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1878

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Ereignisse

  • 1878: Herzl beginnt in Wien sein Jura-Studium und war dort für mehrere Jahre Mitglied der Studentenverbindung „Albia“.
  • 1878: Archibald Philip Primrose, 5th Earl of Roseberry (1847-1929), britischer Politiker, Schriftsteller, Direktor verschiedener Universitäten, 1894-1895 britischer Premierminister, heiratet Hannah, die einzige Tochter von Baron Meyer de Rothschild
  • 1878: Bulgarien. Im Jahr 1878 wurden im Unterschied zu Rumänien, wo sie bis nach dem Ersten Weltkrieg als meist Staatenlose der Willkür der Behörden preisgegeben waren, alle Juden eingebürgert. Nach 1878 gab es erstmals vereinzelte antisemitische Übergriffe.
  • 1878: Guido Gialdini geboren. Populärer jüdischer Kunstpfeifer, vermutlich in den Vierzigern im KZ umgekommen
  • 1878: Die „Alliance Israélite Universelle“ errichtet in Tunis eine erste Schule.
  • 1878: Herbert H. Lehmann in New York geboren, amerikanischer Staatsmann, seit 1933 Gouverneur von New York
  • 1878: Friedrich Hertz in Wien geboren, Anthropologe, bis 1933 o. Prof. in Halle; "Kultur und Rasse", 1924 (Widerlegung Chamberlains)
  • 1878: Richard Freund geboren, Gynäkologe in Berlin
  • 1878: Ernst Löwenstein geboren, Mediziner (Bakteriologie) in Wien
  • 1878: Max Dehn geboren, Mathematiker (Frankfurt)
  • 1878: Arthur Liebert geboren, Philosoph (Dialektik)
  • 1878: Benedikt Lachmann geboren, Sprachphilosoph/Sprachkritiker im Gefolge Mauthners
  • 1878: Paul Adler in Zbraslav bei Prag geboren, deutschsprachiger, dem Expressionismus nahestehender Schriftsteller, Dr. jur., ging 1933 aus Hellerau bei Dresden in die CSR, wo er sich verbarg; er schrieb unter verschiedenen Pseudonymen für die "Prager Presse" und übersetzte aus dem Französischen, Italienischen, Englischen, Spanischen und Russischen; Hauptwerke: Legenden Elohim, 1914; Romane Nämlich, 1915; Die Zauberflöte, 1916; über Japanische Literatur, 1925; er starb 1946 - Diss. über Paul Adler von Ludo Abicht, 1972
  • 1878: Giorgio del Vecchio in Bologna geboren, italienischer Rechtsphilosoph (Naturrechtsschule), Prof. an der Universität Rom
  • 1878: Erich Lehmann geboren, Chemiker (Photochemie); 1896-1900 Studium der Chemie an der TH Berlin; 1904-1914 Assistent am Photochemischen Laboratorium der TH Berlin; 1908-1933 Privatdozent, später a.o. Professor für Photochemie und Reproduktionstechnik, Vorsteher des Photochemischen Laboratoriums und der Staatlichen Prüf- und Versuchsanstalt für Kinotechnik an der TH Berlin
  • 1878: Meir Auerbach, aschkenasischer Grossrabbiner Jerusalems 1878
  • 2.1.1878–22.4.1962: Paul Frankl, geb. in Prag, gest. in Princeton, deutsch-jüdischer Kunsthistoriker; er studierte zuerst Baukunst, ab 1907 in München Kunstgeschichte; 1910 Promotion; 1921 Prof. in Halle, 1933 "Beurlaubung"; Ende der Dreissiger Jahre Emigration in die USA, wo er seit 1940 am Institute for Advanced Studies in Princeton tätig war; Werkauswahl: Die Renaissancearchitektur in Italien, 1912; Die Entwicklungsphasen der neueren Baukunst, 1914; Meinungen über Wesen und Herkunft der Gotik, 1923; Das System der Kunstwissenschaft, 1938; The secret of the medieval mason, 1945
  • 3.1.1878–2.9.1938: Max Deri (eigentlich Max Deutsch), geb. in Pressburg, gest. in Los Angeles, deutsch-jüdisch-amerikanischer Kunsthistoriker, Kunstkritiker und Psychologe
  • 12.1.1878-1.4.1952: Ferenc Molnár, Franz Molnár (eigentlich: Ferenc Neumann; um als ungarischer Autor kenntlich zu sein, änderte er 1896 seinen deutschen Nachnamen Neumann in Molnár), geb. Budapest, Österreich-Ungarn (als zweiter Sohn seines Vaters, Dr. Mor Neumann, Militärarzt, gest. 1908; seine Mutter, Jozefa Wallfisch, war eine zarte, wortkarge, häufig bettlägerige Frau, sie starb 1898; 1881 wurde Ferenc’ Schwester Erzsébet geboren, sein älterer Bruder, Laszlo, war schon vor Ferenc’ Geburt verstorben), gest. in New York (an den Folgen von Magenkrebs), phänomenal produktiver ungarisch-jüdischer Dramatiker, Romancier, Übersetzer und Journalist, dessen geistreiche Komödien ("Der Teufel", "Spiel im Schloss" und viele andere) Welterfolge errangen; er gilt als der bedeutendste ungarische Dramatiker des 20. Jhdts.; sein bekanntestes Werk ist das Theaterstück (Tragikomödie, eine „Vorstadtlegende“, die die Erlebnisse eines Budapester Karussell-Ausrufers darstellt) „Liliom“ (1909); Molnar studierte Rechtswissenschaften und Kriminalistik in Genf und Budapest, wurde in Budapest schnell bekannt durch Zeitungsartikel, Romane und Boulevardstücke; sie zeichneten sich aus durch Witz und saloppe Frechheit ebenso wie durch präzise Milieubeschreibungen: Er spiesste sie auf, die Kleinbürger mit ihrer Doppelmoral; ab 1901 veröffentlichte Molnár Prosawerke; 1906 heiratete er Margit Vészi, die Ehe war jedoch unglücklich und wurde 1910 wieder geschieden (Selbstmord Margit Vészis 1961 in Spanien), 1911 missglückter Selbstmordversuch Molnárs; sein Grübeln über den ehelichen Schiffbruch war allerdings nicht von langer Dauer, wenige Monate nach der Trennung war er ein Verhältnis mit Irén Varsányi eingegangen, Ungarns bedeutendste Schauspielerin und Frau des wohlhabenden Fabrikanten Illés Szécsi; Molnars Liebesaffären waren bekannt und berüchtigt, nach dem Duell mit dem eifersüchtigen Szécsi erhielt Molnar eine zweiwöchige Gefängnisstrafe; 1922 heiratete Molnar Ungarns Primadonna Sári Fedák nach zehnjähriger stürmischer Liebesaffäre; auch diese Ehe wurde bald wieder geschieden (Sari Fedak starb 1955 in Budapest), wieder waren es zwei Stars, die sich verbunden hatten, und erneut hatten sie versucht, sich gegenseitig in den Schatten zu stellen, die tratschsüchtigen Kolumnisten der Zeitungen berichteten ausführlich über die heftigen verbalen und Kämpfe anderer Art im Hause Molnar; Molnar wurde zusehends kritisiert und isoliert, auch beneidet: zwischen 1920 und 1930 hatte Molnár ein so imposantes Einkommen - über eine Million US-Dollar -, dass er sich den Unterhalt seines sogenannten „Fünf-Zimmer-Apartments“ ebenso leisten konnte wie die besten Hotelsuiten in Budapest, Wien, Karlsbad, Venedig und Nizza, Molnar wurde mit Ehrungen überhäuft, 1927, nach der Pariser Premiere von „Der Schwan“, wurde er mit dem Kreuz der Ehrenlegion ausgezeichnet, danach wurde ihm in Amerika ein heldenhafter Empfang bereitet, nach seiner Ankunft in New York bestürmten ihn Theaterdirektoren und Verleger mit Angeboten