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Ereignisse

  • Um 100: R. Eleasar ben Asarja (Eleazar b. Azarja), hoch angesehener jüdischer Gelehrter des Altertums, wirkte um das Jahr 100 n. und gehörte zur so genannten 2. Generation der Tannaiten; er war priesterlicher Abstammung (die nach einigen bis auf Esra zurückgeführt werden kann) aus vornehmem, reichen Hause und von grosser Gelehrsamkeit, so dass man ihn als Jüngling - er soll erst 18 Jahre alt gewesen sein - anstelle Gamliels II. zum Führer der rabbinischen Bewegung in Jabne machte (in deren Tradition er jedoch nur eine Randfigur ist; nach Aussöhnung mit Gamliel leiteten beide das Lehrhaus gemeinsam); besondere Kenntnisse besass er auf dem Gebiet der Haggada; seine Halachot waren von Milde und Verständnis geprägt, besonders bekannt wurde sein gegen die Todesstrafe (Steinigung) gerichteter Ausspruch, dass "ein Gerichtshof, der in 70 Jahren auch nur einmal die Todesstrafe verhänge, ein mörderischer Gerichtshof" sei (Makkot I, 10); verschiedene Aussprüche von Kollegen über Eleasar zeugen von dessen hohem Ansehen auch über den Tod hinaus; so heisst es u. a.: "Seit dem Tode Eleasars ist die Krone der Weisheit verschwunden" (bab. Sota 49 b)
  • Um 100: R. Tarfon (Tarphon; bei Hieronymus zu Jes 8,11: Telphon) (identisch mit R. Simeon ben Tarfon?), (nicht identisch mit dem bei Justinus Martyr genannten "Tryphon"), Tannaite der 2. Generation, Gefährte Akibas; Pharisäer aus priesterlicher Familie, in Lydda beheimatet, Lehrer des Jehuda ben Ilai; betonte die Wichtigkeit des objektiven Faktums vor der bloss subjektiven Intention; entschied stets zu Gunsten der priesterlichen Interessen; ihm zugeschrieben der schöne Ausspruch: "Nicht liegt es an dir, das Werk zu vollenden, aber du bist auch nicht frei, von ihm abzulassen" (Abot 2, 21); Lit.: J. D. Gereboff, Rabbi Tarfon: The Tradition, the Man and Early Rabbinic Judaism, Missoula 1979
  • Um 100: R. Eleasar Chisma (Eleazar Chisma, manchmal auch Eleazar ben Chisma genannt; Bedeutung von "Chisma" ungeklärt), zeit seines Lebens von drückender Armut geplagter jüdischer Gelehrter des Altertums, wirkte um das Jahr 100 n. und gehörte zur 2., nach anderen zur 3. Generation der Tannaiten; Eleasar soll Schüler des Akiba und/oder des Jehoschua ben Chananja gewesen sein und besass grosse Kenntnisse in Astronomie und Mathematik; das umfangreiche mathematische Wissen des Eleasar und des Rabbi Jochanan, Sohn des Gudgada, rühmte der Talmud mit dem Ausspruch: "Sie wissen die Zahl der Tropfen im Meere zu berechnen"; er war vermutlich (gemeinsam mit R. Jochanan ben Nuri) Aufseher im Lehrhause Gamaliels II.; die Eleasar zugeschriebenen Halachot befassen sich v. a. mit landwirtschaftlichen und Reinheitsgesetzen
  • Um 100: R. Schimon b. Nannos (Simeon ben Nannos, auch einfach Ben Nannos genannt - nanas bzw. grch. nannos = Zwerg), Tannaite der 2. Generation
  • Um 100: R. Eleazar ben Parta (Namensbedeutung "Geldwechsler"?); Tannaite der 2. Generation, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Enkel
  • Um 100: R. Jose ben Qisma / ben Kisma, Tannaite der 3. Generation (Abot VI, 9): Rabbi Jose, Sohn des Kisma, überlebte die Zerstörung des Tempels, wurde sehr alt und stand bei den Römern in hohem Ansehen; bei seiner Bestattung waren auch römische Beamte anwesend, die ihm die Ehre gaben; Jose hatte angeblich den Feuertod Chaninas ben Teradjon vorhergesagt, weil dieser nicht auf sein öffentliches Lernen verzichten wollte und so bei den Römern Anstoss erregt hatte, die ihn deshalb schliesslich töteten
  • Um 100: Eleasar ben Zadok II. (auch: Eleazar; auch: Tsadoq), Tannait, wirkte Ende des ersten/Anfang des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts; während der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 70 wurde er, gemeinsam mit seinem Vater, durch R. Jochanan ben Sakkai gerettet; später war er ein Schüler R. Gamaliels des II. und überlieferte dessen Halachot; er berichtete auch über die dramatischen Ereignisse während der Tempelzerstörung, über die Gebräuche, die zuvor während des Bestehens des Tempels praktiziert wurden, sowie von den in Jabne üblichen Bräuchen; Eleasar hinterliess viele Schüler, die dessen eigene Halachot weiter tradierten; bekannt ist besonders sein Ausspruch: "Tu die Dinge [der Tora] um ihres Schöpfers willen, rede von ihnen um ihrer selbst willen, mache sie nicht zur Krone, um damit zu prahlen, noch benutze sie als Axt, um damit zu hacken" (Nedarim 62 a); Eleasar ben Zadok II. war Enkel des Eleasar ben Zadok I.
