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Jüdisches Viertel von Damaskus

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Jüdische Familie in Damaskus, 1910
Altstadt von Damaskus 1855, mit Stadttoren und Stadtmauer. Im Südosten, südlich der Geraden Straße, bei den Stadttoren Bab Sharky und Bab Kisan das Jüdische Viertel (Jewish Quarter), im Nordosten das jüdische.
Altstadt von Damaskus 1958, Stadtmauer nicht eingezeichnet. Das Judenviertel im Südosten trägt noch immer diesen Namen (Hâret al-Yahoud, حارة اليهود).

Das Jüdische Viertel von Damaskus (arabisch حارة اليهود, DMG Hārat al-Yahūd) ist das bis 1948 vor allem von Juden bewohnte Viertel im südöstlichen Teil der Altstadt von Damaskus. Die beiden anderen Stadtviertel sind das muslimische Viertel in der westlichen Hälfte und das christliche Viertel (حارة النصارى, DMG Hārat an-Naṣārā) im Nordosten der Altstadt.

Name

Das Jüdische Viertel der Altstadt von Damaskus war nicht der einzige überwiegend von Juden bewohnte Stadtteil im heutigen Stadtgebiet der Hauptstadt; so lebten bis zu den verheerenden Ausschreitungen im Zuge der Damaskusaffäre auch in der einst eigenständigen, 2 km nordöstlich des Stadttores Bab Scharqi liegenden, heute aber zur Hauptstadt gehörenden Ortschaft Dschubar vorwiegend Juden. Die dortige Synagoge stand auch nach dem Exodus der Juden bis zu ihrer völligen Zerstörung im Bürgerkrieg in Syrien, allerdings zweckentfremdet als Schule.

Dennoch ist in Publikationen mit „Judenviertel von Damaskus“ das Viertel in der Altstadt gemeint.[1][2]

Auf neueren Stadtplänen findet man statt der Bezeichnung Hārat al-Yahūd (bisweilen auch die Transkription Hâret al-Yahoud) häufiger den Namen al-Amīn (الأمين) nach der in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Straße, die das Viertel nach Westen begrenzt.

Ausdehnung

In der Mitte der Geraden Straße (الشارع المستقيم, DMG aš-Šāriʿ al-Mustaqīm, die vom Bāb al-Dschābiya (باب الجابية) im Westen bis zum Osttor Bāb Scharqī (باب شرقي) (Bāb Sharqi) verläuft, befindet sich ein römischer Triumphbogen. Dieser gilt als Grenze zwischen dem muslimischen Teil im Westen und dem christlichen und jüdischen Teil im Osten, wobei im Wesentlichen nördlich der Geraden Straße das christliche und südlich das einstige jüdische Stadtviertel liegt. Allerdings ist der Bereich südlich der Geraden Straße zwischen der Sackgasse Ḥārat az-Zaitūn (حارة الزيتون ‚Olivengasse‘) und dem Bāb Scharqi, der von drei Kathedralen und ihren Einrichtungen dominiert wird, ebenfalls dem christlichen Viertel zuzurechnen. Die Gerade Straße heißt östlich vom römischen Triumphbogen, also im Bereich des christlichen Viertels, offiziell Šāriʿ Bāb Šarqī (شارع باب شرقي). Beim Triumphbogen zweigt nach Süden die Straße Šāriʿ al-Amīn (شارع الأمين) ab, die das jüdische Viertel im Westen begrenzt.[3]

Beschreibung des Viertels und Sehenswürdigkeiten

Die Reisebuchautorin Diana Darke beschreibt das Jüdische Viertel im Jahre 2006 als heruntergekommen und verlassen, da die Juden von Damaskus die Stadt ab Ende der 1940er Jahre verließen, zuletzt in einer Emigrationswelle in den 1990er Jahren. Sie beobachtete Anfang der 2000er Jahre vier verlassene Synagogen, alle aus dem 19. und dem 20. Jahrhundert. Viele Häuser hier sind verfallen und in Ruinen. Vor dem Bürgerkrieg gab es deshalb Pläne, die Gegend in ein Künstlerviertel umzugestalten und so wiederzubeleben. 200 m südlich vom Triumphbogen und der Bāb-Scharqi-Straße steht an der westlichen Seite der al-Amin-Straße (damit eigentlich nicht mehr im jüdischen Viertel) der „arabische Palast“ Beit Dahdah, welcher der christlichen Familie Dahdah gehört und in dem gelegentlich Feiern und Kulturveranstaltungen stattfinden.[3] Laut einem syrischen Tourismusführer gibt es im jüdischen Viertel noch drei intakte Synagogen: Die Al-Menarscha-Synagoge[4] und die Al-Racqy-Synagoge[5] stehen noch, aber ungenutzt. In der Al-Faranj-Synagoge (Elfarange), der „Fränkischen Synagoge“, finden als einziger in Damaskus noch Gottesdienste statt, wobei nur noch sehr wenige Juden in der Stadt leben.[6][7] Die 2013 im Bürgerkrieg dem Erdboden gleich gemachte, im damals von Rebellen beherrschten Dschubar 2 km nordöstlich liegende Dschobar-Synagoge ist in dem Reiseführer bereits als zerstört genannt.[7] Laut einem Bericht der Times of Israel vom November 2019 soll es aber in Syrien inzwischen keinen einzigen Juden mehr geben. Der russische Präsident Wladimir Putin kündigte in dem Jahr an, den Juden in Syrien zu helfen, ihre heiligen Stätten wieder aufzubauen.[8] Mehr Leben gibt es dagegen in der nahe gelegenen Roten Moschee von Damaskus.

