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1886

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Ereignisse

  • 1886: S. Fischer Verlag
  • 1886: Der Kyffhäuserverband schloss Juden 1886 als erster aus seinen Reihen aus. Bis 1896 folgten die meisten Burschenschaften. Dagegen erklärte der Allgemeine Deutsche Burschenbund 1905: Um deutsch zu sein, müsse man nicht rein germanischer Abstammung sein. Über andere Themen wie etwa die Flottenaufrüstung oder Schutzzölle gegen englische Importe konnte sich das Bild der „jüdischen Ausbeuter“ und ihrer „zersetzenden“ Demokratie-Ideen in breiten Bevölkerungsschichten festsetzen. Besonders folgenreich war der Antisemitismus an den Hochschulen. Viele dort ausgebildete Akademiker, Juristen, Ärzte, Ingenieure, Lehrer und Pastoren beteiligten sich dauerhaft an der antisemitischen Agitation, benachteiligten Juden aktiv und trugen so zu ihrer zunehmenden Verdrängung aus staatlichen Ämtern und zu ihrer gesellschaftlichen Ächtung bei. Auch ihre Fachverbände wurden seit etwa 1890 von der antisemitischen Welle erfasst.
  • 1886: Wegen der Ausgrenzung jüdischer Studenten aus den meisten Studentenverbindungen kam es mit der Viadrina in Breslau 1886 zur ersten rein jüdischen Studentenverbindung, 1896 zum ersten Kartellconvent jüdischer Verbindungen (KC) / Kartell-Convent der Verbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens ("deutsch-jüdischer" Richtung). Diese bekannten sich bewusst gleichermassen zu Deutschtum und Judentum (waren nicht etwa nationaljüdisch wie das K.J.V.) und versuchten, ihre Mitglieder durch Sport zu ertüchtigen, um in Duellforderungen ihre Ehre gegen Antisemiten zu erkämpfen.
  • 1886: Der Marburger Bibliothekar Otto Böckel (1859-1923) fand bei der Landbevölkerung in Hessen mit antisemitischer Agitation viel Zustimmung. 1886 gründete er seine „Deutsche Reformpartei“, die sich noch im selben Jahr mit dem Verein von Fritsch zusammenschloss. Bei der Reichstagswahl am 21. Februar 1887 errang Böckel im Wahlkreis Kassel als erster bekennender Antisemit ein Reichstagsmandat, das er bis 1907 innehatte.
  • 1886: Gründung des Jewish Theological Seminary in New York zur Ausbildung eigener Rabbiner für die Richtung des conservative judaism, die sich bald darauf als eigene jüdische Denomination konstituierte (aus den Conservatives stammen auch die meisten Vertreter des Reconstructionism, der sich dann schliesslich auch zu einer neuen Denomination verselbständigt hat).
  • 1886: Zar Alexander III. lässt in Jerusalem auf dem Ölberg im traditionellen russischen Stil die russisch-orthodoxe Maria-Magdalena-Kirche mit sieben vergoldeten Zwiebeltürmen erbauen; in der Krypta befindet sich die letzte Ruhestätte der von der russisch-orthodoxen Kirche als heilige Märtyrerin verehrten Elisabeth von Hessen-Darmstadt sowie ihrer Nichte Alice von Battenberg; unter dem nächtlichen Flutlicht wirkt die Kirche wie eine phantastische Hochzeitstorte
  • 1886: Schenkung der Gräber der Könige durch die Familie Pereire: Gräber der Angehörigen der Familie der Königin Helena von Adiabene (Parthien) aus dem 1. Jhdt. n. Chr., die unweit der Strasse nach Nablus liegen; das französische Bankhaus Pereire wurde von den Brüdern Jacques Emile Pereire (1800-1875) und Isaac Pereire (1806-1880) gegründet; mit Eisenbahnbau und Spekulationen machten sie ein grosses Vermögen; 1864 kaufte Isaac Pereire die Gräber der Könige, 1886 wurden sie von seiner Familie der französischen Regierung geschenkt
  • 1886: Kurt Singer geboren, Volkswirtschaftler (Wirtschaftsgeschichte)
  • 1886: Giorgio Levi della Vida geboren, Orientalist
  • 1886: Erwin Gutkind geboren, jüdischer Architekt, in Berlin tätig
  • 1886: Joseph Achron geboren, jüdischer Komponist in Russland
  • 1886: Mark Aldanow geboren, russisch-jüdischer Schriftsteller
  • 1886: Juda Burla in Jerusalem geboren, neuhebräischer Erzähler sefardischer Abstammung
  • 1886: Gustav Erlanger geboren, Mediziner (Augenheilkunde) in Berlin
  • 1886: Kurt Koffka geboren, Psychologe (experimentelle Psychologie)
  • 2.1.1886–7.3.1931: Lupu Pick, geb. in Jassy, Rumänien, gest. in Berlin (an einem Magenleiden), Schauspieler (oft herangezogen für Rollen von älteren Männern, obwohl er selbst noch jung war; diese Rollen verkörperte er meisterhaft) und Filmregisseur; sein Vater war Österreicher, seine Mutter rumänischer Herkunft; er begann als Bühnenschauspieler in Hamburg, Flensburg und Berlin, bevor er 1910 erstmals im Film auftrat; er spielte unter Gerhard Lamprecht, Richard Oswald, Fritz Lang und auch in seinen eigenen Filmen; 1917 Mitgründer der Filmgesellschaft Rex-Film AG; Lupu Pick war auch gesellschaftlich engagiert, 1919 plädierte er gegen die Todesstrafe in seinem Film „Misericordia – Tötet nicht mehr!“ Gemeinsam mit dem Drehbuchautor Carl Mayer wandte er sich dem Kammerspielfilm zu und schuf mit „Scherben“ (1921) und „Sylvester“ (1924) wichtige Beispiele dieser Gattung; sein letzter Stummfilm ist 1929 der historisch-psychologische Film „Napoleon auf St. Helena“; Lupu Pick drehte nur einen einzigen Tonfilm („Gassenhauer“); seine Frau, die Schauspielerin Edith Posca, beging knapp vier Monate nach seinem Tod Suizid; weitere Filme: „Schlemihl“, 1915; „Hoffmanns Erzählungen“, 1916; „Homunculus“, 1916; „Das unheimliche Haus“, 1916; „Es werde Licht“, 1918; „Mr. Wu“, 1919; „Aus den Erinnerungen eines Frauenarztes“, 1922; „Spione“, 1928; „Gassenhauer“, 1931
  • 2.1.1886: Heinrich Schalit geboren in Wien, einer der wenigen jüdischen Komponisten in Deutschland, die das jüdische Element (im Anschluss an jüdische Volks- und Synagogalmusik) in ihrem Schaffen betonten; Organist und Musiklehrer in München, ab 1933 Chordirigent im Exil in Rom; ab 1940 in den USA; schuf den "Hebräischen Lobgesang"; erhielt den österreichischen Staatspreis für ein Klavierquartett; schrieb Lieder und Kammermusik; Freitagabend-Gottesdienst, 1933; starb am 3.2.1976 in Evergreen/Colorado, USA
  • 8.1.1886–12.3.1967: Max Ostermann, geb. in Tauroggen, gest. in Basel, Medizinhistoriker, seit 1890 in Wien, ging 1938 nach Basel ins Exil, war Herausgeber der Ars Medici; Hauptwerke: Diagnostisch-Therapeutisches Handbuch, 10. Aufl. 1964; Praktikum der physikalisch-diätetischen Therapie, 3. Aufl. 1952
  • 9.1.1886-16.10.1941: Dr. med. et phil. Arthur Kronfeld, geb. in Berlin, Suizid in Moskau, Pionier der Psychologie, Sexualwissenschaft und schulenunabhängigen Psychotherapie in Berlin
  • 9.1.1886–6.2.1955: Paul Aron, geb. in Dresden, gest. in New York, N.Y., Pianist, Komponist, Regisseur, Dirigent, Veranstalter, Bearbeiter, Pädagoge und Übersetzer, der 1933 vor den Nationalsozialisten in die Tschechoslowakei, 1939 nach Kuba fliehen musste und ab 1941 in den USA im Exil lebte
  • 16.1.1886–7.3.1947: Ludwig Hardt, geb. in Neustadt-Gödens (Neustadtgödens?) (Ostfriesland), gest. in New York, zu seiner Zeit sehr bekannter, vielseitiger Vortragskünstler/Rezitator in Berlin, bemerkenswert durch seine feinsinnig zusammengestellten literarischen Programme (Heine und viele andere jüdische Dichter); war Lehrer an der Schauspielschule Reichers (Emanuel Reicher), Mitglied des Märkischen Wandertheaters und für kurze Zeit Lektor für Vortragskunst am Deutschen Theater; ursprünglich Schauspieler, ging er um 1910 zur Rezitation über und hat auf diesem Gebiet Hervorragendes geleistet; seit 1933 im Rahmen des Jüdischen Kulturbundes tätig; 1937 ging er nach Österreich, 1938 in die CSR, 1939 in die USA
  • 22.1.1886–12.10.1949: Oskar Jellinek, geb. in Brünn als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie, gest. in Los Angeles, Calif.; Schriftsteller, schrieb hauptsächlich Novellen; Jurastudium in Wien, Offizier im ersten Weltkrieg, war erst Richter (bis 1919), dann seit 1924 freier Schriftsteller, floh 1938 von Wien über Prag nach Paris, 1940 in die USA, wo er 1949 starb; Hauptwerke: Das Burgtheater eines Zwanzigjährigen, 1907; Der Bauernrichter, 1925; Die Mutter der Neun, 1926; Der Sohn, 1928; Das ganze Dorf war in Aufruhr, 1930; Die Seherin von Daroschitz, 1933; Die Geistes- und Lebenstragödie der Enkel Goethes, 1938; Raacher Silberfeier (Gedichte), 1947; Gesammelte Novellen, 1950
  • 7.2.1886–19.9.1976: Jechezqel Abramsky (Reb Chatzkel Abramsky), geb. in Litauen, einer der bedeutendsten orthodoxen Rabbiner des 20. Jhdts.; 17 Jahre stand er dem Londoner Bet Din vor; er ist Autor des letzten grossen traditionellen Tossefta-Kommentars (Chazon Jechezqel, 24 Bände, fand grosse Anerkennung sowohl von rabbinischer wie von Seiten der Gelehrten); er starb in Jerusalem (24. Elul 5736), an seiner Beerdigung nahmen über 40 000 Menschen teil, eine der grössten Beerdigungen, die Jerusalem bis dahin gesehen hatte
  • 13.4.1886–27.12.1970: Paul Schwarzkopf, geb. in Prag, gest. in Reutte/Tirol, Metallurge, Erfinder, Industrieller; war in leitenden Stellungen der Industrie tätig, 1911 in Berlin im Wolfram-Laboratorium (1911 gelang ihm die Erfindung des gezogenen Wolframfadens), 1919 bei der Deutschen Glühfadenfabrik in Berlin, 1921 Gründung des Metallwerks Plansee in Reutte, hatte 1920 die Powder Metallurgy (Pulvermetallurgie) erfunden; musste 1936 in die USA emigrieren, seit 1939 bei der American Electro Metal Corp in Yonkers, N. Y., 1947 Rückkehr nach Europa, ab 1955 Prof. in Innsbruck (1956 dort Ehrensenator); Hauptwerk: Das Leben der Metalle, Wien 1961
  • 18.4.1886–13.9.1966: Luitpold Stern (J. L. Stern, Josef Luitpold Stern), geb. u. gest. in Wien, Pseudonym: Josef Luitpold, Autor ("Arbeiterdichter"), sozialdemokratischer Bildungspolitiker, Journalist; Dr. phil., Kriegsteilnehmer, leitete 1926-1934 die Arbeiterhochschule in Wien-Döbling, floh 1934 in die CSR, 1938 nach Frankreich, 1940 in die USA, wo er Dozent in Philadelphia war, kehrte 1948 nach Österreich zurück und war 1948-1954 Rektor der Arbeiterhochschule Weinberg in Oberösterreich sowie 1954-1959 Bildungsreferent des Österreichischen Gewerkschaftsbundes; er machte sich vor allem als Balladendichter einen Namen; erhielt 1958 den Staatspreis Österreichs für Volksbildung; wurde Prof. h. c.; Gesammelte Werke, 10 Bände, 1963-1966