  • Um 100: R. Chananja (oder Chanina) ben Gamaliel II., Tannaite der 2. Generation
  • Um 100: Chananja ben Jehuda, Tannait der 3. Generation
  • Um 100 bis nach 160: Rabban Simeon ben Gamaliel II. (auch: Simon; auch: Schimon; auch: Gamliel II.), in der Patriarchenzählung = Simeon III.; jüdischer Gelehrter, Tannait der 3. Generation, hatte etwa von 135-165 das Patriarchenamt inne; er war Sohn Gamliels II.; in seiner Jugend, als der Bar-Kochba-Aufstand ausbrach, befand sich Simeon in Betar, bei der Einnahme der Festung durch die Römer gelang es ihm, dem Massaker zu entkommen; nach Hadrians Tod wurde er um 140 in Uscha - dem von Schülern Akibas dort statt Jabne neu gegründeten Zentrum des Rabbinats - Vorsitzender (Nassi) des erneut gebildeten Synhedrions in der Nachfolge seines Vaters; Simeons Stellvertreter wurde der Sohn des Exilarchen, Natan der Babylonier, der Simeon zeitweise den Vorsitz streitig machte bzw. - letztlich erfolglos - dessen Abdankung erzwingen wollte; während des Patriarchats des Schimon ben Gamaliel II. war das jüdische Volk Gegenstand diverser Verfolgungen und Demütigungen; Simeons Halachot berücksichtigen die Praktikabilität der Vorschriften und verwerfen eine unbedingte Gültigkeit derselben, fordern stattdessen eine Modifizierung je nach vorliegendem Fall; auch das Gewohnheitsrecht steht bei ihm in hohem Ansehen; die Wahrung der Interessen und der Würde von Frauen und Sklaven waren ihm ein besonderes Anliegen; nach Simeon ist das Wohl der Gesamtheit so bedeutend, dass im Zweifel das Wohl des Einzelnen dahinter zurücktreten müsse; in den Sprüchen der Väter ist folgender Satz von ihm überliefert: "Auf drei Dingen beruht die Welt: auf dem Recht, der Wahrheit und dem Frieden" (I, 18); der Überlieferung nach ist Simeon in Kfar Manda in Untergaliläa begraben; Simeon ben Gamaliel II. war der Vater des Jehuda ha-Nasi
  • Ca. 100: Der Tempelverlust erzwang eine Neuordnung des Judentums. Auf der Synode von Jawne (Jamnia, Jabne, beim heutigen Tel Aviv) um das Jahr 100 setzten sich die Pharisäer unter dem Tannaiten Rabbi Gamliel II. – einem Hillel-Schüler – durch (die Autorität von Rabbi Jochanans Nachfolger Gamaliel II., dem ersten Patriarchen/Nassi und Vorsitzenden des Synhedrions zu Jawne, war offenbar weithin anerkannt; er stammte aus einer berühmten Rabbinerfamilie und wurde von den Römern als das offizielle Oberhaupt – der Ethnarch – des jüdischen Volkes betrachtet). Sie reformierten Halacha, Festriten und Tagesgebete und leiteten die Kanonisierung der jüdischen Tora ein. Damit erreichten sie eine Zusammenführung verschiedener jüdischer Strömungen, grenzten aber andere als Häresien aus – darunter Sadduzäer, Zeloten und Christen. Zeitgleich verstärkten die Christen ihre Völkermission ausserhalb Palästinas und verschrifteten ihre Evangelien, um sich ihrerseits vom rabbinischen Judentum abzugrenzen und im feindlichen römischen Reich zu behaupten. Auch christliche Schriften, die nicht in das NT Eingang fanden, zeigen diesen Abgrenzungsprozess. Die älteste erhaltene Kirchenordnung, die Didache („Lehre“) der 12 Apostel, unterscheidet den christlichen vom jüdischen Gottesdienst um das Jahr 100 bereits mit Nachdruck: „Eure Festtage sollen nicht mit denen der Heuchler zusammenfallen … Auch sollt ihr nicht beten wie die Heuchler … Die jüdischen Feste wurden fortgesetzt, aber bewusst auf andere Wochentage verlegt. Das tägliche Achtzehnbittengebet (Achtzehngebet, Schemone essre) wurde durch das Vaterunser ersetzt. Die Ignatiusbriefe bestätigen, dass Christen den Sabbat anders als die Urgemeinde nicht mehr einhielten. Gleichwohl blieb der Glaube an Jesus für die erste Christengeneration Vollendung des Judentums. Die christlichen Missionare zogen daher durchweg Schriftbeweise heran, um Jesus als Messias zu verkünden: Ihre Adressaten waren zuerst Juden und „gottesfürchtige Heiden“, die im Raum der hellenistischen Handelsstädte zusammenlebten.
  • Um 100 (?): Kaddisch, Entstehung des Kaddisch-Gebets, Kaddisch = aramäisch "Heiliger", eines der wichtigsten und bekanntesten Gebete des Judentums: Verkündigung der Heiligkeit Gottes und der Erlösungshoffnung; a) Gebet im täglichen Gottesdienst, vornehmlich als Schlussstück, b) Waisengebet der Söhne bei der Beerdigung der Eltern, das ganze Trauerjahr hindurch und am Jahrzeit-Tage; Übersetzung: "Erhoben und geheiligt werde sein grosser Name auf der Welt, die nach seinem Willen von Ihm erschaffen wurde - sein Reich soll in eurem Leben in den eurigen Tagen und im Leben des ganzen Hauses Israel schnell und in nächster Zeit erstehen.Und wir sprechen: Amein! Sein grosser Name sei gepriesen in Ewigkeit und Ewigkeit der Ewigkeiten. Gepriesen sei und gerühmt, verherrlicht, erhoben, erhöht, gefeiert, hocherhoben und gepriesen sei der Name des Heiligen, gelobt sei er, hoch über jedem Lob und Gesang, Verherrlichung und Trostverheissung, die je in der Welt gesprochen wurde, sprechet Amein! Fülle des Friedens und Leben möge vom Himmel herab uns und ganz Israel zuteil werden, sprechet Amein. Der Frieden stiftet in seinen Himmelshöhen, stifte Frieden unter uns und ganz Israel, sprechet Amein." -- weitere Erläuterungen: Kaddisch, das "Heiligkeitsgebet"; fast völlig aramäisch-sprachig; die