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Aufstand von Sobibór

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Der Aufstand von Sobibór von etwa 600 Häftlingen fand am 14. Oktober 1943 im deutschen Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen statt. Es war der zweite, zum Teil erfolgreiche Aufstand der jüdischen Gefangenen gegen die SS in einem Vernichtungslager nach dem Aufstand von Treblinka. Im Vernichtungslager Sobibór ließ die SS bis zu 250.000 Juden vergasen. Die meisten Opfer stammten aus Polen und etwa 33.000 aus den Niederlanden.[1] Nach diesem Aufstand nutzte die SS das Vernichtungslager nicht weiter, sondern ebnete es ein. Zur Vertuschung der Verbrechen wurde auf dem Lagergelände ein unverdächtig aussehender Bauernhof aufgebaut und ein Wald angeforstet.

Datei:Wikipedia-sobibor-101.jpg
Schild des Rangierbahnhofes der Häftlingstransporte von Sobibór (Foto von 2007)

Planungen

Fluchtversuche von Häftlingen aus dem Vernichtungslager Sobibór, die vereinzelt Erfolg hatten, gab es schon vor dem Aufstand. Unter den 47 Überlebenden des Aufstands waren auch fünf Männer eines früheren Fluchtversuchs des Waldkommandos.[2] Jede Flucht führte als Repressionsmaßnahme im Nachhinein zu willkürlichen Erschießungen von Häftlingen. Zur Verhinderung von Fluchten war im Juni 1943 um das Lager ein Minengürtel gelegt worden. Lediglich am Haupttor vor dem Appellplatz des Lagers I lagen keine Minen, weil sich die SS-Männer nicht selbst gefährden wollten.

Widerstandsgruppe

Als im Frühjahr 1943 weniger Transporte von Juden in Sobibór ankamen, wurde den Häftlingen klar, dass die Schließung des Lagers auch ihren Tod bedeuten würde, und es gründete sich eine Widerstandsgruppe von zehn bis zwölf Personen unter Führung von Leon Feldhendler.[3] Es entstanden mehrere Überlegungen, wie das SS-Personal zu vergiften, das Lager in Brand zu setzen oder mehrere Fluchttunnel zu graben. Die Häftlinge im Lager III hatten im Sommer 1943 begonnen, einen Fluchttunnel zu graben. Als dieser verraten wurde, erschoss die SS alle Häftlinge dieses Lagers.

Am 23. September traf mit einem Transport von 2.000 Juden eine Gruppe von 80 sowjetischen Kriegsgefangenen ein, darunter Alexander Petscherski, ein Leutnant der Roten Armee. Die kampferfahrenen und in Kampftaktik geschulten Soldaten waren in der Lage, Aktionen militärisch präzise zu planen und diszipliniert durchzuführen. Feldhendler und Petscherski nahmen Verbindung zueinander auf und bildeten ein Untergrundkomitee, welches aus vier Kriegsgefangenen und vier von Feldhendlers Leuten bestand. Das Komitee traf sich kontinuierlich, tauschte untereinander Informationen aus und plante zunächst eine Massenflucht durch einen Tunnel. Diese Planung musste aufgrund des hohen Grundwasserstandes und der Lage der Minen aufgegeben werden. Daraufhin schlug Petscherski vor, dass SS-Männer innerhalb eines Zeitraums von einer Stunde in örtlich unterschiedliche Hinterhalte gelockt und dort lautlos getötet werden sollten. Dabei sollten sie durch die Ausgabe von besonderen Kleidungsstücken und Schuhwerk für die Frauen der SS innerhalb einer Stunde vor der Massenflucht in einen Hinterhalt gelockt und liquidiert werden. Um das Verschwinden zu kaschieren, sollten einige der Kriegsgefangenen SS-Uniformen tragen.