  • 20.4.1886–11.4.1948: Paul Weingarten, geb. in Brünn, gest. in Wien, böhmisch-jüdischer Pianist, Schüler von Emil von Sauer, Robert Fuchs, Guido Adler; er unterrichtete Klavier an der Wiener Musikhochschule (u. a. der Jazz-Pianist Joe Zawinul war sein Schüler), bis er 1939 fliehen musste; Paul Weingarten war verheiratet mit Anna Maria Josefa Elisabeth von Batthyány-Strattmann (23.3.1909 bis 21.9.1992), Tochter von Ladislaus Batthyány-Strattmann
  • 28.4.1886–7.7.1944: Erich Salomon, geb. in Berlin, umgekommen in Auschwitz, Bildpublizist, promovierte erst zum Dr. iur., arbeitete dann, seit 1928, als Bildjournalist mit den ersten Kleinkameras mit lichtstarker Optik ohne Blitzlicht für Momentaufnahmen/Schnappschüsse aus der Hand zu Zeitungsberichten aus dem Reichstag, aus Gerichtsverhandlungen und von internationalen Konferenzen, besonders des Völkerbundes; in der Hitlerzeit hielt er sich in Holland versteckt, wurde aber verraten und von dort nach Auschwitz deportiert und ermordet; Werke: "Berühmte Zeitgenossen in unbewachten Augenblicken", 1931 (Album mit 170 Bildern bedeutender Persönlichkeiten seiner Zeit); "Porträt einer Epoche", hg. von P. Hunter-Salomon, 1963
  • 29.4.1886–11.7.1975: Kurt Pinthus, geb. in Erfurt, gest. in Marbach am Neckar, deutscher Schriftsteller, Kritiker und Lektor, Dr. phil. 1910; 1937-1967 im Exil in den USA; Vorkämpfer des literarischen Expressionismus, dessen bedeutendste Anthologie er herausgab ("Menschheitsdämmerung", Berlin 1919/1920)
  • 13.5.1886–29.4.1943: Joseph Achron (Joseph Isidor Achron), geb. in Lozdzieje Suwalki, Polen, gest. in Hollywood, polnischer Komponist und Violinist orthodox-jüdischer Herkunft; sein Vater, der seine Begabung frühzeitig erkannte, unterrichtete ihn anfangs selbst; später liess er ihn von anderen Lehrern unterrichten; bereits im Alter von sieben Jahren trat Joseph Achron in Warschau das erste Mal öffentlich auf; Auftritte im damaligen Russischen Reich folgten; in den Jahren 1899 bis 1904 absolvierte er ein Studium in den Fächern Violine bei Leopold Auer sowie Komposition und Musiktheorie bei Anatoli Ljadow am Konservatorium in Petersburg; nach Abschluss seines Studiums begab er sich nach Berlin; hier war er hauptsächlich als Violinist tätig; wenige Jahre später kehrte er jedoch nach Petersburg zurück, um weitere Studien der Kompositionslehre bei Ljadow zu absolvieren; etwa 1911 begann er, sich mit der jüdischen Musikkultur auseinanderzusetzen; er trat der im Jahre 1908 ins Leben gerufenen Gesellschaft für jüdische Volksmusik bei und wurde in dieser Tradition kompositorisch tätig; seine erste Komposition vor diesem Hintergrund war die "Hebräische Melodie", eine Instrumentalkomposition für Violine und Klavier; sie sollte sein bekanntestes Werk werden; nach Absolvierung des Militärdienstes wirkte er am Petersburger Jüdischen Kammertheater mit; im Jahre 1922 ging er wieder nach Berlin; hier leitete er mit Michail Gnessin einen jüdischen Musikverlag; vor seiner Emigration in die USA 1925 weilte er kurz in Palästina; in den Vereinigten Staaten konnte er sich trotz erster erfolgreicher Aufführungen seiner Werke nie ernsthaft als Komponist etablieren; seine späten Werke stiessen sogar auf Ablehnung; er war einige Zeit in New York am Westchester Conservatory tätig, wo er Violinunterricht erteilte; später versuchte er seinen Durchbruch als Komponist an der Westküste der USA; dieser Erfolg blieb ihm jedoch versagt
  • 20.5.1886–21.2.1956: Jake Guzik (Jake Greasy Thumb ["Schmierdaumen"] Guzik), amerikanischer Mobster polnisch-jüdischer Herkunft und lange Zeit oberster Finanz-, Rechts- und später auch Politik-"Berater" (d. h. er machte das politische Umfeld, Polizei, Richter etc. mit Bestechungsgeldern gefügig) für das Chicago Outfit; geboren vermutlich nahe Krakau, kam er um 1902 in die USA; seine Eltern stammten aus Kattowitz; später war er - zum Teil gemeinsam mit seinem Bruder Harry Guzik - aktiv im Geschäft mit Prostitution, Zwangsprostitution und Schutzgelderpressungen in der South-Side Chicagos, womit er seinen Rivalen Jack Zuta zunehmend verdrängte; in den frühen 1920er Jahren erfuhr er von Plänen, Al Capone zu ermorden, informierte ihn und wurde bald zu dessen engstem Verbündeten und Mitarbeiter und zu einer Führungsfigur im Chicago Outfit; Guzik wurde zum Schatzmeister und Geldbeschaffer der Organisation und avancierte nach Capones Fall und zuvor während dessen haftbedingten Absenzen zu deren faktischem Anführer und blieb es bis zu seinem Tod im Jahr 1956; klein von Gestalt, kurzsichtig, übergewichtig und physischer Gewalt abgeneigt, unfähig, eine Waffe zu benutzen, war er Capone und den meisten Mobstern geistig weit überlegen, die diese Überlegenheit ebensowenig in Frage stellten wie seine Loyalität zur Organisation und seine persönliche Anhänglichkeit an Capone, der Guzik immer in Schutz nahm gegenüber jedermann; bezeichnend dafür ist eine Episode, die sich 1924 ereignete: Als Guzik in einer Kneipe von einem Mann verprügelt und als "Judenlümmel" beschimpft wurde, stellte Al Capone diesen Mann später zur Rede und machte ihm Vorwürfe, warum er "den kleinen Juden zum Heulen" gebracht hätte; als dieser antwortete "Geh zurück zu deinen Mädchen, du Spaghettifresser-Zuhälter", zog Al Capone wortlos seinen Revolver, hielt ihn ihm an den Kopf und leerte das ganze Magazin; Guzik starb an einem Herzinfarkt während des Essens; Chicagos grösste Synagoge war bei seinem Trauergottesdienst voll besetzt und zählte dabei mehr italienischstämmige (christliche) Besucher als jemals zuvor
  • 26.5.1886–23.10.1950: Al Jolson (eigentlich Asa Yoelson), das Geburtsdatum ist selbst gewählt; in Litauen wurden zum Ende des 19. Jhdts. für Juden keine Geburtsurkunden ausgestellt; wahrscheinlicher ist, dass Jolson zwischen 1880 und 1885 geboren wurde; er wurde geboren in Seredzius, Litauen, gestorben ist er am 23. Oktober 1950 in San Francisco; er war ein US-amerikanisch-jüdischer Sänger und Entertainer, der das amerikanische Showbusiness vom Anfang bis zur Mitte des 20. Jhdts geprägt hat, der grösste Entertainer seiner Zeit, wenn nicht aller Zeiten; nach grossen Broadway-Erfolgen begründete er mit seinem Auftritt in dem Film „The Jazz Singer“ 1927 den Tonfilm; neben weiteren Filmrollen prägte er die amerikanische Radiolandschaft der 1930er und 1940er Jahre; er wurde als jüngster Sohn von vier Kindern (2 Schwestern, 1 Bruder) eines streng religiösen Kantors, Moshe Reuben Yoelson (ursprünglicher Familienname: Hesselson), geboren; die Familie emigrierte (wahrscheinlich 1894) in die USA, nach Washington, D. C., um der Armut Litauens und der dortigen antijüdischen Stimmung zu entfliehen (Al Jolsons Vater wurde hier in Washington Rabbiner der Talmud Torah Synagogue, jetzt: Ohev Sholom Talmud Torah); kurz nach der Ankunft verstarb überraschend die Mutter, Naomi Yoelson (Naomi Ettas Yoelson, geborene Cantor); nach der erneuten Heirat des Vaters floh Jolson mit seinem Bruder nach New York und schlug sich u. a. als Sänger und Schuhputzer durch; er trat auf den verschiedensten Theaterbühnen in zumeist armen Stadtvierteln auf, lebte für einige Zeit auf der Strasse und auch in einem Waisenhaus; aufgrund seiner elenden Lebensumstände war Jolson häufig von Krankheiten (Lungenentzündungen etc.) geplagt und kehrte hin und wieder vorübergehend zu seinem Vater zurück; der Auftritt des jungen Jolson in einer katholischen Kirche als Sopransänger schockierte den Vater; während der ersten grösseren Erfolge als Vaudeville-Künstler entwickelte Jolson seine künstlerischen Markenzeichen: schwarzes Make-up, um afroamerikanische Blues- und Jazzsänger zu imitieren bzw. zu parodieren, was aber auch seinen Mut zur künstlerischen Weiterentwicklung förderte und zu den damals typischen Minstrel-Shows gehörte (das so genannte „blackface“ war keine Erfindung Jolsons, sondern ein gängiges Stilmittel der Zeit, das man heute viel kritischer sieht und in die Nähe des Rassismus rückt), weiter eine bühnenfüllende und das Publikum einnehmende Gestik bzw. Interaktion mit diesem, insbesondere das Spiel mit seinen Augen (Augenrollen und ähnliches), kunstvolles Pfeifen und ein opernhafter Gesangsstil im musikalischen Jazz-Kontext; im Jahr 1911, Jolson war 25, gelang ihm der Durchbruch; er baute gegen den Willen der Produzenten seinen als Nebenrolle vorgesehenen Part im Broadway-Musical „La Belle Parée“ zur Hauptrolle aus; das Publikum liebte seinen Stil und seine Auftritte, und innerhalb kürzester Zeit war er ein Star; er hatte umjubelte Auftritte am Broadway, der Verkauf seiner Schallplatten erreichte nie vorher gesehene Stückzahlen (über 10 Millionen Tonträger); typisch war die „one-knee-performance“, bei der Jolson auf einem Bein kniete und „My Mammy“ oder andere Mama-Songs zum Besten gab; in seinen späteren Jahren war Jolson von einer immer stärker werdenden Eitelkeit befallen: Es ist bekannt, dass er, um seine eigentlich markante Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen zu verstecken, eine herausnehmbare Zahnbrücke trug, auch tönte er über viele Jahre seine grauen Haare, trug vereinzelt verschiedene Haarteile und vermied es (auch vor Freunden), mit seiner Brille gesehen zu werden; durch Jolsons Erfolg wurden viele berühmte Musikstücke popularisiert (z. B. „You Made Me Love You“, „Rock-a-Bye Your Baby With A Dixie Melodie“, „April Showers“, „Toot Toot Tootsie“ …), Jolsons Interpretation des Liedes „Swanee“ führte zum ersten grossen kommerziellen Erfolg des später zu Weltruhm aufgestiegenen Komponisten George Gershwin; Jolsons Hauptrolle (die ihm nur angeboten wurde, weil zu diesem Zeitpunkt der Produzent Jack L. Warner für teurere Leute kein Geld mehr hatte) im Film „The Jazz Singer“ liess seinen Ruhm ins Unermessliche ansteigen; Jolson hat für diesen Film, von dem niemand einen derartigen Erfolg erwartet