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1882

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Ereignisse

  • 1882: Leo Pinsker (1821-1891), einer der Wegbereiter des Zionismus: Der jüdische Arzt Leon Pinsker (auch: Juda Löb Pinscher, Leon Jehuda Leib Pinsker), der ursprünglich Rechtsanwalt werden wollte, aber einsehen musste, dass ihm als Juden eine Karriere als Jurist verwehrt bleiben würde, veröffentlicht (anonym) sein Werk „Autoemancipation! Ein Mahnruf an seine Stammesgenossen von einem russischen Juden“, das ein eigenes Land der Juden thematisierte. Er reagierte damit auf den damals immer aggressiver auftretenden Antisemitismus in Europa (vor allem in Russland). Ursprünglich riet er den Juden zur Assimilation und ermutigte sie, Russisch zu sprechen. Als 1871 in Odessa Pogrome ausbrachen, waren die Juden verunsichert, die Assimilationsbestrebungen hörten auf. Der von der Regierung unterstützte Antisemitismus veranlasste Pinsker, sich der Situation zu stellen. Er betrachtete die Aufklärung und die Haskala-Bewegung nicht länger als adäquat für die russischen Juden und glaubte nicht mehr daran, dass allgemeiner Humanismus ein Mittel sei, dem Judenhass zu begegnen. Leo Pinsker hatte unter dem Eindruck der Pogrome in Russland 1881 ganz Europa bereist. Er sah in dem Umsichgreifen des Rassenwahns gerade in den „aufgeklärten“ Ländern eine „Judäophobie“, also eine Geisteskrankheit, in der sich gegenseitig verstärkende „Gewissheiten“ eine kollektive mentale Störung anzeigten („Die Judophobie ist eine Psychose. Als Psychose ist sie hereditär, und als eine seit zweitausend Jahren vererbte Krankheit ist sie unheilbar“). In seinem Werk „Autoemanzipation“ folgerte er daraus die Notwendigkeit eines eigenen jüdischen Landes und wurde damit zum Pionier des Zionismus. Pinsker wurde Vorsitzender der Chovevei Zion-Bewegung. Obwohl es innerhalb der Bewegung zu Parteikämpfen kam, blieb Pinsker durch die Unterstützung Baron Edmond de Rothschilds weiterhin im Dienst der Organisation. Die von Pinsker propagierte Haltung lehnten die meisten deutschen Juden ab, sie zogen vor, für ihre Integration zu kämpfen. Pessimismus und offizielle Ablehnung der jüdischen Einwanderung (er hatte zuvor noch Möglichkeiten der Ansiedlung in Argentinien geprüft) kennzeichneten Pinskers letzte Tage. Er starb 1891 in Odessa. 1934 wurden seine sterblichen Überreste auf dem Skopusberg in Jerusalem bestattet. – Herzl kannte Pinskers Schriften nicht vor Ende 1895.
  • 17.1.1882-4.11.1928: Arnold Rothstein („Mr. Big“, „The Fixer“, „The Man Uptown“, „The Big Bankroll“, „The Brain“), geboren in New York City (Eltern: Abraham und Esther Rothstein), New Yorker „Geschäftsmann“, Spieler und Spekulant, persönlich unauffällig, rauchte nicht, trank keinen Tropfen Alkohol, hatte eine leise, höfliche Stimme und gute Manieren, war eine ganz grosse Nummer im organisierten Verbrechen, wird auch in Verbindung gebracht mit dem Black Sox-Baseball-Skandal 1919, der wie kein anderer Amerika schockiert hatte (bestochene Favoriten, die absichtlich das Spiel der World Series verloren, damit die Wetten auf die Gegner sich hoch auszahlten; Rothstein, der immer einen Tick schlauer war als alle anderen Ganoven, hatte auf diesem Gebiet leichtes Spiel, denn eine grosse Zahl von Leuten, die Betrügereien im Wettbusiness versuchten, brachten es dahin, dass er im Trüben fischen konnte, oder wie Rothstein es später ausdrückte: „If a girl goes to bed with nine guys, who’s going to believe her when she says the tenth one’s the father?