Beile, Hämmer und Tischlerwerkzeuge hatten die Zimmerleute im Lager IV für ihre Arbeit. Die Männer in der Schmiede hatten Messer aus Eisenblechen angefertigt. Die Pistolen der getöteten SS-Männer sollten die mit Waffen erfahrenen sowjetischen Soldaten erhalten.[4]

Zeitplanung

Die ersten Maßnahmen waren um 16:00 Uhr und die Flucht ab 17:00 Uhr geplant.[5] Die Telefonverbindung nach draußen sollte zu Aufstandsbeginn gekappt werden. Nach einem Ausschalten von SS-Männern war geplant, dass sich alle Häftlinge wie üblich um 17:00 Uhr auf dem Appellplatz versammeln sollten. Dort sollten die restlichen Häftlinge eingewiesen werden, da nicht alle in die Pläne eingebunden waren. Anschließend sollten die Lagerinsassen in geschlossenen Reihen zum Haupttor marschieren, an dem sich keine Minen befanden. Die sowjetischen Soldaten in SS-Uniformen sollten die marschierenden Häftlinge um nicht aufzufallen mit deutschen Befehlen einweisen.[6] Der nahe Wald konnte in der anbrechenden Dunkelheit für erste Verstecke und als Deckung dienen. Falls der Weg durch das Haupttor nicht möglich war, sollten die Minen durch Steinwürfe zur Explosion gebracht werden, um so einen alternativen Fluchtweg zu schaffen. Die sowjetischen Kriegsgefangenen wollten in diesem Falle mit Zangen den Drahtzaun öffnen, sich mit den erbeuteten Waffen eventuell gegen die restlichen SS-Männer und die restliche Wachmannschaft wehren. Die Häftlinge verteilten untereinander Geld und Wertgegenstände für ihre Flucht.

Als Tag für die Flucht bestimmten sie den 13. oder 14. Oktober 1943, da die Häftlinge wussten, dass sich der für gefährlich und brutal gehaltene SS-Oberscharführer Gustav Wagner und der Lagerkommandant SS-Hauptsturmführer Franz Reichleitner und weitere SS-Männer nicht im Lager befinden würden. SS-Oberscharführer Karl Frenzel, der als der brutalste SS-Mann im Lager galt, sollte am Tage des Aufstands in die Tischlerbaracke gelockt und von Semjon Rosenfeld erstochen werden. Zur Geheimhaltung weihten sie lediglich 30 bis 40 Häftlinge in die Planungen ein, die ihrerseits Kampfgruppen bilden sollten. Der größte Unsicherheitsfaktor des Plans war das Verhalten der ukrainischen Wachmannschaft, der so genannten Trawniki-Männer.[7] Das Komitee hoffte, dass die Trawniki-Wachmänner keinen Verdacht schöpfen würden, wenn die in SS-Uniformen gekleideten sowjetischen Soldaten Befehle an die marschierenden Lagerinsassen in deutscher Sprache geben würden.[6] Als Lagerbewachung waren etwa 25 bis 30 deutsche SS-Angehörige eingesetzt, wovon 18 von ihnen stets gleichzeitig anwesend waren und etwa 90 bis 120 Trawniki-Männer standen zur Bewachung zur Verfügung.[8] Geplant war die Massenflucht für den 13. Oktober. Dieser Termin musste um einen Tag verschoben werden, da an diesem Tage unerwartet eine SS-Mannschaft eines anderen Lagers im Vernichtungslager Sobibór verweilte.

Aufstand

Mahnmal im Lager

Zunächst verlief der Aufstand am 14. Oktober 1943 um 16:00 Uhr wie geplant. Petscherski organisierte den Aufstand im Lager I, Feldhendler im Lager II, und die geplante Tötung der SS-Männer geschah lautlos.

Ausschaltung der SS

Der SS-Unterscharführer Josef Wolf wurde bei der Anprobe eines Ledermantels in der Sortierbaracke durch einen Axthieb getötet, und der 17-jährige Yehuda Lerner und Arkadij Wajspapir streckten den Kommandanten der Ukrainer, Siegfried Graetschus, und den ukrainischen Wachobermann Rai Klatt mit Beilen nieder. SS-Untersturmführer Johann Niemann, der stellvertretende Lagerkommandant, wurde durch zwei Axthiebe bei der Anprobe einer Lederjacke niedergestreckt.[9] Mit Niemann und Graetschus waren die entscheidenden SS-Offiziere, die im Lager am 14. Oktober 1943 Dienst verrichteten und Befehlsgewalt hatten, ausgeschaltet. Stanislaw Szmajzner entnahm der Waffenkammer rechtzeitig drei Gewehre. Die Telefonverbindungen nach draußen wurden gekappt.