hatte, sogar ganz auf seine Gage verzichtet, weil Warner Brothers kurz vor dem Konkurs standen; wider Erwarten verdiente Jolson letztlich fast eine Million US-Dollar an diesem Film, Warner Bros. waren gerettet; der Film „Singing Fool“ ein Jahr später, brach wieder alle Rekorde und blieb (bis auf „Vom Winde verweht“) der erfolgreichste Kinofilm aller Zeiten; filmisch befand sich Jolson nun – nach fast 20 erfolgreichen Jahren am Broadway – auf dem Höhepunkt seiner Karriere; er wurde zu einer amerikanischen Institution und hatte zu verschiedenen Präsidenten der USA Kontakt und speiste zeitweilen im Weissen Haus; viele erfolgreiche Filme folgten; in den 1930er Jahren veränderte sich der Publikumsgeschmack; Jolsons eher klassischer Gesang wurde als veraltet empfunden, jüngere Musiker wie Bing Crosby wurden allmählich erfolgreicher; Jolson konzentrierte sich auf das damalige Leitmedium, das Radio und trat in diversen Shows auf (als Gastgeber ebenso wie als Gast), seine Radioshows erreichten regelmässig hohe Einschaltquoten; als die USA in den Zweiten Weltkrieg zogen, absolvierte Jolson als erster grosser Entertainer eine riesige musikalische Tournee zur Truppenunterstützung, u. a. mit Marlene Dietrich; mit dieser Tournee ging er an seine körperlichen Grenzen; er erkrankte an Malaria, ein Lungenflügel und zwei seiner Rippen mussten ihm komplett entfernt werden; in dieser Zeit lernte er seine vierte und letzte Frau kennen: Erle Galbraith, sie war 21 als sie 1945 heirateten; seit 1940 erlebte Jolson ein grandioses Comeback: am Broadway und insbesondere durch den Kinofilm „The Jolson Story“, der wie eine Bombe einschlug (produziert 1946, in der Titelrolle Larry Parks); 1950 unternahm er eine aufreibende Flugreise nach Korea, um die dort kämpfenden US-Truppen zu unterhalten; nach einer Notlandung auf dem Hinflug wegen technischer Probleme war er gezwungen, in einer zugigen und feuchten Baracke zu übernachten, was ihm abermals eine heftige Lungenentzündung einbrachte; trotz der fiebrigen Lungenentzündung absolvierte er in Korea 42 Auftritte in nur sieben Tagen; wenige Wochen später starb er in San Francisco beim Kartenspiel mit Freunden; noch am Abend seines Todes wurden auf dem gesamten Broadway in New York für zehn Minuten alle Lichter im Gedenken an ihn ausgestellt, und der Strassenverkehr stand still; die Nachricht von seinem Tod war am nächsten Tag die Schlagzeile in allen Zeitungen, in manchen stand sie sogar über dem eigentlichen Namen der Zeitung; Eddie Cantor berichtete in einem Nachruf, dass alle Leute, denen er am darauffolgenden Tag begegnete – Hotelportiers, Taxifahrer – weinten und nicht fassen konnten, dass die Legende Al Jolson nicht mehr lebte; Jolson wurde zunächst in Israel beigesetzt, dann aber auf Wunsch seiner Witwe nach Kalifornien überführt, wo ihm zu Ehren ein selbst für Hollywood-Massstäbe pompöses Grabmonument errichtet wurde; Jolson war ein problematischer Mensch, er sprang teils recht harsch mit seinen Managern, Produzenten und Kollegen um, trat anderen Künstlern gegenüber hart, herablassend und arrogant auf, seine Ehefrauen beschrieben ihn als Egozentriker; er wusste aber immer genau und sensibel genug, was sein Publikum von ihm erwartete; der nach aussen selbstsicher auftretende Jolson war häufig von Selbstzweifeln vor Premieren und Lampenfieber geplagt; es wird erzählt, dass in den Anfangsjahren ein Theaterdirektor einen Türsteher vor Jolsons Umkleide- und Schminkraum postierte, damit dieser verhindere, dass Jolson vor Beginn der Vorstellung aus dem Theater floh; auch plagten Jolson vor Premieren regelmässig Magengeschwüre, von denen ihm so schlecht wurde, dass er die Bühnenarbeiter anwies, in jede Ecke der Bühne einen Blecheimer zu stellen, in den er sich dann hätte erbrechen können, zeitlebens litt Jolson an psychosomatischen Hals- und Kehlkopferkrankungen, die ihm oft seine Stimme raubten; in früher Kindheit und Jugend hatte er wegen der miserablen Lebensumstände mit Tuberkulose zu kämpfen und litt häufig an Lungenentzündungen; Jolson war viermal verheiratet, privat galt er als schwierig, vernachlässigte seine Frauen der Karriere wegen und war in ständiger Angst vor Popularitätsverlust; die erste Ehefrau (Ehe von 1907 bis 1919), die er oft betrog und auch schlug, liess sich nach fast zwölf Jahren von ihm scheiden; sie hatte ihn noch als wenig erfolgreichen Sänger und Comedian kennen gelernt und war in seinem Alter; seine nachfolgenden Ehefrauen waren jeweils wesentlich jünger als er selbst; seine zweite Ehe (1922-1926) endete mit einer Blitzscheidung in Paris und der Einweisung der Geschiedenen in eine Anstalt für Alkoholsüchtige; mit der dritten Ehefrau (verheiratet mit ihr 1928-1939), der Tänzerin und Schauspielerin Ruby Keeler, adoptierte Jolson seinen ersten Sohn Al Jolson Jr., zu dem er kein herzliches Verhältnis aufbauen konnte, was den kindervernarrten Jolson sehr schmerzte; es war eine wenig erfolgreiche Zeit für Jolson, er war extrem eifersüchtig auf den Erfolg seiner Frau, beleidigte sie öffentlich, jeweils notdürftig als Scherz getarnt; sie trennte sich von ihm am 26.12.1939 wegen „extremer Grausamkeit“, der Sohn blieb bei ihr, sie benannte ihn in „Albert“ um; erst die vierte Ehe (1945 bis zu Jolsons Tod) mit der 39 Jahre jüngeren Röntgentechnikerin des US-Militärs Erle Galbraith verlief glücklich; Jolson mochte an ihr (nach eigener Aussage) besonders ihre „häuslichen Fähigkeiten“; mit ihr adoptierte er 1948 einen weiteren Jungen, den sie Asa nannten, und 1950 ein Mädchen namens Alicia; Jolson war wie sein Bruder Harry nicht in der Lage, Kinder zu zeugen, die Gründe liegen offenbar in einer unbehandelten Masern-Erkrankung in früher Kindheit; zu seinem Bruder hatte Al Jolson zeitlebens ein schwieriges Verhältnis, da sie v. a. zu Vaudeville-Zeiten hart miteinander konkurrierten; nach Al Jolsons Durchbruch hatte dieser seinen Bruder insgeheim finanziert und Leute bezahlt, die Harry engagierten; Harry hat davon niemals erfahren; bis zum Tod seines Vaters im Jahre 1945 rang Jolson immer wieder um dessen Respekt für seine Arbeit; Jolson bekannte sich sein Leben lang zur jüdischen Orthodoxie, er war politisch konservativ eingestellt, unterstützte, im Gegensatz zu den meisten anderen jüdischen Künstlern, Calvin Coolidge und nicht den demokratischen Gegenkandidaten Davis; Jolson war kein Rassist, er wollte zum Verständnis der Religionen untereinander beitragen; in seinem Freundes- und Bekanntenkreis befanden sich Menschen vieler Konfessionen und Hautfarben, die er häufig auch finanziell unterstützte, für ihn waren Humor und Gesang universale, von allen verstandene Ausdrucksmittel; Jolson ist der erste Künstler, der als Entertainer mit grosser Authentizität, unglaublichem Charisma und „with a tear in his voice“, als singender, geschichtenerzählender und schauspielernder Alleinunterhalter die Menschen begeisterte; er war das Vorbild für viele grosse Sänger und Schauspieler nach ihm; viele Künstler haben sich direkt zu Al Jolson als Vorbild bekannt, z. B. Judy Garland, Rod Stewart, Elvis Presley, Mick Jagger und Michael Jackson; viele sind von ihm inspiriert und beeinflusst worden, z. B. Eddie Cantor, Bing Crosby, Frank Sinatra, aber auch z. B. Johannes Heesters oder Harald Juhnke
  • 5.6.1886–14.12.1974: Dr. Kurt Hahn, geb. in Berlin, gest. in Salem/Baden, in Deutschland und England mehrfach ausgezeichneter Pädagoge und Prinzenerzieher, einer der Begründer der Erlebnispädagogik; er stammte aus einer Industriellenfamilie, promovierte, wurde wegen seiner England-Kenntnisse im ersten Weltkrieg in der Obersten Heeresleitung, danach in der Reichskanzlei beschäftigt; er beriet den letzten Reichskanzler des Kaisers Prinz Max von Baden; als dieser sein Amt niederlegte, begleitete ihn Hahn und gründete unter seinem Protektorat 1920 die Schule Schloss Salem; 1933 emigrierte er nach Schottland, gründete 1934 in Gordonstoun eine gleichartige Schule und 1941 eine Kurzschule (Ausbildung im Seenotdienst); sie wurde Modell für Kurzschulen in anderen Ländern; einer von Hahns Schülern war Prinz Philip von Griechenland, der spätere Gemahl der englischen Königin Elisabeth II.; nach dem zweiten Weltkrieg übernahm Hahn wieder das Gymnasium in Salem; 1958 schrieb er "Erziehung zur Verantwortung"
  • 6.7.1886–16.6.1944: Marc Bloch (Marc Léopold Benjamin Bloch), geb. in Lyon (er entstammte einer ursprünglich im Elsass ansässigen jüdischen Familie; sein Vater Gustave Bloch war Professor für Alte Geschichte), von der Gestapo bei Lyon (in Saint-Didier-de-Formans) erschossen; französisch-jüdischer Historiker, als Mitbegründer der Annales-Schule einer der bedeutendsten französischen Historiker des 20. Jhdts. mit dem Spezialgebiet der Mediävistik; 1919-1936 Professor in Strassburg und an der Sorbonne (zunächst für Mittelalterliche, dann für Wirtschaftsgeschichte), 1940 in Clermont-Ferrand und Montpellier, 1942 von der Vichy-Regierung entlassen, dann im Untergrund; als Mitglied der Résistance im März 1944 verhaftet und schwer gefoltert; am 16. Juni 1944 wurde er zusammen mit anderen Gefangenen auf freiem Feld in der Nähe von Lyon erschossen; unter Ablehnung der bisherigen rein politisch orientierten Geschichte forderte er eine neue, nicht national beschränkte, sondern vergleichende Geschichtswissenschaft, die von den dauernden Strukturen, vor allem den sozialökonomischen und geographischen, ausgeht; Werke: „Les rois thaumaturges“ (Die wundertätigen Könige), 1924; „Les caractères originaux de l'histoire rurale française“, 1931; „La Société féodale“ (Die Feudalgesellschaft, 1939/1940; „L’étrange défaite. Témoignage écrit en 1940“, 1946; „Apologie pour l'histoire ou Métier d'historien“ (= dt. Apologie der Geschichtswissenschaft oder Der Beruf des Historikers), postum 1949
