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Roma

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Dieser Artikel behandelt die Ethnie der Roma, für andere Bedeutungen von Roma siehe Roma (Begriffsklärung).
Datei:Movimiento gitano.jpg
Vermutete Migration der Roma nach Europa

Roma ist der Oberbegriff für eine Reihe ethnisch miteinander verwandter, ursprünglich aus dem indischen Subkontinent stammender Bevölkerungsgruppen, die ab dem 14. Jahrhundert in mehreren Migrationsschüben über Vorderasien nach Nordafrika und Europa sowie in der Moderne auch nach Amerika und Australien gelangten. Roma leben als ethnisch-kulturelle Minderheit auf allen Kontinenten, in ihrer großen Mehrheit jedoch in Europa und dort vor allem in Südosteuropa und einigen mitteleuropäischen Staaten, sowie in Spanien und Frankreich.

Die in eine Vielfalt von Dialekten ausgeformte gemeinsame Sprache der Roma ist das Romani/Romanes.

Sehr viele Angehörige der Minderheit werden sowohl aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit als auch aufgrund ihrer sozialen Situation marginalisiert und stehen so im Schnittpunkt zweier Formen gesellschaftlicher Ausgrenzung. In manchen europäischen Staaten sind sie über eine gesellschaftliche Randstellung hinaus noch in jüngster Zeit offener Verfolgung ausgesetzt gewesen oder noch ausgesetzt.

Bezeichnungen

Selbstbezeichnungen

In einem allgemeinen Verständnis und in weitgefasster Definition bezeichnet „Roma“ (Sg. m. rom, Pl. neben roma auch rom; Sg. f. romni, Pl. romnija; rom = „Mann“ oder „Mensch“; ein von dem Romanes-Nomen abgeleitetes deutsches Adjektiv gibt es nicht) über alle Teilgruppen der Ethnie hinweg die Angehörigen der Gesamtethnie. Auf Empfehlung seiner Sprachkommission tritt der von den Vereinten Nationen anerkannte Weltdachverband, die International Roma Union (IRU), für „Roma“ (bzw. englisch auch: Romani) als Bezeichnung aller Menschen mit Roma-Herkunft ein.[1] Der erste Weltkongress der internationalen Bürgerrechtsbewegung der Roma in London 1971 legte die Bezeichnung „Roma“ als Gesamtkategorie für die unterschiedlichen Teilgruppen offiziell fest. Auch der zweite internationale Dachverband von Roma-Organisationen, der Roma National Congress (RNC), verwendet den Begriff „Roma“ als Überbegriff.[2]

Abseits dieser Grundunterscheidung bewegt sich eine Konvention, die sich innerhalb des deutschen Sprachraums in den letzten Jahrzehnten herausgebildet hat.

  • In Deutschland bezeichnet der Doppelbegriff „Sinti und Roma“ zwei Teilgruppen der Gesamtethnie: zum einen die Angehörigen der in Deutschland, Österreich, den Niederlanden, Frankreich, Norditalien und Südosteuropa[3] beheimateten Sinti (im französischen Sprachraum Manouches) sowie zum zweiten in diffuser Beschreibung die im osteuropäischen Raum beheimateten bzw. von dort zugewanderten Roma.
  • Daneben existiert eine „strenge“ Auslegung dieser in Medien und Politik verbreiteten Konvention durch einige deutsche, mehrheitlich von Sinti bestimmte Selbstorganisationen der Minderheit, die von „deutschen Sinti und Roma“ sprechen. Diese Bezeichnungspraxis unterscheidet zwischen Sinti und Roma – diese Zuwanderer aus der Mitte des 19. Jahrhunderts – deutscher Staatsangehörigkeit, die der „deutschen“ Bevölkerung zugeordnet werden, einerseits sowie im 20. Jahrhundert in mehreren Schüben nach Mitteleuropa migrierten osteuropäischen Roma andererseits, von denen freilich viele ebenfalls die deutsche Staatsangehörigkeit haben.[4]
  • In Österreich, wo Sinti eine kleine Minderheit innerhalb der Minderheit bilden, ist zudem die Variante „Roma und Sinti“ (in dieser Reihenfolge) gebräuchlich, wie sie u. a. von den von Nicht-Sinti dominierten österreichischen Roma-Organisationen vertreten wird.[5] Die staatliche Anerkennung als österreichische Volksgruppe erfolgte 1993 unter dem Überbegriff „Roma“.[6]

Außerhalb des deutschen Sprachraums sind die beiden Doppelbezeichnungen, die

  • von einer systematischen Beschreibung abweichen und die Unterscheidung zwischen Gesamtkategorie und Subkategorie ignorieren
  • sowie räumlich begrenzten minderheitspolitischen Sonderinteressen folgen,

weitgehend unüblich.

Die Durchsetzung und Etablierung von „Roma“ bzw. der regionalen Doppelbezeichnungen im medialen, halbamtlichen und amtlichen Sprachgebrauch geht wesentlich zurück auf die Anstrengungen der seit den 1970er Jahren entstandenen Selbstorganisationen der Roma und der Bürgerrechtsbewegung für die gesellschaftliche Anerkennung und Integration der Minderheit.

Die Romanes-Eigenbezeichnungen sollen dazu beitragen, den abschätzigen mehrheitsgesellschaftlichen Blick in Frage zu stellen, wie er diskriminierend in Zigeuner Ausdruck finden würde. Sie sollen die gesellschaftliche Anerkennung und Eingliederung der Minderheit fördern.

Die von den Mitgliedstaaten des Europarates eingesetzte Europäische Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) empfahl 1998, für die verschiedenen partikularen Gruppen der Roma die Namen zu verwenden, die diese für sich selbst gebrauchen.

Historisch belegt sind „rom“ und „romni“ im deutschen Sprachraum ein erstes Mal 1726 im Waldheimer Lexikon der „rothwelschen“ und der „zigeunerischen Sprache“ eines unbekannten Verfassers mit der zutreffenden Übersetzung „Manns-Person“ und „Frau“.[7] „Sinti“ scheint jüngerer Herkunft zu sein. Es tritt erst 1787 als „Sende“ in der Sulzer Zigeunerliste auf, dann mit „Sinte heißt also dieses Volk“ ein zweites Mal 1793 in einer Darstellung preußischer „Zigeuner“. Das Wissen seines Gewährsmanns beschreibt der Verfasser als mehrere Jahrzehnte alt, es dürfte mithin aus der Mitte des 18. Jahrhunderts stammen. Neben Sinte und Sintessa setzt er synonym Rom und Romni für Mann/Ehemann bzw. Frau/Ehefrau.[8]

Fremdbezeichnungen

Zigeuner (zigan, zigani, zingaro u. ä.) wird ebenfalls als Sammelkategorie verwendet. Die genaue Herkunft dieser gemeineuropäischen Fremdbezeichnung ist nicht sicher. In der Regel jedoch wird als gemeinsame Wurzel das griechische Wort atsinganoi angenommen. Es ist wahrscheinlich eine korrumpierte Form von athinganoi, Name der im 9. Jahrhundert bezeugten gnostischen Sekte der Athinganen oder Athinganer, seit dem 12. oder 13. Jahrhundert aber ebenfalls im Sinne von „Zigeuner“ verwendet, und dann mit eindeutigem Bezug darauf (o toùs kaì Aìgyptíous kaì Athingánous, s. auch u. zu „Ägyptern“) bei Gregorios II. Kyprios (1283–1289 Patriarch von Konstantinopel).[9]

Der Begriff hat eine lange Geschichte als abwertende Fremdbezeichnung. Im Nationalsozialismus wurde er mit rassistischem Inhalt als Gesamtbezeichnung der Ethnie verwendet. Weil er historisch und vor allem nationalsozialistisch belastet ist, wird er von vielen Roma, so auch vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, als diffamierend abgelehnt. Anderer Ansicht ist die Sinti Allianz Deutschland, die das Wort neben Sinti auch als Eigenbezeichnung akzeptiert. Es sei unabhängig von den ihm anhängenden negativen Konnotationen an und für sich nicht diskriminierend. Nicht das Wort, sondern die Sprecherabsicht sei entscheidend. Im mehrheitsgesellschaftlichen unreflektierten Alltagsdiskurs – hier mit diffusem und nicht unbedingt ethnischem Inhalt, aber auch im wissenschaftlichen Raum – hier ethnisch-kulturell ausschließlich auf Roma im Sinne der Gesamtethnie bezogen – war das Bemühen um eine neue sprachliche Konvention nur begrenzt erfolgreich. Anders als „Neger“, „Fräulein“ oder „Lappe“ wurde „Zigeuner“ dort durch die respektierenden Eigenbezeichnungen nicht zur Gänze abgelöst.

