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1882

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Ereignisse

  • 1882: Der Kleinunternehmer und Lokalpolitiker Alexander Pinkert gründete in Dresden 1879 den antisemitischen „Deutschen Reformverein“, dem bis 1885 in 139 Städten ähnliche lokale Vereine folgten. Daraus ging 1881 die Deutsche Reformpartei hervor. 1882 berief Pinkert den ersten internationalen „Antisemitischen Kongress“ nach Dresden ein. Dort versuchten die Wortführer antisemitischer Gruppen aus ganz Europa mit etwa 400 ihrer Anhänger gemeinsame Ziele zu finden. Dies misslang, so dass das abschliessende „Manifest an die Regierungen und Völker der durch das Judenthum gefährdeten christlichen Staaten“ keine konkreten politischen Forderungen erhob. Der zweite Antisemitenkongress 1883 in Chemnitz scheiterte an Dührings Versuch, sein rassistisches Buch zur Programmbasis zu machen. Daraufhin verliessen die gemässigten Sozialkonservativen die Versammlung. Der dritte, von Dühring dominierte Kongress in Kassel 1886 hatte nur noch 40 Teilnehmer.
  • 1882: Zusammenbruch der Union Générale des Banques, einer französischen Bank, 1878 von einigen rechtsgerichteten Katholiken gegründet mit dem Hauptziel, mit den jüdischen Banken in Frankreich zu konkurrieren; 1882 brach sie zusammen, was einen erheblichen Teil französisch-katholischer Kreise verarmen und den Antisemitismus anwachsen liess
  • 1882: angeblicher Ritualmord in der ungarischen Stadt Tisza-Eszlar; am 1.4.1882 wurde dort Esther Solymossi (Solymossis) ermordet; lügnerische Aussagen des 13jährigen Knaben Moritz Scharf (Sohn des Synagogendieners Josef Scharf), er hätte durch das Schlüsselloch der Synagogentür beobachtet, wie die Juden ein christliches Mädchen ermordet hätten, führten zur Ritualmordanklage gegen die Juden (und zu Plünderungen jüdischer Häuser etc.; der Landtagsabgeordnete Geza von Onody hatte ein Heer von Journalisten gegen die Juden organisiert); später dann Freispruch wegen erwiesener Unschuld am 3.8.1883 (in Wirklichkeit war die Aussage des "Zeugen" erpresst worden; und schliesslich stellte sich heraus, dass der eigentliche Mörder ein christlicher Landedelmann gewesen war, der das Mädchen geschwängert hatte); - - 1914 dramatisiert von Arnold Zweig ("Ritualmord in Ungarn", späterer Titel "Die Sendung Semaels")
  • 1882: Die theologische Fakultät Amsterdam wendet sich gegen jüdische Blutbeschuldigungen
  • Maigesetze (Russland)
  • 1882: Chibbat Zion - "Zionsliebe". Populäre Bewegung für Landerwerb und den Wiederaufbau Israels, die unter russischen Juden nach den Pogromen von 1881/82 entstand und sich gegen Ende des 19. Jhdts. über ganz Europa ausbreitete. Leon Pinsker und sein Buch "Autoemanzipation" bildeten die ideologische Basis und riefen zur Selbstbefreiung und Etablierung eines territorialen Zentrums für das jüdische Volk auf. Ihre Mitglieder/Anhänger heissen „Chovevei Zion“ (Chowewe Zion) - "Zionsliebende, Zionsfreunde". Zu ihnen gehörten die Gründer von RischonLeZion ("Anfang in Zion"), Zichron Ja´akov ("Jakobs Gedächtnis") und Rosch Pina ("Eckstein"). 1890 erhielt Chibbat Zion die offizielle Erlaubnis der russischen Regierung, eine „Gesellschaft zur Unterstützung jüdischer Bauern und Handwerker in Syrien und Palästina" zu gründen, die als "Odessa-Komitee" bekannt wurde. In der Folge wurden in ganz Russland Gelder gesammelt, die u. a. zum Aufbau von Rechovot und Hadera beitrugen. Als 1897 die Zionistische Bewegung gegründet wurde, traten ihr die meisten Chibbat-Zion-Gruppen bei. Das Odessa-Komitee blieb bis nach dem Ersten Weltkrieg bestehen, als es von den Bolschewiken geschlossen wurde.
  • 1882: Kadimah ("nach Osten", "vorwärts"; den Namen schlug Smolenskin nach längerer Debatte vor), erste jüdisch-nationale Studentenverbindung überhaupt, 1882 in Wien (durch M. Schnirer, N. Birnbaum, R. Bierer und Smolenskin) gegründet (1883 Gründung genehmigt), als man begann, Juden aus deutschen Verbindungen auszuschliessen (Kyffhäuserverband, Waidhofener Beschlüsse); von Anfang an zionistisch; - Literatur: Ludwig Rosenhek (Hrsg.), Festschrift zur Feier des 100. Semesters der akademischen Verbindung Kadimah 1883-1933, Wien 1933; Harriet Zivia Pass, Kadimah: Jewish Nationalism in Vienna before Herzl, Columbia 1969
  • 1882: Gründung von Rischon Le Zion ("Erstling Zions"), älteste Landsiedlung in Palästina, gegründet von Biluim, saniert durch Edmond de Rothschild, Wein- und Orangenbau mit arabischen und jüdischen Lohnarbeitern, vorstädtische Industrie
  • 1882: Wad el-Chanin (Wadi Hanin) (arabische Ortsbezeichnung); 1882 wurde dort, südlich von Rischon le Zion, die jüdische Landwirtschaftssiedlung (hauptsächlich Orangenanbau) Nes Ziona ("Zionswunder") gegründet
  • 1882: Elias Auerbach in Ritschenwalde (Posen) geboren, Arzt und Schriftsteller, ging nach Eretz Israel, „Wüste und gelobtes Land“, 1932
  • 1882: Max Kowalski geboren, Komponist; Spätromantiker
  • 1882: Fritz Pringsheim geboren, deutscher Rechtswissenschaftler, beschäftigte sich mit Römischem Recht
  • 1882: Raphael Chamizer geboren, jüdischer Bildhauer
  • 1882: Julius Sebba geboren, Jurist (Seerecht)
  • 1882: Israel Aharoni in Widzy (Litauen) geboren, später Zoologe in Palästina, seit 1925 Dozent in Jerusalem
  • 1882: Hans Gerson geboren, Maler (Nachimpressionist)
  • 1882: Julius Hirsch geboren, Volkswirtschaftler (Organisation des Handels)
  • 1882: Hans Müller geboren, Schriftsteller (Dramen)
  • 1882: Alice Stein-Landesmann geboren, Schriftstellerin (Romane, Dramen)
  • 1882: Gertrud Israel geboren, jüdische Sozialpolitikerin, war führend in der Angestelltenbewegung
  • 1882: Adolf Lantz in Wien geboren, Drehbuchschreiber, Dramaturg; folgende Filme (Auswahl): „Kampf um die Ehe“ (2 Teile), 1919; „Freie Liebe“, 1919; „Frühlingserwachen“, 1924; „Elegantes Pack“, 1925; „Das Fräulein vom Amt“, 1925; „Der Tänzer meiner Frau“, 1925; „Die Moral der Gasse“, 1925; „Der lachende Ehemann“, 1926; „Madame wünscht keine Kinder“, 1926; „Dagfin“, 1926; „Ledige Töchter“, 1926; „Der fröhliche Weinberg“, 1927; „Der Geisterzug“, 1927; „Schmutziges Geld“, 1928; „Haus Nr. 17“, 1928; „Grossstadtschmetterling“, 1929; „Jugendtragödie“, 1929; „Son altesse l’amour“, 1930; „Ihre Majestät die Liebe“, 1930; „Die Faschingsfee“, 1930/1931; „Elisabeth von Österreich“, 1931; „ … und das ist die Hauptsache“, 1931; „Une nuit au Paradis“, 1931/1932; „Rasputin. Dämon der Frauen“, 1931/1932; „Mieter Schulze gegen Alle“, 1932; „Sonnenstrahl“, 1933; „Gardez le sourire“, 1933
  • 1882: Ludwig Homberger geboren, führend tätig in der deutschen Eisenbahnwirtschaft
  • 1882: Abraham Marmorstein geboren, jüdischer Gelehrter, Prof. am Jews College in London
  • 1882: Lazar Saminsky geboren, jüdischer Komponist in Russland
  • 1882: Elieser Joffe in Janauzi (Bessarabien) geboren, zionistischer Schriftsteller und Agronom, der seit 1911 in Palästina einen neuen Typ Arbeitersiedlung (Nahalal; vgl. 1923) schuf
  • 1882: Richard Weissenberg geboren, Mediziner (Anatomie) in Berlin
  • 1882: Fritz Heimann geboren, Mediziner (Gynäkologie) in Breslau
  • 1882: Richard Koch geboren, Mediziner (Geschichte der Medizin) in Frankfurt
  • 1882: Ludwig Lewisohn geboren, jüdischer Schriftsteller in Amerika
  • 1882: George Jean Nathan geboren, jüdischer Schriftsteller in Amerika
  • 1882: Leo Pinsker (1821-1891), einer der Wegbereiter des Zionismus: Der jüdische Arzt Leon Pinsker (auch: Juda Löb Pinscher, Leon Jehuda Leib Pinsker), der ursprünglich Rechtsanwalt werden wollte, aber einsehen musste, dass ihm als Juden eine Karriere als Jurist verwehrt bleiben würde, veröffentlicht (anonym) sein Werk „Autoemancipation! Ein Mahnruf an seine Stammesgenossen von einem russischen Juden“, das ein eigenes Land der Juden thematisierte. Er reagierte damit auf den damals immer aggressiver auftretenden Antisemitismus in Europa (vor allem in Russland). Ursprünglich riet er den Juden zur Assimilation und ermutigte sie, Russisch zu sprechen. Als 1871 in Odessa Pogrome ausbrachen, waren die Juden verunsichert, die Assimilationsbestrebungen hörten auf. Der von der Regierung unterstützte Antisemitismus veranlasste Pinsker, sich der Situation zu stellen. Er betrachtete die Aufklärung und die Haskala-Bewegung nicht länger als adäquat für die russischen Juden und glaubte nicht mehr daran, dass allgemeiner Humanismus ein Mittel sei, dem Judenhass zu begegnen. Leo Pinsker hatte unter dem Eindruck der Pogrome in Russland 1881 ganz Europa bereist. Er sah in dem Umsichgreifen des Rassenwahns gerade in den „aufgeklärten“ Ländern eine „Judäophobie“, also eine Geisteskrankheit, in der sich gegenseitig verstärkende „Gewissheiten“ eine kollektive mentale Störung anzeigten („Die Judophobie ist eine Psychose. Als Psychose ist sie hereditär, und als eine seit zweitausend Jahren vererbte Krankheit ist sie unheilbar“). In seinem Werk „Autoemanzipation“ folgerte er daraus die Notwendigkeit eines eigenen jüdischen Landes und wurde damit zum Pionier des Zionismus. Pinsker wurde Vorsitzender der Chovevei Zion-Bewegung. Obwohl es innerhalb der Bewegung zu Parteikämpfen kam, blieb Pinsker durch die Unterstützung Baron Edmond de Rothschilds weiterhin im Dienst der Organisation. Die von Pinsker propagierte Haltung lehnten die meisten deutschen Juden ab, sie zogen vor, für ihre Integration zu kämpfen. Pessimismus und offizielle Ablehnung der jüdischen Einwanderung (er hatte zuvor noch Möglichkeiten der Ansiedlung in Argentinien geprüft) kennzeichneten Pinskers letzte Tage. Er starb 1891 in Odessa. 1934 wurden seine sterblichen Überreste auf dem Skopusberg in Jerusalem bestattet. – Herzl kannte Pinskers Schriften nicht vor Ende 1895.
