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Tagebuch

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Zu weiteren Bedeutungen siehe Tagebuch (Begriffsklärung)

Ein Tagebuch, auch Diarium (lat.) oder Memoire (v. franz. memoire „schriftliche Darlegung, Denkschrift“), ist eine autobiografische Aufzeichnung, also ein Selbstzeugnis in chronologischer Form.

Das Tagebuch verfolgt die „Linie des eigenen Lebens“ (Max Dessoir[1]). Es gibt einen frischen Eindruck des Erlebten wieder. In einem Tagebuch werden Erlebnisse, eigene Aktivitäten, aber auch Stimmungen und Gefühle aufgezeichnet. Es ist ein Medium der Selbstvergewisserung und zeichnet sich durch einen hohen Grad an Subjektivität aus. Ein Kennzeichen aller Tagebücher ist die Regelmäßigkeit des Berichtens.

Ein Tagebuch wird für gewöhnlich nicht mit dem Ziel einer Veröffentlichung geschrieben. Zu veröffentlichten Tagebüchern, oftmals für diesen Zweck bestimmten oder gar fiktionalen, siehe Tagebuchliteratur.

Ein auf einer Website geführtes und damit öffentlich einsehbares Tagebuch ist dessen moderne Form und wird Weblog oder kurz Blog genannt.

Sprachliche und inhaltliche Merkmale von Tagebüchern

Der Stil eines Tagebuchs kann sehr unterschiedlich sein, möglich ist alles „von der anspruchlosesten Alltagsprosa bis zur Höhe des sprachlichen Kunstwerkes“ (P. Boerner).

Typisch ist das Unsystematische und Bruchstückhafte in Tagebüchern. Spätere Eintragungen müssen nicht auf früheren fußen. Gelegentlich wird die Tagebuchführung sogar unterbrochen, um zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgenommen zu werden. Der Inhalt eines Tagebuchs ist normalerweise privater Natur. Der Verfasser schreibt über Dinge, die er beobachtet hat und die ihn beschäftigen. Die Bewertung von Ereignissen und Gedanken ist oft unsicher und zeigt sich erst auf längere Sicht. Der Stil in privaten Tagebüchern ist oft direkter und unvermittelter als in Schriften, die der Veröffentlichung dienen. Menschen legen Zeugnis ab über sich und ihre Umwelt, wodurch private Tagebücher aus Nachlässen eine wichtige Quelle für Historiker sein können.

Geschichte des Tagebuches

Vorläufer des Tagebuches im heutigen Sinne lassen sich schon in der Antike finden. Ein Beispiel dafür sind die assyrischen Tontafelkalender aus dem sechsten Jahrhundert mit Notizen über Marktpreise, Wasserstände, Wetterverhältnisse und Ähnliches. Die Tatenberichte babylonischer Herrscher oder römischer Kaiser, sowie Aufzeichnungen von Träumen und deren Deutung, sind ebenfalls erste Versuche, Ereignisse festzuhalten. Im Mittelalter sind Chroniken, Logbücher und Aufzeichnungen von Mystikerinnen die Vorreiter des Tagebuches. Allerdings sind all diese Textformen noch keine Aufzeichnungen von Einzelpersonen über persönliche Erlebnisse und Gedanken oder gar Banalitäten.

Das Tagebuchschreiben im heutigen Sinne setzt in Europa mit der Renaissance ein. Durch das wachsende Ich-Bewusstsein des Menschen und sein selbstbewusstes Heraustreten aus der Anonymität gewinnen Meinungen und Darstellungen von Erlebnissen an Bedeutung. Der Mensch wird Zeuge vieler neuer Erfahrungen und Entwicklungen, die in dieser sogenannten Schwellenzeit zwischen dem Mittelalter und der Neuzeit auftreten. Eine technische Entwicklung, die günstig wirkt, ist die zunehmende Verbreitung von Papier, das gegenüber Pergament ein erschwingliches Schreibmaterial darstellt.

Bloßes Registrieren des alltäglichen Geschehens, wie beispielsweise in Logbüchern oder Berichten, reicht nicht mehr aus. Der Mensch will die neuen Eindrücke verarbeiten und tut dieses in Beobachtungs- und Reisejournalen oder Memorialbüchern. Ein Beispiel für diese Veränderung ist das anonym geschriebene Journal d’un bourgeois de Paris. Hier werden Beobachtungen über das Zeitgeschehen der Jahre 1405 bis 1449 beschrieben und durch Kommentare begleitet. An diesem Text werden auch subjektive Reaktionen auf den gesellschaftlichen Wandel dieser Zeit sichtbar. Vorwiegend sind die Tagebücher dieser Zeit aber noch Chroniktagebücher, in denen die Beobachtung den Vorrang vor der Reflexion hat. In Deutschland gilt das noch bis ins 17. Jahrhundert hinein.