und Einladungen, er wurde von Präsident Calvin Coolidge im Weissen Haus empfangen, Molnars 50. Geburtstag wurde mit grossem Aufwand am Broadway gefeiert; als Molnar Sari Fedak heiratete, war er bereits mit einer anderen Schauspielerin liiert – Lili Darvas, ein sechzehnjähriger Bühnenstar aus Budapest; in „Launzi“ spielte die Darvas die Hauptrolle so gut, dass Molnar für sie „Die rote Mühle“ und „Der gläserne Pantoffel“ schrieb; die erzürnte Fedak reagierte prompt: Um sich zu rächen, bat sie Melchior Lengyel, einen bekannten ungarischen Dramatiker, für sie ein Stück zu schreiben; diese öffentliche Demütigung beantwortete Molnar damit, dass er sich von der Fedak 1924 scheiden liess; in dritter Ehe war Molnar dann mit Lili Darvas verheiratet und blieb mit ihr verheiratet trotz Trennung und Zusammenleben mit Wanda, s. u. (Lili Darvas starb 1974 in New York.); 1907 hatte Molnar seinen ersten Erfolg als Theaterautor mit „Der Teufel“; wie man im Handumdrehen aus einem Kommunisten einen Kapitalisten macht, zeigt Molnars schnelle Komödie „Eins, Zwei, Drei“ („Egy, kettő, három“), die - 1929 in Budapest uraufgeführt - sehr bald auch ihren Weg nach Berlin findet, mit Max Pallenberg in der Rolle des Bankpräsidenten Norrison, dem Vorbild für Billy Wilders Coca-Cola-Verkäufer MacNamara in seiner Film-Adaption („One, Two, Three“) aus dem Jahr 1961 (unvergesslich: Liselotte Pulvers Tisch-Tanz, Horst Bucholz' Naivität, dazu James Cagneys ausserordentliches Sprachtempo und die noch vor dem Mauerbau 1961 freie Fahrt durchs Brandenburger Tor); zu Welterfolg gelangte Franz Molnár durch einen anderen Autor, nämlich Alfred Polgar, der das Molnár’sche Theaterstück „Liliom“ kongenial ins Deutsche übersetzt (deutschsprachige Erstaufführung 1912 im Wiener Theater in der Josefstadt), das ungarische Original war bei der Uraufführung am 7. Dezember 1909 mit Pauken und Trompeten durchgefallen; Höhepunkte waren 1934 die Liliom-Verfilmung durch den renommierten Regisseur Fritz Lang (unter dessen Regie auch Filme entstanden wie „M - eine Stadt sucht einen Mörder“, mit Peter Lorre in der Hauptrolle, sowie „Metropolis“) und die Aufführung als Musical von Rogers und Hamerstein 1945 am Broadway unter dem Titel „Carousel“; da lebte Franz Molnár bereits seit einigen Jahren in New York und schrieb in englischer Sprache (bis 1940 erschienen Molnárs Werke zuerst auf Ungarisch und etwas später in deutscher Übersetzung; ab 1940 erschienen seine Werke zuerst auf Englisch); mit seiner Lebensgefährtin Wanda Bartha (die er 1932 kennen gelernt hatte, sie war eine geschiedene Ungarin, die schliesslich auch seine ihm ergebene Sekretärin und Begleiterin wurde und bis zu ihrer Selbsttötung 1947 bei ihm blieb) hatte der längst arrivierte Publizist 1937 das faschistische Ungarn fluchtartig verlassen und war über die Schweiz (wo er sich in Genf häufig mit Emmerich Kalman traf) in die USA exiliert, lebte dort für den Rest seines Lebens in den besten Hotels; der Verlust der Heimat, der Freunde und die Sprachumstellung trieben Molnár in schwere Depressionen; umso bewundernswerter, dass er trotz dieser psychischen Stress-Situation weiter geschrieben hat: Filmdrehbücher oder Theaterstücke wie „Panoptikum“ (Aufführung am Broadway 1949) und seine Autobiographie, die er noch 1950, zwei Jahre vor seinem Tod, veröffentlichen konnte; beachtenswert ist der tiefere Sinn seiner amüsanten Boulevardstücke; die tragischen Momente wechseln effektvoll mit humorvollen Pointen, treffsicher gesetzt vor allzumenschlichem Schwächen, zwischen Sein und Schein; geradezu modern ist das Changieren zwischen Realität und Fiktion, zwischen Traum und Wirklichkeit bei seinen Bühnenstücken; persönlich war Molnár das Gegenteil von einem Witzbold, nämlich zeitlebens ein Grübler; vielleicht auch deshalb, weil es ihn betroffen machte, wie seine scharfe Form von Gesellschaftskritik an den sogenannten „besseren Kreisen“ damals als „unsittlich“ angeprangert wurde; Tatsache ist, dass er Skandale und Literaturfehden ausgelöst hat, deren Aufregung man heute überhaupt nicht mehr nachvollziehen kann; im kommunistischen Ungarn war die Aufführung von Molnárs Werken verboten, seit 1989 erlebte er jedoch dort eine Renaissance
  • 21.1.1878–16.3.1938: Egon Friedell (eigentlich Egon Friedmann), vielseitiger österreichisch-jüdischer Schriftsteller (Essays, Dramatisches), Kulturphilosoph und Schauspieler, geb. in Wien; jüdischer Konvertit; Suizid in Wien nach dem Einmarsch der deutschen Truppen; kulturhistorische und philosophische Schriften („Kulturgeschichte der Neuzeit“, drei Bände, 1927-1932), Lustspiele, geistreiche Aphorismen, aber auch eine "Judastragödie"; Schrift über das Jesusproblem
  • Anfang 1878: Anfang 1878 gründete der lutherische Hofprediger (Berliner Hof- und Domprediger 1874-1889) Adolf Stoecker (1835 Halberstadt, Sachsen -1909 Gries bei Bozen, Südtirol) die Christlich-Soziale Arbeiterpartei (später: Christlich-Soziale Partei) gegen die Sozialdemokratie, zunächst um die Arbeiter für eine „Rechristianisierung“ der Gesellschaft und Akzeptanz des vom protestantisch-konservativen Preussen geführten Kaiserreichs zu gewinnen. Doch fand er weitaus mehr Anhänger im ökonomisch bedrohten Kleinbürgertum und Mittelstand, die ihn drängten, sich zur „Judenfrage“ zu positionieren. Daraufhin forderte er seit September 1879 (er war Mitglied des preussischen Abgeordnetenhauses 1879-1898 und des Reichstags 1881-1893) die Begrenzung des vermeintlich jüdischen Einflusses auf die Politik und wurde so populär. Seine Partei schloss sich jedoch bereits 1881 der Deutschkonservativen Partei an.
  • 1.2.1878–12.11.1955: Alfréd Hajós (Aussprache: Hajosch), geboren in Budapest als Arnold Guttmann, ungarischer Schwimmer (vielleicht erfolgte die Konzentration auf diese Sportart, weil er als Kind hilflos hatte mitansehen müssen, wie sein Vater in der Donau ertrank) und Architekt (u. a. Schwimmstadion von Budapest, ausgezeichnet 1924). Gewann am 11. April 1896 in Athen die erste Schwimm-Olympiamedaille der Neuzeit. Beim anschliessenen Gala-Dinner antwortete Hajós auf die Frage der griechischen Kronprinzessin, wo er so gut schwimmen gelernt habe, treffend: „Im Wasser“. Am selben Tag gewann er auch den Wettbewerb über 1 200 m Freistil. Österreichischer Landesmeister im Schwimmen. 1898 auch ungarischer Leichtathletikmeister über 100 m, 400 m Hürden und im Diskuswerfen, spielte auch viermal für die ungarische Fussballnationalmannschaft.
