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Carl von Clausewitz

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Carl von Clausewitz (1780–1831) nach einem Gemälde von Karl Wilhelm Wach

Carl Philipp Gottlieb von Clausewitz (geb. 1. Juli 1780 als Carl Philipp Gottlieb Claußwitz in Burg bei Magdeburg; gest. 16. November 1831 in Breslau) war ein preußischer General, Heeresreformer und Militärtheoretiker.

Clausewitz wurde durch sein unvollendetes Hauptwerk Vom Kriege, das sich mit der Theorie des Krieges beschäftigt, bekannt. Seine Theorien über Strategie, Taktik und Philosophie hatten großen Einfluss auf die Entwicklung des Kriegswesens in allen westlichen Ländern. Seine Theorien werden bis heute an Militärakademien gelehrt und finden auch im Bereich der Unternehmensführung sowie im Marketing Anwendung.

Leben

Herkunft

Clausewitz wurde als Sohn des Steuereinnehmers Friedrich Gabriel Clausewitz am 1. Juli 1780 in Burg (bei Magdeburg) geboren. Nach seinen eigenen Angaben stammte seine Familie aus einem oberschlesischen Adelsgeschlecht. Wahrscheinlich hatte sich sein Urgroßvater den Namen „von Clausewitz” erst in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges zugelegt. Danach war der Großvater Benedikt Gottlieb Clausewitz als bürgerlicher Theologielehrer an der Universität Halle beschäftigt. Obwohl der Vater wegen nichtadeliger Herkunft aus der Armee entlassen wurde und dessen Gesuch auf Wiedereinstellung von Friedrich dem Großen abgelehnt worden war, wurden sowohl Carl als auch zwei seiner Brüder als Adelige in die preußische Armee aufgenommen. Inzwischen war allerdings Friedrich der Große verstorben. Offiziell anerkannt wurde Carl und drei seiner Brüder die Führung des Adels jedoch erst 1827, inzwischen war Carl Generalmajor und mit einer Hofdame verheiratet [1].

Carls älterer Bruder war der Generalmajor Wilhelm Benedikt von Clausewitz.

Bis zu seinem 12. Lebensjahr erhielt Clausewitz nur eine sehr eingeschränkte Ausbildung an einer lokalen Lateinschule. Durch gute Beziehungen des Vaters, der selber als Offizier im Siebenjährigen Krieg gedient hatte, zum preußischen Offizierskorps konnte der Sohn im Frühsommer 1792 als „von Clausewitz” in das Infanterie-Regiment Nr. 34 eintreten, wo er Fähnrich wurde. Zu diesem Zweck fälschte die Familie sein Geburtsdatum auf den 1. Juni, um ihn älter scheinen zu lassen.

Erste Dienstjahre

Ehefrau Marie von Clausewitz (1779–1836) nach einer Lithographie der Zeit

Im Jahre 1793 zog das Regiment in den Ersten Koalitionskrieg, wo Clausewitz als erst 13jähriger in den Laufgräben bei der Belagerung von Mainz erste Kriegserfahrung sammelte. Danach folgte der lange Feldzug am Rhein, bis der Friede von Basel den Krieg für Preußen beendete. Das Regiment wurde zurück in seine Garnison Neuruppin verlegt. In den Jahren 1796 bis 1801 fand Clausewitz dort Zeit, sich seinen Studien zu widmen. Er las die zeitgenössische Literatur über die Französische Revolution, das Kriegswesen und die Politik, besuchte aber auch Vorträge über Logik und Ethik.

Dank bester Empfehlungsschreiben gehörte er im Oktober 1801 zum ersten Jahrgang der von Gerhard von Scharnhorst neu gegründeten Kriegsschule in Berlin. Hier wurde er maßgeblich durch das Denken Scharnhorsts beeinflusst, der bereits die Zusammenhänge von Politik und Kriegführung begriffen hatte. Auch mit den Schriften Immanuel Kants wurde er an der Akademie vertraut. Als Mitglied der Militärischen Gesellschaft, eines Diskussionsforums für höhere preußische Offiziere, kam er mit den drängendsten Fragen des damaligen Militärs in Berührung, und ein unveröffentlichtes Manuskript (heute bekannt als Strategie von 1804) bezeugt, dass er schon in jener Zeit an die Verfassung militärischer Schriften dachte. Im Jahre 1804 graduierte Clausewitz als Bester seiner Klasse und fand danach als Adjutant des Prinzen August von Preußen Verwendung. Somit hatte er Zugang zum Hof und zur höheren Gesellschaft, wo er auch seine spätere Frau Marie von Brühl kennenlernte. Im Jahr darauf erschien in der Zeitschrift Neue Bellona anonym ein von ihm verfasster Artikel, der gegen das Werk des Militärschriftstellers Dietrich Adam Heinrich von Bülow gerichtet war und als erste Veröffentlichung von Clausewitz gilt.

