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Interreligiöser Dialog

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Interreligiöser Dialog und Dialog der Religionen (von altgriech. dialégomai: sich unterhalten) sind Bezeichnungen für den absichtsvollen, im Idealfall gleichberechtigten, respektvollen, aber auch kritischen Meinungsaustausch, die Begegnung oder auch die Zusammenarbeit in Alltag und Theologie zwischen Vertretern bzw. Angehörigen verschiedener Religionen. Der interreligiöse Dialog kann mehrere Religionen gleichzeitig einbeziehen, häufiger sind jedoch Begegnungen zwischen zwei Religionen.

Aktuelle Bedeutung

Vor dem Hintergrund von Globalisierung, weltweiter Migration und damit globaler Pluralisierung, aber auch religiös legitimierter Konflikte und schließlich des sich zunehmend religiös verstehenden Terrorismus haben der Dialog der Religionen und der interreligiöse Dialog wieder an Bedeutung gewonnen und werden in jüngster Zeit von fast allen Demokratien und vielen Religionsgemeinschaften gefordert und gefördert. Seit 2002 finanziert die Bundesregierung Projekte des christlich-islamischen Dialogs jährlich in Höhe von 425.000 Euro. Dazu gehören z. B. Dialogseminare für Imame (jährlich 50.000 Euro), die Unterstützung des KCID (seit seiner Gründung jährlich 40.000 Euro, projektbezogen) und der Muslimischen Akademie (60.000 Euro jährlich seit 2004).

Zudem werden Organisationen wie die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) finanziert, die sich, wie auch die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) u. a. im interreligiösen Dialog engagieren. Auch Universitäten fördern den interreligiösen Dialog, beispielsweise durch dialogpraktische Seminare.

Der Interreligiöse Arbeitskreis des Vereins Interkultureller Rat in Deutschland, in dem Vertreter der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK), des Zentralrats der Juden in Deutschland, des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD), der Föderation der Aleviten-Gemeinden in Deutschland, der Deutschen Buddhistischen Union, des Nationalen Geistigen Rats der Baha’i und des Vereins Weltkonferenz der Religionen für den Frieden (WCRP) vertreten sind, strebt als gemeinsames Ziel eine Kultur der sozialen Solidarität an. Im Abrahamischen Forum des Rates erörtern Vertreter des Zentralrats der Juden in Deutschland, der ACK, des ZMD, der DITIB u. a. interreligiöse Fragestellungen und die Arbeit Abrahamischer (Juden, Muslime und Christen) und anderer „Interreligiöser Teams“. Sie sind in der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit tätig.

Das friedliche Zusammenleben in Deutschland zu stärken ist auch Ziel des Projekts "Weißt du, wer ich bin?". Es unterstützt den Dialog der Religionen auf Basisebene, indem es den Erfahrungsaustausch zwischen Juden, Christen und Muslimen fördert. Beteiligt sind die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK), der Zentralrat der Juden, der Zentralrat der Muslime (ZMD) und die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB). Das Bundesinnenministerium unterstützt das Projekt seit seiner Entstehung 2004 jährlich mit ca. 40.000 Euro.

Die über 80 Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit mit ca. 20.000 Mitgliedern und ihr Dachverband, der Deutsche Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit, entstanden in Deutschland nach Nationalsozialismus und Holocaust, setzen sich für die Aussöhnung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen, Verständigung zwischen Christen und Juden und ein friedliches Zusammenleben von Völkern und Religionen sowie gegen Antisemitismus und Rechtsradikalismus ein. Seit ihrer Gründung haben sowohl die Einzelgesellschaften als auch ihr Dachverband jeweils einen jüdischen, einen evangelischen sowie einen katholischen Vorsitzenden. Der Deutsche Koordinierungsrat ist die größte Vereinigung unter den 32 Mitgliedern des Internationalen Rats der Christen und Juden (ICCJ).