Gemeinde, die das Kaddisch hört, sagt nach jedem Satz "Amen", und sie hebt besonders den Satz "Sein grosser Name ... " hervor. Nach Auskunft der Weisen wird für jeden, der "Amen, Sein grosser Name" inbrünstig und aufrichtig sagt, das schon gefällte Urteil aufgehoben. Halbes Kaddisch: das sogenannte "halbe Kaddisch" ist tatsächlich das "Kaddisch" ohne jeden Zusatz; es ist das ursprüngliche Kaddisch (dient zur Unterteilung des Gottesdienstes bzw. zur Verbindung zwischen dessen liturgischen Komplexen); Das ganze Kaddisch: das ursprüngliche Kaddisch mit dem Zusatz: "Möge Erhörung finden das Gebet und die Bitte von ganz Israel vor seinem Vater im Himmel, sprechet: Amen! Fülle des Friedens und Leben möge vom Himmel herab uns und ganz Israel zuteil werden, sprechet: Amen! Der Frieden stiftet in seinen Himmelshöhen, stifte Frieden unter uns und ganz Israel, sprechet: Amen!" Das "Kaddisch der Waisen"/"Kaddisch der Leidtragenden" (Kaddisch jatom): Wenn ein Jude stirbt, ist eine Lücke entstanden unter jenen, die die Gebote befolgen. Die Seele des Verstorbenen steigt zu Gott empor, wenn sein Sohn oder ein anderer Angehöriger seinen Platz einnimmt und seine Pflichten übernimmt. Deshalb sagt eine Waise das Kaddisch. Das ist der Sinn des Ausdrucks "Kaddisch der Waisen". Wer das Kaddisch spricht - und zwar zuerst bei der Beerdigung eines der "sieben nahen Angehörigen" (Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Sohn, Tochter oder Ehefrau) wiederholt es in den elf Monaten nach dem Tod des Betreffenden. Der Trauernde spricht das Kaddisch der Waisen, d. h. das ganze Kaddisch ausser dem Satz "Möge Erhörung finden das Gebet ... ", das nur der Vorbeter am Ende jedes Gebetes sagt. Das Kaddisch der Waisen wird an vielen Stellen eingeschaltet. Das "Kaddisch nach dem Studium" : (= Kaddisch der Rabbiner/Kaddisch de-Rabbanan). Dieses Kaddisch spricht man nach dem Studium jedes beliebigen Abschnitts des mündlichen Gesetzes (Mischna, Baraita, Talmud). Es ist das übliche Kaddisch, erweitert lediglich um ein besonderes Gebet für das Wohl aller, die sich mit der Tora beschäftigen. Dieser Zusatz, dem das Kaddisch seine Bezeichnung "Kaddisch nach dem Studium" verdankt, lautet: "Israel, den Lehrern, ihren Schülern, allen Schülern ihrer Schüler und allen, die sich mit der Tora beschäftigen, ... an diesem heiligen Ort und an jedem anderen Ort. Ihnen sei Fülle des Friedens, Gunst, Gnade, Erbarmen, langes Leben, reichlicher Lebensunterhalt und Erlösung vor ihrem Vater im Himmel und auf Erden, sprechet: Amen!"
  • Um 100 (?): das Awinu Malkenu (Unser Vater, unser König), jüdisches Gebet, das sich aus einer alten, litaneihaften Anrede entwickelt hat; jeder Satz beginnt mit den Worten "Awinu Malkenu", gefolgt von variierenden Bitten; ursprünglich an öffentlichen Fasttagen gesprochen, ist es spätestens seit Rabbi Akiba belegt, der diese Formel schon benutzt hat; es liegt im Wesen der Litanei, dass sie leicht erweitert werden kann, und so ist das Gebet im Laufe der Jahrhunderte immer mehr ausgearbeitet worden; im ältesten bekannten Gebetbuch aus dem 9. Jahrhundert enthält das Gebet 25 Sätze, später sind Fassungen mit über 50 Sätzen verbreitet gewesen; die Litanei ist heute in den verschiedenen jüdischen Richtungen eingeführt und Bestandteil der Liturgie zu den 10 Busstagen (1. bis 10. Tischri, von Rosch ha-Schana bis Jom Kippur), aber auch sonst bei den Juden auf aller Welt üblich an diversen Fasttagen
  • Nach 100: Das 2. Jhdt. war eine jener seltenen Perioden in der Geschichte des Judentums, wo man Proselyten zu gewinnen suchte. Die jüdische Missionsarbeit trat damals in Konkurrenz zu der des Christentums. Natürlicher Mittelpunkt jeder jüdischen Gemeinde war die örtliche Synagoge. Ein berühmtes Beispiel für einen solchen Bau ist jene von Dura-Europos am Euphrat, die aus dem 3. Jhdt. (aus dem Jahr 245, Ruinenstätte seit 265) stammt und zahlreiche Fresken mit biblisch-haggadischen Motiven enthält (einziges bekanntes Beispiel altjüdischer Wandmalerei).
  • Nach 100: Gnosis (griechisch "Erkenntnis") philosophisch-mystische Glaubensrichtung im hellenistischen Orient, in Judentum und Christentum von beiden Religionen wirksam bekämpft; antijüdische Haltung der christlichen Gnosis (Glorifizierung der Schlange des Paradieses, Kains, Korachs usw.), Übernahme jüdischer Gottes- und Engelnamen in der Gnosis; Einflüsse der Gnosis auf Agada und jüdische Mystik
  • Nach 100: Beim Bischof Melito von Sardes in Kleinasien taucht erstmals explizit die These vom „Gottesmord“ auf. Seine Passahpredigt (1940 vollständig wieder entdeckt) über Israels Auszug aus Ägypten steigert dessen Schuld am Tode Jesu zum mythologischen Weltverbrechen: „Hört es, alle Geschlechter der Völker, und seht es: Ein nie dagewesener Mord geschah in Jerusalem … der, der das All festgemacht hat, ist am Holz festgenagelt worden! Gott ist getötet, der König Israels ist durch Israels Rechte beseitigt worden!“ Daraus erklärte er das gegenwärtige Leiden der Juden nach ihrer Zerstreuung im römischen Reich. Dabei ging es um kirchliche Interessen: Der Ostertermin sollte an das jüdische Passahfest gebunden, die Auferstehung sollte als Triumph des Sohnes Gottes missionswirksamer gefeiert werden.
