühring, wie auf das Judentum gemünzt? Hier ist der Sklavensinn gewichen und hat seiner steten Kehrseite, der Frechheit, Platz gemacht: beide sind wechselnde Phasen eines und desselben Wollens im nämlichen Menschen “ (S. 427) – „Aus diesem Mangel an Tiefe wird auch klar, weshalb die Juden keine ganz grossen Männer hervorbringen können, weshalb dem Judentum, wie dem Weibe, die höchste Genialität versagt ist“ (S. 430) – „Die spezifische Art der Intelligenz, die dem Juden wie dem Weibe nachgerühmt wird, ist freilich … nur grössere Wachsamkeit ihres grösseren Egoismus“ (S. 432) – „Ein Genie ist Spinoza nicht gewesen. Es gibt keinen gedankenärmeren und keinen phantasieloseren Philosophen unter allen singulären Gestalten der Philosophiegeschichte“ (S. 432) – „Der Jude ist humorlos“ (S. 433) – „Juden und Weiber sind humorlos, aber spottlustig“ (S. 435) – „Juden und Frauen sind nichts und können darum alles werden“ [über „gesinnungslose“ „Journalistentalente“] (S. 436) – „Mag ein Mensch an Gott glauben oder nicht, es kommt nicht alles darauf an: wenn er nur wenigstens an den Atheismus glaubt. Das aber ist es eben: der Jude glaubt gar nichts, er glaubt nicht an seinen Glauben, er zweifelt an seinem Zweifel. Er ist nie ganz durchdrungen von seinem Jubel, aber ebensowenig fähig, völlig von seinem Unglück erfüllt zu werden. Er nimmt sich nie ernst, und darum nimmt er auch keinen anderen Menschen, keine andere Sache wahrhaft ernst“ (S. 437/438) – „Der Jude ist der unfromme Mensch im weitesten Sinne“ (S. 439) – „Der Jude ist nie schwärmerisch, aber er ist auch nicht eigentlich nüchtern; er ist nicht ekstatisch, aber er ist auch nicht trocken. Fehlt ihm der niedere wie der geistige Rausch, ist er so wenig Alkoholiker, als höherer Verzückung fähig, so ist er darum noch nicht kühl, und noch in weiter Ferne von der Ruhe überzeugender Argumentation: seine Wärme schwitzt, und seine Kälte dampft. Seine Beschränkung wird immer Magerkeit, seine Fülle immer Schwulst …“ (S. 439) – „der Jude empfindet seinen Unglauben als seine Überlegenheit, als den Witz, um den nur er weiss“ (S. 440) – „Innerliche Vieldeutigkeit … ist das absolut Jüdische, Einfalt das absolut Unjüdische“ (S. 443) – „Der Erlöser des Judentums ist der Erlöser vom Judentume“ (S. 450) – „Das jüdische Wesen hat metaphysisch gar keine andere Bestimmung, als dem Religionsstifter als der Sockel zu dienen“ (S. 451) – „ … der Christ ist der Sinn der Juden. Wenn also im Juden vielleicht noch immer die höchsten Möglichkeiten, so liegen doch in ihm die geringsten Wirklichkeiten; er ist wohl der zum Meisten veranlagte, und doch zugleich der innerlich des Wenigsten mächtige Mensch“ (S. 451) – „unsere Zeit ist nicht nur die jüdischeste, sondern auch die weibischste aller Zeiten …“ (S. 452) – „das Weib will koitiert werden, es will geschlagen werden …“ (S. 460) – „dieses Buch [das Weininger-Buch „Geschlecht und Charakter“] ist die höchste Ehre, welche den Frauen je erwiesen worden ist“ (S. 462) – „Forderung der Enthaltsamkeit für beide Geschlechter“ (S. 468) – „Also widerspricht der Koitus in jedem Falle der Idee der Menschheit … darum verachtet auch der Mann das Weib augenblicklich, sobald er es besessen hat, und das Weib fühlt, dass es nun verachtet wird, auch wenn es vor zwei Minuten sich noch vergöttert wusste“ (S. 470) – „Die Erziehung des Weibes muss dem Weibe, die Erziehung der ganzen Menschheit der Mutter entzogen werden“
  • 7.4.1880–14.1.1941: Fritz Grünbaum (auch: Fritz Gruenbaum, eigentlich: Franz Friedrich Grünbaum), geb. in Brünn/Brno, Mähren/Tschechische Republik; gest. im KZ Dachau, Deutschland, beliebter, scharfzüngiger österreichisch-jüdischer Kabarettist, Operetten- und Schlagerautor ("Du sollst der Kaiser meiner Seele sein", "Ich hab das Fräul’n Helen baden seh’n"; schrieb auch Operettentexte wie "Die Dollarprinzessin", 1907), Regisseur, Schauspieler und Conférencier; der Altmeister des Humors; seine Kindheit und Jugend verlebte Grünbaum bei seiner Familie in Brünn, die einen Kunsthandel betrieb; 18-jährig schrieb er sich für ein Jurastudium in Wien ein, das er 1903 mit dem Absolutorium abschloss, sich währenddessen jedoch immer mehr zur Literatur hingezogen fühlte; nach dem Studium begann er als Conférencier im Wiener Kabarett "Die Hölle", wo er 1906 seinen ersten Auftritt in der Operette "Phryne" hatte; ab 1903 verfasste er erste Libretti u. a. mit Robert Bodanzky und trat als Schauspieler in den verschiedensten Nebenrollen in vielen Wiener Kellerbühnen und Revuetheatern auf; bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs (zu dem er sich 1915 freiwillig meldete, er kehrte als Offizier zurück) reiste er auch immer wieder nach Berlin – erstmals im Jahr 1907, um im "Chat noir" aufzutreten – um dort als Conférencier in Rudolf Nelsons Theatern zu agieren (Nelson über Grünbaum: " … wenn er nicht redete, wirkte er wie ein bemitleidenswertes Geschöpf, ein Nichts, zwischen den Kulissen wie verloren. Aber – wenn er den Mund auftat – ein ’Feuerwerk des Gehirns’. Schiesst pausenlos seine Witzraketen und Bonmots mit überdrehter Logik ins überraschte Parkett. Famose Begabung! Viel zu schade für Wien …"); 1914 hatte Grünbaum seinen ersten Auftritt im Simpl ( = Bierkabarett Simplicissimus des Egon Dorn), jenem legendären Wiener Kabarett, bei dem er auch in der Folgezeit immer wieder auftreten sollte; zusammen mit dem "Blitzdichter" Karl Farkas entwickelte er dort ab 1922 die aus Ungarn stammende und auch im Wiener "Budapester Orpheum" aufgeführte so genannte "Doppelconférence" weiter und führte sie zur Höchstblüte (mit den Rollen des "Gscheiten" und des "Blöden"; Farkas erklärt seinem Partner: "Das Wesen der Doppelconference besteht darin, dass man einen äusserst intelligenten, gutaussehenden Mann nehme - das bin ich - und einen zweiten, also den Blöden, dazustellt. Das bist, nach allen Regeln der menschlichen Physiognomie, natürlich du!"); zwar wurde Grünbaum von Bekannten als "bezaubernder Zeitgenosse" beschrieben, doch hinderte ihn das nicht daran, im Jahr 1907 einen k.u.k.-Offizier im Lokal "Hölle" zu ohrfeigen, als dieser mitten im Programm eine antisemitische Bemerkung machte, die nicht überhört werden konnte; danach setzte er seine Vorstellung fort; später forderte der Offizier Grünbaum zum Duell "auf Säbel und Pistolen", bei welchem Grünbaum verwundet wurde; im Frühling 1916 kämpfte Grünbaum an der italienischen Front, kehrte aber desillusioniert zurück und wurde Pazifist; Fritz Grünbaum heiratete insgesamt drei Mal; nach seiner ersten Frau Karolina Nagelmüller (verheiratet mit ihr 1908-1914) heiratete er die Kollegin Mizzi Dressl und nach der Scheidung von ihr dann 1919 die 21-jährige Lilly Herzl (Elisabeth Herzl, eine Nichte Theodor Herzls), mit der er bis zuletzt zusammenblieb (Lilly Herzl konnte sich zum Schluss noch eine Zeit lang bei einer Freundin in Wien, Elsa Klauber, verstecken, wurde dann am 5.10.1942 gemeinsam mit ihrer Freundin ins Konzentrationslager Maly Trostinec deportiert und starb dort vier Tage später); ab 1926 war Grünbaum am Wiener Bürgertheater tätig; in 18 Bildern liessen er und Karl Farkas mit der Musik von Egon Neumann im „Journal der Liebe“ schöne Girls ihre Beine zeigen und Rita Georg in einer Hosenrolle paradieren; ganz in dieses Schema passte auch das am 1.10.1927 beginnende Gastspiel der Marischka-Revue; es wurde zum 430. Mal "Wien lacht wieder" aufgeführt (120 Mitwirkende und 900 Kostüme); immer wieder pendelte der Künstler zwischen Berlin und Wien hin und her; in Berlin trat er in Filmen auf und schrieb Texte für Schlager und verfasste Drehbücher, in Wien war er in verschiedenen Kabaretts tätig; trotz bindender Verpflichtungen in Wien übernimmt Fritz Grünbaum immer wieder Engagements in Berliner und Hamburger Kabaretts und steht in Deutschland auch vor der Filmkamera; unter der Regie von Géza von Bolváry spielt er 1931 an der Seite von Willi Forst, Gustaf Gründgens und Roda Roda in dem Film "Der Raub der Mona Lisa"; 1932 beendet Grünbaum jedoch seinen Ausflug in das Filmrevier und widmet sich fortan wieder hauptsächlich seinem Kabarett; 1933 wurden seine Texte in Wien politischer; bei einem seiner letzten Auftritte im Wiener Kabarett Simpl im Programm "Metro Grünbaum – Farkas höhnende Wochenschau" scherzte er noch bei einem Stromausfall als die Lichter ausgingen: "Ich sehe nichts, absolut gar nichts, da muss ich mich in die nationalsozialistische Kultur verirrt haben"; am 10. März 1938, dem Tag des Einmarsches der deutschen Truppen in Österreich, spielte er mit Karl Farkas ein letztes Mal im Simplicissimus; danach hatten sie Auftrittsverbot; einen Tag später versuchte er, in die Tschechoslowakei auszureisen, doch an der Grenze wurde er mit seiner Frau zurückgeschickt; noch eine Weile versteckte er sich in Wien, wurde dann aber verraten und Anfang Mai 1938 ins Gefängnis in der Karajangasse gebracht, wo er zusammen mit Bruno Kreisky inhaftiert ist; Farkas' Bemühungen um Ausreisepapiere für sich und die Grünbaums kommen für den Freund zu spät; während Karl Farkas in die Vereinigten Staaten emigrieren kann, wird Fritz Grünbaum, gemeinsam mit Hermann Leopoldi, Fritz Löhner-Beda, Jura Soyfer und Paul Morgan (mit dem er seit Jahren befreundet war) ins Konzentrationslager Dachau bei München deportiert und im September 1938 nach Buchenwald überstellt, wo später Paul Morgan und Jura Soyfer sterben werden; schliesslich wird er wieder nach Dachau gebracht; er starb im Konzentrationslager Dachau am 14. Januar 1941, nachdem er zuvor an Silvester noch ein letztes Mal todkrank vor seinen Leidensgenossen confériert und kurz danach eine Selbsttötung versucht hatte; laut Totenschein ist er am "14.1.41 an Herzlähmung abgegangen"; tatsächlich starb er entkräftet an der Tuberkulose, zermürbt von den Demütigungen und gebrochen von den Misshandlungen; trotz der Misshandlungen und der Tuberkulose-Erkrankung verstummte seine spitze Zunge bis zum Schluss nicht, und er versuchte, auf diese Weise seinen Mithäftlingen über die schwere Zeit hinwegzuhelfen; er trat den nationalsozialistischen Torturen mit seinen Mitteln entgegen: Er conferierte zum Beispiel, wie er das "Tausendjährige Reich" zu besiegen gedenkt oder dass der völlige Mangel und das systematische Hungern das beste Mittel gegen die Zuckerkrankheit sei; als ihm ein KZ-Aufseher ein Stück Seife verweigerte, kommentierte Grünbaum dies mit den Worten: "Wer für Seife kein Geld hat, soll sich kein KZ halten"; Fritz Grünbaum ist beerdigt auf dem Wiener Zentralfriedhof, Israelitischer Alter Teil, Tor 1; Fritz Grünbaum war auch ein namhafter Kunstsammler; nach der "Arisierung" seiner Wohnung 1938 wurden die 453 Werke (u. a. Dürer, Rembrandt, Degas, Spitzweg, Kokoschka, 60 Arbeiten von Schiele) sowie seine Bibliothek zwangsverkauft und in alle Winde zerstreut; Verkaufsweg und Verbleib der Grünbaum-Sammlung konnten bis auf Schieles "Tote Stadt III" jedoch nicht nachvollzogen werden; in Dany Levys Film „Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ wird Grünbaum in der Hauptfigur des "Adolf G." ein künstlerisches Denkmal gesetzt; Fritz Grünbaum hat mit seinem prinzipiellen Pessimismus leider Recht behalten: "Was nützt mir mein Geist, wenn mein Name mich schädigt? / Ein Dichter, der Grünbaum heisst, ist schon erledigt!"