  • 17.1.1882-4.11.1928: Arnold Rothstein („Mr. Big“, „The Fixer“, „The Man Uptown“, „The Big Bankroll“, „The Brain“), geboren in New York City (Eltern: Abraham und Esther Rothstein), New Yorker „Geschäftsmann“, Spieler und Spekulant, persönlich unauffällig, rauchte nicht, trank keinen Tropfen Alkohol, hatte eine leise, höfliche Stimme und gute Manieren, war eine ganz grosse Nummer im organisierten Verbrechen, wird auch in Verbindung gebracht mit dem Black Sox-Baseball-Skandal 1919, der wie kein anderer Amerika schockiert hatte (bestochene Favoriten, die absichtlich das Spiel der World Series verloren, damit die Wetten auf die Gegner sich hoch auszahlten; Rothstein, der immer einen Tick schlauer war als alle anderen Ganoven, hatte auf diesem Gebiet leichtes Spiel, denn eine grosse Zahl von Leuten, die Betrügereien im Wettbusiness versuchten, brachten es dahin, dass er im Trüben fischen konnte, oder wie Rothstein es später ausdrückte: „If a girl goes to bed with nine guys, who’s going to believe her when she says the tenth one’s the father?“); sein Leben diente auch als Vorlage für literarische Verarbeitungen (z. B. „Meyer Wolfsheim“ in F. Scott Fitzgeralds „The Great Gatsby“) bis hin zu Musicals („Guys and Dolls“); geboren in eine angesehene jüdische Familie, tat er sich früh durch sein besonderes mathematisches Talent und sein Interesse an illegalen Geschäften hervor, während sein älterer Bruder eine Rabbinerausbildung durchlief; 1910 hatte sich Rothstein in den Rotlichtbezirk Manhattans, nach Tenderloin, begeben, dort ein vielbesuchtes Spielcasino eröffnet und während der Prohibition eine stattliche Anzahl illegaler Kneipen gekauft; er investierte auch ins Pferderenngeschäft in Havre de Grace, Maryland, und hat es öfter so gedreht, dass die Pferde gewannen, auf die er hohe Beträge gesetzt hatte; Rothstein verfügte über ein grosses Netz an Informanten und zahlte jeden Preis für jede Information aus jeder Quelle, wenn die Information nur nützlich für ihn war und deutlich mehr Geld brachte als sie kostete; mit dreissig Jahren war er Dollar-Millionär; der Beginn der Prohibition ermöglichte es Rothstein, seine Geschäfte in Richtung Schmuggel und Rauschgifthandel zu „diversifizieren“, seine Organisation ging dann auch Allianzen ein mit anderen Verbrecher-Organisationen, die von so schillernden Figuren des organisierten Verbrechens wie Meyer Lansky, Jack „Legs“ Diamond, Lucky Luciano und Dutch Schultz geführt wurden; Rothstein schlichtete diverse Streitigkeiten zwischen verschiedenen Gangs und liess sich diese Dienste üppig bezahlen; sein bevorzugtes „Büro“ war Lindy’s Restaurant, Broadway, Ecke 49. Strasse, wo er an der Ecke stand, umgeben von seinen bodyguards, und auf offener Strasse seinem „Business“ nachging, er wettete und zog Schulden ein von denen, die am Vortag verloren haben; Rothstein wurde im Manhattan’s Park-Central Hotel im November 1928 niedergeschossen und tödlich verwundet, vorhergegangen war im Septemer desselben Jahres ein spektakuläres, drei Tage dauerndes Poker-Spiel, an dessen Ende Rothstein im Besitz von 320 000 Dollar war und es ablehnte zu zahlen, indem er anderen Falschspiel vorwarf; Mitspieler George „Hump“ McManus wurde wegen Mordes verhaftet und eingesperrt, bald aber wieder aus Beweismangel laufen gelassen; als McManus die tödlichen Schüsse angelastet wurden und Rothstein noch lebte, weigerte sich Rothstein, den Angreifer beim Namen zu nennen (in Untersuchungen sagte er: „Me mother did it“); andere behaupten, Rothstein wurde von Dutch Schultz umgebracht aus Rache für den Mord an Schultz’ Freund Joey Noe durch Rothsteins Protegé Jack Diamond; - Rothstein wurde jüdisch-orthodox begraben auf dem Union Field-Friedhof in Queens; seine diversen „Unternehmungen“ wurden dann ein „natürliches Erbe“ für Meyer Lansky, Bugsy Siegel und andere
  • 9.2.1882: Theodor Herzl setzt sich in seinem Jugendtagebuch mit Dühring auseinander. Auszüge: „Dühring. Die Judenfrage. – Ein infames Buch. Und leider so gut geschrieben, als hätte es nicht gemeiner Neid mit der giftgetauchten Feder der persönlichen Rachsucht geschrieben. – Wenn so infames Zeug so ehrlich vorgetragen wird, wenn so viel geschulter und durchdringender Verstand, wie ihn Dühring unleugbar besitzt, in Gemeinschaft mit gelehrter und wirklich universeller Bildung also schreiben kann – was ist dann vom bildungsfessellosen Haufen zu erwarten! - - Er behandelt die Judenfrage als Racenfrage, und er sieht in dieser „niederträchtigen Race“ nur niederträchtige und infame Eigenschaften. Schon das verdächtigt die Klarheit seiner Auffassung ein wenig. Wie hätte sich eine solche niedrige, talentlose Race so lange erhalten können, durch anderthalb Jahrtausende unmenschlichen Druckes, wenn gar nichts Gutes an ihr wäre. Und dieser scheinliberale Faselhans von Dühring, der immer nur von „Treue“ und abermals von „Treue“ spricht – imponirt ihm nicht die heldenhafte Treue dieses ahasverischen Volkes gegen seinen Gott? – Nein, der chassirte Professor ist nur von Rachsucht und ohnmächtigem Hass, von ekelhafter Galle geschwollen und wenn er sich auch Anfangs beherrscht und wissenschaftliche Allüren annimmt, so geht das scheue Pferd, Hass geheissen später doch mit ihm durch, und krampfhaft an seine Mähne geklammert, rast Dühring über Stock und Stein dahin. Anfangs ist man in der Täuschung befangen, ein offenherziger Gelehrter wolle sich über eine brennende Frage (sagen wir lieber über eine künstlich angefachte Frage) ehrlich äussern, aber bald entdeckt man, dass die Bosheit, die ohnmächtige Wuth des weggejagten Universitätsprofessors keift und geifert. Die Outrance rächt sich an Dühring: Anfangs ist er gefährlich – später wird er erbärmlich und lächerlich. – Gewisse ekelhafte und niederträchtige Eigenschaften der Juden und Jobber haben in ihm einen grausamen, aber genauen Beobachter gefunden – dass ihn Rachsucht zu dieser Beobachtung getrieben, ist dabei zwar nebensächlich, wenn nur die Beobachtung wahrheitlich ist; aber so wenig ein entlassener Bedienter, der seinen gewesenen Herrn wegen einer begangenen Schlechtigkeit verfolgt, ein Ehrenmann ist, so wenig ist es Dühring. In seinen ersten Capiteln ist das Buch trotz seiner Uebertreibungen und offenliegenden Gehässigkeiten lehrreich genug, und jeder Jude sollte es lesen. Die Schiefe der Judenmoral und der Mangel an sittlichem Ernst in vielen (Dühring sagt: in allen) Handlungen der Juden sind schonungslos aufgedeckt und gekennzeichnet. Daraus ist viel zu lernen! Wenn man aber weiter liest, so sieht man allmälig ein, dass zu einigem Wahren sehr viel Falsches und absichtlich, infam Gefälschtes hinzugemischt wird, und Dühring wird läppisch, nachdem er gefährlich war“ … (folgt ein Dühringsches Beispiel: Heinrich Heine …) „ …Das ist ein getreues Beispiel von Dühring´s Manier. Erst eine halbwegs wahre Bemerkung und nachstürzend ein Schwall pöbelhafter oder erlogener Behauptungen. – Wenn er nun zur geschichtlichen Begründung seiner Judenthesen übergeht, so weiss ich nicht, ob ich die Böswilligkeit oder den Unverstand seiner Folgerungen höher stellen soll …“ (folgen weitere ausführliche, überzeugende Erläuterungen) „ …Auf den mittelalterlichen Holzstoss, der etwas feucht geworden und nicht mehr recht brennen will, muss modernes Petroleum gegossen werden, dass er lustig aufflackere und das prasselnde Fett der geschmorten Juden die angenehmsten Gerüche entsende in die ungebogenen Nasen der protestantischen und selbst „freidenkerischen“ (siehe Herrn Dühring) Nachfolger der Dominikaner, die dies im übelriechenden Mittelalter besorgt hatten. Und vom Brande geht´s dann zur Plünderung (oder umgekehrt) und die Herren von Dühring´s und seiner Consorten Schlag gehen dann Beute suchen und finden. Der eine wirft sich auf die Nationalökonomie, der Andere auf die öffentliche Meinung, und Herr Dühring wird wahrscheinlich Chefredacteur der grossen Zeitung „Die Treue“. – Beutegier ist das niedrige, stinkende Motiv aller Bewegungen gegen die Juden, die Jahrhunderte haben an dieser Christenmoral nichts geändert. Man ist nur gelehrter, klüger (Bösewichtklugheit) und raffinirter geworden … „ (folgen weitere, gute, scharfsinnige Erläuterungen) „ … Dieser Dühring ist aber nicht nur plünderungsbegierig; er ist auch ein Heuchler, ein schlimmer Schurke, ein Seitenstück zu den Gott im Munde führenden Jesuiten. Er führt die Freiheit im ungewaschenen Maul und ist darum ein bösartiger Freiheitsjesuit, ein infamer Freiheitspfaffe. Dieser Spitzbube, dem man die Zähne einschlagen sollte, aus deren Gehege seine freiheitsschänderischen Schuftigkeiten hervorsprudeln, er verdreht scheinfreiheitlich schurkisch die Augen und sagt: Allen Menschen die ungeschmälertste Freiheit, aber für die Juden ein „Ausnahmegesetz“, das ist der moderne Ausdruck für den mittelalterlichen Begriff des „Ghetto“. – Und dieser Mensch wagt es, den heiligen Namen der Freiheit in sein Pfaffenmaul zu nehmen!! … gegen Lassalle, der mehr Ehrlichkeit, Volksliebe, Wissen, Verstand, Charakter und Eigennutzlosigkeit hatte, wie Hundert, wie Tausend solcher weggejagter, ärgerlicher, ordinärer Professoren, solcher schäbiger Freiheitspfaffen vom lumpigen Schlage des Herrn Dühring. – Und umso empörter war ich, als dieses Buch in einem so köstlich reinen, vorzüglichen Deutsch geschrieben ist …“
