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Nirwana

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Dieser Artikel behandelt den buddhistischen Begriff Nirwana. Für weitere Bedeutungen, siehe Nirvana.

Nirwana oder Nirvana (Sanskrit, n., निर्वाण, nirvāṇa; nis, nir = aus, vā = wehen) bzw. Nibbana (Pali, nibbāna) ist ein buddhistischer Schlüsselbegriff, der den Austritt aus dem Samsara, dem Kreislauf des Leidens und der Wiedergeburten (Reinkarnation) durch Erwachen (Bodhi) bezeichnet. Das Wort bedeutet „Erlöschen“ (wörtlich „erfassen“ im Sinne von verstehen[1], „verwehen“) im Sinne des Endes aller mit falschen persönlichen Vorstellungen vom Dasein verbundenen Faktoren, wie Ich-Sucht, Gier, Anhaften (Upadana).

Methoden zum Erreichen des Nirwanas

Nirwana wird erreicht im Loslassen von allen Anhaftungen an die Bedingungen des Samsara. Folglich bedeutet Nirwana manchen Meinungen zufolge nicht etwas, das sich erst mit dem Tod einstellt, sondern kann – die entsprechende mentale oder spirituelle Entwicklung vorausgesetzt – schon im Leben erreicht werden (Zustand des Arhat). Nirwana wird vom historischen Buddha an mehreren Stellen des Suttapitaka „das höchste Glück“ genannt.[2] Dieses keinem Entstehen, Vergehen und Anderswerden unterworfene Wohl[3] ist allerdings nicht ein angenehmes Gefühl, sondern ein Glück unabhängig und jenseits aller Gefühle, Bedingungen und Gestaltungen.[4] Nirwana ist gleichbedeutend mit innerer Ruhe und besteht im Freisein von aller Unruhe des Geistes, allen Wünschen und Denkvoraussetzungen. Nirwana bezeichnet damit einen spezifischen, aber ungewöhnlichen und im Samsara weitgehend unbekannten Geisteszustand. Er wird auch beschrieben als bildlos (animitta), richtungslos (apranihita) und unterscheidungslos (ekalakshana).

Durch intensive Betrachtung eines der drei Merkmale des Daseins („Unbeständigkeit", „Leidhaftigkeit“, „Leerheit“) durchläuft der Meditierende verschiedene Erkenntnisstufen (Vipassanâ-ñâna). Die kontinuierliche neutrale Beobachtung aller Daseinsphänomene (Gefühle, Sinnesobjekte, Gedanken) führt zu einer allmählichen Loslösung und gipfelt in der sogenannten Erfahrung des Maggaphala („Moment der Frucht“). Dieses Ereignis, das im Theravada als die eigentliche Erfahrung des Nirwanas gilt, verändert den Meditierenden und führt zu einem „Bruch mit der Welt“. Die Eindringlichkeit und Stärke dieser Erfahrung macht auch den Grad der „Erlöstheit“ eines Menschen aus.

Nirwana aus der Sicht des Mahayana

Im Mahayana hat Nirwana einen positiven Charakter, da hiermit die niederen Aspekte des Ich abfallen (erlöschen) und die Identifikation mit dem spirituellen Ich erfolgt. Nagarjuna versteht das wirklich Reale als Shunyata (Leerheit).[5] Nirwana ist demgemäß die Erkenntnis der Leere, aus der und in der alles Vergängliche lebt, auf Grundlage eines einheitlichen Empfindens sowie Einblick in die Einheit von Welt (Samsara), Körper, Seele und Geist. Es kann als Freiheit von Anhaftungen an Zustände von Unglück, Zufriedenheit und Glück verstanden werden. Zugleich ist es die Erfahrung der Glückseligkeit im intensiven Wahrnehmen der eigenen Identität mit einem absoluten Bewusstsein.

Buddhismus und Hinduismus

Das Nirwana wird erreicht durch die Erleuchtung (Bodhi) und bewirkt einen Austritt aus dem Samsara, dem Kreislauf des Leidens und der Wiedergeburten (Reinkarnationen). Dieses „Erlöschen“ bedeutet die Auslöschung des Ich-Bewusstseins. Der Erleuchtete nimmt sich nicht mehr als getrennt von seiner Umgebung wahr. Nirwana kann letztlich mit Worten nicht beschrieben werden, es kann nur erfahren werden, zumeist als Folge intensiver meditativer Schulung.