Der unscharfe Begriff Fahrendes Volk, der heute aus einer vor allem exotisierenden Perspektive auf alle möglichen Gruppen von „Fahrenden“ angewendet wird, ist kein Synonym für „Zigeuner“ und schon gar nicht für „Roma“.

In Norddeutschland, im Schwedischen, Norwegischen und – hier weniger gebräuchlich – im Dänischen findet sich mit den Fremdbezeichnungen Tatern bzw. tattare ein sprachlicher Bezug zu „Tataren“ (→ Resandefolket). Auch in Rumänien werden sie, wenngleich selten, als „Tataren“ bezeichnet (rumänisch: tătăraşi, siebenbürgisch-sächsisch: Tatern). Ob diese Etikettierung in einem Zusammenhang mit einem tatarischen oder türkischen Vordringen nach Europa steht, ist eine spekulative Annahme.

Inzwischen historische Fremdbezeichnungen neben „Zigeuner“ sind die vormals weit verbreiteten Begriffe Heiden und Ägypter; Letzterer geht zurück auf eine mythische Herkunftserklärung, nach der die Minderheit büßend auf einer Pilgerfahrt aus „Klein-Ägypten“ nach Europa gekommen sei. Dahinter steht als realer Ansiedlungsort und Namensgeber eine für das 14. und 15. Jahrhundert nach einem Berg Gype auf der Peloponnes belegte Siedlung „klein Egypten“ von „Egyptianern genannt Heyden“ bzw. von „romiti“.[10] Sprachlich findet die Bezeichnung sich noch im Englischen als Gypsy (historisch weit weniger belastet als der Ausdruck „Zigeuner“), im Spanischen als gitano, im Französischen als gitan oder im Griechischen als gifti.

Das bevorzugte Romanes-Wort für die Angehörigen der Mehrheitsbevölkerung ist gadzo (f. gadzi). Wörtlich übersetzt heißt es „Bauer“. Es steht für die Lebenswelt der Vormoderne. Ein weiterer weniger an dem Stereotyp eines klaren Gegensatzes von nicht sesshafter und sesshafter Lebenswelt orientierter und weniger abgrenzend gemeinter Begriff ist raklo (f. rakli).[11]

Sprache

Die Sprache der Roma, romaňi čhib (international und im angelsächsischen Sprachraum in Übernahme des vom Ethnonym abgeleiteten Adjektivs als „Romani“, im deutschen Sprachraum abweichend als „Romanes“) ist verwandt mit dem Sanskrit und weist Gemeinsamkeiten sowohl mit zentralindischen wie auch mit nordwestindischen Sprachen auf. Nach der Genese des Grundwortschatzes und der Grammatik sowie nach der Phonologie ist Romanes eine neuindoarische (also indogermanische) Sprache. Sie hat sich seit mehr als 800 Jahren unabhängig von den indischen Sprachen entwickelt, davon seit mindestens 700 Jahren in Europa.

Zur Sprache gehören daher auch eine von den Kontaktsprachen beeinflusste Syntax und ein umfangreicher nichtindischer Wortschatz. Lexeme des mittelalterlichen Griechisch haben unter nur geringem lautlichen Wandel das Romanes bereichert, wie etwa drom (Straße), foro (Stadt), okto (acht) und andere Lehnwörter, die sich bis heute erhalten haben. Armenischen Ursprungs sind Lexeme wie grast (Pferd) oder bov (Ofen). Es gibt ossetische und andere iranische Einflüsse.

Die methodische Erfassung der Lehnwörter diente dazu, die Migrationsbewegungen der Roma zu rekonstruieren, was jedoch nur bedingt möglich ist. Immerhin hat die Linguistik inzwischen zu einer brauchbaren Einteilung der verschiedenen Dialekte des Romani gefunden. Die regionale Dialektvariante ist jeweils stark von der Umgebungssprache geprägt. Aufgrund der starken Differenzierung der Gesamtethnie in zahlreiche partikulare Subgruppen gibt es etwa 60 Dialekte. Der von den Sinti gesprochene Dialekt des Romanes ist das Sintikanes (sintengheri tschib).

Soweit das Romanes Primärsprache ist, sind die Sprecher mindestens zweisprachig: zusätzlich sprechen sie die Sprache des Landes, in dem sie sich aufhalten oder früher aufgehalten haben. Viele Roma sind drei- und mehrsprachig.

Die Verfügung über die Ausgangssprache hat sich innerhalb der ursprünglichen Sprechergemeinschaft sehr unterschiedlich entwickelt. Es gibt ein breites Spektrum des Sprachverlusts bis hin zur völligen Aufgabe des Romanes.

Bis in das 20. Jahrhundert hinein war das Romanes nichtschriftlich. In Abhängigkeit von der jeweiligen nationalen Rechtschreibnormierung wird es heute unterschiedlich geschrieben. Die linguistische Kommission der International Romani Union hat einen Vorschlag für einen internationalen Standard entwickelt. Er beruht auf der Kalderaš-Variante des Vlax, des am weitesten verbreiteten Dialekts.

Herkunft

Der historische Herkunftsraum der Roma-Ethnie ist nach einer Annahme, die sich auf den sprachlichen Befund stützt, der Nordwesten des indischen Subkontinents: Das Romanes ist mit zentralindischen Sprachen wie dem Sanskrit verwandt. Ein erster Hinweis auf diese Herkunft liegt mit der 1782 publizierten sprachvergleichenden Arbeit Sprache und Herkunft der Zigeuner aus Indien von Johann Christian Christoph Rüdiger vor. Bekannter wurde das Werk von Heinrich M. G. Grellmann Die Zigeuner. Ein historischer Versuch über die Lebensart und Verfassung, Sitten und Schicksale dieses Volkes in Europa nebst ihrem Ursprung (1783). Weitere historische Sprachelemente aus Kontaktsprachen erlauben Annahmen zum Migrationsweg.

Sesshaftigkeit und Migration

In einer folklorisierenden und exotisierenden Perspektive nahmen und nehmen Betrachter aus der Mehrheitsgesellschaft die Ethnie als homogene nomadisierende „Stammesgesellschaft“ wahr. „Zigeuner“ seien insgesamt unfähig zur Anpassung an sich verändernde sozioökonomische und politische Bedingungen. Ein kollektives und unbeeinflussbares entweder genetisches oder archaisches kulturelles Erbe mache sie grundsätzlich entwicklungsunfähig und zwinge sie zur ewigen „Wanderung“. Dieser Blick geht darüber hinweg,

  • dass die ganz überwiegende Mehrheit der europäischen Roma keinesfalls „nomadisiert“, sondern seit langem ortsfest lebt und nicht anders als andere regionale Bevölkerungen auf eine lange Geschichte fester Ansiedlung in regionalen Räumen zurückschauen kann. Die Vorstellung vom „Nomadenvolk“ ist ohne empirische Grundlage.
  • dass Migration strukturelle, nicht aber ethnische Ursachen hat. Der Zwang zur Dauermigration, wie er in der Frühen Neuzeit weiten Teilen der Mehrheitsbevölkerung,[12] Juden und „Zigeunern“ auferlegt war, hatte unvermeidlich den ökonomischen, rechtlichen und sozialen Ausschluss zur Folge, der mit einem allgemeinen Aufenthaltsverbot einherging;
  • dass dem eine von oben erzwungene Anbindung der Mehrheitsbevölkerung an Ort und Territorium bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts gegenüberstand, die jedoch eine vor allem erwerbsbedingte erhebliche Mobilität nicht verhindern konnte.

Im Alltagsdenken ist das polarisierende Klischee von einer „nomadisierenden Minderheit“ hier und einer „sesshaften Mehrheitsbevölkerung“ dort nach wie vor lebendig.

Das antiziganistische Stereotyp von ewig wandernden Zigeunern korrespondiert in Inhalt und Popularität mit dem antisemitischen Stereotyp vom „ewigen Juden“.

