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Jacques Lacan

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Jacques-Marie Émile Lacan, bekannt unter dem Namen Jacques Lacan (geb. 13. April 1901 in Paris; gest. 9. September 1981 ebenda), war ein französischer Psychiater und Psychoanalytiker, der die Schriften Sigmund Freuds neu interpretierte. Er stellte seine Deutung unter den Titel einer „Rückkehr zu Freud“, wobei er das Ziel verfolgte, Freud dort weiter zu entwickeln, wo dieser seiner Meinung nach hinter den eigenen Erkenntnissen zurückblieb. Hierbei griff er unter anderem auf Ansätze und Methoden des Strukturalismus und der Linguistik zurück, später auch auf graphische Modelle der Topologie. Der innerhalb der Psychoanalyse nicht unumstrittene Theoretiker hat unter anderem auf den Poststrukturalismus prägenden Einfluss ausgeübt.

Leben und Werk

Lacan wuchs in einer Familie mit starker katholischer Tradition auf. Er hatte eine Schwester, Magdeleine-Marie und einen jüngeren Bruder Marc-Marie, der später Benediktinermönch in der Abtei von Hautecombe wurde. Lacan besuchte das Collège Stanislas, eine Jesuitenschule. Nach seinem Baccalauréat studierte er Medizin und spezialisierte sich später in Psychiatrie. 1932 wurde er mit der Arbeit Über die paranoische Psychose in ihren Beziehungen zur Persönlichkeit promoviert. Lacan arbeitete als Arzt für Neurologie und Psychiatrie und leitete die Klinik Centre hospitalier Sainte-Anne im 14. Pariser Arrondissement, wo er in den 30er Jahren Kollege von Henri Ey (1900-1977) war.[1] Von 1964 an lehrte er an der Pariser École Normale Superieure.

Lacan war bis an sein Lebensende praktizierender Psychoanalytiker. Aufgrund seiner unorthodoxen Behandlungsmethoden (er variierte beispielsweise die Sitzungsdauer willkürlich, verkürzte sie bisweilen auf wenige Minuten[2] und behandelte vorschriftswidrig akut suizidgefährdete Patienten) wurde er von manchen Kollegen als Scharlatan angesehen.

In den Jahren 1953 bis 1954 vollführte Lacan eine Wendung, mit der er seine Anlehnung an Hegel (Hegelianismus Kojèvescher Art) zugunsten des Strukturalismus aufgab.[3] Als Lacan sich mit der Funktion des Symbolischen und der Notwendigkeit eines Vertrags zwischen dem „Ich“ und dem „kleinen Anderen“ beschäftigte, stützte er sich auf den Begriff der „Struktur“, der genau äquivalent zu dem der „Sprache“ ist. In seinem großen Eröffnungstext Fonction et champ de la parole et du langage verweist er auf die Studien von Claude Levi-Strauss, um in seiner Nachfolge dieses große Grundgesetz von Vertauschung und Verwandtschaft auszudrücken. Außerdem führt er 1953 das Konzept der drei Bereiche ein, das grundlegend für sein Werk werden sollte: Das Reale, das Symbolische und das Imaginäre.

Nach machtpolitischen und organisatorischen Streitigkeiten trat er 1953 mit vier seiner Kollegen aus der Psychoanalytischen Vereinigung Frankreichs (Sociéte Psychanalytique de Paris, SPP), deren mehrfacher Vizepräsident er war, aus. Eine Woche später gründete er die Sociéte Française de Psychanalyse (SFP), der sich etwa die Hälfte der in der SPP in Ausbildung befindlichen Psychoanalytiker anschlossen. Die Organisation wurde jedoch von der International Psychoanalytical Association (IPA) nicht anerkannt. 1965 löste sich die SFP auf, nachdem sie sich in zwei miteinander konkurrierende Gesellschaften gespalten hatte: die gegen Lacan gerichtete Association Française de Psychanalyse (AFP) und die von Lacan 1964 selbst gegründete École Française de Psychanalyse, die kurze Zeit später in École Freudienne de Paris (EFP) umbenannt wurde. Die lacanianische EFP wurde schließlich „zur einflussreichsten und mitgliederstärksten psychoanalytischen Fachorganisation in Frankreich“. Sie bestand bis 1980.[4]

Er starb an Nierenversagen am 9. September 1981.[5]

Grundlagen von Lacans Theorie sind außer dem Werk Sigmund Freuds unter anderem die Arbeiten der strukturalistischen Linguisten Ferdinand de Saussure und Roman Ossipowitsch Jakobson. Außerdem bezieht Lacan sich auf philosophische Autoren wie Husserl, Descartes und Hegel (sowie dessen Interpreten Alexandre Kojève), aber auch auf Mathematiker wie René Thom und das Autorenkollektiv Nicolas Bourbaki, insbesondere auf die topologische Theorie der Knoten.