“); sein Leben diente auch als Vorlage für literarische Verarbeitungen (z. B. „Meyer Wolfsheim“ in F. Scott Fitzgeralds „The Great Gatsby“) bis hin zu Musicals („Guys and Dolls“); geboren in eine angesehene jüdische Familie, tat er sich früh durch sein besonderes mathematisches Talent und sein Interesse an illegalen Geschäften hervor, während sein älterer Bruder eine Rabbinerausbildung durchlief; 1910 hatte sich Rothstein in den Rotlichtbezirk Manhattans, nach Tenderloin, begeben, dort ein vielbesuchtes Spielcasino eröffnet und während der Prohibition eine stattliche Anzahl illegaler Kneipen gekauft; er investierte auch ins Pferderenngeschäft in Havre de Grace, Maryland, und hat es öfter so gedreht, dass die Pferde gewannen, auf die er hohe Beträge gesetzt hatte; Rothstein verfügte über ein grosses Netz an Informanten und zahlte jeden Preis für jede Information aus jeder Quelle, wenn die Information nur nützlich für ihn war und deutlich mehr Geld brachte als sie kostete; mit dreissig Jahren war er Dollar-Millionär; der Beginn der Prohibition ermöglichte es Rothstein, seine Geschäfte in Richtung Schmuggel und Rauschgifthandel zu „diversifizieren“, seine Organisation ging dann auch Allianzen ein mit anderen Verbrecher-Organisationen, die von so schillernden Figuren des organisierten Verbrechens wie Meyer Lansky, Jack „Legs“ Diamond, Lucky Luciano und Dutch Schultz geführt wurden; Rothstein schlichtete diverse Streitigkeiten zwischen verschiedenen Gangs und liess sich diese Dienste üppig bezahlen; sein bevorzugtes „Büro“ war Lindy’s Restaurant, Broadway, Ecke 49. Strasse, wo er an der Ecke stand, umgeben von seinen bodyguards, und auf offener Strasse seinem „Business“ nachging, er wettete und zog Schulden ein von denen, die am Vortag verloren haben; Rothstein wurde im Manhattan’s Park-Central Hotel im November 1928 niedergeschossen und tödlich verwundet, vorhergegangen war im Septemer desselben Jahres ein spektakuläres, drei Tage dauerndes Poker-Spiel, an dessen Ende Rothstein im Besitz von 320 000 Dollar war und es ablehnte zu zahlen, indem er anderen Falschspiel vorwarf; Mitspieler George „Hump“ McManus wurde wegen Mordes verhaftet und eingesperrt, bald aber wieder aus Beweismangel laufen gelassen; als McManus die tödlichen Schüsse angelastet wurden und Rothstein noch lebte, weigerte sich Rothstein, den Angreifer beim Namen zu nennen (in Untersuchungen sagte er: „Me mother did it“); andere behaupten, Rothstein wurde von Dutch Schultz umgebracht aus Rache für den Mord an Schultz’ Freund Joey Noe durch Rothsteins Protegé Jack Diamond; - Rothstein wurde jüdisch-orthodox begraben auf dem Union Field-Friedhof in Queens; seine diversen „Unternehmungen“ wurden dann ein „natürliches Erbe“ für Meyer Lansky, Bugsy Siegel und andere
  • 9.2.1882: Theodor Herzl setzt sich in seinem Jugendtagebuch mit Dühring auseinander. Auszüge: „Dühring. Die Judenfrage. – Ein infames Buch. Und leider so gut geschrieben, als hätte es nicht gemeiner Neid mit der giftgetauchten Feder der persönlichen Rachsucht geschrieben. – Wenn so infames Zeug so ehrlich vorgetragen wird, wenn so viel geschulter und durchdringender Verstand, wie ihn Dühring unleugbar besitzt, in Gemeinschaft mit gelehrter und wirklich universeller Bildung also schreiben kann – was ist dann vom bildungsfessellosen