Teilnahme an den Napoleonischen Kriegen

Im Jahre 1806 zog Clausewitz als Stabskapitän und Adjutant in den Vierten Koalitionskrieg. Nach der preußischen Niederlage in der Schlacht bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 ergab er sich zusammen mit dem Bataillon des verwundeten August von Preußen, das den Rückzug deckte, erst nach weiteren Kämpfen und einer Vorfolgungsjagd, wobei die Franzosen auch Kartätschen, Dragoner und Artillerie einsetzten, am 28. Oktober in den Uckersümpfen bei Prenzlau der Division Beaumont und damit Marschall Murat.[2] Nach Berlin gebracht wurde er gemeinsam mit Prinz August Napoleon I. vorgestellt, der im Schloss residierte. In dem kurzen und herablassenden Gespräch behauptete Napoleon, dass er stets den Frieden gewünscht habe und gar nicht verstehe, warum Preußen ihm den Krieg erklärt habe; diese Behauptung wurde von Clausewitz später in eine besonders von Lenin geschätzte Maxime übertragen: "Der Eroberer ist immer friedliebend, er zöge ganz gerne ruhig in unseren Staat ein."[3]

Clausewitz verbrachte 1807 ein Jahr in französischer Kriegsgefangenschaft, zuerst in Nancy, dann in Soissons und Paris. Hier analysierte er in seinen Historischen Briefen über die großen Kriegsereignisse im October 1806 die Niederlage der preußischen Armee. Nach seiner Rückkehr holte ihn Scharnhorst 1809 in seinen persönlichen Stab. Von da an arbeitete er als einer der wichtigsten Reformer an der Reorganisation des Heeres.

Im Jahre 1810 wurde er zum Major befördert und diente als Scharnhorsts Bürochef sowie als Lehrer für Generalstabsdienst und Taktik. Darüber hinaus unterrichtete er als Hauslehrer auch die preußischen Prinzen (darunter auch den Kronprinzen und späteren Deutschen Kaiser Wilhelm I.)

Da es für ihn 1812 moralisch nicht möglich war, Napoleon in seinem Krieg gegen Russland zu unterstützen, verließ er die Armee und trat in russische Dienste. Seinem Freund Gneisenau hinterließ er eine patriotische Denkschrift, welche erst in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts entdeckt und unter dem Titel Bekenntnisschrift von 1812 veröffentlicht wurde. Er nahm an allen wichtigen Schlachten teil und übernahm bei der Konvention von Tauroggen eine wichtige Vermittlerrolle. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. weigerte sich anschließend, den Fahnenflüchtigen wieder in preußische Dienste zu übernehmen. So machte Clausewitz die Befreiungskriege als Stabschef eines russischen Korps mit, bis es ihm im April 1814 erlaubt wurde, als Oberst nach Preußen zurückzukehren.

Im Jahre 1815 nahm er noch einmal als Stabschef eines preußischen Korps an dem Feldzug gegen Napoleon teil, der in der Schlacht bei Waterloo gipfelte.

Dienst während der Restaurationszeit

In den folgenden drei Jahren diente Clausewitz als Stabschef bei August Neidhardt von Gneisenau in Koblenz. Da alle liberalen Reformer während der Restauration unerwünscht waren, versetzte man sie auf wenig einflussreiche Posten. Clausewitz wurde 1818 zum Direktor der Allgemeinen Kriegsschule in Berlin berufen, ohne aber die Erlaubnis zu bekommen, dort auch lehren zu dürfen. Im September erfolgte auch seine Beförderung zum Generalmajor. Mit 38 Jahren war er der jüngste General der preußischen Armee. Dieser Posten befriedigte ihn nicht, aber alle Versetzungsanträge wurden abgelehnt, obwohl er ab 1821 wenigstens in den Generalstab aufgenommen wurde.

Um 1823/1824 entstand mit Nachrichten über Preußen in seiner größten Katastrophe ein weiteres Werk, das sich erneut mit den Geschehnissen des Jahres 1806 beschäftigte. Allgemein ließ ihm der Posten an der Kriegsschule viel Zeit zu eigenen Arbeiten. Sein Hauptwerk Vom Kriege entstand in jener Zeit. Im Jahre 1827 wurden Clausewitz und seine Brüder offiziell vom preußischen König geadelt. Dies war nichts anderes als eine Bestätigung des Familienadels, den die Familie bisher nicht eindeutig hatte nachweisen können.

