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Diskussion:Alexander Schaichet

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tachles-Newsletter 24.4.2020:

Musiker, Pädagoge und eine Vorliebe für Eishockey

Alexander Schaichet hat vor 100 Jahren das erste Kammerorchester der Schweiz gegründet, im Jubiläumsjahr wird seine Pionierarbeit in Erinnerung gerufen.


«In der Branche ist sein Name kein Begriff», sagt Irene Forster, die Enkelin von Alexander Schaichet (1887–1964). «100 Jahre nach der Gründung des Vereins Kammerorchester Zürich ist ein geeigneter Zeitpunkt, um die weissen Flecken in der Geschichte des Musiklebens dieser Stadt etwas einzufärben», meint sie. Denn mit dem neuartigen Orchester vermochte er eine ungewohnte Form des Musizierens zu etablieren, die bis heute nachwirke.

Das Erwerbsleben hat Irene Forster hinter sich gelassen, weshalb sie nun über genügend Zeit verfügt, um die Leistungen von Alexander und seiner Frau Irma Schaichet ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Mittlerweile wird dieses Anliegen von kompetenter Seite mehrfach unterstützt. In diesem Zusammenhang entstand auch unter anderem der bemerkenswert reichhaltige Jubiläumsband. Im Vorwort lobt Martin Vollen-wyder, der gegenwärtige Präsident der Tonhalle-Gesellschaft, Schaichets «Mut und Unternehmer-tum» und würdigt ihn als begnadeten Pädagogen; so habe das Tonhalle-Orchester von den Musikerinnen und Musikern profitiert, die Schaichet ausgebildet hatte.

Odessa, Leipzig, Jena, Zürich

Ein Leben in der Schweiz hatte der aufstrebende Geiger nicht geplant, im Gegenteil. In Nikolajew, das damals zu Russland gehörte, kam Alexander Schaichet 1887 zur Welt. Der kleine Junge lernte Geige spielen. Vor Publikum trat er erstmals mit acht Jahren auf. Nach der Musikakademie in Odessa ging er nach Leipzig, um dort an der Musikakademie all seine Begabungen und seinen Eifer einzusetzen. Tatsächlich wurde dem «intelligenten, musikalisch und violinistisch hochbegabten Schüler» zum Studienabschluss 1911 schriftlich bescheinigt, dass er Ausgezeichnetes geleistet habe, weshalb er als «vielversprechender, mit solistischen Eigenschaften ausgestatteter junger Künstler» bezeichnet wurde, der sich besonders für die Führung eines Streichquartetts eigne.

Der wesentliche Teil von Schaichets Hinterlassenschaft ist schon lange in der Zentralbibliothek zugänglich. Deshalb setzte Irene Forster, gestützt von Anne-Maj Lüthy Bimmler, dort mit den Recherchen an. Zwar wusste Forster um Schaichets Verdienste – ihre Mutter war zeitweise mit dem Kammerorchester aufgetreten. Dennoch war sie bewegt von dem, was sie sah: «Die handgeschriebenen Briefe in den Händen zu halten, war unglaublich berührend.» Eine erste Anstellung hatte Alexander Schaichet in Jena angetreten, als Konzertmeister und Violinlehrer. Drei Jahre später reiste er in der Sommerpause nach Zürich – und musste bleiben, weil er als Russe wegen des Kriegsausbruchs 1914 nicht nach Deutschland zurückkehren konnte. Im Fragebogen, den er zur Klärung seines Aufenthaltsstatus auszufüllen hatte, gab er unter Zivilstand an: «Musiker», worauf sich der Titel des Jubiläumsbuches bezieht. Notgedrungen schlug er sich hier als Stehgeiger in Cafés und als Violinlehrer durch. Und mehr als das: Die erste einer ganzen Reihe von Organisationen, die er im Laufe seines Lebens gründen sollte, war das Kinderstreichorchester, das ab 1917 auftrat. Wenig später heiratete er die Pianistin Irma Löwinger (1895–1988), mit der er oft zusammen konzertierte.

Zum Auftakt: ein Verein

Den Verein Kammerorchester Zürcher gründete Alexander Schaichet 1920. (Im kulturellen Umfeld erfuhr er zunehmende Anerkennung. Hingegen wurde er aus amtlicher Perspektive als «Ostjude» betrachtet und für zu wenig integriert gehalten, weshalb seine ersten beiden Einbürgerungsgesuche abgelehnt wurden.) Das rund 30-köpfige Orchester spielte oft in der Tonhalle, aber auch andernorts in der Schweiz. Das Ensemble erhielt keine Honorare, nur für die Zuzügler vom Tonhalle-Orchester und die Saalmieten waren Finanzen vorhanden. Schaichets Programmgestaltung reichte von der Reihe «Perlen alter Kammermusik deutscher und italienischer Meister» bis hin zu zeitgenössischen Kompositionen, bei denen er insbesondere das Schweizer Musikschaffen förderte, dazu immer wieder russische Musik.

Zusätzlich zu finanziellen hatte sich Alexander Schaichet mit den politischen und nicht zuletzt mit zwischenmenschlichen Widrigkeiten auseinanderzusetzen. So manche, die ihm von Deutschland aus Musikalien sandten, wurden unter dem NS-Regime diffamiert und waren in Lebensgefahr. Umgekehrt lag der Fall bei einem Freund, der 1932 dem völkisch-antisemitischen Kampfbund beitrat, was für Schaichet einen enormen Schock bedeutete.

Alexander Schaichet leitete von 1935 bis 1952 den jüdischen Gesangverein Hasomir und den jüdischen Damenchor, der 1936 gegründet wurde. Beim Verein Omanut zur Förderung jüdischer Kunst in der Schweiz, den es ab 1941 gab, war Schaichet sowohl Gründungsmitglied wie Präsident. Irene Forster sah anhand der Protokolle, dass «er für Omanut zeitlebens eine tragende Säule blieb».

Honig vom Bogen tropfen

All seinen Bemühungen zum Trotz machten Schaichet die Probleme mit der antisemitischen Stimmung, den fehlenden Finanzen und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs derart zu schaffen, dass 1943 die letzten Konzerte des Kammerorchesters stattfanden. Glücklicherweise konnte Schaichet 1940 die Ausbildungsklasse für Violine der Musikakademie übernehmen. Der beliebte Lehrer zeigte kaum je, wie eine Passage zu spielen sei. «Da muss Honig von deinem Bogen tropfen», wies er Marianne Widmer an. Man habe sofort gewusst, was er meinte, erzählt die ehemalige Schülerin in der Gesprächsrunde mit Esther Girsberger, was im Jubiläumsbuch nachzulesen ist. Ein anderer Schüler erinnert sich an das überraschend ausgeprägte Interesse des feinsinnigen Lehrers für Eishockey.

Alexander Schaichet wurde für seine hervorragende Förderung der schweizerischen musikalischen Jugend von der Stadt Zürich mit der Hans-Georg-Nägeli-Medaille geehrt. Er starb 1964, nach einer Operation.

Esther Girsberger, Irene Forster (Hg.): «Zivilstand Musiker. Alexander Schaichet und das erste Kammerorchester der Schweiz». Hier und Jetzt Verlag, Baden 2020. Änderungen des Jubiläumsprogramms wegen sind www.schaichet.ch zu entnehmen.