Die meisten Roma in Europa (vor allem Osteuropa und Spanien) leben seit vielen Generationen – zum Teil, wie in der Slowakei[13] oder im Burgenland,[14] schon seit Jahrhunderten – sesshaft. Ein kleiner, kaum zu beziffernder Anteil[15] vor allem in West- und Mitteleuropa lebt in unterschiedlichen Mischformen der Ortsfestigkeit und der in der Regel temporären Abwesenheit von einem Bezugsdomizil; es gibt feste Wohnsitze und eine oft jahreszeitlich begrenzte Erwerbsmigration. So ergaben beispielsweise staatliche Zählungen bereits 1893 in Ungarn und in der Slowakei, dass von denjenigen Personen, die die Zähler als „Zigeuner“ einstuften, in Ungarn 89,2 % sesshaft, 7,5 % halbsesshaft und nur 3,3 % „Wanderzigeuner“ ohne längeren festen Aufenthalt,[16] in der Slowakei 92,9 % sesshaft, 5,4 % halbsesshaft und 1,7 % nichtsesshaft waren[17].

Der ohnehin minderheitliche Anteil der traditionell „Reisenden“ und die Dauer der „Reise“ nehmen weiter ab. Heute wird der Anteil der saisonweise oder dauerhaft migrierenden Roma an der weltweiten Roma-Gesamtpopulation auf maximal 5 % geschätzt,[18] was angesichts einer hohen Mobilität auch in der Umgebungsgesellschaft nicht bemerkenswert ist.

Im Rahmen der innereuropäischen Arbeitsmigration seit den 1960er Jahren kam eine große Zahl von Roma aus südosteuropäischen und südeuropäischen Staaten nach West-, Mittel- und Nordeuropa. Diese Form der Migration blieb deshalb unauffällig, weil die Roma-Migranten nicht als solche, sondern als Angehörige ihrer jeweiligen Staaten in Erscheinung traten.[19]

Im Kontext von zunehmender Arbeitslosigkeit, Armut und Krieg in den südosteuropäischen Staaten nach dem Systemumbruch migrierten seit den 1990er Jahren zahlreiche Roma-Familien als Bürgerkriegsflüchtlinge und Arbeitsmigranten nach Süd-, West-, Mittel- und Nordeuropa.

Diskriminierung und Verfolgung

In der etwa 700-jährigen Geschichte der Roma in Europa war die Minderheit spätestens seit Beginn des 16. Jahrhunderts zahlreichen Formen von Diskriminierung und Verfolgung ausgesetzt. Zur Zeit des Nationalsozialismus wurde eine unbekannte, jedoch sechsstellige Zahl von Roma Opfer eines Völkermords (siehe auch unter Porajmos) vergleichbar der Vernichtung der europäischen Juden (Shoah).

Auch heute noch sind Roma Diffamierung, Diskriminierung und sozialer, ökonomischer und politischer Marginalisierung ausgesetzt und in vielen Staaten eine von der Mehrheitsbevölkerung nicht erwünschte Minderheit.[20] In einigen südosteuropäischen Ländern waren Roma in den vergangenen zwei Jahrzehnten mitunter offener Verfolgung ausgesetzt. So wurden während des Kosovo-Krieges ganze Siedlungen von Roma, Aschkali und Ägyptern (diese beiden sind ebenfalls der Romaethnie zuzuordnen) von Angehörigen der albanischen Mehrheitsbevölkerung geplündert und niedergebrannt und die Bewohner vertrieben.[21] Aus Bosnien wurden im Zuge „ethnischer Säuberungen“, die alle Ethnien betrafen, die meisten Roma vertrieben. Viele fanden während des Bürgerkriegs als Opfer von Übergriffen den Tod.[22]

Bis in die jüngste Zeit hinein wird von europäischen populistischen Politikern unter Verwendung tradierter antiziganistischer Klischees und Schlagworte („Überschwemmung“, „Völkerwanderung“) die Forderung nach Ausschluss und Abschiebung von Roma erhoben. Gemeint sind in aller Regel Roma aus Osteuropa, vornehmlich aus Bulgarien und Rumänien. Weit über die Grenzen der jeweiligen Länder hinaus wurden derartige Erscheinungen im westlichen Europa aus der Schweiz, Italien, Österreich und Frankreich bekannt.[23]

Gesellschaftlicher Benachteiligung und einer erheblichen Repression bis hin zu offener Verfolgung unterliegen die osteuropäischen Roma auch in ihren Heimatländern, in denen antiziganistische Haltungen in der Mehrheitsbevölkerung weit verbreitet sind.[24]

Erinnerungskultur

Der die Erinnerung der Minderheit am stärksten prägende Abschnitt ihrer Geschichte, die stets auch eine Verfolgungsgeschichte war, ist die Zeit der äußersten Verfolgung, der Nationalsozialismus. Die mehrheitsgesellschaftliche Kultur der Erinnerung aber ist anders als zur Geschichte der jüdischen Minderheit oder zur Verfolgung politischer oder kirchlicher Gegner der Nationalsozialisten wenig entwickelt. Nur sehr selten widmen sich Straßenbenennungen, Denkmäler, Gedenktafeln oder andere Zeichen oder Orte der Erinnerung oder auch öffentliche Veranstaltungen dem Thema. Bekannt sind künstlerische und dokumentierende Hinweise im öffentlichen Raum aus Bad Berleburg (Nordrhein-Westfalen), Dreihausen (Hessen), Frankfurt a. M., Köln, Ravensburg, Magdeburg, Wiesbaden und Flensburg.

Datei:Ravensburg Mahnmal Sinti.jpg
Ravensburg, Mahnmal zum Gedenken an die 29 in Auschwitz ermordeten Sinti aus Ravensburg

Es waren Initiativen der Betroffenen selbst, die nach Jahrzehnten des Schweigens über die Verbrechen und einer von den Ereignissen im Nationalsozialismus unbeeindruckt fortgeführten Diffamierungs- und Diskriminierungspraxis seit Ende der 1970er Jahren eine gewisse Veränderung zumindest im politisch-offiziellen Raum und in den Medien bewirkten. 1979 fand eine erste internationale Gedenkkundgebung von Sinti, Roma und Unterstützern aus der Mehrheitsbevölkerung im KZ Bergen-Belsen statt. Ostern 1980 führte eine Gruppe Sinti einen weltweit beachteten Hungerstreik im KZ Dachau durch.[25] Diese und folgende Aktionen zunächst kleinerer Gruppen veränderten nicht nur die mediale und die politische Perspektive auf die Minderheit, sie trugen zugleich wesentlich zur Sammlung eines großen Teils der in subethnische Gruppen und Familienverbände zersplitterten Bevölkerungsgruppe in den Landesverbänden und Mitgliedsorganisationen des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma (Heidelberg) sowie in kleineren Interessensorganisationen mit regionaler Bedeutung bei.

Das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg richtete in den 1990er Jahren die einzig vorhandene Dauerausstellung zum „nationalsozialistischen Völkermord an den Sinti und Roma“ ein.

1992 beschloss die Bundesregierung die Errichtung eines Mahnmals in Berlin zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, die als „Zigeuner“ verfolgt, inhaftiert und getötet wurden und im Porajmos, der Entsprechung zur Shoah, kollektiver Vernichtung anheimfielen (siehe Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma). Der israelische Künstler Dani Karavan legte einen Entwurf vor. Die Realisierung verzögerte sich jedoch jahrelang, da sich die Verbände der Betroffenen über den Inhalt des Widmungstextes zunächst nicht einig wurden. Ende 2007 hat der Bundesrat beschlossen, dass er auf der Grundlage von Vorschlägen der Verbände und in Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitgeschichte (München/Berlin) und dem NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln erarbeitet und entschieden werden soll. Der symbolische Baubeginn erfolgte im Februar 2008. Am 24. Oktober 2012 erfolgte die Einweihung in Berlin mit einem feierlichen Festakt[26].

Es gibt selbstorganisierte Aktivitäten, die auf die Situation der osteuropäischen Roma-Migranten aufmerksam machen sollen, ein Bleiberecht einfordern und sich dabei auf die Verfolgung von Roma im Nationalsozialismus beziehen. So protestierten 1989 Roma mit einer Besetzung auf dem Gelände des früheren Konzentrationslagers Neuengamme, in dem auch Roma inhaftiert waren, gegen die Ausweisung von Asylsuchenden. 1993 gab es einen „Marsch“ südwestdeutscher Roma nach Baden-Baden und zur KZ-Gedenkstätte Dachau. Diese und andere bleiberechtliche Aktivitäten wurden jeweils von der Hamburger Rom und Cinti Union angeleitet und begleitet.[27]

Demografie

Roma stellen in keinem Land der Welt die Bevölkerungsmehrheit. Die größten Gemeinschaften leben in Europa, vor allem in Südosteuropa, Ostmitteleuropa, Südwesteuropa und Russland, sowie außerhalb davon: in den USA, Brasilien und der Türkei.

