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Alexander Schaichet

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Alexander Schaichet (1915)

Alexander Schaichet (geb. 11. Junijul./ 23. Juni 1887greg. in Nikolajew, Russisches Kaiserreich; gest. 19. August 1964 in Zürich) war ein Schweizer Violinist, Bratschist und Dirigent russischer Herkunft. In der Schweiz war er ein Pionier des Kammerorchesters und Förderer Neuer Musik.

Biographie

Alexander Schaichet war das ältere von zwei Kindern des jüdischen Ehepaars Chaim und Berta Schaichet. Diese führten in Nikolajew in der heutigen Ukraine einen kleinen Kolonialwarenladen. 1899 übersiedelte der 12-jährige Alexander nach Odessa, wo er 1903 an der Musikakademie in die Violinklasse von Alexander Fiedemann eintreten konnte[1]. Auf Empfehlung seines Lehrers wechselte Schaichet 1906 an das Königliche Konservatorium zu Leipzig, wo er 1911 seine Ausbildung mit Auszeichnung abschloss.

Noch im selben Jahr wurde Schaichet nach Jena berufen. Am Konservatorium der Musik übernahm er eine Konzertausbildungsklasse, er wurde erster Konzertmeister der akademischen Konzerte und Vizedirigent des von Fritz Stein geleiteten Collegium Musicum. Erfolge erzielte er sodann mit dem «Jenaer Streichquartett» in der Zusammensetzung Alexander Schaichet, Joachim Bransky, Joachim Stutschewsky und Fritz Kramer. Regelmässig konzertierte er auch mit dem von Max Reger gegründeten «Meininger Trio».

Auf einer Schweizer Reise mit Stutschewsky wurde Schaichet im August 1914 vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs überrascht und blieb. Er liess sich in Zürich nieder, wo er 1919 die ungarische Pianistin Irma Löwinger heiratete, mit der er in der Folge auch künstlerisch eng zusammenarbeitete. Sie war aus Budapest nach Zürich gekommen, um bei Ferruccio Busoni zu studieren. Das Paar hatte drei Kinder. Als staatenloser Russe erhielt Schaichet 1921 den Nansen-Pass, 1927 folgte im dritten Anlauf der Schweizer Pass. Schaichet starb nach kurzer Krankheit 1964 in Zürich.

Der Politiker und Unternehmer Nicola Forster ist einer seiner Urenkel.

Musikalisches Wirken

Als vielseitiger Musiker wirkte er sowohl als Kammermusiker, als Gründer und Dirigent des Kammerorchesters Zürich wie auch als Pädagoge. 1940 übernahm er die Leitung der Violinklasse an der Musikakademie Zürich und bildete bis zu seinem Tode 1964 Berufsmusiker aus. Schaichet setzte sich zeitlebens für Neue Musik ein.

Kammerorchester Zürich, 1920–1943

1920 gründete Alexander Schaichet das Kammerorchester Zürich (nicht zu verwechseln mit dem 1945 entstandenen Zürcher Kammerorchester ZKO), das er bis zu dessen Auflösung 1943 leitete. Es wurde zum Vorbild des sechs Jahre später gegründeten Basler Kammerorchesters von Paul Sacher. Als erstes Kammerorchester in der Schweiz spezialisierte sich das Kammerorchester Zürich auf Entdeckungen Alter und Neuer Musik. Nicht weniger als 51 Ur- und 215 Erstaufführungen von Werken Alter und Neuer Musik prägten die Konzertprogramme. Das Orchester spielte Konzerte vor allem in Zürich, aber auch in anderen Städten der Schweiz. Schaichet erschloss mit dem Kammerorchester Zürich Werke Alter Musik von Monteverdi bis zu Karl Stamitz. Der zweiten Generation von Schweizer Komponisten des 20. Jahrhunderts (Robert Blum, Paul Müller-Zürich, Willy Burkhard, Albert Moeschinger) bot er mit dem Ensemble eine wichtige Möglichkeit ihre Werke bekannt zu machen. Unter den internationalen Komponisten der Zeit befanden sich Namen wie Paul Hindemith, Béla Bartók, Ernst Krenek und Max Reger, deren Werke er regelmässig aufführte.

Gründer von IGNM, «Pro Musica» und «Omanut»

Schaichet setzte sich zeitlebens für Neue Musik ein. So war er 1923 Gründungsmitglied und Vorstand der Schweizer Sektion der IGNM (Internationale Gesellschaft Neue Musik) und 1935 Mitbegründer der Pro Musica, Ortsgruppe Zürich der IGNM. Bei deren Konzerten trat er regelmässig als Kammermusiker und als Dirigent mit dem Kammerorchester Zürich auf. 1941 gründete er zusammen mit dem Bariton Marko Rothmüller den Verein Omanut, der bis heute das Verständnis und die Förderung jüdischer Kunst in der Schweiz zum Ziel hat.

Auszeichnungen

  • 1953: Ehrengabe der Stadt Zürich, zusammen mit dem Komponisten Arthur Honegger
  • 1962: Hans-Georg Nägeli-Medaille der Stadt Zürich, für Verdienste um das musikalische Schaffen[2]

Anmerkungen

Zum 100-jährigen Jubiläum der Gründung des ersten Kammerorchesters der Schweiz durch Alexander Schaichet wird voraussichtlich von April 2020 bis September 2020 eine Hommage mit verschiedenen Veranstaltungen und einer Jubiläumspublikation stattfinden[3].

Literatur

  • Christoph Gaiser: Das Kammerorchester als Medium einer «neuen» Musik. Diss. HU Berlin, 2004, S. 225–233.
  • Stadtarchiv Jena: Jüdische Lebenswege in Jena: Erinnerungen, Fragmente, Spuren. Bausteine zur Jenaer Stadtgeschichte. Städtische Museen Jena, 2015, ISBN 3-94217-630-0, S. 434–437.
  • Verena Naegele: Irma und Alexander Schaichet – Ein Leben für die Musik. Orell Füssli, Zürich 1995, ISBN 3-28002-312-2.
  • Joseph Willimann: 50 Jahre Pro Musica Ortsgruppe Zürich der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik. Atlantis Musikbuch-Verlag, Zürich 1988, ISBN 3-254-00148-6.
  • Walter Labhart: Juden und Judentum im Musikschaffen der Schweiz. In: Jüdische Lebenswelt Schweiz. Chronos Verlag, Zürich 2004, ISBN 3-0340-0679-9, S. 193ff.
  • Karin Huser Bugmann: Schtetl an der Sihl. Chronos Verlag, Zürich 1998, ISBN 3-905312-58-1.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Otchet Odesskago Otdeleniya Imperatorskago Russkago Muzykal'nago Obshchestva za 1900-1906 god. Odessa (ru) – (Jahresberichte der Musikakademie Odessa aus den Jahren 1900 bis 1906). Die Musikakademie hieß auf Russisch „Музыкáльное Учи́лище Имперáторскаго Рýсскаго Музыкáльнаго Óбщества ИРМО, Одéсское Отделéние“. Sie war Vorläuferin des 1913 gegründeten Konservatoriums Odessa. Im Gegensatz zum Konservatorium bot die Musikakademie Kindern und Jugendlichen neben den musikalischen Fächern auch Schulunterricht an.
  2. Hans-Georg Nägeli-Medaille für Verdienste um das musikalische Schaffen
  3. https://schaichet.ch/de/ Website in memoriam Alexander Schaichet


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