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Walter Rauff

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Hermann Julius Walter Rauff, auch Walther Rauff, (geb. 19. Juni 1906 in Köthen (Anhalt); gest. 14. Mai 1984 in Santiago de Chile) war in der Zeit des Nationalsozialismus Gruppenleiter im Reichssicherheitshauptamt, maßgeblich am Einsatz von Gaswagen zur Ermordung von Juden und anderen Häftlingen aus Konzentrationslagern beteiligt und Chef eines Einsatzkommandos im Nordafrikafeldzug. Rauff flüchtete nach Kriegsende nach Südamerika. Im September 2011 wurde bekannt, dass er ab 1958 jahrelang als Agent des Bundesnachrichtendiensts gearbeitet hatte.

Leben

Der Sohn eines Bankprokuristen legte nach dem Schulbesuch in Magdeburg 1924 das Abitur ab. Nach eigenen späteren Aussagen wurde er von seinen Eltern „in nationalem und soldatischem Sinne erzogen“.[1] Rauff trat 1924 in die Reichsmarine ein; als er Ende 1937 wegen Ehebruchs auf eigenen Wunsch ausschied, war er Kapitänleutnant und Kommandant eines Minensuchbootes.

1937 trat Rauff in die NSDAP (Mitgliedsnummer 5.216.415) und im Januar 1938[2] in die SS (Mitgliedsnummer 290.947) ein. In der SS hatte er ab dem 20. April 1938 den Rang eines SS-Hauptsturmführers inne. In seiner SS-Personalakte wurde Rauff als „Alter Kämpfer“ geführt, dies deutet darauf hin, dass er bereits vor Hitlers „Machtergreifung“ 1933 die NSDAP unterstützte, als Marineangehöriger der Partei jedoch nicht beitrat.[3] Ab Januar oder April 1938[4] arbeitete Rauff im SD-Hauptamt als Referent für Mobilmachungsangelegenheiten. In dieser Funktion prüfte er, wer vom SD-Personal im Kriegsfall „unabkömmlich“ war.

Nach dem deutschen Angriff auf Polen 1939 nahm Rauff an den Besprechungen der Amtchefs der Sicherheitspolizei und des SD unter Heydrichs Leitung teil und fertigte die Besprechungsprotokolle an. Themen der Besprechungen waren die in Polen seit Kriegsbeginn von den Einsatzgruppen durchgeführten Massenmorde. 1940 und 1941 war Rauff nach freiwilliger Meldung zur Marine Kommandeur einer Minensuchflottille an der Kanalküste, dann kehrte er zum Reichssicherheitshauptamt (RSHA) zurück. Seit 9. November 1940 SS-Sturmbannführer, übernahm er im RSHA die Leitung der Gruppen II D und VI F, die beide für technische Angelegenheiten zuständig waren. Mit der Ernennung Heydrichs zum Stellvertretenden Reichsprotektor von Böhmen und Mähren folgte er diesem nach Prag und organisierte das „Technische Nachrichtenwesen“ der dortigen Dienststelle. Zwischen Rauff und Heydrich bestand offenbar eine persönliche Freundschaft, beide waren unehrenhaft aus der Marine entlassen worden.[5]

Entwicklung der Gaswagen

Nach dem Angriff auf die Sowjetunion war Rauff als Gruppenleiter II D des RSHA einer der zentral Verantwortlichen für den Massenmord an Juden, Zigeunern und politischen Gegnern in der Sowjetunion.[6] Schon bald nach Beginn der Massenmorde wurde nach Alternativen zu den Massenerschießungen gesucht: Neben den von Arthur Nebe und Albert Widmann durchgeführten Morden mit Sprengstoff wurden Tötungen mit Gaswagen diskutiert, wie sie bereits 1939 und 1940 von einem SS-Kommando unter Herbert Lange in Polen praktiziert wurden. Bei den Gaswagen handelte es sich um Lastwagen mit geschlossenem Aufbau, in die Auspuffgase eingeleitet wurden. Rauff selbst äußerte sich in späteren Aussagen: „Ob ich damals Bedenken gegen den Einsatz der Gaswagen hatte, kann ich nicht sagen. Für mich stand damals im Vordergrund, dass die Erschiessungen für die Männer, die damit befasst wurden, eine erhebliche Belastung darstellten und dass diese Belastung durch den Einsatz der Gaswagen entfiel.“[7]

