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Octave Mirbeau

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Octave Mirbeau

Octave Henri Marie Mirbeau (* 16. Februar 1848 in Trévières, Calvados; † 16. Februar 1917 in Paris) war ein französischer Journalist, Kunstkritiker und Romanautor und zählt „zu den schillerndsten Persönlichkeiten der Literatur der französischen Belle Époque“.[1] Seine Komödie Geschäft ist Geschäft gehörte nach 1903 zu den meistgespielten Stücken an deutschen Theatern.[2]

Leben

Octave Mirbeau kam in Trévières im Département Calvados zur Welt, sein Vater Ladislaus Francis war Arzt, sein Großvater Bürgermeister von Rémelard in Le Perche. Ein Jahr nach Octaves Geburt zog die Familie zu seinem Großvater. Mirbeau erhielt ab 1859 seine Schulausbildung auf einem Jesuiten-Collège in Vannes. Die Schulleitung verwies ihn mit 15 Jahren der Anstalt. Vermutlich war er ein Opfer sexuellen Missbrauchs durch einen der Patres.[3] 1866 studierte er erst Kunst, dann Jura. Auf Druck des Vaters ließ er sich in Rémelard als Notar nieder. Seine Mutter starb 1870, elf Tage später wurde Mirbeau zum Militär eingezogen.[4]

Er kämpfte im Deutsch-Französischen Krieg. Nach dessen Ende arbeitete er als Theaterkritiker, schrieb aber auch politische Artikel für verschiedene Zeitungen in Paris, so etwas für L’Ordre de Paris, das monarchistische Gaulois und andere Organe, die ihm ideologisch oft fernstanden.[1] 1885 übernahm Mirbeau die Ansichten des Anarchismus, denen er bis zu seinem Tod treu blieb. Als einer der führenden anarchistischen Intellektuellen verfasste er regelmäßig Artikel für entsprechende Zeitschriften. Zur Zeit der Dreyfus-Affäre zahlte er die Geldstrafe, zu der Émile Zola wegen seiner berühmten Schrift J’accuse...! verurteilt worden war.[1]

Mirbeau war auch ein sehr bedeutender Kunstkritiker, der über die impressionistischen und avantgardistischen Bewegungen in Montmartre und Montparnasse schrieb, die er für die Basis einer Kulturrevolution in Frankreich hielt. Die Académie Goncourt wurde von ihm mitgegründet.

Octave Mirbeau wird die Entdeckung des belgischen Autors und Nobelpreisträgers Maurice Maeterlinck zugeschrieben.[5] Außerdem trug er bedeutend zu den Karrieren von Camille Pissarro, Auguste Rodin, Claude Monet, Camille Claudel, Aristide Maillol, Félix Vallotton und anderer wichtiger Künstler seiner Zeit bei.

Zu seinen bekanntesten literarischen Werken gehört der Roman Tagebuch einer Kammerzofe (1900), der mehrmals verfilmt wurde, unter anderem von Jean Renoir und Luis Buñuel. Die Kammerzofe Céléstine lernt auf einem Landgut die Nachtseiten der Großbourgeoisie, vor allem deren sexuelle Abartigkeiten, bis hin zur Kindstötung, kennen.[3] Eine noch stärkere Provokation hatte Mirbeau ein Jahr zuvor mit seinem Werk Der Garten der Qualen (1899) abgeliefert: In einem paradiesischen Garten in China, lässt eine europamüde Engländerin Menschen auf furchtbarste Weise foltern.[3] Die Literaturwissenschaftlerin Dorit Heike Gruhn hat in dem Roman eine Vorlage für Franz Kafkas Erzählung In der Strafkolonie erkannt.[6] Ein formal innovatives Prosawerk ist der satirische Autoreisebericht 628-E8, der erst 2013 ins Deutsche übersetzt wurde. Er wurde als „eine Art deutsch-französische Verständigungsgeschichte“ rezipiert, die preußischen Größenwahn genauso aufs Korn nimmt wie französische Unfreundlichkeiten an der Grenze.[3]

Sein bekanntestes, auch auf deutschen Bühnen sehr erfolgreiches Drama Geschäft ist Geschäft (1903) verspottet die eingebildete Allmacht von Geldaristokraten und Emporkömmlingen. Nicht überall traf die Komödie indes auf Verständnis. Otto Flake empfand den Text in der Weltbühne als „krasse Kulissenmache“ und kritisierte einen „Dialog, der die abgeleiertsten Phrasen nicht scheut.“[7]

Octave Mirbeau starb 1917 an seinem 69. Geburtstag und wurde auf dem Cimetière de Passy in Paris begraben.

Eine große Biographie wurde von Pierre Michel und Jean-François Nivet geschrieben; sie ist nur in französischer Sprache erhältlich.