  • 21.7.1886–1.5.1944: Jizchak Katzenelson (auch Isaak oder Yitzhak, auch Kazenelson usw., polnisch: Icchak Kacenelson), hebräisch-jiddischer Schriftsteller, der als Begründer des neuhebräischen Dramas gilt; seine in einem Lager in Südfrankreich versteckten letzten Dichtungen, nach dem Krieg zum Teil ins Hebräische übersetzt ("Das Lied vom erschlagenen jüdischen Volk"[dieses später dann in viele Weltsprachen übersetzte Poem gilt mittlerweile als sein wichtigstes Werk und verdeckt vollständig sein übriges Schaffen und seine Reputation und Vorkriegswahrnehmung als hebräisch-jiddischer (Theater-) Schriftsteller, Pädagoge und Volkserzieher]; "Tagebuch"; "Hannibal"; "Generalstab"), sind einmalige, erschütternde Dokumente der jüdischen Leidenserfahrung; geb. in Korelicze/Karelitz/Karelitschy bei Nowogrudok (Russland), ermordet im KZ Auschwitz; wirkte in Warschau und im Warschauer Ghetto als Bewahrer jiddischer Kultur und gründete mehrere hebräische Theater; schrieb jiddische Dramen mit Themen aus der jüdischen Geschichte, der Bibel (Josephzyklus), über Erez Israel; erschütternde Gedichte im Lager in Südfrankreich; Tagebuch; als sein wichtigstes Werk gilt heute "Dos lid funm ojsgehargetn jidischen folk"; das Manuskript vergrub er, in Flaschen verpackt, gemeinsam mit der Mitgefangenen Miriam Novitch, die überlebte, unter einem Baum (das Lager wurde dann am 12. September 1944 von den Alliierten befreit); eine Kopie des Manuskripts wurde, in einen Koffergriff eingenäht, durch eine Lagerkameradin, der er es übergeben hatte, 1944 nach Palästina geschmuggelt; beide Exemplare sind erhalten geblieben; Jizchak Katzenelson wurde 1886 in Karelicz (die Schreibweisen variieren) im Gouvernement Minsk als Sohn des hebräischen Schriftstellers Jakob Benjamin Katzenelson (1859 Kapulie - 1930 Lodz, Pseudonym Ben Jamini) geboren; seit 1911 veröffentlichte Jizchak Katzenelson, der bereits im Alter von 13 Jahren Lieder zu schreiben begonnen hatte, Theaterstücke in Hebräisch und Jiddisch; sein Drama Anu chajim umetim war das erste in hebräischer Sprache des Moskauer Theaters Habima; Katzenelson lebte als Lehrer in Lódź, wohin seine Familie noch im Jahr seiner Geburt gezogen war; zwei Monate nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen floh er im November 1939 mit seiner Frau und drei Söhnen nach Warschau, wo sie in das Ghetto gerieten und festsassen; Jizchak Katzenelson selbst betrieb dann dort u. a. eine Untergrund-Schule für jüdische Kinder; seine Frau und zwei seiner Söhne wurden nach Treblinka deportiert und dort sofort nach der Ankunft vergast; in Warschau gründete er das hebräische Theater und organisierte nach der Besetzung Polens die jiddische Kulturarbeit; bereits 1912 hatte er in Łódź ein hebräisches Theater, jüdische Kindergärten und Volksschulen gegründet; Katzenelson war aktiv am Aufstand im Warschauer Ghetto beteiligt, der am 19. April 1943 losbrach; um sein Leben zu retten, verschaffte ihm das Kommando der jüdischen Kampforganisation gefälschte honduranische Papiere und schleuste ihn in den „arischen Teil“ von Warschau, wo er, wie viele andere, vergeblich hoffte, über das Hotel Polski in die Freiheit zu gelangen; stattdessen kam er in ein Sonder-KZ nach Vittel am Rande der Vogesen; dort waren überwiegend amerikanische und britische Staatsbürger interniert, die gegen internierte Deutsche im feindlichen Ausland ausgetauscht werden sollten; dort schrieb er auch sein Lid funm ojsgehargetn jidischen folk (Fertigstellung des Manuskripts am 17. Januar 1944); Ende April 1944 wurde Katzenelson mit seinem siebzehnjährigen Sohn Zwi im "Konvoi 72" nach Auschwitz deportiert, wo sie am 1. (oder 3.?) Mai 1944 vergast wurden; zuvor hatte er in Vittel seinen alten Freund aus früheren Lodzer Tagen, Dr. Nathan Eck (gest. Tel Aviv 22. Februar 1982), wiedergetroffen, der ebenfalls im April 1944 von Vittel nach Auschwitz deportiert werden sollte, dem es aber gelungen war, vom Zug abzuspringen und nach Paris zu entkommen; im Februar 1945, noch vor Ende des Krieges, gab er Katzenelsons Werk Dos Lid ... im jiddischen Original in Paris heraus; Nathan Eck hatte Katzenelson in Vittel versprechen müssen, Dos Lid ... herauszugeben, sollte der Dichter den Krieg nicht überleben; Werke (Auswahl): Amnon (Drama, von der Habima aufgeführt); Anu chajim umetim, Warschau 1913 (Drama); Bachurim (Drama); Bigwulot Lita, Warschau 1907 (Poem, mehrere Folgeauflagen); Buch der Lieder, Übersetzung des Werkes von Heinrich Heine ins Hebräische (1904); Dekadenten (Drama); Dimdumim, Warschau 1910 (hebräische Gedichtsammlung in 2 Teilen); Dos lid funm ojsgehargetn jidischen folk, 1944 (15 Gesänge, gegliedert in 225 lange vierzeilige Strophen; in viele Weltsprachen übersetzt; Übersetzung ins Deutsche u. a. durch Wolf Biermann 1994); Dus wasse Leben (Erzählungen); Fatima, 1920 (dramatische Dichtung); Generalstab; Hamegl, Warschau 1911 (Drama); Hannibal; Karrikaturen [sic] (Drama); Machmadim, 1924; Saul Hanuvi, 1922 (biblisches Drama); Tagebuch; Taltallim, 1922; Tarschisch, 1923 (Drama); Über die Welt (Drama, in dem er seine Reisen durch Europa, Amerika und Palästina schildert); Unsere nunte Bakannte, 1922 (lyrisches Drama); 26 Kindererzählungen, Warschau 1911; 606 (Drama); Literatur (Auswahl): Bibliographie seiner Werke im Lodzer Tageblatt (jidd.) vom 2. Mai 1928; Zippora Nachumow-Katzenelson: Jizchok Katzenelson. Sain Lebn un Schaffn, Buenos Aires 1948 (Biographie seiner Schwester); Serge Klarsfeld, Le Mémorial de la Déportation des Juifs de France, Paris 1978
  • 7.8.1886–21.12.1963: Paul Westheim, geb. in Eschwege (Hessen), gest. in Berlin, deutsch-jüdischer Kunstschriftsteller, Herausgeber und Kritiker; er war verheiratet mit der Dichterin Mariana Frenk-Westheim; er studierte Kunstgeschichte an der TH Darmstadt und der Universität Berlin; während seiner Studienzeit war er Schüler von Heinrich Wölfflin und Wilhelm Worringer; von 1917 bis 1933 gab er das "Kunstblatt" heraus, in dem er Beiträge der expressionistischen Maler Wilhelm Lehmbruck, Oskar Kokoschka, Otto Dix und Pablo Picasso veröffentlichte; er gab darüber hinaus die Mappenwerke für Grafik "Die Schaffenden", des Almanachs Europa und die Buchserie "Orbis pictus" heraus; Paul Westheim verfasste zahlreiche grundlegende Monographien über die moderne Kunst des 20. Jhdts.; 1920 erschien seine Monographie über Kokoschka und 1931 "Helden und Abenteurer"; Paul Westheim nutzte schon früh die modernen Kommunikationswege und wurde durch seine kunstkritischen Rundfunkbeiträge zu einem der führenden Kunstkritiker in Deutschland; aufgrund der politischen Veränderungen ging er nach 1933 zunächst nach Frankreich, arbeitete dort für deutschsprachige Zeitungen und gab das Mitteilungsblatt des Freien Deutschen Künstlerbundes "Freie Kunst und Literatur" heraus; mit Kriegsbeginn wurde er als Jude verhaftet und in fünf verschiedenen Internierungslagern festgehalten; er selbst nannte seine Gefangenschaft scherzweise seine "Tour de France"; durch einen glücklichen Zufall gelang ihm 1941 die Flucht aus einem Internierungslager; 1941 erhielt er, nun fast erblindet, in Marseille ein Einreisevisum für Mexiko; er floh über Spanien und Portugal dann nach Mexiko; 1942 lernte Paul Westheim im "Heinrich-Heine-Klub" in Mexiko-City die verwitwete Hispanistin Mariana Frenk (1898-2004!) kennen; 1959 heirateten die beiden; nach dem 2. Weltkrieg verwehrten beide deutschen Staaten dem als linksliberal eingestuften Paul Westheim die Remigration; 1954 erhielt der bis dahin staatenlose Paul Westheim die mexikanische Staatsbürgerschaft; Paul Westheim verstarb während eines Besuchs 1963 in Berlin, in der Stadt, in der er nach eigenen Aussagen am liebsten gelebt hätte; Westheim trat besonders für die Anerkennung des deutschen Expressionismus ein; er veröffentlichte darüber hinaus Arbeiten über altmexikanische Kunst und indische Architektur; zu den bekanntesten Werken Paul Westheims gehören die Monographien über Lehmbruck und über Kokoschka; grosse Anerkennung erfährt zudem das Lebenswerk Paul Westheims insbesondere in Mexiko
  • 19.8.1886–3.10.1913: Paul Preuss, geb. in Altaussee (im steirischen Salzkammergut), gest. im Dachsteingebirge (Ostalpen, Österreich), war ein österreichisch-jüdischer Alpinist; er wuchs in Wien auf und studierte in München; Preuss war einer der bekanntesten Bergsteiger seiner Zeit, der nicht nur für seine Leistungen, sondern auch für seine Leitsprüche berühmt ist; besonders bekannt ist in Kletterkreisen seine Forderung, man müsse die Kletterstellen, die man nach oben klettert, auch frei abklettern können; er gilt heute als einer der geistigen Väter des Freikletterns und als der beste Kletterer seiner Zeit; in seinem kurzen Leben – er verunglückte im Alter von nur 27 Jahren an der Manndlkogel-Nordkante im Dachsteingebirge – bestieg er mehr als 1 200 Gipfel, dazu zählen zahlreiche Erstbesteigungen, die meisten davon im Alleingang; er verzichtete bewusst auf jegliche Sicherungs- und Hilfsmittel, sogar das Abseilen lehnte er ab
  • 1.10.1886–10.12.1938: Paul Morgan (Georg Paul Morgenstern), geb. in Wien, umgekommen im KZ Buchenwald, Schauspieler, Conférencier, Bühnen- und Buch-Autor, gehörte zu den grossen Theaterschauspielern seiner Zeit, spielte in einer Unmenge populärer Filme mit; wie seine Eltern wurde auch er katholisch getauft; Debüt 1908 im Theater in der Josefstadt, stimmt 1914 nicht in die allgemeine Kriegsbegeisterung ein; 1917 Heirat mit Josefine Lederer (nicht die Schriftstellerin Joe Lederer!); unter dem Pseudonym Paul Stephan conférierte er bei Rudolf Nelson; ab 1919 beim Film; eine Erwähnung Tucholskys in der „Weltbühne“ macht ihn über Nacht zum Star des Berliner Kabaretts; 1922 Engagement in Rosa Valettis „Grössenwahn“, Theatergastspiele in München und Wien; viele Filmdrehs (z. B. „Zwei Herzen im Dreiviertel-Takt“); gründete 1924 zusammen mit Kurt Robitschek und Max Hansen das Berliner „Kabarett der Komiker“ („Kadeko“, dort traten u. a. Werner Finck, Wilhelm Bendow und Heinz Erhardt auf); Filmangebote aus Hollywood, kurz bei Erika Manns „Pfeffermühle“ in der Schweiz (es kam aber nicht zur Zusammenarbeit), dann in Wien – keine Engagements mehr, Auftritte ohne Gage; für Ralph Benatzkys Operette „Axel an der Himmelstür“ schrieb er 1936 zusammen mit Adolf Schütz das Libretto, Hans Weigel steuerte einige Liedtexte bei, für die weibliche Hauptrolle wurde Zarah Leander engagiert, die mit dieser Rolle über Nacht zum Star wurde; dennoch, für Morgan wurden die Zeiten schlechter, aber er wollte das Land nicht verlassen; am 22.3.1938 Verhaftung, KZ Dachau, dann KZ Buchenwald; seine Frau erwirkte eine Einreisebewilligung nach Holland und Jugoslawien, doch für ihn zu spät; beim Strafexerzieren bei Regen und Wind, das er trotz Fiebers während eines der kältesten Winter Europas mitmachen musste, holte er sich den Tod, er verstarb am 10. Dezember 1938 um 23 Uhr, offiziell an Lungenentzündung