Die Initiative zur Entwicklung der Gaswagen ging offenbar von Heydrich aus, Himmler war informiert. Heydrich beauftragte im September oder Oktober 1941 Rauff, der den Auftrag an seinen Untergebenen Friedrich Pradel vom RSHA-Referat II D 3a weitergab. Der für die Kraftfahrzeuge der Sicherheitspolizei zuständige Pradel konnte Rauff nach kurzer Zeit von der „Machbarkeit“ eines Gaswagens berichten. Rauff befahl Pradel, sich zum Bau der Gaswagen mit dem Chemiker Walter Heeß vom Kriminaltechnischen Institut (KTI) in Verbindung zu setzen. Rauff erteilte der Firma Gaubschat aus Berlin-Neukölln den Auftrag, die Kastenaufbauten zu liefern, während das RSHA die Fahrgestelle der Gaswagen beschaffte. Anfang November wurden zur „Erprobung“ des ersten Gaswagens 30 Häftlinge aus dem KZ Sachsenhausen vergast. Es wurde zunächst eine Serie von fünf oder sechs Gaswagen gebaut; ein erster Einsatz eines Gaswagens erfolgte im November in Poltawa durch das Sonderkommando 4a bei der Einsatzgruppe C. Für den 8. Dezember 1941 ist der Einsatz von Gaswagen im Vernichtungslager Kulmhof bezeugt. Vor dem 14. Dezember 1941 erteilte Rauff dem Chemiker August Becker den Befehl, den Einsatz der Gaswagen bei den Einsatzgruppen im Osten zu überprüfen.

Wahrscheinlich noch vor Jahresende 1941 wurden 30 weitere Gaswagen in Auftrag gegeben, die auf der Basis größerer Lastwagen gebaut werden sollten. Bis zum 23. Juni 1942 waren 20 davon ausgeliefert. Rauff war hierbei nicht allein für technische Fragen zuständig, sondern koordinierte den Einsatz der Fahrzeuge bei den Einsatzgruppen und wurde über die dabei auftretenden Probleme mit den Gaswagen informiert.[8] Auf Anforderung von Harald Turner, Chef des Verwaltungsstabes beim Militärbefehlshaber in Serbien, war ein Gaswagen zwischen April und Juni 1942 in Serbien im Einsatz. Nach einem Vermerk vom 5. Juni 1942, gefertigt im Rauff unterstehenden Referat II D 3a des RSHA, wurden seit Dezember 1941 allein mit drei beispielhaft angeführten Gaswagen 97.000 Menschen ermordet.[9]

Einsatzkommando in Nordafrika

Neuere Forschungen beschäftigen sich mit Rauffs Rolle im Afrikafeldzug. Die Nationalsozialisten gingen von einer verbreiteten Kollaborationsbereitschaft der Araber aus: „Die außergewöhnlich deutschfreundliche Stimmung der Araber ist im wesentlichen darauf zurückzuführen, daß man hofft, ‚daß Hitler kommen möge’, um die Juden zu vertreiben“,[10] so im Sommer 1942 der Chef des Auslandsgeheimdienstes, Walter Schellenberg. Mit zu dieser Einschätzung beigetragen hatte der islamische Geistliche und palästinensische arabische Nationalist Mohammed Amin al-Husseini, der sich ab 1941 im Exil in Deutschland aufhielt. Die anfänglichen Erfolge der Deutschen und Italiener im Afrikafeldzug weckten im Sommer 1942 Erwartungen an einen raschen Vorstoß nach Ägypten und weiter nach Palästina.