  • 13. Febr. 1882 bis 26. Jan. 1948: Ignaz Friedman (auch Ignacy Friedmann oder Ignace Friedmann, eigentlich Solomon Isaac Freudman), geb. in Podgórze bei Krakau, gest. in Sidney, war ein polnischer Pianist von Weltruf und ein eleganter Komponist; der Sohn eines Musikers erhielt Klavierunterricht bei Flora Grzywinska in Krakau und studierte Philosophie an der dortigen Universität; anschliessend studierte er bei dem bekannten Klavierpädagogen Teodor Leszetycki in Wien und wirkte als dessen Assistent; kompositorische und musikwissenschaftliche Studien komplettierten seine Ausbildung; Friedmans Wiener Debüt (drei Klavierkonzerte an einem Abend) initiierte 1904 eine weltweite Karriere; nach eigener Schätzung gab er insgesamt über 2800 Konzerte, darunter zahlreiche Duoabende mit dem Geiger Bronisław Huberman; während einer Australientournee in den Jahren 1940 und 1941 entschloss er sich, nicht nach Europa zurückzukehren, und liess sich in Sidney nieder; Probleme mit der linken Hand zwangen ihn 1943, das Konzertieren aufzugeben; Friedmans Interpretationen sind durch eine ausserordentliche Autorität gekennzeichnet; seine spieltechnischen Fähigkeiten sind ähnlich beeindruckend wie die von Rosenthal, Godowsky oder Lhévinne; er nutzt ein breites dynamisches und agogisches Spektrum, ohne die musikalische Balance zu verlieren; zeittypisch sind häufige satztechnische Eingriffe, etwa Bassverdoppelungen; kleinen Formen, zum Beispiel Mendelssohns Liedern ohne Worte und Chopins Mazurken, verleiht Friedmann mit seinem Sinn für geschärften Rhythmus und plastische Gestaltung echte Grösse; charakteristische Entscheidungen des Pianisten lassen sich in seinen Ausgaben nachverfolgen, so in seiner Gesamtausgabe der Klavierwerke Frédéric Chopins für Breitkopf & Härtel; in der Tradition der „pianistes-compositeurs“ verfasste Friedman über 90 Werke, die sich allerdings im Repertoire nicht durchgesetzt haben; typisch sind elegante Miniaturen für Klavier, Salonmusik im besten Sinn, wie die einst beliebte „Tabatière à musique“ (Op. 33 Nr. 3); hinzu kommen eine Passacaglia (Op. 44), Etüden und Bearbeitungen, aber auch Lieder, Kammermusik und ein Klavierkonzert; zwar sind zahlreiche Rundfunkaufnahmen des Musikers verloren gegangen, viele seiner Schallplattenaufnahmen jedoch wurden auf CD wiederveröffentlicht; das (2007) umfangreichste Angebot kommt vom Label Naxos Historical (fünf CDs mit Werken von Beethoven, Chopin, Dvořak, Friedman selbst, Gaertner, Gluck, Hummel, Liszt, Mendelssohn, Mittler, Moszkowski, Mozart, Paderewski, Rubinstein, Scarlatti, Schubert, Shield, Suk und von Weber)
  • 12.3.1882–14.2.1941: Alfred Apfel, geb. in Düren, gest. in Marseille, Rechtsanwalt und Notar in Berlin, Dr. iur., im 1. Weltkrieg Soldat mit EK I, 1909-1922 Präsident des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands, der es unter ihm auf 41 000 Mitglieder brachte, 1926 Vorsitzender der Zionistischen Vereinigung Berlin, verteidigte in politischen Prozessen Max Hölz, George Grosz, Friedrich Wolf, Carl v. Ossietzky u. a., als bekannter Demokrat, Jude und Zionist gehörte er zu den ersten, die unmittelbar nach dem Reichstagsbrand am 28. Februar 1933 in sogenannte Schutzhaft genommen wurden; nach seiner Freilassung floh er nach England; er stand auf der ersten Ausbürgerungsliste des Deutschen Reichs von 1933 und wurde zum 23. August 1933 ausgebürgert; im Alter von 58 Jahren starb er in Südfrankreich, nachdem deutsche Truppen Frankreich besiegt und Paris eingenommen hatten; 1922 hatte er "Der Mutterboden des jüdischen Genius" publiziert, 1934 "Les dessous de la justice allemande (englisch 1935)
  • 21.3.1882–10.12.1968: Paul Friedländer, geb. in Berlin, gest. in Los Angeles/Cal., evangelisch getauft, Gräzist mit den Hauptarbeitsgebieten Plato und griechische Tragödie; 1914 Prof. in Berlin, 1920 in Marburg, 1932 in Halle; 1935 als "Nichtarier" zur Flucht gedrängt, emigrierte in die USA: seit 1939 tätig an der Universität Baltimore, seit 1940 an der Universität von Kalifornien in Berkeley; Hauptwerke: Die griechische Tragödie und das Tragische, 1925–1926; Platon, 2 Bände, 1928–1930; 3 Bände 1954–1964; Epigrammata, Greek inscriptions in verse, 1948
  • 21.3.1882-30.1.1969: Fritzi Massary (eigentlich Friederika Massaryk), geb. Wien, gest. Beverly Hills, gefeierte österreichisch-jüdische Operettensängerin und Bühnenschauspielerin (nur wenige Filme), eine der grössten Diven und Mode-Ikonen der 1920er Jahre, galt unumstritten als hervorragendste Vertreterin ihres Fachs; kam über Linz und Hamburg 1904 nach Berlin, wo ihr der künstlerische Durchbruch gelang als Sopranistin im Metropol-Theater (mit dem Lied „Im Liebesfalle, da sind sie nämlich alle ein bisschen trallala …“), dessen Aushängeschild sie bald wurde, sie spielte in zahlreichen Operetten von Paul Lincke und Victor Hollaender; ab 1912 bekam sie, die inzwischen eine Berühmtheit geworden war (man sprach nur noch von „der Massary“, die weibliche Bevölkerung richtete sich nach ihrem modischen Geschmack), fast nur noch Hauptrollen zu spielen; am 20.2.1916 heiratete sie in zweiter Ehe ihren Kollegen Max Pallenberg, der 1934 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam; sie sang die Hauptrollen der grossen Operetten von Johann Strauss, Jacques Offenbach, Leo Fall und Franz Léhar in allen grossen Revuetheatern ihrer Zeit und trat auch 1926 bei den Salzburger Festspielen auf; auf Tonträgern konnte man von ihr beispielsweise hören: „Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben“, „Der keusche Josef“ und „Oh-la-la“; 1933 emigrierte sie über Österreich, die Schweiz und England 1938 in die USA, liess sich dort in Hollywood nieder, wo Franz Werfel, Thomas Mann, Ernst Lubitsch und Lion Feuchtwanger ihre Nachbarn waren; schliesslich lebte sie, ohne ein Comeback erzielen zu können, in Beverly Hills bis zu ihrem Tode; ihre Grabstelle ist der Urnenhain des Krematoriums Wien Simmering
  • 23.3.1882-14.4.1935: Emmy Noether (eigentlich Amalie Noether), sehr talentierte deutsch-jüdische Mathematikerin (und Physikerin) aus gut situierter Familie, die trotz ihrer Fähigkeiten und der Bemühungen der Universität Göttingen um sie nicht zur Habilitation zugelassen wurde, so dass sie ihre Vorlesungen – offiziell als Assistentin Hilberts – unter Hilberts Namen ankündigen musste; am 2.9.1933 wurde ihr als Jüdin überhaupt untersagt, an der Universität in Erscheinung zu treten, und ihr die Lehrbefugnis entzogen, sie emigrierte in die USA, starb aber nach nicht einmal zwei Jahren; in den USA hatte sie noch in Bryn Mawr (Pennsylvania) am Frauencollege unterrichten und in Princeton Vorlesungen halten können; geboren wurde sie in Erlangen, sie starb in Bryn Mawr; sie war die Tochter des Erlanger Mathematiker-Professors Max Noether; von ihr stammen wichtige Arbeiten zur modernen Algebra, besonders zur Theorie der Ideale; das 1918 bewiesene Noether'sche Theorem besagt, dass bei physikalischen Theorien die unmittelbare Formulierung von Erhaltungssätzen möglich ist, wenn bestimmte Symmetrien vorliegen; das Theorem gehört zu den wichtigsten Erkenntnissen der modernen Physik
  • 30.3.1882–22.9.1960: Melanie Klein, geb. in Wien, gest. in London, war eine österreichisch-britische Psychoanalytikerin aus jüdischer Familie; sie war eine der Pionierinnen der Kinderpsychoanalyse sowie der "Objektbeziehungstheorie"; ihre Lehranalyse absolvierte sie sowohl bei Sandor Ferenczi als auch bei Karl Abraham; Ernest Jones lud sie 1926 ein, nach London zu kommen; dort arbeitete sie bis zu ihrem Tod; Melanie Klein trug mit ihren Schriften wesentlich zur Entwicklung der modernen Psychoanalyse und insbesondere zur Ausbildung der Objektbeziehungstheorie bei; bahnbrechend waren ihre Werke zur "Psychoanalyse des Kindes" (Melanie Klein ging davon aus, dass selbst Babys analytisch behandelbar sind); während die Psychoanalyse Freuds einen starken Schwerpunkt auf das Konzept der Triebe legte und den Menschen dadurch (tendenziell) als Einzelwesen betrachtete, lenkte Melanie Klein die Aufmerksamkeit der Psychoanalyse verstärkt auf frühkindliche Entwicklungen und die Eltern-Kind-Interaktion; sie vertrat den Gedanken, dass die Art und Weise, wie ein Mensch die Welt wahrnimmt, und mit welchen Erwartungen er an sie herantritt, durch seine Beziehungen zu wichtigen frühen Bezugspersonen ("Objekten") geprägt wird; diese Objekte können im Grundsatz geliebt oder gehasst werden; hierin blieb Melanie Klein dem Freudschen Triebkonzept von Libido und Todestrieb treu; Melanie Kleins Thesen zum frühkindlichen Sadismus brachten ihr im Kollegenkreis den Beinamen "Königin der Nacht" ein
  • 16.4.1882–7.10.1934: Felix Goldmann, geb. in London, gest. in Leipzig, führender liberaler Rabbiner, 1907-1917 in Oppeln, danach in Leipzig; "Der Jude im deutschen Kulturkreis", 1930
  • 17.4.1882–15.8.1951: Artur Schnabel (Arthur Schnabel), geboren in Lipnik/Schlesien, gest. in Axenstein am Vierwaldstättersee, einer der grössten Klavierspieler (vor allem Beethoven-Interpretationen) und insgesamt beispielgebende Erscheinung für die Musikkultur seiner Zeit schlechthin; Anhänger grösster, nach Schönberger "verbrecherischer" Werktreue; als Komponist eigenwillig-abstrakt (u. a. eine Symphonie, ein Klavierkonzert, Kammermusik, Klavierstücke und Lieder); interpretierte Beethoven, Mozart, Schubert und Brahms, anerkannter Klavierpädagoge mit überall in der Welt verstreuten Schülern; seit 1920 in Berlin, 1925-1933 dort Prof. an der Staatlichen Hochschule für Musik; 1933 Emigration nach England (London), 1939 in die USA (New York); Dr. h. c. der Universität Cambridge; 1913 "aus dem Judentum ausgetreten"; Memoiren 1961; Schnabels Mutter hatte 1933 Deutschland nicht verlassen, sie wurde nach Theresienstadt deportiert und kam dort um