  • Nach 100 (?): Nachum aus Gimso (Nachum aus Gimzo), angeblich durch besondere Frömmigkeit ausgezeichneter jüdischer Gelehrter des Altertums, Tannait der 1. Generation; er lebte und wirkte im 2. nachchristlichen Jahrhundert; für die Erklärung seines Beinamens gibt es zwei Theorien, er könnte entweder auf seine Herkunft aus der Stadt Gimso im südwestlichen Judäa zurückgehen oder auf seinen Wahlspruch gam su le-towa ("auch dies ist zum Guten"; Nachum soll diese Worte immer ausgesprochen haben, sobald er von irgendwelchen Widrigkeiten, negativen Umständen und Ungemach hörte oder selbst betroffen war; er wurde auch Isch gam su genannt, "der Mann mit dem gam-su-Spruch", evtl. aber auch statt "gm zu" "gmzu" = Gimso zu lesen, also "Mann aus Gimso"); Nachum aus Gimso war Lehrer Akibas (bChag. 12a), der von ihm die Regeln des Einschliessens und Ausschliessens gelernt haben soll; haggadisch wird von Nachum eine Reihe angeblicher Wundertaten berichtet (bTa'an. 21a); wegen nicht aufzuklärender Verwechslungsmöglichkeiten Nachums mit einem angeblichen Nehemia Imssoni (Konsonantenwechsel von Gimel zu Ajin? Nehemia Nebenform zu Nachum - jer. Ber. IX. 14b) bleiben aber viele Fragen zu seinem Leben offen
  • Nach 100: R. Jochanan ben Beroka (auch: Jochanan ben Beroqa, d. h. aus Bene Brak; die manchmal zu lesende Übersetzung Jochanan, Sohn des Beroka ist falsch), jüdischer Gelehrter des Altertums, lebte und wirkte im 2. nachchristlichen Jahrhundert und wird zur so genannten 2. Generation der Tannaiten gezählt; er war ein Schüler des Jehoschua ben Chananja, Freund des Rabbi Eleasar Chisma und Vater des Rabbi Ismael; er behandelte hauptsächlich das Familien- und hier insbesondere das Erbrecht; sein in der Baraita häufig zitierter Sohn, Ismael ben Jochanan ben Beroka, hat die Halachot seines Vaters vertieft und ausgebaut
  • Nach 100: R. Jehuda ben Baba (auch Juda ben Baba, Beiname: Chasid, "der Fromme"; wo im Talmud "Chassid" ohne Namensnennung vorkommt, ist entweder Jehuda ben Baba oder Jehuda ben Ilai gemeint), ein als Frommer ohne Fehl und Tadel angesehener jüdischer Gelehrter des Altertums, lebte und wirkte im 2. nachchristlichen Jahrhundert und gehörte zur 2. Generation der Tannaiten; er war Schüler des Samuel hakatan und disputierte besonders mit Rabbi Akiba; er erteilte einer Anzahl Schülern Akibas bald nach dessen Tod die Ordination, obwohl Hadrian darauf die Todesstrafe gesetzt hatte; angeblich soll er, als die römischen Verfolger ihnen nahten, den Ordinierten Gelegenheit zur Flucht gegeben haben, während er selbst ausharrte und den Märtyrertod erlitten habe (bab. Sanhedrin 14 a); unter seinen Halachot wird als wichtigste diejenige betrachtet, die einer Aguna eine neue Ehe einzugehen gestattet, wenn auch nur ein Zeuge den Tod des Mannes bestätigt
  • Nach 100: Elisa ben Abuja (Elischa ben Abuja), Beiname: Acher („der Andere“ genannt, weil man ihn nach seinem Abfall nicht nennen wollte), als Ketzer verrufener Tannait der 2. Generation; war Lehrer des R. Meir, befreundet mit Akiba, war einer der grössten Kenner des Religionsgesetzes, der es dann aber nicht mehr einhalten wollte, Freidenker wurde und von seinen Zeitgenossen daher allgemein mit dem Apostatennamen Acher, "der Andere", "der Abtrünnige" belegt wurde (bChag. 15a); über die Gründe für seinen "Abfall" wird spekuliert; einige meinen, nach Beschäftigung mit mystischen (und gnostischen) Fragen, nach seinem "Eindringen" in den "Pardess" ("Paradies", als Umschreibung für den Bereich der Mystik) habe er "die Pflanzungen des Paradiesgartens zerstört" (= Abkehr vom Religionsgesetz, Tosefta Chag. II., 3; bChag. 14b; allgemein galt das Verständnis, dass ein Eindringen in die jüdische Mystik hochgefährlich war und nur absolute Ausnahmeerscheinungen [als einziger Akiba!] dies überstanden, ohne geisteskrank zu werden); genau so beschäftigte sich Elisa aber auch mit griechischer Philosophie; Elisa selbst machte geltend, dass sein Vater Abuja ihn eher aus Ehrgeiz als aus reiner Liebe zur Tora veranlasst habe, die jüdischen Schriften zu studieren (Abuja hatte Elisa schon am Tage der Beschneidung dem Tora-Studium geweiht und zu dieser pompösen Feier die hervorragendsten Gelehrten, Jochanan ben Sakkai, Elieser ben Hyrkanos, Josua ben Chananja und andere, sowie die in gesellschaftlicher Stellung hervorragendsten Männer seiner Zeit, Nakdimon ben Gorjon, Kalba Sabua, Ben Zizith Hakessass, überhaupt alle Reichen Jerusalems, eingeladen); deshalb habe ihn die Tora nicht dauerhaft an sich binden können (jChag. 77b); eine dritte Theorie für seine Abwendung von der Gesetzestreue vermutet Zweifel des Elisa an der Gerechtigkeit Gottes nach falsch verstandenen Schlussfolgerungen über Betrachtungen bezüglich Vergeltung, Lohn und Strafe; Elisa wurde wegen seines freien Denkens unter seinen Kollegen immer mehr zum Aussenseiter und Verachteten, nur Meir hielt seinem ehemaligen Lehrer weiterhin unverbrüchlich die Treue, indem er zur Verteidigung seines eigenen Verhaltens angab: "Einen Granatapfel fand ich, das Innere verzehrte ich, die Schale aber warf ich weg" (bChag. 