  • 10.4.1880–17.4.1949: Meir Bar-Ilan (hebraisiert aus ursprünglich: Meir Berlin). Der Führer des Religiösen Zionismus wurde im russischen Woloschin geboren. Sein Vater, Rabbiner Naphtali Zwi Juda Berlin, war das Oberhaupt der berühmten Jeschiwa von Woloschin. Als junger Mann schloss er sich der Mizrachi-Bewegung an und repräsentierte sie 1905 am siebenten Zionistischen Kongress, wo er - im Gegensatz zu den anderen Mizrachi-Delegierten - gegen den Uganda-Plan stimmte. 1911 wurde er zum Sekretär der weltweiten Mizrachi ernannt und arbeitete in Berlin. Er prägte das Mizrachi-Motto: „Eretz Israel le´am Israel al pi Torat Israel“ („Das Land Israel dem Volk Israel gemäss der Tora Israels“). 1915 übersiedelte er in die Vereinigten Staaten, war Präsident der Mizrachi in den USA und ab 1925 Mitglied des Vorstandes des Jüdischen Nationalfonds. 1926 kam Bar-Ilan nach Eretz Israel. Er liess sich in Jerusalem nieder, wo er als Präsident des Weltzentrums der Mizrachi wirkte und als Mizrachi-Vertreter in Institutionen des Jischuw und des Zionismus. Zwischen 1929 und 1931 war er Mitglied der Zionistischen Exekutive. Er war führend in der Ablehnung des Teilungsplanes von 1937 und des Weissbuches von 1939. Er forderte zivilen Ungehorsam und totale Verweigerung der Zusammenarbeit mit den britischen Mandatsbehörden. Nach der Gründung des Staates Israel bildete er ein Gelehrtenkomitee, um die gesetzlichen Probleme des neuen Staates im Licht des jüdischen Gesetzes zu untersuchen. Bar-Ilan war Initiator der Nationalen Religiösen Front, der Gruppe religiöser Parteien, die bei den Wahlen zur ersten Knesset eine gemeinsame Plattform repräsentierten. Bar-Ilan gründete die religiös-zionistische Wochenzeitung "Ha-Ivri" - "Der Hebräer", die zwischen 1910 und 1914 in Berlin und von 1916 bis 1921 in New York herausgegeben wurde. 1939 bis 1949 war er Chefredakteur der Mizrachi-Tageszeitung "Ha Zofeh" in Tel Aviv. Seine Artikel erschienen in Sammelbänden wie "Auf dem Weg der Wiedergeburt" und "Rabbiner Meir Bar-Ilan: Gesammelte Schriften". Seine Memoiren "Von Woloschin nach Jerusalem" wurden ursprünglich in jiddischer Sprache veröffentlicht. 1943 schrieb Bar-Ilan ein Buch über seinen Vater. Er regte die Herausgabe der Talmudischen Enzyklopädie an, die 1947 begonnen wurde. Er gründete eine Institution, die es sich zur Aufgabe machte, den Talmud neu herauszugeben. Meir Bar-Ilan starb 1949 in Jerusalem. Die Bar-Ilan Universität in der Nähe von Tel Aviv wurde von der amerikanischen Mizrachi gegründet (7.8.1955) und nach ihm benannt. Auch der Meir Wald in den Hügeln von Hebron und der Moschaw Beit Meir nahe Jerusalem tragen Bar-Ilans Namen.
  • 12.4.1880–8.4.1943: Harry Baur, geb. u. gest. in Paris, französisch-jüdischer Schauspieler; der Schauspieler Harry Baur wurde als Henri-Marie Baur in Montrouge geboren; dank seiner eindrucksvollen Gestalt und seiner wohlklingenden Stimme wurde er zu einem der wichtigsten französischen Filmschauspieler; seine Rollen kennzeichneten sich durch ein intensives, packendes Spiel aus; Harry Baur ist auch eine tragische Figur im realen Leben; sein Vater starb bereits 1890, nachdem dessen Geschäft nach einem Einbruch vor dem Nichts stand; Harry Baur wurde daraufhin in die Obhut einer katholischen Schule gegeben, von der er jedoch wegrannte und nach Marseille ging; sein ursprünglicher Berufswunsch, Seemann zu werden, trat in den Hintergrund, als er die Schauspielerei entdeckte; neben seinem Studium am Pariser Konservatorium nahm er privaten Schauspielunterricht und konnte schon bald auf verschiedenen Bühnen in Marseille auftreten; schliesslich wurde er nach Paris engagiert, wo er schon bald ein begehrter Darsteller wurde; 1913 debütierte Harry Baur im Film "Shylock", es folgten weitere Filmproduktionen wie Abel Gance's "Strass et Compagnie" (1915) und die Stummfilme "L'âme du bonze" (1918) und "La voyante" (1923); sein grosser Durchbruch beim Film kam mit dem Tonfilm; Julien Duvivier engagierte ihn für "David Golder" (1930); dieser Film markierte den Beginn einer grossen Karriere, die bis zu seinem gewaltsamen Tod anhalten sollte; doch Harry Baur musste auch in der Zeit des Erfolgs zwei harte Schicksalsschläge verkraften, als er seine Frau und seinen 20-jähriger Sohn verlor; Harry Baur filmte weiter, seine Darstellungen wurden durch diese Erlebnisse noch intensiver; mit den Filmen "Le juif polonais" (1931), "Poil de Carotte" (1932), "La tête d'un homme" (1933), "Les misérables" (1934), "Tarass Boulba" (1935), "Le Golem" (1936), "Un grand amour de Beethoven" (1936), "La tragédie impériale" (1938) und "Valpone" (1939) wurde er ein führenden Hauptdarsteller des französischen Films; als die Nazis in Frankreich einfielen, wurde Harry Baur von Kollaborateuren als Jude und Freimaurer denunziert; er wurde gezwungen, in Deutschland im Film "Symphonie eines Lebens" (1942) mitzuspielen - sein letzter Film; im Mai 1942 wurde er von der Gestapo verhaftet und gefoltert; erst vier Monate später halbverhungert befreit; am 8. April 1943 verstarb der grosse Schauspieler an den Spät-Folgen der Torturen; sein Tod heizte die anti-deutsche Stimmung in Frankreich an, seine Beerdigung löste eine grosse Anteilnahme der Öffentlichkeit aus; er wurde bestattet auf dem Cimetière Saint-Vincent
  • 15.4.1880–19.5.1950: Julius Guttmann (geboren als Yitzchak Guttmann), geb. in Hildesheim, gest. in Jerusalem, Rabbiner, Religionsphilosoph wie schon sein Vater Jakob Guttmann (1845-1919), war seit 1919 Dozent für jüdische Religionsphilosophie an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin und Mitherausgeber von 7 Bd. Schriften von Moses Mendelssohn, 1928-1938, von dem Lessing schrieb: "Ich sehe ihn als eine Ehre seiner Nation an"; 1934 ging Julius Guttmann nach Jerusalem, wo er als Professor für Geschichte der jüdischen Philosophie an die Hebräische Universität berufen worden war; Werke: Kants Begriff der objektiven Erkenntnis, 1911; Die Juden und das Wirtschaftsleben, 1913; Religion und Wissenschaft im mittelalterlichen und modernen Denken, 1922; Die Philosophie des Judentums, 1933
  • 17.4.1880–26.9.1927: Arthur Trebitsch, geb. in Wien, gest. in Eggersdorf bei Graz, erfolgloser Schriftsteller aus vermögender Familie, er bekämpfte, obwohl selbst Jude, das Judentum in allerschärfster, antisemitischer Weise, früh getauft, war er einer der ersten Förderer der NSDAP, den Adolf Hitler mit Wohlwollen betrachtete; er schrieb (u.a.) "Deutscher Geist – oder Judentum", 1919; "Arische Wirtschaftsordnung", 1925; Arthur Trebitsch wurde 1880 als Sohn eines vermögenden jüdischen Seidenindustriellen geboren; sein älterer Halbbruder war der Schriftsteller Siegfried Trebitsch; schon von früher Jugend an kam Trebitsch aus nicht mehr mit letzter Sicherheit feststellbaren Gründen weder mit seiner sozialen Lage als Mitglied des Grossbürgertums noch mit seiner jüdischen Abstammung zurecht; unter anderem durch den Einfluss seines Mitschülers und Jugendfreunds Otto Weininger sowie des Kulturphilosophen und Rassentheoretikers Houston Stewart Chamberlain, in dessen Wiener Zirkel er als junger Mann verkehrte, entwickelte sich Trebitsch zum radikalen Deutschnationalen und Antisemiten; diese Entwicklung ging so weit, dass Trebitsch im Januar 1909 aus der Jüdischen Kultusgemeinde austrat und gleichzeitig zu behaupten begann, überhaupt nie Jude gewesen zu sein; wer Trebitschs Selbstidentifikation als gebürtiger Nichtjude widersprach, wurde zum Duell gefordert oder wegen angeblicher "Ehrenbeleidigung" verklagt; als Jugendlicher und junger Mann bemühte Trebitsch sich äusserlich, den in Junggesellen seines Standes gesetzten gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen; während er sich als populärer Gesellschafter und Gastgeber profilierte und sich nach aussen hin in dieser Rolle auch wohlfühlte, sah er sich innerlich als Aussenseiter und unverstandenen Philosophen; wie sein Halbbruder Siegfried versuchte er sich bereits früh als Schriftsteller, im Gegensatz zu diesem blieb er dabei aber erfolglos; ein 1909 vollendeter Roman und ein 1910 fertiggestellter Band philosophischer Betrachtungen fanden keine Verleger; Trebitsch musste sie auf eigene Kosten im eigens gegründeten Antaios-Verlag publizieren; Trebitschs Verlag war nach einem Riesen der griechischen Sagenwelt benannt, dessen Geschichte sich als Mahnung zu Erd- und Volksverbundenheit des Denkens und der Kunst im völkischen Sinn deuten liess und der eine entsprechende Rolle in Richard Wagners 1850 veröffentlichtem Aufsatz Das Kunstwerk der Zukunft gespielt hatte; Trebitsch wurde sich schnell bewusst, dass die Öffentlichkeit ihn als Intellektuellen eher belächelte und selbst seine engere Umgebung ihn hauptsächlich wegen seines Wohlstands und seiner Grosszügigkeit schätzte; die ausbleibende Anerkennung, insbesondere die von Trebitsch als solche empfundene Niederlage gegenüber seinem Halbbruder und der Misserfolg eines Vortrags „Über den Denktrieb zur Einheit“ vor der Philosophischen Gesellschaft im März 1910 liessen ihn verbittern; zusätzlich zu seiner immer weiter wachsenden Ablehnung des Judentums entwickelte Trebitsch nun auch Argwohn gegen das akademische Establishment und begann, Zeichen allgemeinen Verfolgungswahns zu zeigen; einerseits publizierte Trebitsch unermüdlich weiter literarische und philosophische Schriften, andererseits strengte er mehr und mehr Prozesse an; unter anderem betrieb er 1912 ein Verfahren gegen seinen Halbbruder und gegen den Kritiker Ferdinand Gregori, da diese eine seiner Novellen als „dilettantisch“ bzw. als „Schmarrn und Mist“ abqualifiziert hatten; der Prozess führte zu Trebitschs bisher schärfster öffentlicher Demütigung; der Ausbruch des Ersten Weltkriegs war für Trebitsch endgültiger Beweis für die Existenz der von ihm schon länger vermuteten "jüdischen Weltverschwörung gegen das deutsche Volk"; von nun an widmete er den Grossteil seiner publizistischen Tätigkeit der seiner Ansicht nach notwendigen moralischen Stärkung Deutschlands; ab 1919 zog er zusätzlich als eine Art Wanderprediger gegen das Judentum durch deutsche Städte; mittlerweile ständig von der zwangsweisen Einlieferung in die Psychiatrie bedroht, hielt Trebitsch sich ab Anfang der 1920er Jahre für einen germanischen Helden im Stil des Nibelungenlieds und gelangte - bestärkt durch sein eigenes äusseres Erscheinungsbild als hochgewachsener blondhaariger Mann - zu der Überzeugung, die Vorsehung habe ihn zum Retter und Erlöser der nordischen Rasse bestimmt; verschiedene Juden, denen dies bewusst sei, würden versuchen, ihn mit „elektrischen Strahlen“ zu „vergiften“; Mirko Jelusich und Anton Wildgans gehörten zeitweilig zu Trebitschs Freunden; die philosophischen Werke Arthur Trebitschs enthalten hauptsächlich wortreiche Variationen einiger damals gängiger "Rassentheorien" sowie der Gedanken Otto Weiningers; Trebitsch zufolge besteht die Menschheit aus einer intellektuell und charakterlich überlegenen Rasse von „Ariern“ und verschiedenen intellektuell unterlegenen, charakterlich minderwertigen Rassen von „Nichtariern“; Arier sind laut Trebitsch Träger der „männlichen“ oder „primären“ Lebensenergie und damit sämtlicher kultureller, künstlerischer, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Schöpfungskraft; Nichtarier sind Träger des „weiblichen“ oder „sekundären“ Prinzips und damit zum parasitären Niessbrauch von arischer Kulturleistung verdammt; ähnlich wie andere Rassentheoretiker einen Gegensatz zwischen „Herrenmenschen“ und „Herdenmenschen“ postulieren, spricht Trebitsch vom Gegensatz zwischen „Schaffenden“ und „Raffenden“, zwischen arischer Bodenständigkeit und nichtarischer „Geschäftemacherei“; in Übereinstimmung mit anderen Rassentheoretikern fasst Trebitsch Sprachfamilien als phylogenetische Einheiten auf und klassifiziert dabei im Wesentlichen alle Indogermanen als Arier, die Angehörigen praktisch aller anderen Sprachfamilien, vor allem Schwarzafrikaner, Ostasiaten und Semiten, als Nichtarier; während Deutsche die Edelsten und Leistungsfähigsten unter den Ariern seien, so Trebitsch, seien Juden die gefährlichste und bösartigste Art unter den Nichtariern: Juden würden sich nicht mit einfachem Parasitentum begnügen, sondern gezielt auf die „Vergiftung“ und Unterjochung der Arier hinarbeiten; politisch würde sich die „jüdische Gefahr“ zur Erlangung der von ihr angestrebten „Weltherrschaft“ vor allem der Sozialisten, der Freimaurer und der Kirche (!) bedienen; kulturell würden Strömungen wie die Wiener Moderne und Theoriegebäude wie die Psychoanalyse Werkzeuge jüdischen Zersetzungswillens oder zumindest Symptome jüdischer Kulturunfähigkeit darstellen; nur eine „germanische Weltordnung“ könne eine „gerechte Weltordnung“ sein; die Errichtung einer solchen setze zuerst und vor allem den Sieg über den „morbus judaicus“ voraus; wie in Weiningers Werk nimmt auch bei Trebitsch die Sexualität einen breiten Raum ein; anders als Weininger ist Trebitsch an der Erhaltung der arischen Rasse interessiert, lehnt Sexualität daher nicht grundsätzlich ab und erhebt keine Forderung nach Enthaltsamkeit, selbst um den Preis des Aussterbens der Menschheit; anders als Weininger ist Trebitsch auch nicht so pathologisch misogyn, dass er allen Frauen unbewussten Männerhass unterstellen oder Weiblichkeit zwanghaft mit Laster, Triebhaftigkeit und Zerstörung identifizieren würde; er legt aber grossen Wert auf die Feststellung, dass nur Arier zu „sittlicher“ Lebensführung begabt seien und „alle Sinnlichkeit zu Tat und Arbeit zu vergeistigen“ wüssten; Nichtarier und hier wiederum insbesondere Juden seien hingegen veranlagungsbedingt amoralisch und „erotoman“; obwohl Trebitsch Anfang der 1920er begann, sich für den gottgesandten Retter des Deutschtums zu halten und eine Zeit lang