  • 22.4.1882–30.6.1950: Max Wiener, geb. in Oppeln, Oberschlesien; gest. in New York, deutscher Rabbiner, Philosoph und Theologe; er galt neben Leo Baeck als der bedeutendste Vertreter des liberalen Judentums in Deutschland; 1906 Promotion (Universität Breslau) über Fichte; 1907 Smicha; 1908-1912 Rabbinatsassistent in Düsseldorf ; 1912 Rabbiner in Stettin, ab 1917 Frontrabbiner im Ersten Weltkrieg; seit Schawuot 1926 Gemeinderabbiner in Berlin, dort später auch der erste "Studentenseelsorger"; seit Sommersemester 1924 Hochschuldozent in Berlin an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums (zunächst als Vertreter, dann als Nachfolger Julius Guttmanns); Mitherausgeber des Jüdischen Lexikons 1927-1930; 1939 Emigration in die USA, tätig am Hebrew Union College; 1941 Rabbiner in Fairmont, West Virginia, seit 1943 Rabbiner in New York (Habonim Gemeinde, deutsche liberale Flüchtlingsgemeinde, zuständig als "Special Rabbi" für die Bildungsarbeit); Hauptwerke: Jüdische Religion im Zeitalter der Emanzipation, 1933; deutsche Bibelübersetzung 1934-1936; Werkausgabe Abraham Geigers mit biographischer Einleitung, 1962
  • 27.4.1882: Robert Eisler in Wien geboren, Religionswissenschaftler, Kunsthistoriker mit weitem Betätigungsfeld und interessantem Schrifttum; „Jesus Basileus“, 1929; er starb 1949 in Oxted, Surrey
  • 2.5.1882–1945: Georg Kars (Georges Kars, eigentlich Karpeles, auch Jiri Kars, Jiří Karpeles), tschechisch-jüdischer Maler und Zeichner (Landschaften, Akt); in Kralupy bei Prag geboren, seit 1908 in Paris; Konstruktivist
  • 9.5.1882–19.6.1933: Jossele Rosenblatt (Josef Rosenblatt), geb. in Belaja Zerkow (damals Russisches Reich), gest. in Jerusalem, legendärer Kantor und Komponist mit chassidischem Hintergrund, gilt als "der grösste der Kantoren" und wurde "König der Chasanim" genannt
  • 13.5.1882–11.9.1946: Leopold Fleischhacker, geb. in Felsberg, Bez. Kassel, gest. in Uccle/Ukkel, Belgien, jüdischer Bildhauer, auch Porträtist und Medailleur, lebte in Düsseldorf, Bau- und Denkmalplastik, Tierplastiken und Plaketten; 1926 Reliefs für den Jüdischen Pavillon der Hygieneausstellung in Düsseldorf (GeSoLei)
  • 13.5.1882: Gotthold Weil in Berlin geboren, deutsch-jüdischer Islamist, 1918-1931 Direktor der orientalischen Abteilung der Preussischen Staatsbibliothek Berlin, seit 1935 Direktor der Nationalbibliothek Jerusalem
  • Mai 1882: Maigesetze (Russland)
  • 19.5.1882–9.1.1915: Walter Heymann (Walther Heymann), geb. in Königsberg, gefallen bei Soissons, Schriftsteller, Rechtsreferendar; erweckte durch seine Gedichte "Springbrunnen" (1906) und die "Nehrungsbilder" (1909) grosse Hoffnungen; er schilderte in ebenso starker wie inniger Weise die grossartige Monotonie der östlichen Ebene und der grauen See; er fiel beim Sturmangriff auf Soissons; weitere Werke: Feldpostbriefe 1915; Das Tempelwunder, 1916 (Novelle); Die Tanne, 1917; Von Fahrt und Flug, 1919; Kriegsgedichte, 1922
  • 6.6.1882–3.4.1952: Rudolf Ladenburg (Walter Rudolf Ladenburg, entstammte der bekannten jüdischen Familie Ladenburg aus Mannheim, war Sohn des Chemikers Albert Ladenburg und der Margarethe Pringsheim), Physiker, geb. in Kiel, gest. in Princeton, New Jersey, USA; studierte bei Wilhelm Conrad Röntgen, dann Promotion, Habilitation, Professur; im Ersten Weltkrieg leitete er die von ihm gegründete Schallmessabteilung der Artillerie-Prüfungskommission in Berlin (Mitarbeiter von ihm waren zu diesem Zeitpunkt u. a. Max Born und Alfred Landé); 1924 übernahm Ladenburg die Abteilung für Atomphysik am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem; 1932 emigrierte er in die USA und arbeitete am „Manhattan Project“ mit; zuvor war er Experte u. a. für Minen und Torpedos; am 28.5.1950 wurde Ladenburg im Beisein Einsteins in den Ruhestand verabschiedet
  • 11.7.1882–29.10.1927: Leonard Nelson, geb. in Berlin, gest. in Göttingen (Melsungen?) (am 19.10.1927?), Philosoph, Nachkomme Moses Mendelssohns, Sohn eines Anwalts, schon als Kind getauft, seit 1919 a. o. Prof. in Göttingen, erneuerte die Fries'sche Philosophie; arbeitete über ethische Probleme; "Rechtswissenschaft ohne Recht" (1917); "Über die Grundlagen der Ethik", 3 Bde. (1917-1932); "Ethischer Realismus", 1921; 1926 gründete er den Internationalen Sozialistischen Kampfbund; 9 Bände Ges. Schriften, 1962-1976
  • 11.7.1882–22.3.1943: Harry Dember, geb. in Leimbach (Südharz, Sachsen-Anhalt), gest. in New Brunswick (New Jersey), Physiker, seit 1914 Prof. an der TH Dresden, emigrierte 1933-1941 an die Universität Istanbul, dann in die USA; bestimmte die Avogadrosche Zahl/Loschmidtsche Zahl (spektroskopische Untersuchungen auf Teneriffa), fand die Loslösung der Ionen aus dem Kristallgitter; dieser "Dember-Effekt" ergab die Existenz einer Art von Kanalstrahlen im Kristall (bekannteste Anwendung ist die Solarzelle); er war befreundet mit Prof. Dr. Victor Klemperer; im Andenken Harry Dember und seine wissenschaftliche Leistung vergibt die TU Dresden den Dember-Preis; auch eine Strasse in Dresden trägt seinen Namen
  • 14.7.1882–14.8.1938: Abraham Zvi Idelsohn, geb. in Filzburg bei Libau (Kurland; Lettland), gest. Johannesburg, bedeutender jüdischer Musikforscher. Ausbildung als Kantor in Russland, Musikstudium in Königsberg, London, Berlin und Leipzig; 1903 Kantor in Regensburg, 1905 Kantor in Johannesburg (Südafrika); 1906 Übersiedlung nach Jerusalem, wo er sich als Musiklehrer und Kantor speziell dem Studium der orientalischen Musik widmete und 1910 ein Institut für jüdische Musik gründete; mit Hilfe eines Stipendiums der Wiener Akademie nahm Idelsohn von 1906 bis 1921 Gesänge orientalischer Juden in Jerusalem auf Schallplatten auf und transkribierte sie; diese Transkriptionen füllen fünf Bände seines zehnbändigen Hauptwerks „Hebräisch-orientalischer Melodienschatz“; der erste Band erschien 1914 und war der jemenitisch-jüdischen Tradition gewidmet, der letzte Band erschien 1932; während des ersten Weltkriegs war Idelsohn als Militärkapellmeister der türkischen Armee in Gaza stationiert; 1919 kehrte er nach Jerusalem zurück, hielt im Sommer 1921 Vorträge in Berlin und Leipzig und ab 1922 in den USA, wo er 1924 am Hebrew Union College in Cincinnati die erste Professur für jüdische Musik erhielt (1924-1928 erschien seine „Geschichte der jüdischen Musik“ auf hebräisch, 2 Bände); seit 1930 litt er unter gesundheitlichen Problemen und war ab 1934 nicht mehr in der Lage zu arbeiten; 1937 reiste er zu seiner Familie nach Johannesburg, wo er im Jahr darauf starb. Die herausragende Leistung von Idelsohn liegt in seiner Entdeckung der orientalischen jüdischen Gemeinden mit ihrer traditionsreichen musikalischen Kultur sowie in der Erweiterung des Allgemeinwissens über jüdische Musik von der aschkenasischen auf die sephardischen und nahöstlichen Traditionen; seine über 1 000 Feldaufnahmen sind von unschätzbarem Wert, da die Bedingungen der kulturellen Isolation, unter denen sie entstanden, heute nicht mehr gegeben sind; er war einer der ersten Musikethnologen, die der mündlichen Überlieferung das nötige Gewicht beimassen; neben seinen musikalisch-liturgischen Studien erforschte er auch orientalische Sprachen und Poesie sowie die arabischen Maqam-Techniken; Idelsohn komponierte auch und hat eine chasidische Melodie zum berühmten Volkslied Hava Nagila verarbeitet und mit Text versehen
  • 22.7.1882: Emil Lederer geboren in Pilsen, Nationalökonom (Theorie der Sozialpolitik), o. Prof. Heidelberg, Berlin, New York, erforschte die soziale Frage und Schichtung im Kapitalismus
  • 21.8.1882–1954: Dr. phil. Hermann Schreiber, geb. in Schrimm (heute Śrem in Polen), gest. in Berlin (in der Synagoge Pestalozzistrasse nach einer dort gehaltenen Predigt), Rabbiner in Potsdam und Publizist
  • 26.8.1882–21.5.1964: James Franck, geb. in Hamburg, gest. in Göttingen, hervorragender Physiker, dem Judentum entfremdet; Kriegsteilnehmer, war 1920-1933 Prof. in Göttingen, 1933 emigrierte er in die USA und war seit 1935 Prof. der Universität Baltimore (Johns Hopkins) und Chicago; er hatte in Berlin Untersuchungen über Energieabgabe von Elektronen beim Zusammenstoss mit Gasatomen durchgeführt und dafür 1925 (verliehen 1926) den Physik-Nobelpreis (experimentelle Bestätigung der Bohrschen Atomtheorie) erhalten; in den USA arbeitete er im Zweiten Weltkrieg an dem Projekt der Verwertung der Kernenergie mit, warnte aber 1945 vor den Folgen des Einsatzes von Atombomben in Japan (berühmter "Franck-Report"); 1953 wurde er Ehrenbürger von Göttingen; Hauptwerk: Die Elektronenstossversuche, 1967
  • 28.8.1882–15.6.1940: Ernst Weiss, geb. in Brünn, gest. (Selbsttötung) in Paris, österreichisch-jüdischer Arzt und Schriftsteller, phantasievoller Erzähler; Sohn des Tuchhändlers Gustav Weiss und dessen Ehefrau Berta Weinberg; studierte Medizin in Prag und Wien (Promotion 1911); aus dieser Zeit ist ein Briefwechsel mit Martin Buber erhalten; 1912/1913 hatte er eine Anstellung als Schiffsarzt beim österreichischen Lloyd; als solcher kam er u. a. nach Indien und Japan; während eines Urlaubs in Berlin machte er die Bekanntschaft von Franz Kafka; dieser bestärkte ihn darin zu schreiben; im selben Jahr noch debütierte Weiss mit seinem Roman „Die Galeere“ (1913); 1914 im ersten Weltkrieg als Regimentsarzt in Ungarn und Wolhynien; nach Kriegsende liess er sich als Arzt in Prag nieder, Tätigkeit im Allgemeinen Krankenhaus in Prag; ab 1920 freier Schriftsteller in Berlin; in Nebentätigkeit Mitarbeiter beim Berliner Börsen-Courier; kurz nach dem Reichstagsbrand (27.2.1933) Rückkehr nach Prag; dort pflegte er seine Mutter bis zu deren Tod 1934; vier Wochen später emigrierte er nach Paris; da er dort als Arzt nicht arbeiten durfte, begann er für verschiedene Emigrantenzeitschriften zu schreiben, konnte aber nicht davon leben; finanzielle Unterstützung erhielt er in dieser Zeit von Thomas Mann und Stefan Zweig; Ernst Weiss’ letzter Roman „Der Augenzeuge“ wurde 1939 geschrieben; als Weiss am 14. Juni den Einmarsch der deutschen Truppen in Paris von seinem Hotel aus miterleben musste, beging er Suizid, nahm Gift in seinem Hotelzimmer und