  • 5.2.1878–1935: André Citroën, geb. u. gest. in Paris, Begründer des bekannten französischen Automobilunternehmens, entstammte einer holländisch-jüdischen Familie; während des Ersten Weltkriegs baute er zunächst eine Munitionsfabrik auf, in der nach 1918 die ersten Automodelle der Marke Citroën hergestellt wurden
  • 7.2.1878–14.9.1936: Ossip Gabrilowitsch (russisch Осип Соломонович Габрилович), geb. in St. Petersburg, gest. in Detroit, war ein russisch-amerikanischer Pianist, Dirigent und Komponist; er studierte Klavier und Komposition am Sankt Petersburger Konservatorium bei Anton Rubinstein, Anatoli Ljadow, Alexander Glasunow und Nikolai Medtner; nach seinem Abschluss 1894 ging er nach Wien, wo er weitere zwei Jahre bei Teodor Leszetycki studierte; anschliessend war er als freischaffender Pianist tätig, erwarb sich sehr bald ein grosses Ansehen und war ein gefragter Künstler; im Juli 1905 wurde er als einer der ersten Pianisten von der Firma M. Welte & Söhne in deren Leipziger Aufnahmestudio eingeladen, wo er zehn Stücke für Welte-Mignon einspielte; von 1910 bis 1914 war er Dirigent des Münchner Konzertvereins, den heutigen Münchner Philharmonikern; er ging anschliessend in die USA und hatte dort als Pianist von Weltruf viele erfolgreiche Auftritte; 1918 wurde er Gründungsdirigent des Detroit Symphony Orchestra; bevor er diesen Posten akzeptierte, forderte er den Bau einer neuen Konzerthalle, dies gab den Anstoss zum Bau der Orchestra Hall in Detroit; auch nach dem 1. Weltkrieg unternahm er zahlreiche Tourneen durch die USA und Europa; 1906 heiratete er Mark Twains Tochter Clara Clemens (1874-1962), eine Sängerin, die er bei ihren Auftritten begleitete; er komponierte wenige Werke, vorwiegend Klavierstücke für den eigenen Gebrauch; er liegt zusammen mit seiner Frau und deren Vater auf dem Woodlawn Cemetery in Elmira, New York, begraben
  • 8.2.1878-13.6.1965: Martin Buber, geboren in Wien, gest. in Jerusalem; jüdischer Religionsphilosoph und Schriftsteller von ganz eigener Art (Glaube als tätige Lebensheiligung aus dem Geist des Chassidismus, eine Art religiöser Sozialismus), innerjüdisch bedeutungslos geblieben, war er hingegen ein grosser Vermittler zwischen Juden und Christen; Dr. h. c. vieler Universitäten Europas und Amerikas; seine späte Alija wurde ihm jüdischerseits sehr verübelt; seine Frau war Nichtjüdin (katholisch); Buber wirkte seit 1898 in der zionistischen Bewegung; 1923-1933 Lehrauftrag für jüdische Religionsphilosophie und -geschichte an der Universität Frankfurt am Main (seit 1930 als Prof.), 1933 entlassen, leitete er dort die Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung, 1938 Emigration nach Jerusalem, 1938-1951 Professor für Sozialphilosophie in Jerusalem; Forschungen zum jüdischen Chassidismus Osteuropas; trat für eine arabisch-jüdische Verständigung ein; übersetzte mit Franz Rosenzweig – eng angelehnt an die Ursprungssprache – das Alte Testament aus dem Hebräischen ins Deutsche (15 Bände, 1926-1938); Martin Buber wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. 1953 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels; die Bundespost gab 1978 eine Gedenkmarke heraus; Hauptwerke: Ich und Du, 1923; Königtum Gottes, 1932; Zwei Glaubensweisen, 1950
  • 14.2.1878–3.12.1956: Felix Bernstein, geb. in Halle/Saale, gest. in Zürich, deutsch-jüdischer Mathematiker, o. Prof. in Göttingen, Arbeiten über Funktionenlehre und Wahrscheinlichkeitsrechnung, mathematische Statistik (auch Vererbungsstatistik); wurde bekannt durch die Entwicklung des nach ihm benannten Cantor-Bernstein-Schröder-Theorems über die Mächtigkeit von Mengen; er war ein Student von Georg Cantor
  • 16.2.1878–1.2.1959: Ossip Dymow (eigentlich Ossip Isidorowitsch Perelman), geb. in Bialystok, gest. in New York, russisch-jiddischer Schriftsteller; seit 1913 in Amerika; erzählende (z. B. „Der Knabe Wlas“, Roman, 1910) und dramatische (z. B. „Bronx-Express“, jiddisch, auch in Deutschland gespielt) Werke mit erotischem Einschlag; Hauptwerk: „Nju“ (Drama) 1908
  • 3.3.1878: Leopold Jessner in Königsberg geboren, Theater- und Filmregisseur, Exponent des politischen Theaters der 20er Jahre (war auch Vorstandsmitglied des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens), Förderer Brechts und Kortners, Erfinder der "Jessnerschen Treppe", war zunächst Schauspieler, 1904-1915 Oberspielleiter am Thalia-Theater in Hamburg, 1915-1919 in Königsberg, 1919-1928 Intendant, 1928-1930 Generalintendant der Staatlichen Schauspiele Berlin, als Regisseur Begründer einer neuartigen, der Stilstufe des Expressionismus entsprechenden Bühnenkunst (Richard III., Wedekinds Marquis von Keith; er hatte u. a. noch Tell, Hamlet - im modernen Kostüm - , Grabbes Napoleon inszeniert), er resignierte 1930 unter dem Druck reaktionärer und nationalsozialistischer Kreise, 1933 emigrierte er nach Palästina, 1937 in die USA, dort für die MGM tätig; er starb am 13.12.1945 in Hollywood
  • 17.3.1878–10.12.1937: Rosa Valetti (eigentlich Rosa Vallentin, sie war die Tochter des Grossindustriellen Felix Vallentin und Schwester des Schauspielers Hermann Vallentin), geb. in Berlin, gest. in Wien, deutsch-jüdische Schauspielerin, Kabarettistin und Chansonette; an Berliner Vorstadtbühnen sammelt sie erste Erfahrungen, bevor sie – animiert durch die Novemberrevolution und die Begegnung mit Kurt Tucholsky – zum Kabarett geht; 1920 gründet sie das Café Grössenwahn, das zu einem der bedeutendsten, literarisch und politisch ambitioniertesten Kabaretts im Berlin der 1920er Jahre wird; seit 1911 spielt sie in vielen Filmen mit, ihre erste Hauptrolle verkörpert sie in Viggo Larsens "Madame Potiphar"; in den folgenden Jahren ist sie vornehmlich in Nebenrollen zu sehen; immer wieder wird die eher herbe Frau von Regiegrössen wie Max Mack, Richard Oswald, Peter Urban Gad und Reinhold Schünzel besetzt und avanciert zu einer der prägnantesten Nebendarstellerinnen des deutschen Stumm- und frühen Tonfilms; 1922 gründete sie das Kabarett "Die Rampe" und absolvierte in der Folgezeit Soloprogramme an allen wichtigen Berliner Kabarettbühnen; 1923 lobt der Kritiker Herbert Ihering Rosa Valettis “Ruhe und präzise Einfachheit” in Karheinz Martins expressionistischem Film "Das Haus zum Mond"; über ihre Rolle als durchtriebene Haushälterin in der Rahmenhandlung von F. W. Murnaus "Tartüff" heisst es in einer Kritik von 1926: "In der Verkörperung dieser Figur feierte Rosa Valetti einen Triumph derb zupackender Gestaltung"; neben "Tartüff" gehören Josef von Sternbergs "Der blaue Engel" (1929/1930, hier spielt sie die Mutter der Sängerin Lola-Lola/Marlene Dietrich) und Fritz Langs "M – Eine Stadt sucht einen Mörder" (1931) zu den berühmtesten Filmen mit Rosa Valetti; 1928 spielte sie bei der Uraufführung der Dreigroschenoper mit (Frau Peachum); durch den Machtantritt der Nazis kommt es zum Bruch in ihrer Karriere; noch 1933 geht sie ins Exil nach Österreich; dort spielt sie bis 1935 am Theater an der Josefstadt, 1934 tritt sie noch einmal in Berlin auf, in Palästina gibt sie 1936 Abende mit hebräischen Liedern; im Alter von 59 Jahren stirbt Rosa Valetti am 10. Dezember 1937 in Wien; sie war mit dem Schauspieler Ludwig Roth verheiratet und hatte zusammen mit ihm eine Tochter: die Schauspielerin Liesel Valetti; nach Rosa Valetti ist die gleichnamige Strasse in Berlin-Mahlsdorf benannt (sie hatte in Mahlsdorf in der Wodanstrasse gewohnt)
