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Ghetto Riga

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Ghetto Riga (1942), Aufnahme aus dem Bundesarchiv

Das Ghetto von Riga war ein Lager in Riga im von deutschen Truppen während des Zweiten Weltkriegs besetzten Lettland, in dem zunächst lettische Juden, später Juden aus dem Deutschen Reich interniert wurden.

Ghettobildung in Riga

Kurz nach Einnahme der Stadt durch deutsche Truppen am 1. Juli 1941 kam es zu pogromartigen Übergriffen gegen Juden, bei denen sich lettische Nationalisten hervortaten und binnen dreier Monate mehr als 6.000 Personen in Riga und Umgebung töteten.[1] Am 21. Juli beschloss das Wirtschaftskommando Riga, die jüdischen Arbeitskräfte in einem Ghetto zu konzentrieren. Alle Juden wurden registriert, auch ein Judenrat wurde eingesetzt. Das mit Stacheldraht umzäunte Ghetto entstand in der sogenannten „Moskauer Vorstadt“, dort lebten im Oktober 1941 auf engem Raum 30.000 Juden.[2]

Ermordung lettischer Juden

Im September 1941 hatte Hitler auf Drängen Heydrichs und Goebbels hin die Deportation deutscher Juden nach dem Osten befohlen. Da das ursprünglich als Zielort geplante Ghetto Minsk schon bald keine Verschleppten mehr aufnehmen konnte, wurden weitere Züge nach Riga umgeleitet. Aber auch das Ghetto von Riga war überfüllt und konnte die Deportierten aus Deutschland nicht aufnehmen. Ein erster Transportzug mit 1.053 Berliner Juden erreichte die Bahnstation Skirotava am 30. November 1941. Alle Personen wurden noch am gleichen Tag im Wald von Rumbula bei Riga ermordet.[3] Die nächsten vier eintreffenden Transporte mit rund 4.000 Personen wurden auf Befehl des SS-Brigadeführers und Befehlshabers der Einsatzgruppe A, Walter Stahlecker, auf einem leerstehenden Gutshof, dem nachmals sogenannten Konzentrationslager Jungfernhof, notdürftig untergebracht.

Das Lager in Riga wurde am 30. November 1941 „freigemacht“, um für deportierte Juden aus Deutschland Platz zu gewinnen. Die lettischen Juden wurden von der lettischen SS unter Aufsicht der deutschen SS ermordet. Am 30. November wurden etwa 15.000, am 8. und 9. Dezember noch einmal 12.500 Menschen an ausgehobenen Gruben in den nahen Wäldern von Rumbula erschossen.[4] Lediglich Facharbeiter aus den Arbeitskommandos, die im „kleinen Ghetto“ festgehalten wurden, überlebten die Mordaktion.

Juden aus Deutschland

Der sechste Deportationszug aus Deutschland mit Zielort Riga, der am 10. Dezember 1941 mit Kölner Juden eintraf, kam im so „freigemachten“ und verkleinerten Ghetto unter. Ein Zeitzeuge berichtete:

„Es lagen noch Essensreste auf dem Tisch, und die Öfen waren noch warm … Später habe ich dann erfahren, dass kurze Zeit vor Eintreffen unseres Transports lettische Juden erschossen wurden.“ [5]

Bis zum Jahresende trafen weitere 3.000 Juden aus Deutschland ein, darunter rund 1.000 hannoversche Juden und 1000 Juden aus Kassel[6]. Wieder wurde eine „Selbstverwaltung“ eingesetzt, zu dessen Leiter als „Ältestenrat der Reichsjuden im Ghetto zu Riga“ der frühere Leiter des Kölner Wohlfahrtsamtes Max Leiser bestimmt wurde. Dem jüdischen Ghettorat unterstanden später die Ghettopolizei von etwa 70 Personen, die Arbeitseinsatz-Zentrale, ein Schulsystem sowie die Straßenreinigung und Abfallentsorgung.