Seit 1976 besteht die Islamisch-Christliche Arbeitsgruppe (ICA), in der verschiedene islamische Organisationen und die römisch-katholische, evangelische und griechisch-orthodoxe Kirche vertreten sind. Sie führt Tagungen und Konferenzen durch, berät über interreligiöse Projekte und hat den Austausch über Sachfragen zum Ziel.

Christlich-islamische Dialogorganisationen haben sich im Koordinierungsrat des christlich-islamischen Dialogs (KCID) zusammengeschlossen, dessen größte und älteste Mitgliedsorganisation die Christlich-Islamische Gesellschaft ist.

Auf Dialog durch konkretes Handeln setzen Organisationen wie die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (seit 1958), die Grünhelme (seit 2003) oder auch die Fokolar-Bewegung (seit 1943), die eine weltweite Geschwisterlichkeit durch den Dialog von Menschen verschiedener Konfessionen, Religionen und nicht-religiöser Weltanschauungen zum Ziel hat, die sich in sozialen und humanitären Initiativen konkretisiert. Versöhnung, Vertrauen und Respekt durch praktische Zusammenarbeit zu fördern ist auch das Ziel kleinerer Projekte wie z. B. „fischen versöhnt“, wobei versucht wird, die Ursache eines Konflikts aufzugreifen und in diesem Bereich nach einer praktischen Lösung zu suchen, die beide Konfliktparteien einbezieht.[1]

Grundannahmen von Dialogbefürwortern und -kritikern

Über Sinn und Erfolgsaussichten des Dialoges der Religionen gibt es seit Beginn religiöser Aufzeichnungen Auseinandersetzungen. Von den zentralen religiösen Akteuren (wie Moses, Buddha, Jesus und Mohammed) sind fast ausnahmslos Gespräche mit Andersglaubenden überliefert, in denen nicht die Bekehrung des anderen im Mittelpunkt steht, sondern Respekt, Frieden und gegenseitiges Lernen, aber auch die Feststellung von Unterschieden und die Wahrung der eigenen Identität.

Befürworter wie Kritiker des Dialogs der Religionen gehen im Regelfall entweder von essentialistischen oder funktionalistischen Annahmen aus, so dass sich die Diskussion grob in vier Teile gliedern lässt.

Essentialistische Befürworter

Grundannahme dieser Position ist, dass die Religionen in ihrer eigentlichen Substanz die gleiche Wahrheit anstreben und der Streit zwischen ihnen durch historische Einflüsse, mangelndes Wissen und Missbrauch für Zwecke der Politik entstanden ist. Aufgabe des Dialoges sei es, diese tiefe Einheit wieder ans Licht zu bringen.

Kritiker bemängeln an dieser Position, sie akzeptiere keine Unterschiede und könne sie auf Dauer kaum tolerieren. Vielmehr vereinnahme sie schon in ihrem Ansatz die Dialogpartner und verprelle damit jene Menschen, die ihre Grundannahme nicht teilen.

Essentialistische Kritiker

Grundannahme dieser Position ist, dass die Religionen eine je unterschiedliche Substanz besitzen, die nicht veränderbar ist. Meist wird dabei angenommen, dass die eigene Religion Wahrheit, die der anderen aber letztlich Unwahrheit verkündet. Dialog sei gefährlich, weil er die Unterschiede zwischen wahr und unwahr vernebele und er sich evtl. in den Dienst der Unwahrheit stelle. Das Gespräch mit Andersglaubenden müsse Unterschiede betonen und letztlich auf deren Bekehrung zielen.

Die Kritik an dieser Position lautet, sie ermögliche ein friedliches Zusammenleben allenfalls um den Preis der lebensweltlichen Trennung (Segregation); man ginge sich (in Dialogfragen) möglichst aus dem Weg, um Konflikte zu vermeiden. Darüber hinaus könne sie in Verschwörungstheorien münden, da freundliches und liebenswertes Verhalten Andersglaubender evtl. als Teil der Unwahrheit einsortiert werden müsse (vgl. z. B. den Vorwurf der Ta'qiyya seitens von Islamkritikern).