schnitt sich anschliessend in der Badewanne die Pulsadern auf; der Versuch, sich damit zu töten, gelang aber nicht sofort; zwar stirbt er an den Folgen, doch erst in der darauffolgenden Nacht in einem nahegelegenen Pariser Krankenhaus; seine Selbsttötung bildete die literarische Vorlage für den Roman „Transit“ von Anna Seghers; seit seinem Tod ist ein grosser Koffer mit unveröffentlichten Manuskripten verschwunden, die Lage seines Grabes ist noch ungeklärt; in den Jahren 1926 bis 1931 lebte und wirkte Dr. Ernst Weiss in Berlin-Schöneberg; am Haus Luitpoldstrasse 34 erinnert daran eine Gedenktafel; Werke: Die Galeere (Roman), 1913; Der Kampf (Roman), 1916; Tiere in Ketten (Roman), 1918; Das Versöhnungsfest. Eine Dichtung in vier Kreisen, 1918; Mensch gegen Mensch, 1918; Tanja. Drama in 3 Akten, 1919; Stern der Dämonen (Erzählung), 1920; Nahar (Roman), 1922; Hodin (Erzählung), 1923; Die Feuerprobe (Roman), 1923; Atua (Erzählungen), 1923; Der Fall Vukobrankovics (Kriminalreportage), 1924; Männer in der Nacht (Balzac-Roman), 1925; Dämonenzug (Erzählungen), 1928; Boetius von Orlamünde (Roman), 1928 (seit 1930 als „Der Aristokrat“); Das Unverlierbare (Essays), 1928; Georg Letham. Arzt und Mörder (Roman), 1931; Der Gefängnisarzt oder die Vaterlosen (Roman), 1934; Der arme Verschwender (Roman), 1936; Jarmila (Novelle), 1937; Der Verführer (Roman), 1937; Ich, der Augenzeuge (evtl. der erste Hitler-Roman) bzw. wegen Rechtsstreitigkeiten um den Titel: Der Augenzeuge, 1963/1986/2000; Gesammelte Werke, 16 Bände, suhrkamp 1982
  • 2.9.1882–13.3.1937: Paul Bekker (Max Paul Eugen Bekker), geb. in Berlin, gest. in New York, deutscher (jüdischer Herkunft) Dirigent, Intendant und zudem einer der einflussreichsten Musikkritiker im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts; er war Schüler von F. Rehfeld, B. Horwitz und A. Sormann; er debütierte als Geiger (erster Violinist) bei den Berliner Philharmonikern und ging dann als Dirigent nach Aschaffenburg und Görlitz; ab 1906 war Bekker als Musikkritiker und Schriftsteller tätig; er schrieb für die Berliner Neuesten Nachrichten, ab 1909 für die Berliner Allgemeine Zeitung, 1911-1922 für die Frankfurter Zeitung; 1919 prägte er den Begriff "Neue Musik" und setzte sich fortan für deren erste Wegbereiter ein: Gustav Mahler, Franz Schreker, Arnold Schönberg, Ernst Krenek; 1925 wurde er auf Anregung Leo Kestenbergs, dessen aufgeschlossener und an Volksbildung orientierter Kulturpolitik Bekker nahe stand, Generalintendant zunächst des Staatstheaters Kassel und ab 1927 des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden; 1933 wurde Bekker entlassen, weil er "Halb-Jude" war; im darauf folgenden Jahr emigrierte er in die USA; dort schrieb er vor allem für die Emigrantenpresse; parallel zu Paul Bekker förderte seine Ehefrau Hanna Bekker, geborene vom Rath, neue Wege der Bildenden Kunst; nach Ende des Zweiten Weltkriegs half sie, im Ausland den Ruf Deutschlands als Kulturnation wieder herzustellen, indem sie in beiden Teilen des amerikanischen Kontinents, in Südafrika und in Indien Vorträge hielt und Ausstellungen veranstaltete; 1947 gründete sie das Kunstkabinett am Frankfurter Börsenplatz
  • 20.9.1882–30.11.1962: Ossip Bernstein (Осип Самойлович Бернштейн), geb. in Schytomyr, gest. in einem Sanatorium in den französischen Pyrenäen, russisch-ukrainisch-jüdischer Schachspieler; er stammte aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie und ging 1901 nach Deutschland, um dort Rechtswissenschaften zu studieren; er gewann mehrere Turniere der Berliner Schachgesellschaft, war auch ein guter Simultanspieler; 1906 promovierte er an der Universität Heidelberg in Rechtswissenschaften und wurde erfolgreicher Anwalt in Vermögensfragen; Übersiedlung nach Moskau; beim Turnier Kiew 1903 wurde er Zweiter hinter Tschigorin; bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs beteiligte er sich an vielen bedeutenden Turnieren und landete immer auf den vorderen Plätzen; 1911 gewann er einen Wettkampf gegen Winawer; beim Allrussischen Nationalturnier 1912 in Wilna wurde er Zweiter hinter Akiba Rubinstein; 1914 gewann er eine Partie gegen Weltmeister Emanuel Lasker; nach der Oktoberrevolution, bei der er sein Vermögen verlor, emigrierte er mit seiner Frau und zwei Kindern nach Paris und wurde dort ein angesehener Rechtsanwalt; er nahm nur noch sporadisch an Turnieren teil, verlor allerdings kaum an Spielstärke und konnte 1933 einen Trainingswettkampf gegen Weltmeister Aljechin unentschieden halten; 1940 musste Bernstein vor den Nationalsozialisten nach Spanien fliehen, kehrte aber nach Ende des Zweiten Weltkrieges nach Frankreich zurück; 1950 Grossmeister; 1954 gewann er noch eine Partie gegen Najdorf in Montevideo; Bernsteins beste historische Elo-Zahl betrug 2 688, damit gehörte er 1906 zu den zehn besten Spielern der Welt
  • 3.10.1882–26.3.1948: Jakob Klatzkin (auch: Jacob/Jakov/Yakov/Jakub Klaczkin, russisch Яков Клачкин, hebräischer philosophischer Schriftsteller und nationaljüdischer Publizist; er war der Sohn von Rabbi Elijahu Klaczkin (Elija ben Naftali Herz Klatzkin, der Lubliner Raw, 1852 Oschpol - 1932 Jerusalem); Jakob Klatzkins Lebensdaten differieren je nach Quelle: geboren in Kartuskaja Beresa, Polen: 1892 (Tetzlaff, unwahrscheinlich), 10. März 1882 (Schoeps), 3. Oktober 1882 (Kühntopf mit Wikipedia englisch und anderen Quellen);gestorben am 28. März 1948 in New York (Schoeps; Tetzlaff: 1948 New York; vermutlich beide falsch), 26.3.1948 in Vevey, Schweiz (Kühntopf mit Wikipedia englisch [Ort] und anderen Quellen [Ort und Datum]; ja, so dürfte es stimmen: zusätzliche familiengeschichtliche Quelle: "er kehrte vor seinem Tod in die Schweiz zurück und starb dort"); Jakob Klatzkin studierte ab etwa 1900 bei Hermann Cohen in Marburg Philosophie, entfernte sich aber schnell von diesem und näherte sich Positionen, die bereits Baruch Spinoza (Klatzkin übersetzte dessen Ethik ins Hebräische), viel später in antiintellektualistisch-vitalistisch abgewandelter Form Bergson vertreten sollten; von 1909 bis 1911 gab Klatzkin das zionistische Organ Die Welt heraus, von 1912-1915 die "Freien Zionistischen Blätter" (nicht zu verwechseln mit den gleichnamigen "radikal-zionistischen" Publikationen, die Klatzkin gemeinsam mit N. Goldmann über einige Monate des Jahres 1921 herausgab); Jakob Klatzkin gründete 1923 in Berlin-Charlottenburg gemeinsam mit Nachum Goldmann den Eschkol-Verlag, war (1927-1934) Begründer und (gemeinsam mit N. Goldmann und Ismar Elbogen) Herausgeber der Encyclopaedia Judaica und auch ihrer hebräischen Parallelausgabe (zehn deutsche Bände, zwei hebräische Bände; durch die Nationalsozialisten erzwungene Einstellung des ambitionierten Unternehmens); er gab u. a. auch den Thesaurus Philosophicus Linguae Hebraicae heraus (4 Bände, 1926 ff.) und erwarb sich damit ein bleibendes Verdienst um die neuhebräische Philosophie und die Entwicklung der ihr eigenen Fachterminologie; Klatzkin war ein radikaler Galutverneiner, der den völligen Untergang der Juden ausserhalb Palästinas sah, nur Territorium und faktische Macht anerkannte, hingegen kulturelle, spirituelle Aspekte des Judentums oder gar einen (schädlichen) Erwählungsglauben als völlig irrelevant betrachtete; 1941 entkam er dem Morden in Europa und ging über die Schweiz in die USA, und dort an das College of Jewish Studies in Chicago; in akademischen Kreisen in Israel findet er bis heute kaum Anerkennung für sein geleistetes Werk; Werke (Auswahl): otzar munahim ha-philosophim (philosophische Termini, 4 Bände, in Berlin erschienen); mischnat rischonim (philosophische Anthologie, erschienen in Berlin); schkijatahajim (philosophische Diskussionen; erschienen in Berlin);'trumim, zutot (postum); mischnat achonim (postum); tavim (postum); Probleme des modernen Judentums, Berlin 1918 (wirkungsgeschichtlich einflussreiche Reflexion seiner zionistischen Positionen); Hermann Cohen, Berlin 1919; Krisis und Entscheidung im Judentum, Berlin 1921 (ähnlichen Inhalts wie "Probleme ... ); Der Erkenntnistrieb als Lebens und Todesprinzip, Zürich 1935
  • 24.10.1882–30.10.1953: Emerich Kálmán (Emmerich Kalman; eigentlich: Imre Koppstein), geb. in Siópk (Siófok am Plattensee, Ungarn), gest. in Paris, erfolgreicher Operettenkomponist, der "König der Wiener Operette" ("Silberne Operettenära", zusammen mit Franz Lehár und anderen); typisch für ihn: grosser Melodienreichtum, starker rhythmischer Schwung, geistreiche Orchestrierung des Gesamtwerks; wichtigstes Werk: ‚"Die Csárdásfürstin", 1915 (einer der grössten Operettenerfolge aller Zeiten überhaupt; darin u. a.: "Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht" und "Tanzen möcht' ich, jauchzen möcht' ich"); lebte bis 1892 in Siófok, besuchte in Budapest die Musikschule, lebte seit 1908 in Wien, die Jahre nach dem "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland verbrachte der Komponist im Exil in Frankreich und (seit 1940) in den USA; er sagte u. a.: "Das Operettenpublikum will unter Tränen lachen. Das ist genau das, was die Juden seit der Zerstörung Jerusalems nun schon zweitausend Jahre lang tun"; von seinen Operetten sind die bekanntesten: Ein Herbstmanöver, 1909 (aus dem Milieu der k.u.k. Armee; 1908 als "Tatárjárás"); Der Zigeunerprimas, 1912 (Libretto von Fritz Grünbaum und Julius Wilhelm; darin "Oh komm' mit mir, ich tanz' mit dir ins Himmelreich hinein"); Die Csardasfürstin, 1915; Die Faschingsfee, 1917; Gräfin Mariza, 1924 (mit dem Evergreen "Komm mit nach Varasdin, solange noch die Rosen blühn" und "Komm, Zigan, komm, Zigan, spiel mir was vor"); Die Zirkusprinzessin, 1926 (darin: "Mein heissgeliebter Iwan"); Kaiserin Josephine, 1936; Arizona Lady, 1954; weitere Operetten: Az Obsitos, 1910; The Blue House, 1912; Der kleine König, 1912; Gold gab ich für Eisen, 1914; Zsuzsi kisasszony (Fräulein Susi), 1915; Das Hollandweibchen, 1919 (darin das Trinklied "Ein Glaserl Wein"); Die Bajadere, 1921; Golden Dawn, 1927; Die Herzogin von Chikago, 1928 (Jazz-Operette); Das Veilchen vom Montmartre, 1930 (mit dem "Mondlied" "Du guter Mond"); Der Teufelsreiter, 1932 (darin: "So verliebt kann ein Ungar nur sein"); Marinka, 1945; daneben u. a. "Heut' Nacht hab' ich geträumt von dir", 1930 (der vielleicht beste Musikschlager der Welt in Tangoform); -- Briefmarke der Republik Österreich, ausgegeben am 1.2.1974