15b); noch am Sterbebett versuchte Meir, der von seinem Lehrer Elisa nicht hatte ablassen können, diesen zur Umkehr zu veranlassen, Elisa starb aber, bevor er sich definitiv dazu noch äussern konnte; Elisas Weinen während dieser Diskussion deutete Meir als Umkehr in letzter Sekunde und war darüber sehr glücklich; in der jüdischen Traditionsliteratur sind einige Aussprüche pädagogischer Natur von Elisa erhalten, die wohl noch aus der Zeit stammten, bevor er zum "Acher" wurde, danach allerdings kritisierte Elisa das Torastudium, machte sich sogar darüber lustig und wurde in der Zeit der hadrianischen Religionsverfolgung ein Bundesgenosse des Kaisers, so soll er bei einem Rundgang durch jüdische Schulen, in denen die Knaben lernten, ausgerufen haben: "Was treiben die denn hier? Wozu all dieses Studieren? Soll lieber der eine Zimmermann, der andere ein Tischler, der dritte ein Schneider werden" (jChag. 1c); - Fortleben in der Literatur: Max Letteris (1800-1871) behandelte Elisa in einem hebräischen Drama (1865) als den "Faust" des Judentums; der österreichische Früh-Zionist Nathan Birnbaum wählte sich in der noch zionistischen Phase seines Lebens in Anlehnung an Elisa ben Abuja das Schriftsteller-Pseudonym Mathias Acher; Jacob Gordin (1853-1909) schrieb 1906 ein Theaterstück in jiddischer Sprache, Elisa ben Abuja, das zu Lebzeiten Gordins ohne Erfolg in New York, nach Gordins Tod aber mehrfach erfolgreich aufgeführt wurde; der konservative amerikanische Rabbiner Milton Steinberg (1903-1950) schrieb einen umstrittenen (fiktionalen) Roman über Elisa ben Abuja: As A Driven Leaf (1939); im Jahr 2007 publizierte der irakisch-israelische Autor Shimon Ballas einen englischsprachigen Roman mit dem Titel Outcast, in welchem eine Elisa ben Abuja ähnliche Figur beschrieben wird, ein jüdischer Konvertit, der Muslim wird und sich am Ende weder in seiner alten noch in seiner neuen Heimat zurechtfinden kann und von allen Freunden verlassen ist; dieser - übrigens auch ins Hebräische übersetzte (we hu acher) - Roman wurde dann leider zu Zeiten des Saddam-Regimes zu antijüdischer Propaganda missbraucht; - Literatur: Adolf Jellinek, Elischa ben Abuja, 1847; M. D. Hoffmann, Tolĕdot Elischa ben Abuja, 1880; Samuel Baeck, Elischa ben Abuja-Acher, 1891; Albert Assaraf, L'hérétique: Elicha ben Abouya ou l'autre absolu, Paris, Balland, 1991; Alon Goshen-Gottstein, The Sinner and the Amnesiac: the rabbinic invention of Elisha ben Abuya and Eleazar ben Arach, Stanford University Press (California), 2000; Bernard Barc, Les Arpenteurs du Temps, le Zèbre, Lausanne 2000; John W. McGinley, "The Written" as the vocation of conceiving jewishly, 2006
  • Nach 100: Elieser b. Hyrkanos (der Grosse) / Eliezer ben Hyrkanos / in der Mischna R. Eliezer schlechthin genannt (mehr als 320 mal), Tannaite der 2. Generation (90-130), Schüler Jochanan ben Sakkais; wegen Widerspruchs gegen die Mehrheit (er wehrte sich gegen jede Neuerung innerhalb der Halacha) in Bann gelegt, gleichwohl führende Gestalt; Held von Legenden; oft (vor allem wegen seiner Ablehnung von Neuerungen innerhalb der Halacha) befand er sich in Disput mit Jehoschua ben Chananja und Rabbi Akiba, der sein eigener Schüler war; trotz seines Konservatismus ging er dem nüchternen Jischmael in seiner Auslegungspraxis noch viel zu weit, so dass Jischmael ihm zurief: Siehe, du sagst zur Schrift: Sei still, bis ich dich auslege! (Sifra, Tazria Negaim 13,2, W. 68b); er lehrte später in Lydda (das heutige Lod) und hatte die pharisäische Tradition in Jabne weitergeführt; eine Zuordnung zum Bet Hillel oder Bet Schammai ist jedoch nicht möglich; die Annahme seiner Hinneigung zum Christentum ist haltlos; - Lit.: (Auswahl): I. Konovitz, Rabbi Eliezer - Rabbi Joshua. Collected Sayings, Jerusalem 1965 (hebräisch); Y. D. Gilat, The Teachings of R. Eliezer ben Hyrkanos and their Position in the History of the Halakha, Tel Aviv 1968 (hebräisch); - in Aboth II., 11 wird er charakterisiert als "verkalkte Zisterne, die keinen Tropfen verliert" (= der nichts vom Gelernten und Gehörten vergisst); und weiter heisst es über ihn (II.,12): "Wenn alle Weisen Israels auf einer Waagschale wären und Elieser, Sohn des Hyrkanos, auf der andern, würde dieser sie alle aufwiegen" (noch "gewichtiger" soll allerdings Eleasar, Sohn des Arach, gewesen sein, der "allein in einer Waagschale alle Weisen Israels plus Rabbi Elieser in der anderen Waagschale" aufgewogen haben soll; über diesen Eleasar ben Arach, einen der "fünf vorzüglichsten Schüler des Jochanan ben Sakkai", sind aber keine weiteren historischen Zeugnisse erhalten geblieben)
  • Nach 100: Chanina (Chananja) b. Teradion, R. Chananja ben Teradjon, Tannaite der 2. Generation, einer der zehn Märtyrer Roms (in der Verfolgungszeit unter Hadrian), durch seine Tochter Berurja Schwiegervater des R. Meir; Chananja ben Teradjon lehrte trotz des hadrianischen Verbots weiter, wurde angeblich deshalb an einem 27. Siwan (Schulchan Aruch Orach Chaim Kap. 580) in eine Thorarolle gehüllt, auf den Scheiterhaufen gebracht, um mitsamt der Thorarolle verbrannt zu werden; um seine Qual zu verlängern, sollte ihm der Henker nasse Wolle auf das Herz legen; von Mitleid erfasst, riet ihm der Henker, die Wolle zu entfernen, er aber antwortete: "Wie dürfte ich mein Leben verkürzen, wenn der Allvater es mir auferlegt, nicht so schnell zu sterben"; der Henker selbst entfernte nun die Wolle und stürzte sich dann ins Feuer, um sich der Strafe des Tyrannen zu entziehen
