Jewiki unterstützen. Jewiki, die größte Online-Enzy­klo­pädie zum Judentum.

Helfen Sie Jewiki mit einer kleinen oder auch größeren Spende. Einmalig oder regelmäßig, damit die Zukunft von Jewiki gesichert bleibt ...

Vielen Dank für Ihr Engagement! (→ Spendenkonten)

How to read Jewiki in your desired language · Comment lire Jewiki dans votre langue préférée · Cómo leer Jewiki en su idioma preferido · בשפה הרצויה Jewiki כיצד לקרוא · Как читать Jewiki на предпочитаемом вами языке · كيف تقرأ Jewiki باللغة التي تريدها · Como ler o Jewiki na sua língua preferida

Juden in Neustadt (Hessen)

Aus Jewiki
Zur Navigation springen Zur Suche springen

In der oberhessischen Kleinstadt Neustadt (Hessen) lebten 1933 rund 120 Juden.[1] Damit war die jüdische Gemeinde Neustadts die zweitgrößte im damaligen Landkreis Marburg.[2] Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers gelang es einigen Dutzend Juden, in die USA, nach Argentinien, Australien oder Südafrika auszuwandern.[3] 1942 wurden die letzten jüdischen Einwohner Neustadts deportiert, rund 70 starben qualvoll in nationalsozialistischen Konzentrationslagern.[4]

16. Jahrhundert bis 1933

Historische Dokumente belegen, dass bereits im Jahr 1513 jüdische Menschen in Neustadt zu Hause waren.[5] 1812 gab es 24 jüdische Familien. 1905 waren es 108 Frauen, Männer und Kinder, bei einer Gesamteinwohnerzahl von rund 2.000. Jüdische Männer arbeiteten als Viehhändler, Metzger, Lehrer oder betrieben Geschäfte (Schuhe, Textilien, Futtermittel, Getreide, u.a.), berufstätige jüdische Frauen waren als Verkäuferin, Hausangestellte oder Lehrerin tätig.[6] Die Neustädter Juden unterhielten eine Synagoge, eine Schule, ein rituelles Bad und einen Friedhof, der nordöstlich außerhalb der Stadt liegt.[7]

1933 bis 1942

Akten des Hessischen Staatsarchivs Marburg belegen, dass sich 1933 insgesamt 14 Neustädter Häuser, zumeist in der Marktstraße, in jüdischem Besitz befanden.[8] Nach der Machtergreifung Hitlers litten auch die Neustädter Juden unter dem wirtschaftlichen Boykott, unter Entrechtung und zunehmender Unterdrückung.[9] Viele waren gezwungen, die Stadt zu verlassen sowie Häuser und Geschäfte unter Wert zu verkaufen. Von den „Arisierungen“ profitierten auch in Neustadt Mitglieder der NSDAP.[10] Im September 1940 schrieb Louis Wiederstein, der nationalsozialistische Bürgermeister Neustadts, an den Landrat in Marburg: „Hier sind jüdische Gewerbebetriebe nicht mehr vorhanden.“[11]

Das Schicksal des Gemeindeältesten Sally Levi

Sally Levi, geboren 1889, war Inhaber der Handelsfirma M. Stern in der Marktstrasse.[12] Er hatte das Amt des Gemeindeältesten inne. Im Februar 1939, wenige Monate nach der Pogromnacht vom 9. November 1938, floh er nach Köln. Akten der Oberfinanzdirektion Köln belegen, dass er in der Roonstrasse 108 gemeldet war. Von dort betrieb er die Auswanderung für sich und seine Familie, für die Schiffspassage hatte er bereits bezahlt.[13] Sally Levi wurde 1941 ins Ghetto Lodz/ Polen deportiert.[14] Wo und wann er ermordet wurde, ist nicht bekannt.

Briefe von Bruno Rosenthal im Archiv der University of Alaska Fairbanks (USA)

Bruno Rosenthal, geboren 1886, betrieb die Handelsfirma A. Bachrach Nachfahren in der Marktstrasse.[15] Er schrieb ab 1939 mehrere Briefe an US-amerikanische Behörden, in denen er für seine Familie, für sich und die verbliebenen Neustädter Juden um Einreise in den US-Bundesstaat Alaska bat.[16] In den USA wurde damals der Entwurf eines Gesetzes diskutiert, das die Einwanderung nach Alaska erleichtern sollte.[17] Davon hatte Rosenthal gelesen. Den damaligen US-amerikanischen Gegnern der Einwanderung, darunter die Veteranenorganisation „American Legion“, gelang es 1940, das Gesetz zu verhindern.[18] Bruno Rosenthal und seine Frau, die Lehrerin Bianka Rosenthal, wurden 1941 ins Ghetto Riga/Lettland deportiert.[19] Wo und wann sie ermordet wurden, ist nicht bekannt. Die Briefe Rosenthals liegen, laut der US-amerikanischen Tageszeitung Anchorage Daily News, im Archiv der University of Alaska in Fairbanks, Alaska.[20]