  • 16.10.1886–1.12.1973: David Ben-Gurion, eigentlich David Grün, 16.10.1886 Plonsk, Polen – 1.12.1973 Tel Hashomer. Mapai-Politiker, Mitbegründer und Führer der Histadruth und Mapai (Arbeitspartei). Er gilt als Vater des modernen Israel und befürwortete eine Aussöhnung mit Deutschland. – Sein Vater war Hebräischlehrer und ein glühender Anhänger der Chowewe Zion; die Mutter starb, als David elf Jahre alt war; im Alter von 14 Jahren wurde David einer der Begründer der Ezra-Jugendbewegung, die sich für die Verwendung des Hebräischen als Umgangssprache einsetzte, seit 1903 Mitglied der Poale Zion, ab 1906 in Palästina als Arbeiter und Politiker tätig; 1910 begann er in Jerusalem gemeinsam mit Jitzchak Ben Zwi und Rachel Yanait (später die Ehefrau Ben Zwis) für die Zeitung der Poalei Zion, „Ahdut", zu schreiben. Damals benutzte er zum ersten Mal den Namen "Ben Gurion"; ab 1911 absolvierte er sein Jura-Studium in Saloniki und Konstantinopel und wollte auch türkischer Staatsbürger werden, anti-zionistische Verfolgungen änderten jedoch bald seine Einstellung; Ben Gurion und Ben Zwi wurden im März 1915 von den ottomanischen Behörden nach Ägypten ausgewiesen. 1915-1918 wich er wegen seiner Verbannung in die USA aus, er ging nach New York, wo er massgeblich an der Vorbereitung Jugendlicher für die Einwanderung in Palästina nach dem Krieg beteiligt war; 1917 heiratete er Paula Munweis, die bis zu ihrem Tod 1968 ein integraler Bestandteil all seiner Aktivitäten bleiben würde; als Grossbritannien 1917 die Balfour-Erklärung veröffentlichte, erhielten die zionistischen Hoffnungen auf eine jüdische nationale Heimstätte neuen Auftrieb; Ben Gurion half bei der Organisation der Jüdischen Legion im Rahmen der britischen Armee; er schrieb sich 1918 in Kanada ein, aber der Krieg war zu Ende, als er Palästina erreichte; ab 1919 bekleidete er führende Positionen in der Arbeiterbewegung und in der Gewerkschaft (Histadrut), war Mitgründer der Achdut Ha-Awoda, der Mapai, die zionistische Arbeiterpartei; seit 1933 war er Mitglied der Führung der Zionistischen Weltbewegung und der Jewish Agency und der massgebliche Spitzenpolitiker des Jischuw, in ständiger Auseinandersetzung mit den extremen Parteien, v. a. mit dem revisionistischen Zionismus; 1935 wurde er Vorsitzender des Exekutivkomitees der Jewish Agency for Palestine, eine Position, die er bis zur Staatsgründung innehatte; Ben Gurion legte den Kurs der Zionistischen Bewegung fest, der auf der Verbindung von politischer Vision und Pragmatismus beruhte; als die Briten im Weissbuch von 1939 – kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges - die jüdische Einwanderung nach Palästina empfindlich einschränkten, begann ein Jahrzehnt des zionistischen Kampfes; in seinem Ausspruch: "Wir werden mit den Briten gegen Hitler kämpfen, als ob es kein Weissbuch gäbe, und wir werden das Weissbuch bekämpfen, als ob es keinen Krieg gäbe", drückt sich Ben Gurions Strategie in diesen Jahren des Konfliktes aus; 1942 war Ben Gurion massgeblich an der Ausarbeitung des Biltmore Programmes beteiligt, das die jüdische Masseneinwanderung fordert und - zum ersten Mal - öffentlich zur Gründung eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina aufrief; die Annahme des Biltmore Programmes durch die Zionistische Bewegung bedeutete auch die Annahme der Aktivitäten Ben Gurions. Nach dem Krieg forcierte Ben Gurion die "illegale" Einwanderung und die landesweite Gründung von Siedlungen; dadurch wurden die de facto-Grenzen eines jüdischen Staates festgelegt; 1946 übernahm Ben Gurion in der Jewish Agency den Geschäftsbereich Verteidigung und führte den Kampf gegen die Briten an; in all diesen Jahren hatte Ben Gurion nur das eine Ziel vor Augen: den Aufbau einer Nation und eines Staates; nachdem sich die Situation in Palästina immer mehr verschlechterte, sahen sich die Briten veranlasst, die Palästinafrage den Vereinten Nationen zu übergeben, die am 29. November 1947 für eine Teilung in einen jüdischen und einen arabischen Staat stimmten; am 14. Mai 1948, als das britische Mandat über Palästina zu Ende ging, traf sich der Nationalrat zu seiner vierten Sitzung im Museum von Tel Aviv, am Rothschildboulevard; zu den Anwesenden gehörten Mitglieder des Rates, Vertreter der Jewish Agency, der WZO, des Nationalkomitees der palästinensischen Juden, des Jüdischen Nationalfonds, des Keren Hajessod sowie Schriftsteller, Künstler, Journalisten, Führer der Parteien, die Oberrabbiner, Mitglieder des Tel Aviver Stadtrates, die Führer der Hagana, verdiente Pioniere und Repräsentanten der Wirtschaft; hier proklamierte David Ben Gurion - als Oberhaupt der Provisorischen Staatsregierung - die Gründung des Staates Israel. "Das Land war vor Freude überwältigt", notierte Ben Gurion in seinem Tagebuch. "Aber wie am 29. November enthielt ich mich der Freude. Der Staat war gegründet. Unser Schicksal liegt nun in den Händen der Verteidigungskräfte." Unmittelbar nach der Zeremonie war Ben Gurion in das militärische Hauptquartier zurückgekehrt und hatte die sich verschlechternde Lage besprochen. Innerhalb weniger Stunden marschierten die Armeen von fünf arabischen Staaten in Israel ein. Am 26. Mai 1948 befahl er die Bildung der IDF, der Israelischen Verteidungsstreitkräfte. Der israelische Schriftsteller Amos Oz schreibt: "Ben Gurions eiserner Führungswille in diesen eineinhalb schicksalshaften Jahren des Unabhängigkeitskrieges verwandelten ihn vom "Ersten unter Gleichen" in der zionistischen Führung in einen modernen König David." In den ersten fünf Jahren des jungen Staates kam es durch die charismatische und kraftvolle Führung Ben Gurions als Ministerpräsident zu grossen Einwanderungswellen, die die Bevölkerung Israels verdoppelten; Ben Gurion amtierte mit einer Unterbrechung (1953-1955) als Ministerpräsident und Verteidigungsminister; 1953 zog er sich erstmals aus der Politik ins Privatleben, in den von ihm gegründeten Kibbuz Sde Boker im Negev zurück, wo er mit seiner Frau Paula lebte. In ihren Memoiren schreibt Golda Meir: "...Aber ich sage Dir eines, Ben Gurion. Wenn wir heute auf den Times Square gingen und Leute nach den Namen der Präsidenten und Ministerpräsidenten der wichtigsten Länder der Welt fragten, sie würden uns nicht antworten können. Aber wenn wir sie fragten: Wer ist der israelische Ministerpräsident? würden es alle wissen. Das machte keinen grossen Eindruck auf Ben Gurion, aber ich glaube, es stimmt. Und noch mehr: Ich bin sicher, dass die Namen Israel und Ben Gurion sehr lange, vielleicht für immer, im Geist der Menschen verbunden sein werden." Nach den Wahlen von 1955 wurde Ben Gurion nochmals Ministerpräsident. Er trat für ein resoluteres Vorgehen gegen terroristische Angriffe der Fedajin ein und schloss sich in seinen Verteidigungsstrategien an Frankreich an. Der Sinai-Feldzug von 1956 beendete die Terrorangriffe auf die Siedlungen im Süden. 1963, nach fast drei Jahrzehnten der Führerschaft, darunter dreizehn Jahren als Ministerpräsident, trat Ben Gurion enttäuscht wegen der "Lavon-Affäre" zurück. 1965 unterstützte er die Gründung einer neuen Partei, Rafi, die in den Wahlen zur Knesset zehn Mandate erhielt. Ben Gurion blieb Parlamentsmitglied bis 1970, als er sich im Alter von 84 Jahren endgültig aus dem öffentlichen Leben nach Sde Boker zurückzog. David Ben Gurion starb am 1. Dezember 1973 in Sde Boker; Ben Gurion erhoffte einen Ausgleich mit den Arabern auf der Basis der im Befreiungskrieg 1948-1949 erreichten Waffenstillstandsgrenzen unter Berücksichtigung der vielen jüdischen Flüchtlinge aus den arabischen Ländern; obschon ein harter Realpolitiker, suchte er bewusst eine ethische Rechtfertigung seines politischen Handelns und publizierte in diesem Sinne zahlreiche Essays und Reden; Ben Gurion sah als Ziel des Zionismus die umfassende Lösung der jüdischen Frage durch Einwanderung nach Israel und geriet dabei in Gegensatz zu den Repräsentanten des vorwiegend bürgerlichen Diaspora-Judentums, insbesondere zum bürgerlich-liberalen Nachum Goldmann (1895-1982), der als Präsident des Zionistischen Weltkongresses und auch des Jüdischen Weltkongresses viele Jahre die jüdischen Interessen auf der weltpolitischen Bühne wahrgenommen hat und gegenüber Ben Gurion die vitale Bedeutung der Diaspora für die Existenz des Staates Israel hervorhob und auf einen rascheren Ausgleich mit den Palästinensern bestand; Ben Gurions Nachfolger vermochten die Lücke, die er hinterliess, nur unzureichend zu füllen und führten die zunehmend von Korruptionsaffären belastete Arbeiterpartei in eine politische Stagnation; - Avigdor Gruen war auf seinen Sohn David immer stolz gewesen und hatte sich entschlossen, ihm die bestmögliche Ausbildung zu bieten. Besorgt über Davids Zukunft schrieb er am 1. November 1901 seinem geistigen Mentor, Theodor Herzl, dem Präsidenten der Zionistischen Organisation, und bittet ihn um Rat, da er David nach Wien zur Ausbildung schicken wollte. Er nennt Herzl "Führer unseres Volkes, Sprecher der Nation", nicht ahnend, dass David eines Tages beides sein würde, ein Staatsmann, dessen Aktivitäten von einer Vision inspiriert wurden, und der ihre Verwirklichung mit bemerkenswerter Flexibilität steuerte.
