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Harry Bresslau

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Grab Bresslaus in Heidelberg

Harry Bresslau (geb. 22. März 1848 in Dannenberg/Elbe; gest. 27. Oktober 1926 in Heidelberg) war ein deutscher Historiker und Diplomatiker.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Harry (auch: Heinrich) Bresslau (auch: Breßlau) studierte in Göttingen und Berlin zuerst Jura, dann Geschichte. Während seines Studiums war er Erzieher im Auerbachschen Waisenhaus in Berlin. Seine wichtigsten Lehrer waren Johann Gustav Droysen und Leopold von Ranke, dessen Assistent er wurde. 1869 promovierte er in Göttingen bei Rankes Schüler Georg Waitz über die Kanzlei Kaiser Konrads II. Unmittelbar vor seiner Habilitation wurde er Oberlehrer am Frankfurter Philanthropin. Nach seiner Habilitation (1872) wurde Bresslau 1877 außerordentlicher Professor an der Universität Berlin. Er war zwar nationalliberal gesinnt und dem Deutschtum sehr verbunden, aber ein ungetaufter Jude. Deswegen war ihm in Preußen der Weg zu einer ordentlichen Professur versperrt.

Als Heinrich von Treitschke 1879 seine Streitschriften gegen die Juden veröffentlichte, widersprach Bresslau, obwohl er als außerordentlicher Professor keine gesicherte Existenz hatte, seinem älteren und ranghöheren Berufskollegen entschieden und öffentlich (in: Zur Judenfrage. Sendschreiben an Heinrich von Treitschke, Berlin 1880). Dabei hatte Bresslau noch 1878, also ein Jahr vor dessen antisemitischem Beitrag in den Preußischen Jahrbüchern, mit Treitschke in einem Wahlkomitee der Nationalliberalen Partei zusammengearbeitet.

Bresslau glaubte an die Möglichkeit der völligen Assimilation der deutschen Juden durch ein rückhaltloses Bekenntnis zur deutschen Nationalidee. Er war sogar eines der Beispiele, die Treitschke als Beleg dafür angeführt hatte, dass eine Judenassimilation möglich sei.

1890 folgte Bresslau einem Ruf nach Straßburg im Elsass, wo er bis 1912 eine ordentliche Professur für Geschichte an der Universität innehatte. Dort entfaltete er eine umfassende Lehr- und Forschertätigkeit und profilierte sich als nationalliberaler Vorkämpfer des Deutschtums. Kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs, am 1. Dezember 1918, wiesen die Franzosen Bresslau als „militanten Alldeutschen“ (pangermaniste militant) aus Straßburg aus.

Als 1904 der Akademisch-Historische Verein in Berlin, dem Bresslau 25 Jahre lang angehört hatte, sich in eine farbentragende VerbindungHolsatia“ umwandelte und Bresslau um weitere Mitarbeit bat, lehnte dieser schroff ab. Die Holsatia hatte eine Eintrittssperre für jüdische Studenten verhängt. Die Sängerverbindung Arion Straßburg bzw. nach 1918 Alt-Straßburg Freiburg im Sondershäuser Verband, der auch seine Söhne angehörten, verlieh Bresslau die Ehrenmitgliedschaft.

Bresslau verbrachte seine letzten Lebensjahre erst in Hamburg, dann in Heidelberg. Sein Sohn war der Zoologe Ernst Bresslau. Seine Tochter Helene war seit 1912 mit Albert Schweitzer verheiratet.

Werk

Bresslau war seit 1877 für die Monumenta Germaniae Historica tätig, seit 1888 in deren Zentraldirektion. Für die Diplomata-Reihe der Monumenta edierte er die Urkunden Heinrichs II. (Teil 1: 1900, Teil 2: 1903) und Konrads II. (1909). Bresslaus Handbuch der Urkundenlehre für Deutschland und Italien (2. erweiterte Auflage Leipzig 1912) ist ein bis heute unersetztes Standardwerk der mittelalterlichen Diplomatik. Zum hundertjährigen Geburtstag der Monumenta 1919 schrieb Bresslau deren Geschichte (Geschichte der Monumenta Germaniae Historica, Hannover 1921, Nachdruck Hannover 1976), sein letztes Buch. Als Doktorvater betreute Bresslau fast 100 Dissertationen.

Unter Bresslaus Vorsitz wurde 1885 beim Israelitischen Gemeindebund die Historische Kommission für die Geschichte der Juden in Deutschland gegründet. Nach dem Vorbild der Monumenta Germaniae Historica und der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften sollte das einschlägige Quellenmaterial gesucht und für die Forschung nutzbar gemacht werden. Bresslau verhinderte die Zuwahl des populären Historikers Heinrich Graetz, weil er glaubte, dass eine Anerkennung von Graetz als Geschichtsschreiber das Verhältnis von Juden und Christen gefährlich verschärfen würde. Graetz hatte eine Art der judozentrischen Geschichtsanschauung entwickelt, die im Berliner Antisemitismusstreit auf das Schärfste kritisiert worden war. Bresslau selbst war ein Meister in der positivistischen Wissenschaft. Die Historische Kommission gab bis 1892 die Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland heraus.

Literatur

  • Harry Bresslau: [Selbstdarstellung]. In: Sigfrid Steinberg (Hg.): Die Geschichtswissenschaft der Gegenwart in Selbstdarstellungen. Bd. 2, 1926, S. 29–83.
  • Robert Holtzmann: Professor Dr. H. Breßlau, in: SV-Zeitung. Zeitschrift des Sondershäuser Verbandes Deutscher Sänger-Verbindungen und des Verbandes Alter SVer 43/11 (1926), S. 208-209.
  • Paul Fridolin Kehr: Harry Bresslau (Nachruf). In: Neues Archiv 47 (1927), S. 251–266.
  • Hans Liebeschütz: Das Judentum im deutschen Geschichtsbild von Hegel bis Max Weber. J.C.B.Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1967.
  • Peter Rück (Hg.): Erinnerung an Harry Bresslau zum 150. Geburtstag. Zuerst erschienen anlässlich der Festtagung am 21. März 1998 im Institut für Historische Hilfswissenschaften der Philipps-Universität Marburg; wiederabgedruckt in: Erika Eisenlohr, Peter Worm (Hgg.): Fachgebiet Historische Hilfswissenschaften. Marburg 2000, ISBN 3-8185-0304-4, S. 245–283
  • Peter Rück † unter Mitarbeit von Erika Eisenlohr und Peter Worm (Hgg.): Abraham Bresslau: Briefe aus Dannenberg 1835-1839. Mit einer Einleitung zur Familiengeschichte des Historikers Harry Bresslau (1848-1926) und zur Geschichte der Juden in Dannenberg. Marburg 2007
  • Peter Rück † unter Mitarbeit von Erika Eisenlohr und Peter Worm (Hgg.): Harry Bresslau: Berliner Kolleghefte 1866-1869. Nachschriften zu Vorlesungen von Mommsen, Jaffé, Köpke, Ranke, Droysen. Marburg 2007
  • Gottfried Opitz: Breßlau, Harry. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 2, Duncker & Humblot, Berlin 1955, S. 600 f.

Weblinks

 Wikisource: Harry Breßlau – Quellen und Volltexte


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