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Vernichtungslager Sobibor

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Dieser Artikel behandelt das Vernichtungslager Sobibor. Weitere Bedeutungen für „Sobibor“ sind unter Sobibor (Begriffsklärung) aufgeführt.
Schild des Rangierbahnhofes der Häftlingstransporte nach Sobibór (Foto von 2007)
Vernichtungslager Sobibor (Polen)
Warschau
Warschau
Sobibor
Sobibor
Karte des heutigen Polens

Das Vernichtungslager Sobibor war ein deutsches Vernichtungslager in der Nähe des heute 350 Einwohner zählenden Dorfs Sobibór, einem Ortsteil der Stadt Włodawa, im südöstlichen Polen. Es lag an der Ostgrenze des damaligen Distrikts Lublin des Generalgouvernements, im heutigen Dreiländereck Polen–WeißrusslandUkraine. Das Lager wurde Anfang 1942, während der deutschen Besetzung Polens, errichtet und diente neben den Lagern Belzec und Treblinka als Vernichtungslager im Rahmen der „Aktion Reinhardt“, der planmäßigen Ermordung der Juden des Generalgouvernements. Im Vernichtungslager Sobibor wurden nach Schätzungen bis zu 250.000 Juden in Gaskammern ermordet, darunter 33.000 aus den Niederlanden.[1]

Aufbau des Lagers

Vermutlich gehen erste Planungen des Lagers auf den Herbst 1941 zurück. Anfang 1942 wurde ein Gelände von zwölf Hektar Größe umzäunt; später wurde es auf 60 Hektar ausgedehnt. Die Bauarbeiten, die im März 1942 begannen, wurden von Richard Thomalla beaufsichtigt, der vorher die Bauaufsicht im Vernichtungslager Belzec geführt hatte. Die Struktur des Lagers mit zwei Lagerteilen entsprach dem Vorbild Belzecs; Sobibor wurde jedoch erheblich größer.

Das Lager I mit Kommandantenvilla, Waffenarsenal, Versorgungseinrichtungen und Unterkünften für rund 30 deutsche SS-Angehörige und 90 bis 120 „Trawniki-Männer[2] lag unmittelbar am Bahngleis. In diesem Vorlager befanden sich zudem Baracken für durchschnittlich 50 jüdische Häftlinge, die dort in Reparaturwerkstätten und für Hilfsdienste eingesetzt waren.

Das Lager II war durch Sichtschutz abgeschirmt. Dort gab es neben Ställen und Anbauflächen für Gemüse mehrere Unterkünfte für 400 Häftlinge. In der Regel waren 18 deutsche SS-Angehörige zur Aufsicht eingeteilt. Im Lager II wurde der gesamte Besitz der Opfer gesammelt, sortiert und gelagert. Von diesem Lagerteil aus führte ein 150 Meter langer und drei bis vier Meter breiter Gang, genannt „Himmelsstraße“, der mit Stacheldraht und eingeflochtenen Tannenzweigen eingefasst war, zur Vernichtungsstätte im Lager III.

Im Lager III stand ein Steingebäude mit Gaskammern, in denen die bereits im Lager II entkleideten Opfer durch Motorabgase erstickt wurden. Die Ermordeten wurden von einem Arbeitskommando in einer Grube verscharrt, die 60 Meter lang und 20 Meter breit war. Im Lager III befanden sich Küche und Unterkünfte für die Arbeitshäftlinge, die streng abgeschirmt von den anderen Lagerteilen die Leichenbeseitigung erledigen mussten. Ab Sommer 1942 mussten die Arbeitskommandos die Leichen exhumieren und verbrennen, bevor sie selbst ermordet wurden.

Im Juni 1943 wurde der äußere Zaun des Lagers zusätzlich vermint. Im Frühsommer 1943 begann man mit der Einrichtung eines vierten Lagerabschnitts, in dem Beutemunition gelagert und aufbereitet werden sollte; dieses Vorhaben wurde nicht umgesetzt.

Opfer

Die Zahl der Ermordeten im Lager Sobibór wird auf 150.000 bis 250.000 Menschen geschätzt. Eine genaue Bestimmung der Zahlen ist nicht möglich, da alle schriftlichen Unterlagen vernichtet wurden. Aussagen von polnischen Eisenbahnern und einzelne Zuglaufpläne erlauben grobe Schätzungen.[3] Größtenteils handelte es sich hierbei um polnische Juden, die im Rahmen der „Aktion Reinhardt“ in den Gaskammern von Sobibór ermordet wurden. Später waren es auch Holländer, Deutsche, Franzosen, Tschechen, Slowaken und sowjetische Staatsangehörige, die in Sobibór getötet wurden.[2]

Mitte April 1942 wurden etwa 250 Juden aus einem nahegelegen Arbeitslager bei einer „Probevergasung“ umgebracht. Anfang Mai bis Ende Juli 1942 wurden wahrscheinlich bis zu 90.000 Juden „fabrikmäßig“ getötet; danach musste die Aktion unterbrochen werden. Am 16. Juli 1942 beschwerte sich der Persönliche Adjutant Heinrich Himmlers, SS-General Karl Wolff, beim Staatssekretär Albert Ganzenmüller über Gleisbaureparaturen auf der eingleisigen Strecke zum Vernichtungslager Sobibor. Dieser versprach, die Transportkapazitäten in andere Vernichtungslager zu steigern und die Arbeiten bis Oktober abzuschließen. In Sobibor wurde diese Zeit genutzt, um die drei vorhandenen Gaskammern durch zusätzliche Räume zu erweitern und die Kapazität damit auf etwa 1.200 Opfer zu verdoppeln.

