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Hedwig Porschütz

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Hedwig Porschütz, geborene Völker, (geb. 10. Juni 1900 in Berlin-Schöneberg; gest. 26. März 1977 in Berlin), war eine deutsche Widerstandskämpferin gegen die Nationalsozialismus, die aufgrund ihrer Tätigkeit als Prostituierte zu Lebzeiten keine Würdigung erfuhr.

Herkunft und Leben bis 1941

Porschütz entstammte einfachen Verhältnissen. Der Vater, ein Brauereiarbeiter, starb 1937; ihre Mutter, von der sie bei ihrer Untergrundtätigkeit gegen die Nationalsozialisten unterstützt wurde, starb 1956. Nach der Schulentlassung 1914 ging Porschütz auf die Handelsschule und arbeitete anschließend als Stenotypistin in einer Fabrik, später für eine Krankenkasse. Etwa 1926 heiratete Porschütz den ein Jahr jüngeren Walter Porschütz, der als Chauffeur und Kellner arbeitete; das Ehepaar lebte in einer Anderthalb-Zimmer-Mansarde in der Alexanderstraße 5 gegenüber Berlins Polizeipräsidium. Um 1929 begann Porschütz mit der Prostitution. Das Ehepaar Porschütz geriet in Kreise der Kleinkriminalität; Hedwig Porschütz wurde 1934 wegen Erpressung zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt.

Widerstand, Verurteilung

Etwa seit 1940 stand Porschütz in engem Kontakt zum Fabrikanten Otto Weidt. Mit Einsetzen der Deportation der Berliner Juden in die Vernichtungslager ab Herbst 1941 entstand in dessen Bürstenfabrik in der Rosenthaler Straße 39 ein Netzwerk von Menschen, die den von Ermordung bedrohten Juden halfen. Porschütz schloss sich dieser illegalen und mit Todesstrafe bedrohten Hilfeleistung an; aufgrund ihrer Vorstrafe war sie besonders gefährdet. Ihr Mann war bis Kriegsende Soldat, hielt sich daher nicht in Berlin auf und nahm an der Hilfstätigkeit seiner Frau nicht teil.

Anfangs 1943 wechselte Porschütz als Stenotypistin den Arbeitsplatz von der Lichtenfelder Ersatzkasse zur Bürstenfabrik Otto Weidt, die in Form einer Blindenwerkstatt betrieben wurde. Dort wurde sie mit Inge Deutschkron bekannt und vertraut. Da während des Zweiten Weltkriegs Lebensmittel rationiert waren und nur mittels staatlich ausgegebener Lebensmittelkarten gekauft werden konnten, waren die mit fürs Überlebenden unzureichenden Lebensmittelkarten versehenen Juden und insbesondere Juden, die vor der Deportation illegal untergetaucht waren und demzufolge gar keine Lebensmittel mehr hatten, auf illegale Lebensmittelbeschaffung angewiesen, um nicht zu verhungern.

Porschütz übernahm, möglicherweise aufgrund der ihr aus dem Milieu vertrauten Verhältnisse, insbesondere die Beschaffung von Lebensmitteln und anderer erforderlicher Waren auf dem Schwarzmarkt. Für Inge Deutschkron und deren Mutter besorgte Porschütz zum Zwecke des Untertauchens gefälschte Papiere.

Auch die 1922 geborenen Zwillinge Anneliese und Marianne Bernstein verdanken Porschütz ihr Überleben. Von Weidt darauf angesprochen, nahm Porschütz beide in ihre kleine Wohnung auf, versorgte sie mit auf dem Schwarzmarkt beschafften Lebensmitteln und gab sie der Hausgemeinschaft als Nichte und deren Freundin aus. Die für die versteckt lebenden Juden besonders gefährlichen Luftangriffe mussten die Geschwister Bernstein in der Wohnung durchleben, weil ein Aufsuchen des Luftschutzraumes bei zunehmender Wiederholung ihre Enttarnung zur Folge gehabt haben würde. Als nach rund sechs Monaten und einer Polizeiaktion in einer benachbarten Wohnung die Lage als zu riskant eingeschätzt wurde, besorgte Porschütz den beiden Schwestern ein neues Versteck in Berlin-Wilmersdorf und versorgte sie weiterhin mit illegal beschafften Lebensmitteln. Anneliese und Marianne Bernstein überlebten; sie emigrierten 1946 in die USA, wo zumindest Anneliese Bernstein wenigstens bis 1992 lebte.

Zusätzlich zu den Bernstein-Schwestern nahm Porschütz im März 1943 Grete Seelig und deren Nichte Lucie Ballhorn in ihre Mansardenwohnung auf, womit sie zeitweise vier untergetauchte Jüdinnen beherbergte. Zeitweise lebten Seelig und Ballhorn bei Porschütz’ Mutter. Im Oktober 1943 wurde Lucie Ballhorn verhaftet und im KZ Auschwitz ermordet.

Unter großem Aufwand organisierte Otto Weidt die Versorgung von wenigstens 25 Menschen, die im Ghetto Theresienstadt inhaftiert waren, mit Lebensmittelpaketen, die unter Verwendung zahlreicher fingierter Absender geschickt wurden. Von den bedachten Personen überlebten drei; die anderen wurden im Herbst 1944 ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet.