  • 23.3.1878–21.3.1934: Franz Schreker, geb. in Monaco, gest. in Berlin, österreichischer Komponist; Kompositionslehrer in Wien und Berlin (u. a. Lehrer von Alois Hába und Ernst Krenek); seine Werke verbinden spätromantische und expressionistische Elemente und weisen ihn als Meister der Klangfarben aus; bedeutender Opernkomponist in der Nachfolge Wagners mit selbst verfassten Libretti: "Der ferne Klang", 1901-1910; "Die Gezeichneten", 1913-1915; darüber hinaus Orchesterwerke, Chormusik und Lieder; nach 1933 galten seine Werke als "entartet" und werden erst allmählich wiederentdeckt
  • 1.4.1878–9.3.1937: Alfred Flechtheim, geb. in Münster (Westfalen), gest. in London, Kunsthändler; geboren als Sohn des Getreidehändlers Emil Flechtheim, absolvierte eine kaufmännische Ausbildung in Paris, London, Liverpool und Südrussland; danach wurde er Galerist und Kunsthändler, ebnete den Weg für die Pariser Moderne und war bald „die“ Adresse für zeitgenössische europäische Kunst; 1913 eröffnete er in Düsseldorf eine eigene Galerie, Filialen in Frankfurt, Köln und Berlin folgten; 1921 siedelte er nach Berlin über, wo er die Kunstzeitschrift „Der Querschnitt“ gründete; vor den Nationalsozialisten floh Flechtheim wegen seiner jüdischen Herkunft 1933 über Paris nach London; zu den von ihm vertretenen Künstlern gehörten Picasso, Braque, Klee, Max Beckmann und Arno Breker (!); Otto Dix lieferte ein bedeutendes Porträt des „habgierigen Flechtheim“ (1926)
  • 1.4.1878: Carl Sternheim in Leipzig geboren (Vater Jude, Mutter nichtjüdisch), Schriftsteller (Komödien, Novellen, Essays), schrieb die vielgespielten antibürgerlichen Komödien "Die Hose", "Der Snob", 1913; "Die Kassette", "Bürger Schippel" u. a.; Essays und eigenwillig stilisierte Novellen
  • 5.4.1878–10.6.1965: Georg Misch, geb. in Berlin, gest. in Göttingen, Kultur-Philosoph (Lebensphilosophie/Vitalismus), Dilthey-Schüler, getauft, philosophische Promotion im Jahr 1900 in Berlin, Habilitation 1905 ebenfalls in Berlin, wurde 1911 Prof. in Marburg, 1916 in Göttingen (bis 1935, Ruhestand); 1939 emigrierte er nach England (bis 1946), dann kehrte er nach Göttingen zurück; er war auch Schwiegersohn des Nichtjuden Wilhelm Dilthey; Werke u. a.: eine monumentale "Geschichte der Autobiographie", 3 Bände, 1907-1969 (3. Bd. zum Teil aus dem Nachlass); Herausgeber von 3 Bänden Gesammelte Schriften Diltheys, 1914; Der Weg in die Philosophie, 1926; Lebensphilosophie und Phänomenologie, 19300
  • 6.4.1878–10.7.1934: Erich Mühsam, geb. in Berlin, ermordet nach 14 Monaten Folter und schweren Misshandlungen im KZ Oranienburg, Schriftsteller und Publizist, revolutionärer Anarchist und Pazifist, kämpfte für das Recht des Einzelnen auf freie Entfaltung und war ein hellsichtiger und eindringlicher Mahner vor dem Nationalsozialismus; Schüler G. Landauers; 1919 wegen Teilnahme an der Münchener Räterepublik 6 Jahre in Festungshaft; Apothekersohn, seit 1909 Mitarbeiter am Simplicissimus, 1911-1914 und 1918 f. Herausgeber des revolutionären Literaturblattes "Kain. Zeitschrift für Menschlichkeit"; 1919 zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt, 1924 amnestiert; 1926-1933 gab er die Zeitschrift "Fanal" heraus; Werke (Auswahl): Die Wüste, 1904; Brennende Erde, 1920; Judas, 1921 (Drama); Staatsräson (Drama über Sacco und Vanzetti), 1928; Von Eisner bis Leviné, Die Entstehung der Bayerischen Räterepublik, 1929; Unpolitische Erinnerungen, 1931 (Autobiographie)
  • 8.4.1878–5.2.1960: Rudolf Nelson, geb. in Berlin, gest. in Berlin; eigentlich: Lewysohn; war ein im Berlin der 1920er Jahre berühmt gewordener Musiker, Pianist, Komponist und Theaterdirektor mit der Spezialität der „kleinen“ Kunst; hervorzuheben unter seinen Auftritten sind der Roland von Berlin in der Potsdamer Strasse (1904-1907), Chat Noir Unter den Linden (1908-1914), die Nelson-Künstlerspiele und Nelson-Theater am Kurfürstendamm; eine seiner bekanntesten Kompositionen ist der Schlager Tamerlan
  • 12.4.1878–24.4.1958: Richard Goldschmidt (Richard Baruch-Benedikt Goldschmidt), geb. in Frankfurt am Main, gest. in Berkeley (Kalifornien/USA), Biologe und Genetiker, Wegbereiter des Neodarwinismus; 1904 Habilitation in Zoologie mit einer Arbeit über die Karyokinese der Chromidien der Protozoen, 1909 ausserordentlicher Professor an der Universität München; 1914 wurde er nach Berlin an das neu gegründete Kaiser-Wilhelm-Institut für Biologie als Abteilungsleiter für Genetik der Tiere berufen; 1919 dessen zweiter Direktor, dort Zusammenarbeit mit (u. a.) Max Hartmann, Otto Meyerhof, Carl Neuberg und Otto Heinrich Warburg; 1935 wurde er wegen seiner jüdischen Abstammung von den Nationalsozialisten ausgebürgert und emigrierte in die USA, dort wurde er im selben Jahr zum Professor für Genetik und Zytologie an die Universität von Kalifornien in Berkeley berufen
  • 29.4.1878–1942: Friedrich Adler, geb. in Laupheim, ermordet in Auschwitz, deutsch-jüdischer Bildhauer, Bauplastiker und sehr beliebter Professor; er war vor allem für seine Jugendstil- und Art Déco-Entwürfe für Metallarbeiten und Batik-Verfahren bekannt; als einer der frühen Industriedesigner und als einer der Pioniere des Kunststoffdesigns verwendete er ab 1929/1930 Harnstoffharze (Aminoplaste) als Werkstoffe; er wuchs im oberschwäbischen Laupheim auf, studierte 1894-1897 an der Kunstgewerbeschule in München bei Hermann Obrist und Wilhelm von Debschitz, in dessen "Debschitz-Schule" er 1904-1907 auch lehrte; 1910-1913 leitete er die Nürnberger Meisterkurse und lieferte Entwurfsarbeiten für über 50 kunstgewerbliche Betriebe; von 1913 bis zu seiner Zwangspensionierung 1933 lehrte er an der Kunstgewerbeschule Hamburg, wo er 1922 auch zum Professor ernannt wurde; nach 1933 durfte er nur noch jüdischen Schülern Privatunterricht erteilen; am 11. Juli 1942 wurde er ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert und wurde dort ermordet
  • 11.5.1878–22.5.1928: Paul Schlesinger, geb. u. gest. in Berlin, Schriftsteller (Prosa, Komödien), bekannt geworden als Gerichtsberichterstatter (Pseudonym "Sling"; schrieb für die Vossische Zeitung; Auswahlsammlung: "Richter und Gerichtete", 1929)
  • 16.5.1878–21.8.1933: Leon Lichtenstein, geb. in Warschau, gest. in Zakopane (?), Mathematiker, Meister auf dem Gebiet der reellen Funktionen; war zunächst Ingenieur, 1910 Privatdozent an der TH Berlin, 1920 Prof. in Münster, 1922-1933 in Leipzig; Werke (Auswahl): Astronomie und Mathematik in ihrer Wechselwirkung, 1921; Grundlagen der Hydromechanik, 1929; war Hrsg. des Jahrbuchs über die Fortschritte der Mathematik, 1911-1927, sowie der Mathematischen Zeitschrift (seit 1918); Leon Lichtenstein war ein Vetter von Norbert Wiener