entsprechend verlangte, als Führer der deutschnationalen Bewegung anerkannt zu werden, gewährte er Adolf Hitlers 1920 formierten Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei früh grosszügige finanzielle Unterstützung; Trebitsch lernte sowohl Hitler als auch dessen Weggefährten und väterlichen Freund Dietrich Eckart persönlich kennen; Augenzeugen zufolge wurde Trebitsch in Hitlers Umgebung nicht allgemein ernst genommen; der sich in fast hysterischer Weise als Arier gerierende judenhassende Jude dürfte vielfach als tragikomische Gestalt wahrgenommen worden sein; Hitler selbst bekundete allerdings noch Jahre später eine an Verehrung grenzende Achtung für Trebitsch: Noch 1935 empfahl er einem Bekannten „Lesen Sie jeden Satz, den er geschrieben hat. Er hat die Juden entlarvt wie keiner“; Hitlers Respekt für Trebitsch ging ferner so weit, dass er sich zeitweilig ernsthafte Gedanken über die von Trebitsch befürchtete Unterwanderung der NSDAP durch die „Schlangen der Zionisten“ machte und die von Trebitsch geforderte Entmachtung von Parteigrössen wie Robert Ley, Hans Frank, Alfred Rosenberg, Julius Streicher oder Gregor Strasser zumindest Trebitsch selbst gegenüber nicht von vornherein ausschliessen wollte; obwohl Hitler Trebitsch schon in den 1920ern wieder aus den Augen verlor und von dessen Tod 1927 erst ein rundes Jahrzehnt später erfahren zu haben scheint, soll er den Schriftsteller einige Jahre lang sogar als potentiellen hohen Parteifunktionär ins Auge gefasst haben; Brigitte Hamann ("Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators", 2001) vermerkt beispielsweise, dass Hitler erwogen habe, Trebitsch anstelle von Rosenberg mit dem Amt zur Überwachung der weltanschaulichen Schulung zu betrauen; -- Werke u. a.: Galileo Galilei, Wien 1901 (Antaios-Verlag, Berlin 1920); Der Fall Gregori und Siegfried Trebitsch, Bachmair, München 1914; Erkenntnis und Logik, Braumüller, Wien 1917; Friedrich der Grosse. Ein offener Brief an Thomas Mann, Borngräber, Berlin 1916 (Antaios, Wien/Leipzig 1916); Gespräche und Gedankengänge, Borngräber, Berlin 1916; Seitenpfade, Borngräber, Berlin 1917; Geist und Leben, Borngräber, Berlin 1917 (Antaios, Berlin/Wien 1921); Zur Förderung der Persönlichkeiten, Borngräber, Berlin 1917; Drei Vorträge mit Zwischenstücken, Borngräber, Berlin 1917; Deutscher Geist – oder Judentum, Strache, Berlin/Wien/Leipzig 1919 (Antaios, Berlin 1921); Geist und Judentum, Strache, Wien 1919; Deutscher Geist aus Österreich, Antaios, Berlin/Leipzig 1920; Wort und Leben, Antaios-Verlag, Berlin 1920; Die böse Liebe, Strache, Wien 1920; Die Geschichte meines „Verfolgungswahns“, Antaios, Wien/Leipzig 1923; Arische Wirtschaftsordnung, Antaios, Leipzig 1925; Der Dichter, der Denker, der Redner, der Arier, Antaios, Leipzig 1926; Der brennende Mensch, Antaios, Leipzig 1930 (aus seinem Nachlass)
  • 21.4.1880–15.4.1935: Robert Saudek, geb. in Kolin (Böhmen), gest. in London, Schriftsteller, Graphologe und Charakterforscher; "Experimentelle Graphologie", 1929; Romane, Essays
  • 25.4.1880–1.10.1938: Jules Flegenheimer, jüd. Architekt, tätig in Paris
  • 1.5.1880–29.11.1953: Jules Bloch, geboren in Paris, Linguist mit besonderem Schwerpunkt auf der Erforschung der Sprachen des indischen Subkontinents sowie deren Einbettung in kulturell-soziale Kontexte; La formation de la langue marathe,1914/1920; La Structure Grammaticale des Langues Dravidiennes, Librairie d'Amérique et d'Orient, Adrien-Maisonneuve, Paris, 1946; Application de la cartographie à l'Histoire de l'Indo-Aryen, in Cahiers de la Société Asiatique, n° XIII, Paris, Imprimerie Nationale, 1963
  • 18.5.1880–5.5.1957: Theodor Vogelstein (Theodor Max Vogelstein), geb. in Stettin, gest. in Paris, Bankier und Industrieller, 1901 Dr. oec. publ., seit 1910 Dozent in München, im ersten Weltkrieg Direktor der Kriegsmetallgesellschaft, 1919-1933 Bankier in Berlin (u. a. Teilhaber des Bankhauses C. Kretschmar und Teilhaber J. Dreyfus & Co, beide Berlin), Aufsichtsrat von Braunkohle- und Elektrizitätsgesellschaften, Mitgründer der DDP, 1933 nach Frankreich emigriert, dann nach England, dann in die USA; er starb 1957 in Paris; Theodor Vogelstein war der dritte Sohn von Heinemann Vogelstein und Bruder von Hermann und Ludwig Vogelstein sowie von Julie Braun-Vogelstein; sie schrieb über ihn: "Was niemals stirbt", 1966 (Memoiren)
  • 25.5.1880–10.1.1967: Charlotte Berend (Berend-Corinth), geb. Berlin, gest. in New York; Malerin, Muse und Modell, Nachlassverwalterin und Biografin ihres Ehemannes Lovis Corinth; seit 1901 in der neu gegründeten Berliner „Malschule für Weiber“ (ihr Lehrer war Lovis Corinth); ihr eigenes Werk trat hinter dem des berühmten Malers in den Hintergrund; erst 1945 hatte Charlotte Berend, inzwischen im Exil in New York, ihre erste Einzelausstellung. Charlotte Berend-Corinth heiratete sehr jung den über 20 Jahre älteren Lovis Corinth. Sie war selbst eine begabte Malerin, aber ihr Mann wollte nicht mit ihrer "Laufbahn" belastet werden, und sie akzeptierte das. So nahm sie ihm den ganzen Alltag ab, zog die Kinder gross, führte den Haushalt, stand Modell für ihn, pflegte ihn, wenn er krank war, schlug sich mit Geldsorgen herum. In ihrem Tagebuch schreibt sie "... und immer ruft die innere Stimme: Gib dich nicht auf! Sei achtsam, energisch, sei auch auf dich bedacht, geh nicht unter im Kleinkram, in all den immer neu geformten Arten der Pflicht." Sie malte trotzdem und wusste zurückdenkend nicht mehr, wie sie es geschafft hatte. Nach dem Tod ihres Mannes 1925 schrieb sie seine Biographie "Mein Leben mit Lovis Corinth". In den Erinnerungen, die er geschrieben hat, "würdigt" er sie in einer Zeile. Das erste Bild der jungen Charlotte war einst von der Berliner Sezession zurückgewiesen worden, nur eine Stimme zur Annahme hatte gefehlt: die von Lovis Corinth. Sie hat ihn geliebt und bewundert, hat sie es nicht gemerkt, dass er sie ausgebeutet hat? Trotz ihrer Trauer lebte sie nach seinem Tod auf, sie malte intensiv und hatte grossen Erfolg. Trotzdem - heute ist sein Name bekannt, ihrer nicht oder kaum. Sie starb 1967.
  • 9.6.1880–28.1.1950: Yosef Yitzchak Schneersohn / Joseph Isaac Schneersohn, geb. in Lubawitsch, Ukraine, gest. in New York, der sechste Rebbe der Chabad-Bewegung (seit 1920); er ist auch bekannt als Rebbe Rayatz (Akronym für Rabbi Yosef Yitzchak); Sohn des Schalom Dowber Schneersohn (1860-1920), des fünften Rebben der Chabad-Dynastie; Yosef Yitzchak Schneersohn war ein erklärter Gegner des kommunistischen Regimes und wurde mehrfach verhaftet, 1927 erneut verhaftet und in Leningrad festgehalten und zum Tod verurteilt, woraufhin ein weltweiter Protest westlicher Regierungen und des Internationalen Roten Kreuzes zur Umwandlung des Todesurteils in eine dreijährige Verbannung nach Kostroma im Ural führte; auch dieses Urteil wurde aufgehoben, so dass Schneersohn 1928 nach Lettland ausreisen konnte; von 1934-1939 lebte er in Warschau bzw. Otwock in Polen; nach Beginn des deutschen Angriffs auf Polen 1939 gelang es ihm, in die USA zu fliehen; dort liess er sich im New Yorker Stadtteil Crown Heights nieder, wo er bis zu seinem Tod 1950 lebte; u. a. entsandte Schneersohn in den späten 1940-Jahren junge Rabbiner in mehrere Städte in den USA und nach Marokko, um die örtlichen jüdischen Gemeinden zu unterstützen; diese Rabbiner nannte er Schluchim (hebr. „Gesandte“); diese Vorgangsweise wurde später von seinem Schwiegersohn, R. Menachem Mendel Schneerson, fortgeführt und erheblich verstärkt; Yosef Yitzchak Schneersohn hatte drei Töchter: Chana, die 1921 Rabbi Shmaryahu Gurary heiratete; dem Ehepaar gelang während der Shoa die Flucht in die USA; Chaya Moussia (1901-1988), die 1928 Rabbi Menachem Mendel Schneerson heiratete, der nach dem Tod seines Schwiegervaters 1950 die Leitung der Chabad-Bewegung übernahm; Schaina (1904-1942), die 1932 ihren Cousin Menachem Mendel Horenstein heiratete; das Ehepaar wurde 1942 im KZ Treblinka ermordet
  • 18.6.1880–6.3.1962: Alfred Kantorowicz, geb. in Posen, gest. in Bonn, Zahnmediziner, 1918 a. o. Prof. und Direktor der Zahnklinik in Bonn, 1923-1933 Ordinarius in Bonn, nach der Emigration 1934-1948 Prof. in Istanbul; er wurde insbesondere bekannt durch sein Werk "Klinische Zahnheilkunde" (1. Aufl. 1924; 3. Aufl. 1930), untersuchte besonders die rachitischen Störungen am Säuglingsgebiss und die Kieferdeformierungen bei behinderter Atmung; machte sich auch um die Schulzahnpflege verdient; Handwörterbuch der gesamten Zahnheilkunde (4 Bände, 1929-1931); er war der Bruder von Hermann Kantorowicz (1877-1940)
  • 20.6.1880–12.7.1931: Friedrich Gundolf (eigentlich Friedrich Gundelfinger), geb. in Darmstadt, gest. in Heidelberg, Literarhistoriker, gehörte zum Kreis um Stefan George, Dozent seit 1911, seit 1920 o. Prof. in Heidelberg; seine Schriften von nachhaltigstem Einfluss auf die geisteswissenschaftliche Haltung seiner Zeit; Bücher über Caesar, Shakespeare (2 Bde., 1928), Goethe, Kleist, die deutschen Romantiker und Stefan George; Shakespeare-Übersetzung (10 Bde., 1908-1923); Gundolf war einer der berühmtesten Gelehrten der Weimarer Republik und grosser Goethe-Verehrer; zu seinen Hörern zählte 1921 auch der spätere Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, der bei Gundolf 1922 mit einer Arbeit über Wilhelm von Schütz als Dramatiker zum Dr. phil. promoviert wurde und Gundolf verehrte, obwohl er Jude war und seine Schriften ab 1933 verboten wurden; 1927 erkrankte Gundolf an Krebs, dem er 1931 erlag; 1930 hatte er den Lessing-Preis der Stadt Hamburg erhalten
  • 22.6.1880: William Cohn in Berlin geboren, Kunsthistoriker (indische und ostasiatische Kunst), bis 1933 Kustos am Berliner Völkerkunde-Museum
  • 26.6.1880–9.9.1937: Moritz Geiger, geb. in Frankfurt/M., gest. in Seal Harbor, Maine, USA, Philosoph (Phänomenologische Schule), lieferte bedeutsame Beiträge zur Philosophie der Mathematik, Ästhetik und Psychologie, war ab 1915 a. o. Prof. in München, 1923-1933 o. Prof. in Göttingen; er war ein Anhänger Husserls; 1933 emigrierte er in die USA und war u. a. bis 1937 Prof. am Vassar College in New York; er war ein Neffe von Lazarus Geiger (1829-1870); Hauptwerke: Die philosophische Bedeutung der Relativitätstheorie, 1921; Systematische Axiomatik der euklidischen Geometrie, 1923; Zugänge zur Ästhetik, 1928; Die Wirklichkeit der Wissenschaften und die Metaphysik, 1930; Phänomenologie des ästhetischen Genusses, 2. Aufl. 1974 (Vorstufen dazu ab 1913)
  • 13.7.1880–27.10.1934: Alfred Schirokauer, geb. in Breslau, gest. in Wien, Schriftsteller, wurde zuerst in Berlin Rechtsanwalt und schrieb dann (seit 1904) erfolgreiche historische biographische Romane und Filmdrehbücher; 1918 war er Gründer, später Vorsitzender des Verbandes deutscher Filmautoren
  • 24.7.1880–15.7.1959: Ernest Bloch (Ernst Bloch), geb. in Genf, gest. in Portland, Oregon; schweizerisch-amerikanisch-jüdischer Komponist; ging 1916 in die USA, bemühte sich um die Schaffung einer nationaljüdischen Musik; Opern, Sinfonien, Konzerte und Kammermusik, z. B.: „Macbeth“, 1910; „Poèmes juifs“ für Orchester, 1913; „Israel“, 1917; „Schelomo“ (Hebräische Rhapsodie), 1917; „Awodass hakodesch“ (liturgisches Oratorium), 1933 (auch in Deutschland aufgeführt)
  • 31.7.1880–6.5.1941: Heinrich Simon, geb. in Berlin, gest. in Washington D.C., Journalist und Verleger; nach seiner Schulzeit in Gotha studierte er in Berlin, Freiburg im Breisgau und Erlangen Philosophie, Kunst- und Literaturgeschichte und wurde 1905 zum Dr. phil. promoviert; danach trat er in den von seinem Grossvater Leopold Sonnemann gegründeten Verlag Frankfurter Societäts-Druckerei ein und arbeitete im Feuilleton der Frankfurter Zeitung; gemeinsam mit seinem Bruder Kurt, der für den kaufmännischen Teil zuständig war, leitete er als Prokurist und Vorsitzender der Redaktionskonferenz der FZ seit 1910 das Familienunternehmen; seit 1916 war er Mitverleger und Geschäftsführer des von ihm aufgebauten Buchverlags der Societäts-Druckerei; in den zwanziger und dreissiger Jahren bestimmte Simon durch den Einfluss seiner Persönlichkeit und durch eigene journalistische Beiträge das Erscheinungsbild der Frankfurter Zeitung wesentlich mit; seine persönlichen Beziehungen zu massgeblichen Intellektuellen in der Zeit der Weimarer Republik fanden hier ihren Niederschlag; er stand im Ruf des Verlegers von Frankfurt, der sich grosse Verdienste um das Kulturleben in der Stadt erworben hatte; er war u. a. mit Max Beckmann befreundet, der ihn 1922 und 1927 in zwei Lithographien porträtierte; ausserdem war er Mitglied der Halkyonischen Akademie für unangewandte Wissenschaften; Otto Erich Hartleben, der Stiftungsvater der Akademie, bezeichnete den wesentlich jüngeren Freund als seinen Sohn; als Liebhaber und Kenner der Künste förderte Simon auch das moderne Musikleben, z. B. durch die Berufung Adornos zum Leiter des Frankfurter Musikstudios; Anstoss erregte er, nicht nur auf Seiten der politischen Rechten und der Antisemiten, durch sein entschiedenes Engagement für die Sache des Zionismus; 1934 musste der getaufte Jude Simon mit Rücksicht auf den Fortbestand der Frankfurter Zeitung als Vorsitzender der Redaktionskonferenz ausscheiden; im selben Jahr noch emigrierte Heinrich Simon über Paris nach Tel Aviv, wo er 1936 Geschäftsführer und zeitweilig Leiter des von ihm mitgegründeten Palestine Philharmonic Orchestra wurde; über London kam Simon 1939 nach Washington, wo er Musikunterricht erteilte; aus ungeklärten Gründen wurde er dort 1941 Opfer eines (wohl unpolitisch motivierten) Mordanschlags; 1931 hatte er eine Biographie über die Jugendzeit seines Grossvaters Leopold Sonnemann verfasst; viel gelesen wurde u. a. seine Schrift Wie lese ich den Handelsteil einer Tageszeitung?