Funktionalistische Befürworter

Vor allem – aber nicht ausschließlich – von Politikern wird der Dialog befürwortet, weil er den inneren Frieden sichere, Familienwerte hochhalte, Integration fördere, das kulturelle Leben bereichere.

Kritik an dieser Position: Sie übergehe den Anspruch der verschiedenen Religionen, wonach aus Wahrheit Frieden erwachse (und nicht umgekehrt). Gläubige sähen sich zudem in der Regel nicht als Vertreter reiner Meinungs- und Neigungsvereine, die gelegentlich Sozialarbeit betreiben, sondern fühlten sich ihrem jeweiligen Glauben verpflichtet. Zum Dialog entschieden sie sich nur freiwillig. Eine Verbesserung des Zusammenlebens durch interreligiösen Dialog stelle sich erst nach sehr langer Zeit ein. Der Dialog tauge daher nicht für Funktionalisierungen in der Hoffnung auf kurzfristige Erfolge bei der Sicherung des sozialen Friedens.

Funktionalistische Kritiker

Vor allem aus dem säkularen Bereich heraus wird die Kritik geäußert, der Dialog diene lediglich dem Machterwerb religiöser Akteure, der Missionierung der je eigenen, möglicherweise indifferent werdenden Glaubensgemeinschaft und könne soziale Probleme ohnehin nicht lösen. Der Dialog gebe Anleitungen und Vorschriften, was nicht funktioniere. Menschen möchten mit anderen Menschen aus individuellen Gründen heraus unabhängig von deren Religionszugehörigkeit zusammenkommen, nicht, weil sie Dialog ausüben wollen oder sollen. Soziale Probleme seien durch Engagement für Bildung, eine gerechtere Verteilung von Wohlstand, eine bessere Politik u. ä. zu lösen. Aus diesen Bereichen gelte es Vertreter der Religionen herauszuhalten.

Kritiker dieser Position wenden ein, der Dialog der Religionen sei grundsätzlich eine religiöse Tätigkeit wie Beten, Meditieren, Predigen und falle damit unter das Menschenrecht der Religionsfreiheit. Friedenstiftende Effekte des Dialoges, etwa sich verbessernde Wahrnehmungen voneinander, seien wissenschaftlich nachweisbar. Ob ein Staat den Dialog fördere oder nicht, gehöre zwar in die politische Entscheidungsfreiheit, den Dialog verbieten könne jedoch nur ein totalitärer Staat.

Praktische Entwicklung, Erfahrung

Der praktische interreligiöse Dialog entwickelt sich meist in eine mittlere Position hinein: Es werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede festgestellt und zu respektieren gelernt. Konkrete Ereignisse, etwa ein Krieg oder Attentat, führen meist zu einer erhöhten Nachfrage nach dem Dialog der Religionen; aus dieser besonderen Situation heraus verbleiben meist einige Personen und Institutionen mit längerfristigem Engagement im Dialog. Die Kritik am Dialog wird dabei im Regelfall aufgenommen, indem erkannt und eingeräumt wird, dass Religion zwar ein wichtiger, keinesfalls aber der einzige handlungsleitende Faktor im menschlichen Leben ist und sich also Menschen auch nicht nur durch ihre jeweilige Religionszugehörigkeit definieren lassen.

Die Haltung verschiedener Religionen zum interreligiösen Dialog

In historischer Reihenfolge der Existenz der Religionsgemeinschaften.

Hinduismus

Der Hinduismus bildet weniger ein geschlossenes Glaubenssystem, als vielmehr einen Strom sehr verschiedener Gemeinschaften und Grundannahmen. Innerhinduistisch gibt es starke Traditionen des Dialoges miteinander, des Aushaltens von Unterschieden und des Bekennens grundlegender Gemeinsamkeiten. Fremde Religionen wurden und werden häufig als Aspekte der eigenen Wahrheit betrachtet und toleriert („Heilsinklusivismus“).