Die Aufstellung eines Einsatzkommandos zur systematischen Ermordung von Juden in Palästina und in anderen Teilen des Vorderen Orients wurde im Juli 1942 beschlossen und rasch umgesetzt:[11] Am 1. Juli 1942 sprachen Walter Schellenberg und Himmler über einen „Einsatz in Ägypten“; offenbar am gleichen Tag erteilte auch Hitler seine Zustimmung. Am 13. Juli wurde eine Einsatzrichtlinie zwischen SS und Wehrmachtsführung vereinbart, die weitgehend den Vereinbarungen für den Massenmord in der Sowjetunion entsprach: Das Einsatzkommando, so die Vereinbarung, sei berechtigt, „im Rahmen seines Auftrages in eigener Verantwortung gegenüber der Zivilbevölkerung Exekutivmaßnahmen zu treffen.“[12] Das unter Rauffs Kommando stehende, 24 Mann starke Einsatzkommando wurde am 29. Juli nach Athen verlegt. Rauff, seit 30. Januar 1942 im Rang eines SS-Obersturmbannführers, war am 20. Juli nach Tobruk geflogen, um von Generalfeldmarschall Erwin Rommel Befehle für den Einsatz des Kommandos entgegenzunehmen. Eine persönliche Begegnung zwischen Rommel und Rauff gilt als unwahrscheinlich, da sich zeitgleich – 500 km von Tobruk entfernt – die Erste Schlacht von El Alamein in ihrer Endphase befand.[13] Diese Schlacht stoppte die deutsche und italienische Offensive, deshalb wurde Rauffs Kommando nach dem 18. September 1942 von Athen nach Deutschland zurückverlegt.

Rauffs Einsatzkommando kam dann ab dem 24. November 1942 in Tunesien zum Einsatz: Am 8. November waren alliierte Truppen in der Operation Torch in Marokko und Algerien an Land gegangen. Auf Befehl Hitlers landeten daraufhin deutsche Truppen in Tunesien, das bis dahin unter Kontrolle des Vichy-Regimes stand. Rauffs Einheit bestand zunächst aus 24 Mann und wurde dann auf 100 Mann aufgestockt.[14] Zu den nach Rauff führenden Personen des Einsatzkommandos gehörte Theo Saevecke. Am 6. Dezember einigte sich Rauff in einer Besprechung mit dem General Walther Nehring und dem deutschen Diplomaten Rudolf Rahn auf den Einsatz von jüdischen Zwangsarbeitern zum Ausbau der deutschen Frontlinien. Rauff befahl anschließend führenden Vertretern der jüdischen Gemeinde in Tunis, einen Judenrat zur Umsetzung der deutschen Anordnungen zu bilden sowie sofort 2.000 jüdische Zwangsarbeiter bereitzustellen. Zudem sollten die Zwangsarbeiter auf dem Rücken einen gelben Stern tragen; bei Nichtbefolgung des Befehls drohte er mit der Verhaftung von 10.000 Juden. Der jüdischen Gemeinde war es in der Kürze der Zeit nicht möglich, die geforderten Zwangsarbeiter zu stellen. Deshalb ließ Rauff am 9. Dezember die Hauptsynagoge stürmen, die dort Betenden verhaften und in das Lager Cheylus, 65 Kilometer südlich von Tunis, deportieren. Die Zahl der jüdischen Zwangsarbeiter wurde beständig erhöht, zuletzt am 21. April 1943. In Tunesien existierten 42 Arbeitslager[15], in denen die Zwangsarbeiter unter teilweise katastrophalen Bedingungen untergebracht waren.

Parallel dazu wurden von den jüdischen Gemeinden hohe Geldsummen erpresst: Bis April 1943 waren dies 50 Millionen Francs. Von der jüdischen Gemeinde auf der Insel Djerba wurden zunächst 10 Millionen Francs gefordert, dann 50 Kilogramm Gold; tatsächlich abgeliefert wurden 43 Kilogramm. Die „Zwangsabgaben“ begründete Rauffs Einsatzkommando mit den Schäden, die bei alliierten Luftangriffen auf tunesische Städte entstanden seien und für die das „internationale Judentum“ verantwortlich sei. Die von anderen Einsatzgruppen verübten Massenmorde blieben in Tunesien aus: Die Gründe hierfür dürften in der ablehnenden Haltung des italienischen Bündnispartners, in der Opposition des französischen Generalrepräsentanten Jean-Pierre Estéva sowie in der Nähe der alliierten Truppen zu suchen sein.[16]