In der Interpretation Nyanatiloka Mahatheras ist Nirwana gleichbedeutend mit einem Leben in der Ruhe und im Glück: „Ein Buddha lebt sanftmütig in einer Welt des Kampfes. Er verweilt suchtlos in einer Welt der Süchte. Er ruht leidbefreit in einer Welt des Leidens. Nirwana ist das höchste Glück. Gut ist es einen Erleuchteten zu treffen. Sein Licht erhellt die Welt. Seine Weisheit weist den Weg zum Glück.“[6]

Buddha Shakyamuni betonte den Weg der Ruhe, des Loslassens und des Nicht-Ich (vgl.: Nicht-Selbst). Im Mahayana-Buddhismus wird dem entgegen oft mit positiven Vorstellungen gearbeitet (Götter, transzendente Buddhas, Bodhisattvas, Paradiese). Auch im Hinduismus gibt es den Weg der Ruhe (Jnana-Yoga, Raja-Yoga) und den Weg des Bhakti-Yoga mit personifizierten Gottesbildern. Alle Götter des Hinduismus sind aber Wesenheiten, die aus der Ursubstanz Brahman hervorgegangen sind. Gott ist in seinem Zentrum Brahman, die höchste Dimension im Kosmos.

Brahman bezeichnet in der hinduistischen Philosophie eine unveränderliche und transzendente Realität, aus der alle Materie hervorgeht. Brahman ist das Unsterbliche, das noch über den Göttern steht. Abgeleitet von der Wurzel brh (wachsen, sich weiten) bedeutet Brahman das Weite, das Unendliche, das Absolute. Brahman ist ein unpersönliches Konzept vom Göttlichen, das keinen Schöpfer und keinen Lenker beinhaltet, ein Urgrund des Seins, eine höhere Dimension, ohne Anfang und ohne Ende. Brahman ist nicht definierbar in Raum und Zeit.

Obwohl attributlos wird es doch als Sat-Chit-Ananda beschrieben und erfahren. Sat-Chit-Ananda ist im Hinduismus ein Begriff für einen Bewusstseinszustand, den man durch die Erleuchtung erlangt. Ein Erleuchteter lebt in der Ruhe, im Einheitsbewusstsein (kosmischen Bewusstsein) und im Glück. Sat bezieht sich auf das anhaftungslose Sein. Das Ich-Bewusstsein erlischt und der Mensch gelangt in das Einheitsbewusstsein (Chit). Aus der Verbindung des Seins mit dem Einheitsbewusstsein entsteht dann von alleine (aus Gnade) das innere Glück (Ananda).

Swami Sivananda schrieb über Brahman: „Wer Brahman verwirklicht hat, wird still. Absolutes Glück ist die höchste Wirklichkeit. Erhebe dich Schritt für Schritt zur transzendenten Erfahrung, wo alle Namen und Formen verschwinden und nur noch die Freude im Selbst existiert. Die göttliche Gnade ist der größte Schatz im Leben. Unwissenheit besteht so lange, wie das Ichdenken vorhanden ist. Ichdenken ist große Verwirrung. Gott ist die Quelle allen Glücks. Alle Wesen sind in ihm. Gott ist reiner Geist. Gott ist der Weg und das Ziel. Denke daran, dass Gott immer mit dir, in dir und um dich herum ist. Du wirst dadurch große Kraft, inneren Frieden und inneres Glück haben.“[7]

Der Unterschied zwischen Buddhismus und Hinduismus in Bezug auf das höchste Ziel besteht darin, dass der Begriff Nirwana die Leerheit (die Ich-Auflösung) und der Begriff Brahman die Einheit (das Einheitsbewusstsein) betont. In der Erleuchtung existieren beide Wahrnehmungen gleichzeitig. Es sind zwei Seiten derselben Münze. Das ergibt sich aus den Aussagen Buddhas zur Erleuchtung.[6] Dasselbe sagte auch der erleuchtete Hindu-Meister Swami Sivananda.[7] Manche Menschen müssen sich auf die eine Seite und manche auf die andere Seite der Münze konzentrieren, um in den Zustand der Erleuchtung zu gelangen.