Lacans Werk gilt als äußerst schwer zugänglich. Seine Lehre verbreitete er anfänglich nur in seinen Seminaren (1951–1979), bis er 1966 seine Schriften (Écrits, dt.: Schriften I-III) erstmals in Buchform publizierte. Danach wurden nach und nach auch die Mitschriften seiner Seminare herausgegeben, wobei bis heute noch nicht alle der insgesamt 25 von Lacan gehaltenen und aufgezeichneten Seminarskripte (1953–1979) veröffentlicht sind.

Privatleben

Lacan heiratete 1934 Marie-Louise Blondin, mit der er drei Kinder hatte, Caroline (* 1937), Thibaud (* 1939) und Sibylle (* 1940). Er verliebte sich 1937 in Sylvia Bataille (geb. Maklès). Im Jahr 1940 gestand er seiner Frau Marie-Louise, die zu der Zeit schwanger war, dass Sylvia ein Kind von ihm erwarte. Daraufhin verlangte seine Frau die Scheidung und Lacan zog zunächst alleine aus. 1943, also zwei Jahre nach der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter Judith, zog Sylvia Bataille zu Lacan in seine Wohnung in der Rue de Lille ein, in der Lacan bis zum Lebensende lebte. Das Paar heiratete im Juli 1953.[6] Die Tochter Judith Bataille ist mit Jacques-Alain Miller verheiratet, der Althusser-Schüler, Lacanianer und Herausgeber von Lacans Seminarmitschriften ist.

Lacan war u. a. mit Salvador Dalí, Alberto Giacometti, Michel Leiris und Georges Bataille befreundet; er war auch an Batailles Geheimgesellschaft Acéphale interessiert.

Vier Grundannahmen der Lacanschen Theorie

Lacans Theorie lässt sich vereinfacht in vier Grundannahmen zusammenfassen:

  • Das Ich entwickelt sich im Spiegelstadium, welches die grundlegende Matrix der Subjektivität bildet.
  • Das Subjekt ist ein Sprachwesen, das heißt durch die symbolische Ordnung der Sprache geprägt: „Das Unbewusste ist wie eine Sprache strukturiert.“
  • Das Subjekt ist ein begehrendes Subjekt. Da das Objekt des Begehrens (Objekt klein a) immer schon verloren ist, ist es ein grundsätzlicher Mangel, der das Begehren des Menschen aufrechterhält.
  • Die menschliche Psyche konstituiert sich in der unauflösbaren Trias Imaginäres-Symbolisches-Reales (RSI).

Das Imaginäre und das Spiegelstadium

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Blick in den Spiegel: Caravaggios „Narziss“

Die Theorie des Spiegelstadiums (Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion, in: Schriften I, S. 61–70) zählt zu Lacans berühmtesten Konzeptionen. Sie geht auf Beobachtungen des Psychologen James Mark Baldwin zurück.

Nach Lacan beginnt das Kind in der Zeit zwischen dem 6. und dem 18. Lebensmonat, wenn man es vor einen Spiegel hält, sich selbst in ihm zu erkennen und zu identifizieren, worauf es mit einer „jubilatorischen Geste“ reagiert. Mit einem deutschen Begriff nennt Lacan diesen wichtigen Einschnitt ein Aha-Erlebnis. Von nun an verändert sich der Blick auf das eigene Selbst, ja er wird jetzt überhaupt erst möglich: aus dem in „Partialobjekte“ „zerstückelten“ Blick auf sich aus der Leib-Perspektive wird nun ein Blick von außen, der das Kind erstmals vollständig zeigt. Die jubilatorische Geste ist deshalb auch eine narzisstische Geste der Allmachtsphantasie, in der sich ein „Größenselbst“ („Ideal-Ich“) zeigt, das fortan zur Matrix wird, auf die das Subjekt sein Ich orientiert. Das Spiegelstadium geht darum mit der psychischen Geburt des Ichs einher.