  • 17.8.1880–25.2.1942: Leo Ascher, geb. in Wien, gest. in New York, Jurist und Operettenkomponist; von seinen 32 Operetten wurde "Hoheit tanzt Walzer" am bekanntesten; seine Eltern waren Moriz Ascher und Eva Friedenthal; bereits mit 13 Jahren entstanden seine ersten Klavierkompositionen; er studierte an der juridischen Fakultät der Universität Wien und promovierte 1904 zum Doktor der Rechte,daneben hatte er seit 1898 das Wiener Konservatorium besucht, anschliessend war er für ein Jahr lang Privatschüler von Franz Schmidt; Ascher begann seine Karriere als Komponist mit einer Oper, "Mamzell Courage"; seine erste Operette "Vergeltsgott" (Libretto: Victor Léon) hatte im Theater a.d. Wien am 14. 10. 1905 ihre Uraufführung; er schuf noch über dreissig weitere Werke dieses Genres, darunter "Vindobona, du herrliche Stadt" (Uraufführung Wien, 22.7.1910) und "Bruder Leichtsinn" (Uraufführung am 28.12.1917 am Wiener Bürgertheater); am bekanntesten wurde aber "Hoheit tanzt Walzer" mit dem Lied "Das Lercherl von Hernals" (Libretto von Julius Brammer und Alfred Grünwald); der Uraufführung am Raimundtheater am 24.2.1912 folgten 500 Vorstellungen en suite; in Berlin wurde seine Operette "Der Soldat der Marie" nach ihrer Premiere 1916 sogar über achthundertmal gespielt; daneben komponierte er Wienerlieder, Chansons und Filmmusik, z. B. 1931 für den Max Neufeld-Film "Purpur und Waschblau" mit Hansi Niese und Richard Eybner; in der Pogromnacht des 10./11. November 1938 wurde er kurzzeitig verhaftet und verliess nach seiner Freilassung Österreich für immer; seine Tochter Franzi (Franziska Ascher-Nash, 28.11.1910 Wien-1.9.1991 Lancaster,Penns., USA) erinnerte sich in ihrer Autobiographie "Bilderbuch aus der Fremde", Wien 1947, an die Emigration: "Die trüb beleuchtete Halle des Westbahnhofes war schwarz von Menschen und totenstill. Der Nazibeamte,der unser Handgepäck durchsuchte, sah ein paar Klavierauszüge … "Mein Gott, Herr Doktor", sagte er, "Hoheit tanzt Walzer. Ich war ein Bub, wie ich's zum erstenmal g'sehn hab. Und 'Frühling im Wienerwald' … Die schöne Musik!" Mein Vater kehrte dem Mann den Rücken. Ekel war auf seinem Gesicht und er sagte nicht ein Wort." Über Frankreich und England emigrierte er mit seiner Familie in die USA und lebte in New York, wo er am 25. Februar 1942 starb; sein künstlerischer Nachlass wird vom Archiv der Millersville University, Pennsylvania, aufbewahrt
  • 22.8.1880–9.9.1948: Ludwig Biro (Lajos Biro), geb. in Nagyvárad, Ungarn, gest. in London, deutsch-ungarisch-jüdischer Schriftsteller; „Hotel Stadt Lemberg“, 1917; „Die Juden von Bazin“, 1921; Filmdrehbücher, Dramaturgie
  • 24.8.1880–11.8.1961: Hans Nawiasky (auch: Hans Nawiaski), geb. in Graz als Sohn eines aus Litauen stammenden jüdischen Opernsängers, gest. in St. Gallen, Staats- und Verwaltungsrechtler, einer der Väter der Verfassung des Freistaates Bayern von 1946; 1903 Promotion mit einer staatswissenschaftlichen Arbeit über "Die Frauen im österreichischen Staatsdienst"; 1914 wurde er Prof. in Wien, 1919-1933 in München, ging 1933 in die Schweiz (Lehrauftrag an der Handelshochschule St. Gallen), kehrte 1946 zurück nach München, arbeitete an der bayerischen Verfassung von 1946 mit, leitete die schweizerischen Verwaltungskurse und war Präsident des Weltbundes der Österreicher im Ausland; auch an den vorbereitenden Arbeiten zum deutschen Grundgesetz war er beteiligt, 1947 hatte er seine Professur in München zurückerhalten; Dr. rer. pol. h. c. der Universität München 1961; Hauptwerke: Bayerisches Verfassungsrecht, 1923; Das Reich als Bundesstaat, 1928; Allgemeine Rechtslehre, 1941; Allgemeine Staatslehre, 1945-1958; Kommentar zur Verfassung des Freistaats Bayern, 1948; Die Demokratie in der Schweiz, 1951
  • 31.8.1880: Adolf Grabowsky in Berlin geboren, politischer konservativer Schriftsteller, Geopolitiker; 1907 Mitbegründer der "Zeitschrift für Politik" und von "Das neue Deutschland"; schrieb: "Kulturkonservativismus"; "Grundriss der Politik"
  • 3.9.1880–19.2.1963: Gustav Bucky (Gustav Peter Bucky), geb. in Leipzig, gest. in New York, bedeutender, innovativer Radiologe, Röntgen-Arzt, Physiker, Wissenschaftler, erfand u. a. die nach ihm benannte Bucky-Blende an Röntgengeräten (wodurch er besonderen Ruhm erwarb); seit 1923 in den USA, 1929 amerikanische Staatsbürgerschaft; veröffentlichte seine Forschungen weiter in deutscher Sprache; 1930 Rückkehr nach Berlin, dort Übernahme der Leitung des Röntgeninstituts am Rudolf-Virchow-Krankenhaus; 1933 legte Bucky seine Ämter in Deutschland nieder und kehrte zurück nach New York, dort an der Universität tätig
  • 6.10.1880–13.10.1970: Julia Culp (Julia Bertha Culp), geb. in Groningen, gest. in Amsterdam, niederländisch-jüdische Sängerin, in den Jahren 1901-1919 ein weltberühmter Mezzo-Sopran, die "Nederlandse nachtegaal"; geboren im einfachen Judenviertel von Groningen, trat sie später als Sängerin vor dem amerikanischen Präsidenten und dem deutschen Kaiser auf; in Groningen war sie noch "ein Judenkind, mit dem niemand verkehren durfte"; seit 1913 auf amerikanischen Bühnen, 1916 im Weissen Haus Auftritt vor Präsident Wilson; 1905 hatte die 24-jährige Julia den 26jährigen Deutschen Erich Merten geheiratet; sie zogen in ein grosses Haus am Wannsee, in der Nähe von Berlin; die vielen Reisen bedeuteten eine zu grosse Belastung für ihre Beziehung; Julia verliebte sich in Wilhelm Ginzkey, Inhaber einer Teppichfabrik, und liess sich von Merten scheiden; Julia trat bei ihrer Heirat mit Ginzkey im Jahre 1919 zum Katholizismus über, sie tat dies sehr widerwillig, denn sie hatte schon früher die Religion gewechselt; bei ihrer ersten Heirat mit Merten war sie zum Protestantismus übergetreten; mit den vielen Reisen war es in dieser zweiten Ehe vorbei; nur ab und zu liess sie sich überreden, ein Konzert in den Niederlanden zu geben oder Plattenaufnahmen zu machen, sie hatte genug vom Reisen und genoss als Hausdame das Luxusleben mit Ginzkey; 1934 starb er; Julia wohnte weiterhin in ihren Häusern in der Tschechoslowakei und in Österreich, bis der Nationalsozialismus dies unmöglich machte; am 8. Juli 1939 floh Julia mit nur einem Koffer aus ihrem Haus in der Tschechoslowakei in die Niederlande, nachdem die deutsche Armee das Sudetenland eingenommen hatte; Julia Culp hatte sich gerade noch rechtzeitig abgesetzt; zwei Tage später wurde ihr ein offizielles Verbot erteilt, sich im Deutschen Reich aufzuhalten; ihr Haus wurde von der Deutschen Wehrmacht konfisziert und als Erholungsheim für verletzte Offiziere genutzt; Julia zog nach Amsterdam, aber nach der deutschen Besetzung im Mai 1940 musste sie als Jüdin auch in den Niederlanden viel ertragen, sie und ihre Schwester mussten sich einen Judenstern anheften und wurden diskriminiert, dann aber wurde sie von allen sicherheitspolizeilichen Massnahmen gegen Juden ausgenommen, auch nicht mehr verpflichtet, einen Judenstern zu tragen; unklar ist, wer sich für sie eingesetzt hatte (Furtwängler?); im Juni 1942 veröffentlichten die deutschen Besatzer in den niederländischen Zeitungen die Mitteilung, dass alle Juden aus den Niederlanden abtransportiert werden sollten, auch Juden, die wie Julia eine andere Religion angenommen hatten; ein Familienmitglied reichte für Julia bei den Deutschen den Antrag ein, keinen Judenstern mehr tragen zu müssen, da sie "eine berühmte Interpretin des deutschen Liedes" war; einige Wochen später erhielt sie ein kurzes Schreiben von SS-Hauptsturmführer Aus der Fünten mit der Mitteilung, dass der Antrag abgelehnt worden war; Julia und ihre Schwester Betsy tauchten deswegen im September 1942 unter, zuerst in Bussum und danach bei einem Bewunderer in einem luxuriösen Landhaus in Loenen an der Vecht; erneut nahmen Verwandte den guten Ruf von Julia bei den Deutschen in Anspruch, um ihr zu helfen, 1944 schrieben sie Briefe an bekannte Deutsche und pro-deutsche Niederländer, die Julia gut kannten; die Familie hoffte, dass diese Leute ihren Einfluss geltend machen würden, um Julia weiter von den anti-jüdischen Massnahmen zu befreien; der kollaborierende niederländische Dirigent Willem Mengelberg erhielt einen solchen Brief und auch Richard Strauss und Wilhelm Furtwängler; nur Furtwängler reagierte; im Mai 1944 schrieb er zurück, dass er "selbstverständlich" alles tun würde, um Julia zu helfen; aber er setzte gleich hinzu, dass er nicht wisse, ob "die Herren, die dies zu entscheiden haben, wohl Ausnahmen machen dürfen"; Julia Culp wurde dann nicht mehr den antijüdischen Massnahmen unterworfen und konnte in ihr Appartement in Amsterdam zurückkehren, wo sie fast zwei Jahre nicht mehr gewesen war; nach dem Krieg lebte Julia Culp in derselben Wohnung von dem Geld, das die verkauften ehemaligen Besitztümer in der Tschechoslowakei eingebracht hatten; die "holländische Nachtigall" starb am 13. Oktober 1970 im Alter von 90 Jahren
  • 10.10.1880–10.11.1926: Joseph Schwarz (auch: Josef Schwarz), geb. in Riga, gest. in Berlin, Opernsänger, Bariton, wohl der bedeutendste deutsche Bariton-Belkantist seiner Zeit, 1915-1921 in Berlin, dann meist in Amerika; er war eines von 10 Kindern jüdischer Eltern und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf; er erlernte das Schneiderhandwerk, und nachdem seine schöne Stimme entdeckt wurde, durfte er dank reicher Gönner bei Adolf Robinson in Brünn studieren; er debütierte 1900 in Linz, tourte darauf mit grossem Erfolg durch Europa und kehrte in seine Heimatstadt Riga zurück; nach einem Gastspiel an der Wiener Volksoper wurde er 1909 ständiges Ensemblemitglied der Wiener Hofoper, wo er auch als Partner von Enrico Caruso phänomenale Erfolge feierte; nach einem Gastspiel in Berlin wechselte er 1915 an die dortige Oper; seit 1921 trat er oft in den Vereinigten Staaten von Amerika auf; Joseph Schwarz wurde nicht nur wegen seiner schönen Stimme, sondern auch wegen seines herausragenden schauspielerischen Talentes zu einem Liebling des Publikums; auf Grund von Alkoholproblemen verschlechterte sich seine Stimme 1925 zusehends; 1926 verstarb Joseph Schwarz in Berlin an einem Nierenleiden