  • 20.5.1878–4.2.1935: Reginald Oliver Herzog, Chemiker; 1897-1900 Studium der Chemie Universität Wien, 1900 Promotion zum Dr. phil., 1905 Habilitation Technische Hochschule Karlsruhe, 1908 a. o. Prof. Technische Hochschule Berlin, 1910 a. o. Prof. Technische Hochschule Karlsruhe, 1912 o. Prof. Technische Hochschule Prag, 1916 Abteilungsvorstand am Kaiser-Wilhelm-Institut für physikalische Chemie und Elektrochemie (Berlin-) Dahlem, 1919-1933 Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Faserstoffchemie ebd., 1933 Emigration und o. Prof. Universität Istanbul
  • 7.6.1878–2.8.1938: Jakow Jurowski (Jakow Michailowitsch Jurowski, richtig: Jankel Chaimowitsch Jurowski), geb. in Tomsk (nach anderen Quellen in Kainsk/Kuibyschew, heute Oblast Nowosibirsk), gest. in Moskau, Tschekist und Zarenmörder; er war sowjetischer Parteifunktionär und leitete die Ermordung der Zarenfamilie im Juli 1918; Jurowskis Grossvater Itzka war Rabbiner in Poltawa, sein Vater Chaim wurde wegen Diebstahls nach Sibirien verbannt, wo er als Glaser arbeitete; seine Mutter Ester Moishewna war Hausnäherin, er selbst das achte von zehn Kindern; Jurowski wuchs in orthodox-jüdischem Umfeld auf und besuchte die Schule der Synagoge in Tomsk ein Jahr lang, brach den Schulbesuch ab und wurde daraufhin zu einem Uhrmacher gegeben und arbeitete in Tobolsk und Tomsk; 1904 emigrierten zwei Brüder in die USA, er selbst heiratete in der Synagoge Mane Jankelewoj (Kaganer) und zog nach Jekaterinograd (Krasnojarsk); 1905 wurde er Mitglied der Sozialdemokraten, Bolschewik und Freund Swerdlows; im selben Jahr zog er nach Berlin, wurde Lutheraner und änderte seinen Namen in Jakow Michailowitsch; 1907 nach Jekaterinograd zurückgekehrt, eröffnete er ein Uhrengeschäft; wegen revolutionärer Umtriebe wurde er inhaftiert, zuerst nach Jekaterinburg verbracht und dann verbannt; an seinem Verbannungsort eröffnete er ein Fotoatelier; im Ersten Weltkrieg zum medizinischen Assistenten ausgebildet, war er Sanitäter einer Kompanie, ging aber nie an die Front; 1917 wurde er Deputierter eines Sowjet und mit der Oktoberrevolution ein Mitglied der bolschewistischen Militärabteilung von Jekaterinburg, Gerichtsvorsitzender der Ural-Region und deren Kommissar für Justiz sowie Mitglied des regionalen Tscheka der KPR (B); am 4. Juli 1918 wurde er Kommandant des Ipatjew-Hauses in Jekaterinburg, in dem die Zarenfamilie arretiert war, und sammelte am selben Tag deren Juwelen ein; am folgenden Morgen listete er die Stücke unter Anwesenheit der Familie auf, verschloss sie in einem Paket, versiegelte es und beliess es auf einem Schreibtisch; den Romanows versicherte er, täglich das Siegel zu kontrollieren; in der Nacht vom 16. auf den 17. Juli wurde die Familie im Erdgeschoss des Hauses umgebracht, und am Folgetag fertigte Jurowski über die Täter einen kurzen "Bericht" an Swerdlow; die sieben ausführenden Soldaten waren überwiegend jüdische Ungarn; sie sprachen kein Russisch; Jurowski unterhielt sich mit ihnen möglicherweise deutsch; die Unterstützer dieser These nehmen an, dass das ZK befürchtete, russische Soldaten würden nicht auf den Zaren schiessen; der Text des Berichts: "Revolutionäres Komitee Jekaterinburg. Bericht des sowjetischen Arbeiter- und Soldatenrates REVOLUTIONÄRER STAB DES RAJON URAL. Ausserordentliche Kommission (= Tscheka). L i s t e Kommando zur besonderen Verwendung im Haus Ilatjewa / 1. Kamyschower Schützenbrigade / Kommandant: Horvat Laons. Weitere: Fischer, Anselm – Sdjelstein, Isidor – Fekete, Emil – Nad, Imre – Grünfeld, Viktor – Verházi, Andras. -- Reg. Kоm.: Waganow, Serge. Weitere: Medwjedejew, Pawel – Nikulin. – Stadt Jekaterinburg 18. Juli 1918. Leiter der Tscheka: Jurowski"; mit dem Rückzug der Roten Armee räumte auch Jurowski den Ort, den die Weissgardisten am 25. Juli eroberten; auf Weisung Koltschaks wurde eine Untersuchung vorgenommen und publiziert; einer der drei beteiligten russischen Soldaten äusserte sich dabei zum Hergang; Jurowski wurde unterdessen am 1. August 1918 Kommissar der Tscheka in Moskau; als solcher war er zusammen mit Swerdlow an der Vernehmung der (mutmasslichen) Lenin-Attentäterin Fanny Kaplan beteiligt, die nach dem Verhör erschossen wurde; ab November 1918 ernannte man Jurowski zum Organisator und Verwalter des Oblast Moskau und zum Mitglied des Tscheka-Komitees der Hauptstadt; im Juni 1919 kehrte er als Tscheka-Vorsitzender zuerst des Bezirkes Wiatka in den Ural und nach der Rückeroberung durch die Rote Armee in gleicher Funktion nach Jekaterinburg zurück; am 20. Juli 1920 liess Jurowski ein Magengeschwür in Moskau behandeln; den Besuch in der Hauptstadt nutzte er am nächsten Tag, um die der Familie Romanow nach ihrer Erschiessung zwei Jahre zuvor gestohlenen Juwelen dem Kommandanten des Kreml auszuhändigen; Jurowski blieb in Moskau, wurde Verwaltungsdirektor in der russischen RKI (Arbeiter- und Bauerninspektion), der sozialistischen Kontrollstelle, deren Kommissar zu dieser Zeit Stalin war, und leitete verschiedene Wirtschaftsunternehmungen; 1928 war er zuerst in der Geschäftsleitung, dann Direktor des Staatlichen Polytechnischen Museums; 1933 wurde er gesundheitsbedingt in den Ruhestand entlassen; das Ende seines Lebens verbrachte Jurowski im Kremlhospital; dort starb er 1938 am Durchbruch eines Magengeschwüres; Jurowski hatte drei Kinder: 1) Rimma (Rebekka) Jakowlewna Jurowskaja (1898-1980), sie erlangte Bekanntheit durch die Organisierung von Abrissen Orthodoxer Kirchen, 1938-48 inhaftiert in Karaganda; 2) Alexander Jakowlewitsch Jurowski (1904-1986), Marineadmiral, 1952/53 in der Butyrka (Moskauer Haftanstalt) inhaftiert, mit Stalins Tod entlassen und in Rente geschickt; 3) Eugen Jakowlewitsch Jurowski (1909-1991), Oberstleutnant der Marine; besass aus dem Nachlass seines Vaters ein privates Protokoll über die Umstände des Zarenmordes; das Ipatjew-Haus selbst entwickelte sich in den 1970er Jahren zur unerwünschten Gedenkstätte von Nationalisten, so dass es der damalige KP-Gebietssekretär Boris Jelzin 1977 abreissen liess; der Mord an der Zarenfamilie durch die Bolschewiki im Verlauf des russischen Bürgerkriegs begann am 12. Juni 1918 und endete am 29. Januar 1919; die Bolschewiki versuchten, der Mitglieder der Zarendynastie habhaft zu werden; mit der Vernichtung der Romanows wollten sie einer monarchistischen Konterrevolution entgegenwirken; Michail Alexandrowitsch war das erste Opfer, ehe am 16./17. Juli der ehemalige Zar Nikolaus II. samt Familie in Jekaterinburg ermordet wurde; einen Tag später mussten sechs weitere Mitglieder sterben; im Januar 1919 wurden die letzten vier Romanows, die in Haft waren, erschossen; insgesamt starben 18 