Die alliierten Erfolge in der Schlacht um Tunesien führten am 9. Mai 1943 dazu, dass Rauff und die gesamte Einsatzgruppe nach Neapel ausgeflogen wurden.[17] Vier Tage später kapitulierten die deutschen und italienischen Truppen in Tunesien. Nach einem mehrwöchigen Einsatz in Korsika war Rauff ab Anfang September 1943 als Kommandeur der Gruppe „Oberitalien-West“ an der „Partisanenbekämpfung“ beteiligt. In dieser Funktion war er dem Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD (BdS) in Italien, Wilhelm Harster, unterstellt. Rauffs Kommando begegnete dem italienischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung mit brutalen Vergeltungsaktionen.[18] Zu Rauffs Untergebenen gehörte wie in Tunis Theo Saevecke, der für die Ermordung von 15 Geiseln im August 1944 in Mailand verantwortlich war.

Am 21. Juli 1944 zum SS-Standartenführer befördert, war Rauff 1945 kurzzeitig an Verhandlungen zur Kapitulation der Wehrmacht in Italien beteiligt.[19] Der Erzbischof von Mailand, Alfredo Ildefonso Schuster, hatte Rauff zuvor mitgeteilt, dass die Alliierten die Befreiung des nordwestlichen Italien den italienischen Partisanen überlassen wollten. Der Kardinal fürchtete Kämpfe zwischen den Partisanen und den Resten des Mussolini-Regimes, die zu sinnlosem Blutvergießen und Zerstörungen führen könnten und nach Meinung des katholischen Würdenträgers dem „Bolschewismus“ Vorschub leisten würden. Nach der Zustimmung seines Vorgesetzten Wilhelm Harster nahm Rauff über den Sekretär des Kardinals Kontakt zu Allen Dulles auf, um einen Einmarsch alliierter Truppen zu erreichen. Dulles, zu dieser Zeit für den US-Geheimdienst Office of Strategic Services (OSS) in Bern, lehnte ebenso wie die Briten und Vertreter des italienischen Widerstands die Vorstellungen des Kardinals ab.

Internierung und Arbeit für den syrischen Geheimdienst

Zu Rauffs Verbleib nach Kriegsende wurden 2002 Unterlagen der CIA[20] und 2005 Akten des MI5[21] freigegeben. Zusammen mit weiteren Veröffentlichungen[22][23] ergibt sich ein im Detail widersprüchliches Bild.

Als Rauff am 30. April 1945 von alliierten Truppen gefangengenommen wurde, hatte er sich zusammen mit anderen SS-Mitgliedern in einem Hotel in Mailand verschanzt, da er einen Lynchmord fürchtete.[21] Die Verhöre Rauffs während der Internierung ergaben für den Vernehmungsbeamten folgenden Eindruck: „Rauff hat seine Organisation des politischen Verbrechertums stromlinienförmig perfektioniert und ist darauf stolz. Von Natur aus zynisch und anmaßend, aber eher listig und verstohlen als intelligent, betrachtet er seine Taten als Selbstverständlichkeit.“[24] Wohl auch auf Grund aufgefundener deutscher Dokumente empfahl der Beamte eine lebenslängliche Internierung Rauffs. In einem Bericht des Counter Intelligence Corps (CIC) werden Rauff mangelnde Kooperationsbereitschaft sowie kaum verhüllte Verachtung und andauernde Böswilligkeit gegenüber den Alliierten bescheinigt.[25]

Im Dezember 1946[26] gelang Rauff die Flucht aus einem amerikanischen Internierungslager in Rimini. Nach Rauffs eigenen Angaben[27] hielt er sich 1947 und 1948 in verschiedenen Frauenklöstern des Heiligen Stuhls versteckt, offenbar wurde er dabei von dem katholischen Bischof Alois Hudal unterstützt.