Andere innerindische Religionen wie der Buddhismus, Jainismus oder Sikhismus müssen seit ihrer Entstehung gegenüber ihrem hinduistischen Umfeld immer wieder ihre eigenständige Identität betonen, um nicht „aufgesogen“ zu werden. So deuteten hinduistische Gelehrte den Buddha als Verkörperung (Avatara) des Gottes Vishnu, was neben dem Vordringen des Islams weitgehend zum Erlöschen des Buddhismus in Indien beitrug. Auf manchen modernen hinduistischen Altären sind auch schon Votivbilder etwa von Christus oder Mutter Theresa zu finden, integriert mit anderen hinduistischen Gottheiten und Heiligen, ohne dass die entsprechend Betenden daraus einen Widerspruch oder gar Glaubenswechsel ableiten würden. Viele hinduistische Vertreter beteiligen sich gerne am Dialog der Religionen, betonen dabei aber oft ein Verständnis von Einheit, von dem sich Andersglaubende vereinnahmt fühlen.

Hinduistische Kritiker des Dialoges dagegen sehen in diesem vor allem Missionsversuche, weshalb sie Befürwortern manchmal Naivität vorwerfen.

Judentum

Das Judentum beansprucht keine Heilsexklusivität und sieht daher auch keinen Missionsauftrag: Auch Angehörige anderer Glaubensrichtungen können „Anteil an der kommenden Welt“ erlangen, wenn sie bestimmte moralische Grundregeln (siehe Noachidische Gebote) einhalten. Laut Talmud hat Gott den Menschen und Völkern durchaus verschiedene Wege gewiesen bzw. erwählt.

Entsprechend gelten die an Adam und Noah ergangenen Gebote für alle Menschen, ehrt Abraham den fremden Priesterkönig Melchisedech, lässt sich Moses von seinem Schwiegervater, dem midiantischen Priester Jitro beraten und wird der persische König Kyros sogar als Messias beschrieben, der von Gott einen Auftrag (die Erlaubnis der Rückkehr der Juden aus dem babylonischen Exil und Unterstützung beim Wiederaufbau des Tempels) erhält und durchführt.

Bis heute beteiligen sich jüdische Vertreter daher häufig am Dialog der Religionen, insofern sie sich nicht vereinnahmt fühlen. Statt eines auch theologischen Dialogs befürworten sie jedoch häufiger die praktische Zusammenarbeit, da nach jüdischer Überzeugung das Handeln wichtiger ist als der abstrakte Austausch über den letztlich doch das Verständnis übersteigenden Gott (Orthopraxie).

Jüdische Kritiker des Dialoges befürchten meist Vereinnahmung oder auch direkte Missionsabsichten der christlichen oder auch islamischen Gesprächspartner.

In Berlin gab es bereits Anfang der 1930er Jahre von Rabbiner Leo Baeck ins Leben gerufene christlich-jüdische Gespräche, deren Ziel die interreligiöse und kulturelle Verständigung zwischen Juden und Christen in Deutschland war.[2]

Buddhismus

Der Buddhismus versteht sich mehrheitlich nicht als exklusive Religionsgemeinschaft, sondern als Wahrheitslehre, die sich dem Lernenden und Übenden durch eigene Einsicht und Erfahrung erschließen soll.

Entsprechend gehören Gespräche und Diskussionen des Buddha und nachfolgender Mönche vor allem mit hinduistischen Brahmanen bereits zum ältesten Bestand buddhistischer Schriften. Dabei geht es jedoch eher um eine Weitergabe der Lehre als um einen gleichberechtigten Austausch. So können Götter aus buddhistischer Sicht durchaus geachtet werden, stellen jedoch selbst auch nur vorläufige Existenzen dar. Ob dies aus buddhistischer Sicht auch für den einen Gott der Abrahamitischen Religionen gilt, oder ob dieser wie das Nirwana eine unfassbare Wirklichkeit bezeichnet, ist ein häufiges Thema des Dialoges Andersglaubender mit dem Buddhismus.

Buddhistische Vertreter beteiligen sich daher häufig am Dialog der Religionen, sprechen jedoch mit wenigen Ausnahmen (wie dem Dalai Lama) meist nur für sich bzw. für kleinere buddhistische Schulen.

