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Vaterjude

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Vaterjude (auch Vater-Jude) ist der Terminus für eine Person, die einen jüdischen Vater und eine nichtjüdische Mutter hat. Viele Vaterjuden begreifen sich als Juden, darunter:

Der religiöse Zugang zu orthodox geführten Kultusgemeinden wird von vielen Juden nicht mit jüdischem Leben gleichgesetzt. Der Zentralrat der Juden in Deutschland jedoch folgt der Ansicht der orthodoxen Rabbiner.[1] Die Soziologin Ruth Zeifert ermittelte aus den Daten des statistischen Bundesamts bis 2010, dass etwa die Hälfte der in Deutschland von einem Juden gezeugten Kinder nicht von einer jüdischen Mutter geboren wurde.[2] Sie gelten als Vaterjuden, die meisten von ihnen sind laut Meron Mendel Nachkommen der Kontingentflüchtlinge.[3]

Seit 1995 hat das von der niederländische Schriftstellerin Andreas Burnier (Pseudonym für Catharina Irma Dessaur) eingeführte Wort Vaterjude sich verbreitet.[4] Auch im englischen Sprachraum hat sich die Verwendung der Begriffe Father-Jew und part-Jewish etabliert.

„Ich stelle dann die bescheidene Frage, welcher Teil von ihnen Jude sei, die untere oder die obere Hälfte oder ob es bei ihnen senkrecht gehe. Keiner kommt auf die Idee, von sich zu behaupten, er sei halbkatholisch, wenn er aus einer katholisch-protestantischen Familie stammt.“

Seit 1983 erkennt das Reformjudentum in den USA Kinder jüdischer Väter als jüdisch an, wenn sie sich mit dem Judentum identifizieren.[6]

Kontigentflüchtlinge

Die Kontigentflüchtlinge und ihre Nachkommen bilden in Deutschland derzeit die Mehrheit sowohl in den jüdischen Gemeinden, als auch in der jüdischen Bevölkerung. Ab 1991 hatten Juden aus der Sowjetunion und Menschen mit jüdischen Vorfahren aus deren Nachfolgestaaten die Möglichkeit, als Kontingentflüchtlinge nach Deutschland einzureisen. In den Melderegistern der Sowjetunion und ihrer Nachfolgestaaten ist Jüdisch eine Nationalität, die gewöhnlich vom Vater übernommen wird. Jüdische Kontingentflüchtlinge wurden in ihren Heimatländern nach diesem Merkmal ausgewählt. Im Falle einer gemischtreligiösen Ehe waren Personen laut ihren amtlichen Dokumenten Juden und waren gleichberechtigte Mitglieder in den jüdischen Gemeinden in der Sowjetunion. Sie hatten auch unter dem Antisemitismus der Mehrheitsgesellschaft zu leiden. Bei ihrer Auswanderung nach Deutschland wurden sie vom deutschen Staat als Juden aufgenommen, nicht jedoch von orthodox geführten Kultusgemeinden. Josef Schuster, Präsident des Zentralrat der Juden in Deutschland, spricht in der Jüdische Allgemeine von einem Modetrend.[7]

Verfolgte

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden Vaterjuden ebenso wie andere Juden verfolgt und ermordet. Nach dem Zweitem Weltkrieg wurden sie zwischen 1948 und 1953 als Wurzellose Kosmopoliten, sowie 1952 im Zuge der Affäre Ärzteverschwörung von Josef Stalin verfolgt.

Religiöses Leben

Vor der Schoah bildeten die Gemeinden des Reformjudentums (Liberales Judentum) die Mehrheit. Rabbiner Leo Baeck war damals jahrelang die unbestrittene Führungsfigur und Repräsentant der deutschen Judenheit.

Es gibt in Deutschland sowohl orthodox geführte Israelitische Kultusgemeinden, als auch Gemeinden des Reformjudentums. Israelitische Kultusgemeinde ist ein Synonym für den Ausdruck jüdische Gemeinde (Kehillah). Oft wird das Wort mit „israelisch“ verwechselt, das Wort „israelitisch“ umschreibt jedoch den jüdischen (mosaischen) Glauben. Nach den Vorgaben der Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, wird die Zugehörigkeit zum Judentum durch die Mutter weitergegeben. Vaterjuden gelten für viele orthodoxe Rabbiner daher nicht als jüdisch. Dieser Regel folgt auch der Zentralrat der Juden in Deutschland.