Der SS-Mann Werner Dubois wurde angeschossen und durch einen Axthieb schwer verletzt.[10] Lagerhäftling Chaim Engel und Kapo Pożyczki erdolchten die SS-Oberscharführer Rudolf Beckmann und SS-Scharführer Thomas Steffel, die Verwalter des Lagers II.[11] Die SS-Scharführer Fritz Konrad und Josef Vallaster wurden in der Tuchmacherei getötet. SS-Scharführer Friedrich Gaulstich kam in der Tischlerwerkstatt durch das Beil von Schlomo Lajtman ums Leben.[11] Der SS-Mann Walter Ryba wurde in der Garage getötet, und Max Bree verlor durch die Häftlinge sein Leben.[12] Von den 29 SS-Männern, die zum Zeitpunkt des Aufstands zum Wachpersonal gehörten, waren zwölf nicht anwesend und am Abend zwölf SS-Männer tot (Beckmann, Bree, Graetschus, Gaulstich, Konrad, Niemann, Nowak, Ryba, Steffl, Stengelin, Vallaster, Josef Wolf, ein ukrainischer Wachmann namens Klatt und ein unbekannter Ukrainer) und Dubois lebensgefährlich verletzt.[13] Klatt war der einzige Trawniki-Mann, der die Insassen des Vernichtungslagers Sobibór nicht schlug.[14]

Erst gegen 20:00 Uhr gelang es Bauer und Frenzel, die Telefonverbindungen wiederherzustellen und Unterstützung herbeizurufen.[8]

Flucht

Frenzel erschien nicht zum Treffpunkt und SS-Unterscharführer Walter Ryba traf auf einen aufständischen Häftling, der ihn ungeplant im Affekt erstach. Dadurch drohte die Gefahr, dass der Ermordete und damit der Aufstand entdeckt wurde. Petscherski entschied daraufhin, das Signal zum Abendappell zehn Minuten verfrüht zu geben, wodurch Unruhe unter den Häftlingen ausbrach. Die Häftlinge waren irritiert, da das Signal zu früh und der für Appelle verantwortliche Frenzel nicht vorhanden waren. Ein Ukrainer wollte Ordnung in die Reihen der angetretenen Häftlinge bringen und wurde daraufhin getötet. Der SS-Oberscharführer Erich Bauer, der mit einem LKW ankam, stellte fest, dass ein toter Wachmann auf dem Boden unter den Häftlingen lag, und schoss sofort mit einer Pistole auf die Versammelten.[15] Daraufhin entstand Panik und so flüchteten die etwa 600 Häftlinge unkoordiniert. Die ukrainische Wachmannschaft begann, von den Wachtürmen aus zu schießen, und Frenzel schoss mit einem Maschinengewehr auf die Häftlinge. 60 Häftlinge aus dem Lager IV wurden auf ihrem Weg zum Appellplatz von den Wachmannschaften aufgrund der Schüsse zurückgehalten, festgesetzt und in der Nacht erschossen.

Die Häftlinge versuchten verzweifelt, Hindernisse wie den Stacheldrahtzaun und die Minenfelder zu überwinden. Sie gerieten in den Kugelhagel der Wachmannschaften, verfingen sich im Drahtzaun und traten auf Minen. Etwa 365 Menschen gelang zunächst die Flucht aus dem Vernichtungslager, wovon nur 200 den nahegelegenen Waldesrand erreichten. Etwa 150 Häftlinge blieben im Lager zurück.[8] Diejenigen, die den Wald erreichten, wurden später von 400 bis 500 SS-Männern und ukrainischen Wachmannschaften verfolgt, die dabei etwa 100 Flüchtige töteten.

Nach dem Aufstand

Die zurückgebliebenen Häftlinge, die nicht fliehen konnten, ermordete die SS. Die getöteten SS-Angehörigen setzte die SS im Chełmer Soldatenfriedhof mit militärischen Ehren bei.[16]

Das Lager wurde aufgegeben und dem Erdboden gleichgemacht. Ein harmlos aussehender Bauernhof und ein aufgeforsteter Jungwald sollten die Verbrechen auf dem ehemaligen Gelände des Vernichtungslagers vertuschen.