Haufen zu erwarten! - - Er behandelt die Judenfrage als Racenfrage, und er sieht in dieser „niederträchtigen Race“ nur niederträchtige und infame Eigenschaften. Schon das verdächtigt die Klarheit seiner Auffassung ein wenig. Wie hätte sich eine solche niedrige, talentlose Race so lange erhalten können, durch anderthalb Jahrtausende unmenschlichen Druckes, wenn gar nichts Gutes an ihr wäre. Und dieser scheinliberale Faselhans von Dühring, der immer nur von „Treue“ und abermals von „Treue“ spricht – imponirt ihm nicht die heldenhafte Treue dieses ahasverischen Volkes gegen seinen Gott? – Nein, der chassirte Professor ist nur von Rachsucht und ohnmächtigem Hass, von ekelhafter Galle geschwollen und wenn er sich auch Anfangs beherrscht und wissenschaftliche Allüren annimmt, so geht das scheue Pferd, Hass geheissen später doch mit ihm durch, und krampfhaft an seine Mähne geklammert, rast Dühring über Stock und Stein dahin. Anfangs ist man in der Täuschung befangen, ein offenherziger Gelehrter wolle sich über eine brennende Frage (sagen wir lieber über eine künstlich angefachte Frage) ehrlich äussern, aber bald entdeckt man, dass die Bosheit, die ohnmächtige Wuth des weggejagten Universitätsprofessors keift und geifert. Die Outrance rächt sich an Dühring: Anfangs ist er gefährlich – später wird er erbärmlich und lächerlich. – Gewisse ekelhafte und niederträchtige Eigenschaften der Juden und Jobber haben in ihm einen grausamen, aber genauen Beobachter gefunden – dass ihn Rachsucht zu dieser Beobachtung getrieben, ist dabei zwar nebensächlich, wenn nur die Beobachtung wahrheitlich ist; aber so wenig ein entlassener Bedienter, der seinen gewesenen Herrn wegen einer begangenen Schlechtigkeit verfolgt, ein Ehrenmann ist, so wenig ist es Dühring. In seinen ersten Capiteln ist das Buch trotz seiner Uebertreibungen und offenliegenden Gehässigkeiten lehrreich genug, und jeder Jude sollte es lesen. Die Schiefe der Judenmoral und der Mangel an sittlichem Ernst in vielen (Dühring sagt: in allen) Handlungen der Juden sind schonungslos aufgedeckt und gekennzeichnet. Daraus ist viel zu lernen! Wenn man aber weiter liest, so sieht man allmälig ein, dass zu einigem Wahren sehr viel Falsches und absichtlich, infam Gefälschtes hinzugemischt wird, und Dühring wird läppisch, nachdem er gefährlich war“ … (folgt ein Dühringsches Beispiel: Heinrich Heine …) „ …Das ist ein getreues Beispiel von Dühring´s Manier. Erst eine halbwegs wahre Bemerkung und nachstürzend ein Schwall pöbelhafter oder erlogener Behauptungen. – Wenn er nun zur geschichtlichen Begründung seiner Judenthesen übergeht, so weiss ich nicht, ob ich die Böswilligkeit oder den Unverstand seiner Folgerungen höher stellen soll …“ (folgen weitere ausführliche, überzeugende Erläuterungen) „ …Auf den mittelalterlichen Holzstoss, der etwas feucht geworden und nicht mehr recht brennen will, muss modernes Petroleum gegossen werden, dass er lustig aufflackere und das prasselnde Fett der geschmorten Juden die angenehmsten Gerüche entsende in die ungebogenen Nasen der protestantischen und selbst „freidenkerischen“ (siehe Herrn Dühring) Nachfolger der Dominikaner, die dies im übelriechenden Mittelalter besorgt hatten. Und vom Brande geht´s dann zur Plünderung (oder umgekehrt) und die Herren von Dühring´s und seiner Consorten Schlag gehen dann Beute suchen und finden. Der eine wirft sich auf die Nationalökonomie, der Andere auf die