  • 18.10.1880–8.8.1940: Wladimir Zeev Jabotinsky, führender Zionist sowie Schriftsteller, Redner und Gründer der Jüdischen Legion im 1. Weltkrieg; Ze'ew Jabotinsky wurde als Sohn einer bürgerlichen Familie in Odessa geboren; seine Universitätsjahre verbrachte er in Rom, wo er den Geist des europäischen Liberalismus aufnahm und eine Art Bohemien wurde; Jabotinsky wurde stark vom Nationalismus Garibaldis, der zur Vereinigung Italiens geführt hatte, beeinflusst; in Italien sei er Zionist geworden, sagte Jabotinsky später, nachdem er nach Odessa zurückgekehrt war, wo er nach den Pogromen, die das zaristische Russland erschüttert hatten, die Organisation einer jüdischen Selbstverteidigungsgruppe unterstützte. "Meine Nähe zum Zionismus und zu Eretz Israel", schrieb Jabotinsky in seiner Autobiographie, "basierte auf pragmatischen Überlegungen. Es ist das einzige Land, das eine Lösung für die jüdische Heimatlosigkeit bietet. In Eretz Israel stand unsere Wiege, dort wurden wir eine Nation. Dort bildeten wir unseren Glauben an Einen Gott, dort wurden die Ideen unserer Propheten entwickelt, dort wurde das Lied der Lieder zum ersten Mal gesungen. Eretz Israel stattete uns mit allem Jüdischen aus. Volk und Land Israel sind eins. Und auch nachdem wir aus den Grenzen unseres Landes vertrieben worden waren, war unser ganzes Leben der Bewahrung dessen gewidmet, was in Eretz Israel geschaffen wurde." Jabotinsky wurde einer der Führer der zionistischen Bewegung in Russland, nahm im Jahr des Pogroms von Kischinew, 1903, am Sechsten Zionistischen Kongress teil und war von der Persönlichkeit Theodor Herzls überwältigt. Der Einfluss des Kongresses war so stark, dass sich Jabotinsky völlig mit Herzl und seinem Programm des Politischen Zionismus identifizierte. Jabotinsky entwickelte sich zu einem der eloquentesten Sprecher der russischen Juden und zu einem der ausserordentlichsten Redner der Moderne, der seine Ansprachen in russischer, hebräischer, deutscher, jiddischer, englischer und französischer Sprache halten konnte. 1908 schickte ihn die Zionistische Exekutive in die Türkei, wo er versuchte, die Unterstützung der ottomanischen Behörden zu gewinnen. Jabotinsky ergriff die Gelegenheit und besuchte 1909 erstmals Palästina. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde er als Korrespondent einer Moskauer Zeitung nach Westeuropa geschickt. Als er mit Joseph Trumpeldor in Alexandria zusammentraf, schlug er die Gründung einer Jüdischen Legion vor, die sich den Briten anschliessen sollte, um Eretz Israel von der türkischen Herrschaft zu befreien. Jabotinskys Gründe waren praktisch und politisch. Einerseits sollten die Juden lernen, sich selbst zu verteidigen, andererseits hatte er den Wunsch, die jüdische Forderung nach einer nationalen Heimstätte in Palästina in den Augen der Allierten zu stärken. Nach der Formierung des „Ersten Jüdischen Regiments" (mit einer Menora als Feldzeichen), überschritt Jabotinsky als Kommandant der ersten Kompanie den Jordan und wurde für diese Tat ausgezeichnet. Jabotinsky hoffte, die Legion auch nach dem Beginn des britischen Mandats erhalten zu können. Es kam zu Meinungsverschiedenheiten mit den Briten, und 1920, nachdem Jabotinsky während der arabischen Unruhen geholfen hatte, die Juden der Jerusalemer Altstadt zu verteidigen, wurde er verhaftet und zu fünfzehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Schliesslich wurde er von Herbert Samuel, dem Hochkommissar, begnadigt und nach nur drei Monaten aus dem Gefängnis von Akko entlassen. Chaim Weizmann empfahl Jabotinsky für eine Position in der Exekutive der WZO. Als Mitglied der zionistischen Exekutive teilte er die Verantwortung für die Annahme des Churchill Weissbuches von 1922, das Transjordanien von den Bedingungen der Balfour Deklaration ausnahm. 1923 verliess Jabotinsky die Exekutive aus Enttäuschung über die britische Politik dem Zionismus gegenüber und wegen der Bereitschaft der zionistischen Führung, sich mit den Briten zu versöhnen. Er plädierte für den Ausbau der Verteidigung und die Masseneinwanderung in Palästina. 1923 gründete Jabotinsky die Welt-Union der Zionisten-Revisionisten und die Jugendbewegung „Betar“. Er reiste unermüdlich, trat in hunderten von Konferenzen auf und begeisterte die Massen durch seine ausgezeichnete Rhetorik. Der Zionistische Kongress 1927 brachte der revisionistischen Bewegung neun Mandate. Jabotinskys Unzufriedenheit mit der Politik der zionistischen Führung, ihrer Betonung des Nationalismus und des Sozialismus, wuchs. Sie stand im Gegensatz zu seinem Ziel: einer jüdischen Mehrheit in Eretz Israel. Nach dem Weissbuch von 1930 attackierte Jabotinsky die Briten scharf. Er war der Meinung, die Briten würden den zionistischen Standpunkt besser respektieren, wenn die WZO der Mandatsregierung gegenüber ihr Ziel, die Etablierung eines jüdischen Staates in Palästina mit jüdischer Mehrheit und beschützt durch eine jüdische Armee, schärfer vertreten würde. Jabotinsky war der Meinung, es sei für die Revisionisten an der Zeit, unabhängig politisch tätig zu sein. Die Mehrheit der Revisionisten lehnte einen solchen Schritt ab, da er den Bruch mit der WZO bedeuten würde. Als Kompromiss sollte eine Resolution, die ihre zionistischen Ziele definierte, dem 17. Zionistischen Kongress 1931 in Basel vorgelegt werden. Falls die Resolution nicht angenommen werde, würden sie sich von der WZO trennen. Als der Kongress die Resolution niederstimmte, zeriss Jabotinsky seine Mitgliedskarte, ging hinaus und rief: "Das ist kein Zionistischer Kongress!" Jabotinskys Beziehung zu Ben Gurion blieb jedoch bestehen, und 1934 kam es zu einem Abkommen zwischen den beiden Führungspersönlichkeiten. Die Histadrut lehnte das Abkommen ab, und 1935 blieben die Revisionisten dem Zionistischen Kongress fern. Jabotinsky gründete in Wien die "Neue Zionistische Organisation". Das Programm wiederholte Jabotinskys zionistisches Ziel eines jüdischen Staates beiderseits des Jordan, grossangelegte jüdische Einwanderung mit dem Ziel, die Diaspora aufzulösen, und eine jüdische Armee. Die Kultur des Landes solle auf den jüdischen Werten basieren, die Staatssprache sei Hebräisch. Die arabische Minderheit werde dieselben Rechte geniessen, die die Juden als Minderheit erwarten würden: Gleichheit und Autonomie in kulturellen und religiösen Angelegenheiten. Er versuchte, die Unterstützung europäischer Regierungen für die Einwanderung von 1 500 000 osteuropäischen Juden zu erreichen. "Es gibt keine Zukunft in der Diaspora. Alle ihre Juden werden vernichtet werden. Die sogenannten neuen Kräfte, die sich weltweit erheben, werden das jüdische Volk nicht retten. Die einzige sichere Zuflucht ist Eretz Israel, und wenn wir unser Volk retten wollen, müssen sie jetzt auswandern! Wenn wir die Diaspora nicht liquidieren, wird sie uns liquidieren!" Trotzdem, die NZO tat alles in ihrer Macht stehende, um die „illegale" Einwanderung nach Palästina zu fördern. Während der arabischen Aufstände 1936 bis 1939 wurde Jabotinsky 1937 Oberkommandant des Etzel. In seinem Buch „Die jüdische Front" (1940) beschrieb er seine Vorstellungen über die jüdische Haltung während des Krieges und danach. Im Februar 1940 ging Jabotinsky in die USA, um für eine Jüdische Armee Unterstützung zu suchen. Im August starb er in der Nähe von New York an einem Herzinfarkt (vgl. unter dem 8.8.1940). 1964 wurden Jabotinskys sterbliche Überreste am Herzlberg in Jerusalem beigesetzt (vgl. unter 1964). Jabotinsky war auch ein hervorragender Hebraist. Seine Übersetzung von zehn Gesängen von Dantes „Inferno" sind ein Meisterwerk. Sein literarisches Werk besteht aus seiner Autobiographie, Liedern, Gedichten, einigen Theaterstücken, Kurzgeschichten und Novellen, darunter sein 1926 erschienenes Hauptwerk „Samson der Nasiräer". Seine Übersetzung von Bialiks Gedicht "In der Stadt des Schlachtens" aus dem Hebräischen ins Russische verursachte durch die Schilderung des Pogroms von Kischinew eine psychologische Revolution unter den assimilierten russischen Juden. – Mordechai Katz über Jabotinsky: "Er vereinigte in sich den Geist Rabbi Akivas, den Mut Bar Kochbas, die politische Vision Dr. Herzls und den Charme eines antiken jüdischen Prinzen. In dieser wunderbaren Synthese von Intellekt und Charakter lag die Magie des Names Vladimir Jabotinsky bei seinen Schülern und der ganzen jüdischen Nation – bei seinen Anhängern und bei seinen Gegnern." – Das literarische Pseudonym Jabotinskys lautete "Altalena" (vgl. 20.6.1948)
  • 5.11.1880–11.9.1963: Richard Oswald (eigentlich: Richard W. Ornstein; seinen Nachnamen entlehnte er einer Figur aus Henrik Ibsens „Gespenster), geb. in Wien (sein Vater, der wohlhabende Kaufmann Alois Ornstein, ist strenggläubiger Jude, die Mutter Fanny, geborene Bruck, ist mit Arthur Kahane, Max Reinhardts späterem Dramaturgen, verschwägert); gest. in Düsseldorf, österreichisch-jüdischer Filmregisseur und Drehbuchautor; ab 1896 besucht Richard das Theaterseminar, studiert bei Friedrich Mitterwurzer; er schliesst sich als Schauspieler und Bühnenarbeiter Wander- und Provinzbühnen an, tingelt durch Österreich-Ungarn: Graz, Zaim, Pressburg; 1907 geht er an das Raimund-Theater in Wien; im literarischen Kabarett in der Johannesgasse lernt er Egon Friedell und Peter Altenberg kennen; er wechselt an das Theater in der Josefstadt und arbeitet hier auch als Dramaturg und Regisseur; 1909 entstehen Sketche und kleine Bühnenstücke, so "Manolescu" und "Pariser Ehen" (gemeinsam mit Alfred Grünwald), auch eine szenische Version des Sherlock Holmes-Romans "The Hound of the Baskervilles", die mit Erfolg im Intimen Theater in der Praterstrasse aufgeführt werden; nach antisemitischen Angriffen geht Oswald im Herbst 1910 an das Düsseldorfer Schauspielhaus unter der Leitung von Louise Dumont und Gustav Lindemann; Oswalds Rollen finden sich meist im unteren Teil der Programmzettel: Reitknecht, Schaffner, Schuster, Gläubiger, Kellner und ein Korinther; wiederholt steht er in Stücken österreichischer Autoren auf der Bühne: Grillparzer, Molnár, Schnitzler; in Matineen tritt er als Sänger von Offenbach-Arien oder Nestroy-Couplets auf; neben Lindemann und Dumont sind Arthur Holz, Paul Henckels und vor allem Reinhard Bruck seine Regisseure; erste Filmregie 1914; sein Film „Das eiserne Kreuz“ (1915) wurde wegen „pazifistischer Tendenzen“ beschlagnahmt und verboten, man befand sich schliesslich im Krieg; 1916 gründete Oswald seine eigene Produktionsgesellschaft (Richard Oswald-Film GmbH) und produzierte ca. 100 Filme; er probierte sich in fast allen Genres aus und arbeitete mit Werner Krauss, Lupu Pick und Reinhold Schünzel zusammen und entdeckte Lya de Putti und Conrad Veidt für den Film; Oswald ist der Begründer des so genannten Sitten- oder Aufklärungsfilms; unter Beteiligung von Magnus Hirschfeld widmete er sich gegen Ende des ersten Weltkrieges tabuisierten Themen und strafbewehrten Handlungen: Schwangerschaftsabbruch und Verbreitung von Geschlechtskrankheiten in „Es werde Licht“ (1917/1918) und Homosexualität in „Anders als die Andern“ (1919; der Film wurde bereits 1920 verboten, die Kopien vernichtet; eine ungarische Kopie blieb aber, mittlerweile rückübersetzt und restauriert, auf abenteuerlichen Wegen erhalten); mit „Unheimliche Geschichten“ (1919) drehte er einen frühen Horrorfilm; 1922 wurde die Firma zur AG ausgeweitet, aber der kommerzielle Erfolg bei verschiedenen Grossproduktionen blieb aus, so dass die Firma 1926 Konkurs anmeldete; 1925 gründete Oswald zusammen mit Heinrich Nebenzahl die Nero-Film AG, produzierte mit Fritz Lang und Georg Wilhelm Pabst; der erste Tonfilm von Oswald („Wien, du Stadt der Lieder“, 1930) wurde ein Publikumserfolg, der Sprung ins Tonfilmzeitalter – der vielen anderen zuvor Erfolgreichen nicht gelang – war geschafft; es folgten weitere kommerziell erfolgreiche Filme; die Machtergreifung der Nationalsozialisten beendete allerdings seine Karriere in Deutschland; Oswald emigrierte 1933 über Österreich, Frankreich, Holland und England in die USA (ab 1938); dort produzierte er nur noch wenige Filme, seit 1953 produzierte er in Hollywood für das Fernsehen; am 11. September 1963 starb Richard Oswald in Düsseldorf als er sich gerade dort zu Besuch befand; sein Sohn ist der Regisseur Gerd Oswald; Richard Oswalds Filme: „Das eiserne Kreuz“, 1915; „Schlemihl“, 1915; „Hoffmanns Erzählungen“, 1916; „Das unheimliche Haus“ (3-Teiler), 1916; „Es werde Licht! (4-Teiler), 1917/1918; „Der ewige Zweifel“, 1918; „Das Dreimäderlhaus“, 1918; „Dida Ibsens Geschichte“, 1918; „Prostitution“ (2-Teiler), 1919; „Anders als die Andern“, 1919; „Unheimliche Geschichten“, 1919; „Lady Hamilton“, 1921; „Lucrezia Borgia“, 1922; „Halbseide“, 1925; „Vorderhaus und Hinterhaus“, 1925/1926; „Im weissen Rössl“, 1926; „Eine tolle Nacht“, 1926/1927; „Feme“, 1927; „Gehetzte Frauen“, 1927; „Dr. Bessels Verwandlung“, 1927; „Alraune“, 1930; „Wien, du Stadt der Lieder“, 1930; „Dreyfus“, 1930; „1914, die letzten Tage vor dem Weltenbrand“, 1931; „Unheimliche Geschichten“, 1932; „Die Blume von Hawaii“, 1933; „Tempête sur l’Asie“, 1938; „I was a criminal“, 1945; „The Lovable Cheat“, 1949