Romanows und viele weitere Personen aus deren Umfeld während und nach den Morden an der Dynastie; hier die Ereignisse rund um die Mordnacht: Am 4. Juli 1918 übernahm die Tscheka aus Jekaterinburg die Bewachung der Romanows; sie wurde von Jakow Jurowski geleitet, und die Tatsache, dass Jakow Jurowski Jude war, sollte im weiteren Verlauf des Bürgerkriegs in Russland für die Juden an sich noch schwerwiegende Folgen haben; in den ersten Juliwochen fiel in Moskau die Entscheidung, die Zarenfamilie hinzurichten; Lenin und Swerdlow waren zu der Überzeugung gekommen, dass ein Prozess gegen den ehemaligen Zaren zu riskant sei; ein unschuldiger Zar hätte die Richtigkeit der Revolution in Frage gestellt; der Rat der Volkskommissare in Moskau beschloss die Vernichtung der Zarenfamilie in Jekaterinburg; auf keinen Fall solle sie den herannahenden weissen Truppen in die Hände fallen; die Bolschewiki wollten den Weissen keine Figur für eine etwaige Konterrevolution überlassen; Jurowski wurde mit der Erschiessung der Familie beauftragt; an den Planungen für die Ermordung waren neben Jurowski die Bolschewiki Alexander Beloborodow und Filip Goloschtschokin beteiligt; nachdem die weissen Armeen Jekaterinburg eingekesselt hatten, war Eile geboten; in der Nacht vom 16. auf den 17. Juli 1918 ging Jurowski zum Leibarzt Botkin; er wies ihn an, die restlichen Personen im Ipatiew-Haus zu wecken und ihnen mitzuteilen, dass sie sich in den unteren Teil des Hauses zu begeben hätten; die Tscheka brachte die Gefangenen in den Keller des Hauses in einen eigens hergerichteten Raum; den Romanows und ihrer Dienerschaft wurde mitgeteilt, dass sie zu ihrem Schutz in den Keller gebracht würden, da es in dieser Nacht zu Schusswechseln in der Stadt kommen könne; die Zarin beschwerte sich beim Kommandanten Jurowski über den leeren Raum und bat um zwei Stühle; Jurowski liess zwei Stühle bringen, auf denen die Zarin und ihr kranker Sohn Alexei Platz nahmen; die anderen Anwesenden wies Jurowski an, sich in zwei Reihen aufzustellen, angeblich für ein Foto, das Moskau verlange, weil Gerüchte über ihre Flucht aufgetaucht seien; anschliessend führte er das Erschiessungskommando herein; Jurowski eröffnete dem Zaren, dass die Regierung ihre Hinrichtung beschlossen hätte und sie nun erschossen würden; der Zar sprach noch die Worte: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, dann erschoss Jurowski den Zaren; alle anderen anwesenden Schützen schossen zunächst ebenfalls auf Nikolaus, weshalb der Zar sofort tot war; anschliessend setzte eine wilde Schiesserei ein, um die restlichen Mitglieder der Zarenfamilie zu töten; Alexei und drei seiner Schwestern lebten noch und lagen schwer verletzt am Boden; da die Kugeln, die auf sie abgefeuert wurden, abzuprallen schienen, gingen die Schützen dazu über, die Opfer mit dem Bajonett zu erstechen; die Bajonette blieben jedoch zum Teil in den Miedern der Mädchen stecken; die Zarenkinder und die Kammerfrau Anna Demidowa hatten während der Internierung im Alexanderpalast Familienschmuck in die Mieder eingenäht oder Kissen mit wertvollem Inhalt angefertigt; am Abend der Morde trugen sie diese Mieder, und die Kammerfrau Demidowa versuchte, die Schüsse mit dem Kissen abzuwehren; daher dauerte der Vorgang der Ermordung an die zwanzig Minuten, bis auch der Letzte tot war; nach dem Mord versuchte Jurowski, die Spuren des Verbrechens zu verwischen; die sterblichen Überreste wurden zu einem Bergwerksschacht in einem nahe gelegenen Wald gebracht; es gab Gerüchte, dass Anastasia zu diesem Zeitpunkt noch lebte; die Waldung lag in der Nähe des Dorfes Koptjaki und hatte von den Bewohnern den Namen Vier Brüder bekommen; die entkleideten Leichen wurden in den Schacht geworfen und die Kleidung verbrannt; bereits am folgenden Tag jedoch holte man die Leichen wieder heraus; die Spuren sollten noch gründlicher beseitigt werden, so sollten Alexandra und Alexei verbrannt werden; anstelle der Zarin wurde jedoch Maria verbrannt; anschliessend wurde eine Grube ausgehoben, in der die restlichen Leichen begraben wurden; um auch diese Leichen unkenntlich zu machen, schüttete man ihnen Schwefelsäure über die Gesichter; Jurowski liess Baumstämme über die Grabstelle legen und die zugeschüttete Grube mehrere Male mit einem Lkw überfahren; die letzte Ruhestätte der Zarenfamilie schien, getarnt als Wegbefestigung, für immer verschwunden zu sein; am 20. Juli 1918 erschien in einem Extrablatt der Presse die offizielle Mitteilung über die Erschiessung Nikolaus Alexandrowitsch Romanows: "Entsprechend der Verfügung des Rayonsexekutivkomitees des Uraler Arbeiter-, Bauern- und Soldatensowjets wurde der ehemalige Zar und Selbstherrscher Nikolaus Romanow erschossen am 17. Juli 1918. Die Leiche wurde zum Begräbnis freigegeben. Der Vorsitzende des Exekutivkomitees: Beloborodow, Jekaterinburg, den 20. Juli 1918"; allerdings verschwieg die sowjetische Führung die Erschiessung der gesamten Familie; man behauptete, Alexandra Fjodorowna und ihre fünf Kinder seien in Sicherheit gebracht worden; die öffentliche Reaktion auf die Nachricht des Todes Nikolaus' II. blieb verhalten, nur in Kreisen der Monarchisten zeigten sich viele schockiert; das Verschwinden der Familie war zugleich der Nährboden für zahlreiche Gerüchte, die sich schnell verbreiteten; die Gerüchte nahmen verschiedene Formen an, so wurde unter anderem berichtet, dass die gesamte Familie hingerichtet worden sei, oder aber, dass sogar Nikolaus überlebt hätte; die Bolschewiki hielten an ihren Lügen fest; erst die Veröffentlichung des Buches Ermordung der Zarenfamilie des unermüdlichen Ermittlers der weissen Armee, Nikolai Sokolow, im Jahre 1925 liess keinen Zweifel mehr an der Ermordung der gesamten Zarenfamilie; die Gefangenen von Alapajewsk wurden einen Tag, nachdem die Zarenfamilie in Jekaterinburg ermordet worden war, ebenfalls ermordet; in der Nacht auf den 18. Juli brachten mehrere Bolschewiki, angeführt von Pjotr Starzew und Grigori Abramow, die inhaftierten Romanows aus der Stadt; unter dem Vorwand einer erneuten Verlegung schaffte man sie zu einem Bergwerksschacht im nahe gelegenen Wald; dort stiess man sie lebend in den Schacht und überliess sie ihrem Schicksal; nur den sich wehrenden Grossfürsten Sergej Michailowitsch töteten sie per Kopfschuss; anschliessend warf man Balken und Granaten in den Schacht; nach drei Tagen verstummten die Letzten, als die Bolschewiki den Schacht zuschütteten; neben den sechs Mitgliedern der Romanow-Dynastie Jelisaweta Fjodorowna, Sergej Michailowitsch, den Brüdern Ioann, Igor und Konstantin Konstantinowitsch und Graf Wladimir Palej mussten auch der Diener Fjodor Remes sowie die Nonne Warwara Jakowlewa ihr Leben lassen; sie waren bis zum Ende bei den Romanows geblieben
  • 10.6.1878: Eugène Bloch im Elsass (Soultz) geboren, Physiker in Paris; 1944 durch die Gestapo verhaftet