Die überlebenden Häftlinge schlossen sich den Partisanen an oder versteckten sich. Nach der Auflösung des Vernichtungslagers lebten von den ehemaligen Lagerinsassen nur noch 47 Personen, darunter 8 Frauen. Mindestens 42 der Geflüchteten waren Überlebende des Aufstandes, vier oder fünf weitere waren bereits am 27. Juli 1943 vom „Waldkommando“ geflohen. Der Überlebende Jules Schelvis schrieb später: „Ohne den Aufstand [von Sobibór] hätte es keine Überlebenden gegeben, die den Massenmord hätten bezeugen können.“[17][2]

Der Sobibor-Prozess Mitte der 1960er Jahre war ein Prozess gegen 12 ehemalige SS-Angehörige des Vernichtungslagers Sobibor vor dem Landgericht Hagen. Ihm voran gingen zwei Sobibor-Prozesse, die 1950 in Berlin und Frankfurt am Main geführt wurden. Auch in den 1970er und 1980er Jahren wurden noch Prozesse bezüglich der Verbrechen in Sobibor geführt.

Am 14. Oktober 2013, dem 70. Jahrestag des Aufstandes, gedachten Überlebende von Sobibor, darunter auch Thomas Blatt und Philip Bialowitz, Angehörige, Politiker, Jugendliche und Geistliche der Opfer von Sobibor. Gabriele Lesser kritisierte in der Jüdischen Allgemeinen, dass sich die Bundesrepublik Deutschland bislang nicht an den Kosten für die Neugestaltung der Gedenkstätten beteilige. Polens Vizeminister für Kultur und nationales Erbe, Piotr Zuchowski, sagte der Zeitung gegenüber: „Wir erwarten nicht, dass die Deutschen, die immerhin diese Todesfabriken auf dem Boden Polens gebaut haben, alle Kosten für die Gedenkstätten tragen sollen, aber doch einen Teil.“ Er werde eine entsprechende offizielle Anfrage nach Berlin senden, „da das unsere deutschen Partner ja so wünschen“.[18] Die für die Beziehungen zu Polen zuständige deutsche Staatsministerin Cornelia Pieper erklärte dagegen, der polnische Staatssekretär Władysław Bartoszewski habe wenige Tage zuvor dem deutschen Botschafter in Polen erneut deutlich gemacht, „dass man zurzeit immer noch keine Unterstützung von Deutschland für Sobibor erwartet, er hat aber auch zur Kenntnis genommen, dass wir weiterhin bereit sind, dieses Projekt zu unterstützen“.[19]

Filme

Schreibweisen

Sobibór entspricht der polnischen Schreibweise des Dorfes, nach dem die SS ihr Vernichtungslager benannte. Im Deutschen und Englischen wird oft die vereinfachte Schreibung Sobibor verwendet.

Literatur

Weblinks

 Commons: Sobibór extermination camp – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Schelvis: Vernichtungslager Sobibór. S. 11 (siehe Literatur)
  2. 2,0 2,1 Schelvis: Vernichtungslager Sobibór. S. 197/198
  3. Distel: Sobibór. S. 393–395 (siehe Literatur)
  4. Schelvis: Vernichtungslager Sobibór. S. 180
  5. Schelvis: Vernichtungslager Sobibór. S. 179/180
  6. 6,0 6,1 Schlevis: Vernichtungslager Sobibór. S. 181
  7. Distel: Sobibór. S. 395
  8. 8,0 8,1 8,2 Distel: Sobibór. S. 398
  9. Christoph Gunkel: "Wir wollten wie Menschen sterben" In: einestages, 14. Oktober 2013.
  10. Distel: Sobibór. S. 396/397
  11. 11,0 11,1 Schelvis: Vernichtungslager Sobibór. S. 191
  12. Schelvis: Vernichtungslager Sobibór. S. 309 u. 295
  13. Schelvis: Vernichtungslager Sobibór. S. 201
  14. Jan Friedmann, Klaus Wiegrefe: „Die Welt soll erfahren, wie es in Sobibor gewesen ist“ In einestages, 12. Mai 2009, Interview mit Thomas Blatt.
  15. Schelvis: Vernichtungslager Sobibór. S. 191/192
  16. Website des Museums Wlodawa (Polen): Bilder der Beisetzung der militärischen Zeremonie; Text auf Polnisch
  17. Schelvis: Vernichtungslager Sobibór. S. 12
  18. Gabriele Lesser: Sobibor. Zukunft des Gedenkens. Finanzsorgen zum Jahrestag des Aufstandes. In: Jüdische Allgemeine, 17. Oktober 2013.
  19. Sabine Adler: Querelen um Museum in Sobibor, Deutschlandfunk, Beitrag vom 14. Oktober 2013


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