Von den weltweit 7 bis 10 Millionen Roma leben 1,45 bis 4,3 Millionen in Osteuropa. Besonders in Südosteuropa stellen sie traditionell einen hohen Anteil (Rumänien: 1 bis 10 %, Ungarn: 2,9 bis 4,8 %, Jugoslawien 0,8 bis 3,9 %) an der Gesamtbevölkerung. [28]

In Deutschland leben nach übereinstimmenden Angaben sowohl der staatlichen Verwaltung als auch des Zentralrats ungefähr 70.000 Angehörige der Minderheit mit deutscher Staatsbürgerschaft als Nachfahren der historischen Zuwanderer der letzten 600 Jahre.[29]

Es gibt aber auch die Schätzung der renommierten Fachwissenschaftlerin Katrin Reemtsma, die 1998 von „etwa 40–60.000 Sinti und Roma mit deutscher Staatsangehörigkeit“ sprach. Die „Anzahl an ehemaligen Arbeitsmigranten in der dritten Generation in Deutschland und Flüchtlinge[n] mit dauerhaftem Aufenthaltsrecht aus dem ehemaligen Jugoslawien“ setzte sie ebenso hoch wie die der lange Eingesessenen an, also ebenfalls auf zwischen 40.000 und 50.000.[30] Daneben gibt es aus dem Umfeld des Zentralrats 2011 wiederum die Angabe von 80.000 bis 120.000 „Sinti und Roma“ – in der Zentralratsdefinition also lange eingesessene deutsche Staatsbürger – sowie unter Verweis auf eine Uno-Schätzung von 2006 50.000 davon zu unterscheidende als „Flüchtlinge und so genannte Arbeitsmigranten“ bezeichnete Roma.[31]

Abweichend vom oben genannten Sonderfall einer ausnahmsweise übereinstimmenden Angabe zwischen Staat und Selbstorganisation ist allgemein festzustellen, dass staatliche Verwaltungen zu niedrigen Angaben tendieren, während Roma-Organisationen zu hohen Angaben neigen. Es handelt sich jeweils um „politische Zahlen“. Staatliche Zählungen sind durchweg nicht zuverlässiger als die Angaben von Selbstorganisationen oder von NGOs,[32]

  • weil ein Teil der Roma im Land nicht im Besitz der Staatsbürgerschaft ist, aber nur die Staatsbürger gezählt werden,
  • weil nach der ethnischen Herkunft nicht gefragt werden darf und also nach zweifelhaften Kriterien mit großen Spielräumen geschätzt wird,
  • weil ein Bekenntnis zur Ethnie Zählungsvoraussetzung ist, von vielen Roma aber aus sozialen und historischen Gründen verweigert wird,
  • weil die Zähler angesichts der Unzuverlässigkeit von Angaben gemutmaßter Roma Dritte (z. B. die Nachbarn) befragen,
  • weil Angehörige der Minderheit sich trotz einer (Teil-)herkunft aus der Roma-Minderheit im Zuge von Assimilierungsprozessen inzwischen in andere Nationalitäten (Rumänen, Ungarn, Türken) einordnen oder
  • weil durch bürgerkriegsbedingte Vertreibungen selbst jüngere Zahlen hinfällig wurden.

Aufgrund der unterschiedlichen Ansätze und der besonderen Bedingungen demografischer Erhebungen zu Roma und angesichts der in aller Regel großen Differenzen nach Zeitpunkt und nach amtlicher oder nichtamtlicher Trägerschaft in den Ergebnissen sind Zahlen zu Bevölkerungsanteilen der Minderheit meist ohne ernsthafte Aussagekraft. Zwei Beispiele:

  • So wurde die Roma-Bevölkerung für Europa Land für Land für die 1980er Jahre im einen Fall auf zwischen 1.988.000-5.621.000 summiert, im anderen Fall auf zwischen 3.421.750-4.935.000. Für die Niederlande wurden z. B. einmal 1.000, das andere Mal zwischen 30.000 und 35.000 Roma, für Schweden einmal 1.000-8.000, ein anderes Mal zwischen 60.000 und 100.000 Roma behauptet.[33]
  • In Albanien waren bei den letzten Volkszählungsergebnissen 1.300 Roma gemeldet, während Experten bis zu 120.000 Roma annehmen.[34]
  • Die griechische Regierung schätzt die Zahl der Roma auf 200.000[35], Experten auf bis zu 350.000.[35]

Für die weltweite Zahl der Roma ergibt sich daher, dass sie nicht seriös beziffert werden kann. Die existierenden Schätzungen veranschaulichen das Problem. Sie reichen von zwei bis zwölf Millionen.[36] Zuverlässige Angaben zum Bevölkerungsanteil – sei es regional, sei es europaweit oder universal – sind somit ebenfalls in aller Regel unmöglich.

Jüngere politische Entwicklungen

Internationale Zusammenschlüsse

Der mehrheitliche internationale Zusammenschluss der Roma ist die International Romani Union (IRU) als Dachverband regionaler und nationaler Interessenvertretungen. Sie wurde 1978 auf dem zweiten World Romani Congress (WRC) in Genf gegründet.[37]

Seit 1979 ist sie als nichtstaatliche Organisation (NGO) Mitglied im Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen und hat beratenden Status in der UNESCO. Seit 1986 ist sie Mitglied von UNICEF. Eine zweite internationale Vereinigung ist der Roma National Congress (RNC).[39] Ehrenpräsident der IRU war in der Gründungsphase der bekannte Schauspieler Yul Brynner. Er spielte in den 1970er Jahren eine aktive Rolle bei den Bestrebungen der Roma, sich international zusammenzuschließen und internationale Anerkennung zu finden.[37]

Für Europa gibt es seit 2005 das European Roma and Travellers Forum (ERTF), dessen Sprecher beide Zusammenschlüsse repräsentieren. Es ist durch ein Partnerschaftsabkommen mit dem Europarat verbunden. Es setzt sich nicht nur für Roma, sondern zugleich für Nichtromagruppen wie Pavee oder Jenische in ähnlichen sozialen, ökonomischen und bildungsmäßigen Problemlagen ein.

Roma-Organisationen in Deutschland

1972 wurde in Heidelberg der Sinto Anton Lehmann von einem Polizisten erschossen, es kam zu einer Demonstration zahlreicher Sinti, und es konstituierte sich daraufhin der Verband deutscher Sinti. 1982 schlossen dessen Landesverbände und unabhängige Ortsverbände sich zum Dachverband Zentralrat deutscher Sinti und Roma zusammen, dessen Sitz Heidelberg ist. Er ist die staatlich anerkannte Spitzenvertretung der Roma deutscher Staatsbürgerschaft und wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Jugend, Frauen und Familie finanziert. Seine Landesverbände werden als Projekte der Landesministerien gefördert. Der langjährige Vorsitzender des Zentralrats, der deutsche Sinto Romani Rose, war einer der führenden Aktivisten der Bürgerrechtsbewegung der 1970er und 1980er Jahre.

Anders als der Zentralrat organisieren die Rom und Cinti Union (Hamburg) und die Roma-Union-Frankfurt auch in den letzten Jahrzehnten in die Bundesrepublik migrierte Roma und vertreten deren bleibe- und asylrechtliche Interessen. Rudko Kawczynski, staatenloser Hamburger Rom und bekannter Vertreter der Rom und Cinti Union, gehörte zu den führenden Köpfen der Bürgerrechtsbewegung, wie sie im norddeutschen Raum durch öffentliche Aktivitäten hervortrat. Kleinere Selbstorganisationen mit regionaler Bedeutung und ohne Herkunft aus der sozialen und Bürgerrechtsbewegung sind die Sinti Allianz Deutschland (Köln), die vor allem im Internet aktiv ist, oder die Roma Union Grenzland (Aachen). Wichtige gemeinsam von Roma und von Menschen aus der Mehrheitsbevölkerung getragene Zusammenschlüsse mit sozialpolitischem und sozialarbeiterischem Schwerpunkt, die sich unter Einschluss von Arbeitsmigranten und Flüchtlingen allen Romagruppen zuwenden, sind regional der Rom e.V. (Köln) und der Förderverein Roma (Frankfurt a. M.).[40] Als Interessenvertreterin der als Bürgerkriegsflüchtlinge nach Deutschland zugewanderten Roma versteht sich auch das Centre of Integration, Affirmation and Emanzipation of the Roma in Germany – Roma-Union e.V. (Essen).

