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Gabriele Tergit

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Gabriele Tergit (Pseudonym für Elise Reifenberg geb. Hirschmann; weiteres Pseudonym Christian Thomasius) (geb. 4. März 1894 in Berlin; gest. 25. Juli 1982 in London) war eine deutsche Schriftstellerin und Journalistin. Bekannt wurde sie vor allem für ihre Gerichtsreportagen, dauerhaft als Schriftstellerin wahrgenommen wird sie für ihren Roman Käsebier erobert den Kurfürstendamm.

Leben

Elise Hirschmann war die Tochter von Siegfried Hirschmann, dem Gründer der Deutschen Kabelwerke und Frieda Hischmann, geborene Ullmann. Ihre Familie stammte aus Bayern. Ungewöhnlich für eine "höhere Tochter" ihrer Zeit besuchte sie die Soziale Frauenschule von Alice Salomon in Berlin. Zeitgleich arbeitete sie in Kinderhorten und der Lehrstellenvermittlung. Nachdem der Erste Weltkrieg die Einstellung zum Frauenstudium geändert hatte, holte sie das Abitur nach und studierte ab 1919 Geschichte, Soziologie und Philosophie in Berlin, München, Heidelberg und Frankfurt am Main, wo sie 1923 über den Paulskirchen-Abgeordneten Carl Vogt in Geschichte promovierte.[1] 1928 heiratete sie den Architekten Heinz Reifenberg; aus der Ehe ging ein Sohn hervor, Peter. Ihr Pseudonym Gabriele Tergit nahm Hirschmann in ihrer Studienzeit an. Gabriele ist ein Spitzname aus der Kindheit.[1]

Den ersten Artikel in einer Zeitung veröffentlichte Hirschmann 1915 in einer Beilage des Berliner Tageblatts zum Thema "Frauendienstjahr und Berufsbildung". Während des Studiums veröffentlichte sie Feuilletons in der Vossischen Zeitung und dem Berliner Tageblatt. Nach dem Studium begann sie mit Gerichtsreportagen für Berliner Börsen-Courier.[1] Ihre erste feste Anstellung als Reporterin erhielt sie 1924 von Theodor Wolff, dem damaligen Chefredakteur des Berliner Tageblatts. Für einen Betrag von 500 Mark verpflichtete sie sich, neun Gerichtsreportagen im Monat abzuliefern. Ihrer Meinung nach zeigten Gerichtsverhandlungen die soziale Lage ihrer Zeit.[2]

Freiberuflich arbeitete sie bis 1933 als Journalistin für diverse andere Berliner Zeitungen und schrieb u.a. Gerichtsreportagen und Berichte für den Berliner Börsen-Courier, die Vossische Zeitung und die Kulturzeitschrift Die Weltbühne. Als Gerichtsreporterin nahm sie auch an mehreren politischen Prozessen teil, darunter ein 1927er Verfahren gegen Fememorde der Schwarzen Reichswehr, bei denen sie in der Weltbühne beschrieb Unsichtbar steht ein großes Hakenkreuz vor dem Richtertisch. Eine kondensierte Erfahrung aus diesen Prozessen findet sich auch in ihrem späteren Roman Effingers.[2] Darüber hinaus schrieb sie Feuilletons, Reiseberichte, Glossen und Typenbeschreibungen, die als Berliner Existenzen im Tageblatt und im Prager Tagblatt erschienen.[1] Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte sie nur noch kurz ihre Reportertätigkeit wieder aufzunehmen. Ihr erster Prozess im Kriminalgericht Moabit beschäftigt zehn Richter, Anwälte und Wachmänner mit dem Verbleib eines Goldrings mit Halbedelsteinen, und sie selber fragte sich nur drei Jahre nach den Greueln des Nazi-Regimes: Kann man eine Zivilisation so neu anfangen? Indem man weitermacht als wäre nichts geschehen? In Hamburg berichtete sie für die Neue Zeitung über den Veit-Harlan-Prozess, in dem dieser freigesprochen wurde, und stellte danach ihre Tätigkeit als Gerichtsreporterin ein.[1]