  • 1.11.1886-30.5.1951: Hermann Broch, österreichischer Schriftsteller, Erzähler, dessen meiste Werke jüdische Probleme berühren; geb. in Wien, gest. in New Haven, Conn. (USA); Textilindustrieller (trat 1908 in die Firma des Vaters ein und leitete sie bis 1927), katholisch getauft; studierte Philosophie, Psychologie und Mathematik; als Jude 1938 von der Gestapo verhaftet, Flucht über England in die USA, wo er an der Yale University über Massenwahntheorie arbeitete; veröffentlichte ab 1913 Schriften zur Ästhetik, Geschichtsphilosophie und Werttheorie; seine Kritik des Neopositivismus ging in die geschichtsphilosophisch fundierte Romantrilogie "Die Schlafwandler" (1930-1932) ein, in der der Zerfall der Werte der europäischen Kultur dargestellt und formal im Zerfall der Romanform reflektiert wird (er erhielt später dafür den Kleistpreis); in seinem Roman "Der Tod des Vergil" (1945) rechnete er mit der ethischen Unzulänglichkeit seines Werkes ab; Brochs 1942 entstandene "Psychische Selbstbiographie" erschien erstmals 1999; weitere Werke (Auswahl): "Die Schuldlosen", 1949; "Der Versucher", 1953; Gesammelte Werke, 10 Bände, 1952-1961; Kommentierte Werkausgabe in 13 = 17 Bänden, 1974-1981
  • 7.11.1886–16.3.1935: Aron Nimzowitsch (Aaron Nimzowitsch, ursprünglich Nêmçoviç, dann Niemzowitsch, „Nimzowitsch“ ist ein Behördenfehler, den Nimzowitsch, um keine zusätzlichen Schwierigkeiten bei der Ausstellung eines Passes zu bekommen, richtigzustellen unterliess), geb. in Riga, gest. (an den Folgen einer Lungenentzündung) in Kopenhagen, lettisch-jüdischer Schach-Grossmeister und -theoretiker; über seine Jugend ist nicht viel bekannt, er studierte zeitweise Philosophie in Berlin; Jacques Mieses erzählt über ihn, dass über Nimzowitsch das gleiche Scherzwort im Umlauf war, wie ein Vierteljahrhundert zuvor über Curt von Bardeleben: „Er studiert Schach und spielt Jura“ … und weiter: „ … seine Lehrwerkstatt ist das Café Kaiserhof in Berlin und nicht die Aula der Universität“; ab 1920 lebte Nimzowitsch in Kopenhagen; ab 1903 taucht sein Name regelmässig in den Schachzeitungen auf; typisch für Nimzowitsch ist – neben seinen wechselhaften Erfolgen – die „Gewohnheit“, sich unbeliebt zu machen; viele merkwürdige Anekdoten sind über ihn in Umlauf; später, nachdem er sich seinen schachhistorischen Platz erobert hat, nimmt man das kopfschüttelnd oder lächelnd hin, aber in den Anfängen seiner Karriere bereitete ihm dies grosse Schwierigkeiten; mehrmals zog er sich aus dem öffentlichen Turnierleben zurück und tritt dann Jahre später wieder mit grossem Erfolg an; trotz strikter Abstinenz von Alkohol und Nikotin ist er ein eher kränklicher Typ, den die Turniereinsätze sehr viel Kraft kosten; 1904 geriet Nimzowitsch in einen bitter-bösen Streit mit Tarrasch, von dem er sich beleidigt fühlte; Nimzowitsch hielt Tarrasch für „mittelmässig“ und „ideenlos“, warf ihm sogar „einen mittelmässigen Charakter“ vor; der Streit zog sich über Jahre hin und äusserte sich in gegenseitigen giftigen Kommentaren zu den Partien des jeweils anderen, in „offenen Briefen“ usw.; Tarrasch hielt Nimzowitschs Spiel für „hässlich“ und „unästhetisch“; beim Schachturnier in Dresden 1926 erhielten Aljechin und Nimzowitsch für ihre Partie als Schönheitspreis 5 000 Zigaretten; Nimzowitsch gewann folgende Turniere: 1914 Sankt Petersburg (mit Aljechin), 1923 und 1924 in Kopenhagen, 1925 in Marienbad (mit Rubinstein), 1926 in Dresden (vor Aljechin) und in Hannover, 1927 in Niendorf und London (beide zusammen mit Tartakower), 1928 in Berlin, 1929 in Karlsbad (vor Capablanca) und 1930 in Frankfurt/M.; seine beste historische Elo-Zahl war 2 780 (1929), allerdings stand er schon 1913 für sechs Monate auf Platz 2 der Weltrangliste; 1925 erschienen Nimzowitschs bedeutende Werke „Mein System“ und „Die Blockade“; 1929 folgte das ebenso viel beachtete Werk „Die Praxis meines Systems“
  • 13.11.1886–17.10.1973: Naphtali Herz „Tur Sinai“ (hebraisiert; „Fels des Sinai“), Semitist, Bibelwissenschaftler, Übersetzer; geboren als Harry Torczyner in Lemberg, österreichisches Galizien (heute Lwow in der Ukraine), als Sohn des aus Brody stammenden Kaufmanns und hebräischen Schriftstellers Isaac Eisig Torczyner; kam 1892 nach Wien, wo sein Vater einer enthusiastischen zionistischen Gruppe angehörte; 1905-1909 Studium an der Israelitisch Theologischen Lehranstalt und an der Universität Wien; 1909/1910 studierte er auch an der Universität Berlin Assyriologie, u. a. bei Friedrich Delitzsch; 1910-1912 Jerusalem, dort Mitbegründer und Lehrer am Hebräischen Gymnasium; noch 1910 lernte er Eliezer Ben-Jehuda, den wichtigsten Begründer der neuhebräischen Sprache, kennen, der ihn auch bald an seiner Arbeit beteiligte; 1913-1919 wieder in Wien als Privatdozent an der Universität; übersetzte Schriften von Achad Ha-Am; 1918 Direktor des von ihm mitbegründeten hebräischen Pädagogiums in Wien; 1919 Ruf nach Berlin an die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, wo er Bibelwissenschaft und Semitische Philologie lehrte; lieferte die Grundlagen für das Deutsch-Hebräische Wörterbuch (1927 Berlin, zusammen mit Simeon Menachem Laser; 15. Auflage Tel Aviv 1967), Mitherausgeber der grossen Encyclopedia Judaica (1927 ff; 1934 bei Band 10, „L“, abgebrochen) und Autor beim kleineren Gegenstück Jüdisches Lexikon (1927-1930); 1933 ging er wieder nach Palästina, wo er für sein weiteres Leben bleiben und wirken sollte; 1934 Professor für Hebräische Sprache an der Hebrew University in Jerusalem; war verheiratet mit Malka Silberstein und hatte zwei Kinder; mit ihm ging die Epoche der Gründerväter, für die die Wiederbelebung der hebräischen Sprache eine lebenslange Aufgabe war, zu Ende. Weiteres: "Entstehung des semitischen Sprachtypus", 1916; "Hiob", 1920; Die Bundeslade und die Anfänge der Religion Israels, 1922; Bibelübersetzung ab 1935; er starb in Jerusalem
  • 17.11.1886: Samuel Klein in Szilas Balhás (Ungarn) geboren, Archäologe, Palästina-Geograph, Prof. in Jerusalem
  • 20.11.1886–8.1.1934: Alexandre Stavisky (Serge Alexandre Stavisky), geb. in der Ukraine, gest. in Chamonix, französischer Hochstapler, Finanzjongleur und Millionenbetrüger, dessen Affäre 1933/34 die Dritte Französische Republik erschütterte; Stavisky, genannt der „schöne Sacha“, wurde in der Ukraine als Sohn jüdischer Eltern geboren; sie wanderten über Ungarn 1899 nach Frankreich ein, wo sein Vater Zahnarzt war; seine ersten Betrügereien beging er als Jugendlicher, als er sich mit gefälschten Geschäftskarten Theaterbillets erschwindelte; 1909 betrog er gemeinsam mit seinem Grossvater Anleger mit einem Schein-Theaterunternehmen; 1925 gründete er eine Scheinfirma für Suppenherstellung, deren Aktien er veräusserte; ab Juli 1926 sass er 17 Monate im Gefängnis „La Santé“, nachdem er einen Aktienschwindel organisiert und gefälschte Schatzbriefe ausgegeben hatte; nachdem er 1927 aus der Untersuchungshaft wieder freigekommen war, schaffte er es, seinen Prozess mit politischer Hilfe immer wieder (insgesamt 19 mal) gegen Kautionsstellung aufschieben zu lassen; bei seinen weiteren Unternehmungen legte er Wert darauf, prominente Geschäftsleute, Adelige, hohe Offiziere und Politiker mit einzubinden; er gründete eine Firma namens „Phébor“, die auf dem Papier hölzerne Kühlschränke für die afrikanischen Kolonien herstellte, die aber den kleinen Nachteil hatten, dass sie nicht kühlten; 1928 entwickelte er in Orléans ein neues Betrugsschema: Mit gefälschten Smaragden (angeblich z. T. von der letzten deutschen Kaiserin) als Sicherheit nahm er Kredite bei städtischen Pfandleihen auf; als 1930 Rückzahlungsschwierigkeiten entstanden, gründete er mit Partnern in Bayonne eine neue städtische Pfandleihe-Bank (Crédit municipale), über die er am Ende gefälschte Anleihen der Stadt Bayonne im Wert von über zweihundert Millionen Franc platzierte, die z. B. von Lebensversicherungen und gewerkschaftlichen Pensionsfonds gekauft wurden, nachdem Stavisky behauptet hatte, sie seien staatlich garantiert; dabei verfügte er über die Rückendeckung hoher Politiker wie des Bürgermeisters von Bayonne, Joseph Garat; Stavisky spielte eine wichtige Rolle in der Gesellschaft, betrieb Nachtclubs und organisierte Glücksspiele; falls Reporter ihm zu nah auf die Spur kamen, kaufte er einfach die Zeitungen bzw. gab ihnen grosse Anzeigenaufträge, um dann ihre Berichterstattung in seinem Sinn zu beeinflussen; schliesslich begannen dann doch ernsthafte Untersuchungen seiner Finanzkonstruktionen, die er durch Gründung europaweit tätiger, staatlich geförderter Entwicklungsfonds - damals herrschte eine Depression - noch weiter ausdehnen wollte; als sein Schwindel kurz vor dem Auffliegen war, floh Stavisky im Dezember 1933; am 8. Januar 1934 wurde er mit einer tödlichen Schusswunde in einer Villa in Chamonix gefunden; er lag im Sterben, als die Polizei hineinstürmte; offiziell wurde Selbsttötung als Todesursache festgestellt, doch Gerüchte über die Beteiligung der Polizei hielten an; auch ein am Prozess gegen Stavisky beteiligter Richter, Justizrat Albert Prince, wurde enthauptet gefunden, nachdem er angeblich mit der Veröffentlichung von Dokumenten gedroht hatte; der Skandal erschütterte die Dritte Republik und die regierende radikale sozialistische Partei, deren Korrumpierbarkeit er offenbar machte; der Premierminister Camille Chautemps musste zurücktreten; sein Nachfolger Édouard Daladier löste auch den Polizeipräfekten von Paris, Jean Chiappe, ab; am 6. Februar 1934 kam es zu von rechten Gruppen organisierten blutigen Strassenunruhen, die von manchen Beobachtern als Putschversuch gesehen wurden und 14 Tote zur Folge hatten; der Sozialist Daladier musste danach zurücktreten und wurde durch den Konservativen Gaston Domergue ersetzt; da Stavisky Jude war, kamen im Zusammenhang mit der Affäre auch antisemitische Tendenzen hoch, die an den Dreyfus-Skandal erinnerten; 1935 wurden mehrere Komplizen angeklagt, u. a. seine Witwe und ein General; obwohl die Anklage einen hohen Aufwand betrieb (die Anklageschrift umfasste 1200 Seiten), endete der Prozess 1936 mit Freisprüchen für alle Angeklagten; das Verbleiben von Staviskys Vermögen konnte nie geklärt werden; einen Teil hatte er beim Baccarat-Spiel verloren; Georges Simenon versuchte 1934, in Reportagen Licht in die Affäre zu bringen, war aber nach seiner eigenen Einschätzung nicht sehr erfolgreich; 1974 wurde die Affäre von Alain Resnais mit Jean-Paul Belmondo und Anny Duperey verfilmt; -- Literatur: Rudolf Brock, Stawisky: Der grösste Korruptions-Skandal Europas, Berlin 1934; Georges Simenon, Zahltag in einer Bank (Stavisky ou La Machine à Suicider), 1934; Frank Arnau, Talente auf Abwegen, 1964; Paul Jankowski, Stavisky - A Confidence Man in the Republic of Virtue, Cornell University Press, 2002
  • 23.12.1886-8.4.1950: Albert Ehrenstein, selbstbewusst-jüdischer, aber antizionistischer österreichischer Lyriker und Erzähler, auch Übersetzer/Nachdichter chinesischer Lyrik (enttäuscht von der "teuflischen Durchschnittsethik unserer Judenchristen" hatte er sich der chinesischen Gedankenwelt zugewandt), Übersetzer auch aus dem Griechischen (Lukian), kulturkritischer Essayist; Sohn ungarisch-jüdischer Eltern (der Vater war Kassierer bei einer Brauerei, die Familie war arm; sein jüngerer Bruder war der Dichter Carl Ehrenstein, 1892-1971); Albert Ehrenstein wurde geboren im Wiener Arbeitervorort Ottakring, starb verarmt in New York; er studierte zunächst Geschichte und Philosophie (Promotion 1910 über ungarische Geschichte, nach eigenen Angaben: „kaum Universitätsstudium; aber durch fünf Jahre angeblichen Studiums sicherte ich mir die Freiheit: Zeit zu dichterischer Freiheit. Durch tolerantes Überhören an mich gerichteter Fragen und Beleidigtsein über zu leichte zog ich mir sogar den Doktortitel zu“), ab 1910 publizierte er in verschiedenen Zeitschriften („Fackel“, „Der Sturm“, „Die Aktion“, „Neue Jugend“ [dadaistisch]), 1911 Übersiedlung nach Berlin; er wurde schnell zu einer der wichtigsten Stimmen des Expressionismus, stand in engem Kontakt zu Lasker-Schüler, Benn und Franz Werfel; nicht alle mochten seine rücksichtslosen Produkte, es kursierte der Spottvers „Hoch schätzt man den Ehrensteinen, nur seine Verse stören einen“; während des Krieges lernte er die begnadete Schauspielerin Elisabeth Bergner kennen, der er mit zum Durchbruch verhalf, und verliebte sich hoffnungslos in sie, widmete ihr viele Gedichte; bei der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 wurden auch seine Bücher auf den „Scheiterhaufen“ geworfen; er war einer jener unbestechlichen Kritiker und Freigeister, der sich sein Leben lang zwischen alle Stühle gesetzt hat, er nahm nie ein Blatt vor den Mund, wo immer er eine Anmassung, Unwahrheit oder Unrecht witterte, in Politik, Staat, Gesellschaft, in Literatur, Kunst oder Religion, darin bestand aber auch das Verhängnis seines Lebens, das ihm das Schicksal eines Aussenseiters und letztendlich den Tod im Exil beschied, er stand immer über allen Parteien und kannte keine Loyalitäten, ausser der vielleicht zur Wahrheit und zur Menschlichkeit; er wurde Ende 1932 zur Emigration in die Schweiz (Tessin) gezwungen (wo sich Hermann Hesse nicht sehr erfolgreich für ihn einsetzte), von wo er dann 1941 weiter (über England, Frankreich, Spanien) nach New York floh, lebte dort verbittert