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Leopold von Mildenstein

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Leopold Itz Edler von Mildenstein, Pseudonym LIM, (geb. 30. November 1902 in Prag; gest. nach 1964) war ein zeitweilig führender SS-Offizier mit Sympathien für den Zionismus. Er entstammte dem katholischen böhmischen Adelsgeschlecht Mildenstein.

Leben

Mildenstein absolvierte eine Ausbildung zum Diplomingenieur. 1929 wurde er Mitglied der NSDAP (Mitglieds-Nr. 106678) und 1932 der SS. Nach Aussage von Dieter Wisliceny hatte Mildenstein sich nach dem Ersten Weltkrieg bis 1935 viel im Nahen Osten (darunter auch Palästina) aufgehalten. Als Judenreferent und Abteilungsleiter im SD-Hauptamt von August 1934 bis Juni 1936 vertrat Mildenstein die Linie, die jüdische Bevölkerung Deutschlands zur Auswanderung nach Palästina zu veranlassen, und pflegte deshalb positive Kontakte zu zionistischen Organisationen. Mildenstein war Adolf Eichmanns Vorgänger in der SS, und diente auch im Propagandaministerium unter Josef Goebbels. Später fuhr er nach Amerika für vier Jahre.

Nach einem sechsmonatigen Besuch in Palästina im Jahr 1933[1] gelang es Mildenstein, vom 26. September bis zum 9. Oktober 1934 eine pro-zionistische Serie von zwölf Artikeln in der von Joseph Goebbels herausgegebenen Berliner Zeitung Der Angriff zu publizieren (Titel: „Ein Nazi fährt nach Palästina“). Zur Erinnerung an diese Reise wurde sogar eine Erinnerungsmedaille (mit Hakenkreuz und Davidstern) geprägt.

Mildenstein ortete bei den zionistischen Pionieren „etwas Neues in ihrem Wesen. Etwas hebt ihre Schultern, lässt sie den gesenkten Ghettoblick heben“ (1.Folge) und er sprach, getreu der damals aktuellen Blut-und-Boden-Ideologie von einer „Wiedergesundung eines entarteten Volkes durch Neuverwurzelung im alten Boden“ (12. Folge): „Diese neuen Juden werden ein neues Volk“[2]

Mildensteins gemäßigte judenfeindliche Linie blieb Episode, er wurde 1936 nach einem Konflikt mit Reinhard Heydrich seines Amtes enthoben und in die Auslandspresseabteilung der Reichsregierung versetzt.

Seine Reise und die danach geprägte Medaille werden ebenso wie das Ha'avara-Abkommen gelegentlich von rechtsgerichteten und israelfeindlichen Autoren als Argument für eine vorgebliche Verwandtschaft oder ein konspiratives Zusammenarbeiten von Nationalsozialismus und Zionismus missbraucht.

Nach Kriegsende wurden Mildensteins Schriften Rings um das brennende Land am Jordan (Stollberg, Berlin 1938) und Naher Osten – vom Straßenrand erlebt (Union, Stuttgart 1941) in der Sowjetischen Besatzungszone bzw. in der Deutschen Demokratischen Republik auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.[3][4] Um 1956 soll Mildenstein Mitglied der FDP gewesen sein und Kontakte zu ägyptischen Propagandadienststellen und amerikanischen Geheimdienstkreisen geknüpft haben.[5] Laut Online-Abfrage im Bundesarchiv gab Mildenstein 1958–60 Orient-Informationen heraus.

Mildenstein ist eine Hauptfigur im israelischen Dokumentarfilm Die Wohnung von Arnon Goldfinger aus dem Jahr 2011. Goldfinger ist der Enkel von Kurt Tuchler, eines führenden deutschen Zionisten, mit dem Mildenstein in den 1930er Jahren gemeinsam mit ihren Ehefrauen Palästina bereiste. Aus dem Film geht hervor, dass die Ehepaare Tuchler und Mildenstein auch nach 1945 noch Kontakt hielten.[6]

Literatur

  • Jacob Boas: Baron von Mildenstein and the SS support of Zionism in Germany, 1934-1936. In: History Today, Januar 1980.
  • Richard Breitman, Norman J.W. Goda, Timothy Naftali, Robert Wolfe: US-Intelligence and the Nazis, Cambridge University Press 2005, speziell S. 339–343 (Eingeschränkte Vorschau in der Google Buchsuche)
  • Magnus Brechtken: „Madagaskar für die Juden“. Antisemitische Idee und politische Praxis 1883-1945. ( = Studien zur Zeitgeschichte Bd. 53.) Oldenbourg, München 1998, ISBN 3-486-563-84-X, S. 171f. (Eingeschränkte Vorschau in der Google Buchsuche)
  • Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden Bonn 2006, S. 77.
  • Tom Segev: Die siebte Million. Der Holocaust und Israels Politik der Erinnerung Reinbek bei Hamburg 1995,l S 31ff.

Einzelnachweise

  1. Lenni Brenner, Zionism in the Age of the Dictators, Kap. 5 (Engl.)
  2. Zitiert nach: Bernhard, Julia / Schlör, Joachim (Hrsg.):Deutscher, Jude, Europäer im 20. Jahrhundert. Arnold Zweig und das Judentum. Bern, Berlin etc.Peter Lang Vlg. 2004. S 198f.
  3. http://www.polunbi.de/bibliothek/1946-nslit-m.html
  4. http://www.polunbi.de/bibliothek/1953-nslit-m.html
  5. R. Breitman, a.a.O. S 341f (Engl.)
  6. siehe auch Arnon Goldfinger: Ihr Freund, der Feind. In: Zeitmagazin Nr. 21/2012, S. 28-33. (Onlinefassung)

Weblinks


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