  • 29.10.1882–14.3.1955: Dr. Jenő Fuchs, geb. und gest. in Budapest, ungarisch-jüdischer Fechter; er gewann insgesamt vier Goldmedaillen bei Olympischen Spielen im Säbelfechten; sowohl bei den Spielen 1908 in London als auch vier Jahre später bei den Sommerspielen 1912 in Stockholm gewann er im Einzel und auch mit der ungarischen Säbelmannschaft; er hatte nie irgendeinem Fechtclub angehört
  • 2.11.1882-25.8.1957: Leo Perutz (Leopold Perutz), österreichischer Schriftsteller, geb. in Prag, gest. in Bad Ischl; er emigrierte als Jude 1938 nach Tel Aviv; historische und fantastische Romane: „Der Marques de Bolibar“, 1920; „Der Meister des jüngsten Tages“, 1923; „Nachts unter der steinernen Brücke“, 1953; „Der Judas des Leonardo“ (postum) 1959; Leo Perutz war das ältestes von vier Kindern des Textilkaufmanns Benedikt und seiner Frau Emilie Perutz, geborene Österreicher; die Familie war jüdisch-spanischer Abstammung und seit mindestens 1730 in Rakonitz, einer Kleinstadt etwa 50 km von Prag entfernt, ansässig; die Familie war weitgehend säkularisiert und nur wenig religiös; neben Leo gab es noch drei jüngere Geschwister, die Brüder Paul (geb. 1885) und Hans (geb. 1892) und die Schwester Charlotte (geb. 1888); die Geschichte der Familie beschreibt im Gegenzug zur Assimilation einen Aufstieg vom Manufakturwarenhandel des Grossvaters in der Kleinstadt Rakonitz über die Textilfabriken des Vaters und Onkels in Prag bis zum erfolgreichen Textilhandel der Brüder in Wien; der in der Familie als schwieriges Kind angesehene Leo musste schon in Prag die Schule wechseln und verliess das Gymnasium nach dem Umzug der Familie nach Wien (1901) ohne Matura; als Gasthörer an der dortigen Universität und Technischen Hochschule bildete er sich zum Versicherungsmathematiker aus und wurde anschliessend von der Assicurazioni Generali in Triest (1907/1908, für die auch Kafka tätig war), dann von der »Anker«-Versicherung in Wien (1908-1923) angestellt; finanziell blieb er trotz des Gehalts und Einnahmen aus seinen erfolgreichen Romanen lebenslang von der Familie abhängig; August 1915 Einberufung als Landsturm-Infanterist, am 4.7.1916 an der Ostfront lebensgefährliche Verletzung durch einen Lungenschuss; anschliessend langwierige Spitalaufenthalte, Beförderung zum Landsturm-Leutnant; Dienst im Kriegspressequartier, dort enger Kontakt mit Egon Erwin Kisch; 1918 heiratete er die dreizehn Jahre jüngere Arzttochter Ida Weil; ihr Tod (an Lungenentzündung) im Jahre 1928, kurz nach der Geburt des 3. Kindes (Felix), warf Leo Perutz aus seiner erfolgreichen Laufbahn; die persönliche Krise konvergierte mit der politischen Krise in Österreich, während der er sich zeitweise für die Sozialdemokratie engagierte; 1935 erneut Heirat, und zwar mit Grete Humburger (geb. 1904); der 1936 erschienene Roman »Der schwedische Reiter« durfte nicht mehr nach Deutschland ausgeliefert werden; nach dem »Anschluss« Österreichs gelang Leo Perutz im Juli 1938 die Emigration nach Palästina; seine Erfahrungen aus dieser Zeit gingen teilweise in das Romanfragment »Mainacht in Wien« ein; in Haifa vermisste er das gewohnte Wiener Caféhausmilieu mit der Möglichkeit, seine Romanideen erzählend weiterzuentwickeln; er gab die Existenz als freier Schriftsteller auf und arbeitete wieder als Versicherungsmathematiker; auch der Versuch, nach dem Krieg wieder in der deutschsprachigen Literatur Fuss zu fassen, scheiterte; es entstanden nur noch zwei (bedeutende) Romane; - erste literarische Versuche begannen in dem von Richard A. Bermann (Pseud.: Arnold Höllriegel) noch während der Schulzeit gegründeten Verein »Freilicht«, dem u. a. auch Ernst Weiss und Berthold Viertel angehörten; das literarische Werk von Leo Perutz besteht zum grossen Teil aus historischen Romanen, deren Erzähltechnik zwar an den Realisten des 19. Jhdts. geschult ist, deren Zentrum aber die im Wien der Vorkriegszeit virulente Identitätsproblematik bildet; nicht durch Introspektion, sondern durch Projektion der Antinomien des Ich auf historische Figuren und Ereignisse wird die Fragilität der Persönlichkeit aufgezeigt; die Ergebnisse umfangreicher Quellenstudien gehen in die Romane u. a. in Form von detailreichen, schicht- und epochenspezifischen Ausdrücken ein, so dass der Leser den Eindruck »prallen Lebens« erhält; Leo Perutz wendet sich der Eroberung Mexikos durch Cortez zu (»Die dritte Kugel«, 1915), dem Freiheitskampf der Spanier gegen Napoleon (»Der Marques de Bolibar«, 1920), dem französischen 17. Jahrhundert (»Turlupin«, 1923), dem schwedischen Krieg zu Beginn des 18. Jahrhunderts (»Der schwedische Reiter«, 1936), dem Prag Rudolfs II. (»Nachts unter der steinernen Brücke«, 1953) und der italienischen Renaissance (»Der Judas des Leonardo«, posthum 1959); daneben entstehen zeitgenössische Romane und Gemeinschaftsarbeiten (auch Dramen und Hugo-Übersetzungen) mit anderen Autoren, die Perutz selbst überwiegend als Unterhaltungsliteratur klassifizierte; der historische Hintergrund erlaubt es Perutz, ungezwungen Bestandteile theologischer und magischer Weltbilder nicht nur zu zitieren, sondern für die Erzählkonstruktion fruchtbar zu machen; so erscheint in den Romanen ein Weltentwurf, demzufolge der Mensch dem Schicksal erbarmungslos ausgeliefert ist; seine Würde erhält er aber nicht etwa in dessen Anerkennung, sondern in der (letztlich erfolglosen) Revolte; gegen die nach unerbittlichen Gesetzen der Ökonomie ablaufende Geschichte können sich Liebe, Gnade und Menschlichkeit nur temporär und nur auf dem Umweg über Lüge und Schein behaupten; damit aber gehören sie auch in das Gebiet der Kunst, die im Medium des Scheins das Glück gegen die gnadenlose Wahrheit der Geschichte rettet; von Beginn an ziehen sich das Verhältnis zwischen Christen und Juden und der Antisemitismus beiläufig durch das Werk, schliesslich ausgearbeitet in dem schon 1924 begonnen Prag-Roman »Nachts unter der steinernen Brücke« (1953); die jüdische Tradition wird darin unter der Voraussetzung ihres katastrophalen Endes durch den Nationalsozialismus und in ihrer Verflochtenheit mit der christlichen Tradition in vielfältiger Spiegelung aufgehoben; Leo Perutz hat eines der originellsten erzählerischen Werke der ersten Jahrhunderthälfte hinterlassen, dessen Bedeutung nach einer ersten Rezeptionswelle im Rahmen von Theorien »phantastischer Literatur« erst seit den späten 1980er Jahren erkannt wird; sein Nachlass wird verwahrt im Deutschen Exilarchiv 1933-1945 und in der Deutschen Bibliothek, Frankfurt am Main. – Werke: Die dritte Kugel. München 1915; Das Mangobaumwunder. Eine unglaubwürdige Geschichte. München 1916 (mit Paul Frank); Zwischen neun und neun. Roman. München 1918; Das Gasthaus zur Kartätsche. Eine Geschichte aus dem alten Österreich. München 1920; Der Marques de Bolibar. Roman. München 1920; Die Geburt des Antichrist. Wien, Berlin, Leipzig, München 1921; Der Meister des Jüngsten Tages. Roman. München 1923 (Zitat Siegfried Kracauer: "Wer von Leo Perutz' Der Meister des Jüngsten Tages das Gruseln nicht lernt, der lernt es gewiss nimmermehr"); Turlupin. Roman. München 1924; Der Kosak und die Nachtigall. Roman. München 1928 (mit Paul Frank); Wohin rollst du, Äpfelchen... Roman. Berlin 1928; Die Reise nach Pressburg. Schauspiel in 3 Akten (9 Bildern) mit einem Vor- und einem Nachspiel v. L. P. Wien 1930; Herr, erbarme Dich meiner! Novellen. Wien 1930; St. Petri-Schnee. Roman. Berlin, Wien, Leipzig 1933; Morgen ist Feiertag. Komödie in fünf Bildern v. Hans Sturm und L. P. Wien 1935; Der schwedische Reiter. Roman. Wien 1936; Warum glaubst Du mir nicht? Komödie in drei Akten. Wien 1936 (mit Paul Frank); Nachts unter der steinernen Brücke. Ein Roman aus dem alten Prag. Frankfurt 1953; Der Judas des Leonardo. Roman. Wien, Hamburg 1959; Mainacht in Wien. Romanfragmente. Kleine Prosa. Feuilletons. Aus dem Nachlass. Hrsg. v. Hans-Harald Müller. Wien 1996. Übersetzungen und Bearbeitungen: Das Jahr der Guillotine. Roman v. Victor Hugo. Bearbeitet v. L. P. und Oswald Levett. Berlin 1925; Flammen auf San Domingo. Roman nach Victor Hugo's »Bug-Jargal«. Berlin 1929 (nach einer Übersetzung v. Josef Kalmer). Versicherungswissenschaftliche Aufsätze: Über Sterblichkeitsgewinn. In: Der National-Oekonom. Zeitschrift für Volkswirtschaft und Statistik, Jg. 22, Nr. 34 v. 1.12. 1909; Zum Kapitel der Dividendenrechnung. In: Mitteilungen des Österreichisch-ungarischen Verbandes der Privat-Versicherungs-Anstalten, Neue Folge, Bd. 5. Wien 1910; Zinsfussschwankung und Dividendenquote. In: Oesterreichische Revue. Organ für Assekuranz und Volkswirtschaft, Jg. 35, Nr. 37 v. 12.9. 1910; Die theoretischen Grundlagen der mechanischen Ausgleichung. In: Oesterreichische Revue. Organ für Assekuranz und Volkswirtschaft, Jg. 36, 1911; Jg. 37; Sonstige Schriften: Dietrichstein in allen Lebenslagen. Authentischer Text seiner Aussprüche, zur Erbauung seiner Gemeinde kodifiziert v. seinen Bewunderern. O. O. (Wien) 1918 (Verfasserschaft und Datierung laut Tagebucheintragung v. P.); Die Feldgerichte und das Volksgericht. Wien 1919 (Verfasserschaft laut Tagebucheintragung v. P.)