Das Tagebuch des Engländers Samuel Pepys (1633−1703), eines der meistzitierten Werke der englischen Literatur, wirkt dagegen völlig modern. Der Staatssekretär im Marineamt legte in dem zehnbändigen, in Kurzschrift verfassten Tagebuch vom 1. Januar 1660 bis zum 31. Mai 1669 regelmäßig Rechenschaft vor sich ab. Im strenggläubigen, lustfeindlichen Puritanismus der Cromwell-Zeit wurzelnd, führt Pepys einen täglichem Kampf mit seinen tatsächlichen oder vermeintlichen Schwächen, wie Eitelkeit, Genusssucht oder sexueller Begierde. Gleichberechtigt neben den Ereignissen der Restaurationsepoche schildert er die Befindlichkeiten des eigenen Ichs mit bis dahin nicht gekannter Offenheit. So kommen seine Freuden und Genüsse ebenso zum Ausdruck wie etwa seine Ängste vor Strafe, Krankheit oder Tod. Pepys unterzieht in seinem Tagebuch sein eigenes wie auch fremdes Verhalten einer kritischen Prüfung und schlägt damit die Brücke vom objektiv-privaten Tagebuch der Renaissance, zum subjektiv-privaten Tagebuch der Gegenwart.

Ab dem 18. Jahrhundert wird die Diaristik zunehmend subjektiver. Durch das politische System des Absolutismus zieht sich der Bürger ins Private zurück. Auch die Religion wird, besonders im Pietismus, zunehmend subjektiviert, wodurch viele religiöse Tagebücher entstanden, die als Mittel zur Seelenerforschung oder als Beichte dienten.

In der Aufklärung verstärkt sich die Tendenz, das Tagebuch als einen persönlichen Rechenschaftsbericht zu sehen, während die empfindsamen Tagebücher in erster Linie die eigenen Gefühle und Wahrnehmungen psychologisch beschreiben. Das französische Journal intime greift im 19. Jahrhundert die Ich-Analyse des empfindsamen Tagebuches auf und verstärkt diese Tendenz.

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Die Tagebücher Friedrich Kellners dokumentieren die Zeit des Nationalsozialismus

Im Deutschland des 19. Jahrhunderts werden Autoren wie E.T.A. Hoffmann oder Friedrich Hebbel von den französischen Intimisten beeinflusst. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird das Tagebuch wieder etwas objektiver und dient als literarische Werkstatt oder Erinnerungshilfe.

Das Tagebuchschreiben wird besonders im 20. Jahrhundert immer populärer. Ausnahmesituationen, wie die beiden Weltkriege und die politische und soziale Isolation während der nationalsozialistischen Diktatur, veranlassen die Menschen zunehmend, ihre Erlebnisse in Tagebüchern niederzuschreiben. Es entstehen Tagebücher von Opfern von Krieg und Gewalt. Berühmtestes Werk dieser Zeit ist das Tagebuch der Anne Frank.

Neue Entwicklungen

Das Tagebuchschreiben wird auch als therapeutische Methode propagiert (Schreiben als Therapie). Biografische Bücher über schwere selbst erlebte oder miterlebte Lebenskrisen entstehen meist aus oft erst nach vielen Jahren überarbeiteten Tagebüchern. Der Stil solcher Veröffentlichungen reicht von „Betroffenheitsliteratur“ bis hin zu Sozialreportagen und Ratgebern. Die mit Abstand größte Reihe auf dem deutschen Buchmarkt sind die „Erfahrungen“ im Verlag Bastei-Lübbe. Auch in Book-on-Demand-Verlagen werden solche Erfahrungsberichte in großer Zahl verlegt.

Eine moderne Form von Tagebüchern sind Weblogs und Tagebuch-Communities, die Ereignisse eines Lebens mit den Orten, an dem sie stattfanden, einer Karte dazu, Fotos, Sounds und dem Datum bis hin zur genauen Uhrzeit verknüpfen und dadurch Autoren ermöglichen, eine vollständige und genaue Autobiografie zu entwickeln.

Das Deutsche Tagebucharchiv sammelt private Tagebücher.

Heilende Wirkung von Tagebüchern

Mehrere Studien haben gezeigt, dass das Schreiben von Tagebüchern einen heilenden Effekt haben kann, besonders bei der Verarbeitung negativer Erfahrungen.[2] Dies wird durch das Freigeben verborgener Gefühle bewirkt oder indem der Schreiber eine andere Perspektive zu dem Problem einnimmt.