  • Nach 100: Ben Soma (Ben Zoma), Tannaite der 2. Generation; sein voller Name lautete Sim(e)on Ben Soma; da er allerdings den Titel "Rabbi" noch nicht erhalten hatte, wurde er nur nach dem bekannten Namen seines Vaters "Sohn des Soma" genannt; er war Schüler des R. Josua b. Chananja; der Ruf seiner Gelehrsamkeit war so verbreitet, dass man sagte, wer ihn im Traum gesehen habe, sei der Gelehrsamkeit sicher (bBer 57b); als er mit jungen Jahren starb, hiess es, "der letzte Bibelexeget sei gestorben" (Sota 9,15); er beschäftigte sich auch mit mystischen Fragestellungen, büsste in der Folge aber seine gedankliche Klarheit ein, die ihn zuvor ausgezeichnet hatte; in den Sprüchen der Väter (IV., 1) sind von ihm folgende, selbst in Barbra Streisands Film "Yentl" wiedergegebenen Aussprüche überliefert: "Wer ist weise? Der von jedem Menschen lernt ... Wer ist ein Held? Der seine Leidenschaft bezwingt ... Besser ein Langmütiger als ein Held und der seinen Willen Beherrschende als ein Städteeroberer. Wer ist reich? Der mit seinem Teile zufrieden ist ... Wer ist geehrt? Der die Menschen ehrt; denn es ist gesagt ... die mich ehren, bringe ich zu Ehren, und die mich verachten, werden gering geachtet"
  • Nach 100: R. Eleazar ben Jehuda, aus Bartota (Birtota?) / Eleazar Isch Bartota, Tannaite der 3. Generation
  • Nach 100: R. Simeon von Timna (ha-Timni / ha-Temani, "aus Teman" [Edom]), Tannaite der 2. Generation, Schüler Akibas und Jehoschuas
  • Nach 100: Chananja ben Chakhinai, in Jabne und Bene Beraq, Tannaite der 3. und 4. Generation, älterer Akiba-Schüler; spät auch zu den "zehn Märtyrern" gezählt
  • Nach 100: R. Simeon aus Schiqmona, Tannaite der 4. Generation, älterer Akiba-Schüler
  • Nach 100: R. Chidka (auch: Chidqa), jüdischer Gelehrter des Altertums, wirkte um das Jahr 130 n. und zählt zur vierten Generation der Tannaiten; Akiba-Schüler; Chidka verlangte für den Sabbat vier Hauptmahlzeiten (bab. Schabbat 117 b); war vermutlich Schammaite
  • Nach 100: Aquila, hervorragender Proselyt, Autor einer wortwörtlichen, nur in Bruchstücken erhaltenen griechischen Bibelübersetzung = Aqilas, "der Proselyt", Tannait der 2. Generation, mit dem kaiserlichen Haus verwandt (?), Schüler des R. Eliezer und des R. Jehoschua ben Chananja, übersetzte (unter dem Einfluss der Akiba zugeschriebenen Auslegungsmethode stehend) die Bibel ins Griechische; - Literatur: D. Barthélémy, Les Devanciers d'Aquila, Leiden 1963; A. Silverstone, Aqila and Onkelos, Manchester 1931
  • Nach 100: Mattia ben Cheresch (alternativ: Mattja ben Cheresch oder auch Charasch), jüdischer Gelehrter des Altertums, wirkte im 2. nachchristlichen Jahrhundert und zählt zu den späten Tannaiten der sogenannten zweiten Generation; er war Schüler des Elieser ben Hyrkanos und lehrte in Rom, wo er eine Schule gründete, unmittelbar vor dem hadrianischen Krieg; sein in den Sprüchen der Väter (IV., 5) überlieferter Wahlspruch lautet: "Komme jedermann mit einem Gruss zuvor. Sei lieber der Schwanz des Löwen als das Haupt des Fuchses"
  • Nach 100: Ben Assai / Simon Ben Asaj, Simeon ben Azzai, Ben Azzai (Abkürzung aus Azarja), Tannait der jüngeren Gruppe der 2. Generation, trotz grösster Gelehrsamkeit nicht ordiniert, hinsichtlich dieser aber als leuchtendes Musterbeispiel herausgestellt (bKidd. 49b); er stand in naher Beziehung zu den Leitern der Gelehrtenschule von Jabne; er schloss den Bibelkanon mit Aufnahme von Schir haschirim und Kohelet; Ben Assai war Schüler des Josua b. Chananja, tradierte auch in dessen Namen gegen Akiba (Jeb. 4,13, Joma 2,3), als dessen Schüler und Freund er sich ansonsten sah (er hatte auch Akibas Tochter geheiratet, widmete sich aber bald ausschliesslich dem Torastudium); er studierte mit solchem Fleiss und Ausdauer, dass es, als er starb, hiess: "Mit dem Tode Ben Assais hörte die Beharrlichkeit im Studium auf" (Sota 9,15); er wird als Sinnbild der Frömmigkeit geschildert und zählte zu den scharfsinnigsten Gelehrten; er beschäftigte sich (wie neben ihm noch Ben Zoma, Elischa ben Abuja und Akiba – nur der letztere überstand dies unbeschädigt) auch mit mystischen Fragestellungen ("hat den Pardess betreten"), was ihm einen vorzeitigen Tod bereitet haben soll (bChag. 14 b, 15 b): Er gehörte zu den "zehn Märtyrern" (Echa Rabbati II, 2); sein Ruhm stieg später so hoch, dass sowohl R. Jochanan, der grösste Amoräer Palästinas, als auch Raw, der grösste Amoräer Babyloniens, um ihre Lehrautorität zu untermauern, ausgerufen haben sollen: "Hier bin ich Ben Assai!" (jBikk. II, 65a; bPea VI, 19c); Ben Assai hielt am überlieferten Judentum fest und argumentierte gegen das von Paulus propagierte Christentum (Echa R. I, 1); in Aboth sind von ihm folgende Aussagen überliefert (IV., 2-3): "Sei eilend zum leichtesten Gebot und fliehe vor jeder Sünde, denn ein Gebot zieht das andere nach sich, und eine Sünde zieht die andere nach sich; denn der Lohn eines Gebotes ist ein Gebot, und der Lohn einer Sünde ist eine Sünde ... Verachte keinen Menschen, und halte keine Sache für zu fern liegend, denn es gibt keinen Menschen, der nicht eine Stunde, und es gibt keine Sache, die nicht einen Ort hat