Buddhistische Kritiker des Dialoges wenden ein, die Beteiligung am Dialog der Religionen impliziere, dass der Buddhismus lediglich eine Religionsgemeinschaft und ein Glaubenssystem sei. Dies entspreche aber nicht dem buddhistischen Selbstverständnis.

Christentum

Laut Neuem Testament beschränkt Jesus die Verkündung des Evangeliums zunächst vorwiegend auf das jüdische Volk, reagiert aber auch positiv auf den Glauben, den ihm Menschen aus anderen Hintergründen entgegenbringen. So nimmt er die Samaritanerin am Brunnen an (Joh 4,7-9 EU), die daraufhin Vertrauen zu ihm fasst, und lobt den Glauben des römischen Hauptmanns von Kafernaum (Mt 8,10 EU), der ihm zutraut, seinen Knecht zu heilen. Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter präsentiert er sogar einen Andersglaubenden als ethisches Vorbild für die frommen Juden (Lk 10,29-37 EU), und in der Heilung der Tochter der kanaanäischen Frau lässt Jesus sich sogar dahingehend bitten, dass er seine Sendung nicht auf das Volk Israel beschränken soll (Mk 7,27-29 EU). Schließlich spricht er auch von „anderen Schafen“ (Nicht-Juden), die seinen Ruf hören werden (Joh 10,16 EU). Nach der Auferstehung wird das Heilsangebot schließlich auf alle Menschen übertragen („Missionsbefehl“).

Grundsätzlich gilt es zwischen liberal-ökumenischen und konservativen Strömungen zu unterscheiden. Die ökumenischen Organisationen unterstreichen die Bedeutung des interreligiösen Dialogs, so etwa die Konferenz Europäischer Kirchen in der Charta oecumenica.

Für die evangelische Kirche in Deutschland ist „Dialog auf allen möglichen Ebenen notwendig und ohne Alternative“.[3]

Die katholische Kirche hat den Heilsexklusivismus früherer Jahrhunderte im 2. Vatikanischen Konzil aufgegeben. In Konzilstexten wie Lumen Gentium und Nostra Aetate werden in dieser Reihenfolge andere Christen, Juden, Muslime, Anders- und auch Nichtglaubende als auf Gottes Wahrheit hingeordnet beschrieben, insofern sie nicht ohne göttliche Gnade ein gerechtes Leben zu führen sich bemühen. Es wird anerkannt, dass sich Strahlen der Wahrheit auch in anderen Religionen finden lassen. Begegnungen mit dem Papst sind seit einigen Jahrzehnten zu den vielleicht stärksten Symbolen des Dialoges der Religionen geworden.

Konservativ orientierte Freikirchen und Gemeinden lehnen hingegen einen interreligiösen Dialog meist dahingehend ab, dass man die Gefahr einer Aufgabe eigener Positionen und der Religionsvermischung sieht. Hierbei steht vor allem der im Neuen Testament an zahlreichen Stellen formulierte Absolutheitsanspruch Christi gemeinsamen gottesdienstlichen Handlungen entgegen.

Christliche Kritiker des Dialogs bemängeln außerdem die Art, in der interreligiöse Begegnungen vom Papst geführt werden und werfen die Frage auf, ob diese als Dialog zu bezeichnen sind. Andere fürchten die Vernebelung des Unterschiedes zwischen Wahrheit und Unwahrheit sowie die Preisgabe der Mission. Auch eine mögliche Naivität gegenüber den „wahren“ Zielen Andersglaubender im Dialog wird als Gefahr gesehen.