Rechtliche und staatlich-politische Anerkennung in Deutschland

Seit Ende der 1990er Jahre sind vier nationale Minderheiten in der Bundesrepublik Deutschland anerkannt, nachdem die Bundesrepublik 1997 das Rahmenübereinkommen des Europarats zum Schutz nationaler Minderheiten und 1998 die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen ratifizierte: Dänen, Friesen, Sorben und „die deutschen Sinti und Roma“. Der Schutz als nationale Minderheit erstreckt sich demnach nur auf Roma deutscher Staatsangehörigkeit. Er ist zudem nach dem Abstammungsprinzip eingeschränkt auf die „Alteingesessenen“,[41] schließt also die Roma deutscher Staatsangehörigkeit mit familiärer Herkunft aus Südosteuropa oder Spanien nicht ein.

Rechtliche und staatlich-politische Anerkennung in Österreich

In der Republik Österreich ist seit 1993 neben den „Volksgruppen“ der Burgenlandkroaten, Slowaken, Slowenen, Ungarn und Tschechen die Minderheit der österreichischen Roma anerkannt. Romanes gilt dort als Minderheitensprache im Sinne der Europäischen Charta der Minderheitensprachen.

Frankreich

Im Jahre 2010 erregte die Situation der Roma in Frankreich europaweit Aufsehen, weil die französische Regierung illegal im Land weilende südosteuropäische Roma nicht duldete und auswies. [42]

Sonderfall Südosteuropa und Visegrád-Staaten

In den südosteuropäischen Ländern und den sogenannten Visegrád-Staaten lebt die große Mehrheit der europäischen Roma-Bevölkerung. In der sozialistischen Phase eröffneten sich für Roma eine Reihe von individuellen Möglichkeiten der Qualifizierung und des sozialen Aufstiegs. Es entwickelten sich „Roma-Eliten mit hoher Qualifikation, wie sie in Westeuropa nicht zu finden sind.“[43] Die dennoch gesellschaftlich randständige und bedrohte Existenz der Roma der 1960er-Jahre in Mähren, Böhmen, Ungarn, Rumänien und der Slowakei wird im Bildband Roma des Fotografen Josef Koudelka dargestellt.[44] Inzwischen hat sich die Lebenssituation der südosteuropäischen Roma durch die politischen und sozioökonomischen Auflösungs- und Neuformierungsprozesse der 1990er Jahre und durch die damit einhergehenden, durch Ethnisierung und neue Nationalismen ausgelösten Konflikte und Verdrängungen entscheidend verschlechtert.

Allgemein hatten die Rekapitalisierung der landwirtschaftlichen und der industriellen Produktion, die Massenentlassungen und die Entstehung eines unregulierten Arbeitsmarktes eine hohe Arbeitslosigkeit und allgemeine Verarmung und Verelendung der Roma zur Folge. Die Entlassungen auf dem Land und in den kleineren Orten bewirkten eine erhöhte Landflucht in die bereits ohnehin übervölkerten und schlecht ausgestatteten Romaquartiere („Mahala“) der großen Städte. Die südosteuropäischen Mahala haben Ghetto-Charakter. So werden z. B. die Schulen der bulgarischen Romaviertel als „heute in höchstem Maße vernachlässigt“ beschrieben. Der Analphabetismus unter jungen Roma nehme rapide zu.[45] Die aus der produktiven Sphäre Ausgeschlossenen versuchen ihrer Verelendung vor allem mit kombinierten Noterwerbsweisen zu entrinnen: kleiner Handel, Sammeln und Aufarbeiten von Resten, Gelegenheitstätigkeiten, kleine Delinquenz. Damit einher gehen die typischen sozialen Konsequenzen solcher Prozesse, wie drastisch sinkende Bildungschancen und stark erhöhte Kriminalitäts-, Alkolholismus- und Drogenrisiken.

Im ehemaligen Jugoslawien (heute Serbien) gab es eine relative Integration der Roma und damit vergleichsweise gute Bildungschancen. Viele Roma konnten höhere Schulabschlüsse und mancher einen Hochschulabschluss erwerben. Inzwischen ist die Minderheit auf den vorsozialistischen Stand der Bildungsdiskriminierung zurückgefallen. Im Zuge des staatlichen Zerfalls und der damit aufbrechenden ethnisch und nationalistisch inspirierten bürgerkriegsartigen Auseinandersetzungen richteten sich massive Aggressionen auch gegen die jeweilige Romabevölkerung. Sie war kollektiven Angriffen durch Angehörige der Mehrheitsbevölkerung, Zerstörungen und Plünderungen ihrer Wohnstätten mit dem Ziel ihrer Vertreibung ausgesetzt. Ein Beispiel ist die 1999 von albanischen Nationalisten geplünderte und niedergebrannte Romska Mahala von Mitrovica (Kosovo), die von 5.000 Roma, Ashkali und Ägyptern („RAE“) bewohnt wurde.[46] Viele südosteuropäische Roma flüchteten vor diesem Hintergrund nach West- und Mitteleuropa oder auch nach Nordamerika.[47]

Soziale Organisation, Kultur

Die kulturellen Überlieferungen, die kulturelle Vergangenheit und Gegenwart der europäischen Roma weisen überaus gewichtige regionale Unterschiede auf, und „auch der Blick der Gadje auf die Sinti und Roma ist jeweils ein anderer, was u. a. eng mit deren Anteil an der jeweiligen Gesamtgesellschaft und mit der An- oder Abwesenheit weiterer kultureller Minderheiten zusammenhängt.“[48] Der mehrheitsgesellschaftliche Einfluss auf die Entwicklung der Minderheitskultur brachte insofern historisch und regional unterschiedliche Ergebnisse hervor. Dennoch lassen sich einige Gemeinsamkeiten feststellen, wobei die Frage offen bleiben muss, inwieweit sie einem gemeinsamen ethnischen „Erbe“ oder aber ähnlichen oder gemeinsamen strukturellen Bedingungen geschuldet sind.

Die Bedeutung der Großfamilie

Der Zusammenhalt der Roma-Gemeinschaft wird traditionell durch verwandtschaftliche Beziehungen gestiftet.[49] Wichtigste Organisationsform und Basis des Gesamtsystems ist die Großfamilie. Bei den Kalderasch heißt sie tséra (‚Zelt‘), bei anderen osteuropäischen Roma satra. Mehrere satra bilden bei den Kalderasch einen familiären Großverband (njamuri, bei anderen Gruppen: niamo). Mehrere Familienverbände der Kalderasch ergeben eine vitsa. Die Größe einer vitsa kann sehr unterschiedlich sein. Sie kann von zehn bis zu mehreren hundert satra reichen. Sie erweitert sich durch Heiraten zwischen den Teilverbänden. Die nächsthöhere Ebene ist die natia oder rasa, die jeweilige Roma-Subethnie in ihrer Gesamtheit, also der Kalderasch, der Manusch oder der Lowara. Bei den letzten wiederum lassen sich z. B. nur die drei Ebenen der Großfamilie, der tséra und der rasa unterscheiden, wobei im Inhalt die tséra sich mit der vitsa deckt.

Der vitsa steht ein Ältester vor, der nach Ansehen, Autorität und Kompetenz gewählt wird, entweder auf eine bestimmte Zeit oder auch lebenslang. Er trägt einen Titel mit in Südosteuropa verwendeten Begriffen: baro (‚Großer‘), sero (‚Haupt‘, ‚Fürst‘), kraljo (‚Fürst‘), grofo usw. Er leitet den Altenrat mit dem er gemeinsam oder auch alleine alle wichtigen, die Gruppe betreffenden Beschlüsse, fasst. Nach südosteuropäischen Traditionen hebt er sich durch äußere Merkmale und Symbole wie einen Bart, einen besonders geschmückten Anzug und ein silbernes Zepter hervor. In manchen Großverbänden hat eine ältere, besonders lebenserfahrene Frau als puri daj (‚Großmutter‘) eine führende Rolle.