Im Juli 1948 trat Rauff in Rom in die Dienste des syrischen Geheimdienstes, im November 1948 reiste er mit seiner Familie nach Syrien aus.[28] Wenige Monate später kam es in Syrien zu einem Militärputsch, der seinen Grund in der allgemeinen Unzufriedenheit nach der syrischen Niederlage 1948 im Krieg gegen Israel hatte. Das Militärregime griff auf arbeitslose deutsche „Experten“ in Polizei- und Militärfragen zurück, um für einen künftigen Krieg gegen Israel vorbereitet zu sein. Rauff hatte noch in Rom derartige „Experten“ angeworben und spielte innerhalb der „Expertengruppe“ eine führende Rolle: Nach den amerikanischen Geheimdienstberichten war Rauff am Aufbau der syrischen Geheimpolizei „Deuxieme Bureau“ beteiligt, ebenso soll er enge Kontakte zum Chef des syrischen Militärgeheimdienstes unterhalten haben. Der Organisation Gehlen, dem unter amerikanischer Führung entstandenen neuen deutschen Geheimdienst, war dabei der Aufenthalt Rauffs in Syrien bekannt. Reinhard Gehlen erwog nach amerikanischen Geheimdienstinformationen zunächst, Rauff in Syrien als Agent einzusetzen, entschied sich dann aber, das Engagement weiterer ehemaliger Wehrmachtsoffiziere in Syrien zu verhindern. Bei einem zweiten Militärputsch im August 1949 wurde Rauff verhaftet: Von syrischer Seite wurde behauptet, Rauff habe – vermutlich gegen Juden – Folter eingesetzt, um Geständnisse zu erpressen. Amerikanische Geheimdienstberichte vermuteten den Grund für Rauffs Verhaftung in seiner Ratgeberfunktion für den bisherigen Militärmachthaber. Rauff musste Syrien verlassen und kehrte zunächst nach Italien zurück.

Flucht nach Südamerika

Nach amerikanischen Geheimdienstunterlagen ließ sich Rauff Ende 1949 mit seiner Familie in Quito, der Hauptstadt Ecuadors, nieder.[29] Dort fand er Arbeit als Vertreter für die Bayer AG und das US-amerikanische Pharmazieunternehmen Parke-Davis. Die CIA verdächtigte Rauff, auch in Ecuador für Geheimdienste zu arbeiten, konnte dies aber nicht endgültig klären. Nach anderen Angaben[30] soll Rauff sich bis 1962 in Argentinien aufgehalten haben und dort ein Verbindungsmann der Organisation Gehlen und des daraus hervorgegangen Bundesnachrichtendienstes gewesen sein.

Nach den Erkenntnissen der CIA wechselte Rauff im Oktober 1958 von Ecuador nach Chile.[31] Um den Bezug seiner Pension als Marineoffizier sicherzustellen, teilte Rauff seine neue Anschrift dem westdeutschen Finanzministerium mit.[21] 1959 erhielt er eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis für Chile; 1960 reiste Rauff mit seiner Frau nach Westdeutschland. Dabei benutzte er einen chilenischen Pass auf den Namen Hermann Julius Walter Rauff Bauermeister, wobei Bauermeister der Geburtsname seiner Mutter war.

Im April 1961 wurde Rauffs Name beim Eichmann-Prozess in Israel genannt. Dies führte zu einem Auslieferungsbegehren der Bundesrepublik Deutschland. Anfang Dezember 1962 wurde Rauff in Punta Arenas, im äußersten Süden Chiles, verhaftet. Eine Auslieferung lehnte der oberste chilenische Gerichtshof im Frühjahr 1963 ab, da nach chilenischem Recht Mord nach 15 Jahren verjährt war. 1972 machte Rauff freiwillig eine Aussage als Zeuge im Verfahren gegen Bruno Streckenbach, dem Chef der Hamburger Gestapo und maßgeblichen Organisator der Einsatzgruppen.[7] Die Vernehmung erfolgte durch deutsche Richter in der deutschen Botschaft in Santiago de Chile.

Nach der Wahl Salvador Allendes zum chilenischen Staatspräsidenten im Jahr 1970 sah Simon Wiesenthal die Möglichkeit, Rauffs Auslieferung zu erreichen.[32] Allende lehnte eine Auslieferung aus formalen Gründen ab: Er teilte Wiesenthal mit, dass auf Grund der Gewaltenteilung nur Gerichte über eine Auslieferung entscheiden könnten und regte an, die deutschen Behörden sollten ein neues Auslieferungsersuchen stellen. Dazu kam es nach dem Militärputsch von 1973 nicht mehr.