Erst 1830 wurde er versetzt, zuerst zur Artillerie-Inspektion nach Breslau. Aber schon im Juli des Jahres kam es zum Polnischen Insurrektionskrieg und Clausewitz wurde zum Stabschef des preußischen Observationskorps unter Gneisenau berufen. Die russischen Truppen brachten die Cholera nach Polen, die sich bald über ganz Europa ausbreitete. Auch Gneisenau starb daran, und Clausewitz übernahm die Befehlsgewalt über die preußischen Truppen. Doch auch er erkrankte an der Cholera, kehrte im Herbst 1831 nach Breslau zurück und starb wenige Tage darauf am 16. November 1831 im Alter von 51 Jahren. Ob die Todesursache tatsächlich Cholera war, ist nicht abschließend geklärt.[4] Zunächst wurde er in Breslau bestattet. Seine sterblichen Überreste wurden zusammen mit denen seiner Frau im Jahre 1971 auf den Ostfriedhof der Stadt Burg umgebettet, an dem auch ein Denkmal für ihn steht.[5]

Zwischen 1832 und 1837 gab seine Witwe Marie von Clausewitz auf eigene Kosten die hinterlassenen Schriften des Generals heraus.

Grundlagen der Theorien Clausewitz’

Originalausgabe des Buches Vom Kriege aus dem Jahr 1832

Allgemeines

Clausewitz wandte sich gegen die Systemmacher. Seiner Ansicht nach konnte man Kriegstheorie nicht als konkrete Handlungsanweisung für Generäle betreiben. Er wollte stattdessen generelle Prinzipien aufzeigen, die sich aus dem Studium der Geschichte und aus dem logischen Denken ergaben. Auch wenn er Typisches behandelte, wies er ständig auf den Realitätsbezug seiner Prinzipien hin. So meinte er, dass Feldzüge nur zu einem sehr geringen Grade geplant werden könnten, da unkalkulierbare Einflüsse oder Ereignisse, sogenannte Friktionen, jede zu detaillierte Vorausplanung schon nach wenigen Tagen gegenstandslos machen würden. Militärische Führer müssen nach Clausewitz befähigt sein, Entscheidungen unter Zeitdruck mit unvollständigen Informationen zu treffen, da seiner Ansicht nach „drei Viertel derjenigen Dinge, worauf das Handeln im Kriege gebaut wird“ durch einen „Nebel des Krieges“ verhüllt oder verfälscht werden.[6]

Clausewitz’ Definition des Krieges

Aus der Bekenntnisschrift von 1812 wird ersichtlich, dass Clausewitz bis zu diesem Zeitpunkt einer eher existenziellen Interpretation von Krieg anhing. Das heißt, dass er Krieg als höchste Form der Selbstbehauptung eines Volkes ansah. Dies entsprach in jeder Hinsicht dem Geist der Zeit, in der die „Französische Revolution” und die Konflikte, die aus ihr erwuchsen, zur Ausbildung von Wehrpflichtarmeen und Guerilla geführt hatten. Solche Volksbewaffnungen und Volkskriege unterstützten die Interpretation des Krieges als existenzieller Kampf.

In den folgenden Jahren hingegen schränkte Clausewitz diese Auffassung stark ein und erklärte, dass der Krieg eher als Instrument diene. „Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.“ (Clausewitz: Vom Kriege, Buch I, Kapitel 1, Abschnitt 2).

Eine der provokantesten Thesen des Buches Vom Kriege war die Feststellung, dass ein Krieg erst mit der Verteidigung des Angegriffenen beginne. Ohne Verteidigung würde es nicht zu bewaffneten Kämpfen kommen, die Clausewitz für die Grundlagen jedes Krieges hielt. Er empfahl durch den Aufbau einer möglichst großen Armee einen potentiellen Gegner abzuschrecken. Der hier formulierte Abschreckungsgedanke des Verteidigungskrieges war weder neu noch einzigartig, wurde aber eine vielproklamierte Grundlage für das Wettrüsten vor dem Ersten Weltkrieg und im Kalten Krieg.