  • 7.11.1880–16.8.1948: Perez Hirschbein, geb. in Kleschtel, Gouvernement Grodno (laut Wininger geb. am 26.11.1881), gest. in Los Angeles, jiddischer Dramatiker und Dichter, der insbesondere durch seine symbolistisch-mystischen Dramen in Erinnerung geblieben ist, die auf allen wichtigen jüdischen Bühnen der Welt - teilweise mit grandiosem Erfolg - aufgeführt wurden; Perez Hirschbein wurde als Sohn eines armen Müllers geboren und wuchs in der Abgeschiedenheit seines Geburtsstädtchens auf; bis zu seinem 20. Lebensjahr lernte er Hebräisch und den Talmud, ging dann nach Wilna, schloss sich der poale-zionistischen Bewegung an und veröffentlichte Lieder und Aufsätze in hebräischen Zeitschriften; im Jahr 1905 veröffentlichte er in der Wilnaer Zeitschrift Ha-zeman sein erstes realistisches Drama in hebräischer Sprache: Mirjam, das 1906 auch in Jiddisch herauskam; in der Folge änderte sich sein Stil und auch die bevorzugte Sprache: Ab diesem Zeitpunkt schrieb er eine Vielzahl symbolistischer Dramen, meist in jiddischer Sprache, was ihm den Beinamen jüdischer Maeterlinck einbrachte; seit dem Jahr 1904 waren jiddische Aufführungen in Russland wieder erlaubt, die aus verschiedenen Gründen 1883 verboten worden waren; um einen Beitrag zur Hebung der jüdischen Bühne zu leisten, organisierte Hirschbein seit Anfang 1908 in Odessa eine Schauspieltruppe, die neben seinen eigenen die Stücke von Asch, Pinski, Gordin und Scholem Alechem zur Aufführung brachte, allerdings bereits im Jahr 1910 während einer Tournee durch Polen und Russland - vor allem aufgrund materieller Probleme, der literarische Anspruch war für das breite Publikum zu hoch - wieder auseinanderbrach; einige Zeit später verfasste er sein bühnenwirksames Volksstück Die puste Kretschme, das mehrfach erfolgreich aufgeführt und zu einem wichtigen Repertoirestück der berühmten Wilnaer Truppe wurde, die sich 1916 unter deutscher Besatzung formiert hatte; Ende 1911 wanderte Perez Hirschbein nach Amerika aus und versuchte sich zunächst als Farmer in den New Yorker Catskills wie einige Zeit später in Argentinien; in den Vereinigten Staaten wurden seine Dramen - von eher privaten Zirkeln abgesehen - allerdings erst ab 1918 aufgeführt (Moritz Schwarz' Jüdisches Kunsttheater), hatten dann aber durchschlagenden Erfolg; Perez Hirschbein schrieb auch Kindererzählungen und Reiseberichte, die er auf seinen vielen Wanderungen durch Amerika, Kanada, Argentinien, Brasilien, Afrika, Europa, Australien und Neuseeland verfasste; er war verheiratet mit der Dichterin Esther Schumjatscher, die ihn auch auf seinen jahrelangen Weltreisen begleitete; Werke (Auswahl): Mirjam, 1905 (realistisches Drama; hebräisch); Of jener sat tach, 1906 ("Jenseits des Flusses", Drama); Die Erd, 1907 (Drama); Der T'kiath kaph, 1907 (= "Kontrakt", Drama); Auf'n Scheidweg, 1907 (Drama; erschienen im Sammelband Vun Weg zu Weg, Warschau 1911); Die Goldene Keyt, 1908; Bam Breg (Drama; erschienen im Sammelband Vun Weg zu Weg, Warschau 1911); Der Letzter (Drama; erschienen im Sammelband Vun Weg zu Weg, Warschau 1911); Die puste Kretschme, 1912 (Drama; "Die verlassene Schenke": Ein verlassenes Wirtshaus, in dem es spukt, dient als Handlungsort des Kampfes eines jungen Paares gegen Tradition und Aberglauben und für eine Liebesheirat gegen die bereits getroffenen anderslautenden Eheabmachungen der Eltern); A farworfen Winkel, 1912 (Komödie; erneut geht es um das Thema der freien Partnerwahl); Die grüne Felder, 1916 (Drama); Dem Schmidts [= Schmied] Töchter, ca. 1918 (Drama); Die Nevele, ca. 1924 (Drama); Über Amerika, ca. 1925 (Reiseschilderungen seiner zweiten Reise - 1925 - durch Argentinien und Brasilien); Vun wate Länder, ca. 1925 (Reiseschilderungen seiner zweiten Reise - 1925 - durch Argentinien und Brasilien); Arum der Welt, 1927 (weitere Reiseschilderungen); Erets Israel, 1929 (Reiseschilderung); Mane Kinderjuhren, 1934 (ein absolutes Juwel der jüdischen Literatur); Der erste Melech [= König] in Jisrael, 1934 (biblische Tragödie um König Saul, zugleich Hirschbeins Rückkehr zu einem wieder mehr realistischen Stil); Roite Felder, 1935 (Roman; Hirschbein schildert darin den Versuch, nach der Oktoberrevolution kollektiven jüdischen Landschaftsbau auf der Krim zu etablieren); Ohne Jahr bzw. nicht ermittelt: A Leben var a Leben (Drama); Ba dem breiten Weg (Drama); Dämmerung (Drama); Das Kind der Welt (Drama); Der Intellegent (Drama); Einsame Welten (Drama); Joel (Drama); Kwuremblumen (Drama); Masselech (Kindergeschichten); Schedem wissen es (Drama); Varn Morgenstern (Erzählung); Vun mein Album (Lieder in Prosa); Waite yn nunte (Drama); Wanderer-Traumen (Lieder in Prosa); Wi dus Leben vargeht (Drama); Yn der Finster (Drama); Zwischen Tug yn Nacht (Drama);Übersetzungen: Leo Tolstoi, Ausgewählte Schriften, Wilna 1912 (jiddisch); Gesamt- und Sammelausgaben: Gesammelte Werke, fünf Bände, 1916 (herausgegeben von der literarisch-dramatischen Gesellschaft, anschliessend ins Hebräische, Russische, Deutsche und Englische übersetzt); Dramot, Warschau 1922 (ausgewählte Dramen, ins Hebräische übersetzt durch Hirschbein selbst); Windmühlen (Sammlung seiner später Dramen, ohne Jahr, übersetzt ins Hebräische, Russische, Englische und Deutsche)
  • 7.11.1880–29.4.1954: Joe May (eigentlich: Joseph Mandel oder Julius Otto Mandl), geb. in Wien, gest. in Hollywood, österreichisch-jüdischer Filmregisseur und Produzent, er gehört zu den Pionieren des deutschen Films; er studierte in Berlin und heiratete anschliessend, im Jahr 1902, die Wiener Sängerin Hermine Pfleger, die sich später Mia May nannte; danach übte er verschiedene Gelegenheitsjobs aus, so in der Textilbranche in Triest und als Autoverkäufer; 1909 war er Operettenregisseur in Hamburg und kam dort mit dem Film in Berührung; ab 1911 drehte er unter dem Künstlernamen Joe May (den er von seiner Frau übernommen hatte) bei der Berliner Continental-Film eine Serie um den Detektiv Stuart Webb, womit er das Genre als Massenware kreierte; 1914 gründete er seine eigene Filmproduktionsgesellschaft Joe May-Film und begann im selben Jahr mit einer weiteren erfolgreichen Detektivfilmserie („Joe Deeb“; einige Filme der Deeb-Serie liess er von Harry Piel drehen), drehte Melodramen und Gesellschaftsstücke mit seiner Frau in der Hauptrolle; Joes und Mias gemeinsame Tochter Eva May (1902-1924) war ebenfalls als Schauspielerin in seinen Filmen tätig, beging jedoch früh Suizid, woraufhin sich Mia aus dem Filmgeschäft zurückzog; 1917 brachte Joe May Fritz Lang ins Filmgeschäft, den er ebenso entdeckte und förderte wie dessen spätere Frau Thea von Harbou und E. A. Dupont; nach Kriegsende 1918 liess Joe May seine eigene „Filmstadt“ in Woltersdorf (Brandenburg) bauen und drehte dort die damals beliebten Abenteuer- und Historienfilme mit exotischem Flair, womit er die Zeit des deutschen Monumentalfilms einleitete: „Veritas vincit“ (1918), das achtteilige Kolossalwerk „Die Herrin der Welt“ sowie den Zweiteiler „Das indische Grabmal“ (1921) (Drehbuch: Lang/von Harbou; Remake 1958/1959 von Fritz Lang in zwei Teilen: „Der Tiger von Eschnapur“; „Das indische Grabmal“); 1923 inszenierte Joe May das vierteilige Gesellschaftsdrama „Tragödie der Liebe“, 1928 die sozialkritisch-expressionistischen Filme „Heimkehr“ und „Asphalt“; im selben Jahr studierte er in den Studios von Hollywood den Stand der Tonfilm-Technik; zurück in Deutschland, produzierte er Unterhaltungsfilme, bis er nach der Machtergreifung 1933 nach London emigrierte; dort bot ihm Erich Pommer an, einen Film für die Fox Corporation zu inszenieren, ein Angebot, das er gerne annahm; so entstand der erste Hollywoodfilm unter massgeblicher Beteiligung von Naziflüchtlingen: „Music in the Air“, ein Film, bei dem bereits auch Billy Wilder mitwirkte, den Joe May bei der Emigration unterstützt hatte; in den folgenden Jahren fiel es Joe May immer schwerer, an seine alten Erfolge anzuknüpfen; 1938 verhalf ihm Paul Kohner zu einer Anstellung bei den Universal-Studios, wo Joe May Filme drehte, die über Achtungserfolge nicht mehr hinaus kamen; „The Invisible Man Returns“, ein Klassiker der „special effects“ der Universal (zusammen mit Curt Siodmak), war hingegen stilbildend; 1943 konzipierte May mit Fritz Kortner das Drehbuch zum Anti-Nazi-Film „The Strange Death of Adolf Hitler“, musste aber die Regieführung, für die er eigentlich vorgesehen war, abgeben; die Misserfolge häuften sich, die Filmkarriere war beendet; in den letzten Jahren hatte er noch versucht, gemeinsam mit seiner Frau ein auf Wiener Küche spezialisiertes Restaurant (das „Blue Danube“) zu betreiben, musste das Restaurant, das nur auf Pump eröffnet wurde, aber bereits nach wenigen Wochen wieder schliessen; für den Rest seines Lebens blieb er auf finanzielle Unterstützung seiner Freunde sowie der Hilfsorganisation European Film Fund angewiesen; Joe Mays Bruder Heinrich Eisenbach (es ist jedoch sehr umstritten, ob er wirklich dessen Bruder war) erlangte zunächst als Kabarettist, dann als Groteskkomiker („Wamperl“) und Schauspieler Bekanntheit im österreichischen Stummfilm; Joe Mays Filme: „In der Tiefe des Schachtes“, 1912; „Die Pagode“, 1914; „Die geheimnisvolle Villa“, 1914; „Charly, der Wunderaffe“, 1915; „Sein schwierigster Fall“ (Joe Deebs-Serie), 1915; „Die Hochzeit im Excentric-Club“ (Joe Deebs-Serie), 1917; „Hilde Warren und der Tod“, 1917; „Veritas Vincit“, 1919; „Die Herrin der Welt“ (8 Teile), 1919/1920; „Die Legende von der heiligen Simplicia“, 1920; „Die Schuld der Lavinia Morland“, 1920; „Das indische Grabmal“ (2 Teile), 1921; „Tragödie der Liebe“ (mit Marlene Dietrich, Curt Goetz, Emil Jannings), 1923; „Dagfin“, 1926; „Heimkehr“, 1928; „Asphalt“ (mit Hans Albers, Paul Hörbiger), 1929; „Ihre Majestät die Liebe“, 1931; „Ein Lied für dich (mit Paul Hörbiger), 1933; „Music in the air“, 1934; „Confession“, 1937; „The invisible man returns“, 1940; „The house of the seven gables“, 1940; „Johnny doesn’t live here anymore“ (mit Robert Mitchum), 1944