Himmler besuchte das Lager am 12. Februar 1943. Da kein Transportzug erwartet wurde, schaffte man 100 Frauen aus Lublin ins Vernichtungslager Sobibor, um Himmler den Vernichtungsvorgang zu demonstrieren.[4]

Im so genannten Höfle-Telegramm, in dem die Zahl der in den Vernichtungslagern Ermordeten weitergemeldet wird, werden für Sobibor zum Jahresende 1942 genau 101.370 getötete Juden summiert. Die Vernichtungsaktion lief jedoch weiter. Bis zum Frühsommer 1943 waren die Deportationen aus dem Generalgouvernement so gut wie abgeschlossen. Für den September 1943 sind einzelne Transporte aus Lida, Wilna und Minsk nachweisbar.[5]

Am 5. Juli 1943 hatte Himmler vorgeschlagen, das Lager nach Auslaufen der Mordaktion in ein Konzentrationslager umzuwandeln und dort die Entlaborierung von Munition vornehmen zu lassen. Dieser Plan wurde jedoch schon am 24. Juli aufgegeben.[6]

Aufstand

Hauptartikel: Aufstand von Sobibor

Am 14. Oktober 1943 kam es in Sobibor zu einem Aufstand mit anschließender Massenflucht. Planung und Durchführung der Revolte gingen mehrheitlich zurück auf sowjetische Kriegsgefangene jüdischer Herkunft aus Weißrussland unter Führung des Rotarmisten Alexander Petscherski und des Zivilgefangenen Leon Feldhendler. Die Aufständischen töteten zwölf SS-Angehörige, darunter Josef Vallaster, und zwei Trawniki-Wachmänner. Viele Gefangene starben im Kugelhagel der Wachleute oder im Minenfeld außerhalb der Stacheldrahtumzäunung. 365 Gefangene konnten aus dem Lager fliehen, davon erreichten etwa 200 den naheliegenden Wald. Bis zum Ende des Krieges konnten nur 47 Flüchtlinge des Lagers untertauchen oder sich Partisanengruppen anschließen.[7]

Die SS ermordete danach die zurückgebliebenen Lagergefangenen, die nicht hatten fliehen können. Die getöteten SS-Angehörigen wurden eingesargt und in Chełm im Soldatenfriedhof mit militärischen Ehren begraben.[8]

Das Lager wurde nicht weiter genutzt, sondern dem Erdboden gleichgemacht. Danach blieben ein unverdächtig aussehender Bauernhof und ein aufgeforsteter Jungwald auf dem ehemaligen Gelände des Vernichtungslagers zurück.

Täter und mutmaßliche Täter

Als Kommandant des Lagers wurde im April 1942 SS-Obersturmbannführer Franz Stangl eingesetzt. Er unterstand dem Inspekteur aller drei Vernichtungslager der Aktion Reinhardt, Christian Wirth, und dessen Vorgesetzten, dem SS- und Polizeiführer im Distrikt Lublin Odilo Globocnik. Zusammen mit Stangl kamen etwa 20 bis 30 SS-Angehörige nach Sobibor, die zuvor im Rahmen der Aktion T4 an der Ermordung von psychiatrischen Patienten und Behinderten beteiligt waren. Unterstützt wurden sie von ungefähr 90 bis 120 „Hilfswilligen“, die im Zwangsarbeitslager Trawniki ausgebildet worden waren.[2]

Nur ein kleiner Teil der Täter wurde vor deutschen Gerichten angeklagt. Wirth war in Italien von Partisanen getötet worden. Globocnik hatte 1945 Selbstmord begangen. Stangl, der erst 1967 in Brasilien entdeckt worden war, wurde 1970 in Düsseldorf zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt. Auch sein Stellvertreter, Gustav Wagner, wurde in Brasilien aufgespürt; er nahm sich vor der Auslieferung 1980 das Leben.

Nachfolger Stangls wurde Franz Reichleitner (September 1942 – November 1943). Vertreter blieb auch unter ihm in dieser Zeit Gustav Wagner.

