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Alfreda Markowska

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Alfreda Markowska (2006)

Alfreda „Noncia“ Markowska (* 10. Mai 1926 in Stanisławów; † 30. Januar 2021[1]) war eine polnische Romni, die für die Rettung von etwa 50 jüdischen und Roma-Jugendlichen vor der Vernichtung durch die Nationalsozialisten ausgezeichnet wurde.

Verfolgung

Alfreda "Noncia" Markowska wurde 1926 in Polen bei Stanisławów im östlichen Kresy in einer wohlhabenden, Pferdezucht und Handel betreibenden Roma-Familie geboren.[2] Ab 1939 befanden sich Roma, die als rassistisch stigmatisierte Gruppe verfolgt und vernichtet werden sollten, auf der Flucht. Viele versteckten sich schutzsuchend in den Wäldern, so auch die Familie von Alfreda Markowska. Doch 1941 entdeckten und überfielen Nazis in Biala Podlaska ihre Familie. Als die sechzehnjährige Alfreda Markowska mit Lebensmitteln zu ihrer Familie zurückkehrte, fand sie das gesamte Tabor (Lager) zerstört vor. Bald nach der Ermordung ihrer Familie wurde sie gefasst und in verschiedene Zwangsarbeitslager bzw. Ghettos, unter anderem Lublin, Lodz und Belzec, deportiert. Doch ihr gelang immer wieder die Flucht. Nachdem sie aus der letzten Haft entkommen war, machte sie sich auf den Weg nach Rozwadów Stalowa Wola. Hier arbeitete ihr Mann mit anderen Roma als Zwangsarbeiter für die Organisation Todt, eine paramilitärische Bautruppe der Nazis. Sie besorgte eine gefälschte »Kennkarte« sowie einen Ausweis und wurde als Bahnarbeiterin registriert. An diesen Bahnschienen wurde sie zur Zeugin der Transporte in die Lager der Umgebung. Denn sie verlegte nicht nur Bahnschienen und wartete die Gleise – die Arbeiter und Arbeiterinnen waren auch gezwungen, die Toten aus den Deportationszügen hinauszutragen.

Rettung

Eines Tages übergab eine verzweifelte Frau aus dem Zug nach Auschwitz ihren Sohn heimlich an Alfreda Markowska. Sie brachte ihn unbemerkt in das Barackenlager, in dem sie mit ihrer Familie lebte. Der Name des Jungen war Karol "Parno" Gierlinski.[3] Er war ein deutscher Sinto und später eines der Kinder, die Alfreda Markowskas Geschichte bezeugten. Er erhielt von seiner Mutter einen Zettel mit dem Namen seiner Großmutter und ihrer Adresse im Warthegau bei Posen. So konnte er durch einen benachrichtigten Familienangehörigen sicher zu seinen Großeltern gelangen, wo er durch den deutschen Namen seines Großvaters zunächst geschützt blieb. Doch nach dem Tod des Großvaters deportierten die Nazis ihn und seine Großmutter zur Zwangsarbeit nach Hamburg. Beide überlebten und kehrten nach dem Krieg nach Polen zurück.[4] Jedoch rettete Alfreda Noncia Markowska unter eigener Lebensgefahr nicht nur diesen einen Jungen. Sie suchte an Massenerschießungsplätzen im Umkreis von hundert Kilometern unter den Leichen nach überlebenden Kindern, und sie holte weitere Kinder aus den Zügen heraus. Sie brachte die Kinder zu sich nach Hause und sorgte für ihr weiteres Überleben. Dazu suchte sie deren Verwandtschaft bzw. bereitwillige Pflegefamilien, fälschte Dokumente, besorgte Essensmarken und Reiseunterlagen. Noncia, selbst eine Jugendliche, rettete über die gesamte Besatzungszeit unter Lebensgefahr ohne Unterschied romani, jüdische oder andere Kinder. Karol Gierlinski zufolge waren manchmal gleichzeitig mehr als zehn Kinder in ihrer Obhut. Wie viele Kinder sie insgesamt bis zum Ende des Krieges rettete, wusste sie selbst nicht mehr. Schätzungen gehen von fünfzig Kindern aus.[5][6]

Nach dem Krieg

Alfreda Markowska ließ sich endgültig in Gorzów Wielkopolski nieder. Mehr als vierzig Jahre später, am 17. Oktober 2006, erhielt die über achtzigjährige Alfreda Markowska eine der höchsten polnischen Auszeichnungen, den Orden Polonia Restituta. Sie ist die einzige Romni, die jemals dieses Ehrenzeichen erhalten hat. Die Zeremonie führte der polnische Präsident Lech Kaczynski im Präsidentenpalast persönlich durch.[6] Eine Entschädigung für die Verfolgung hat sie nie bekommen. In einem Interview beklagte ihr Enkelsohn Robert Dolinsky Patryk, dass ihre kleine Rente nur knapp für die Lebenshaltungskosten und für die Arzneimittel ausreichte.[5][7] Alfreda Markowska starb Ende Januar 2021 im Alter von 94 Jahren.

Ihr wurde ein Kurzfilm gewidmet.

Weiterführende Literatur und Weblinks

  • Aleida Assmann: Formen des Vergessens. Reihe historische Geisteswissenschaften.
  • Frankfurter Vorträge. (Hrsg.): Bernhard Jussen/Susanne Scholz, Bd. 9.
  • Zu Traumatisierung vgl.: Jane Schuch: Antiziganismus als Bildungsbarriere, Dossier:
  • Perspektiven und Analysen von Sinti und Roma in Deutschland, 2014. Unter: Antiziganismus als Bildungsbarriere
  • Agnieszka Hreczuk: Die Frau, die Dutzende Kinder vor dem Tod bewahrte, in: Tagesspiegel, 26. Januar 2014.
  • Heinrich Moritz Gottlieb Grellmann: Die Zigeuner. Ein historischer Versuch über die Lebensart und Verfassung, Sitten und Schicksale dieses Volks in Europa, nebst ihrem Ursprunge, Dessau/Leipzig 1783.
  • Vgl. Romani Rose: Bürgerrechte für Sinti und Roma. Das Buch zum Rassismus in Deutschland, Heidelberg 1987.
  • Agnieszka Hreczuk: Die Retterin im langen Rock.9 In: Tageswoche, 30. Juli 2014.

Einzelnachweise

  1. Zmarła Babcia Noncia. Alfreda Markowska miała 94 lata
  2. Karol Gierlinski: Piekne zycie Alfredy Markowskiej. In: Romano Atmo. Nr. 5, 2006-10.
  3. Karol Gierliński, auf romarchive.eu
  4. Agnieszka Hreczuk: Die Frau, die Dutzende Kinder vor dem Tod bewahrte. In: Tagesspiegel. 2014-01-26
  5. 5,0 5,1 Isidora Randjelovic: Neue Rundschau. 2, S. Fischer Verlag, 2018, S. 75-82.
  6. 6,0 6,1 Die Frau, die Dutzende Kinder vor dem Tod bewahrte. Abgerufen am 2. September 2020.
  7. Wyborcza.pl. Abgerufen am 2. September 2020.
Dieser Artikel basiert ursprünglich auf dem Artikel Alfreda Markowska aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der Doppellizenz GNU-Lizenz für freie Dokumentation und Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported. In der Wikipedia ist eine Liste der ursprünglichen Wikipedia-Autoren verfügbar.