Engagierter Schriftsteller

Als Prototyp des engagierten, anarchistischen und individualistischen Schriftstellers durchschaute Mirbeau die Menschen und Institutionen, die verfremden, unterdrücken und töten. Er war Antisemit bis 1895 und kämpfte tapfer gegen Alfred Dreyfus.[8] Er liebte den Skandal, verurteilte den Kolonialismus und schrieb böse Glossen gegen die sozialen Missstände seiner Zeit. Er verwirklichte eine Ästhetik der Aufdeckung und setzte es sich zum Ziel, „die freiwilligen Blinden zu zwingen, Medusa ins Gesicht zu schauen“.[1]

Er stellte nicht nur die bürgerliche Gesellschaft und die kapitalistische Wirtschaft in Frage, sondern auch die traditionellen literarischen Formen. Er trug insbesondere zum Absterben des angeblich „realistischen“ Romans bei. Er lehnte den Naturalismus, den Akademismus und den Symbolismus ab und fand seinen eigenen Weg zwischen dem Impressionismus und dem Expressionismus.

Zitate

  • „Hasse niemanden, nicht einmal einen bösen Menschen, habe Mitleid mit ihm, denn er wird niemals das einzige Vergnügen kennenlernen, das uns im Leben tröstet: das Gute zu tun.“
  • „Es ist nicht das Sterben, das traurig ist. Es ist das Leben, wenn du nicht glücklich bist.“
  • „Die größte Eroberung, die der Journalismus in diesem Jahrhundert gemacht hat, das war die Reportage, das heißt, wir haben eines schönen Morgens erfahren, dass Monsieur X... weichgekochte Eier zum Frühstück isst und dass Madame Z... um drei Uhr ein grünes Kleid, um Mitternacht ein rosa Kleid trägt, diesen Liebhaber, jenen Kutscher hat.“
  • „Der Journalismus erniedrigt alles, deformiert alles, die Menschen und die Ideen.“

Hommage

„Octave Mirbeau ist der größte französische Schriftsteller unserer Zeit und derjenige, der in Frankreich den Geist des Jahrhunderts am besten repräsentiert.“

Werke

Romane

Theaterstücke

  • Les Mauvais bergers (1897) (Schlechte Hirten, 1900).
  • Les affaires sont les affaires (1903) (Geschäft ist Geschäft, 1903).
  • Farces et moralités (1904) (Die Epidemie; Der Dieb, 1904; Die Brieftasche, 1905).
  • Le Foyer (1908) (Das Heim, 1909).
  • Les Dialogues tristes (2006).

Andere Werke

Laster, Wiener Verlag, 1903
  • Contes cruels (1990) (Laster und andere Geschichten, 1903; Der Herr Pfarrer und andere Geschichten, 1904).
  • L’Affaire Dreyfus (1991).
  • Lettres de l’Inde (1991).
  • L’Amour de la femme vénale (1994).
  • Combats esthétiques (1993).
  • Correspondance générale (2003–2005).
  • Combats littéraires (2006).
  • Correspondance générale (2003–2005–2009).

Verfilmungen

Literatur

  • Reginald Carr: Anarchism in France. The Case Octave Mirbeau. Manchester University Press, Manchester 1977, ISBN 0-7190-0668-6.
  • Pierre Michel und Jean-François Nivet: Octave Mirbeau. L’imprécateur au coeur fidèle. Séguier, Paris 1990, ISBN 2-87736-162-4.
  • Pierre Michel: Les Combats d’Octave Mirbeau, Université de Besançon, Besançon 1995.
  • Christopher Lloyd: Mirbeau’s fictions. University of Durham, Durham 1996, ISBN 0-907310-35-4.
  • Samuel Lair: Mirbeau et le mythe de la Nature. Presses universitaires de Rennes, Rennes 2004, ISBN 2-86847-927-8.
  • Cahiers Octave Mirbeau erscheint seit 1994, ISSN 1254-6879.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 Pierre Michel: Octave Mirbaud mirbeau.asso.fr, veröffentlicht von der Société Octave Mirbeau (abgerufen am 15. Februar 2017.)
  2. Das erste Mal?, arte.tv, 28. Oktober 2016 (abgerufen am 15. Februar 2017)
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 Sven Ahnert: Quälgeist der Belle Époque. Octave Mirbeau, Skandalautor der literarischen Décadence, Deutschlandfunk, 30. März 2010 [Sendemanuskript]
  4. Pierre Michel: Chronologie, mirbeau.asso.fr (französisch)
  5. Josef Hofmiller: Maeterlinck (1904). In: Ders., Versuche. Zweite erw. Aufl., Leipzig 1938
  6. Dorit Heike Gruhn, Untergang der Folterkultur als konservative Kulturkritik?, München 1999.
  7. Die Weltbühne, XIX, H. 1, 4. Januar 1923.
  8. Octave Mirbeau : de l'antisémitisme au dreyfusisme. Persée, abgerufen am 6. Mai 2019 (français).

Weblinks

 Commons: Octave Mirbeau – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Octave Mirbeau – Quellen und Volltexte
Dieser Artikel basiert ursprünglich auf dem Artikel Octave Mirbeau aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der Doppellizenz GNU-Lizenz für freie Dokumentation und Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported. In der Wikipedia ist eine Liste der ursprünglichen Wikipedia-Autoren verfügbar.