Geht man vom Osttor kommend und an der südlich abgehenden „Olivengasse“ vorbei die Gerade Straße entlang nach Westen, so kommt man durch einen kleinen Park, wo sich junge Sänger und auch Liebespaare treffen, und der als Qischla bezeichnet wird – nach dem Türkischen Wort für „Kaserne“, denn hier befanden sich in der Zeit der osmanischen Herrschaft tatsächlich eine Kaserne.[6]

Geschichte

Juden gab es in Damaskus seit der Zeit König Davids rund ein Jahrtausend vor Christi Geburt. In der Römerzeit lebten zur Zeit Jesu etwa 10.000 Juden in Damaskus,[9] die von einem Ethnarch regiert wurden. In der Apostelgeschichte kann man im 9. Kapitel lesen, dass Saulus mit Briefen an die Synagogen in Damaskus gesandt wurde, dass Anhänger Jesu in diesen gefangen gesetzt werden sollten (Apg 9,2 EU). Nach seinem Damaskuserlebnis konnte Saulus etliche Juden für den Glauben an Jesus gewinnen. Dies brachte den Ethnarchen derart auf, dass er Saulus verhaften wollte, doch dieser entkam durch ein Fenster in der Stadtmauer – angeblich Bab Kisan – seinen Häschern (Apg 9,25 EU). Im ersten jüdisch-römischen Krieg wurden viele Juden von heidnischen Einwohnern der Stadt getötet.[10] Im fünften Jahrhundert, als das Christentum bereits Staatsreligion im Römischen Reich war – in der Zeit des Talmud – predigte Rabbi Rafram bar Pappa in der Dschobar-Synagoge.[11]

Mit der islamischen Eroberung von Damaskus 636 durch Chālid ibn al-Walīd begann die islamische Herrschaft über die Stadt. Im Jahre 706 ließ Kalif al-Walid I. die Johannes-der-Täufer-Kathedrale in die Umayyaden-Moschee umwandeln, verfügte aber gleichzeitig, dass die Christen ihre übrigen Kirchen und die Juden ihre Synagogen weiter besuchen könnten, allerdings als Dhimmis bei Zahlung der Dschizya.[12][13] Ibn ʿAsākir berichtet Anfang der 12. Jahrhunderts, dass nicht nur acht von 14 Kirchen der Stadt verfallen und eine zerstört waren, sondern dass neben drei Kirchen auch die Synagogen in Moscheen umgewandelt worden waren.[12] Nach der Eroberung Jerusalems im Ersten Kreuzzug 1099 gab es nach Damaskus einen Zustrom an etwa 50.000 Juden, die aus Jerusalem vor den Kreuzrittern auf der Flucht waren. So wuchs die jüdische Gemeinde in Damaskus zu einer der größten jüdischen Gemeinden der Welt heran.[8]

Die in Palästina (also auch die aus Jerusalem stammenden) und in Syrien (und damit auch in Damaskus) alt eingesessenen Juden wurden als Musta'arabim („Arabischsprecher“) oder Moriscos bezeichnet. Von diesen zu unterscheiden waren die sephardischen Juden, die durch die Vertreibung aus Spanien nach dem Fall von Granada 1492 ins Land kamen und lange ihre jüdisch-spanische Sprache bewahrten, das Ladino (Judenspanisch). Im 17. bis zum 19. Jahrhundert kamen schließlich etliche Juden aus Italien und Frankreich als Händler nach Damaskus, die als die „Herren Franken“ (Señores Francos) bekannt wurden. Diese europäischen Juden behielten zu großen Teilen ihre Staatsangehörigkeit bei und waren dadurch nicht als Dhimmis der islamischen Gerichtsbarkeit, sondern den europäischen Konsulargerichten gemäß den Kapitulationen des Osmanischen Reiches unterworfen.[9] So zahlten Mitte des 19. Jahrhunderts von den 4000 Juden in Damaskus nur etwa 1000 – Dhimmis – die Kopfsteuer. Im Municipalrat von Damaskus waren seinerzeit zwei Plätze für Christen und einer für einen Juden reserviert, doch wurden diese Plätze oft nicht eingenommen. Die jüdische Gemeinschaft der Karäer starb in Damaskus in dieser Zeit aus, und ihre Synagoge wurde an die Melkitische Griechisch-katholische Kirche verkauft und in eine Kirche umgewandelt.[14] Das Verschwinden des Paters Tomaso und seines muslimischen Dieners Ibrahim Amara am 5. Februar 1840 aus dem heute nicht mehr existierenden Kapuzinerkloster führten zur so genannten Damaskusaffäre, bei der Juden der Stadt des Ritualmords angeklagt wurden und es zu schweren Ausschreitungen gegen Juden kam.[15][16]