  • 10.11.1880–19.8.1959: Sir Jacob Epstein, geb. New York, gest. London, britisch-jüdischer Bildhauer und Zeichner; als Sohn jüdisch-russisch-polnischer Eltern in New York geboren, nach seinem Studium an der Art Students League in New York von 1894 bis 1902 und an der Academie Julian und der Ecole des Beaux-Arts in Paris lebte er ab 1905 in England und nahm 1910 die britische Staatsbürgerschaft an; 1954 erhielt er den Rittertitel; sein Stil ist durch krassen, meist expressiv gesteigerten Realismus gekennzeichnet; seine äusserst kühnen Plastiken erregten in England vielfach starken Widerspruch; er fertigte zahlreiche Büsten bekannter Persönlichkeiten an (Auswahl): William Blake, Winston Churchill, Joseph Conrad, Albert Einstein, Yehudi Menuhin, Jawaharlal Nehru, George Bernard Shaw, Oscar Wilde; gestaltete auch den Grabstein für Oscar Wilde auf dem Père Lachaise; von ihm sind (neben vielen weiteren Werken) auch die Figuren „Day and Night“ für das Verwaltungsgebäude der London Underground über der Station St. James’s Park und die Bronzestatue des Heiligen Michael in Coventry, Birmingham; Autobiografie „Let There Be Sculpture“, 1940
  • 12. November 1880: Notabeln-Erklärung
  • 21.11.1880–6.1.1941: Franz Hessel, geb. in Stettin, gest. in Sanary-sur-Mer/Südfrankreich, deutscher Schriftsteller, Übersetzer und Lektor; Hessel wuchs als Bankierssohn in Berlin auf; sein Bruder war der Historiker Alfred Hessel; Franz Hessel veröffentlichte zahlreiche Gedichte, Prosabände und Romane, die gewöhnlich erkennbar eigene Erlebnisse verarbeiteten und in denen meist ein geduldig leidender Ich-Erzähler im Mittelpunkt steht; neben seinen eigenen Arbeiten leistete er hervorragende Übersetzungen von französischen Klassikern, wie zum Beispiel Marcel Proust; Hessels Werk ist durch die Verfemung als jüdischer Autor durch die Nationalsozialisten weitgehend in Vergessenheit geraten; erst seit den 1980er Jahren wurde er wieder vermehrt beachtet, mitbedingt durch die leidenschaftliche Dreiecksbeziehung mit Helen Grund, seiner späteren Ehefrau (Heirat 1913; der Ehe entstammte der französische Diplomat und Widerstandskämpfer Stéphane Hessel), und Henri-Pierre Roché, welche die Vorlage für den – durch den Film von François Truffaut berühmt gewordenen – Roman "Jules et Jim" (1953) von Henri-Pierre Roché war; seine "schönsten Jahre" verbrachte Franz Hessel in Paris, bevor er in den 20er-Jahren wieder nach Berlin ging und dort als Schriftsteller und Lektor arbeitete; 1938 emigrierte er nach Paris, wurde wenig später in "Les Milles" interniert und starb an den Folgen der Haft im südfranzösischen Exilzentrum Sanary-sur-Mer an der Côte d'Azur; -- Werke (Auswahl): Der Kramladen des Glücks, 1913 (Roman); Pariser Romanze, 1920 (Roman); Spazieren in Berlin, 1929 (Benjamin nannte es in einer Kritik "Die Wiederkehr des Flaneurs")
  • 25.11.1880–14.8.1969: Leonard Woolf (Leonard Sidney Woolf), geb. in London, gest. in Rodmell, Sussex, britischer Verleger (1917 Mitgründer des berühmten Verlages Hogarth Press), Autor und Publizist politischer und soziologischer Schriften; er gilt neben Woodrow Wilson als bedeutender Vertreter des Idealismus, einer der Hauptströmungen innerhalb der Theorieentwicklung der Internationalen Beziehungen; heute dominiert die öffentliche Wahrnehmung seine Rolle als Ehemann der Schriftstellerin Virginia Woolf, die er trotz aller Probleme aufgrund ihrer psychischen Erkrankung und trotz ihrer regelmässigen antisemitischen Ausfälle nicht verliess; Leonard Woolf war das dritte von zehn Kindern des jüdischen Kronanwalts Sidney Woolf und seiner Frau Marie, geb. de Jongh; 1916 schlug er in dem Buch International Government eine Organisation vor, die den Weltfrieden durchsetzen sollte; die hier vertretenen Ideen wurden praktisch unverändert zur Grundlage der britischen Politik bei der Gründung des Völkerbunds; auch die US-amerikanische Delegation bei der Versailler Friedenskonferenz erhielt sein Buch von britischer Seite überreicht
  • 3.12.1880-1.3.1920: Josef Trumpeldor, der „Löwe von Tel Chai“, Soldat und früher Siedlungspionier in Eretz Israel, Symbolfigur der jüdischen Selbstverteidigung. Seine Lebensaufgabe sah er in der Organisation der militärischen Verteidigung jüdischer Siedlungen. Sein Heldentod in der Schlacht um Tel Chai wurde ein Symbol der Inspiration für die Pionierjugend aus allen Teilen der Diaspora. Trumpeldor, der in einer Kleinstadt im nördlichen Kaukasus (Pjatigorsk) geboren wurde, stand in seiner Jugend unter dem Einfluss eines Modells des kollektiven, gemeinsamen Lebens, das er in einer nahegelegenen landwirtschaftlichen Kommune beobachten konnte, die von den Anhängern des russischen Schriftstellers Leo Tolstoi gegründet worden war. Trumpeldor verband die Idee des kollektiven Lebens mit dem zionistischen Ideal der Besiedlung Eretz Israels. Er träumte von der Gründung landwirtschaftlicher Kommunen in Eretz Israel, deren Verteidigung im Notfall von bewaffneten Kräften übernommen werden konnte. Trumpeldor wurde in die russische Armee eingezogen und verlor während des russisch-japanischen Krieges 1904 bei der Belagerung Lüshunkous seinen linken Arm und wurde gefangen genommen. Später erhielt er vier Tapferkeitsorden, die ihn zu dem am häufigsten ausgezeichneten jüdischen Soldaten in Russland machten. 1906 wurde er der erste jüdische Offizier in der Armee. 1912 ging er nach Eretz Israel, arbeitete eine Zeit lang in Migdal und in der Kwuzah Degania und nahm an der Verteidigung jüdischer Siedlungen in Galiläa teil. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde er wegen seiner Weigerung, sich der türkischen Armee anzuschliessen, nach Ägypten deportiert (dort Zusammentreffen und Zusammenarbeit mit Jabotinsky). In Alexandria rief er zur Bildung einer Legion von Freiwilligen auf, die sich aus den aus Eretz Israel Deportierten zusammensetzen sollte, um den Briten zur Verfügung zu stehen und ihnen zu helfen, das Land von den Türken zu befreien. Die Briten erlaubten die Bildung einer Jüdischen Brigade, des Maultierkorps (Zion Mule Corps, die Keimzelle des Zahal), dessen stellvertretender Kommandant Hauptmann Trumpeldor wurde und das 1915 am Gallipoli-Feldzug teilnahm. Zwischen 1915 und 1919 war Trumpeldor auf Reisen, verbrachte viel Zeit in England und Russland und warb für die Organisation jüdischer Regimenter zur Bekämpfung der Türken und für Selbstverteidigungseinheiten zum Schutz der Siedlungen in Eretz Israel. Vor allem in Russland war er in der HeChalutz Bewegung sehr aktiv, deren Ziel die Ausbildung junger Juden für die Siedlung in Eretz Israel war. 1919 kehrte er nach Eretz Israel zurück. Im Januar 1920 wurde er in das nördliche Galiäa berufen, um die Verteidigung der dortigen Siedlungen zu organisieren, die immer mehr von Arabern angegriffen wurden. Am 1. März 1920 wurde er während der Verteidigung von Tel Chai tödlich verwundet. Seine letzten Worte „Ein davar, tow lamut be´ad arzeinu" – „Macht nichts, es ist gut, für unser Land zu sterben" werden oft zitiert. Trumpeldor wurde in der Nähe von Tel Chai beerdigt. 1934 wurde an seinem Grab ein Denkmal (ein mächtiger sitzender Löwe) errichtet. Eine neue Siedlung am Fuss des Berges Gilboa wurde ihm zu Ehren Tel Josef benannt. Die Stadt Kirjat Schmona („Siedlung der Acht“) ist nach Trumpeldor und den anderen sieben Männern, die bei der Verteidigung Tel Hais starben, benannt. Als Held der jüdischen Wiederbesiedlung Eretz Israels lebt Trumpeldor in unzähligen Liedern, Gedichten und Geschichten weiter. Sein Leben ist nicht nur ein inspirierendes Vorbild für die sozialistische Pionierjugend, sondern auch für die rechten Jugendgruppen (Revisionistenjugend). Die grösste und erfolgreichste wurde auch nach ihm benannt: Betar, die Abkürzung für „Berit Trumpeldor". – Lit.: Joseph Trumpeldor. Tagebücher und Briefe. Übersetzt aus dem Russischen. Jüdischer Verlag, Berlin 1925; Zwi Kanner, Josef Trumpeldor – ein jüdischer Held, Wien 1936
  • 11.12.1880–12.2.1955: Julius Bab, geb. Berlin, gest. Roslyn Heights, New York, deutsch-jüdischer Dramatiker der Berliner Moderne und Theaterkritiker, Vorkämpfer Dehmels und Shaws, Dozent am Max-Reinhardt-Seminar, Mitbegründer des Jüdischen Kulturbundes; war enger Freund von Siegfried Jacobsohn und dessen wichtigster Mitarbeiter in den Anfangsjahren der "Schaubühne", der späteren "Weltbühne"; er emigrierte 1938 über Frankreich in die USA; 1951 besuchte er Deutschland im Rahmen einer Vortragstour; er schrieb etwa 90 theaterwissenschaftliche Bücher und Biographien, darunter die "Chronik des deutschen Dramas" in fünf Bänden (1921-1926) oder "Der Mensch auf der Bühne"
  • 12.12.1880–10.9.1945: Hugo Steiner-Prag, geb. in Prag, gest. in New York, Maler und Grafiker, berühmt als Buchillustrator und Bühnenbildner, lehrte in München, Barmen und lange in Leipzig, wurde 1907 Prof.; Präsident der Internationalen Buchausstellungen zu Leipzig 1919 und 1927, organisierte die Buchabteilungen der deutschen Ausstellungen in Barcelona, Lyon, Paris, Pittsburgh und New York, gründete 1934 in Prag die staatliche Officina Pragensis, nach 1933 wurde er nach Prag, Stockholm und schliesslich nach Amerika berufen, wo er eine neue fruchtbare Tätigkeit entfaltete, seit 1938 war er Dozent an der New York University; 1936 zeichnete er ein Gebetbuch
  • 19.12.1880-18.8.1957: Aharon Rokeach, vierter Belzer Rebbe
  • 30.12.1880–13.2.1952: Alfred Einstein, geb. in München, gest. in El Cerrito/Kalifornien, führender Musikhistoriker und -kritiker, Vetter 2. Grades von Albert Einstein, 1903 Dr. phil., 1914-1918 Soldat, war Hrsg. der Zeitschrift für Musikwissenschaft 1918-1933, der 9.-11. Aufl. des Musiklexikons von H. Riemann 1919-1929 (völlige Neurevision) und 1937 unter Hitler der "endgültigen" 3. Aufl. des Köchel-Verzeichnisses aller Werke Mozarts; er lebte seit 1927 in Berlin und war bis 1933 Kritiker am Berliner Tageblatt (war auch Kritiker an der "Münchner Post"); 1933 emigrierte er über Italien und England nach Northampton, Mass.; Werke u. a.: Viola da Gamba, 1905; Geschichte der Musik, 1918; Greatness in Music, 1941; Mozart 1945; Music in the Romantic Era, 1947; The Italian Madrigal, 3 Bde., 1949
  • Nach 1880: erste jüdische landwirtschaftliche Siedlungen in Palästina; die historische Entwicklung landwirtschaftlicher Siedlungsformen in Palästina hat man sich für die Pionierzeit etwa so vorzustellen:
1) Moschawa, Dorf von selbständigen Bauern- oder Pflanzerwirtschaften auf eigenem oder Pica-Boden mit fremden Lohnarbeitern (Petach Tikwa, Rischon le-Zion, Benjamina u. a.), vertreten durch Hitachdut ha-Ikkarim (Pflanzerverband)
2) Kwuzah, kleinere genossenschaftliche Farmen, überwiegend auf K.K.L.-Boden, zusammengefasst im Chewer ha-Kwuzot (Verband der Kwuzot) Degania, Merchawia u. a.)
3) Kibbuz, genossenschaftlicher Grossbetrieb auf K.K.L.-Boden, zusammengefasst im Kibbuz ha-Meuchad (Vereinigter Kibbuz), der die Politik der Histadrut ha-Owedim trägt (En Charod, Tel Jossef u. a.) und im Kibbuz Arzi (Landeskibbuz), der der Jugendbewegung Haschomer Hazair nahesteht (Mischmar ha-Emek u. a.)
4) Moschaw Owedim, Dorf von Familienwirtschaften ohne Lohnarbeiter, auf K.K.L.-Boden mit genossenschaftlichen Einrichtungen für Gemeinschaftsbedürfnisse (Nahalal u. a.)