Zugleich aber ist das Spiegelstadium der Beginn einer Entfremdung. Denn im Spiegel sieht das Kind eine körperliche Einheit, die es selbst noch gar nicht fühlt. Es identifiziert sich mit etwas, das es nicht ist, nämlich mit der „totalen Form des Körpers“, und zwar an einem Ort, an dem es sich nicht befindet (nämlich im Spiegel). Deshalb ist das Erkennen im Spiegel zugleich ein imaginäres Verkennen und führt zur Spaltung des Subjekts in „moi“ (Ideal-Ich, das „imaginäre Subjekt“) und „je“, das soziale Ich. Daraus folgt der im Deutschen paradox klingende Satz: „Das ich ist nicht das Ich.“ – „Le je n’est pas le moi.“

Das Symbolische und die Sprache

Die dualistische Situation im Spiegelstadium (der Bereich des Imaginären) wird erst durch das Erreichen der symbolischen Ordnung überwunden, das heißt in dem Augenblick, in dem das Subjekt zu sprechen beginnt und so am großen Anderen, der Sprache, teil hat. Die erste Verkörperung des Symbolischen ist die Mutter; sie ist ein „großer anderer Wille“, der spricht und der das Kind in die Ordnung der Sprache und des Sozialen einführt. Noch mehr gilt dies für den Vater, der im Ödipuskonflikt die verbietende Rolle des Gesetzes einnimmt (Inzesttabu, Kastrationsdrohung), das Kind aus dem ödipalen Begehren herausdrängt und zur außerfamiliären, sozialen Welt hin orientiert.

In der Gesellschaft gilt das Gesetz des Symbolischen, d. h. das Gesetz der Sprache, der sozialen Normen und des ökonomischen Tauschs (vgl. auch Reziprozität). Das Symbolische ist in diesem Sinne gleichzusetzen mit der Ordnung der Sprache, des Diskurses, der staatlichen Herrschaft und der Ökonomie sowie dem „Gesetz des Vaters“ („Name-des-Vaters“). Sie bilden gleichermaßen eine symbolische Herrschaftsordnung, die das Subjekt unterwirft (sub-jectum = Unterworfenes) und strukturiert.

Auch das Unbewusste unterliegt der Struktur des Symbolischen: „Das Unbewusste ist wie eine Sprache strukturiert.“ (Seminar XI. Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse, S. 26) Das Symbolische ist daher die dominante der drei Strukturbestimmungen des Psychischen (auch das Imaginäre ist immer schon symbolisch überformt). Es ist auch jener Bereich, der in der psychoanalytischen Behandlung die zentrale Rolle spielt, die ja wesentlich eine Form der Heilung durch Sprache ist. (Vgl. Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse, in: Schriften III, S. 71–169)

Das begehrende Subjekt

Das Subjekt ist der Träger eines irreduziblen Mangels. Dieser Mangel beginnt mit der Geburt, die das Kind aus der Vollkommenheit seines embryonalen Daseins herauswirft und verstärkt sich durch seine zweite große Trennung, die Trennung der Symbiose mit der Mutter(brust). Auch von seinem Spiegelbild, dem es sich im Spiegelstadium gegenüber sieht, ist es getrennt und entfremdet. Das Subjekt ist seitdem unvollständig, weshalb es stets danach begehrt, vollständig zu werden und seinen Mangel, seine Lücke im Subjekt durch Objekte aufzufüllen. Ein solches Objekt, genannt Objekt klein a, fungiert als Antrieb und Auslöser der Handlungen des Subjekts und insofern als äußerer „Grund des Begehrens“. Aber der Mangel ist letztlich nicht aufhebbar, das Objekt bleibt unerreichbar und ist ein „immer schon verlorengegangenes“ Objekt, ein unerreichbares „Ding“.

Um diese Theorie des Mangels und des Begehrens herum errichtet Lacan den Teil seiner psychoanalytischen Theorie, der die klassischen psychoanalytischen Persönlichkeitsstrukturen integriert und aufnimmt, etwa die neurotischen oder psychotischen Persönlichkeitsstrukturen, die er als spezifische Weisen versteht, mit dem fundamentalen Mangel und dem Begehren umzugehen. Eine Form, den Mangel imaginär aufzufüllen, ist das Phantasma; es ist der Rahmen, das Szenario, in dem die Objekte klein a in Erscheinung treten.