Bis Mitte Februar 1942 kamen 10.000 Juden aus verschiedenen deutschen Städten und aus Prag hinzu. In einem abgetrennten Bereich waren 4.700 lettische sowie litauische Juden aus Kaunas untergebracht. Unklar bleibt, wie viele der 15.073 auf den Transportlisten verzeichneten deutschen Juden tatsächlich im Ghetto Riga aufgenommen wurden. Einige Dutzend Männer wurden direkt vom Bahnhof Šķirotava aus ins Lager Salaspils geschickt; wahrscheinlich sind bei einzelnen Transporten aus Theresienstadt aber auch gebrechliche Personen selektiert und noch am Ankunftstag erschossen worden.[7]

Zwangsarbeit und Selektionen

Der Mangel an Arbeitskräften beim Torfabbau, in der Landwirtschaft und im Baugewerbe war beträchtlich, zumal Gauleiter Fritz Sauckel als „Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz“ immer mehr Arbeiter für den Einsatz im Reich anforderte. Dennoch sträubte sich der Ghettokommandant, den Wünschen des zivilen Arbeitsamtes nachzukommen: Die Juden aus Deutschland seien nur vorübergehend hier untergebracht, ihre Einsatzfähigkeit sei wegen des Alters nur gering, die Arbeitskommandos würden zum Ausbau des Lagers in Salaspils benötigt oder seien bereits für die Logistik der Wehrmacht im Hafen, bei den Güterzügen und beim Flughafenbau beschäftigt.

Im März 1942 wurden während der Aktion Dünamünde etwa 1.900 Arbeitsunfähige ausgewählt und unter dem Vorwand, in Dünamünde zu leichter Arbeit bei der Fischverarbeitung eingesetzt zu werden, in den Wald von Biķernieki geschafft, dort erschossen und verscharrt. [8]

Im Arbeitseinsatz befanden sich Ende 1942 rund 12.000 Juden des Rigaer Ghettos. Etwa 2.000 waren an der Arbeitsstätte kaserniert, 2.000 arbeiteten in Werkstätten innerhalb des Ghettos, mehr als 7.300 wurden in Kolonnen zur Arbeitsstätte geführt. Eine Abrechnung aus dem Jahre 1943 geht von 13.200 Juden im Ghetto aus. [9]

Auflösung und KZ Kaiserwald

Der Arbeitskräftemangel bei kriegswichtigen Betrieben wie auch der wirtschaftliche Vorteil, den das WVHA durch die Überlassung von jüdischen Zwangsarbeitern daraus zog, schützten jedoch nicht dauerhaft vor den Vernichtungsabsichten der Nationalsozialisten. Himmler ordnete im Juni 1943 an, „alle im Gebiet Ostland noch in Ghettos vorhandene Juden in Konzentrationslager zusammen zu fassen... 2) Ich verbiete ab 1. 8. 1943 jedes Herausbringen von Juden aus den Konzentrationslagern zu Arbeiten. 3) In der Nähe von Riga ist ein Konzentrationslager zu errichten, in das die ganzen Bekleidungs- und Ausrüstungsfertigungen, die die Wehrmacht heute außerhalb hat, zu verlegen sind. Alle privaten Firmen sind auszuschalten. […] 5) Die nicht benötigten Angehörigen der jüdischen Ghettos sind nach dem Osten zu evakuieren.“ [10]

Im Rigaer Villenvorort Mežaparks-Kaiserwald entstand im Sommer 1943 das umzäunte KZ Riga-Kaiserwald, in dem acht Baracken für Häftlinge vorgesehen waren. Die ersten vierhundert Juden wurden im Juli 1943 aus dem Ghetto dort hin geschafft. Für die Häftlinge bedeutete dies die Trennung von den Angehörigen; Häftlingskleidung, Abscheren der Haare und Verlust der Privatsphäre wirkten wie ein Schock.

Von diesem Zeitpunkt an begann die schrittweise Auflösung des Ghettos in Riga. Zum wesentlichen Teil war es im November 1943 geräumt. Weitreichende Planungen, das Konzentrationslager auszubauen und ein zweites zu errichten, wurden nicht mehr verwirklicht. Mehrere Betriebe richteten Lager ein, in denen die Zwangsarbeiter kaserniert wurden. Kinder und Kranke wurden im November 1943 nach Auschwitz deportiert. Ab August 1944 wurden Häftlinge auf dem Seewege ins Konzentrationslager Stutthof "evakuiert".