Die Achse von Zweck, Ziel und Mittel

Clausewitz analysierte die Konflikte seiner Zeit anhand einer Achse aus Zweck, Ziel und Mittel. Jeder Krieg ist nach Clausewitz ein Akt der Gewalt mit dem Zweck „den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen“[7]. Der „Zweck“ des Krieges, sprich der zu erfüllende Wille, wird dabei von der Politik bestimmt. Das Ziel des Krieges ist somit, zur Erfüllung des Zwecks den Gegner wehrlos zu machen. Dieses Ziel wird von der Strategie verfolgt und kann in verschiedenen Vorgehensweisen bestehen, beispielsweise durch die Ausschaltung gegnerischer Streitkräfte (Vernichtung des Heeres in einer Schlacht, Entziehen der Versorgungsbasis o.a.), jedoch auch durch nichtmilitärische Maßnahmen (z. B. Verlust des Kampfeswillens im Feindland z. B. durch Propaganda; politische Isolation der Kriegstreiber des Gegners durch Unterstützung der ausländischen Opposition). Als Mittel zum Erreichen des gesetzten Zieles dient somit alles, worin der menschliche Verstand ein Hilfsmittel entdeckt, also alle moralischen und physischen Kräfte eines Staates.

Aus dieser Zweck-Ziel-Mittel-Achse ergibt sich auch die Bedeutung des bekanntesten Zitates Clausewitz’: „Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ (Vom Kriege I, 1, 24). Für sich genommen lässt der Satz formal die Interpretation zu, dass das Militär die Politik fortsetze/ersetze, sobald der Krieg – politisch gewollt – begonnen worden sei. In diesem Sinn legte es z. B. der deutsche Generalstab im Ersten Weltkrieg aus (s.u.). Der von Clausewitz stets postulierte „Primat der Politik” gerade auch während des laufenden Kriegsfalles bedeutet jedoch, dass der Krieg der Politik immer untergeordnet sei und dementsprechend nur ein Werkzeug derselben, nicht jedoch an ihre Stelle trete.

Absoluter und Wirklicher Krieg

Die Aussage Clausewitz’, dass alle moralischen und physischen Kräfte eines Staates als Mittel im Krieg eingesetzt werden könnten, legte den Gedanken an eine totale Kriegführung nahe. Clausewitz selbst beschrieb die sogenannten Wechselwirkungen der Eskalation, die zu einer Totalisierung der Kriegsführung führen würden:

  1. Wer sich rücksichtslos aller ihm zur Verfügung stehenden Mittel bedient, muss ein Übergewicht über seinen Gegner bekommen, sofern dieser nicht das gleiche tut; dadurch steigern sich beide zum Äußersten.
  2. Solange man seinen Gegner nicht bezwungen hat, läuft man Gefahr, selbst bezwungen zu werden.
  3. Da keiner der Gegner die Entschlossenheit seines Feindes genau einzuschätzen vermag, wird jeder versuchen, so entschlossen wie möglich zu sein.

Das Resultat einer solchen Entwicklung wäre die Einbeziehung aller staatlichen Mittel, was Clausewitz als Absoluten Krieg bezeichnet.

Es handele sich dabei um ein logisch zu Ende gedachtes Modell, das in der Wirklichkeit gar nicht vorkommen könne, weil es unrealistische Annahmen enthalte:

  1. Der Konflikt zweier Parteien müsse gänzlich isoliert ausgetragen werden, ohne Einmischung durch dritte Parteien – dies aber komme nicht vor. (Vgl. die ceteris paribus-Klausel).
  2. Der Konflikt dürfe nur aus einer einzigen Entscheidung bestehen, nämlich der, ob er kriegerisch oder friedlich gelöst wird – er sei aber immer ein Prozess.
  3. Mögliche Folgen und Kalkulationen (z. B. die Aussicht auf Frieden und eine Zeit nach dem Krieg) dürften keinen Einfluss auf die Handlungen der Parteien haben – in Wirklichkeit seien sie immer vorauszusetzen.

Er konfrontierte also das Denkmodell des „absoluten Krieges” (einen Idealtyp) mit einem Erfahrungsmodell des „wirklichen Krieges” (einem Normaltyp), und dieser müsse immer unterhalb der Möglichkeiten eines Absoluten Krieges bleiben.

In den Publikationen der modernen Kritiker Clausewitz’ wurde er hingegen immer wieder als Vordenker des totalen Krieges und der Katastrophen der Weltkriege bezeichnet, ohne dass seine der Realität verpflichteten Einschränkungen des Wirklichen Krieges beachtet worden wären. Der Begriff totaler Krieg hat nichts mit der Theorie Clausewitz' zu tun, sondern geht auf Ludendorffs gleichnamiges Buch von 1935 zurück, in dem dieser ausdrücklich der Clausewitz'schen Theorie widersprach.