Die kumpania als Wirtschaftseinheit

Die ökonomische Einheit ist die kumpania als offener, lockerer Zusammenschluss gemeinsam wirtschaftender Angehöriger mehrerer Familienverbände. Sie reagiert flexibel auf die jeweils gegebenen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen, ihre Zusammensetzung ist also einer fortwährenden Veränderung unterworfen. Gleichzeitig verlangt sie uneingeschränkte Kooperation und die Einhaltung der gruppeninternen Regelungen, deren Missachtung vom traditionellen Gericht der Roma, der kris, geahndet werden kann. Jede kumpania beansprucht einen geografisch oder ökonomisch gegen andere kumpania abgegrenzten Raum.[50]

Traditionelle berufliche Differenzierungen

Die südosteuropäischen Roma gliedern sich in eine größere Zahl von Teilgruppen mit jeweils unterschiedlichen Traditionen und Dialekten, zu denen – inzwischen weitgehend historische – berufliche Spezialisierungen gehören, die oft namengebend waren, wie

  • Sepečides = Korbflechter (türk.) sepet für Korb, sepetçi für Korbflechter
  • Čurara = Siebmacher (rumän.) ciur für Sieb
  • Lovara = Pferdehändler (ungar.) „Pferd“ + Plural des Nomina-agentis-Suffixes /-ari/
  • Kalderara/Kalderaš/Kerderara = Kesselmacher und -flicker (rumän.) caldare für Kessel

Rechtsprechung, Konfliktlösung

In der kris, einem Schiedsgericht, klären Roma auch heute noch Streitigkeiten innerhalb einer Gruppe. Die „(Recht)sprecher“ werden dafür von Fall zu Fall von den Kontrahenten einvernehmlich bestimmt. In der Regel sind das drei bis fünf Personen, die sich in der Vergangenheit durch kluge Urteile einen Namen gemacht haben. Auch Ehen werden durch eine kris bestätigt. Einberufen kann sie jeder, der einen Konflikt mit einem anderen auszutragen hat. Verstöße können im äußersten Fall mit dem sozialen Ausschluss sanktioniert werden.[51]

Reinheits- und Meidungsvorschriften

Traditionelle Roma legen Wert auf zahlreiche interne Regeln des sozialen Lebens, der Hygiene wie der „Reinheit“ in einer übertragenen Bedeutung.[52] Die Unterscheidung zwischen rein ([sch]uscho) und unrein (mahrime) ist von herausragender Bedeutung, von ebenso großer Bedeutung wie die (und eng verknüpft mit der) Unterscheidung zwischen Leben und Tod. Frauen unterliegen eigenen Reinheitsvorstellungen. Menstruation und Geburt gelten als unrein mit der Folge besonderer Umgangsweisen. Es handelt sich hier nicht um eine exotische Eigenart der Romakultur, denn in der christlichen Kultur,[53] in islamischen und orthodox-jüdischen Kulturen finden sich ganz ähnliche Vorstellungen. Wer aus diesem oder anderen Gründen für unrein erklärt wird, darf mit seinen Leuten keine Tischgemeinschaft haben und weder essen noch trinken. Es existiert eine Fülle von Einzelregelungen zur Meidung „unreiner“ Bedeutungsträger. Sinti vertreten ein besonders ausführliches Meidungssystem und Regeln strikter Abgrenzung gegenüber der Mehrheitsbevölkerung. Dazu gehört das Verbot, Nicht-Roma (gadsche) über den Dialekt der Gruppe, die sintengheri tschib (auch einfach: mari tschib = unsere Sprache) zu informieren. Das kann bedeuten, dass man es vorzieht, als „Zigeuner“ statt als Sinto bezeichnet zu werden. Alle medizinischen und Pflegeberufe, die mit Krankheit und Tod in Berührung kommen, ferner alle Berufe, die mit Tierfleisch und -blut zu tun haben, gelten traditionellen Sinti als unrein.

Religion

Spuren aus verschiedenen Perioden des indischen und altpersischen religiösen Lebens scheinen sich bis heute im religiösen Verständnis und in der Glaubenspraxis der Roma vorzufinden.

Die Religionszugehörigkeit von Roma korrespondiert in hohem Maße mit der umgebenden Mehrheitsreligion. So sind die meisten Lowara-Roma katholisch und leben in katholisch geprägten Ländern wie Österreich und Ungarn. Die deutschen Sinti sind traditionell in katholischen wie in protestantischen Regionen meist römisch-katholisch. In Osteuropa gibt es orthodoxe Kalderasch und Gurbet in Mazedonien und Serbien sowie die muslimischen Arlije in Mazedonien, Albanien und der Türkei. In Bulgarien sind 39,2 Prozent der Roma Muslime.[54] Die meisten dieser muslimischen Roma bevorzugen die Sprache ihrer türkischen Glaubensbrüder und sind ein wichtiger Faktor des Islam in Bulgarien. Bei den bulgarischen Roma sind zudem starke synkretistische Tendenzen zu beobachten, d. h. es kommt zur Vermischung von christlichen und muslimischen Glaubenspraktiken.[55]

Seit einigen Jahrzehnten missionieren auch freikirchliche christliche Gruppen, vor allem die Pfingstbewegung, erfolgreich bei den Roma.

Die katholischen Roma haben als Schutzpatronin die Schwarze Sara. Einmal im Jahr findet in Saintes-Maries-de-la-Mer (Frankreich) ein großes Treffen der Romafamilien zu Ehren der Schutzpatronin statt. Dieses Ereignis ist als „Zigeunerwallfahrt“ bekannt und eine Touristenattraktion.

Musik

Musik spielt im Alltag der Roma häufig eine große Rolle, musikalische Darbietungen nehmen bei Festen in der Regel eine zentrale Stellung ein. Sie ist also nicht eine Beschäftigung nur für einige Musikenthusiasten, sondern tief in der Kultur verwurzelt und Teil der Alltagskultur. Weil die Musik stets auch dem Broterwerb diente, nahm sie immer schon Elemente aus den umgebenden Mehrheitskulturen auf. Es entwickelten sich als regionale Varianten der Roma-Musik sehr unterschiedliche Stile und Instrumentierungen.

Das Lied Djelem, djelem wurde zur Nationalhymne aller Roma erklärt.

In Spanien, vor allem in Andalusien, haben die Kalé (Gitanos) den Flamenco stark geprägt. International außerordentlich bekannt wurde Manitas de Plata.

Als Jazz-Musiker erlangte der französische Sinto Django Reinhardt internationalen Rang. Eine große Zahl von Sinti-Musikern sah und sieht sich in dessen Nachfolge.

Literatur (Auswahl, Überblicksdarstellungen)