Stufen der Erleuchtung

Im Pali-Kanon, den Textquellen des Buddhismus, werden vier Stufen der „Erleuchtung“ eines Menschen unterschieden:

  1. die Stufe des Stromeintritts (Pali: sotapatti)
  2. die Stufe der Einmalwiederkehr (Pali: ekadagami)
  3. die Stufe der Nichtwiederkehr (Pali: anagami)
  4. die Stufe der Arhatschaft (Pali: arahatta)

Der Stromeingetretene, der Nirwana das erste Mal „erfährt“, wird durch die De-Identifikation mit seiner Welt (dem „Anprasseln“ aller Sinneswahrnehmungen) befreit und soll höchstens sieben Mal wiedergeboren werden können, da der Prozess der Weltablösung sich von nun an verselbständigt. Innerhalb dieser restlichen sieben Wiedergeburten kann er laut scholastischer Definition nicht unterhalb der menschlichen Existenz wiederkehren. Der Einmalwiederkehrer (der Nirwana ein zweites Mal tiefer erfährt) hat nur noch (maximal) eine einzige Wiedergeburt in der Götter- oder Menschenwelt vor sich. Der Nichtwiederkehrer wird ebenfalls nur noch ein weiteres Mal wiedergeboren – allerdings in einer bestimmten sehr feingestalteten Welt, dem Bereich der „Brahmas“.

Die Arhatschaft gilt als höchste Verwirklichung des Nirwanas. Ein Arhat hat keine weitere Wiedergeburt vor sich. Obwohl er mit dem Körper noch im Leben steht, ist er innerlich befreit und steht gleichsam außerhalb der Welt. Im Pali-Kanon sind unzählige Gleichnisse überliefert, die den Zustand eines solchen Heiligen in Form von Bildern zu beschreiben versuchen. Berühmt ist der Vergleich mit einem Lotusblatt: Wie ein Tropfen Wasser, der ein Lotusblatt berührt, dieses zwar trifft, aber nicht daran hängen bleibt, so wird der Heilige, solange sein Körper noch besteht, zwar von aller Wahrnehmung getroffen, diese bleibt aber nicht an ihm hängen (erzeugt keine Anhaftungen).

Parinirvana

Parinirvana (Sanskrit) oder Parinibbana (Pali) meint das „vollständige Erlöschen“ im Sinne eines vollendeten Nirwana. Vielfach wird es gleichgesetzt mit dem nach-tödlichen Nirwana Nirupadhishesha-Nirwana, kann aber auch das vor-tödliche Nirwana Sopadhishesha-Nirwana bezeichnen. Entsprechend konstatiert Rolf Elberfeld zwei Stufen des Nirwana: Auf der ersten Stufe „ist der Mensch frei von aller Begierde und hat seine karmischen Wirkkräfte auf ein Minimum reduziert. Auf dieser Stufe muss der Mensch noch essen, atmen, sich bewegen. Die zweite Stufe der Befreiung bzw. des Nirwana ist durch die vollständige Vernichtung aller Veränderungen gekennzeichnet. Auf dieser zweiten Stufe des Nirvana, die nur mit dem physischen Tod erreicht werden kann, kommen alle fünf Daseinsgruppen zur absoluten Ruhe. Diese absolute Ruhe impliziert auch, dass keine karmischen Wirkungen mehr vorhanden sind, die zu einer neuen Wiedergeburt führen könnten.“[8] Der Zustand absoluter Ruhe ist die Befreiung vom Lebenskreislauf und wird durch das Anupadishesha-Nirwana (Nikaya) erreicht, einem Ereignis „nach dem Tode“, durch das die Wiederverkörperung überwunden werden kann (Shozen Kumoi, zit. nach Elberfeld, S. 75).[8] In Mittelindien ist mit Parinirvana auch nur der Tod eines Mönches oder einer Nonne gemeint.