Lacans Begriff des „Begehrens“ entspricht in etwa Sigmund Freuds Begriff des „Wunsches“, wobei es stets der Wunsch nach dem anderen (dem Objekt klein a), aber auch der Wunsch des (großen) Anderen ist, der das Subjekt bestimmt. In diesem Zusammenhang hat Lacan sich von Alexandre Kojève folgenden Aphorismus ausgeliehen: „Das Begehren des Menschen ist das Begehren des Anderen“, und Arthur Rimbaud zitierend hält er fest: „Ich ist ein Anderer.“

Dem Begehren gegenüber steht das Genießen (Jouissance). Während das Begehren sein Objekt metonymisch wechselt und von der Entsagung des Begehrten lebt, gleicht das Genießen, die unmittelbare, ‚idiotische‘ sexuelle Befriedigung, eher einem zähen Schleim. Das Genießen ist zugleich eine bestimmte Weise des Subjekts, seine Triebökonomie und damit sein Dasein zu organisieren. So zeigt sich gerade im Symptom als eines zu interpretierenden Signifikanten immer auch ein Rest des Nicht-Interpretierbaren, wofür Lacan den Begriff „Sinthom“ einführt.

Das Reale, das Symbolische und das Imaginäre (RSI)

Das Imaginäre ist jener Bereich des Psychischen, der bildhaft und dual organisiert ist und in dem Identifikation und Narzissmus angesiedelt sind. Insbesondere das Spiegelstadium und mit ihm das Ich bzw. das Selbstbild des Subjekts gehört der Sphäre des Imaginären an, ebenso das Objekt klein a, das Objekt des Begehrens durch das Subjekt.

Das Symbolische ist jener Bereich des Psychischen, der organisiert ist wie eine Sprache und der eine Ordnung von Signifikanten und Signifikaten bildet, die wohlorganisiert und geordnet zueinander stehen. Die Instanz, die die Ordnung des Symbolischen garantiert, ist der große Andere bzw. der Name des Vaters. Die symbolische Ordnung ist deshalb eine dreistellige Struktur (Signifikant-Signifikat-Referenz), während das Imaginäre eine duale Struktur besitzt.

Das Reale, den wohl rätselhaftesten Begriff seiner Theorie, beschreibt Lacan als das, was weder imaginär noch symbolisierbar ist und was in der symbolischen Ordnung auch keinen Ort hat. Es besitzt eine eigene, massive, nichtreduzierbare und singuläre Existenz und Präsenz  – etwa in Form eines verstörenden Traums, unter dem das Subjekt leidet und der (noch) nicht in eine Geschichte verwandelt werden konnte.

Das Reale ist immer etwas Unfassbares, Unsagbares, nicht Kontrollierbares, oft eine Art von Horror oder Trauma, das insbesondere in den Sphären der Sexualität, des Todes und der Gewalt in Erscheinung tritt. Es ist auf keinen Fall gleichzusetzen mit dem Begriff der Realität, der eher der symbolisch strukturierten Ordnung der Sprache und des Diskurses angehört. Das Reale lässt sich nicht vorstellen oder repräsentieren, sondern ist dasjenige, was sich grundsätzlich der symbolischen Ordnung, dem Sprechen und damit jeglicher Diskursivierung entzieht und verweigert. Dennoch richtet sich die Psychoanalyse gerade auf diesen Aspekt der Psyche mit besonderer Aufmerksamkeit: „Keine Praxis ist mehr auf jenen Kern des Realen hin orientiert, der das Zentrum der psychoanalytischen Erfahrung ausmacht.“ (Seminar XI. Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse, S. 59)

Jedes psychische Objekt kann Aspekte jeder dieser drei Dimensionen aufweisen. So unterscheidet Lacan etwa zwischen einer realen, einer imaginären und einer symbolischen Mutter. Das gleiche gilt für den Vater oder den Phallus. Auch lässt sich von einem „imaginären Realen“, einem „symbolischen Realen“, einem „realen Realen“ etc. sprechen.