  • Nach 100: Chananja, jüdischer Gelehrter des Altertums, er lebte und wirkte im zweiten nachchristlichen Jahrhundert und zählt zu den Tannaiten; er war der Neffe (Bruders Sohn) und Zögling des Rabbi Jehoschua ben Chananja, wohnte in Babylonien in Nehar Peqod, wohin er nach dem Bar Kochba-Aufstand geflüchtet war; er errichtete dort ein Lehrhaus und versuchte selbständig den Kalender zu interkalieren (was ein Privileg Palästinas war), was die Diaspora von Palästina vollständig unabhängig machen sollte und beinahe eine Spaltung im Judentum seiner Zeit hervorgerufen hätte; Abgesandten des neuen Synhedrions unter Simon ben Gamaliel II. gelang es, Chananja zu disziplinieren und die Oberhoheit Palästinas anzuerkennen und auf diese Weise die Einheit zu bewahren
  • Nach 100: Elieser ben Jose ha-Gelili (Eliezer - manchmal auch Eleazar ben Jose, Rabbi Eliezer ben R. Jose ha-Gelili), Sohn Jose des Galiläers = Jose ha-Gelili, Tannaite der 4. (nach manchen der 3.) Generation (Generation nach Bar Kochba; d. h. Elieser lebte und wirkte im 2. nachchristlichen Jahrhundert); er war Schüler des Rabbi Akiba, beteiligt an der Wiedererrichtung des Synhedrions nach dem Ende der hadrianischen Religionsverfolgung und wurde vor allem für seine aggadische Arbeit gerühmt: "Überall wo du die Worte Eliesers in der Haggada hörst, neige dein Ohr hin, einem Trichter gleich" (bab. Chullin 89 a); viele seiner Aussprüche widmen sich der Unvergänglichkeit des jüdischen Volkes und waren seinen Mitjuden nach der schweren Zeit der Bedrückung ein grosser Trost; nach ihm benannt sind die 32 Middot (Auslegungsregeln) des R. Eliezer: 1) ribbui: Vermehrung, Einschliessung; 2) mi'ut: Einschränkung, Ausschluss, Minderung; 3) ribbui achar ribbui: Einschliessung nach Einschliessung; 4) mi'ut achar mi'ut: Verbindung zweier einschränkender oder ausschliessender Partikel; 5) qal wa-chomer meforasch: Schluss vom Leichteren aufs Schwerere und umgekehrt; 6) qal wa-chomer satum: angedeuteter Schluss entspr. 5); 7) gezera schawa (= Hillel 2); 8) binjan ab (= Hillel 3); 9) derekh qetsara: abgekürzte / elliptische Ausdrucksweise; 10) Wiederholung; 11) getrennt auftretendes Zusammengehörendes; 12) das zum Vergleich Herangezogene wird durch den Vergleich selbst auch neu oder anders interpretiert; 13) das Zweite wird zum Besonderen des zuvor erwähnten Allgemeinen; 14) Vergleich von Bedeutenderem mit Geringerem (keine Anwendung innerhalb der Halacha); 15) Ein dritter Schriftvers entscheidet einen Widerspruch zweier vorhergehender, sich widersprechender Schriftverse (= Jischmael 13); 16) Besonderheit eines Ausdrucks an gerade dieser Stelle = besondere Bedeutung; 17) Erklärung, Erhellung gegeben ausserhalb der Hauptstelle; 18) Besonderheit meint dennoch das Allgemeine; 19) spezielle Aussage gilt nicht nur für das Spezielle; 20) Aussage über etwas wird auf Anderes bezogen, wo es besser passt; 21) einseitiger Vergleich, Ausschluss des Schlechten; 22) passive Sinnergänzung durch den Kontext; 23) aktive Sinnergänzung durch den Kontext (keine Anwendung halachisch); 24) etwas im Allgemeinen bereits enthaltenes Besonderes wird genannt, um das Allgemeine dann zu qualifizieren; 25) etwas im Allgemeinen bereits enthaltenes Besonderes wird genannt, um es dann zu qualifizieren; 26) maschal: Gleichnis; allegorische Auslegung; 27) Bedeutungsentsprechungen gleicher Zahlen; 28) Schlussfolgerungen aus homonymen Wortwurzeln; 29) Gematrie (Deutungen aus dem Zahlenwert der Buchstaben; Beispiel: ha-satan = 364, an 364 Tagen hat der Satan Macht über die Israeliten, ausser am Versöhnungstag) und Atbasch (spezielles Geheimalphabet);30) Notarikon ("notarius", Schnellschreiber); Zerlegung von Wörtern, manchmal ist jeder Buchstabe Anfangsbuchstabe eines anderen Wortes; Notarikon ist ebenso abgekürzte Ausdrucksweise (positiv formulierter Satz schliesst negative Entsprechung ein); Notarikon als Auslegungsregel nicht allgemein anerkannt, nicht in der Halacha angewendet; 31) zeitlich Vorhergehendes im Text nachgestellt gibt zu besonderer Deutung Anlass (miqra mesuras, verkehrte Stellung im Schriftwort); 32) Reihenfolge der Bibelabschnitte entsprechen nicht der Abfolge von Zeitabschnitten, Deutungen hieraus; auch erub paraschijot (Abschnittsvermischung) genannt; hierzu die Schule Jischmaels: "In der Tora gibt es [bezüglich der Aufeinanderfolge biblischer Aussagen] kein Vorher und Nachher"
  • 2. Jhdt.: Chija (Chijja) der Grosse, talmudischer Gesetzeslehrer am Ende der tannaitischen Zeit, Mitredaktor der Tossefta ("Hinzugefügtes", "Supplement", tannaitisches Sammelwerk, Einteilung und Anordnung wie die der Mischna, umfangreicher, aber ausserhalb des Kanons stehend und nur als Talmud-Zusatz angesehen; traditionelle Urheber die Tannaiten Nehemia und Chija b. Abba, der Amoräer Oschaja im 3. Jdht.)