Die Synagoge

Während der Pogromnacht setzten Nazis und Mitläufer die Synagoge in der Marburger Straße in Brand. Wie aus Akten des Hessischen Staatsarchivs Marburg hervorgeht, wurde die Inneneinrichtung demoliert, Geräte und Gewänder wurden teils zerstört und teils gestohlen.[21] Anschließend zeigten mehrere Neustädter Bürger Interesse, das Grundstück zu kaufen.[22] Den Zuschlag erhielt laut Hessisches Staatsarchiv ein Neustädter Kolonialwarenhändler und „führender PG“ (PG steht für Parteimitglied der NSDAP).[23] Heute befindet sich auf dem Grundstück ein Wohn- und Geschäftshaus.

Erinnerungskultur

Dankward Sieburg, Lehrer an der damaligen Gesamtschule Neustadt, leitete ab 1986 ein Schulprojekt zum Thema „Die Synagogengemeinde von Neustadt – Momberg“. Die Ergebnisse wurden im November 1988 in einer Ausstellung in der Schule präsentiert[24] und in einer 767 Seiten umfassenden Dokumentation [25] zusammengefasst. 2008 befasste sich eine Gedenkveranstaltung der Stadt Neustadt mit der Pogromnacht von 1938. Im November 2018 lud die Stadt zur Veranstaltung „80 Jahre Progromnacht“.[26] Zu den Rednern zählten Bürgermeister Thomas Groll (CDU), Monika Bunk, stellvertretende Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Marburg, sowie Professor Jürgen Reulecke, Historiker der Universität Gießen (emeritiert). Die Stadt überlegt derzeit, mit „Stolpersteinen“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig oder mit einer Gedenktafel an die ermordeten jüdischen Mitbürger zu erinnern.[27]

Literatur

  • Andrea Freisberg, Gerhard Bieker: Nova Civitas - Neustadt (Hessen). Eine Wanderung durch die Geschichte der Stadt. Neustadt 2004
  • Barbara Händler-Lachmann, Ulrich Schütt: "unbekannt verzogen" oder "weggemacht". Schicksale der Juden im alten Landkreis Marburg 1933-1945. Marburg 1992, ISBN 3-89398-080-6
  • Dankward Sieburg: Die Synagogengemeinde zu Neustadt. Beiträge zu ihrer Geschichte. Neustadt Mai 1990