  • Nov. 1882–1944: Isaak Raboy (Eisik Raboi, auch: Isaac Raboy), geb. in Sawalia auf dem Gebiet des früheren Kongresspolen; gest. 1944, jiddisch-amerikanischer Romanschriftsteller, der zur Gruppe Di Junge gerechnet wird und vor allem mit seiner Erzählung Der jüdische Cowboy in Erinnerung geblieben ist; geboren in Sawalia, übersiedelte er mit seiner Familie nach Rischkani in Bessarabien, lernte dort die russische Literatur kennen und begann in Russisch, Hebräisch und Jiddisch zu schreiben; im Jahr 1904 wanderte er nach Amerika aus, wurde ein Anhänger Ignatoffs und lernte dort auch David Pinski kennen; in dessen Zeitschrift Der Arbeiter konnte Raboy in der Folge eine Vielzahl seiner Artikel platzieren; Isaak Raboy begeisterte sich für dasLandleben und die Landwirtschaft, besuchte in den Jahren 1908 bis 1910 eine Ackerbauschule und erhielt bald eine Stelle als Farmer in North Dakota, wo er einige Jahre verbrachte; 1913 kehrte er enttäuscht nach New York zurück, versuchte sich als Geschäftsmann und musste schliesslich in einer Fabrik arbeiten; die ganze Zeit über war er nebenher auch literarisch tätig; sein erster Roman aus dem jüdischen Leben in der Weite der amerikanischen Natur (Herr Goldenberg) wurde ein grosser Erfolg, ebenso die Romane, die er in der nun folgenden Dekade schrieb; einige seiner Erzählungen erschienen auch in der Zukunft und in anderen Zeitschriften, daneben trat er auch als Verfasser einiger Dramen hervor; 1928 wurde er ständiger Mitarbeiter bei der Freiheit und beim Hammer; Isaak Raboy erweiterte das Feld der jiddischen Literatur um den Typus des jüdischen Landarbeiters, brachte in sie das Motiv der Land- und Freiheitsliebe, der Sehnsucht nach der Natur, insbesondere zur weiten Stille der Prärie; Werke (Auswahl): Entstehungszeit, Erscheinen bekannt: Der pass fun'm jam, 1917 (Roman); Dus wilde land, 1919 (Roman); Bessaraber jiden, 1922 (Roman); Stacheldruht, 1925 (Drama); Gekimen a jid kin [= nach] amerika, 1926 (Roman); Jidische sitten, 1926 (Drama); Der jidischer cowboy, 1942 (sein bekanntester Roman; Raboy schildert darin – vor autobiographischem Hintergrund - das Leben des jüdischen Knechts Isaak auf einer Farm in Norddakota, der glaubt, von seiner christlichen Umgebung akzeptiert zu sein und es sich nicht erklären kann, dass er sich dennoch als Aussenseiter fühlt; schliesslich wird er als Jude beschimpft und kehrt enttäuscht wieder in den Osten Amerikas zurück); ohne Jahr bzw. nicht ermittelt: Eigene erd (Roman); Herr Goldenberg (Roman); Gesamtausgaben: Gesammelte Werke in drei Bänden, New York 1919-1920
  • 27.11.1882–13.1.1962: Leo Kestenberg, geb. in Rosenberg (Slowakei), gest. in Tel Aviv, Kulturpolitiker, Veranstalter, Pianist und Musikpädagoge jüdischer Abstammung; seinen ersten Klavierunterricht erhielt Leo Kestenberg von seinem Vater; mit 18 Jahren besuchte er einen Meisterkurs des Pianisten und Komponisten Ferruccio Busoni und zog 1904 nach Berlin, um in der Nähe seines Mentors zu sein; dort konzertierte er mit Werken von Franz Liszt und gründete das Kestenberg-Trio; ausserdem unterrichtete er am Klindworth-Scharwenka-Konservatorium sowie am Stern'schen Konservatorium und gab Privatstunden; als aktives Mitglied der SPD engagierte er sich im Rahmen der sozialdemokratischen Bildungsarbeit; 1916-1918 beteiligte er sich an der Herausgabe von literarischen und politischen Schriften von Ernst Barlach, Oskar Kokoschka, Rosa Luxemburg u. a.; nach Ende des Ersten Weltkriegs verstärkte er seine politische Tätigkeit; 1929-1932 war er Ministerialrat im Preussischen Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung und leitete eine grundlegende Reform des Schulmusik- und Musikausbildungswesens ein (sog. Kestenberg-Reform); nach der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten musste Kestenberg aufgrund seiner jüdischen Abstammung Deutschland verlassen; ab 1933 lebte er in Prag, nach der Besetzung des Sudetenlandes 1938 floh er über Paris nach Tel Aviv; dort war er Generalmanager des Palestine Orchestra, konzentrierte sich jedoch ab 1945 wieder auf Tätigkeiten im Bereich der Musikpädagogik und der politischen Bildungsarbeit; trotz seiner zunehmenden Erblindung gab er bis kurz vor seinem Tod privaten Klavierunterricht
  • 4.12.1882–18.1.1971: Friderike Zweig-Winternitz (Friderika M. Zweig, Friederike Maria Zweig, geborene Burger, Tochter von Emanuel Burger und Theresia Elisabeth Burger, geborene Feigl), geb. in Wien, gest. in Stamford/Connecticut, Schriftstellerin, katholisch getauft, erste Frau von Stefan Zweig; nach ihrer Scheidung von ihm (1938) emigrierte sie zunächst nach Frankreich, 1941 dann in die USA; Hauptwerke (unter dem Namen Friderike Winternitz): Louis Pasteur, 1939 (5. Aufl. 1947); Stefan Zweig, wie ich ihn erlebte, 1947; Spiegelungen des Lebens (Lebenserinnerungen/Bildbiographie), 1964
  • 10.12.1882–1.4.1953: Leon Weiss (Leon C. Weiss, Leon Charles Weiss), geb. in Farmerville, Louisiana, gest. in New Orleans, politisch vernetzter, betrügerischer Erfolgs-Architekt in Louisiana (u. a. Huey Long)
  • 11.12.1882–5.1.1970: Max Born, geb. in Breslau, gest. in Göttingen, deutsch-jüdischer, politisch aktiver und pazifistisch eingestellter Physiker und Mathematiker; Sohn eines Anatomieprofessors (Gustav Born); Studium in Berlin, 1915 Prof. in Berlin, 1919 in Frankfurt, 1921-1933 in Göttingen; früh mit Einstein befreundet, eine lebenslange Verbindung, die in zahlreichen Briefwechseln dokumentiert ist (an ihn schrieb Albert Einstein den denkwürdigen Satz: "Gott spielt nicht mit Würfeln"); 1933 mit Familie nach Schottland emigriert, wurde britischer Staatsbürger, 1934 Prof. in Cambridge und 1936-1954 (das Jahr seiner Pensionierung) Prof. der Universität Edinburgh; ab 1954 lebte er wieder in Deutschland; arbeitete u. a. über Relativitätstheorie, Quanten- und Kristalltheorie; Nobelpreis 1954 zusammen mit Walter Bothe; er schloss sich den Quäkern an; Hauptwerke: Atommechanik, 1925; Atomdynamik, 1926; Atomic Physics, 1935; Dynamical theory of crystal lattices, 1953; Physik im Wandel meiner Zeit, 1957; Physik und Politik, 1960; Gesammelte Abhandlungen, 2 Bde., 1962; Von der Verantwortung der Naturwissenschaftler, 1965; die Sängerin Olivia Newton-John (geb. 1948 in Cambridge) ist die Enkelin des bedeutenden Naturwissenschaftlers
  • 12.12.1882–15.3.1961: Akiba Rubinstein (Akiba Kiwelowicz Rubinstein), geb. in Stawiski nahe Łomża, Nordostpolen, gest. in Antwerpen, bedeutender polnisch-jüdischer Schachspieler, er kam als das jüngste (12.) Kind in einer armen jüdischen Familie im masurischen Polen zur Welt, das damals zum russischen Zarenreich gehörte; nach dem Tod des Vaters nahmen die Grosseltern sich seiner an, und er wurde von ihnen für eine Rabbinerausbildung vorgesehen; doch vergass der junge Mann seine Talmudstudien vollständig, nachdem er mit 14 Jahren das Schachspiel erlernt hatte; zwischen 1907 und 1913 galt er als einer der Kandidaten auf den Weltmeisterthron; ein Wettkampf gegen den amtierenden Weltmeister Emanuel Lasker, den er in ihrer bis dahin einzigen Begegnung (in Sankt Petersburg 1909) besiegen konnte, kam jedoch wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs nicht zustande; Rubinstein litt auch bald an einem fortschreitenden Nervenleiden und an Depressionen; nach Kriegsende zählte Rubinstein unbestritten noch zu den weltbesten Spielern, doch wurde er, der sich von den Menschen immer mehr entfernte, von der jungen Garde um Capablanca, Aljechin und Bogoljubow bald überflügelt; Rubinstein lebte seit 1926 mit seiner Familie – er hatte einen Sohn namens Sammy – in Belgien; er nahm weiterhin regen Anteil am Schachleben in seiner Heimat Polen; 1927 gewann er die Meisterschaft Polens; 1950 erhielt er den Titel eines Internationalen Grossmeisters; seine beste historische Elo-Zahl betrug 2 789 (Juni 1913); damit war er zu diesem Zeitpunkt der beste Spieler der Welt; 1932 zog er sich vom Schach zurück; den Zweiten Weltkrieg überlebte er, versteckt von Freunden, in Belgien; nach dem Tod seiner Frau verbrachte er sein restliches Leben in einem Altersheim in Brüssel; Rubinstein war ein ausgezeichneter Positionsspieler, bedeutender Eröffnungstheoretiker und galt besonders als ein Meister des Endspiels
  • 13.12.1882: Fritz Strich geboren in Königsberg, Literarhistoriker, seit 1929 o. Prof. in Bern; "Klassik und Romantik", 1922
  • 16.12.1882–10.12.1937: Ernst Lissauer, geb. in Berlin, gest. in Wien, Lyriker und Dramatiker, bevorzugte vaterländisch-deutschnationale Themen und wurde 1915 (gedichtet 1914) durch seinen "Hassgesang gegen England" bekannt ("70 Millionen hassen nur einen Feind: England"), der weiteste Verbreitung fand und für den ihm der Kaiser den Roten Adlerorden verlieh; später distanzierte sich Lissauer davon, nach dem Krieg schrieb er u. a. pantheistische Gedichte ("Zeitenwende", 1936); Dramen u. a.: "Yorck", 1921; "Das Weib des Jephta", 1928; "Luther und Thomas Münzer", 1929; "Der Weg des Gewaltigen", 1931; "Die Steine reden", 1936; Essays; 1932 glaubte er, "charakteristische Mängel des Judentums" bei Jessner, Kerr, Kraus, Reinhardt und Tucholsky feststellen zu müssen; weitere Werke: "Der Acker", 1907; "Strom", 1912; "1813. Ein Zyklus", 1913
  • 19.12.1882–15.6.1947: Bronisław Huberman (auch: Bronislav Hubermann), geb. in Czenstochau, Polen, als Sohn eines "Winkeladvokaten", gest. in Naut-sur-Corsier, nahe Vevey, Schweiz, weltberühmter, auch äusserst beliebter Violinvirtuose, war ein musikalisches Wunderkind und ein einzigartiger Musiker, Schüler Joachims; trat mit 10 Jahren in Wien auf (seine ersten öffentlichen Auftritte hatte er schon als Sechsjähriger), setzte sich über jegliche akademischen Bedenken souverän hinweg; er lebte bis 1933 in Berlin, war Vorkämpfer des Europagedankens und eines jüdischen Staates in Palästina; 1935 gründete er das Palestine Symphony Orchestra, aus dem 1948 das Israel Philharmonic Orchestra hervorging
  • 28.12.1882–12.5.1965: Franz Kobler, geb. in Jungbunzlau/Böhmen, gest. in Berkeley/Cal., Schriftsteller und Publizist böhmisch-jüdischer Herkunft; Dr. iur., Pazifist, emigrierte über die Schweiz und England nach San Francisco; Hauptwerke: Gewalt und Gewaltlosigkeit, 1928; Juden und Judentum in deutschen Briefen aus drei Jahrhunderten, 1935; Jüdische Geschichte in Briefen aus Ost und West, 1938; Das Zeitalter der Emanzipation, 1938; Letters of Jews Through the Ages, 1952; Von Sonnenfels bis Kelsen. Jüdische Rechtsgelehrte in Österreich (o. J.)