Im Mai 1944 wurde ein Bekannter Porschütz’ beim Versuch, mit von Porschütz gefälschten Lebensmittelmarken Speck zu kaufen, festgenommen. Porschütz wurde im Zuge dessen im September 1944 inhaftiert und am 2. Oktober 1944 vom Sondergericht III beim Landgericht Berlin zu anderthalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Tatsache, dass sie die gefälschten Lebensmittelmarken insbesondere zur Versorgung untergetauchter Juden hergestellt und benutzt hatte, war von der Polizei offensichtlich nicht ermittelt worden. Im Urteil wurde ausdrücklich Bezug auf die Vergangenheit der Porschütz als Prostituierte genommen. Porschütz verbüßte die Haft im Frauenzuchthaus Jauer in Schlesien und im Lager Zillerthal-Erdmannsdorf. Am 7. Mai 1945 wurde sie, offensichtlich im Zusammenhang mit dem Kriegsende und dem Zusammenbruch der deutschen Verwaltung, aus der Haft entlassen und kehrte nach Berlin zurück.

Nachkriegszeit

Das Haus in der Alexanderstraße war durch Kriegseinwirkung unbewohnbar geworden. Porschütz zog in die Feurigstraße 43 in Berlin-Schöneberg. Hedwig und der aus dem Krieg heimgekehrte Walter Porschütz waren beide chronisch krank; sie waren verarmt. 1956 stellte Porschütz einen Antrag auf Anerkennung als politisch Verfolgte. Der Antrag wurde mit der Begründung abgelehnt, dass ihre Hilfstätigkeit für verfolgte Juden nicht geeignet gewesen sei, das nationalsozialistische Regime politisch zu unterhöhlen. Ferner wurde seitens der Behörde festgestellt, dass Porschütz’ Verurteilung 1944 wegen Kriegswirtschaftsverbrechen „auf ein derartig niedriges sittliches und moralisches Niveau schließen [läßt], daß auch bei einer in diesem Falle sowieso aus sachlichen Gründen nicht erfüllten Voraussetzung für eine Anerkennung diese nicht mehr gegeben wäre. Eine Anerkennung als PrV [politisch oder rassisch Verfolgter] stellt ein Ehrendokument dar und kann nur für entsprechende Persönlichkeiten ausgestellt werden.“ Im ablehnenden internen Vermerk auf Porschütz’ Antrag auf eine Beihilfe aus dem Fonds „Unbesungene Helden“ beim Berliner Innensenator vom Oktober 1958 heißt es: „Frau Porschütz käme für eine Anerkennung aus der Aktion ‚Unbesungene Helden‘ ohne weiteres in Frage, wenn aus der Begründung zum Urteil vom 2. Oktober 1944 nicht hervorginge, daß die Begleitumstände zur Beschaffung der Lebensmittel auf ein derart niedriges sittliches und moralisches Niveau der Frau Porschütz schließen lassen, die nach hiesigem Dafürhalten eine Ehrung durch die Aktion für ausgeschlossen halten lassen. Die Antragstellerin ist in früheren Jahren gewerbsmäßig der Unzucht nachgegangen und hat auch bis zu ihrer Verurteilung im Jahr 1944 trotz ihrer Ehe wahllos Umgang mit fremden Männern unterhalten. Es wird auf die Ausführungen zum Urteil verwiesen. Bei der Beurteilung der Antragstellerin ist außerdem noch zu berücksichtigen, daß sie vor ihrer Verhaftung im Jahre 1934 vom Schöffengericht Berlin wegen vollendeter und versuchter Erpressung in je einem Fall zu 10 Monaten Gefängnis verurteilt wurde und diese Strafe auch verbüßt hat.“

Zu dieser Ablehnung ihres Antrags steht in Kontrast, dass in der Woche der Brüderlichkeit 1959 der Einsatz von Otto Weidt, für den Porschütz helfend tätig war, lobend erwähnt wurde. Porschütz’ Richter aus dem Jahr 1944, Landgerichtsrat Joachim Wendt, war 1953 wieder in den Justizdienst übernommen worden. Noch 1980 rechtfertigte Wendt seine Urteile, darunter zahlreiche Todesurteile, mit dem Bemerken: „Ich habe mir absolut nichts vorzuwerfen. Harte Zeiten, harte Urteile“.

Am 26. März 1977 starb Hedwig Porschütz in einem Berliner Altersheim. Ihre Grabstelle auf dem alten Dorfkirchhof in Schöneberg wurde 2000 aufgehoben. Von Hedwig Porschütz existiert kein Bild.

Postume Würdigung

Am 3. Juni 2011 wurde das Urteil gegen Hedwig Porschütz von der Staatsanwaltschaft Berlin aufgehoben. Im Aufhebungsbeschluss wird festgestellt, dass die Richter des Sondergerichts „sich nicht als Rechtsanwender, sondern als Bestandteil einer ‚Kampftruppe‘ und als politische Kämpfer für Hitler [begriffen]. Die ‚Recht‘-sprechung diente nicht der Wahrung des Rechts, sondern der Erfüllung des ‚Führerwillens‘“.

Literatur und Quellenangabe


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