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Borromäischer Knoten

Die drei Strukturbestimmungen des Subjekts RSI sind in der Struktur eines Borromäischen Knotens miteinander verbunden, das heißt: Jedes dieser „Register“ des Psychischen bedingt die anderen beiden, so dass die drei Begriffe eine unauflösbare Einheit bilden. Löst man einen von ihnen aus dem Gesamtgeflecht heraus, lösen sich auch die übrigen und das Geflecht verliert seine Kohärenz. Es ist unklar, ob Lacan diese Einheit als universal und unauflöslich betrachtet, oder ob nicht in der Psychose diese Einheit auf traumatische Weise aufgelöst ist, wie er in seinem späten Seminar XXIII. Le sinthome (1975–1976) angedeutet hat (vgl. Dylan Evans, Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse, S. 65).

In seinem späten Werk, ab 1974, setzt Lacan das Objekt klein a in die Mitte seines Borromäischen Knotens, also an jene Stelle des Psychischen, an dem sich das Imaginäre, das Symbolische und das Reale überschneiden. (Evans: Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse, S. 206)

Einfluss und Kritik

Lacans Werk war insbesondere für die Geisteswissenschaften in Frankreich außerordentlich einflussreich, vergleichbar etwa mit dem Einfluss Freuds in Deutschland. Eine breitere Rezeption in Deutschland setzte erst seit den 90er Jahren ein. Im Umfeld der traditionellen Psychoanalyse, insbesondere in Deutschland, ist Lacans Modifizierung Freuds umstritten.

Einfluss übte Lacan insbesondere auf den französischen Poststrukturalismus aus, dem er oft zugerechnet wird. Auch die Literaturwissenschaft beeinflusste er, insbesondere durch seine berühmt gewordene Analyse von Edgar Allan Poes Geschichte Der entwendete Brief (Schriften I, S. 7–60). Poes Geschichte war auch Gegenstand eines umfangreichen Briefwechsels zwischen Lacan und Jacques Derrida.

Der marxistische Philosoph Louis Althusser gründete seine in dem Essay Ideologie und ideologische Staatsapparate entworfene einflussreiche Theorie der ideologischen „Anrufung“ („Interpellation“) auf Lacans Konzeption des großen Anderen. Darüber hinaus finden sich an vielen anderen Stellen bei Althusser Bezugnahmen auf Lacan. Tatsächlich weist seine strukturalistische Re-Lektüre von Marx große Ähnlichkeiten zu Lacans Projekt einer Rückkehr zu Freud auf, wie er auch mitunter selbst betont hat.[7]

Unter anderem über den Umweg Althussers übte Lacan damit auch Einfluss auf Michel Foucault aus – obgleich eher indirekt, indem Foucault trotz mancher Gemeinsamkeiten sein eigenes Konzept der Macht gerade als „frontale Kampfansage“[8] gegen die psychoanalytische Konzeption des Gesetzes entworfen hat.

Der Philosoph Slavoj Žižek überträgt die Lacansche Psychoanalyse sowohl auf die europäische Philosophiegeschichte (vgl. Die Tücke des Subjekts, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2001), als auch auf die Populärkultur, insbesondere Literatur und Kino (Matrix, Hitchcock, Science-Fiction etc.).

Julia Kristeva, eine Schülerin Lacans, erweitert die psychoanalytische Theorie auch mit Aspekten des historischen Materialismus. Dabei kritisiert sie unter anderem, dass Sprache bei Lacan als etwas Überhistorisches erscheine.

Die feministische Psychoanalytikerin Luce Irigaray hat in ihrem 1974 erschienen Werk Speculum – Spiegel des anderen Geschlechts versucht, auf der Grundlage einer kritischen Re-Lektüre von Freud und Lacan einen weiblichen Diskurs und eine weibliche Identität zu erarbeiten und damit eine zentrale Lücke des männlich dominierten psychoanalytischen Diskurses zu schließen – eine Lücke, die besonders in Lacans umstrittenem Satz zum Ausdruck kommt: „La femme n' existe pas.“ (Seminar XVIII, 1970–1971)

Gilles Deleuze und Félix Guattari betonen in ihrem Buch Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I die gesellschaftliche Ausrichtung der Wunschproduktion. Das Buch versteht sich als Kritik an Jacques Lacan und der Psychoanalyse.