Definition von Taktik und Strategie

Für Clausewitz war die Grundlage jeder Kriegsführung die Fähigkeit der Streitkräfte zu kämpfen. Somit kam dem Gefecht eine zentrale Bedeutung zu und die Taktik war für Clausewitz „Die Lehre vom Gebrauch der Streitkräfte im Gefecht”. Die Strategie hingegen „ist die Lehre vom Gebrauch der einzelnen Gefechte zum Zweck des Krieges” (Vom Kriege II, 1).

Der Historiker Hans Delbrück wies darauf hin, dass schon Clausewitz einen Unterschied zwischen „Niederwerfungsstrategie” und „Ermattungsstrategie” machte. Clausewitz war also nicht der einseitige Prediger der Vernichtungsschlacht, als den ihn Kritiker oft darstellten.

In den Rahmen der Taktik fällt auch die Clausewitz'sche Theorie des Guerillakrieges. Darin betrachtete er diese Form der Kriegsführung als die geeignetste, um einen Volkskrieg zu führen, was noch wesentlich auf eine existentielle Auffassung von Krieg hinweist. Er hatte dabei das Beispiel Spaniens vor Augen, das zwischen 1808 und 1814 einen solchen Krieg gegen die Truppen Napoleons durchstand. Diese Kampfform, die Clausewitz als Kleinen Krieg bezeichnete, war nichts völlig Neues, aber Clausewitz kommt das Verdienst zu, eine geschlossene Theorie der Guerilla entwickelt zu haben. Diese war noch für Mao Zedong im Chinesischen Bürgerkrieg sehr bedeutsam.

Angriff und Verteidigung

Clausewitz hielt die Verteidigung für die überlegene Kampfform, da sie weniger Kräfte verbrauche. Verteidigung bedeute für ihn nicht das statische Abwarten eines gegnerischen Schlages, sondern flexibles Manövrieren. Derjenige, der sich strategisch in der Verteidigung befindet, kann nach Clausewitz’ Theorie trotzdem taktisch offensiv vorgehen. (Ein Beispiel für eine derartige defensive Angriffsstrategie sind einige Feldzüge des Generals Robert E. Lee während des Amerikanischen Bürgerkrieges 1861–1865.)

Der Verteidiger sollte nach Clausewitz solange in der Defensive verbleiben, bis die Kräfte des Angreifers erlahmten und der Verteidiger somit ein Übergewicht erlangt hätte. An diesem „Kulminationspunkt des Sieges” kann der Verteidiger in die Offensive übergehen, um den Krieg siegreich zu beenden. Die Standardbeispiele eines solchen Vorgehens waren der Russlandfeldzug Napoleons 1812 (in dem der Kulminationspunkt mit der Einnahme Moskaus erreicht worden war) und der Feldzug der deutschen Wehrmacht gegen die UdSSR, wo man den Kulminationspunkt im Spätsommer 1942 ansetzen kann. Es ist trotzdem falsch anzunehmen, dass der Kulminationspunkt immer dem größten Geländegewinn entspricht. So sehen manche Historiker ihn im Fall des Krieges gegen die Sowjetunion 1941–1945 auch schon nach der Kesselschlacht bei Smolensk erreicht. Der pure Geländegewinn war jedoch für Clausewitz nur sekundär.

Rezeption

Politisch-militärisch

In der militärischen Fachwelt gewann Clausewitz’ Werk zunächst wenig Aufmerksamkeit. Erst der Chef des deutschen Generalstabes Helmuth von Moltke verhalf dem Buch Vom Kriege zu breiter Anerkennung. Moltke reduzierte Clausewitz’ Theorien auf ihr strategisches Kalkül, indem er meinte, die Politik bestimme lediglich den Beginn des Krieges. Während des Krieges selbst müsse sie sich dem Militär unterordnen. Diese Sichtweise wurde im Generalstab bereits nach Bismarcks Sturz 1890 und dann bis zum Ersten Weltkrieg zur Tradition, so dass die Politik in der Julikrise 1914 vom Generalstab bestimmt wurde.

In der deutschen Reichswehr besann man sich unter Generalstabschef Beck auf das Primat der Politik zurück, und als Adolf Hitler nicht nur zum politischen, sondern 1934 auch zum militärischen Staatsoberhaupt aufstieg, stellten politische Ziele scheinbar wieder die Leitlinien für die militärischen Zielsetzungen dar. Da aber „Politik” hier die persönlichen Zielsetzungen Hitlers bedeutete, entfernte er sich weit von deren Verständnis bei Clausewitz. Hierin, und nicht in einem staatsmännischen Verständnis von Politik, lag Hitlers Zerwürfnis mit seinem 1923er Mitputschisten Erich Ludendorff, der noch 1936, ein Jahr vor seinem Tod, konstatiert hatte: „Alle Theorien von Clausewitz sind über den Haufen zu werfen. Darum hat die Politik der Kriegsführung zu dienen.” (Der Totale Krieg, 1936, S.10). Beide Standpunkte entsprachen Clausewitz so wenig wie nur irgend möglich. Vielleicht konnte sich auch deshalb der „wirkliche” dem „absoluten” Krieg so stark annähern, wie in den Jahren von 1939 bis 1945.