und in Armut (er fand kein Auskommen, konnte nur einige wenige Artikel für den „Aufbau“ loswerden, wurde von George Grosz finanziell unterstützt), schrieb expressionistische Gedichte und phantastische Erzählungen; 1949 kehrte er erst in die Schweiz, dann nach Deutschland zurück, fand jedoch keinen Verleger und ging dann schliesslich enttäuscht wieder nach New York; nach zwei Schlaganfällen wurde er in ein Armenhospiz auf Welfare Island verbracht, wo er am 8. April 1950 starb; nach seinem Tod sammelten Freunde Geld, damit seine Urne nach England verschifft werden konnte, wo sein Bruder Carl immer noch lebte; Ehrensteins Asche wurde schliesslich auf dem Bromley Hill Cemetery in London beigesetzt; Werke (Auswahl): „Wanderers Lied“, 1910 (ein Gedicht, das Karl Kraus in der „Fackel“ veröffentlichte, und das Ehrenstein über Nacht bekannt machte); „Tubutsch“ (durch Ehrensteins Freund Oskar Kokoschka illustriert), 1911; „Der Selbstmord eines Katers“, 1912; „Die weisse Zeit“, 1914; „Der Mensch schreit“, 1916 (gegen die Kriegsbegeisterung); „Nicht da nicht dort“, 1916; „Schinkenstern“, 1916; „Die rote Zeit“, 1917; „Bericht aus einem Tollhaus“, 1912 [2. Aufl. 1919] (Neufassung des Selbstmord-Katers); „Zaubermärchen“, 1919 (Neufassung von „Nicht da nicht dort“); „Den ermordeten Brüdern“, 1919; „Mammutbaum“, 1919; „Karl Kraus“, 1920; „Die Nacht wird. Gedichte und Erzählungen“, 1920; „Der ewige Olymp. Novellen und Gedichte“, 1921; “Wien“, 1921; „Die Heimkehr des Falken“, 1921; „Briefe an Gott. Gedichte in Prosa“, 1921; „Schi-King. Nachdichtungen chinesischer Lyrik“, 1922; „Herbst“, 1923; „Pe-Lo-Thien. Nachdichtungen chinesischer Lyrik“, 1923; „China klagt. Nachdichtungen revolutionärer chinesischer Lyrik aus drei Jahrtausenden“, 1924; „Lukian“, 1925; „Ritter des Todes“, 1926; „Menschen und Affen“, 1926; „Räuber und Soldaten. Roman frei nach dem Chinesischen“, 1927; „Mein Lied“, 1931; „Mörder aus Gerechtigkeit“, 1931 (ein recht erfolgreicher Roman nach einem chinesischen Vorbild); „Das gelbe Lied. Nachdichtungen chinesischer Lyrik“, 1933
  • 25.12.1886-10.12.1929 Franz Rosenzweig, geb. Kassel, gest. Frankfurt am Main, jüdischer Religionsphilosoph, „Bahnbrecher des jüdisch-christlichen Dialogs“, gründete in Frankfurt das Freie Jüdische Lehrhaus zur Vermittlung von Wissen über das Judentum (dort konnte man neben Rosenzweig und vielen anderen Martin Buber, Siegfried Kracauer und Erich Fromm hören), war – auch in der Auseinandersetzung mit seinen christlichen Freunden und im Sinne eines Angebots für einen interreligiösen Dialog – auf der Suche nach einer Synthese von abendländischer Philosophie mit biblisch-jüdischem Denken; begann mit Martin Buber eine bedeutende Bibelübertragung ins Deutsche; Rosenzweig wuchs in gutsituierten Verhältnissen auf, in seiner Familie wurde ein emanzipiertes, liberales Judentum gepflegt; ab 1905 Studium der Medizin in Göttingen, München und Freiburg/Breisgau; ab 1907 Studium der Geschichte und Philosophie in Freiburg und Berlin; 1912 Promotion bei Friedrich Meinecke mit einer antihegelianischen Arbeit (später angewachsen zur Habilitationsschrift „Hegel und der Staat“, 1920); 1913 beschloss er unter dem Einfluss von Freunden und bereits konvertierten Familienmitgliedern (Vetter Hans Ehrenberg), zum evangelischen Glauben überzutreten – widerrief aber diesen Entschluss und vertiefte sich in die jüdische Überlieferung; er liess sich einige Monate von Hermann Cohen in Berlin unterrichten und entschloss sich dann zum weiteren Studium des Judentums; im ersten Weltkrieg meldete er sich freiwillig und wurde als Sanitäter und bei der Artillerie eingesetzt; von der Front führte er seit 1916 einen Dialog in Feldpostbriefen mit dem christlichen (ursprünglich jüdischen) Rechtshistoriker Eugen Rosenstock-Huessy, den er 1929 unter dem Titel „Briefe eines Nichtzionisten an einen Antizionisten“ veröffentlichte; noch im Krieg begann er mit der Verfassung des „Stern der Erlösung“ (1921), seinem philosophischen Hauptwerk, das in strenger Systematik eine philosophisch-theologische Reflexion des Glaubens liefern will; 1922 erkrankte Franz Rosenzweig an der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS), die mit starken Bewegungs- und Sprachstörungen verbunden ist (1922 erschien auch sein „Büchlein vom gesunden und kranken Menschenverstand“); er musste die Leitung des Lehrhauses aufgeben, die fortschreitende Lähmung hinderte ihn auch an der Vollendung vieler geplanter Schriften; trotz seiner Krankheit erschienen jedoch die Übersetzung der Hymnen und Gedichte des Jehuda Halevi sowie die ersten Teile der „Verdeutschung der Schrift“ (Die fünf Bücher der Weisung, 1925), an denen er gemeinsam mit seinem Freund Martin Buber arbeitete, der das Werk nach Rosenzweigs Tod vollendete; seine philosophische Abhandlung „Das neue Denken“, 1925, diktierte er – inzwischen völlig gelähmt – seiner Frau mit den Augenlidern; 1926 erschien „Zweistromland“ (Essays); bis heute wird jährlich die Buber-Rosenzweig-Medaille durch den Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit an Personen verliehen, die sich besonders für den christlich-jüdischen Dialog einsetzen; seine Briefe erschienen 1935
  • 1886–1890: Präsident der IKG Wien: Arminio Cohn
  • 1886–1920: Mely Joseph, deutsch-jüdische Textilkünstlerin
  • 1886–1938: Alexander Zeid, Pionier und einer der Gründer des Schomer. - Alexander Zeid wurde in Balagansk, Sibirien, geboren, übersiedelte im Alter von dreizehn Jahren nach Wilna und schloss sich der zionistischen Arbeiterbewegung an. 1904 gehörte er zu den ersten Pionieren der Zweiten Alijah, die Eretz Israel erreichten, und arbeitete in RischonLeZion und Petach Tikwah. In Sichron Ja´akow wurde er von Arabern verwundet. Zeid ging nach Jerusalem, wo er als Steinmetz tätig war. 1907 gehörte er zu den Gründern einer geheimen Verteidigungsorganisation, aus der der Schomer hervorging. Der Schomer wurde 1909 in Kfar Tabor, in Galiläa, ins Leben gerufen. Zeid widmete sein ganzes Leben dieser Organisation. 1916 schloss sich Zeid einer Gruppe von Schomermitgliedern an, die sich im Oberen Galil niederliessen. Aus dieser Siedlung wurde Kfar Giladi. Er lebte hier zehn Jahre, übersiedelte dann in die Nähe von Tel Chai. Später wohnte er in Scheik Abrek, im Jisreel Tal, um die Siedlungen für den Jüdischen Nationalfonds zu schützen. Er war immer wieder mit gefährlichen Situationen konfrontiert, liess jedoch niemals seine Position im Stich, auch nicht, als er 1932 von arabischen Aufständischen verwundet wurde. Zeid gehörte zu den Entdeckern der Höhle von Scheik Abrek und organisierte archäologische Ausgrabungen in der Nekropole in Beit Sche'arim. 1938 wurde er, während er seine Wächterpflicht erfüllte, von Arabern getötet. In der Nähe von Givat Zeid wurde ihm zu Ehren ein Standbild errichtet, das ins Jisreel Tal hineinblickt und ihn auf einem Pferd sitzend darstellt.
  • 1886–1940: Karl Strupp, geb. in Gotha, gest. in Chatoux bei Paris, Jurist (Völkerrecht, internationales Privatrecht), publizierte 1923 Documents pour service à l'histoire de droit de gens, 5 Bände (bereits 1912 erschien: "Urkunden zur Geschichte des Völkerrechts"); er war 1926-1933 o. Prof. in Frankfurt am Main, danach in Istanbul, auch Professor an der Akademie für internationales Recht im Haag und Mitglied der verschiedensten internationalen Institute, die sich mit Völkerrecht befassten; Hauptwerke: Grundzüge des positiven Völkerrechts, 1921 (5. Aufl. 1932); Theorie und Praxis des Völkerrechts, 3 Bde., 1925; Legal machinery for peaceful change, 1937; Herausgeber des Wörterbuchs des Völkerrechts und der Diplomatie, 3 Bde., 1924-1929; weitere Werke: Kriegszustandsrecht, 1916; Das völkerrechtliche Delikt, 1920; Eléments du droit international public universel européen et américain, 2 Bde., 1930
  • 1886–1944: Arnold Bernhard, geb. in Dargun, Kr. Malchin, umgekommen in Auschwitz, Bürstenfabrikant, war 1921-1943 Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Rostock; er wurde 1943 nach Theresienstadt, 1944 nach Auschwitz deportiert
  • 1886–1944: Max Bergmann, jüdischer Chemiker, erster Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Lederforschung in Dresden; Pionier der angewandten Wissenschaften, er hatte sich auf das Entschlüsseln von Protein-und Peptid-Strukturen spezialisiert, forschte auch an deren Synthese; Bergmann verliess Deutschland und sein Institut 1933 und war danach an der Rockefeller Universität in New York tätig; dort war er der Hauptwissenschaftler für Protein-Chemie und trug massgeblich dazu bei, dass die USA auf dem Gebiet der molekularen Biologie eine Spitzenposition erreichten; in seinem berühmten Labor arbeiteten zwei spätere Nobelpreisträger
  • 1886–1952: Martin Feuchtwanger (Martin Mosche Feuchtwanger), geb. in München, gest. in Tel Aviv, deutscher Schriftsteller, Journalist und Verleger, der vor allem in den 1920er und frühen 1930er Jahren mit seinem Wirken bekannt wurde; er war zunächst Redakteur, dann Chefredakteur der Saalezeitung und in der Folge Gründer und Leiter des Fünf Türme-Verlages in Halle (Saale); 1933 flüchtete er nach Prag und gründete dort einen weiteren Verlag; 1939 flüchtete er nach Palästina; Martin Feuchtwanger war der jüngere Bruder von Lion Feuchtwanger; -- Werke (Auswahl): Zukunft ist ein blindes Spiel. Erinnerungen, München 1989 (mehrere Auflagen)
  • 1886–8.7.1952: Maxim Sakaschansky, geb. um 1886 in der Ukraine, gest. in Tel Aviv, in Deutschland und Israel wirkender jiddischer Volksschauspieler und Sänger; 1930 gründete er und leitete in den folgenden Jahren gemeinsam mit seiner Frau Ruth Klinger in Berlin die jüdisch-literarische Kleinkunstbühne Kaftan, die seinerzeit vor allem beim ostjüdischen Publikum grosse Erfolge feiern konnte, aber 1933 nach der Machterlangung der Nationalsozialisten geschlossen werden musste; später emigrierte er nach Palästina
  • 1886–1956: Rudolf Isay, Jurist in Berlin (Berg- und Patentrecht)
  • 1886–7.6.1961: Israel Schochat (Namensvariante: Schochet), Pionier und einer der Gründer des Schomer. - Israel Schochat wurde in Weissrussland in einem kleinen Städtchen bei Grodno geboren und war der Sohn von Grundbesitzern. Seine Mutter war die Schwester des berühmten Harkawy und starb, als Israel 9 Jahre alt war. Er erhielt eine traditionelle jüdische Erziehung und ging nach Warschau, um Wirtschaft zu studieren. Obwohl seine Eltern ein Landwirtschaftsstudium in Deutschland wünschten, entschied sich das Poalei Zion Mitglied Schochat für die Einwanderung in Eretz Israel, wo er 1904 eintraf. Er arbeitete zuerst in den Obstgärten von Petach Tikwah und in den Weinkellern von RischonLeZion, aber seine schwache Gesundheit veranlasste ihn, eine Schreibtischarbeit anzunehmen. 1908 heiratete er die sechs Jahre ältere Maia Wilbuschewitsch (s. 1880-1961), die viele seiner Ideen über das jüdische Siedlungswesen teilte. Ab seiner Ankunft in Eretz Israel sprach sich Schochat für eine jüdische Verteidigung aus. Jüdische Siedler, deren Eigentum hauptsächlich von Arabern bewacht wurde, sollten einem jüdischen Schutz vertrauen und nicht einem arabischen. 1906 baute Schochat die erste jüdische Schutzgruppe in Zichron Ja´akow auf, und im folgenden Jahr wurde Bar Giora gegründet, eine Geheimorganisation, die jüdische Wächter in den Siedlungen Galiläas einführte. 1909 expandierte die Organisation, hiess ab nun HaSchomer („Der Wächter“) und schickte jüdisches Wachpersonal in die Siedlungen überall im Jischuw. Schochat blieb das Oberhaupt des Schomer von der Gründung bis zur Auflösung im Jahr 1920. Zusätzlich zur jüdischen Verteidigung, war Schochat ein treuer Unterstützer der Idee der jüdischen Arbeit. Beeinflusst vom kommunistischen Russland, hoffte er, eine Arbeiterlegion zu gründen, die die Ideale von Arbeit, Gemeindeleben und Disziplin vereinigen würde, aber diese Idee wurde mit wenig Begeisterung aufgenommen. 1912 ging Schochat mit Ben Gurion und Jitzchak Ben Zwi zum Studium der Rechte nach Konstantinopel. Nach seiner Rückkehr im Ersten Weltkrieg schlug er eine Jüdische Brigade vor, um den Türken bei der Verteidigung des Landes zu helfen. Die Türken jedoch misstrauten dem Vorschlag, und Schochat wurde in die Türkei deportiert. Er blieb für die Dauer des Krieges im Ausland und kehrte nach seiner Teilnahme an der Poalei Zion Tagung in Stockholm nach Eretz Israel zurück. Nach dem Krieg war Schochat in verschiedenen Arbeiterorganisationen, in der Ahdut HaAwodah Partei und in der Haganah tätig. HaSchomer war zu dieser Zeit gezwungen, sich in die Haganah einzuordnen, und Schochat trat nach Streitigkeiten mit der Haganahführung wegen der Struktur der Organisation von seinem Kommando zurück. Er versuchte andere Verteidungsformen zu bilden, fand aber wenig Gegenliebe. Überzeugt, die Briten seien die Hauptfeinde der Juden, reiste er 1925 nach Moskau, um sowjetische Unterstützung gegen die Briten zu gewinnen und Verbindungen zwischen seiner Verteidigungsgruppe und dem sowjetischen Geheimdienst aufzubauen. Auch dieses Projekt schlug fehl. Schochats vielfältige Aktivitäten riefen im Jischuw heftige Kontroversen hervor, und er wurde von Führungspositionen in Organisationen des Jischuw entfernt. Er arbeitete als Rechtsanwalt und verteidigte später Haganahmitglieder gegen die britischen Mandatsbehörden. Nach der Staatsgründung leitete Schochat das Polizeidepartement.