Einem 1974 während der chilenischen Militärdiktatur unter Augusto Pinochet entstandenen CIA-Bericht zufolge lebte Rauff in Porvenir auf Feuerland und soll sich dort der Viehzucht gewidmet haben. Nach anderen Angaben soll er kurz nach dem Putsch nach Santiago de Chile gezogen sein und dort als Besitzer einer Konservenfabrik zu Wohlstand gekommen sein.[22] Im gleichen Jahr berichtete die französische Zeitung Le Monde, Rauff arbeite in führender Funktion beim chilenischen Geheimdienst, der Dirección Nacional de Inteligencia (DINA). Anhand der veröffentlichten CIA-Berichte lässt sich kein klares Bild von einer Beteiligung Rauffs an den Menschenrechtsverletzungen der Pinochet-Diktatur gewinnen, da die Berichte zum Schutz der nachrichtendienstlichen Quellen nur eingeschränkt freigegeben wurden. Noch im März 1976 war sich die CIA offenbar unsicher, ob Rauff – und wenn ja, in welcher Funktion – für die chilenischen Sicherheitsbehörden tätig war.

Am 12. April 1983 wandte sich Simon Wiesenthal an US-Präsident Ronald Reagan mit der Bitte, sich in Chile für Rauffs Auslieferung einzusetzen. Eine im August und September 1983 von der CIA auf Anfrage des US-Außenministeriums durchgeführte Untersuchung ergab keine Verbindungen des eigenen Hauses mit Rauff. Im Dezember 1983 stellte ein Beamter des US-amerikanischen Außenministeriums bei einem Besuch in der Bundesrepublik Deutschland fest, dass dort tatsächlich ein Interesse an Rauffs Auslieferung bestehe. Am 20. Januar 1984 reiste Beate Klarsfeld nach Chile, um Rauffs Auslieferung zu fordern. In den folgenden drei Wochen wurde sie zweimal festgenommen, unter anderem bei einer Demonstration vor Rauffs Haus. Am 1. Februar forderte ein israelischer Diplomat in Santiago de Chile die Auslieferung Rauffs; dem schloss sich am 19. Februar das Europäische Parlament in einer Resolution an. Nach einem Treffen Ronald Reagans mit Simon Wiesenthal erklärte ein amerikanischer Regierungssprecher, die amerikanische Regierung wolle nationalsozialistische Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt sehen. Innerhalb der US-Regierung war der auf Chile ausgeübte Druck umstritten, so sah der Botschafter in Santiago de Chile die Interessen der USA in Chile gefährdet, konnte sich mit dieser Haltung aber nicht durchsetzen. Am 29. Februar 1984 forderte der deutsche Botschafter Hermann Holtzheimer im chilenischen Außenministerium die Abschiebung Rauffs. Eine Abschiebung statt einer Auslieferung – so die deutschen Überlegungen – sei juristisch einfacher und mache keine erneute Entscheidung des obersten chilenischen Gerichtes erforderlich. Die chilenische Regierung lehnte eine Überstellung Rauffs ab, es sei denn, es würden neue Beweise gegen Rauff vorgelegt werden, die bei der Gerichtsentscheidung 1963 noch nicht bekannt gewesen seien. Der chilenische Außenminister Jaime del Valle nannte im März 1984 die US-amerikanische Unterstützung für die deutschen Forderungen „beunruhigend, unlogisch, unakzeptabel und absurd“.[33]

Rauff starb zwei Monate später an Herzversagen[34] oder Krebs.[22]