  • Nach 100: R. Levitas aus Jabne (Abot IV, 4; öfters auch in Pirqe de Rabbi Eliezer)
  • Nach 100: "Die Testamente der zwölf Patriarchen" (TestXII / TestXIIPatr), pseudepigraphe, sukzessiv gewachsene judenchristliche, aber in ihrem Grundstock jüdische Schrift, die die angeblichen Abschiedsreden der zwölf Söhne Jakobs, die als Väter der Stämme Israels gelten, an ihre Angehörigen versammelt; in ihrer Endgestalt christlich und wohl in das dritte Jhdt n. zu datieren; in diesen Erzählungen, die midraschartig das im Alten Testament über die Patriarchen Berichtete weit ausbauen, betont der jeweilige Stammvater gewöhnlich den Grundfehler seines Lebens und warnt seine Nachkommen vor ähnlichen Verfehlungen (Ruben: Inzest mit der Nebenfrau Jakobs, warnt vor unrechtem Umgang mit Frauen und vor jeglicher Unzucht; Juda: Verfehlung mit seiner Halbschwester Tamar, die er in Trunkenheit begangen hat, empfiehlt Zurückhaltung im Weingenuss usw.); die Schrift, deren Entstehungsgeschichte noch nicht völlig geklärt ist, enthält viele schwierig zu erklärende Besonderheiten, z. B. die genealogische Ableitung Jesu aus den Stämmen Levi und Juda
  • Nach 100: Testament Adams, pseudepigraphische Schrift in 4 Kapiteln, syrisch überliefert; Inhalt: Horarium = Anbetungszeiten der verschiedenen Geschöpfe; Prophetie Adams an Seth; Engel-Hierarchie; jüdischer Text, aber christlich überarbeitet
  • Nach 100 (?): Targum Neophyti / Neofiti (Tg N), einer der frühesten erhaltenen Targumim, enthält kaum spätere Zufügungen
  • Nach 100 (?): Fragmententargum = Jeruschalmi II (Tg JII), fragmentarisch erhaltener palästinischer Targum
  • Nach 100: Griechische Baruchapokalypse, christlich/gnostische Schrift jüdischen Ursprungs, beschreibt die Reise Baruchs durch die verschiedenen Himmel
  • Nach 100: Megillat Antiochos (auch Megillat HaHashmonaim / Megillat Hanukkah / Sefer Bet Chaschmonai/"das Hasmonäerbuch", oder Megillat Bene Chaschmonai/"die Hasmonäerrolle"), die Chanukka-Geschichte und den Makkabäer-Sieg über die Seleukiden nacherzählend, erhalten in Aramäisch und Hebräisch, Erstpublikation Mantua 1557 (hebräischer Text mit englischer Übersetzung im Siddur von Philip Birnbaum), legendenhafte Darstellung der Makkabäerzeit bis Chanukka (Einsetzung des Lichterfestes), Grundsprache ist westliches Aramäisch; die Schrift war im Mittelalter sehr beliebt und wurde zum Teil auch in der Synagoge für Chanukka verwendet
  • Nach 100 (?): Derek Erets Rabba (DER), ausserkanonischer Traktat, wörtlich übersetzt "Weg der Erde", also etwa: "Lebensregeln", DER ist Bezeichnung für zwei völlig unterschiedliche Traktate (nachträglich zur Unterscheidung als "Rabba" bzw. "Zutta" bezeichnet); DER ist Baraitot-Sammlung, ergänzt durch Aussprüche früher Amoräer; Kapitel 1 und 2 fehlen in manchen Handschriften, allen gemeinsam ist Kapitel 3 folgend; Kapitel 3 – Pereq ben Azzai – ist so auch zuweilen Name des gesamten Traktats geworden; Inhalt: Kap. 1 über unerlaubte Ehen, Kap. 2 über verschiedene Menschenklassen ... , Kap. 3-11 Lebensregeln, Tischsitten, Regeln für das Benehmen im Bad (Kap. 3-11 viel gemeinsames Material mit ARN)
  • Nach 100: "Palästina", Bezeichnung im Laufe des 2. Jhdts. eingeführt (griechisch, nach den – ausgestorbenen – Philistern), vorher in der Bibel nach den Ureinwohnern "Land Kanaan" (Erez Knaan), dann als Besitz der israelitischen Stämme "Land Israel" (Erez Jisrael), in hellenistisch-römischer Zeit nach der Hauptlandschaft "Judäa" genannt
  • Nach 100: Beginn jüdischer Ansiedlung in Adrianopel
  • Zwischen 100 und 500: Sefer Jezirah / Sefer Jezira („Buch der Schöpfung/Formung“), der (das) Sefer Jetsira, auch: Yezirah ist das älteste eigenständig überlieferte Werk der Kabbalah. Entstanden in Babylonien. Der Verfasser ist unbekannt, nach jüdischer mündlicher Tradition gilt der biblische Abraham als Autor des Werks. Es enthält mystisch-meditative Spekulationen über die wesentlichen Elemente der Schöpfung. Dazu gehören die 10 Urziffern (Sephiroth) und die 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets. Das Sefer Jezirah beschreibt die Beziehungen dieser Elemente zueinander als weisheitliche Wege zur Erkenntnis der Schöpfung. Übersetzung u. a.: L. Goldschmidt, 1894