  • 31.12.1882: Jakob Goldschmidt (Jacob Goldschmidt) in Eldagsen (Niedersachsen) geboren, deutsch-jüdischer Bankier, 1920-1931 führend in der Danatbank und in der deutschen Wirtschaft durch Sanierung grosser Unternehmungen (Stinneskonzern); er starb 1955 in New York
  • 1882/1883: Affäre von Tiszaeszlár
  • 1882–1904: Erste Alija (Einwanderungswelle): "Bilu". Ca. 20 000 bis 30 000 Einwohner kommen aus Osteuropa, Russland, Rumänien und dem Jemen nach Palästina (das zum türkischen Grossreich gehört), vor allem als Reaktion auf ihre Unterdrückung und Ausschreitungen in Osteuropa. Zu dem Zeitpunkt lebten in Palästina weniger als 250 000 Araber, die sich in der Mehrheit ebenfalls erst vor wenigen Jahrzehnten als Neuankömmlinge dort angesiedelt hatten. Palästina war zu keiner Zeit ein ausschliesslich arabisches Land, auch wenn das Arabische seit dem siebten Jahrhundert, unter der arabischen Herrschaft, Umgangssprache war. Es gab niemals einen unabhängigen arabischen oder palästinensischen Staat in Palästina. Die jüdischen Neuankömmlinge dort machten Wüsten sprichwörtlich zu fruchtbarem Ackerland. „BILU“ ist Akronym für „Beit Jaakov, lechu unelcha“ („Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln“ - Jesaia 2,5). BILU wurde nach den Pogromen von 1881/82 von einer Gruppe junger Juden in Charkow gegründet. Die Grundsätze waren Alijah, Siedlung in Palästina und Wiederbelebung der hebräischen Sprache. Nur wenige BILU-Mitglieder kamen wirklich wie geplant nach Eretz Israel, die erste Gruppe von 14 Personen ging am 6. Juli 1882 in Jaffa an Land, die zweite Gruppe mit 34 Personen kam zwei Jahre später. Zu dieser Gruppe gehörten auch vier Frauen. Gedera ("Hürde") ist eine BILU-Gründung (vgl. noch Israel Belkind: 1861-1929)
  • seit 1882: Einwanderungsverbot der Pforte (Türkei) für Juden nach Palästina, lange vor Entstehung des politischen Zionismus
  • 1882–1911: Eugen von Kahler, frühverstorbenes Malertalent (Nachimpressionist)
  • 1882–1928: Walter Kaskel, Jurist (Arbeitsrecht)
  • 1882–1935: Alfred Rühl, Geograph jüdischer Abstammung
  • 1882–1939: Karl Ettlinger, geboren in Frankfurt, gest. in Berlin, humoristischer Erfolgs-Schriftsteller, schrieb seit 1902 hauptsächlich in der "Jugend" (über 1700 Artikel, unter Decknamen: Karlchen, Helios, Bim); "Grandbouche und Lausikoff" (1915) erschien in 60 Auflagen; "Mr. Galgenstrick" (1915) brachte es auf 150 000 verkaufte Exemplare; "Benno Stehkragen" (1917) auf 100 000; weiter schrieb er (u. a.) "Unschenierte Gedichtcher von eme alde Frankforder (1916), "Die verhexte Stadt. Spitzbubengeschichten" (1922), "Karlchen-Album" (1923), "Aus fröhlichem Herzen" (1928) und "Der ewige Lausbub" (1931)
  • 1882–1941: Ernst Cohn-Wiener, geb. in Tilsit, gest. in New York, deutscher Kunsthistoriker, bis 1933 Prof. in Berlin, emigrierte dann zusammen mit seiner Frau nach England und 1934 weiter nach Indien, wo er am Kunstmuseum in Vadodara arbeitete; aus gesundheitlichen Gründen übersiedelte er 1939 in die Vereinigten Staaten; seine Hauptwerke, die vornehmlich die Künste Zentral- und Ostasiens, des Islam und des Judentums zum Thema hatten, entstanden in der Zeit zwischen 1921 und 1930; von besonderer Bedeutung für die Entwicklung der universitären Kunstgeschichte war sein Werk zur Entwicklungsgeschichte der Stile in der bildenden Kunst, das im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts mehrere Auflagen erlebte und in mehrere Sprachen übersetzt wurde
  • 1882–1942: Lionel de Rothschild, aus der englischen Rothschild-Linie, er war in der Rothschild-Bank tätig und sass von 1910-1923 als Abgeordneter im britischen Unterhaus; sein besonderes Interesse galt der Botanik, der er sich auf seinem 1919 erworbenen Anwesen Exbury widmete; er legte die berühmten Exbury Gardens an, die heute noch eine grosse Touristenattraktion sind; das Schloss Halton hingegen verkaufte er; Lionel bezeichnete sich als "a banker by hobby, a gardener by profession"
  • 1882–1944: Erna Aufricht (eigentlich Ernestine Aufricht), geb. in Budapest, umgebracht in Auschwitz, Lehrerin, evangelische Diakonisse seit der Jahrhundertwende, wurde – zusammen mit ihrer sechs Jahre älteren Schwester Johanna (Johanne) – aus Kaiserswerth (bei Düsseldorf) nach Theresienstadt deportiert; Erna wurde in Auschwitz umgebracht; Johanna überlebte Erna um 19 Jahre
  • 1882–1944: Siegfried Klein, geb. in Rheydt, umgebracht in Auschwitz, 1919-1940 zweiter liberaler Rabbiner und Jugendrabbiner in Düsseldorf (dort eine Strasse nach ihm benannt); er studierte an den Universitäten Berlin und Freiburg sowie an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin und wurde Religionslehrer an den Schulen der Jüdischen Gemeinde Berlin; 1914-1918 aktiver Soldat (zwei Mal verwundet, Eisernes Kreuz) und Feldrabbiner, Dr. phil. 1919, aktiv in den jüdischen Jugendvereinen (Mitbegründer und Vorstand des Verbandes jüdischer Jugendvereine) und Mitgründer und Mitglied der Leitung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, Mitglied U. O. B. B., Redakteur der Gemeindeblätter für Düsseldorf, Duisburg und Essen; Volkshochschuldozent; 1938 war er der einzige Rabbiner und Vorstand der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf; 1941 wurde er mit seiner Frau nach Lodz deportiert, dort starb seine Frau; er selbst wurde in Auschwitz vergast
  • 1882–1944: Karl Stahl, geb. in Sommerhausen (Unterfranken), umgekommen in Auschwitz, Dipl.-Ing., 1906-1914 bei der DEMAG in Duisburg, im Krieg Hauptmann und Kommandeur eines Eisenbahner-Bataillons, EK I., danach Direktor der Vereinigten Keltereien AG, aktiv im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, in der Israelitischen Kultusgemeinde München und im UOBB, 1941 Vorsitzender des Landesverbands der Israelitischen Gemeinden in Bayern, 1942 nach Theresienstadt deportiert, 1944 nach Auschwitz
  • 1882–1949: Lothar Wallerstein, Regisseur (u. a. Salzburg)
  • 1882–1949: Erwin Lendvai, ungarisch-jüdischer Chordirigent und Komponist, war auch lange in Deutschland tätig
  • 1882–1954: Walter Braunfels, geb. in Frankfurt am Main, gest. in Köln, Komponist, Musikpädagoge, Pianist, Prof., 1925-1933 Mitdirektor am Kölner Konservatorium (hatte jüdischen Vater: Ludwig Braunfels, 1810-1885, aber nichtjüdische Mutter: Helene Spohr); er schrieb Lieder, Klavierstücke, ein Klavierkonzert, eine Reihe Orchestervariationen und Chorwerke; seine grössten Opernerfolge waren "Prinzessin Brambilla" und "Die Vögel", ein lyrisch-dramatisches Spiel
  • 1882–1955: Mark Wischnitzer, jüdischer Historiker
  • 1882–1955: Louis v. Rothschild aus der österreichischen Linie der Familie; Louis übernahm die Präsidentschaft der Österreichischen Creditanstalt, an der die Familie mit 30 % beteiligt war; auf Drängen des Staates übernahm die Bank die fast bankrotte Bodencreditanstalt und geriet dadurch selber in höchste Bedrängnis, als die Weltwirtschaftskrise Anfang der 30er Jahre aus den USA auch nach Europa überschwappte; der Zusammenbruch der Creditanstalt 1931 wirkte sich in ganz Europa aus und löste ein Bankensterben aus; nur durch ein Eingreifen der Pariser und Londoner Rothschild- Banken konnte ein Zusammenbruch der Wiener Rothschildbank verhindert werden; doch nur wenige Jahre später kam das endgültige Ende: 1938 wurde Louis von den Nazis verhaftet und ein Jahr in Haft gehalten, bis die komplizierten Verhandlungen über seine Freilassung beendet waren; Rothschild durfte das Land nur verlassen, indem er auf alle österreichischen Besitztümer verzichtete; ein wahrhaft fürstliches Lösegeld; das kriegswichtige Witkowitzer Werk, das 30 % des Rohstahls, 30 % der Kohle und 40 % des Roheisens Österreichs lieferte, war allerdings vorher auf eine englische Gesellschaft übertragen worden, so dass die Nazis die Werke nicht einfach konfiszieren konnten; erst nach Ausbruch des Krieges übernahm dann Göring die Werke (nach dem Krieg konfiszierten die tschechischen Kommunisten das Werk und zahlten den Rothschilds 1953 eine Entschädigung); die riesigen Kunstsammlungen (mehrere 1000 Objekte) der Rothschilds wurden ebenso beschlagnahmt; damit endete die Präsenz der Rothschilds auf österreichischem Boden; der kinderlose Louis ging ins Exil in die USA
  • 1882–1962: Jakob Hegner (Jacob Hegner), geb. in Wien (nach anderen Quellen aus Mähren stammend), gest. in Lugano, Drucker und Verleger, wirkte zuerst in Leipzig, gründete 1912 in Hellerau bei Dresden einen Verlag, 1936 emigrierte er nach Wien, 1938 nach London, 1949 gründete er in Köln wieder einen Verlag, der nach seinem Tod im Bachem-Verlag aufging; Jakob Hegner machte sich um die typographische Buchgestaltung des modernen Buches verdient; er wurde katholisch und förderte katholische Autoren: P. Claudel, den er übersetzte, G. Bernanos, F. Jammers, B. Marshall; er war der führende Verleger einer philosophia perennis
  • 1882–1967: Eugen Mayer, Jurist, bis 1933 Syndikus der Israelitischen Gemeinde in Frankfurt am Main
  • 1882–1971: Karl Jellinek, geb. in Wien, gest. in Dornach-Arlesheim/Schweiz, Chemiker, evangelisch getauft, 1922 Prof. an der TH Danzig, Instituts-Direktor 1933, wurde 1937 vorzeitig emeritiert, emigrierte 1939 nach England, lebte seit 1957 in der Schweiz; Hauptwerke: Lehrbuch der physikalischen Chemie, 5 Bände, 1928-1937 (= 2. Aufl.); 2 Bände 1938 f.; Verständliche Elemente der Wellenmechanik, 2 Bände, 1950 f.; Das Mysterium des Menschen, 5 Bände, 1958-1964
  • 1882–1980: Joseph Breuer („Rabbi Dr. Breuer“), geb. in Papa (Ungarn), Sohn von Salomon Breuer, Rabbiner in Deutschland und den USA, Lehrer und Leiter der von seinem Vater gegründeten „Tora Lehranstalt“ in Frankfurt, heiratete Rika Eisenmann aus Antwerpen, besuchte für kurze Zeit die Jeschiba von Fiume (Italien), Rückkehr nach Frankfurt, dort Verhaftung durch die Gestapo, 1939 Emigration in die USA (New York), gründete und leitete dort, ganz im Geist seines Vaters, die deutschjüdische Gemeinde in Washington Heights, New York, die sich zunächst aus anderen Flüchtlingen aus Deutschland rekrutierte; half mit, eine orthodoxe Infrastruktur aufzubauen
  • ab 1882: Die Bevölkerungszunahme und die sozialen Wandlungen im 19. Jhdt. haben viele aschkenasische Juden zur Auswanderung nach Übersee (v. a. in die USA) bewogen. Dies gilt besonders für die Zeit ab 1882, als in Osteuropa nach örtlichen Pogromen eine starke Auswanderungswelle einsetzte, die binnen weniger Jahrzehnte die USA zu einem neuen jüdischen Diasporaschwerpunkt werden liessen. Im Vergleich dazu nahm sich die zionistische Palästinasiedlung zunächst bescheiden aus, der grössere Teil der Auswandernden ging nach Amerika, und zwar mehr denn zuvor auch in lateinamerikanische Länder. Vorausgegangen waren im russischen Reich die „Maigesetze von 1882“, die nach den 1881-Pogromen im Ansiedlungsrayon erlassen worden waren: Sie nahmen den Juden ihre ländlichen Besitztümer und reduzierten ihre Ansiedlungsmöglichkeiten auf die Städte.

Bücher

  • J. Guttmann, Die Religionsphilosophie des Saadia, Göttingen 1882
  • M. Grünbaum, Jüdischdeutsche Chrestomathie, Leipzig 1882
  • D. Z. Hoffmann, Die erste Mischna und die Controversen der Tannaim, Berlin 1882
  • Joseph von Wertheimer, Zur Emancipation unserer Glaubensgenossen, Wien 1882
  • Herzls Novelle, Die Brunner auf Hagenau, 1882
  • Herzls Die Causa Hirschkorn erscheint im Selbstverlag (1882)
  • Isidor Singer, Berlin, Wien und der Antisemitismus, Wien 1882
  • Markus Horovitz, Frankfurter Rabbinen. Ein Beitrag zur Geschichte der israelitischen Gemeinde in Frankfurt a. M., 4 Hefte, Frankfurt/M. 1882-1885
  • Wetzer und Welter's Kirchenlexikon, 1882-1903

Zeitungen und Zeitschriften

  • seit 1882: Israelitische Monatsschrift, in Berlin monatlich in deutscher Sprache erscheinendes orthodoxes Blatt
  • seit 1882: Mitteilungen des Pressausschusses des Comités zur Unterstützung bedrängter russischer Juden, in Frankfurt a. M. in deutscher Sprache erscheinende Mitteilungsblätter
  • seit 1882: Egyenlöség, in Budapest VI wöchentlich in Ungarisch erscheinende ungarisch-jüdische Zeitschrift
  • seit 1882: Voice of Jacob, in Gibraltar in englischer Sprache erscheinende Zeitschrift
  • seit 1882: Kol Jisrael, in Oran (Algier) erscheinendes jüdisches Wochenblatt in arabischer Sprache
  • seit 1882: Gazette de Jerusalem, in Jerusalem in französischer Sprache erscheinendes orthodoxes Blatt
  • seit 1882: Jeruschalajim, in Palästina erscheinend, von Abraham Moses Luncz als historisch-archäologische Zeitschrift gegründet
  • 1882-1896: Karmi Scheli, in Adrianopel, Bulgarien, wöchentlich erscheinendes hebräisches Blatt
  • 1882-1897: Hitközsegi Hivataluok, in Budapest monatlich in ungarischer Sprache erscheinende Zeitschrift
  • 1882-1939: Magyar Zsidók Lapja, in Ungarn erschienen (Micha und Lajos Szabolcsi)

1882 in Wikipedia



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