Islam

Laut Koran gelten Judentum, Christentum und unter Umständen auch andere Religionen als Vorläufer der islamischen Gemeinschaft, deren Glauben sie (laut Mehrheitsmeinung) ebenfalls zu Gott führen könne. Der Islam sei freilich der bessere und beste Weg. Neben zahlreichen Hadithen berufen sich islamische Befürworter des Dialoges gerne auf das Glaubensgespräch des Propheten Muhammad mit den Christen von Nadschaf, das zwar ohne Einigung, aber in gegenseitigem Respekt geführt und beendet wurde und auch im Koran gewürdigt wird. Einige islamische Theologen vertreten die Auffassung, dass das Wort Islam neben der Bezeichnung des konkreten Glaubenssystems auch eine Haltung der Gotteshingabe ausdrücke, die auch von Christen, Juden und anderen praktiziert werden könne. In diesem Sinne könne ein guter Gottgläubiger auch dann Islam praktizieren, wenn er sich selbst nicht als Muslim im engeren Wortsinn verstehe.

Ein weiteres Problem im Dialogverständnis des Islam ist praktischer Art. Im Islam ist für andersreligiöse Gruppen, gleichgültig ob diese in muslimisch beherrschtem Gebiet eine Mehrheit (wie im mittelalterlichen Spanien) oder eine Minderheit (z. B. in den meisten nordafrikanischen Staaten und in Ägypten nach der islamischen Eroberung dieser ehemaligen Kerngebiete des Christentums) darstellen, ein eingeschränkter Rechtsstatus als sog. „Dhimmi“ (Schutzbefohlene) vorgesehen. Dadurch ist beim interreligiösen Gespräch stets ein gewisses Machtgefälle zwischen den moslemischen und den andersgläubigen Vertretern gegeben, was ein freies, gleichberechtigtes Gespräch erschwert.

Nach orthodoxer Lehre ist es Muslimen im interreligiösen Gespräch nur erlaubt, durch gutes Vorbild (Da'wa) in bester Art miteinander einen Diskurs zu führen. Jede Form von Zwang oder Gewalt, um Andersgläubigen den Islam zu vermitteln, ist untersagt.

Obgleich Muslime häufig den Dialog der Religionen befürworten, brauchen Andersglaubende oft viel Geduld, um wirklich auf eine Ebene des gleichberechtigten Austauschs zu gelangen. In einer hierarchisch geführten Diskussion, werden „Aufklärung“ und „Modernisierung“ des Islams eingemahnt. Freie, fundamentalistische Christengemeinden betrachten den Islam oft als „christliche Häresie“. Dies spiegelt sich in der Literatur von Autoren wie Ibn Warraq wider. Anderererseits erscheint es Juden und Christen im Dialog mit Muslimen häufig als Vorläufer des Islam einsortiert zu werden, deren Übereinstimmungen mit dem islamischen Glauben zwar vorgeblich gewürdigt, abweichende Haltungen aber als bedauerliche Verfälschungen abgetan werden. Nachfolgende Religionsgemeinschaften wie Bahai, Drusen oder Aleviten sehen sich häufig entweder vereinnahmt oder als vom Glauben Abgefallene (Apostaten) abgelehnt, denen als solche die Todesstrafe droht. Dennoch haben einige islamische Reformer und Basisinitiativen neue Ansätze des Dialoges auf den Weg gebracht, die es jedoch wegen der konfliktreichen Weltlage derzeit sehr schwer haben.

Muslimische Kritiker des Dialoges halten diesen für eine Taktik des Westens, um die islamische Welt zu spalten und den Islam zu vernichten. Muslimen, die sich am Dialog beteiligen, werfen sie daher Naivität oder sogar Verrat vor. Entgegen anderslautenden Suren des Koran betrachten diese Kritiker zudem Juden oft pauschal als von Gott Abgefallene und Christen, vor allem wegen der Dreieinigkeit und der bildlichen Darstellungen in Kirchen, als Polytheisten. Sie haben die Bekehrung Andersglaubender zum Ziel.

Praxis des interreligiösen Dialogs

Interreligiöser Dialog kann viele Formen annehmen: Gespräche im Alltag, Konferenzen von Religionsführern oder Theologen, Führungen in der eigenen Kirche, gemeinsame Frauengruppen, Austausch von Lehrern (auch für einzelne Lektionen), gemeinsame soziale Projekte, Mitarbeit in interreligiösen Organisationen.

