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Polyneuropathie

Aus Jewiki
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Klassifikation nach ICD-10
G62.9 Polyneuropathie, nicht näher bezeichnet
häufige Ursachen:
G62.1 Alkohol-Polyneuropathie
G62.0 Arzneimittelinduzierte Polyneuropathie
G62.8[1] Criticall-Illness-Polyneuropathie
G61.0 Guillain-Barré-Syndrom
G63.-* Polyneuropathie bei anderenorts klassifizierten Krankheiten, z. B. bei Diabetes, Neubildungen, alimentären Mangelzuständen
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

Polyneuropathie ist der Oberbegriff für bestimmte Erkrankungen des peripheren Nervensystems, die mehrere Nerven betreffen. Abhängig von der jeweiligen Ursache können motorische, sensible oder auch vegetative Nerven gemeinsam oder auch schwerpunktmäßig betroffen sein. Die Erkrankung kann eher die Isolationsschicht der Nerven (Myelin) oder eher den Zellfortsatz (Axon) selbst betreffen, sie kann sich eher körperfern (distal) an Händen und Füßen oder sehr viel seltener auch körpernah (proximal) zeigen, es gibt symmetrische und asymmetrische (fokale und multifokale) Formen; stets aber sind mehrere periphere Nerven betroffen (griech. poly „viele“). Die Symptome können je nach betroffenem Nervenfasertyp und betroffener Körperregion sehr vielfältig sein.

Fluoreszenzmikroskopie: Querschnitt, Biopsie-Material eines normalen menschlichen Nervus peroneus, der mit dem Serum eines HIV-positiven Patienten mit anti-Myelin Antikörpern incubiert wurde

Häufige Ursachen

Mögliche weitere Ursachen

Die im höheren Alter häufige Spinale Stenose im Bereich der Lendenwirbelsäule kann PNP-artige Symptome wie das Sockengefühl verursachen.[6]

Symptome

  • Polyneuropathische Sensibilitätsstörungen können mit verschiedener Verteilung am Körper auftreten. Da die Zellkörper (Somata) der sensiblen Nervenzellen in den Ganglien nahe am Rückenmark liegen und die Nervenfortsätze von dort aus versorgt werden, nehmen die längsten Fasern, die bis hin zum großen Zeh versorgt werden müssen, am ehesten Schaden. Häufig beginnt die Erkrankung daher mit unangenehmen Missempfindungen der Zehen beidseits. Wenn die Erkrankung fortschreitet, wird die Verteilung der Sensibilitätsstörungen gelegentlich als „handschuh- oder sockenförmig begrenzt“ beschrieben. Die betroffenen Körperbereiche können spontan kribbeln und sind dann unangenehm und mitunter sehr störend, entweder taub oder brennend schmerzhaft. Es können Missempfindungen wie Hitze- oder Kälte- und Schwellungsgefühle, z. B. „wie im Schraubstock“ oder auch eine Allodynie (Berührungsreize werden als Schmerzen empfunden) auftreten.
  • Bedingt durch die fehlenden oder verfälschten sensiblen Informationen über die Gelenkstellungen, den Druck beim Auftreten und den Grad der Muskelanspannung kann es zu „peripher bedingten“, ataktischen Koordinationsstörungen kommen. Solche Patienten sind dann vor allem bei geschlossenen Augen nicht mehr in der Lage, sicher zu gehen.
  • Periphere, atrophische und oft symmetrische Lähmungen
  • Trophische Veränderungen der Haut, wenn periphere vegetative Nervenfasern betroffen sind. Hier kann es zu einem Geschwür kommen, zu Hypohidrose (verminderte Produktion von Schweiß), Magen-, Darm- und Blasenentleerungsstörungen sowie Potenzstörungen, Ruhetachykardie und Störungen der Pupillomotorik mit Einschränkung der Mydriasis (Pupillen-Dilatation).