  • 10.7.1878–9.3.1943: Otto Freundlich, geb. in Stolp, Pommern, umgekommen im KZ Majdanek, deutscher Maler und Bildhauer, auch Verfasser kunsttheoretisch-philosophischer Schriften, einer der ersten Vertreter der abstrakten Kunst durch Malerei in leuchtenden Farben und Skulpturen in kraftvoll kontrastierten Massen; Otto Freundlich entschloss sich nach unterschiedlichen Tätigkeiten, darunter auch ein Zahnmedizinstudium, Künstler zu werden, begann 1902 Kunstgeschichte in München und Berlin zu studieren und veröffentlichte erste Aufsätze in Zeitschriften; 1908 ging er nach Paris und wohnte am Montmartre im Bateau Lavoir unter einem Dach mit den damals jungen Pablo Picasso, mit Braque und anderen; im Jahr 1911 entstanden seine ersten abstrakten Kompositionen; nach der Revolution 1918 engagierte sich Freundlich politisch z. B. als Mitglied der "Novembergruppe"; 1919 organisierte er die erste Kölner Dada-Ausstellung zusammen mit Max Ernst und Johannes Theodor Baargeld; 1924 erfolgte der Umzug nach Paris; ab 1930 war die deutsche Künstlerin Jeanne (Hannah) Kosnick-Kloss seine Lebensgefährtin, zur gleichen Zeit entwickelte er seine tektonisch aufgebaute Farbfeldmalerei; 1931 trat Freundlich in die neu gegründete Künstlerorganisation ‚‘Abstraction-Création‘‘ ein; bei Ausbruch des zweiten Weltkrieges wurde er in Frankreich als Jude interniert, jedoch auf Betreiben Picassos zunächst von den französischen Behörden wieder freigelassen; 1940 floh er in das Pyrenäen-Dorf Paul-de-Fenouillet und versuchte sich dort zu verstecken, wurde denunziert und am 23. Februar 1943 von den Nazis verhaftet, in das KZ Lublin-Majdanek deportiert und dort noch am Tag seiner Ankunft ermordet; Otto Freundlichs 1912 geschaffene monumentale Plastik "Der neue Mensch" wurde 1937 als Titelmotiv des Katalogs "Entartete Kunst" missbraucht
  • 22.7.1878–26.7.1924: Alexander Eliasberg, geb. in Minsk, gest. in Berlin, bedeutender jüdisch-russischer Literarhistoriker und Übersetzer der Werke fast aller hervorragenden russischen Autoren wie Tolstoi, Gogol, Dostojewski, Puschkin oder Tschechow ins Deutsche; zugleich machte er neue russische Erzähler, Dichter und Publizisten im deutschen Sprachraum bekannt, insbesondere Dmitri Mereschkowski, aber auch z. B. Ilja Ehrenburg, dessen Julio Jurenito er ins Deutsche übertrug; daneben übersetzte er Werke aus der polnischen und jiddischen Sprache, darunter Alejchem und Itzhok Lejb Perez; Eliasberg war auch als Herausgeber von Lyrik, Erzählungen, Sagen und Kunstliteratur (Russische Kunst, 1915; Russische Baukunst, 1922) tätig, zudem verfasste er eine "Russische Literaturgeschichte in Einzelporträts" (1922), die lange Zeit ein Standardwerk der deutschen Slawistik blieb; der Übersetzer und Publizist, der 1905-1923 in München lebte, spielte eine wichtige Rolle als Mittler zwischen russischer und deutscher Literatur; er war mit Thomas Mann befreundet und hat erheblich zu dessen Rezeption russischer Romane beigetragen; Alexander Eliasberg war für mehrere deutsche Verlage, u. a. den Leipziger Insel Verlag (u. a. Insel-Bücherei) und die Münchener Verlage Georg Müller und C. H. Beck, tätig und arbeitete bei seinen Übersetzungen zum Teil mit seinem Bruder, David Eliasberg (1897-1920), zusammen; seit 1917 war Eliasberg staatenlos; im Zusammenhang mit einer angeblich deutschfeindlichen Äusserung seiner Frau, die einen Prozess nach sich zog, wurde er 1923 aus Bayern ausgewiesen und liess sich in Berlin nieder, wo er im folgenden Jahr starb; weitere Werke: Jiddische Erzählungen, 1963; Des Rebben Pfeifenrohr, 1969
  • 10.8.1878-26.6.1957: Alfred Döblin, geb. 10.8.1878 Stettin (aus einer bürgerlichen jüdischen Familie), gest. 26.6.1957 Emmendingen bei Freiburg, Baden (Baden-Württemberg); Schriftsteller, Nervenarzt in Berlin, früh schon Psychoanalytiker (fühlte sich nach eigener Aussage nur "unter Kindern und Irren" wohl); Sozialist, 1910 (mit Herwarth Walden) Mitgründer der expressionistischen Zeitschrift "Der Sturm" (zu deren wichtigsten Mitarbeitern er gehörte), trat 1918 aus der jüdischen Religionsgemeinschaft aus; 1933 emigrierte er über die Schweiz nach Paris und wurde französischer Staatsbürger; 1940 Flucht in die USA, blieb dort 1940-1945 und wurde dort 1941 katholisch; 1945 kehrte er als Kulturberater der französischen Militärregierung nach Deutschland zurück; 1946-1951 gab er die Literaturzeitschrift "Das goldene Tor" heraus; seit 1953 lebte er wieder in Paris; eigenwilliger und widerspruchsvoller, expressiver und revolutionärer Erzähler, der zuerst das Kollektivseelische und Naturelementare zu gestalten suchte, später zu theologischer Deutung neigte; Erzählungen: "Die Ermordung einer Butterblume", 1913; Romane: "Die drei Sprünge des Wang-Lun", 1915; "Wallenstein", 1920; "Berge, Meere und Giganten", 1924; "Berlin Alexanderplatz", 1929 (ein Welterfolg, verfilmt 1931); "Pardon wird nicht gegeben", 1935; "Südamerika-Trilogie", 1937-1948; "Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende", 1956; Epos: "Manas" (indischer Mythos), 1927; Essays; – zu seiner Einschätzung der Orthodoxie und des "wahren Judentums" vgl. den Brief an Nathan Birnbaum vom 8.2.1935; eine interessante Erkenntnis vermittelt auch der Brief an Birnbaum vom 28.7.1934 (Original Zionistisches Zentralarchiv Jerusalem): " ... [Die Schwätzer] ... sagen gewiss: in der Bibel steht, wer "Gott" ist, der Missbrauch des Wortes ist kein Argument. Ich habe schon früher viel in der Bibel gelesen (deutsch, ich kann leider nicht hebräisch, nicht einmal jiddisch, was mir heute bitter leid tut; ich würde, wenn ich könnte, nur jiddisch schreiben wollen [Döblin begann dann 1935 das Jiddische zu erlernen]), im letzten Jahr mehr als früher. Mein Gefühl und mein Denken deckt sich weit mit dem, was ich da lese; ich kann allem folgen ... aber wer sagt mir, dass die Frommen mit "Gott" nicht wie mit einem vertrauten oder ihnen sogar besonders zugänglichen Ding umgehen, dass sie also nicht Verletzer und Vernachlässiger des Geheimnisses des Urwesens sind? Und genug hat mir die Betrachtung in [? unleserlich] und Kabala [sic] in Westen und Osten gezeigt, dass hier niemand mehr die Schuhe vor "Ihm" auszieht (sie ziehen sie im Osten nur noch äusserlich aus). Aber es ist das Wichtigste, Elementarste, die Wahrheit und Realität des Urwesens unabgeschwächt auf alles Lebende wirken zu lassen, und weil man es sich bequem gemacht hat und man "fromm" geworden ist, nur weil man glaubt mit "Ihm" beinah auf Du und Du zu stehen, darum trenne ich mich von diesen Ahnungslosen; sie sind nicht "fromm" ... "; weitere Werke: Der unsterbliche Mensch (Essay), 1946; November 1918 (Roman), 1948-1950; Schicksalsreise (Autobiographie), 1949; 11 Bände ausgewählte Werke erschienen 1960 ff.; Theaterkritiken 1977