öffentliche Meinung, und Herr Dühring wird wahrscheinlich Chefredacteur der grossen Zeitung „Die Treue“. – Beutegier ist das niedrige, stinkende Motiv aller Bewegungen gegen die Juden, die Jahrhunderte haben an dieser Christenmoral nichts geändert. Man ist nur gelehrter, klüger (Bösewichtklugheit) und raffinirter geworden … „ (folgen weitere, gute, scharfsinnige Erläuterungen) „ … Dieser Dühring ist aber nicht nur plünderungsbegierig; er ist auch ein Heuchler, ein schlimmer Schurke, ein Seitenstück zu den Gott im Munde führenden Jesuiten. Er führt die Freiheit im ungewaschenen Maul und ist darum ein bösartiger Freiheitsjesuit, ein infamer Freiheitspfaffe. Dieser Spitzbube, dem man die Zähne einschlagen sollte, aus deren Gehege seine freiheitsschänderischen Schuftigkeiten hervorsprudeln, er verdreht scheinfreiheitlich schurkisch die Augen und sagt: Allen Menschen die ungeschmälertste Freiheit, aber für die Juden ein „Ausnahmegesetz“, das ist der moderne Ausdruck für den mittelalterlichen Begriff des „Ghetto“. – Und dieser Mensch wagt es, den heiligen Namen der Freiheit in sein Pfaffenmaul zu nehmen!! … gegen Lassalle, der mehr Ehrlichkeit, Volksliebe, Wissen, Verstand, Charakter und Eigennutzlosigkeit hatte, wie Hundert, wie Tausend solcher weggejagter, ärgerlicher, ordinärer Professoren, solcher schäbiger Freiheitspfaffen vom lumpigen Schlage des Herrn Dühring. – Und umso empörter war ich, als dieses Buch in einem so köstlich reinen, vorzüglichen Deutsch geschrieben ist …“
  • 21.3.1882-30.1.1969: Fritzi Massary (eigentlich Friederika Massaryk), geb. Wien, gest. Beverly Hills, gefeierte österreichisch-jüdische Operettensängerin und Bühnenschauspielerin (nur wenige Filme), eine der grössten Diven und Mode-Ikonen der 1920er Jahre, galt unumstritten als hervorragendste Vertreterin ihres Fachs; kam über Linz und Hamburg 1904 nach Berlin, wo ihr der künstlerische Durchbruch gelang als Sopranistin im Metropol-Theater (mit dem Lied „Im Liebesfalle, da sind sie nämlich alle ein bisschen trallala …“), dessen Aushängeschild sie bald wurde, sie spielte in zahlreichen Operetten von Paul Lincke und Victor Hollaender; ab 1912 bekam sie, die inzwischen eine Berühmtheit geworden war (man sprach nur noch von „der Massary“, die weibliche Bevölkerung richtete sich nach ihrem modischen Geschmack), fast nur noch Hauptrollen zu spielen; am 20.2.1916 heiratete sie in zweiter Ehe ihren Kollegen Max Pallenberg, der 1934 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam; sie sang die Hauptrollen der grossen Operetten von Johann Strauss, Jacques Offenbach, Leo Fall und Franz Léhar in allen grossen Revuetheatern ihrer Zeit und trat auch 1926 bei den Salzburger Festspielen auf; auf Tonträgern konnte man von ihr beispielsweise hören: „Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben“, „Der keusche Josef“ und „Oh-la-la“; 1933 emigrierte sie über Österreich, die Schweiz und England 1938 in die USA, liess sich dort in Hollywood nieder, wo Franz Werfel, Thomas Mann, Ernst Lubitsch und Lion Feuchtwanger ihre Nachbarn waren; schliesslich lebte sie, ohne ein Comeback erzielen zu können, in Beverly Hills bis zu ihrem Tode; ihre Grabstelle ist der Urnenhain des Krematoriums Wien Simmering
  • Mai 1882: Maigesetze (Russland)
  • 28. August 1882-15. Juni 1940: Ernst Weiß, österreichischer Schriftsteller