Bekannt wurde sie durch ihren Roman Käsebier erobert den Kurfürstendamm, der 1931 im Rowohlt Verlag erschien. Der Roman behandelt des Aufstieg und Fall des Neuköllner Volkssängers Georg Käsebier, der von skrupellosen Geschäftsmachern mit Hilfe eines immensen Werberummels zum Star der Saison in den Theatern am Kurfürstendamm gemacht und nach einer Saison ebenso wieder fallen gelassen wird. Tergit selbst sah den Roman unter anderem als Bekenntnis gegen die Reklame. Im Rückblick sagte sie später, dass diese ihre perverseste Form in der Propaganda Joseph Goebbels' gefunden habe.[2] Die zeitgenössische Literaturkritik lobte den Käsebier wegen der Darstellung des universellen Phänomens „Großstadt“, einer „Zolaschen Prägnanz und Erbarmungslosigkeit“ und der Skepsis und der Moral des Buches. Seit 1977 wurde er mehrfach neu aufgelegt.

Ihr zweiter Roman Effingers, 1931 begonnen und erst 1951 erschienen, schildert das Schicksal einer jüdischen Familie in Berlin von 1878 bis 1948. Zur Zeit seines Erscheinens kam das Buch beim Publikum nicht an.[1]

Sie erlebte den ersten Prozess gegen Adolf Hitler im Kriminalgericht Moabit, der zusammen mit Goebbels wegen eines Pressevergehens angeklagt war. Die daraus folgende Reportage und andere Artikel über die völkische Bewegung und die Nazis veranlassten die Nazis, sie hoch auf ihre Gegnerliste zu setzen. Am 5. März 1933 um drei Uhr morgens überfiel die SA die Tergit-Reifenbergsche Wohnung in Siegmundshof in Berlin-Tiergarten. Die SA scheiterte an den frisch angebrachten Eisenbeschlägen, ein Kollege vom Berliner NSDAP-Blatt Angriff gab ihr den Tipp, sich an den neuen Polizeireferenten Hans Mittelbach[3]zu wenden, der ihr wiederum die noch sozialdemokratisch dominierte Schutzpolizei empfahl, die schließlich den Überfall abwenden konnte.[2]

Ihr Mann brachte Gabriele Tergit daraufhin nach Spindlermühle, den Rest ihres Lebens verbrachte sie im Exil. Er emigrierte nach Palästina, sie selbst floh nach Prag und folgte ihrem Mann im November 1933 nach. 1938 siedelte sie schließlich nach London über, wo sie schließlich im Stadtteil Putney lebte. Dort wählte sie 1957 das P.E.N.-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland zum Sekretär. Dieses Amt hatte sie bis 1981 inne.[1]

1977 wurde Tergit im Rahmen der "Berliner Festwochen 1977" wiederentdeckt. Das Feuilleton feierte sie als Neuentdeckung des Jahres und ihre Romane wurden neu aufgelegt. Ihr gelang es für mehrere alte Romanmanuskripte Verleger zu finden und sie schrieb ihre Autobiographie, die jedoch alle erst nach ihrem Tod 1982 erschienen.[1] 1998 wurde die Gabriele-Tergit-Promenade am Potsdamer Platz in Berlin nach ihr benannt.