  • 1886–1967: Rudolf Berliner, geb. in Ohlau, gest. in Berchtesgaden, Kunsthistoriker in München
  • 1886–1968: Oscar Weigert, geb. in Berlin, gest. in Chevy Chase/Md., Arbeitsrechtler, getauft, 1914-1918 in Guben/Brandenburg und Posen, 1919-1933 im Reichsarbeitsministerium Abteilungsleiter für Arbeitsvermittlung und Erwerbslosenfürsorge, zuletzt Ministerialdirigent, emigrierte 1935 nach Ankara, wo er Autor der türkischen Arbeitsgesetze war, 1938 in die USA, wo er in Washington Prof. für vergleichende Sozialgesetzgebung und Referent im Arbeitsministerium war
  • 1886–1975: Günther Dyhrenfurth (Günther-Oskar Dyhrenfurth), geb. in Breslau, gest. in Ringgenberg/Schweiz, Geologe und Bergsteiger, 1919-1933 Prof. in Breslau, dann in der Schweiz, leitete 1930 und 1934 Expeditionen in den Himalaya, erhielt 1936 die olympische Alpinismus-Goldmedaille; Hauptwerke: Himalaya, 1931; Baltoro, 1939; Der dritte Pol, 1952; Kantsch, 1955; Mount Everest, 1959
  • 1886–1976: Isser Jehuda Unterman, aschkenasischer Oberrabbiner des Staates Israel. – Isser Yehuda Unterman, der zweite aschkenasische Oberrabbiner des Staates Israel, wurde 1886 in Brest-Litovsk (Brisk) geboren. Sein Vater war Lehrer. Unter Untermans Vorfahren finden wir Rabbiner Jom Tov Lipman Heller (1579-1654), Verfasser des Mischnah Kommentars "Tosefot Jom Tov", und Rabbiner Shaul Wahl Katzenellenbogen (1540-1616). Über ihn erzählt die Legende, er sei für einen Tag zum polnischen König gewählt worden. Bereits in jungen Jahren war Unterman als "Illui von Brisk" bekannt. 1898 wurde er eingeladen, ein Gründungsstudent der Yeshiva Anaf Etz Chaim in Maltsch zu werden. Kurze Zeit studierte er auch an der Mir Yeshiva, kehrte jedoch später nach Maltsch zurück. Nach seiner Heirat setzte Unterman seine Studien im Kollel der Volozhiner Yeshiva fort, wo er ordniert wurde. Während seiner Studien in Volozhin eröffnete er eine Yeshiva im Nachbarort Visnhova. Diese Yeshiva war sehr erfolgreich, sogar der Hafetz Chaim schickte seinen Neffen. Unterman erkrankte an Laryngitis, und dies beendete seine Karriere als Lehrer. Er wählte das Rabbinat. Unterman wurde Rabbiner in Mohilna, in der Nähe von Minsk. Später übersiedelte er nach Amstibova. 1923 wurde Unterman Rabbiner in Liverpool. Er lernte sofort fliessend Englisch und gewöhnte sich rasch an seine Position. Er arbeitete mit der Jugend der Gemeinde und vereinte alle jüdischen Gemeinden Liverpools unter einer Dachorganisation. Er stärkte die örtliche Yeshiva und brachte Studenten aus Deutschland und anderen Ländern. Er gründete auch eine Talmud Torah Akademie. Während der Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg lehnte er es ab, seinen Posten zu verlassen, aber er besuchte regelmässig die Mitglieder seiner Gemeinde, die auf verschiedene Dörfer aufgeteilt waren, und jüdische Internierte in den Ausländerlagern. Unterman gründete ein Heim für Flüchtlingskinder ausserhalb von Liverpool. 1946 wurde Unterman zum Oberrabbiner von Tel Aviv-Jaffa gewählt. Wie auch in Liverpool stärkte er Torah Institutionen und öffentliche Dienste, wie die Rabbinatsgerichte. Er diente als Mitglied des rabbinischen Rates. 1956 wurde er zum Oberrabbiner des Staates Israel ernannt. Er nützte seine Position und förderte zum Beispiel das Verständnis zwischen der religiösen und nichtreligiösen Bevölkerung. Unterman schrieb viele Responsen zu halachischen Problemen. In diesen Responsen wandte er auf eine neue und praktische Weise die Methode an, die er in seiner Jugend in den Yeshivot gelernt hatte. Unter den diskutierten Themen sind: das Prinzip von Pikuach Nefesch, die Verlässlichkeit ärztlicher Gutachten für das jüdische Gesetz, Heirat und Scheidung, Fragen des religiösen Status, Herztransplantationen und Konversion.
  • 1886–1979: Rachel Janait Ben Zwi, Arbeiterführerin, Erzieherin, Autorin. - Rachel wurde in der Ukraine geboren. Sie erhielt ihre Ausbildung in Russland und später in Frankreich, wo sie Landwirtschaft studierte. Schon vor ihrer Übersiedlung nach Eretz Israel fühlte sie sich mit der Arbeiterbewegung verbunden und arbeitete am Aufbau einer Sektion der Poalei Zion (Arbeiter Zions) in Russland. Rachel kam 1908 in Eretz Israel an und arbeitete als Lehrerin. Sie war Mitbegründerin des Hebräischen Gymnasiums in Jerusalem, dem zweiten modernen Gymnasium des Landes. Sie spielte auch eine Rolle im Schomer, dessen Mitglieder oft auch zur Poalei Zion gehörten, und später in der Tenuot HaPoalot, der Arbeiterinnenbewegung. Sie arbeitete ab 1910 an der Herausgabe der hebräischen Poalei Zion Zeitung mit und nach dem Ersten Weltkrieg gehörte sie zu den Gründern der Ahdut HaAwoda, der Arbeiterpartei. Sie wurde Haganah Führerin und setzte ihre erzieherische Laufbahn fort. 1921 gründete sie in Talpiot die erste landwirstchaftliche Schule für Mädchen und wurde die erste Direktorin. Kurz nach der Staatsgründung wurde - dank ihrer Bemühungen - ein landwirtschaftliches Jugenddorf in Ein Kerem ins Leben gerufen. 1918 heiratete sie Yitzchak Ben Zwi, den sie durch ihre Tätigkeiten bei Poalei Zion, dem Schomer und „HaAhdut" kennengelernt hatte. Als ihr Mann 1952 Israels zweiter Staatspräsident wurde, stand sie ihm in allen offiziellen Pflichten zur Seite und arbeitete mit ihm, um aus dem Präsidentenheim ein zentrales Wahrzeichen für alle Israelis zu machen. Nach dem Tod ihres Mannes, 1963, wurde sie aktives Mitglied von Jad Ben Zwi, dem Forschungsinstitut, das nach Yitzchak Ben Zwi benannt wurde. Gemeinsam mit ihrem Mann schrieb sie das Buch „Eli", die Geschichte ihres Sohnes, den sie im Unabhängigkeitskrieg verloren hatten. Sie gab später ihre Memoiren "Wir sind Einwanderer" heraus und die wissenschaftlichen Schriften ihres Mannes. Für ihre speziellen Leistungen für den Staat und die israelische Gesellschaft wurde sie 1978 mit dem Israel Preis ausgezeichnet.

Bücher

  • S. Buber, Sammlung agadischer Commentare zum Buch Esther, Wilna 1886
  • Carl Diener, Der Libanon, Wien 1886
  • Sortet, La Syrie d'aujourdhui, Paris 1886
  • Theodor Herzl, Seine Hoheit, 1886
  • Dr. Josef Kopp, Zur Judenfrage nach den Akten des Prozesses Rohling-Bloch, Leipzig 1886 (Verlag von Julius Klinkhardt) (Nachweis der Lügenhaftigkeit der Anschuldigungen gegen den Talmud)
  • Emil Schürer, Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi, 2 Bände, 1886–1890
  • M. Jastrow, A Dictionary of the Targumim, the Talmud Babli and Yerushalmi, and the Midrashic Literature, 2 Bde., London 1886-1903

Zeitungen und Zeitschriften

  • Seit 1886: Bnai Brith Magazine, in Cincinnati, Ohio monatlich in Englisch herausgegeben
  • Seit 1886: National Jewish Monthly, in Washington D. C. monatlich erscheinend, Red. E. E. Grusd
  • 1886–1887: Dienstagischer und Freitagischer Kurant, in Amsterdam halbwöchentlich in Jiddisch erscheinendes Blatt
  • 1886–1887: El Lucera de la passienca, in Turn-Severin/Ungarn wöchentlich in spaniolischer Sprache erscheinende wissenschaftliche Zeitschrift
  • 1886–1887: Hajom, erste hebräische Tageszeitung, in Petersburg erscheinend (nationaljüdische Ausrichtung)
  • 1886–1889: Serubabel, in Berlin monatlich in deutscher Sprache herausgegebenes chowewe-zionistisches Blatt
  • 1886–1897: Jewish Tidings, in Rochester, England, wöchentlich erscheinende Zeitschrift
  • 1886–1902: Benjamin F. Peixotto, der als amerikanischer Konsul in Bukarest (1871-1873) die "Rumänische Post" herausgegeben hatte, war der erste Redakteur der Bne-Briss-Monatsschrift "Menorah" in New York (1886-1902)

1886 in Wikipedia



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