In Großbritannien vermutete man den Einfluss von Clausewitz auf die deutsche Strategie erst während des Ersten Weltkrieges, während schon einige Jahre zuvor eine Rezeption in Frankreich eingesetzt hatte. In den USA erkannte man Clausewitz’ Wirkung sogar erst kurz vor dem Zweiten Weltkrieg.

Politische Theorie

Friedrich Engels beschäftigte sich in den 1850er Jahren, nach der gescheiterten Revolution von 1848, mit Clausewitz’ Theorien, um die historisch-materialistischen revolutionären Ansätze um eine praktische militärische Komponente zu bereichern. Engels und Marx übernahmen von ihm unter anderem die Ansichten über Angriff und Verteidigung sowie über den Partisanenkrieg. In ihren umfangreichen Kommentaren zum Italienkrieg (1859) und dem Amerikanischen Bürgerkrieg (1861–1865) legten sie dar, wie eng ihre Anlehnung an den Preußen in Sachen der politischen und strategischen Ansichten war. Für ein eingehendes Studium spricht vor allem die Fülle an Clausewitz-Zitaten, die sich in ihren Briefen wiederfinden.

Wladimir Lenin hingegen fertigte während seines Schweizer Exils ein Exzerptheft über das Werk Vom Kriege an, um sich auf die Russische Revolution vorzubereiten. Der Schwerpunkt von Lenins Interesse lag dabei auf dem Verhältnis von Krieg und Politik, dem Angriff und der Verteidigung, sowie der Moral. Als den wichtigsten Abschnitt bezeichnete er selbst den Teil, in dem Clausewitz explizit auf die Unterordnung des Krieges unter die Politik hinwies. Unter dem Stalin-Regime wurde die Wirkung Clausewitz’ auf die Entwicklung des Marxismus-Leninismus hingegen geleugnet.

Politikwissenschaft und Militärgeschichte

Durch die unbedingte Unterordnung militärischer Operationen unter politische Zielsetzungen und eine Vorliebe für schnelle Manöverkriegsführung dominieren Clausewitzens Paradigmen die Denkschule der Strategischen Studien in der englischsprachigen Konfliktforschung (International Security), einem Teilgebiet der Internationalen Beziehungen. Dort werden diese vorwiegend von Colin S. Gray, Beatrice Heuser und Peter Paret verteidigt und weiterentwickelt, während die Gültigkeit der Theorien Clausewitzens im Atomwaffenzeitalter und angesichts zunehmender unkonventioneller Kriegsführung vor allem vonseiten Michael Howards, John Keegans und Martin van Crevelds in Zweifel gezogen wird.

Anhänger von Clausewitz konzedieren gängigerweise die Unvollständigkeit seiner Thesen. Dazu zählt Colin Gray eine mangelnde Wertschätzung der Auswirkungen politischer Kriegsursachen und -umstände auf die Kriegsplanung und das Kampfgeschehen, eine Vernachlässigung ethischer Betrachtungen in der Kriegsführung sowie brachliegendes Potenzial jener Paradigmen für die Marinestrategie.[8] Auch der britische Marinestratege Julian Corbett befand, Clausewitz sei sich der „vollständigen Bedeutung seiner brillanten Theorie [vom Absoluten und Wirklichen Krieg] nicht bewusst“ geworden.[9] Michael Howard's Kritik an Clausewitz in dessen History of Warfare verwirft Gray jedoch als Dämonisierung.[10]

Den Kontroversen zum Trotz ist Clausewitz’ Hauptwerk Vom Kriege zu einem der am weitesten verbreiteten Bücher der Erde geworden, dessen Inhalt bis heute an vielen Militärschulen gelehrt wird.

In Deutschland bemüht sich die Clausewitz-Gesellschaft, aus den Gedanken Carl von Clausewitz’ Nutzen für die Gegenwart zu ziehen und das Erbe Clausewitzens zu bewahren.