Gottesdienste unter Beteiligung Angehöriger verschiedener Religionen werden oft auch von Befürwortern eines interreligiösen Dialogs abgelehnt, da sie darin ein Überspielen der tatsächlich vorhanden Unterschiede und eine vorgetäuschte Einigkeit sehen, die zu mehr Konflikten führen kann als ein realistisches Anerkennen der Unterschiede.

Am meisten fortgeschrittene Beziehungen bestehen heute zwischen Judentum und Christentum, die eine gemeinsame Anfangsgeschichte und im Alten Testament und dem Tanach ein weitgehend identisches Heiliges Buch haben.

Während gemeinsames Gebet und gemeinsame Gottesdienste oft abgelehnt werden, haben sich z. B. beim Unterricht Möglichkeiten der Zusammenarbeit aufgezeigt: ein jüdischer Lehrstuhl für Alttestamentliche Theologie an einer theologischen Fakultät, gemeinsamer Hebräisch-Unterricht oder gemeinsames Studium des Alten Testaments können zum gegenseitigen Verständnis beitragen.

Als einer der Hauptakteure im Dialog der Religionen galt der verstorbene Papst Johannes Paul II., der bereits 1986 gegen heftige innerkatholische Widerstände hinweg ein Weltgebetstreffen der Religionen nach Assisi einberief. Die Nachfolgetreffen, die seither jedes Jahr von der Gemeinschaft Sant'Egidio veranstaltet werden und neben hochrangigen Religionsführern auch nicht-religiöse Intellektuelle zusammenbringen, haben das Vertrauen der Religionsführer zueinander gestärkt und zu konkreten Initiativen der interreligiösen Zusammenarbeit für Frieden und Menschlichkeit geführt. So schuf etwa der Besuch der Teilnehmer, darunter auch muslimischer Geistlicher, im Konzentrationslager Auschwitz (nach dem Friedensgebet 1989 in Warschau, Polen) erstmals in der muslimischen Welt ein Bewusstsein für die Realität der Shoah. Das Friedensgebet 1986 im rumänischen Bukarest ermöglichte den späteren Besuch von Papst Johannes Paul II., der mit Rumänien zum ersten Mal ein mehrheitlich orthodoxes Land besuchte. Auch die Initiative für Friedensverhandlungen für Mosambik und Algerien gingen von diesen Friedenstreffen aus.

Weitere bekannte Vertreter sind der Theologe Hans Küng mit dem von ihm propagierten Weltethos und der Theologe Eugen Drewermann mit seinem kontinuierlichen Eintreten für ein respektvolles, friedliches und verständnisvolles Miteinander von Menschen unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen, das mit dem Erich-Fromm-Preis 2007 gewürdigt wurde.

Als ein Höhepunkt des interreligiösen Dialogs in Deutschland gilt der Besuch des Dalai Lama auf dem ersten ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin.

Ein wichtiger Vertreter des dialogbereiten Islam ist der türkische Gelehrte Fethullah Gülen, der seit Jahren eine bedeutende Rolle beim interreligiösen Dialog in der Türkei einnimmt.

Bi- und trilateraler Dialog

Die häufigsten Formen des konkreten interreligiösen Dialogs sind:

Literaturangaben

  • Peter Antes, Werner Rück, Bernhard Uhde: Islam – Hinduismus – Buddhismus: Eine Herausforderung des Christentums; Matthias-Grünewald Mainz, 1977, ISBN 3-7867-0397-3
  • Thomas Josef Götz, Thomas Gerold (Hg.): Die Mystik im Buddhismus und im Christentum und Aspekte des interreligiösen Dialogs; EOS St. Ottilien, 2006, ISBN 3-8306-7232-2
  • Reinhart Hummel: Religiöser Pluralismus oder Christliches Abendland? Herausforderung an Kirche und Gesellschaft; Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1994, ISBN 3-534-11717-4
  • Michael von Brück: Buddhismus und Christentum: Geschichte, Konfrontation, Dialog; Beck München, 1997, ISBN 3-406-42646-8
  • Dalai Lama: Das Herz aller Religionen ist eins; Arkana Goldmann, 1999, ISBN 3-442-13278-9
  • Jonathan Magonet: Abraham – Jesus – Mohammed: Interreligiöser Dialog aus jüdischer Perspektive; Gütersloh, 2000, ISBN 3-579-00735-1
  • Sebastian Painadath: Der Geist reißt Mauern nieder: Die Erneuerung unseres Glaubens durch interreligiösen Dialog; Kösel München, 2002, ISBN 3-466-36591-0
  • Mikel de Epalza: Jesus zwischen Juden, Christen und Muslimen: Interreligiöses Zusammenleben auf der iberischen Halbinsel (6.-17. Jahrhundert); Otto Lembeck, 2002, ISBN 3-87476-393-5
  • Jürgen Micksch: Abrahamische und Interreligiöse Teams; Otto Lembeck, 2003, ISBN 3-87476-421-4
  • Dalai Lama, Eugen Drewermann: Der Weg des Herzens: Gewaltlosigkeit und Dialog zwischen den Religionen; Patmos, 2003, ISBN 3-491-69078-1
  • Gritt Klinkhammer, Hans-Ludwig Frese, Ayla Satilmis, Tina Seibert: Interreligiöse und interkulturelle Dialoge mit MuslimInnen in Deutschland. Eine quantitative und qualitative Studie (= Veröffentlichungen des Instituts für Religionswissenschaft und Religionspädagogik). Universität Bremen, Bremen 2011. ISBN 978-3-88722-722-7. Online-Ressource (418 S.): http://elib.suub.uni-bremen.de/edocs/00102006-1.pdf.
  • Michael Klöcker und Udo Tworuschka (Hg.): Ethik der Weltreligionen. Ein Handbuch; Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 2005, ISBN 978-3-534-17253-5
  • Matthias Lutz-Bachmann, Alexander Fidora (Hg.): Juden, Christen und Muslime: Religionsdialoge im Mittelalter; Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 2004, ISBN 3-53417533-6
  • Genro Laoshi: Zen-sucht nach dem Wanderer: Alle Religionen bilden eine untrennbare Einheit; G. Beirer Wien, 2005, ISBN 3-200-00384-7
  • Christiane Sautter: Was uns verbindet und was uns unterscheidet: Die Familie im Kontext der großen Religionen; Verlag für Systemische Konzepte, 2005, ISBN 3-9809936-2-0
  • Badru D. Kateregga & David Shenk: Woran ich glaube: Ein Muslim und Christ im Gespräch; Neufeld Schwarzenfeld, 2005, ISBN 3-937-89615-5
  • Erwin Bader: Dialog der Religionen: Ohne Religionsfrieden kein Weltfrieden mit Beiträgen von Religionsvertretern, Theologen und Philosophen; LIT Münster, 2. Aufl. 2006, ISBN 3-8258-8929-7
  • Reinhold Bernhardt: Ende des Dialogs? Die Begegnung der Religionen und ihre theologische Reflexion (Beiträge zu einer Theologie der Religionen 2); TVZ Zürich, 2006, ISBN 978-3-290-17391-3
  • Karl-Josef Kuschel: Juden – Christen – Muslime: Herkunft und Zukunft; Patmos Düsseldorf, 2007, ISBN 978-3-491-72500-3
  • Werner Thiede: Wer ist der kosmische Christus? Karriere und Bedeutungswandel einer modernen Metapher (Kirche – Konfession – Religion 44); Göttingen 2001, ISBN 3-525-56548-8
  • Udo Tworuschka (Hg.): Die Weltreligionen und wie sie sich gegenseitig sehen; Primus Darmstadt, 2008, ISBN 978-3-89678-290-8
  • Gustav Mensching: Der offene Tempel. Die Weltreligionen im Gespräch miteinander ; Stuttgart, 1974

Siehe auch

Weblinks

Quellen

  1. http://www.ems-online.org/fileadmin/download/darum-journal/Darum-Reg-2004-06_Web.pdf
  2. Vita Leo Baeck www.zentralratdjuden.de
  3. Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen Berlin: Interreligiöser Dialog


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