Werke

Veröffentlichte Werke

  • Käsebier erobert den Kurfürstendamm. Roman, hrsg. und mit einem Nachwort von Jens Brüning, Das Neue Berlin, Berlin 2004.
  • Frauen und andere Ereignisse: Publizistik und Erzählungen von 1915 bis 1970. hrsg. und mit einem Nachwort von Jens Brüning. Das Neue Berlin, Berlin 2001.
  • Der erste Zug nach Berlin Novelle, hrsg. und mit einem Nachw. vers. von Jens Brüning. Das Neue Berlin, Berlin 2000.
  • Wer schießt aus Liebe? Gerichtsreportagen. hrsg. und mit einem Vorw. vers. von Jens Brüning. Das Neue Berlin, Berlin 1999
  • Im Schnellzug nach Haifa. mit Fotos aus dem Archiv Abraham Pisarek, hrsg. von Jens Brüning und mit einem Nachwort vers. von Joachim Schlör. TRANSIT, Berlin 1996.
  • Kleine Geschichte der Blumen: Kaiserkron' u. Päonien rot. Frankfurt am Main u. a. 1958.
  • Atem einer anderen Welt: Berliner Reportagen. hrsg. und mit einem Nachwort vers. von Jens Brüning. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1994.
  • Blüten der Zwanziger Jahre. Hrsg. und mit einem Vorwort von Jens Brüning. Rotation, Berlin 1984.
  • Effingers. Roman. Hammerich & Lesser: Hamburg 1951. (2. Auflage. Wolfgang Krüger Verlag, Frankfurt am Main 1978)
  • Das Büchlein vom Bett. Ullstein, München 1981
  • Erinnerungen. Etwas Seltenes überhaupt. Ullstein, Frankfurt 1983.

Unveröffentlichte Werke

  • Entwürfe und einzelne Kapitel zu einem England-Buch, einem Palästina-Buch, Essays zur Exil-Situation
  • So war's eben.

Briefe

  • Hilde Walter an G. T. 11. März 1941 (gek.): Brief an eine Freundin. In: Verbannung. Aufzeichnungen deutscher Schriftsteller im Exil. Christian Wegner, Hamburg 1964, S. 92–96.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 1,6 1,7 Brüning S. 199–204.
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 Brüning S. 195–199.
  3. Heiko Roskamp: Verfolgung und Widerstand - Tiergarten, Ein Bezirk im Spannungsfeld der Geschichte 1933 - 1945. Berlin 1985, S. 56.

Literatur

  • Jens Brüning: Nachwort. In: Gabriele Tergit: Atem einer anderen Welt Hrsg. von Jens Brüning. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-518-38780-4, S. 195–206.
  • Jana Jürß: Ein Gänseblümchen oder Mariannes Himmelpforte. In: Maike Stein (Hrsg.); Autorinnenvereinigung e.V.: Dünn ist die Decke der Zivilisation - Begegnungen zwischen Schriftstellerinnen. Ulrike Helmer Verlag, Königsstein 2007, ISBN 978-3-89741-244-6.
  • Liane Schüller: Vom Ernst der Zerstreuung. Schreibende Frauen am Ende der Weimarer Republik: Marieluise Fleißer, Irmgard Keun und Gabriele Tergit. Aisthesis, Bielefeld 2005, ISBN 3-89528-506-4.
  • Sylke Kirschnick: Republikanismus aus Alternativlosigkeit. Zum Demokratiedenken Gabriele Tergits. In: Matthias Weipert, Andreas Wirsching (Hrsg.): Vernunftrepublikanismus in der Weimarer Republik. Politik, Literatur, Wissenschaft. Steiner, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-515-09110-7, S. 311-321.
  • Christina Ujma: Heil und Sieg und fette Beute, Gabriele Tergits Roman Käsebier erobert den Kurfürstendamm in der Originalfassung. In: literaturkritik.de Nr. 4, April 2004. (online)
  • Christina Ujma: Neue Frauen, alte Männer, Gabriele Tergits "Frauen und andere Ereignisse". In: literaturkritik.de Nr. 2, Februar 2002. (online)
  • Christina Ujma, Gabriele Tergit and Berlin - Women, urbanism and modernity, in: Christiane Schönfeld (ed.), Practicing Modernity. Female Creativity in the Weimar Republic, Würzburg 2006, S. 257-272

Weblinks und Quellen


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