Wirtschaft und Management

Auch in nicht-militärischen Bereichen beschäftigte man sich mit Clausewitz. So sind seine Theorien auch Inhalt des Lehrplanes der Betriebswirtschaft an der Harvard University und verschiedener anderer Managementschulen. Auch die Boston Consulting Group gab ein Buch über dieses Thema heraus.

Werke

  • Bemerkungen über die reine und angewandte Strategie des Herrn von Bülow oder Kritik der darin enthaltenen Ansichten, anonymer Artikel in der Zeitschrift Neue Bellona (1805).
  • „Strategie” (1804–1809). Dieses Manuskript wurde erst in den 1930er-Jahren entdeckt und ist erschienen in: Eberhard Kessel (Hrsg.): Carl von Clausewitz – Strategie aus dem Jahr 1804 mit Zusätzen von 1808 und 1809, Hamburg 1937.
  • Historische Briefe über die großen Kriegsereignisse im Oktober 1806 (1807/08), in Auszügen abgedruckt in: Gerhard Förster (Hrsg.): Carl von Clausewitz – Ausgewählte militärische Schriften, Berlin 1981, S.46–75.
  • Bekenntnisschrift von 1812 (1812), abgedruckt in: Gerhard Förster (Hrsg.): Carl von Clausewitz – Ausgewählte militärische Schriften, Berlin 1981, S. 140–215.
  • Nachrichten über Preußen in seiner größten Katastrophe (1823/24), in Auszügen abgedruckt in: Gerhard Förster (Hrsg.): Carl von Clausewitz – Ausgewählte militärische Schriften, Berlin 1981, S. 76–124.
  • Vom Kriege, Hinterlassenes Werk des Generals Carl von Clausewitz, Bd. 1 – 3, bei Ferdinand Dümmler, Berlin 1832–1834, (Hrsg. von Marie von Clausewitz). hier online
  • Der Feldzug von 1796 in Italien, Hinterlassenes Werk des Generals Carl von Clausewitz, Bd. 4, bei Ferdinand Dümmler, Berlin 1833, (Hrsg. von Marie von Clausewitz).
  • Die Feldzüge von 1799 in Italien und der Schweiz, Hinterlassenes Werk des Generals Carl von Clausewitz, Bd. 5 – 6, bei Ferdinand Dümmler, Berlin 1833–1834, (Hrsg. von Marie von Clausewitz).
  • Der Feldzug von 1812 in Russland, der Feldzug von 1813 bis zum Waffenstillstand und der Feldzug von 1814 in Frankreich, Hinterlassenes Werk des Generals Carl von Clausewitz, Bd. 7, bei Ferdinand Dümmler, Berlin 1835, (Hrsg. von Marie von Clausewitz).
  • Der Feldzug von 1815 in Frankreich, Hinterlassenes Werk des Generals Carl von Clausewitz, Bd. 8, bei Ferdinand Dümmler, Berlin 1835, (Hrsg. von Marie von Clausewitz).
  • Strategische Beleuchtung mehrerer Feldzüge von Gustav Adolph, Turenne, Luxemburg und andere historische Materialien zur Strategie, Hinterlassenes Werk des Generals Carl von Clausewitz, Bd. 9, bei Ferdinand Dümmler, Berlin 1837, (Hrsg. von Marie von Clausewitz).
  • Strategische Beleuchtung mehrerer Feldzüge von Sobiesky, Münich, Friedrich dem Großen und dem Herzog Carl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig und andere historische Materialien zur Strategie, Hinterlassenes Werk des Generals Carl von Clausewitz, Bd. 10, bei Ferdinand Dümmler, Berlin 1837, (Hrsg. von Marie von Clausewitz).
  • Strategie aus dem Jahre 1804 mit Zusätzen von 1808 und 1809 [Niederschrift des 24-jährigen Schülers von Scharnhorst], herausgegeben von E. Kessel. Hamburg, Hanseat. Verlags-Anstalt, 1937.
  • Ausgewählte Briefe an Marie von Clausewitz und an Gneisenau, Verlag der Nation, Berlin 1953