  • 24.8.1878–18.11.1943: Anselm Ruest (eigentlich: Ernst Samuel), geb. in Culm/Westpreussen, gest. in Carpentras (Vaucluse, Südfrankreich), Schriftsteller und Literaturwissenschaftler, Publizist, Herausgeber u. a. von Brentanos "Godwi" (1906), Eckermanns "Gesprächen mit Goethe" (1907) sowie einer Jean-Paul-Anthologie (1912), individualistischer Denker mit hartem Schicksal; sein Beitrag zur Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts gerät bedingt durch die politischen Ereignisse zur Spurensuche; im letzten Moment und nur durch Zufall wurden wichtige Aufzeichnungen in Frankreich vor der Müllabfuhr gerettet; seine Haltung zu Politik und Gesellschaft ist pazifistisch, antiautoritär, antimilitaristisch und stellt den Menschen in den Mittelpunkt; dabei hielt Ruest nicht viel von sozialen Verbänden und Gemeinwesen der Menschen, die er als Horden charakterisierte; er vertrat einen Individualanarchismus stirnerscher Prägung; 1911 gründete er zusammen mit Franz Pfemfert und Kurt Hiller die epochemachende Zeitschrift Die Aktion, 1912/13 war er mit Heinrich Lautensack und Alfred Richard Meyer Herausgeber der Bücherei Maiandros; 1914 Austritt aus der "Aktion"; 1919 gründete er die Dada nahestehende Zeitschrift Der Einzige, die er im ersten Jahr zusammen mit Salomo Friedlaender/Mynona herausgab; als Philosoph und Literaturhistoriker war er Verfasser von Monographien über Shakespeare und Napoleon I. und Herausgeber der Werke von Julius Bahnsen und anderen; 1933 Flucht nach Frankreich; 1934 rief er zusammen mit Magnus Hirschfeld die Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft, Kunst und Literatur im Ausland, Sitz Paris ins Leben und war deren Generalsekretär; 1939/40 Odyssee durch mehrere Internierungslager; Anselm Ruest starb nach langer schwerer Krankheit 1943 in Carpentras; noch einiges mehr ist bekannt; wir wissen, dass er zwischen 1897 und 1905 in Berlin und Würzburg Theologie, orientalische Sprachen, Philosophie, Geschichte und Literatur studierte und dass er 1907 in Würzburg promovierte (Dissertation bei Prof. Külpe: "Hat die innere Wahrnehmung einen Vorzug vor der äusseren?"); er lebte dann als Kritiker und philosophischer Schriftsteller in Berlin; am 6. Mai 1933 verliess er mit seiner Familie: Frau, Tochter, Sohn, Berlin und emigrierte nach Paris; unmittelbar zuvor war er beim Rundfunk untergekommen und hielt dort Vorträge über literarische und philosophische Themen; den letzten Vortrag hielt er im Januar 1933 über Julius Bahnsen; in Paris war er Mitarbeiter der "Pariser Tageszeitung" und Mitbegründer der "Phönix-Bücher"; sein Band "Deutsche und Arier" eröffnete diese Buchreihe; 1938 bekam er ein Rockefeller-Stipendium zur Fortführung seiner philosophischen Studien; 1939 begann eine unmenschliche Odyssee von Internierungslager zu Internierungslager: September 1939 Stades Colombes, dann in einem Zirkuszelt bei Blois, dann in einer Scheune in Francillon bei Blois, einen feuchten und kalten Winter lang; im Frühjahr 1940 Cépois bei Montargis, im Juni 1940 Transport im Viehwaggon nach Marseille, um nach Algier verschifft zu werden; da aber keine Schiffe zur Verfügung standen, Einweisung in das gefürchtete Lager Les Milles bei Aix, schliesslich in das Lager von St. Nicolas bei Nimes, aus dem er im September 1940 als grand malade entlassen wurde; sein Sohn Frank wurde wegen seiner Aktivitäten im französischen Widerstand von den Deutschen erschossen
  • 5.9.1878–20.2.1913: Robert von Lieben, geb. und gest. in Wien, Physiker, Erfinder (u. a.) der Radioverstärkerröhre (1905), 1910 der Dreielektronenröhre, die in der Verbesserung von Lee de Forest (Nichtjude) die moderne Radiotechnik und den Tonfilm erst möglich machte; v. Lieben wurde von rechtsradikalen deutschen Zeitschriften gerne als der Typus des "echten deutschen" Erfinders gefeiert, der die "Verkörperung des überlegenen Germanentums" darstelle (z. B. vom "Fridericus" in Hamburg 1930; das Blatt musste sich dann informieren lassen, dass v. Lieben ein aus Wien stammender Jude war)
  • 16.9.1878–31.10.1941: Herwarth Walden (eigentlich: Georg Lewin, sein Pseudonym verdankt er E. Lasker-Schüler, in Anlehnung an den Roman von Henry Thoreau "Walden, or life in the woods", 1854), geb. in Berlin, gest. bei Saratow; deutscher Schriftsteller, Verleger, Galerist, Musiker und Komponist, einer der wichtigsten Förderer der deutschen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts (Expressionismus, Futurismus, Dada, Neue Sachlichkeit); in erster Ehe verheiratet (1903-1912) mit Else Lasker-Schüler; Herausgeber der expressionistischen Zeitschrift "Der Sturm" 1910-1932 (gemeinsam mit Alfred Döblin gegründet; Mitarbeiter waren u. a. Peter Altenberg, Max Brod, Richard Dehmel, Anatole France, Knut Hamsun, Arno Holz, Karl Kraus, Selma Lagerlöf, Adolf Loos, Heinrich Mann, Paul Scheerbart, René Schickele); 1912 heiratete Walden die schwedische Malerin Nell Roslund und betätigte sich in der Folgezeit verstärkt als Galerist; so betreibt er z. B. die sogenannte "Sturm-Galerie", in der ab 1912 u. a. Bilder des Blauen Reiters und des italienischen Futurismus zu sehen sein werden; daneben gründete er weitere künstlerische Institutionen, die allesamt den avantgardistischen Geist des "Sturms" atmen (Kunstschule, Bühne etc.); er entdeckte neue Talente und förderte sie, wie Georg Schrimpf und Maria Uhden; 1918 Mitglied der Kommunistischen Partei; 1924 Scheidung von seiner zweiten Frau; im Jahr 1932 heiratet Walden erneut (diese Ehe wird aufgrund des Einflusses der Gestapo geschieden) und verlässt anschliessend Deutschland angesichts des aufziehenden Nationalsozialismus, begibt sich nach Moskau, wo er als Lehrer und Verleger arbeitet; seine Sympathien für die Avantgarde wecken allerdings schnell das Misstrauen der stalinistischen Sowjet-Regierung, und Walden muss sich wiederholt gegen eine Gleichsetzung von Avantgarde und Faschismus publizistisch zur Wehr setzen; Walden stirbt im Oktober des Jahres 1941 in einem stalinistischen Gefängnis bei Saratow; die Feststellung seines Todeszeitpunktes erfolgte durch den Suchdienst des Roten Kreuzes
  • 3. November 1878: Am 3. November 1878 trafen sich ungarische und Jerusalemer Juden in einem Sumpfgebiet der judäischen Ebene, um dort eine neue Stadt zu gründen. Mit finanzieller Unterstützung von Baron Rothschild entstand Petach Tikwa - das "Tor zur Hoffnung", die erste jüdische landwirtschaftliche Siedlung in Palästina. Heute (2013) ist Petach Tikwa mit ca. 190 000 Einwohnern eine der grössten Städte in Israel.

Bücher

  • Samuel Baeck, Geschichte des jüdischen Volkes und seiner Literatur vom babylonischen Exile bis auf die Gegenwart, Lissa 1878
  • Markus Hirsch Friedländer, Tiferet Jisrael: Schilderungen aus dem inneren Leben der Juden in Mähren in vormärzlichen Zeiten; ein Beitrag zur Cultur- und Sittengeschichte, Brünn 1878
  • J. Müller, Masechet Soferim. Der thalmudische Tractat der Schreiber, Leipzig 1878 (mit ausführlichem deutschen Kommentar)

Zeitungen und Zeitschriften

  • 1878: wird die erste jüdisch-sozialistische Zeitung in hebräischer Sprache „Ha-Emet“ („Die Wahrheit“) in Wien herausgegeben

1878 in Wikipedia