Nach seinem Tod

Im September 2011 gab der Bundesnachrichtendienst (BND) eine 900 Seiten umfassende Personalakte frei, aus der hervorgeht, dass der BND Rauff zwischen 1958 und 1962 als Agenten beschäftigte, obwohl dem Geheimdienst dessen Funktion während der Zeit des Nationalsozialismus bekannt war. Angeworben wurde er vom BND-Mitarbeiter Wilhelm Beissner (alias „Bertram“), der ihn aus dem NS-Reichssicherheitshauptamt kannte. Rauffs Auftrag bestand unter anderem darin, Informationen aus Kuba zu beschaffen, vor allem über den ideologischen Standort Fidel Castros. Zwischen 1960 und 1962 erhielt Rauff nachrichtendienstliche Schulungen, obwohl es zuletzt schon einen Haftbefehl gegen ihn gab. Der BND führte ihn unter dem spanischen Decknamen "Enrico Gomez" und zahlte ihm eine monatliche Pauschale von 2000 Deutsche Mark. Den Akten zufolge waren die Meldungen Rauffs jedoch weitgehend wertlos, sodass sein Honorar gekürzt wurde. Insgesamt zahlte der BND ihm bis 1963 eine Summe von 70.000 Deutsche Mark. Wegen der Verhaftung in Chile stellte der Bundesnachrichtendienst seine Kontakte zu Rauff ein.[35]Nach Ansicht des Historikers Martin Cüppers von der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart zeigt die Akte, dass sich nach dem Krieg „eine ganze NS-Seilschaft“ im BND gebildet hatte.[36][37]

Literatur

  • Klaus-Michael Mallmann & Martin Cüppers: Halbmond und Hakenkreuz. Das Dritte Reich, die Araber und Palästina. Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ludwigsburg, 8. WBG, Darmstadt 2006, ISBN 3-534-19729-1; Nachdruck WBG lieferbar
    • Resümee in Englisch: Online 31 S.
    • dies: "Beseitigung der jüdisch-nationalen Heimstätte in Palästina." Das Einsatzkommando bei der Panzerarmee Afrika 1942; in: Jürgen Matthäus & Klaus-Michael Mallmann Hgg.: Deutsche, Juden, Völkermord. Der Holocaust als Geschichte und Gegenwart. WBG, Darmstadt 2006, ISBN 3-534-18481-5
  • Richard Breitman, Norman J. W. Goda, Paul Brown: The Gestapo. In: Richard Breitman, Norman J. W. Goda, Timothy Naftali, Robert Wolfe: U.S. Intelligence and the Nazis. Cambridge UP, Cambridge 2005, ISBN 0-521-61794-4, S. 137-172
  • Andrej Angrick & Klaus-Michael Mallmann Hgg.: Die Gestapo nach 1945. Karrieren, Konflikte, Konstruktionen. Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ludwigsburg, 14. WBG, 2009 ISBN 978-3-534-20673-5
  • Heinz Schneppen: Walther Rauff. Organisator der Gaswagenmorde. Eine Biografie. Berlin: Metropol Verlag 2011 (Reihe ZeitgeschichteN, Bd. 7), ISBN 978-3-86331-024-4