Zu orthodoxen Gemeinden hat nur Zugang, wer die jüdische Mutter vorweisen kann, oder orthodox konvertiert ist. Die Allgemeine Rabbinerkonferenz Deutschland erlaubt für Vaterjuden eine vereinfachte Konversion, da sie bereits mehr oder weniger im jüdischen Leben verwurzelt sind. Es ist aber jeweils ein individuelles Verfahren notwendig. Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz besteht hingegen auf einer vollumfängliche Konversion, ähnlich wie sie, was das Verfahren, die Auflagen und die dadurch bedingte Dauer betrifft, von den Rabbinen für andersgläubige Konvertiten vorgeschrieben ist. Einige Gemeinden des liberalen Judentums bieten Vaterjuden eine Fördermitgliedschaft an.[8] Dies wird von einigen Vaterjuden als Diskriminierung empfunden. Laut dem israelischen Rückkehrgesetz reicht jedoch ein jüdischer Großelternteil, oder der Übertritt zum Judentum.

Geschichte

In biblischer Zeit bis in das 2. Jahrhundert wurde die Zugehörigkeit zum Volk Israel noch durch den Vater vermittelt. In rabbinischer Zeit rückte aber die mütterliche Abstammung in den Fokus, da die Mutter immer fest steht: Mater semper certa est.[4][9][10] Seit der Rückkehr aus dem persischen Exil um 445 v. d. Z. waren Priester, Leviten und Männer aus dem gewöhnlichen Volk Ehen mit Frauen aus heidnischen Völkern eingegangen. Deshalb forderte Esra nach dem Gesetz (5. Buch Mose 7,1-5 EU) die Auflösung dieser Ehen. Forscher der Reformbewegung führen diese Festlegung auf die Matrilinearität zur Zeit Esras und Nehemjas zurück.[11]

Die Familienabstammung setzt sich über die männliche Linie fort. Die männliche Linie war bei der Thronfolge und der Nachfolge der Priester und Leviten ausschlaggebend. Laut Halacha, dem jüdische Gesetz, ist Jude, wer Kind einer jüdischen Mutter oder vor einem Rabbinatsgericht zum Judentum konvertiert ist.[12] Im Tanach ist die Abstammung patrilinear, die Rabbinen haben jedoch eine matrilineare Abstammung in der Mischna eingeführt, die seither als halachisch gilt. Vor allem das Konservative Judentum betrachtet Vaterjuden als Nichtjuden, jedoch wurde und wird weltweit bis heute das Levitentum und die Zugehörigkeit zu den Kohanim über den Vater weitergegeben. Die meisten orthodoxen Rabbiner sind der Ansicht, dass nur Jude ist, wer eine jüdische Mutter hat.

Bekannte Vaterjuden

Siehe auch

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Josef Schuster: Nach den Regeln der Religion. In: juedische-allgemeine.de. Jüdische Allgemeine, 24. August 2021, abgerufen am 6. September 2021.
  2. Ruth Zeifert: Nicht ganz koscher: Vaterjuden in Deutschland. Hentrich und Hentrich Verlag, Berlin, ISBN 978-3-95565-208-1, S. 32.
  3. Meron Mendel: Juden zweiter Klasse. In: Die Zeit. 18. August 2021, abgerufen am 9. September 2021.
  4. 4,0 4,1 Alina Gromova: Von Vaterjuden und anderen Bezeichnungen, auf die wir gut verzichten können. Deutscher Kulturrat, 29. März 2021, abgerufen am 16. April 2021.
  5. Bubis, Ignatz (1999). Juden und Muslime in Deutschland. Minderheitendialog als Zukunftsaufgabe. Hamburg: Deutsches Orient-Institut. ISBN 3-89173-054-3.
  6. Jessica Donath: Angela Buchdahl. Buddhistische Wurzeln, Jüdische Allgemeine, 3. Juni 2021
  7. Josef Schuster: Nach den Regeln der Religion. In: juedische-allgemeine.de. Jüdische Allgemeine, 24. August 2021, abgerufen am 6. September 2021.
  8. Über uns – Beth Shalom - Liberale jüdische Gemeinde München Beth Shalom e.V. Abgerufen am 16. April 2021.
  9. Stefanie Oswalt: Nicht ganz koscher? - "Vaterjuden" in Deutschland. In: Deutschlandfunk Kultur. 12. Mai 2017, abgerufen am 16. April 2021.
  10. Lea Wohl Haselberg, Rabbiner Arie Folger: Mehr Rechte für »Vaterjuden«? 26. Juni 2017, abgerufen am 16. April 2021.
  11. Frau und Mann. In: Jüdische Allgemeine.
  12. Ruth Zeifert: Spannungsfeld Identitätskonflikt: Patrilinear jüdisch. In: Aleksandra Lewicki (Hrsg.): Religiöse Gegenwartskultur zwischen Integration und Abgrenzung, Lit Verlag, Münster/Berlin 2012, ISBN 978-3-643-10496-0, S. 245
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