Einzelnachweise

  1. Alemannia Judaica – Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum, Stand: 20 Mai 2016, http://www.alemannia-judaica.de/neustadt_hessen_synagoge.htm; aufgerufen am 26. Juni 2019
  2. Andrea Freisberg/ Gerhard Bieker, Nova Civitas - Neustadt (Hessen). Eine Wanderung durch die Geschichte der Stadt, Neustadt 2004, Seite 109
  3. Barbara Händler-Lachmann, Ulrich Schütt, „unbekannt verzogen“ oder „weggemacht“. Schicksale der Juden im alten Landkreis Marburg 1933-1945, Marburg 1992, ISBN 3-89398-080-6
  4. Florian Lerchbacher, 70 von 120 Juden starben qualvollen Tod, 9. November 2018; http://spd-neustadt.de/70-von-120-juden-starben-qualvollen-tod/; aufgerufen am 26. Juni 2019
  5. Barbara Händler-Lachmann/ Ulrich Schütt, „unbekannt verzogen“ oder „weggemacht“. Schicksale der Juden im alten Landkreis Marburg 1933-1945, Marburg 1992, ISBN 3-89398-080-6
  6. Barbara Händler-Lachmann/ Ulrich Schütt, „unbekannt verzogen“ oder „weggemacht“. Schicksale der Juden im alten Landkreis Marburg 1933-1945, Marburg 1992, ISBN 3-89398-080-6
  7. Alemannia Judaica – Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum, Stand: 20 Mai 2016, http://www.alemannia-judaica.de/neustadt_hessen_synagoge.htm; aufgerufen am 26. Juni 2019
  8. Matthias Holland-Letz, Gemeindevorstand hält Nazi-Akten weiter unter Verschluss, in: Frankfurter Rundschau, 22. August 2002, http://www.historische-eschborn.de/berichte/Hessen/Nazi-Akten/nazi-akten.html; aufgerufen am 26.Juni 2019
  9. Alemannia Judaica – Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum, Stand: 20 Mai 2016, http://www.alemannia-judaica.de/neustadt_hessen_synagoge.htm; aufgerufen am 26. Juni 2019
  10. Matthias Holland-Letz, Gemeindevorstand hält Nazi-Akten weiter unter Verschluss, in: Frankfurter Rundschau, 22. August 2002, http://www.historische-eschborn.de/berichte/Hessen/Nazi-Akten/nazi-akten.html; aufgerufen am 26.Juni 2019
  11. Hessisches Staatsarchiv Marburg, Originaldokument vom 2. September 1940 (Stadt Neustadt, Der Bürgermeister, „Betr. Entjudung der gewerblichen Wirtschaft“).
  12. Barbara Händler-Lachmann/ Ulrich Schütt, „unbekannt verzogen“ oder „weggemacht“. Schicksale der Juden im alten Landkreis Marburg 1933-1945, Marburg 1992, ISBN 3-89398-080-6
  13. Oberfinanzdirektion Köln, Originaldokument vom 11. März 1942 (Brief eines Reisebüros der Deutschen Afrika-Linien an den Oberfinanzpräsidenten Köln)
  14. Barbara Händler-Lachmann/ Ulrich Schütt, „unbekannt verzogen“ oder „weggemacht“. Schicksale der Juden im alten Landkreis Marburg 1933-1945, Marburg 1992, ISBN 3-89398-080-6
  15. Barbara Händler-Lachmann/ Ulrich Schütt, „unbekannt verzogen“ oder „weggemacht“. Schicksale der Juden im alten Landkreis Marburg 1933-1945, Marburg 1992, ISBN 3-89398-080-6
  16. Tom Kizzia, Beacon of Hope. Part 1, in: Anchorage Daily News, Online-Ausgabe, 16. Mai 1999, auf Englisch, https://www.adn.com/past-projects/article/are-there-no-exceptions/1999/05/19/, aufgerufen am 26. Juni 2019
  17. Gerald S. Berman, Alaska als Zuflucht, in: Zeitschrift für hessische Geschichte und Landeskunde, Nr. 92/1987
  18. Tom Kizzia, Beacon of Hope. Part 4: Are there no exceptions?, in: Anchorage Daily News, Online-Ausgabe, 19. Mai 1999, auf Englisch, https://www.adn.com/past-projects/article/are-there-no-exceptions/1999/05/19/, aufgerufen am 26. Juni 2019
  19. Barbara Händler-Lachmann/ Ulrich Schütt, „unbekannt verzogen“ oder „weggemacht“. Schicksale der Juden im alten Landkreis Marburg 1933-1945, Marburg 1992, ISBN 3-89398-080-6
  20. Tom Kizzia, Beacon of Hope. Part 4: Are there no exceptions?, in: Anchorage Daily News, Online-Ausgabe, 19. Mai 1999, auf Englisch, https://www.adn.com/past-projects/article/are-there-no-exceptions/1999/05/19/, aufgerufen am 26. Juni 2019
  21. Hessisches Landesarchiv Marburg, Landrat des Landkreises Marburg, Aufstellung über die Im Landkreis Marburg vorhanden gewesenen und noch vorhandenen Synagogen, Betsäle und jüdischen Friedhöfe, Marburg, 28. Mai 1946
  22. Matthias Holland-Letz, Gemeindevorstand hält Nazi-Akten weiter unter Verschluss, in: Frankfurter Rundschau, 22. August 2002; http://www.historische-eschborn.de/berichte/Hessen/Nazi-Akten/nazi-akten.html; aufgerufen am 26.Juni 2019
  23. Matthias Holland-Letz, Gemeindevorstand hält Nazi-Akten weiter unter Verschluss, in: Frankfurter Rundschau, 22. August 2002; http://www.historische-eschborn.de/berichte/Hessen/Nazi-Akten/nazi-akten.html; aufgerufen am 26.Juni 2019
  24. Großes Interesse an Dokumentation, Oberhessische Presse, 11. November 1988
  25. Dankward Sieburg, Die Synagogengemeinde zu Neustadt. Beiträge zu ihrer Geschichte, Neustadt, Mai 1990
  26. Florian Lerchbacher, 70 von 120 Juden starben qualvollen Tod, 9. November 2018; http://spd-neustadt.de/70-von-120-juden-starben-qualvollen-tod/; aufgerufen am 26. Juni 2019
  27. Thomas Groll, 80. Wiederkehr der Pogromnacht, kein Datum, https://neustadt-hessen.de/rathaus-politik/aktuelles/item/708-80-wiederkehr-der-pogromnacht.html; aufgerufen am 26. Juni 2019
Dieser Artikel basiert ursprünglich auf dem Artikel Juden in Neustadt (Hessen) aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der Doppellizenz GNU-Lizenz für freie Dokumentation und Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported. In der Wikipedia ist eine Liste der ursprünglichen Wikipedia-Autoren verfügbar.