Einen tiefen Einschnitt – kurz nach der Gründung des Staates Israel am 14. Mai 1948 – bedeutete für die Juden von Damaskus der Angriff auf die Menarscha-Synagoge des Viertels durch muslimische Täter am 8. August 1948, bei dem zwölf Menschen starben und nach dem viele Juden die Stadt fluchtartig in Richtung Israel verließen. So begann der Verfall des auch als al-Amin bekannten ehemaligen Judenviertels. Die Juden in Syrien und somit auch in Damaskus lebten unter strengen Restriktionen. Sie durften beispielsweise nicht Mitglieder der Sicherheitsorgane werden und nur Einzelpersonen, nicht jedoch ganze Familien, durften außer Landes reisen. 1992 lebten noch etwa 4000 Juden in Damaskus. Ab dem Pessach-Fest 1992 gestattete die Regierung von Hafiz al-Assad den Juden Syriens die Ausreise, wenn sie versicherten, nicht nach Israel auszuwandern. Innerhalb weniger Monate wanderte ein großer Teil von ihnen in die Vereinigten Staaten, insbesondere nach Brooklyn aus, einige wenige nach Frankreich und in die Türkei. Das jüdische Viertel von Damaskus wurde danach als „zu 90 % leer“ (unbewohnte Häuser) beschrieben.[17]

Vor dem Bürgerkrieg gab es Pläne, die Gegend in ein Künstlerviertel umzugestalten.[1][17] Die Al-Menarscha-Synagoge[4] und die Al-Racqy-Synagoge[5] überstanden die Zeit und sind weiterhin zugänglich, ohne jedoch noch als Synagogen genutzt zu werden. Nur in der Al-Faranj-Synagoge (Elfarange), der „Fränkischen Synagoge“, finden noch Gottesdienste statt, und nur sehr wenige Juden leben noch in der Stadt.[6][7]

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Diana Darke: Syria. Bradt Travel Guides, 2006. S. 91f. The Jewish quarter.
  2. Siehe auch Jewish Quarter auf der Landkarte: J. L. Porter: Map of Damascus. In: Five years in Damascus: Including an Account of the History, Topography, and Antiquities of That City; with Travels and Researches in Palmyra, Lebanon, and the Hauran, Five years in Damascus. J. Murray, London 1855.
  3. 3,0 3,1 Diana Darke: Syria. Bradt Travel Guides, 2006. S. 91–95.
  4. 4,0 4,1 Al-Menarsha Synagogue. Abgerufen am 30. April 2020.
  5. 5,0 5,1 Al-Racqy Synagogue. Abgerufen am 30. April 2020.
  6. 6,0 6,1 6,2 Omar al Jbain: ‘Syria was his promised land’: why Moshe the foreigner stayed in the Jewish Quarter of Damascus. Raseef22.net, 19. Juni 2019.
  7. 7,0 7,1 7,2 Al-Faranj Synagogue. Abgerufen am 30. April 2020.
  8. 8,0 8,1 Raphael Ahren: Community is gone, but Putin claims to help Syrian Jews restore their holy sites. Although no Jews are known to still live in the war-torn country, Russian president says his government is cooperating with Syrian Jews on ‘ongoing basis’. The Times of Israel, 1. November 2019.
  9. 9,0 9,1 Brooke Allen: The Other Side of the Mirror: An American Travels through Syria. Paul Dry Books, Philadelphia 2011. S. 123.
  10. Josephus: Jüdischer Krieg, ii. 20, § 2; vii. 8, § 7
  11. Babylonian Talmud, Berachot 50a
  12. 12,0 12,1 Justin Marozzi: Islamic Empires – Fifteen Cities that Define a Civilization. Penguin Books, London 2019. Kapitel 2, 8th Century: Damascus – The Perfumed Paradise (GB, GB).
  13. Christian C. Sahner: Umayyad Mosque – A Glittering Crossroads (Memento vom 30. Juli 2010 im Internet Archive). Wall Street Journal, 17. Juli 2010.
  14. Alfred von Kremer: Mittel-Syrien und Damaskus, 1853. Zitiert in: Zacharias Frankel (Hrsg.): Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums. Unter Mitwirkung mehrerer Gelehrten, Band 3. Kuntze, 1854, S. 75.
  15. Peter Haber: Zwischen jüdischer Tradition und Wissenschaft. Dissertation. Universität Basel 2005. Böhlau-Verlag, Köln 2006, ISBN 3-412-32505-8, S. 280.
  16. Allgemeine Zeitung des Judenthums. IV. Jg., No. 18, Leipzig, 2. Mai 1840, S. 253.
  17. 17,0 17,1 Andrew England: Damascus gives old Jewish quarter new life. Restoration produces hotels and art studios. The Financial Times, 19. Mai 2010.


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