Literatur

  • Raymond Aron: Clausewitz. Den Krieg denken. Propyläen, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-549-07399-2
  • Friedrich Doepner: Clausewitz als Soldat, in: Europäische Wehrkunde 7 (1980), S.345–355.
  • Ernst Engelberg: Carl von Clausewitz in seiner Zeit, in: Clausewitz, Carl v., Vom Kriege, Berlin 1957
  • Otto Heuschele (Hrsg.): Carl und Marie von Clausewitz. Briefe. Verlag für Kulturpolitik, Berlin 1935.
  • Gerhard Förster/ Dorothea Schmidt (Hrsg.): Carl von Clausewitz. Ausgewählte militärische Schriften. Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1981.
  • Wilhelm von Schramm: Clausewitz. General und Philosoph. Heyne, München 1982, ISBN 3-453-55091-9
  • Kurt Guss: Krieg als Gestalt. Psychologie und Pädagogik bei Carl von Clausewitz. 1990, ISBN 3-8219-0026-1
  • Dietmar Schössler: Carl von Clausewitz. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1991, ISBN 3-499-50448-0
  • Christopher Bassford: The Reception of Clausewitz in Britain and America. 1815–1945. Oxford University Press, Oxford und New York 1994, ISBN 0-19-508383-0 (Online-Edition) − zur Rezeption in Großbritannien und den USA
  • Jehuda Lothar Wallach: Das Dogma der Vernichtungsschlacht DTV, München 1970
  • Andreas Herberg-Rothe: Das Rätsel Clausewitz. Politische Theorie des Krieges im Widerstreit. Fink Verlag, 2001, ISBN 3-7705-3612-6
  • Das Strategieinstitut der Boston Consulting Group: Clausewitz – Strategie denken. dtv, München 2003, ISBN 3-423-34033-9
  • Beatrice Heuser: Clausewitz lesen!. Eine Einführung. Oldenbourg 2010. ISBN 978-3-486-59843-8
  • Ralf Kulla: Politische Macht und politische Gewalt. Krieg, Gewaltfreiheit und Demokratie im Anschluß an Hannah Arendt und Carl von Clausewitz, Hamburg: Verlag Dr. Kovač 2005 (= Schriften zur internationalen Politik, Band 12) ISBN 3-8300-2026-0
  • Richard von MeerheimbClausewitz, Karl von. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 4, Duncker & Humblot, Leipzig 1876, S. 285–296.
  • Frank Bauer: Carl von Clausewitz. Patriot und Theoretiker des Krieges. (Kleine Reihe Geschichte der Befreiungskriege 1813-1815, Sonderheft 8), Potsdam 2011.
  • P. M. Baldwin: Clausewitz in Nazi Germany, Journal of Contemporary History, Vol. 16, No. 1, The Second World War. Part 1 (Januar 1981), S. 5–26.

Einzelnachweise

  1. Friedrich Doepner, Die Familie des Kriegsphilosophen Carl von Clausewitz. In: Der Herold, Vierteljahresschrift für Heraldik, Genealogie und verwandte Wissenschaften, Bd. 12 (1987), S. 54-68.
  2. Nach W. von Schramm: Clausewitz. Esslingen 1977, S. 114-120; vor Erschöpfung blieben von den etwa 240 verbliebenen Mann ungefähr 100 in den Sümpfen stecken, ohne sich befreien zu können.
  3. Vom Kriege. 18. Aufl. S. 215, zitiert nach W. von Schramm, Clausewitz. Esslingen 1977, S. 123-124.
  4. W. von Schramm (Clausewitz. Esslingen 1977, S. 35-36) bezweifelt dies und nimmt Herzversagen an, denn der Tod trat sehr rasch - innerhalb von 9 Stunden - ein und Clausewitz war zuvor in Quarantäne gestanden, ohne zu erkranken. Nach einem zeitgenössischen Zeugnis von Ärzten war "das schnelle Verlöschen" auf einen "durch tiefen Seelenschmerz erschütterten Zustand seiner Nerven" zurückzuführen.
  5. Carl von Clausewitz. In: Persönlichkeiten. Stadt Burg, abgerufen am 16. November 2011: „1971 wurden seine Gebeine und die seiner Frau, Gräfin Marie Sophie von Brühl, von Breslau nach Burg überführt und auf dem Burger Ostfriedhof zur letzten Ruhe gebettet.“
  6. Carl von Clausewitz, Vom Kriege, S. 23
  7. Carl von Clausewitz, Vom Kriege, S. 1
  8. vgl. Gray, Colin S.: Modern Strategy, Oxford: Oxford University Press 1999, S. 100ff.
  9. It is clear that Clausewitz himself never appreciated the full significance of his brilliant theory., aus: Corbett, Julian S.: Principles of Maritime Strategy, Mineola (New York): Dover Neuauflage 2004 [1911]
  10. vgl. Gray, Colin S.: Modern Strategy, Oxford: Oxford University Press 1999, S. 111

Weblinks

 Commons: Carl von Clausewitz – Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien
 Wikisource: Carl von Clausewitz – Quellen und Volltexte
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Dieser Artikel wurde am 24. Dezember 2006 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen.
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