Rezeption in Westeuropa und Hintergrund

Der Begriff ist schwer zu definieren und hat in der Rezeptionsgeschichte des Buddhismus im Westen zu Missverständnissen geführt. Im Verlauf einer längeren Übersetzungsgeschichte aus dem Sanskrit bis ins Thailändische wurde das Wort von dort aus zunächst mit „Nichts“ in den westeuropäischen Sprachraum übertragen. Diese irreführende Übersetzung hat dem Buddhismus aus der Perspektive der westeuropäischen Philosophie den Vorwurf eingebracht, es handele sich um eine nihilistische Lehre. Nirwana kann letztlich mit Worten nicht beschrieben werden, es kann nur erlebt und erfahren werden, zumeist in der Folge intensiver meditativer Schulung. Das Leben ist nach buddhistischer Ansicht mit einer Münze vergleichbar: Die eine Seite ist das Samsara (weltliche, relative Sicht), die andere ist Nirwana (überweltliche, absolute). Beide Seiten sind untrennbar miteinander verbunden. Nirwana ist kein Ort. Es ist kein Himmel und keine greifbare Seligkeit in einem Jenseits. Nirwana ist ein Abschluss, kein Neubeginn in einer anderen Sphäre. Es ist ein Wechsel in einen Zustand, in dem alle Vorstellungen und Wunschgebilde gleichsam überwunden und gestillt sind.

„Ins Nirwana verschwunden“

Abgeleitet von der Fehlübersetzung als „Nichts“ hat sich im deutschsprachigen Raum die Redewendung, etwas sei „ins Nirwana verschwunden“, eingebürgert. Sie ist etwa gleichbedeutend mit: etwas habe sich „in Luft aufgelöst“.

Literatur

  • Paul Debes: Können wir „uns“ zum Absoluten (Nirvana) „zurückführen“? In: Der Buddha und seine Lehre. Elf Beiträge zur rechten Anschauung. Stammbach 2002, ISBN 3-931095-26-6.
  • Rolf Elberfeld: Phänomenologie der Zeit im Buddhismus. Methoden interkulturellen Philosophierens. Bd. 1, Stuttgart/ Bad Cannstatt 2004, S. 75.
  • Shinjo Ito: Shinjo: Reflections. Boston 2009.
  • Nyanaponika Mahathera: Anatta und Nibbana. In: Im Lichte des Dhamma. Stammbach 1989, ISBN 3-931095-01-0.
  • Shozen Kumoi: Der Nirvāna-Begriff in den kanonischen Texten des Frühbuddhismus. Wien 1968/69.
  • Bernhard Weber-Brosamer, Dieter M. Back: Die Philosophie der Leere. Nāgārjunas Mulamadhyamaka-Karikas. 2. durchgesehene Auflage. Harrassowitz, Wiesbaden 2005, ISBN 3-447-05250-3. (Übersetzung des buddhistischen Basistexts mit kommentierenden Einführungen).

Siehe auch

Weblinks

Einzelnachweise

  1. „Thus to the Pali etymologist the main reference is to the root vṛ (to cover), and not to vā (to blow)“ und „...one has to bear in mind that native commentators themselves never thought of explaining nibbāna by anything like blowing (vāta), but always by nis+vana (see nibbana = without cravings)“, siehe nibbāna und nibbana
  2. beispielsweise Dhammapada 203 und Majjhima-Nikaya 75
  3. Anguttara-Nikaya III, 48
  4. Anguttara-Nikaya IX, 34
  5. Bernhard Weber-Brosamer, Dieter M. Back: Die Philosophie der Leere. Nāgārjunas Mulamadhyamaka-Karikas. 2. durchgesehene Auflage. Harrassowitz, Wiesbaden 2005.
  6. 6,0 6,1 Nach Nyanatiloka Mahathera: Dhammapada. Worte des Buddha. Jhana Verlag, Uttenbühl 1995, ISBN 3-931274-01-2, S. 57 ff.
  7. 7,0 7,1 Swami Sivananda: Sadhana. Mangalam Verlag, S. Schang, Lautersheim 1998, ISBN 3-922477-07-0, S. 404 f.
  8. 8,0 8,1 Elberfeld, Rolf


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