Insgesamt sind etwa 25.000 deutsche Juden nach Riga deportiert worden. Die wenigsten von ihnen haben überlebt.

Nachgeschichte

In Riga wurde 1989 ein kleines Jüdisches Museum eröffnet, das an das Ghetto erinnern soll. Hier wurde auch ein „Verein der Überlebenden des Rigaer Ghettos“ gegründet, der sich seit 1993 um finanzielle Hilfen für die Überlebenden einsetzt.

Im Jahre 1997 gab es eine gerichtliche Auseinandersetzung vor dem Landgericht Berlin zwischen dem Geschichtswissenschaftler Wolfgang Scheffler und dem Verein „Jewish Survivors of Latvia“ in New York. Der Verein hatte ein Buch über das Ghetto in Auftrag gegeben und dafür Geld und viele originale Dokumente zur Verfügung gestellt. Das Buch wurde jedoch erst 2003 fertig.

Am 21. September 2010 wurde in Riga das Ghetto-Museum eröffnet, das sich in der Moskauer Vorstadt an der Grenze des ehemaligen Ghettos befindet.

Einzelnachweise

  1. Angrick, Klein: "Endlösung", S. 91.
  2. Angrick, Klein: "Endlösung", S. 127.
  3. Alfred Gottwald, Diana Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941–1945. Wiesbaden 2005, ISBN 3-86539-059-5, S. 121.
  4. Einzelheiten s. Angrick, Klein: "Endlösung", S. 142-159 / Wolfgang Curilla: Schutzpolizei und Judenmord... in: Alfred Gottwaldt u. a. (Hrsg.): NS-Gewaltherrschaft. Berlin 2005, ISBN 3-89468-278-7, S. 253-259.
  5. Angrick, Klein: "Endlösung", S. 229.
  6. Eugen Kogon: "Der SS-Staat", S. 243.
  7. Angrick, Klein: "Endlösung", S. 238-245
  8. Angrick, Klein: "Endlösung", S. 338-345.
  9. Angrick, Klein: "Endlösung", S. 352 bzw. 383.
  10. Angrick, Klein: "Endlösung", S. 386.

Literatur

  • Andrej Angrick, Peter Klein: Die "Endlösung" in Riga. Ausbeutung und Vernichtung 1941 - 1944. wbg, Darmstadt 2006. ISBN 3-534-19149-8
  • Peter Guttkuhn: Die Lübecker Geschwister Grünfeldt. Vom Leben, Leiden und Sterben "nichtarischer" Christinnen. Schmidt-Römhild, Lübeck, 2001. ISBN 978-3-7950-0772-0
  • Josef Katz: Erinnerungen eines Überlebenden. Malik, Kiel, 1988. ISBN 3-89029-038-8
  • Anita Kugler: Scherwitz, Der jüdische SS-Offizier. Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2004. ISBN 3-462-03314-x
  • Wolfgang Scheffler, Diana Schulle (Hrsg.): Buch der Erinnerung. Die ins Baltikum deportierten deutschen, österreichischen und tschechoslowakischen Juden, München, K. G. Saur, 2003. ISBN 3-598-11618-7.
  • Gertrude Schneider: Journey into Terror. Story of the Riga Ghetto. New edition, Westport CT 2001.
  • Heinz Schneppen: Ghettokommandant in Riga Eduard Roschmann. Fakten und Fiktionen. Metropol, Berlin 2009. ISBN 978-3-9386-9093-2
  • Hilde Sherman: Zwischen Tag und Dunkel. Mädchenjahre im Ghetto. Frankfurt, Berlin 1993. ISBN 3-548-20386-8.
  • Marģers Vestermanis: Die nationalsozialistischen Haftstätten und Todeslager im okkupierten Lettland 1941-1945. In: Ulrich Herbert, Karin Orth, Christoph Dieckmann (Hrsg.): Die nationalsozialistischen Konzentrationslager: Entwicklung und Struktur. Band 1, Göttingen 1998, S. 472-492.

Weblinks

56.93990524.135642


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