Schmerz als Leitmotiv in literarischen Tagebüchern

In einer ganzen Reihe wichtiger Diarien der Moderne erscheint die Reflexion von seelischem Schmerz als Leitmotiv und scheint einen ästhetischen Selbstzweck zu besitzen: Andre Gides Journal etwa, oder das Diario segreto Giacomo Leopardis, Charles Baudelaires Journaux intimes, Cesare Paveses Il mestiere di vivere, Ernst Jüngers Strahlungen, Fernando Pessoas Livro do desassossego oder die Tagebücher Friedrich Hebbels und Franz Kafkas [3] Leopardi spricht in den Diario Segreto von seinem „caro dolore“[4], also seinem ‚lieben Schmerz‘ , Pavese bemerkt in seinen Tagebuchnotizen, „daß das erste Anzeichen von Schmerz eine Regung der Freude, der Dankbarkeit, der Erwartung in uns auslöst“[5], und bei Friedrich Hebbel findet sich die Notiz: „Den Schmerz wie einen Mantel um sich schlagen“.[6] Heilend kann also auch die Glorifizierung des seelischen Schmerzes sein.

Bekannte Tagebuchschreiber

Bekannte Tagebuchschreiber sind/waren John Lennon, Kurt Cobain, Rudi Dutschke, Max Frisch, André Gide, Cornelia Goethe, Joseph Goebbels, Johann Wolfgang von Goethe, Julien Green, Ernst Jünger, Franz Kafka, Victor Klemperer, Thomas Mann, Anaïs Nin, Hans Erich Nossack, Samuel Pepys, Sylvia Plath, Luise Rinser, Peter Rühmkorf, Leo Tolstoi, Anne Frank und Virginia Woolf.

Bekannte veröffentlichte Tagebücher

Fiktive Tagebücher / Literarische Titel

Spezielle Tagebücher

Einzelnachweise

  1. Die Geschichte der Philosophie. Berlin: Ullstein, 1925.
  2. "Scientific American Mind" August/September 2007, S. 14−15
  3. Burkhard Meyer-Sickendiek: Der Schmerz im literarischen Tagebuch, in: Ders.: Affektpoetik. Eine Kulturgeschichte literarischer Emotionen, Würzburg 2005, S. 424−453.
  4. Giacomo Leopardi: Memoire della mia vita, Mailand 1942, S. 38.
  5. Cesare Pavese: Das Handwerk des Lebens. Tagebuch 1935–1950, Frankfurt am Main 1990, S. 312f.
  6. Friedrich Hebbel: Werke, Vierter Band, München 1966, S. 566.
  7. Leben in Paris im Hundertjährigen Krieg. Ein Tagebuch, Frankfurt , Leipzig 1992
  8. Raymond Aubert: In Pantoffeln durch den Terror. Das Revolutionstagebuch des Pariser Bürgers Célestin Guittard, Frankfurt am Main 2009

Literatur

  • Peter Boerner: Tagebuch, J.B. Metzlerische Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1969.
  • Donald G. Daviau (Hrsg.): Österreichische Tagebuchschriftsteller. Edition Atelier, Wien 1994, ISBN 3-900379-88-2
  • Arno Dusini: Tagebuch. Möglichkeiten einer Gattung. Wilhelm Fink Verlag, München 2005, ISBN 3-7705-4153-7
  • Burkhard Meyer-Sickendiek: Der Schmerz im literarischen Tagebuch, in: Ders.: Affektpoetik. Eine Kulturgeschichte literarischer Emotionen, Würzburg 2005, S. 424−453.
  • H. Gold, C. Holm, E. Bös, T. Nowak: Absolut privat!? Vom Tagebuch zum Weblog. Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung in den Museen für Kommunikation, Edition Braus im Wachter Verlag, Heidelberg 2008, ISBN 3-89904-310-3
  • E. Henning: Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Struktur der Selbstzeugnisse, besonders der Tagebücher, Autobiographien, Memorien und Briefe, in: Genealogie 10, 1971, S. 385−391.
  • Gustav René Hocke: Europäische Tagebücher aus vier Jahrhunderten. Motive und Anthologie. Fischer Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-596-10883-7
  • Volker Meid (Hrsg.): Sachlexikon: Literatur. München 2000
  • Gabriele Wilz, Elmar Brähler (Hrsg.): Tagebücher in Therapie und Forschung. Ein anwendungsorientierter Leitfaden. Hogrefe, Göttingen u. a. 1997, ISBN 3-8017-0812-8
  • Ralph-Rainer Wuthenow: Europäische Tagebücher. Eigenart, Formen, Entwicklung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1990, ISBN 3-534-03127-X

Weblinks

 Commons: Tagebücher – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Tagebücher – Quellen und Volltexte
 Wiktionary: Tagebuch – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen


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