  • 2.11.1882-25.8.1957: Leo Perutz (Leopold Perutz), österreichischer Schriftsteller, geb. in Prag, gest. in Bad Ischl; er emigrierte als Jude 1938 nach Tel Aviv; historische und fantastische Romane: „Der Marques de Bolibar“, 1920; „Der Meister des jüngsten Tages“, 1923; „Nachts unter der steinernen Brücke“, 1953; „Der Judas des Leonardo“ (postum) 1959; Leo Perutz war das ältestes von vier Kindern des Textilkaufmanns Benedikt und seiner Frau Emilie Perutz, geborene Österreicher; die Familie war jüdisch-spanischer Abstammung und seit mindestens 1730 in Rakonitz, einer Kleinstadt etwa 50 km von Prag entfernt, ansässig; die Familie war weitgehend säkularisiert und nur wenig religiös; neben Leo gab es noch drei jüngere Geschwister, die Brüder Paul (geb. 1885) und Hans (geb. 1892) und die Schwester Charlotte (geb. 1888); die Geschichte der Familie beschreibt im Gegenzug zur Assimilation einen Aufstieg vom Manufakturwarenhandel des Grossvaters in der Kleinstadt Rakonitz über die Textilfabriken des Vaters und Onkels in Prag bis zum erfolgreichen Textilhandel der Brüder in Wien; der in der Familie als schwieriges Kind angesehene Leo musste schon in Prag die Schule wechseln und verliess das Gymnasium nach dem Umzug der Familie nach Wien (1901) ohne Matura; als Gasthörer an der dortigen Universität und Technischen Hochschule bildete er sich zum Versicherungsmathematiker aus und wurde anschliessend von der Assicurazioni Generali in Triest (1907/1908, für die auch Kafka tätig war), dann von der »Anker«-Versicherung in Wien (1908-1923) angestellt; finanziell blieb er trotz des Gehalts und Einnahmen aus seinen erfolgreichen Romanen lebenslang von der Familie abhängig; August 1915 Einberufung als Landsturm-Infanterist, am 4.7.1916 an der Ostfront lebensgefährliche Verletzung durch einen Lungenschuss; anschliessend langwierige Spitalaufenthalte, Beförderung zum Landsturm-Leutnant; Dienst im Kriegspressequartier, dort enger Kontakt mit Egon Erwin Kisch; 1918 heiratete er die dreizehn Jahre jüngere Arzttochter Ida Weil; ihr Tod (an Lungenentzündung) im Jahre 1928, kurz nach der Geburt des 3. Kindes (Felix), warf Leo Perutz aus seiner erfolgreichen Laufbahn; die persönliche Krise konvergierte mit der politischen Krise in Österreich, während der er sich zeitweise für die Sozialdemokratie engagierte; 1935 erneut Heirat, und zwar mit Grete Humburger (geb. 1904); der 1936 erschienene Roman »Der schwedische Reiter« durfte nicht mehr nach Deutschland ausgeliefert werden; nach dem »Anschluss« Österreichs gelang Leo Perutz im Juli 1938 die Emigration nach Palästina; seine Erfahrungen aus dieser Zeit gingen teilweise in das Romanfragment »Mainacht in Wien« ein; in Haifa vermisste er das gewohnte Wiener Caféhausmilieu mit der Möglichkeit, seine Romanideen erzählend weiterzuentwickeln; er gab die Existenz als freier Schriftsteller auf und arbeitete wieder als Versicherungsmathematiker; auch der Versuch, nach dem Krieg wieder in der deutschsprachigen Literatur Fuss zu fassen, scheiterte; es entstanden nur noch zwei (bedeutende) Romane; - erste literarische Versuche begannen in dem von Richard A. Bermann (Pseud.: Arnold Höllriegel) noch während der Schulzeit gegründeten Verein »Freilicht«, dem u. a. auch Ernst Weiss und Berthold Viertel angehörten; das literarische Werk von Leo Perutz besteht zum grossen Teil aus historischen Romanen, deren Erzähltechnik zwar an den Realisten des 19. Jhdts. geschult ist, deren Zentrum aber die im Wien der Vorkriegszeit virulente Identitätsproblematik