Camille Paglia bezeichnete 1991 die postmoderne Philosophie in einer spektakulären Vorlesung am MIT als „French Rot“ („französischen Quatsch“) und machte insbesondere den Erfolg Lacans für die Krise der amerikanischen Universitäten wie auch für die Lebensfremdheit ihrer Absolventen verantwortlich.[9]

Der Physiker Alan Sokal warf Lacan vor, mathematische Begriffe willkürlich und dazu noch zumeist falsch ausgelegt zu verwenden. Als Motiv vermutete der Kritiker der Postmoderne das „Zurschaustellen von Halbbildung“ und das rhetorische „Aufpolieren sinnloser Sätze“. Lacans Texte ließen sich als „Säkularer Mystizismus“ beschreiben, „da der Diskurs geistig etwas bewirken möchte, was nicht ausschließlich ästhetischer Natur ist, aber dennoch nicht die Vernunft anspricht“. Ein im postmodernen Stil und mit etlichen Zitaten Lacans verfasster Unsinnstext wurde von einer renommierten Zeitschrift angenommen und führte 1996 zur sogenannten Sokal-Affäre.

Der Psychoanalytiker, Mathematiker und Arzt Antonello Sciacchitano hat in seinen Werken gezeigt, dass Lacan nur über beschränkte mathematische Kenntnisse verfügte und sie eher in einem metaphorisch-illustrativen als in einem wissenschaftlich-präzisen Sinn verwendete, um seine Theorien zu stützen.[10] Sciacchitano regt demgegenüber an, sich gewissenhaft mit der modernen Mathematik zu befassen und führt aus, dass die unterschiedlichen Formen des Begehrens als mathematische Theoreme gefasst werden können .[11]

Siehe auch

Fußnoten

  1. Elisabeth Roudinesco & Michel Plon: Wörterbuch der Psychoanalyse. Namen, Länder, Werke, Begriffe. Springer, Wien 2004; ISBN 3-211-83748-5; Seite 277 f.: Google books
  2. Vgl. dazu ausführlich Nicolas Langlitz: Lacans Praxis der variablen Sitzungsdauer und seine Theorie der Zeitlichkeit. Digitale Dissertation an der FU Berlin (2004).
  3. Se reporter à l'article de Pierre Macherey, Le Leurre hégélien., in Le Bloc Note de la Psychanalyse, Band 5, (1985), S. 27–50.
  4. Gerhard Schmitz: Das Seminar von Lacan, in: Gondek et al.: Jacques Lacan – Wege zu seinem Werk, S. 238.
  5. Elisabeth Roudinesco, Histoire de la psychanalyse en France, T. 2, Fayard, 1994, pp. 118 et suivantes Der BibISBN-Eintrag Vorlage:BibISBN/2213593590 ist nicht vorhanden. Bitte prüfe die ISBN und lege ggf. einen neuen Eintrag an..
  6. Elisabeth Roudinesco und Michel Plon: Wörterbuch der Psychoanalyse. Springer, Wien 2004, ISBN 3-211-83748-5, S. 589.
  7. Vgl. u. a. Louis Althusser: Freud und Lacan sowie ders.: Marx und Freud.
  8. Philipp Sarasin: Michel Foucault zur Einführung. Hamburg: Junius 2006 (2., überarb. Auflage), S. 156.
  9. Camille Paglia: Die MIT Vorlesung. Zur Krise der amerikanischen Universitäten. In: dies.: Der Krieg der Geschlechter. Sex, Kunst und Medienkultur. Berlin: Byblos 1993.
  10. Antonello Sciacchitano: "Unendliche Subversion. Die wissenschaftlichen Ursprünge der Psychoanalyse und die psychonanalytischen Widerstände gegen die Wissenschaft", Wien 2008, S. 93 ff.
  11. Antonello Sciacchitano: "Das Unendliche und das Subjekt. Warum man etwas von Mathematik verstehen sollte, wenn man über Psychoanalyse spricht", Zürich 2004.

Werke

Werkausgabe

  • Schriften. Ausgew. und hrsg. von Norbert Haas. 3 Bände. Olten/Freiburg im Breisgau: Walter 1973–1980; Taschenbuchausgabe bei Suhrkamp 1975 (nur Bd. 1); sowie: Weinheim/Berlin: Quadriga 1991 ff. ISBN 3-88679-903-4 (alle drei Ausgaben sind seitenidentisch)
  • Das Seminar. (Bde.: I, II, III, IV, V, VII, X, XI, XX) Olten/Freiburg: Walter 1978 ff.; Weinheim/Berlin: Quadriga 1986 ff.; Wien: Turia + Kant 2000 ff.; Wien: Passagen 2007 f.