Anmerkungen

  1. Zitiert bei Mallmann, Cüppers, Halbmond, S. 139f. Hier auch Angaben zur Marine.
  2. SS-Eintritt nach Mallmann, Cüppers, Halbmond, S. 140. Laut Ernst Klee: Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer-Taschenbuch, Frankfurt 2005, ISBN 3-596-16048-0, S. 482, 1939 in die SS eingetreten. Mitgliedsnummern und Beförderungsdaten in der SS sind der Dienstaltersliste der SS von 1944 entnommen.
  3. Breitman, Goda, Brown, Gestapo, S. 154, 168.
  4. Laut eigener Aussage in der deutschen Botschaft in Santiago de Chile am 28. Juni 1972 beim NS-Archiv ab Januar 1938, nach Mallmann, Cüppers, Halbmond, S. 140, ab April 1938 beim SD.
  5. Breitman, Goda, Brown, Gestapo, S. 154. In seiner Vernehmung 1972 weiß Rauff von Manipulationen beim Doppelkopfspiel gegen Heydrich zu berichten.
  6. Mathias Beer: Die Entwicklung der Gaswagen bei dem Mord an den Juden. (pdf, 7,6 MB) In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 35(1987), S. 403-417.
  7. 7,0 7,1 Aussage von Rauff in der deutschen Botschaft in Santiago de Chile am 28. Juni 1972 beim NS-Archiv.
  8. Der Schriftverkehr im Faksimile bei der Harvard Law School Library (Nürnberger Dokument PS-101).
  9. Vermerk … Spezialwagen, Nummer im RSHA: II D 3 a (9) Nr. 214/42 g.Ra. - vom 5. Juni 1942 bei www.ns-archiv.de.
  10. Zitiert nach: Kerstin Eschrich: Imam Hitler. Neue Erkenntnisse über die strategischen Planungen der Nationalsozialisten für den Nahen Osten (Historisches Institut der Universität Stuttgart).
  11. Mallmann, Cüppers, Halbmond, S. 137f., 186.
  12. Zitiert nach: Mallmann, Cüppers, Halbmond, S. 138.
  13. Mallmann, Cüppers, Halbmond, S. 138, widersprechen hier der Darstellung von Breitman, Goda, Brown, Gestapo, S. 154, wonach Rommel – angewidert von den Planungen – ein Gespräch mit Rauff abgebrochen habe. Breitman, Goda und Brown berufen sich in ihrer Darstellung auf Nachkriegsangaben von SS-Mitgliedern, die in den 1950er Jahren in Ägypten arbeiteten.
  14. Mallmann, Cüppers, Halbmond, S. 202ff.
  15. 30 oder 42, siehe die „Haftstätten im Rahmen der Anerkennungen des Artikel 2-Abkommens mit der Jewish Claims Conference (JCC)“ mit insgesamt 1650 zum Teil redundanten Positionen Haftstättenliste
  16. Mallmann, Cüppers, Halbmond, S. 206. Zahlreiche tunesische Juden hatten zudem die italienische Staatsbürgerschaft.
  17. Mallmann, Cüppers, Halbmond, S. 218.
  18. Breitman, Goda, Brown, Gestapo, S. 154.
  19. Breitman, Goda, Brown, Gestapo, S. 153.
  20. More CIA Name Files Released. in: Disclosure. Newsletter of the Nazi War Crimes and Japanese Imperial Government Records Interagency Working Group. November 2002, S. 2. Breitman, Goda, Brown, Gestapo, werten diese amerikanischen Geheimdienstakten aus.
  21. 21,0 21,1 21,2 5 September 2005 releases: German intelligence officers bei www.mi5.gov.uk
  22. 22,0 22,1 22,2 Mallmann, Cüppers, Halbmond, S. 243f.
  23. Klee: Personenlexikon, S. 482.
  24. “Rauff has brought his organisation of political gangsterism to stream-lined perfection and is proud of the fact. By nature cynical and overbearing, but cunning and shifty rather than intelligent, he regards his past activities as a matter of course.”; zitiert nach: 5 September 2005 releases: German intelligence officers bei www.mi5.gov.uk
  25. Breitman, Goda, Brown, Gestapo, S. 153.
  26. Termin der Flucht bei Breitman, Goda, Brown, Gestapo, S. 153; sowie in den britischen Geheimdienstunterlagen. Davon abweichend wird bei Mallmann, Cüppers, Halbmond, S. 243, der Termin der Flucht mit Dezember 1948 angegeben.
  27. Erklärung Rauffs im Auslieferungsverfahren in Chile am 5. Dezember 1962, siehe Breitman, Goda, Brown, Gestapo, S. 154, 169.
  28. Breitman, Goda, Brown, Gestapo, S. 154f.
  29. Breitman, Goda, Brown, Gestapo, S. 155f.
  30. Dieter Schenk: Auf dem rechten Auge blind. Die braunen Wurzeln des BKA. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2001, ISBN 3-462-03034-5, S. 348.
  31. Die Angaben zu Rauffs Leben in Chile, soweit nicht anders angegeben bei: Breitman, Goda, Brown, Gestapo, S. 156-159.
  32. Bernd Pickert: „Verdrehte Vorwürfe.“, in: die tageszeitung vom 1. Juni 2005. Zu den Vorwürfen gegen Salvador Allende siehe auch: Kersten Knipp: „Fahrlässige Wissenschaft.“, in: Neue Zürcher Zeitung vom 13. Juni 2005.
  33. Zitiert nach: Breitman, Goda, Brown, Gestapo, S. 159.
  34. Breitman, Goda, Brown, Gestapo, S. 159.
  35. Hierzu schon Schenk, Auge, S. 348.
  36. Vom Gas-Mörder zum mittelständischen Unternehmer sueddeutsche.de, 25. September 2011.
  37. Nazi-Scherge arbeitete jahrelang für den BND bild.de, 25. September 2011.

Weblinks


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