bildet; nicht durch Introspektion, sondern durch Projektion der Antinomien des Ich auf historische Figuren und Ereignisse wird die Fragilität der Persönlichkeit aufgezeigt; die Ergebnisse umfangreicher Quellenstudien gehen in die Romane u. a. in Form von detailreichen, schicht- und epochenspezifischen Ausdrücken ein, so dass der Leser den Eindruck »prallen Lebens« erhält; Leo Perutz wendet sich der Eroberung Mexikos durch Cortez zu (»Die dritte Kugel«, 1915), dem Freiheitskampf der Spanier gegen Napoleon (»Der Marques de Bolibar«, 1920), dem französischen 17. Jahrhundert (»Turlupin«, 1923), dem schwedischen Krieg zu Beginn des 18. Jahrhunderts (»Der schwedische Reiter«, 1936), dem Prag Rudolfs II. (»Nachts unter der steinernen Brücke«, 1953) und der italienischen Renaissance (»Der Judas des Leonardo«, posthum 1959); daneben entstehen zeitgenössische Romane und Gemeinschaftsarbeiten (auch Dramen und Hugo-Übersetzungen) mit anderen Autoren, die Perutz selbst überwiegend als Unterhaltungsliteratur klassifizierte; der historische Hintergrund erlaubt es Perutz, ungezwungen Bestandteile theologischer und magischer Weltbilder nicht nur zu zitieren, sondern für die Erzählkonstruktion fruchtbar zu machen; so erscheint in den Romanen ein Weltentwurf, demzufolge der Mensch dem Schicksal erbarmungslos ausgeliefert ist; seine Würde erhält er aber nicht etwa in dessen Anerkennung, sondern in der (letztlich erfolglosen) Revolte; gegen die nach unerbittlichen Gesetzen der Ökonomie ablaufende Geschichte können sich Liebe, Gnade und Menschlichkeit nur temporär und nur auf dem Umweg über Lüge und Schein behaupten; damit aber gehören sie auch in das Gebiet der Kunst, die im Medium des Scheins das Glück gegen die gnadenlose Wahrheit der Geschichte rettet; von Beginn an ziehen sich das Verhältnis zwischen Christen und Juden und der Antisemitismus beiläufig durch das Werk, schliesslich ausgearbeitet in dem schon 1924 begonnen Prag-Roman »Nachts unter der steinernen Brücke« (1953); die jüdische Tradition wird darin unter der Voraussetzung ihres katastrophalen Endes durch den Nationalsozialismus und in ihrer Verflochtenheit mit der christlichen Tradition in vielfältiger Spiegelung aufgehoben; Leo Perutz hat eines der originellsten erzählerischen Werke der ersten Jahrhunderthälfte hinterlassen, dessen Bedeutung nach einer ersten Rezeptionswelle im Rahmen von Theorien »phantastischer Literatur« erst seit den späten 1980er Jahren erkannt wird; sein Nachlass wird verwahrt im Deutschen Exilarchiv 1933-1945 und in der Deutschen Bibliothek, Frankfurt am Main. – Werke: Die dritte Kugel. München 1915; Das Mangobaumwunder. Eine unglaubwürdige Geschichte. München 1916 (mit Paul Frank); Zwischen neun und neun. Roman. München 1918; Das Gasthaus zur Kartätsche. Eine Geschichte aus dem alten Österreich. München 1920; Der Marques de Bolibar. Roman. München 1920; Die Geburt des Antichrist. Wien, Berlin, Leipzig, München 1921; Der Meister des Jüngsten Tages. Roman. München 1923 (Zitat Siegfried Kracauer: "Wer von Leo Perutz' Der Meister des Jüngsten Tages das Gruseln nicht lernt, der lernt es gewiss nimmermehr"); Turlupin. Roman. München 1924; Der Kosak und die Nachtigall. Roman. München 1928 (mit Paul Frank); Wohin rollst du, Äpfelchen... Roman. Berlin 1928; Die Reise nach Pressburg. Schauspiel in 3 Akten (9 Bildern) mit einem Vor- und einem Nachspiel v. L. P. Wien 1930; Herr, erbarme Dich