  • Nach 1880: Josef, Martin und Moritz Stranz, Juristen (Wechselrecht)
  • Nach 1880: Rose Walter, Sängerin
  • Nach 1880: Lia Rosen, Schauspielerin
  • Nach 1880: Paul Bornstein, Literarhistoriker (Hebbel-Forscher)
  • Nach 1880: Gustav Ernest, Musikhistoriker (u. a. Wagner-Biograph)
  • Nach 1880: Zbi Woyslawski, neuhebräischer Essayist
  • Nach 1880: Max Fleischer, Übersetzer aus dem Chinesischen (nicht zu verwechseln mit Max Fleischer, 1841-1905, Architekt; Max Fleischer, 1883-1972, Cartoonist/Trickfilmproduzent)
  • Nach 1880: Sam Franco, Violinist
  • 1880/1881: Kantorowicz-Affäre
  • 1880/1881: Antisemitenpetition
  • 1880–1922: Siegfried Buff, Volkswirtschaftler (Privatwirtschaftslehre)
  • 1880–1931: Erich Ebstein, Mediziner (Geschichte der Medizin) in Leipzig
  • 1880–1933: Alexander Schmuller, Geiger
  • 1880–1933: Otto Lipmann, Psychologe (angewandte Psychologie)
  • 1880–1935: Walter Wreszinski, Ägyptologe
  • 1880–1937: Doris Wittner, Schriftstellerin (Romane, Novellen)
  • 1880–1940: Walther Bondy (Walter Bondy), geb. in Prag, gest. in Toulon, war ein insbesondere für seine Landschaftsmalerei und Stillleben bekannter Maler, Galerist, Kunstsammler und -kritiker; zusammen mit anderen machte er das Café du Dôme in Montparnasse als Treffpunkt von Künstlern und Intellektuellen berühmt; 1932 traf er in Sanary-sur-Mer (Südfrankreich) seine spätere Ehefrau, die junge Künstlerin Camille (Heirat 1937), mit der er ein Fotoatelier unterhielt; die beiden fotografierten viele der bekannten deutschen und österreichischen Emigranten, die sich zwischen 1933 und 1939 in Sanary und Umgebung aufhielten; ein Teil dieser Fotos befindet sich in der Bibliothek des Ortes
  • 1880–1944: James Simon, geb. in Berlin, umgekommen im KZ Auschwitz, Komponist, Pianist und Musikschriftsteller, Spätromantiker, promovierte über Abt Voglers kompositorisches Werk, war 1907-1919 Lehrer am Klindworth-Konservatorium Berlin, emigrierte 1924 nach Zürich und Amsterdam, wo er verhaftet und deportiert wurde; er schrieb: Faust in der Musik (1906), komponierte die Oper "Frau von Stein" (1925), eine Sinfonie, ein Klavierkonzert, Rhapsodie und ländliche Suite für Orchester, Streichquartett, Chorwerke, Lieder und Kammermusik, darunter ein Sextett für Klavier und Bläser
  • 1880–1944: Aaron Abraham Kabak, neuhebräischer Schriftsteller
  • 1880–1946: Robert de Rothschild (Robert Philippe de Rothschild, Frankreich); Robert, ein studierter Bergbauingenieur, stand in der Rothschild-Bank an Bedeutung hinter seinem Cousin Edouard de Rothschild zurück, obwohl Robert später 50% der Rothschild-Bank kontrollierte; Chateau Laversine (bei Chantilly); Palais/Av. De Marigny 23; grosse Kunstsammlung (Modigliani und Picasso frühzeitig gekauft); war verheiratet (1907) mit Gabrielle Beer (1886-1945)
  • 1880–1951: Bernhard Weiss, geb. in Berlin, gest. in London, Jurist, aus angesehener Kaufmannsfamilie, im 1. Weltkrieg Rittmeister mit EK I., noch vor Ende der Monarchie als Assessor ins Preussische Innenministerium berufen, leitete von 1920-1924 die politische Polizei in Berlin, ab 1927 Polizei-Vize-Präsident von Berlin, von Goebbels wegen seines mutigen Eintretens gegen nationalsozialistische Ruhestörer gehasst und mit dem Spitznamen "Isidor Weiss" belegt und ständig heftig angegriffen, wurde er zu einer der umstrittensten Persönlichkeiten der Weimarer Republik; nach Papens Staatsstreich gegen Preussen am 20.7.1932 wurde er amtsenthoben und ging ins Exil nach England; 1933 wurde er ausgebürgert
  • 1880–1953: Ben Zion Meir Hai Ouziel. Sephardischer Oberrabbiner von Israel. Wurde in Jerusalem als Sohn von Rabbiner Josef Raphael Ouziel geboren, dem Vorsitzenden des Rabbinatsgerichtes der sephardischen Gemeinde. Im Alter von 20 Jahren unterrichtete Ouziel bereits in einer Jeschiwa, und 1911 ernannte man ihn zum Leiter der sephardischen Gemeinde in Jaffa, wo er sich bemühte, den Status der orientalischen Juden zu verbessern. Während des Ersten Weltkrieges wurde er nach Damaskus verbannt, weil er sich bei der türkischen Regierung für verfolgte Juden eingesetzt hatte. Man erlaubte ihm aber, vor der Ankunft der britischen Armee zurückzukehren. 1921 wurde er für drei Jahre zum Oberrabbiner von Saloniki ernannt, 1923 kehrte er zurück und wurde Oberrabbiner von Tel Aviv. Seit 1939 hatte er das Amt des sephardischen Oberrabbiners von Israel inne. Als Führer der in Jerusalem geborenen Sepharden und Zeitgenosse Rabbiner Kooks bemühte er sich, den Status und die Bildung der sephardischen Gemeinde zu heben und die Beziehungen mit den aschkenasischen Juden zu verbessern. Als „Rishon LeZion", wie der Titel des sephardischen Oberrabbiners lautet, war er auch Mitglied des Va´ad Leumi, des nationalen Rates der Juden in Eretz Israel. Ouziel war bei der Gründungssitzung der Jewish Agency for Israel anwesend. Während der Mandatszeit wurde er immer wieder gebeten, die jüdische Gemeinde zu vertreten und beeindruckte sogar notorische Kritiker durch seine Haltung und seine Würde. Er unterstüzte die Gründung zweier Jeschiwot: zunächst „Mahazikei Tora" und später dann „Sha´ar Zion". In verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften schrieb er über religiöse und nationale Themen, Gemeindeangelegenheiten und jüdische Philosophie. Zwei Tage vor seinem Tod diktierte er sein Testament: „Im Vordergrund meiner Gedanken stand … die Verbreitung der Tora unter den Studenten und die Liebe zur Tora … und zu Eretz Israel. Ich habe die Liebe zu jedem Mann und zu jeder Frau in Israel und zum gesamten jüdischen Volk betont, die Liebe zum G"tt Israels, den Frieden zwischen jedem Mann und jeder Frau in Israel …, um echten Frieden in jedes jüdische Heim zu bringen, in die ganze Versammlung Israels … und zwischen Israel und seinem Vater im Himmel."
  • 1880-1961: Mania Schochat (Mania Wilbuschewicz / Wilbuschewitsch / Wilbuschewitz Schochet), Führerin des Schomer aus vornehmer, aristokratischer Familie, Gründerin der ersten Kwuzah. – Mania wurde auf dem Gut ihres Vaters in Weissrussland geboren. In jungen Jahren verliess sie das Elternhaus und bereiste Amerika, um Geld für die Chaluzim zu sammeln. In Paris und London trat sie mit Nordau und Zangwill sowie mit den führenden Poale Zion in Verbindung. Später arbeitete sie in der Fabrik ihres Bruders in Minsk, um die Lebensbedingungen der Arbeiter kennenzulernen und ihnen zu helfen. Sie kam mit revolutionären Kreisen in Berührung und wurde im Sommer 1899 verhaftet. Im Gefängnis traf sie den Moskauer Chef der Geheimpolizei: Zubatow. Er schlug ihr eine Arbeiterbewegung mit seiner Unterstützung vor, die sich dem Zar gegenüber loyal verhalten solle. Zubatow überzeugte sie, eine jüdische Arbeiterpartei zu gründen, die sich mit beruflichen und wirtschaftlichen Problemen befassen und sich von der grossen Politik fernhalten würde. Unter seinem Einfluss begann sie im Sommer 1901 mit der Etablierung der Jüdischen Unabhängigen Arbeiterpartei. Die von ihr ausgerufenen Streiks waren erfolgreich, da sie von den Agenten der Geheimpolizei unterstützt wurden. Der „Bund" und andere jüdische sozialistische Gruppen lehnten Manias Partei jedoch ab. Nach dem Pogrom von Kischinew und Änderungen in der Regierungspolitik löste sich die Partei im Sommer 1903 auf. 1904 lud sie ihr Bruder ein, Eretz Israel zu besuchen. Sie bereiste ein Jahr lang das Land und kam zu dem Schluss, dass kollektive landwirtschaftliche Siedlungen eine Grundbedingung für die Entwicklung eines jüdischen Landes waren. 1907 ging Mania nach Europa und in die Vereinigten Staaten, um verschiedene kommunistische Siedlungen zu studieren. Nach ihrer Rückkehr suchte sie eine Anzahl Gleichgesinnter und kam mit der Bar Giora Gruppe in Kontakt, die von Israel Schochat geleitet wurde. Sie überzeugte die Gruppe, 1907-1908 eine kollektive landwirtschaftliche Siedlung zu gründen. Dies war der erste Versuch einer kollektiven Siedlung in Eretz Israel. 1908 heiratete sie Schochat, und beide gehörten 1909 zu den Gründern des Schomer. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges wurden Mania und Israel nach Bursa, in die Türkei, ausgewiesen. 1919 kehrten sie, nachdem sie an der Poalei Zion Versammlung in Stockholm teilgenommen hatten, nach Palästina zurück und traten der Ahdut HaAvodah Partei bei. 1921 gehörte Mania Schochat zur ersten Histadrut Delegation, die die USA besuchte. Ihre Anwesenheit verursachte unter den Bundisten und Kommunisten Aufruhr, da sie sich an Manias frühere Zusammenarbeit mit der Moskauer Geheimpolizei erinnerten. In späteren Jahren war Mania im Kibbutz Kfar Giladi und in der jüdisch-arabischen Zusammenarbeit aktiv. 1948 trat sie der Mapam Partei bei und liess sich in Tel Aviv nieder, wo sie sich der Sozialarbeit und dem Schreiben widmete.
  • 1880–1963: Rahel Straus (geborene Goitein), geb. in Karlsruhe, gest. in Jerusalem, erste Ärztin im Deutschen Reich, Rabbinertochter, verheiratet mit Rechtsanwalt Dr. Elias Straus (1878-1933), aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor; sie praktizierte in München und beschäftigte sich mit Fragen der Frauenberufe, der Frauenbewegung, des Frauenrechts und des Zionismus; 1933 Emigration nach Palästina; Hauptwerk: Wir lebten in Deutschland. Erinnerungen einer deutschen Jüdin 1880-1933 (1961)
  • 1880–1965: Paul Riesenfeld, geb. in Berlin, gest. in Sichron Jaakow/Israel, Musikkritiker, Dr. phil., war Dozent an der Humboldt-Akademie in Breslau, kam 1937 in das KZ Dachau; durch Intervention von Richard Strauss und Wilhelm Furtwängler wurde er gerettet; 1938 ging er nach Palästina; Hauptwerke: Mozart der Tondichter, 1949; Politik und Musik, 1958; Von grossen Zeitaltern zu kleinen Gleichschaltern, 1958

Bücher

  • M. S. Zuckermandel, Tosephta, Pasewalk 1880 (Textausgabe, im Nachdruck Jerusalem 1935 mit kritischen Ergänzungen von S. Lieberman)
  • Isaak Benjacob, Ozar ha-Sefarim, Wilna, Bibliographie hebräischer Literatur ("Bibliographie der gesammten hebraeischen Literatur mit Einschluss der Handschriften (bis 1863) nach den Titeln alphabetisch geordnet") (hebräisch, hrsg. von Jacob Benjacob), 1880
  • M. Friedmann (Hrsg.), Pesikta Rabbati. Midrasch für den Fest-Cyclus und die ausgezeichneten Sabbathe, Wien 1880
  • D. Castelli, Il commento di Sabbathai Donnolo sul libro della creazione [ = Sefer Jetsira], Florenz 1880
  • A. Wünsche, Der Jerusalemische Talmud in seinen haggadischen Bestandtheilen übertragen, Zürich 1880
  • Reinhold Röhricht und Heinrich Meisner, Deutsche Pilgerreisen nach dem Heiligen Lande, Berlin 1880
  • A. Wünsche, Bibliotheca Rabbinica. Eine Sammlung alter Midraschim. Zum ersten Male ins Deutsche übertragen, 5 Bände, Leipzig 1880-1885 (Nachdruck Hildesheim 1967)
  • Druckausgabe Romm (Wilna) des bab. Talmuds, enthält die umfangreichste Sammlung an Kommentaren, 1880–1886

Zeitungen und Zeitschriften

  • Seit 1880: Neue Israelitische Zeitung, in Zürich halbwöchentlich in deutscher Sprache erschienen
  • Seit 1880: Reformzeitung für das freisinnige Judentum, in Berlin wöchentlich in deutscher Sprache erschienenes religiös-reformerisches Blatt
  • Seit 1880: Société des Etudes Juives, Paris (Zeitschrift: „Revue des Etudes Juives“, erschien viermonatlich; Red. Isidore Loeb und Israel Lévi)
  • Seit 1880: Jewish Review, in Cincinnati erscheinend (Max Lilienthal, Kaufmann Kohler)
  • Seit 1880: Die Grosse Beitsch, in New York wöchentlich erscheinende literarische Zeitschrift in jiddischer Sprache
  • 1880–1882: Der Zeitgeist, in Milwaukee in deutscher Sprache erscheinendes Halbmonatsblatt reformerischer Richtung
  • 1880–1883: Tägliche Gazetten, in New York täglich erscheinende parteilose jiddische Zeitung
  • 1880–1885: Der Fortschritt im Judentum, in Bilin/Lobositz, Böhmen, erscheinende Halbmonatsschrift, in deutscher Sprache
  • 1880–1888: Al Choria, in Tunis halbwöchentlich in arabischer Sprache erscheinendes jüdisches Blatt
  • 1880–1889: Bet talmud, in Wien monatlich in hebräischer Sprache erscheinendes orthodoxes Blatt

1880 in Wikipedia



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