Einzelausgaben

  • Zusammenfassende Wiedergaben der Seminare IV–VI von Jacques Lacan. Hrsg. von Jean-Bertrand Pontalis. Wien: Turia + Kant 1999, 2. Aufl. 2009. ISBN 978-3-85132-491-4
  • Radiophonie/Television. Übers. von Hans-Joachim Metzger, Jutta Prasse u. Hinrich Lühmann. Weinheim/Berlin: Quadriga 1988. ISBN 3-88679-908-5
  • Namen-des-Vaters. Übers. von Hans-Dieter Gondek. Wien: Turia + Kant 2006. ISBN 3-85132-450-1
  • Über die paranoische Psychose in ihren Beziehungen zur Persönlichkeit und Frühe Schriften über die Paranoia. 1. Auflage. Passagen Verlag, Wien 2002 (Originaltitel: De la psychose paranoïaque dans ses rapports avec la personnalité suivi de Premiers écrits sur la paranoïa, übersetzt von Hans-Dieter Gondek), ISBN 978-3-85165-406-6.
  • Der Triumph der Religion, welchem vorausgeht Der Diskurs an die Katholiken. Übers. von Hans-Dieter Gondek. Wien: Turia + Kant 2006. ISBN 978-3-85132-451-8
  • Das Freudsche Ding oder Der Sinn einer Rückkehr zu Freud in der Psychoanalyse. Erweiterte Fassung eines Vortrags, gehalten am 7. November 1955 an der Neuro-psychiatrischen Universitätsklinik Wien. Aus dem Franz. übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Monika Mager. Wien: Turia + Kant 2006. ISBN 978-3-85132-452-5
  • Über den „Trieb“ bei Freud und das Begehren des Psychoanalytikers. In: Lacan – Trieb und Begehren.. Hrsg. von Christian Kupke. Berlin: Parodos 2007. ISBN 978-3-938880-06-7
  • Meine Lehre. Wien: Turia + Kant 2008. ISBN 978-3-85132-471-6
  • Der individuelle Mythos des Neurotikers. Oder: Dichtung und Wahrheit in der Neurose. Wien: Turia + Kant 2008. ISBN 978-3-85132-550-8