meiner! Novellen. Wien 1930; St. Petri-Schnee. Roman. Berlin, Wien, Leipzig 1933; Morgen ist Feiertag. Komödie in fünf Bildern v. Hans Sturm und L. P. Wien 1935; Der schwedische Reiter. Roman. Wien 1936; Warum glaubst Du mir nicht? Komödie in drei Akten. Wien 1936 (mit Paul Frank); Nachts unter der steinernen Brücke. Ein Roman aus dem alten Prag. Frankfurt 1953; Der Judas des Leonardo. Roman. Wien, Hamburg 1959; Mainacht in Wien. Romanfragmente. Kleine Prosa. Feuilletons. Aus dem Nachlass. Hrsg. v. Hans-Harald Müller. Wien 1996. Übersetzungen und Bearbeitungen: Das Jahr der Guillotine. Roman v. Victor Hugo. Bearbeitet v. L. P. und Oswald Levett. Berlin 1925; Flammen auf San Domingo. Roman nach Victor Hugo's »Bug-Jargal«. Berlin 1929 (nach einer Übersetzung v. Josef Kalmer). Versicherungswissenschaftliche Aufsätze: Über Sterblichkeitsgewinn. In: Der National-Oekonom. Zeitschrift für Volkswirtschaft und Statistik, Jg. 22, Nr. 34 v. 1.12. 1909; Zum Kapitel der Dividendenrechnung. In: Mitteilungen des Österreichisch-ungarischen Verbandes der Privat-Versicherungs-Anstalten, Neue Folge, Bd. 5. Wien 1910; Zinsfussschwankung und Dividendenquote. In: Oesterreichische Revue. Organ für Assekuranz und Volkswirtschaft, Jg. 35, Nr. 37 v. 12.9. 1910; Die theoretischen Grundlagen der mechanischen Ausgleichung. In: Oesterreichische Revue. Organ für Assekuranz und Volkswirtschaft, Jg. 36, 1911; Jg. 37; Sonstige Schriften: Dietrichstein in allen Lebenslagen. Authentischer Text seiner Aussprüche, zur Erbauung seiner Gemeinde kodifiziert v. seinen Bewunderern. O. O. (Wien) 1918 (Verfasserschaft und Datierung laut Tagebucheintragung v. P.); Die Feldgerichte und das Volksgericht. Wien 1919 (Verfasserschaft laut Tagebucheintragung v. P.)
  • 1882/1883: Affäre von Tiszaeszlár
  • seit 1882: Einwanderungsverbot der Pforte (Türkei) für Juden nach Palästina, lange vor Entstehung des politischen Zionismus

Bücher

  • J. Guttmann, Die Religionsphilosophie des Saadia, Göttingen 1882
  • M. Grünbaum, Jüdischdeutsche Chrestomathie, Leipzig 1882
  • Markus Horovitz, Frankfurter Rabbinen. Ein Beitrag zur Geschichte der israelitischen Gemeinde in Frankfurt a. M., 4 Hefte, Frankfurt/M. 1882-1885
  • Wetzer und Welter's Kirchenlexikon, 1882-1903

Zeitungen und Zeitschriften

  • seit 1882: Israelitische Monatsschrift, in Berlin monatlich in deutscher Sprache erscheinendes orthodoxes Blatt
  • seit 1882: Mitteilungen des Pressausschusses des Comités zur Unterstützung bedrängter russischer Juden, in Frankfurt a. M. in deutscher Sprache erscheinende Mitteilungsblätter
  • seit 1882: Egyenlöség, in Budapest VI wöchentlich in Ungarisch erscheinende ungarisch-jüdische Zeitschrift
  • seit 1882: Voice of Jacob, in Gibraltar in englischer Sprache erscheinende Zeitschrift
  • seit 1882: Kol Jisrael, in Oran (Algier) erscheinendes jüdisches Wochenblatt in arabischer Sprache
  • seit 1882: Gazette de Jerusalem, in Jerusalem in französischer Sprache erscheinendes orthodoxes Blatt
  • seit 1882: Jeruschalajim, in Palästina erscheinend, von Abraham Moses Luncz als historisch-archäologische Zeitschrift gegründet
  • 1882-1896: Karmi Scheli, in Adrianopel, Bulgarien, wöchentlich erscheinendes hebräisches Blatt
  • 1882-1897: Hitközsegi Hivataluok, in Budapest monatlich in ungarischer Sprache erscheinende Zeitschrift
  • 1882-1939: Magyar Zsidók Lapja, in Ungarn erschienen (Micha und Lajos Szabolcsi)

1882 in Wikipedia