Der SS-Mann Erich Hermann Bauer wurde 1947 von einem Überlebenden auf der Straße erkannt. Bauer wurde 1950 verurteilt und starb 1980 in der Haft. Am 25. August 1950 wurde der SS-Mann Hubert Gomerski vom Strafgericht Frankfurt zu lebenslanger Haft verurteilt, der mitangeklagte Johann Klier wurde freigesprochen. 1965 standen zwölf Angehörige des Lagerpersonals vor einem Gericht in Hagen (Sobibor-Prozess). Fünf der Angeklagten wurden freigesprochen, der Angeklagte Kurt Bolender beging vor der Urteilsverkündung Suizid, Karl Frenzel wurde zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt. In Kiew wurden in den 1960er Jahren in zwei Prozessen ukrainische Wachmänner angeklagt, dabei wurden dreizehn Todesurteile und eine lebenslange Zuchthausstrafe verhängt.[9]

Der Ukrainer John Demjanjuk wird verdächtigt, als so genannter Trawniki-Mann von März bis September 1943 im Lager Sobibor eingesetzt worden zu sein. Seit Mai 2009 befindet er sich in der Justizvollzugsanstalt München in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft München wirft ihm Beihilfe zum Mord von mindestens 27.900 Juden vor. Demjanjuk selbst bestreitet die Vorwürfe. Der Prozess begann am 30. November 2009 vor dem Landgericht München II.[10]

Gedenken

1961 ließ der polnische Staat ein Mahnmal auf dem Aschefeld errichten. Erst 1993 wurden zum Jahrestag des Aufstandes ein kleines Museum eingerichtet und eine Gedenktafel ausgewechselt, auf der sich kein Hinweis auf die fast ausschließlich jüdischen Opfer befunden hatte. 2006 wurde mit Bäumen eine Gedenkallee gepflanzt. Die Gedenkallee folgt dem ehemaligen Weg, den die Gefangenen von der Rampe der Eisenbahn bis zu den Gaskammern gehen mussten.[11]

Die Arbeit der Gedenkstätte und die Pflege der Anlagen wird von einigen wenigen polnischen Mitarbeitern und Historikern getragen und von privaten Initiativen unterstützt, insbesondere von der niederländischen „Stichting Sobibor“,[12] von Jules Schelvis und Thomas Toivi Blatt, dem Bildungswerk Stanislaw Hantz e.V.[13][14], der Naturfreundejugend NRW um Georg Bückle[15][16] und einigen wenigen anderen,[17][18] sehr oft Hinterbliebene der Opfer, unterstützt.

Galerie

Literatur

Historische Darstellungen
Aufstand
Opferdokumente und -berichte
  • Miriam Novitch (Hrsg): Sobibor – Martyrdom and Revolt. Documents and Testimonies. Holocaust Library, New York 1980 (frühe Sammlung von Aussagen Überlebender, teilweise schlechte Übersetzung polnischer Originale und Änderungen durch Hrsg.)
  • Jules Schelvis: Eine Reise durch die Finsternis. Ein Bericht über zwei Jahre in deutschen Vernichtungs- und Konzentrationslagern. Unrast Verlag, Hamburg/Münster 2005, ISBN 3-89771-815-4
  • Stanislaw Szmajzner: Sobibor – Inferno em Sibibor. A tragédia de um adolescente judeu. Rio de Janeiro/Brasilien, 1968 (port.)
Täterberichte und -dokumente
  • Zustände und Begebenheiten im Distrikt Lublin des Generalgouvernements von Januar 1940 bis April 1942 aufgrund persönlicher Erinnerungen von Ferdinand Hahnzog, Juli 1962. In: HStA, Nds, 721 Hild, Acc 39/91, No. 28/113, fol. 245.
Gedenken

Filme

Weblinks

 Commons: Vernichtungslager Sobibor – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Zahlenangaben unterschiedlich bei Schelvis: Vernichtungslager Sobibor. S. 11 und Barbara Distel: Sobibor. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel: Der Ort des Terrors. Band 8, München 2008, ISBN 978-3-406-57237-1, S. 375.
  2. 2,0 2,1 2,2 dpa-Meldung vom 12. Mai 2009.
  3. Barbara Distel: Sobibor. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel: Der Ort des Terrors. Band 8, München 2008, ISBN 978-3-406-57237-1, S. 375.
  4. Barbara Distel: Sobibor. S. 391.
  5. Barbara Distel: Sobibor. S. 383.
  6. Barbara Distel: Sobibor. S. 394.
  7. Schelvis: Vernichtungslager Sobibór. S. 197 (siehe Literatur: Historische Darstellungen).
  8. Onlineauftritt Museum Wlodawa, Polen: Bericht (poln.) über die Beisetzung mit Foto von der militärischen Beerdigungszeremonie.
  9. Barbara Distel: Sobibor. S. 399f.
  10. Auftakt zum Demjanjuk-Verfahren Spiegel-Online vom 30. November 2009.
  11. Onlineauftritt Naturfreundejugend Bericht zu Pflanzungsarbeiten einer Gedenkallee, dem nachgestellten Todespfad von der Rampe bis zur Gaskammer
  12. http://stichtingsobibor.nl/index.php/inhoud/home/
  13. [1]
  14. 250.000 Leben, Eine Allee für die Opfer von Sobibór Bildungswerk Stanislaw Hantz e.V., Kassel, Informationen zum Gedenkprojekt auf dem Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers Sobibór in Ostpolen
  15. [2]
  16. [3]
  17. [4]
  18. [5]
51.44694444444423.593888888889


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