Diagnostik

  • Anamnese: Die Patienten berichten über fehlende Wahrnehmung (Minussymptomatik) oder Gefühlsstörungen wie Kribbeln, Ameisenlaufen, Brennen (Plussymptomatik).
  • Inspektion: Auffällig trockene Haut kann bei symmetrischem Befall ein Hinweis auf eine Neuropathie sein.
  • Prüfung des Patellarsehnen- und Achillessehnenreflex (PSR und ASR). Das Fehlen des ASR ist verdächtig auf eine Polyneuropathie.
  • Kalt-Warm-Unterscheidung: Der Patient sollte bei Berührung der Fußsohle unterscheiden können zwischen einer kalten Metallfläche von ca. 1,5 cm Durchmesser und einer gleich großen Plastikfläche.
  • Sensibilitätsprüfung, etwa mit dem Monofilament nach Semmes-Weinstein: Dabei handelt es sich um einen Nylonfaden, der durch Verbiegen einen definierten Druck von 0,1 Newton ausübt. Das Filament wird z. B. auf den Fußballen zwischen dem ersten und zweiten Zehengrundgelenk aufgesetzt. Der Patient wird zunächst aufgefordert, die Augen zu schließen und die Lokalisation der Berührung anzugeben. Bei fünf Berührungspunkten sollten mindestens drei korrekt angegeben werden.
  • Untersuchung des Vibrationsempfindens mit der Stimmgabel nach Rydel und Seiffer: Die massive Metall-Stimmgabel nach Rydel und Seiffer hat eine Frequenz von 128 Hz, die durch zwei aufschraubbare Metallblöcke auf 64 Hz reduziert ist. Auf den Metallblöcken befinden sich zwei spitzwinklige Dreiecke, die sich beim Schwingen der Gabel überschneiden und mit Hilfe einer Skala mit acht Unterteilungen erlauben, die Stärke der Schwingung zu ermitteln, bis zu der der Patient die Vibration noch wahrnimmt. Während der Schwingung wandert ein virtuelles Dreieck von 0/8 nach 8/8. Normal ist bis zum 50. Lebensjahr bis 6/8, über dem 50. Lebensjahr bis 5/8. Bei geringerer oder fehlender Wahrnehmung besteht der Verdacht einer Polyneuropathie.
  • Elektroneurographie: Messung der Nervenleitgeschwindigkeit und des Nervensummenpotentials an subkutanen Nerven. Verminderung der Nervenleitgeschwindigkeit findet sich bei Erkrankungen der Myelinscheide (Demyelinisierung). Bei axonalen Schädigungsmustern verringert sich dagegen das Nervensummenpotential.
  • Pathologische Diagnostik: Entnahme eines Stückes des Nervus suralis. Dieser liegt relativ oberflächlich unter der Haut des Unterschenkels und hat nach der Entnahme nur einen geringen Verlust von Sensibilität im Bereich des Unterschenkels. Untersuchungen erfolgen in der Regel am normalen Paraffin-Schnitt, an Semi-Dünnschnitten und mit Hilfe der Elektronenmikroskopie.
  • Eine Beteiligung des vegetativen (autonomen) Nervensystems kann durch einen Schweißtest, eine Kipptischuntersuchung, eine Untersuchung der Magenentleerungszeit sowie eine Messung der Herzfrequenzvariabilität nachgewiesen werden.

Laborwerte

Bestimmt werden sollten der HbA1c-Wert, die Nieren- und Leberwerte, bei Verdacht auf Alkoholmissbrauch der Alkoholspiegel und der CDT-Wert. Wichtig sind auch Hinweise auf einen Vitamin-B12-Mangel (Erythrozytengröße), Vitamin-B-12-Spiegel, bei grenzwertigen Vitaminspiegeln zusätzlich Holo-Transcobalamin, bei nachgewiesenem Vitaminmangel Bestimmung der Antikörper gegen Parietalzellen der Magenschleimhaut.

Differentialdiagnose

Therapie

Therapiert wird ursachenspezifisch nach der Grunderkrankung und/oder symptomatisch. Eine gezielte Behandlung ist nur dann möglich, wenn die Ursache der Polyneuropathie erkannt wurde. Ursachenabhängige Therapiemaßnahmen sind zum Beispiel:

Siehe auch

Spezialfälle

Mögliche Erscheinungsformen

Abzugrenzen gegen

Literatur

Einzelnachweise

  1. Alphabetisches Verzeichnis zur ICD-10-WHO Version 2019, Band 3. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI), Köln 2019, S. 161.
  2. RG. Miller, GJ. Parry, W. Pfaeffl, W. Lang, R. Lippert, D. Kiprov: The spectrum of peripheral neuropathy associated with ARC and AIDS.. In: American Association of Neuromuscular & Electrodiagnostic Medicine. 11, Nr. 8, Wiley, New York 1988, S. 857-863..
  3. Nierenversagen: Symptome. Website der Apotheken Umschau; abgerufen am 13. Oktober 2019
  4. Polyneuropathie: Kribbeln, Taubheitsgefühle & Co. Onmeda; abgerufen am 13. Oktober 2019
  5. Study of micronutrients (copper, zinc and vitamin B12) in posterolateral myelopathies. In: Journal of the neurological sciences Volume 329, Issues 1-2, Pages 11–16
  6. Spinalkanalstenose. Abgerufen am 20. Januar 2018.
  7. Effektive Behandlung der symptomatischen diabetischen Polyneuropathie durch hochfrequente externe Muskelstimulation
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