Literatur

  • Wolfram Bergande: Lacans Psychoanalyse und die Dekonstruktion. Wien: Passagen 2002. ISBN 3-85165-520-6
  • Tim Caspar Boehme: Ethik und Genießen: Kant und Lacan. Wien: Turia + Kant 2005. ISBN 3-85132-416-1
  • Claudia Blümle, Anne von der Heiden (Hrsg.): Blickzähmung und Augentäuschung. Zu Jacques Lacans Bildtheorie. Zürich/Berlin: Diaphanes 2005. ISBN 3-935300-80-8
  • Christoph Braun: Die Stellung des Subjekts. Lacans Psychoanalyse. Berlin: Parodos 2007. ISBN 3-938880-08-2
  • Andreas Cremonini: Die Durchquerung des Cogito. Lacan contra Sartre, München: Fink 2003. ISBN 3-7705-3883-8
  • Jacques Derrida: Aus Liebe zu Lacan. in: ders.: Vergessen wir nicht – die Psychoanalyse! Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1998, S. 15–59. ISBN 3-518-11980-X
  • Dylan Evans: Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse. Wien: Turia + Kant 2002. ISBN 3-85132-190-1
  • Bruce Fink: Eine klinische Einführung in die Lacansche Psychoanalyse. Theorie und Technik. Wien: Turia + Kant 2005, 2., durchges. Auflage 2009. ISBN 978-3-85132-323-8
  • Bruce Fink: Das Lacansche Subjekt. Zwischen Sprache und Jouissance. Wien: Turia + Kant 2006. ISBN 978-3-85132-417-4
  • Hans-Dieter Gondek: Von Freud zu Lacan. Philosophische Zwischenschritte. Wien: Turia + Kant 1999. ISBN 978-3-85132-198-2
  • Iris Hanika und Edith Seifert: Die Wette auf das Unbewußte oder Was Sie schon immer über Psychoanalyse wissen wollten. – Frankfurt: Suhrkamp 2006.
  • Kai Hammermeister: Jacques Lacan. München: C.H. Beck, 2008. ISBN 978-3-406-57374-3
  • Franz Kaltenbeck: Lesen mit Lacan. Aufsätze zur Psychoanalyse. Wien: Turia + Kant 1998. ISBN 978-3-85132-114-2
  • Christian Kupke (Hrsg.): Lacan – Trieb und Begehren. Berlin: Parodos 2007. ISBN 978-3-938880-06-7
  • Hermann Lang: Die Sprache und das Unbewusste: Jacques Lacans Grundlegung der Psychoanalyse. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1986 (= Univ.-Diss., Heidelberg 1972). ISBN 3-518-28226-3
  • Nicolas Langlitz: Die Zeit der Psychoanalyse: Lacan und das Problem der Sitzungsdauer. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2005. ISBN 3-518-29357-5 (= Univ.-Diss., FU Berlin 2004 online)
  • Thanos Lipowatz: Politik der Psyche. Eine Einführung in die Psychopathologie des Politischen. Wien: Turia + Kant 1998. ISBN 3-85132-156-1
  • Jacques-Alain Miller u. a.: Von einem anderen Lacan. Wien: Turia + Kant 1993. ISBN 978-3-85132-063-3.
  • Jaques-Alain Miller: Vie de Lacan. Écrite a lintention de l'opinion éclairée. Navarin, Paris 2011.
  • Nina Ort: Objektkonstitution als Zeichenprozeß: Jacques Lacans Psychosemiologie und Systemtheorie. Wiesbaden: DUV 1998. ISBN 3-8244-4276-0
  • Gerda Pagel: Jacques Lacan zur Einführung, Hamburg: Junius 2002 (4. Aufl.). ISBN 3-88506-364-6
  • Élisabeth Roudinesco: Jacques Lacan. Bericht über ein Leben, Geschichte eines Denksystems. Köln: Kiepenheuer und Witsch 1996. ISBN 3-462-02574-0. (Tb.: ISBN 3-596-13843-4)
  • Élisabeth Roudinesco: Lacan, envers etcontre tout. 'Editions du Seuil, Paris 2011, ISBN 978-2-02-105523-8.
  • Gregor Schwering: Benjamin – Lacan. Vom Diskurs des Anderen. Wien. Turia + Kant 1998. ISBN 978-3-85132-186-9.
  • Edith Seifert: Was will das Weib? Zu Begehren und Lust bei Freud und Lacan, Weinheim/Berlin: Quadriga 1987. ISBN 3-88679-952-2.
  • Bernhard H. F. Taureck: Psychoanalyse und Philosophie. Lacan in der Diskussion, Frankfurt a.M.: Fischer 1992. ISBN 3-596-10911-6.
  • Samuel Weber: Rückkehr zu Freud. Jacques Lacans Ent-stellung der Psychoanalyse, Wien: Passagen 2000. ISBN 3-85165-424-2.
  • Peter Widmer: Subversion des Begehrens: Jacques Lacan oder die 2. Revolution der Psychoanalyse. Frankfurt a.M.: Fischer 1990. ISBN 3-596-24188-X; Neuauflage: Subversion des Begehrens. Eine Einführung in Jacques Lacans Werk, Wien: Turia + Kant 1997. ISBN 3-85132-150-2.
  • Slavoj Žižek: Liebe Dein Symptom wie Dich selbst! Jacques Lacans Psychoanalyse und die Medien. Berlin: Merve 1991. ISBN 3-88396-081-0.
  • Slavoj Žižek: Mehr-Genießen. Lacan in der Populärkultur. Wien: Turia + Kant 1992. ISBN 3-85132-037-9.
  • Slavoj Žižek: Lacan in Hollywood. Wien: Turia + Kant 2000. ISBN 3-85132-276-2.
  • Slavoj Žižek: Die Tücke des Subjekts. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2004. ISBN 3-518-58304-2.
  • Slavoj Žižek: Lacan. Eine Einführung. Frankfurt am Main: Fischer 2008. ISBN 978-3-596-17626-7.

Weblinks

 Commons: Jacques Lacan – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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Dieser Artikel wurde am 20. Oktober 2006 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen.


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