  • Klaus-Michael Bogdal: Europa erfindet die Zigeuner - Eine Geschichte von Faszination und Verachtung. Suhrkamp, Berlin 2011, ISBN 978-3-518-42263-2
  • Rajko Đurić, Jörg Becken, Bertolt Bengsch: Ohne Heim, ohne Grab. Die Geschichte der Roma und Sinti. Aufbau, Berlin 2002, ISBN 3-7466-8081-6
  • Angus Fraser: The Gypsies. 2. Aufl. Blackwell, Oxford 2001, ISBN 0-631-19605-6 (The peoples of Europe)
  • Kurt Holl (Hrsg.): Die vergessenen Europäer. Kunst der Roma. Roma in der Kunst. Ein Projekt des ROM e. V. Köln in Kooperation mit dem Kölnischen Stadtmuseum. Verlag Rom, Köln 2008, ISBN 978-3-9803118-8-5 Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, 12. Mai 2008 - 3. Januar 2009
  • Yaron Matras, Hans Winterberg und Michael Zimmermann: Sinti, Roma, Gypsies. Sprache, Geschichte, Gegenwart. Metropol, Berlin 2003, ISBN 3-936411-26-3
  • Katrin Reemtsma: Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart. C.H. Beck, München 1996, ISBN 3-406-39255-5 (Beck'sche Reihe; 1155)
  • Susan Tebbutt (Hrsg.): Sinti und Roma in der deutschsprachigen Gesellschaft und Literatur („Sinti and Roma. Gypsies in German-Speaking Society and Literature“). Peter Lang, Frankfurt 2001, ISBN 3-631-35349-9 (Forschungen zur Literatur- und Kulturgeschichte; 72)
  • Anja Tuckermann: Sinti und Roma hören. Eine musikalisch illustrierte Reise durch die Kulturgeschichte der Sinti und Roma von den Anfängen bis in die Gegenwart, mit über 40 Musikbeispielen aus dem Kulturkreis. Silberfuchs-Verlag, Tüschow 2011, ISBN 978-3-940665-25-6 (Hörbuch, 1 Audio-CD und Booklet; Sprecher: Rolf Becker, Anne Moll).
  • Herbert Uerlings/Iulia-Karin Patrut (Hrsg.), "Zigeuner" und Nation. Repräsentation - Inklusion - Exklusion (Inklusion/Exklusion. Studien zu Fremdheit und Armut von der Antike bis zur Gegenwart, Bd. 8), Frankfurt a. M. et alt. 2008, ISBN 978-3-631-57996-1
  • Rüdiger Vossen: Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies. Zwischen Verfolgung und Romantisierung. Ullstein, Frankfurt 1983, ISBN 3-548-34135-7 (Katalog der gleichnamigen Ausstellung im Museum für Völkerkunde Hamburg)
  • Jan Yoors: Die Zigeuner. Ernst Klett, Stuttgart 1970
  • Michael Zimmermann: Rassenutopie und Genozid. Die nationalsozialistische “Lösung der Zigeunerfrage“. Christians, Hamburg 1996, ISBN 3-7672-1270-6 (Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte; 33)
  • ders. (Hrsg.): Zwischen Erziehung und Vernichtung. Zigeunerpolitik und Zigeunerforschung im Europa des 20. Jahrhunderts. Franz Steiner, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-515-08917-3
  • Melani Barlai/Florian Hartleb: Die Roma in Ungarn, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, (2009) B 29–30, S. 33–39.
  • Jessica Heun: Minderheitenschutz der Roma in der Europäischen Union. Unter besonderer Berücksichtigung der Definition der Roma als nationale Minderheit sowie der Möglichkeit positiver Maßnahmen im Rahmen von Art. 19 AEUV, 2011, Berliner Wissenschafts-Verlag, ISBN 978-3-8305-1956-0
  • Norbert Mappes- Arme Roma, böse Zigeuner, Chr. Links Verlag, 2012

Film

Hörfunk

Weblinks

 Wiktionary: Roma – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Roma – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen

  1. Vgl. auch: [1]. Da das Romanes eine vor allem gesprochene Sprache ist, finden sich selbst bei zentralen Begriffen gelegentlich abweichende, jeweils dialektbezogene Schreibweisen wie „rroma“, „romma“ oder „rommenes“.
  2. http://ling.kfunigraz.ac.at/~rombase/cgi-bin/art.cgi?src=data/hist/current/self-inter.de.xml
  3. Sinti in Südosteuropa sind wenig bekannt, dort jedoch ebenfalls anzutreffen, siehe: Aleksandar (Sándor) Hercenberger, Secanje na Sinte. Emlékezés a Szintókra [= Erinnerung an Sinti], Novi Sad 2006.
  4. Michael Zimmermann: Rassenutopie und Genozid. Die nationalsozialistische „Lösung der Zigeunerfrage“. Hamburg 1996, S. 17 ff.; Ulrich Friedrich Opfermann: „Seye kein Ziegeuner, sondern kayserlicher Cornet.“ Sinti im 17. und 18. Jahrhundert. Berlin 2007, S. 31 f.; [2].
  5. Siehe z. B. die HP des Kulturvereins Österreichischer Roma: [3].
  6. Gerhard Baumgartner, Bernhard Perchinig: Minderheitenpolitik in Österreich – die Politik der österreichischen Minderheiten. Siehe Emmerich Gärtner-Horvath: 10 Jahr Verein Roma. Resumée und Ausblick. In: Romani Patrin, 1999/2, Oberwart 1999, siehe: [4].
  7. Friedrich Kluge: Rotwelsch. Quellen und Wortschatz der Gaunersprache und der verwandten Geheimsprachen; Straßburg 1901 (ND 1987), S. 187f.
  8. Sende: ebenda, S. 252; Sinte: Johann Erich Biester: Ueber die Zigeuner; besonders im Königreich Preußen, in: Berlinische Monatsschrift, Bd. 21, 1793, S. 108–165.360–393, hier: S. 364-366.
  9. Viorel Achim: The Roma in Romanian Historiy, Central European University Press, Bukarest (u.a.) 2004, S. 9.
  10. Rüdiger Vossen, Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies. Zwischen Verfolgung und Romantisierung, Frankfurt (Main) u. a. 1983, S. 22f.
  11. Zu diesem wie auch dem vorausgehenden Abschnitt: Ulrich F. Opfermann, „Du alter Zigeuner, sieh zu, dass du Land gewinnst!“ Begriffsgeschichten, in: Nevipe. Nachrichten und Beiträge aus dem Rom e. V., 2/2012, S. 14-18.
  12. Das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten thematisiert diese allgemeine Erfahrung von Menschen der unteren Segmente der sozialen Hierarchie.
  13. Rombase, Universität Graz
  14. Rombase, Universität Graz
  15. Gegenüber Zahlen ist in diesem Zusammenhang Vorsicht angebracht; Rombase, Universität Graz: [5]
  16. József Jekelfalussy (im Auftrag des Königl. Ung. Handelsministers verfaßt und hrsg. durch das Königl. Ung. Statistische Bureau), Ergebnisse der in Ungarn am 31. Jänner 1893 durchgeführten Zigeuner-Conscription, Budapest 1895 (= Ungarische Statistische Mittheilungen, Neue Folge, Band IX), Faksimilé-Druck mit einer engl. Erläuterung von István Hoóz, JPTE, Pécs 1992.
  17. Prozentangaben nach den Zahlen von David M. Crowe, A History of the Gypsies of Eastern Europe and Russia, New York: St. Martin’s Griffin, 1996, S. 41, ohne Berücksichtigung der dort zusätzlich genannten „7,734 other Gypsies in this part of Hungary“, vgl. auch Willy Guy, Ways of Looking at Roms: The Case of Czechoslovakia, in: Farnham Rehfisch (ed.), Gypsies, Tinkers and Other Travellers, London: Academic Press, 1975, S. 201-229, S. 211. Quelle für beide ist Emília Horváthová, Cigáni na Slovensku, Bratislava: Vytadel’stvo Slovenskej Akademie Vied, 1964.
  18. Rombase, Universität Graz
  19. Zur Geschichte dieser Migrationsbewegung aus der Sicht der dritten Generation siehe z. B.: Nadine Michollek, Schweigen aus Angst vor Vorurteilen. Junge Roma haben in Deutschland mit jahrhundertealten Stereotypen zu kämpfen, in: Kölner Stadt-Anzeiger, 27. November 2011, S. 50.
  20. generell ("Die Geschichte der Roma stellt sich über weite Strecken als eine Geschichte der Verfolgung, Diskriminierung und Marginalisierung dar. Noch heute befinden sich Roma in den meisten Ländern Europas (und nicht nur Europas) am untersten Rand der Gesellschaft."): Rombase/Universität Graz, siehe: [6]; europaweit: Mitteilungen der [Europäischen] Kommission an das Europäische Parlament, den Rat den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen. EU-Rahmen für nationale Strategien zur Integration der Roma bis 2010, vom 5. April 2011, siehe: [7]; Roma-Migranten in Deutschland: Reinhard Marx, Roma in Deutschland aus ausländerrechtlicher Sicht, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 22-23, vom 30. Mai 2011, siehe: [8]; Ungarn, ökonomische Marginalisierung: Rainer Deppe/Melanie Tatu, Rekonstitution und Marginalisierung, Frankfurt a. M. S. 66.
  21. 650 Jahre Roma-Kultur im Kosovo und ihre Vernichtung: Das Pogrom, Köln o. J.
  22. Rajko Djuric, Jörg Becken und A. Bertolt Bengsch: Ohne Heim – Ohne Grab. Die Geschichte der Roma und Sinti; Berlin 1996; S. 116.
  23. Zur Schweiz: Tagesanzeiger, 30. Januar 2008; zu Italien: Le Monde, 4.November 2007, [9]. 2008 kündigte die italienische Regierung an, systematisch Fingerabdrücke von Roma zu nehmen, auch von Kindern. Diese Pläne trafen auf harsche Kritik von Menschenrechtsorganisationen; insbesondere stehe eine solche Maßnahme im Widerspruch zu der von Italien ratifizierten UN-Kinderrechtskonvention:David Charter: Italian Government´s ‘Mussolini methods’ anger human rights groups. The Times, 5. Juli 2008, abgerufen am 19. August 2010 (engl.).; bei den Verhandlungen des Europäischen Parlaments im Juli 2008 äußerte der Niederländer Jan Marinus Wiersma: „Auch wir sind bestürzt über die Maßnahmen, die die italienische Regierung jüngst zur Lösung des so genannten Roma-Problems in Italien ankündigte. Es ist eine große Schande, dass wir hier und heute eine solche Aussprache führen müssen. […] Das jüngst von dem italienischen Innenminister Roberto Maroni angekündigte Paket, mit dem er gegen den „Roma-Notstand“, wie ihn die Regierung mittlerweile bezeichnet, vorgehen will, hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Die Einrichtung einer Datenbank mit den Fingerabdrücken von Roma-Kindern ist in keiner Weise mit den EU-Grundsätzen der Nichtdiskriminierung, der Gleichheit vor dem Gesetz und des Minderheitenschutzes vereinbar. […] Die Europäische Kommission befindet sich hier in einer meines Wissens noch nie dagewesenen Situation“ (Verhandlungen des Europäischen Parlaments, Montag, 7. Juli 2008, S. 34); zu Österreich: Kleine Zeitung: "Roma und Sinti: Haider warnt vor „Völkerwanderung“ aus Italien"; zu Frankreich: 2010 kam es in Frankreich nach der Erschießung eines Rom durch die Polizei zu Ausschreitungen (Susanne Götze: “Wir sind genauso Franzosen wie alle anderen auch”. www.heise.de, 5. August 2010, abgerufen am 19. August 2010.Sascha Lehnartz: Vertreter der Roma werfen Sarkozy Rassismus vor. Welt Online, 23. Juli 2010, abgerufen am 19. August 2010.). Der französische Staatspräsident kündigte daraufhin härtere Repressionen gegen Roma an. Die Politik Frankreichs traf auf scharfe Kritik europäischer Institutionen, siehe den Abschnitt hierzu im Artikel „Roma-Politik der EU“.
  24. Dazu siehe z. B. die Seite "Rombase" der Universität Graz: [10].
  25. Sinti und Roma im ehemaligen KZ Bergen-Belsen am 27. Oktober 1979. Eine Dokumentation der „Gesellschaft für bedrohte Völker“ und des „Verbands Deutscher Sinti“, Göttingen 1980
  26. [11]
  27. Michael Frost u. a., Roma-Feindlichkeit in fremdenfreundlichen Milieus. Thesen über einen spezifischen Rassismus, in: Joachim S. Hohmann (Hrsg.), Sinti und Roma in Deutschland, Frankfurt/M. et alt. 1995, S. 231-251; siehe auch: [12].
  28. Ellen Leidgeb: Opre Roma! Erhebt Euch!/Eine Einführung in die Geschichte und Situation der Roma, AG SPAK Bücher, München, 1. Aufl., 1994, Seite 42
  29. Siehe: Erster Bericht der Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 25 Absatz 1 des Rahmenübereinkommens des Europarats zum Schutz nationaler Minderheiten, Berlin 1999, und der Zentralrat der deutschen Sinti und Roma.
  30. Katrin Reemtsma: Exotismus und Homogenisierung - Verdinglichung und Ausbeutung. Aspekte ethnologischer Betrachtungen der Zigeuner in Deutschland nach 1945. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Zwischen Romantisierung und Rassismus. Sinti und Roma 600 Jahre in Deutschland. Stuttgart 1998, S. 63-72, hier: S. 63, online.
  31. Daniel Strauß (Hrsg.): Studie zur aktuellen Bildungssituation deutscher Sinti und Roma. Dokumentation und Forschungsbericht. Marburg 2011, S. 4, online: [13].
  32. Vgl. zu den Zahlenspielen: Angus Fraser, The Gypsies, Malden (MA) 2007, 15. Aufl., S. 299ff.
  33. Angus Fraser: The Gypsies. Malden (MA) 2007, 15. Aufl., S. 300. Fraser verweist auf: Rüdiger Vossen: Zigeuner. Frankfurt a. M. 1983, S. 157-162, und Jean-Pierre Liégeois: Gypsies. London 1986, S. 47.
  34. Center for Documentation and Information on Minorities in Europe – Southeast Europe (CEDIME-SE), Minorities in Southeast Europe: Roma of Albania
  35. 35,0 35,1 www.nchr.gr #99
  36. Siehe: Encyclopaedia BritannicaArtikel „Rom“; davon stark abweichend, aber ebenfalls in der Netzausgabe der Encyclopaedia Britannica Erika Schlager: The Roma—Europe’s Largest Minority; Ian Hancock: The Pariah Syndrome: An Account of Romani Slavery and Persecution; Ann Arbor: Rombase. Karoma Publishers, Universität Graz 1987.
  37. 37,0 37,1 Donald Kenrick, Grattan Puxon: Sinti und Roma. Die Vernichtung eines Volkes im NS-Staat; Göttingen 1981; S. 155.
  38. Siehe: www.denkbuehne.eu Über die Anerkennung der Fahne als gemeinsames Symbol liegen kaum Angaben vor. Die Verbände des Zentralrats der Deutschen Sinti und Roma verwenden sie nicht.
  39. Website Universität Graz
  40. Zu diesen beiden Abschnitten siehe: Katrin Reemtsma, Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München 1996, S. 136-144; Yaron Matras, The Development of the Romani Civil Rights Movement in Germany 1945-1996, in: Susan Tebbutt (Hrsg.), Sinti und Roma. Gypsies in German-Speaking Society and Literature, New York/Oxford 1998, S. 49-63.
  41. Siehe z. B.: Bundesministerium des Innern, Nationale Minderheiten in Deutschland, Berlin 2010, 3. Aufl., S. 21, siehe auch: [14].
  42. Lothar Albertin: Deutschland und Frankreich in der Europäischen Union/Partner auf dem Prüfstand, edition lendemains 23, narr Verlag, Tübingen, 2010, Seite 27
  43. Herbert Heuß, Civil Society, Desegregation, Antiziganismus, in: Herbert Uerlings/Iulia-Karin Patrut (Hrsg.), „Zigeuner“ und Nation. Repräsentation - Inklusion - Exklusion (Inklusion/Exklusion. Studien zu Fremdheit und Armut von der Antike bis zur Gegenwart, Bd. 8), Frankfurt a. M. et alt. 2008, S. 469-481, hier: S. 472.
  44. Chip Foto Video, 09/2012, Chip Communications GmbH, München, 2012, Seite 95
  45. Herbert Heuß, Civil Society, Desegregation, Antiziganismus, in: Herbert Uerlings/Iulia-Karin Patrut (Hrsg.), "Zigeuner" und Nation. Repräsentation - Inklusion - Exklusion (Inklusion/Exklusion. Studien zu Fremdheit und Armut von der Antike bis zur Gegenwart, Bd. 8), Frankfurt a. M. et alt. 2008, S. 469-481, hier: S. 473.
  46. NGO-Stellungnahme: [15]; UNMIK-Stellungnahme zum Beginn der Wiederansiedlung 2007: [16].
  47. Siehe z. B.: Daniela Jetzinger, Das Grundrecht auf Eigentum in den Transitionsstaaten des Balkan [zu Ereignissen in Bulgarien, Montenegro, Rumänien], München 2006; Bosnien-Herzegowina: [17] [18]; Kosovo: Stephan Müller, Menschenrechte und Europäische Union. Zur Situation der Roma im Kosovo [19], Rom e. V. (Hrsg.), 650 Jahre Roma-Kultur im Kosovo und ihre Vernichtung, Köln o. J. (2002); Zielland Kanada: “Ungarnflut” an der Hudson Bay im Pester Lloyd vom 20. Januar 2010 abgerufen am 20. Februar 2010.
  48. Herbert Uerlings/Julia-Karin Patrut, „Zigeuner“, Europa und Nation, in: dies., „Zigeuner“ und Nation. Repräsentation - Inklusion - Exklusion (= Inklusion/Exklusion. Studien zu Fremdheit und Armut von der Antike bis zur Gegenwart. Bd. 8), Frankfurt a. M. et alt. 2008, S. 9-63, hier: S. 49.
  49. Die folgenden Angaben basieren auf: Vossen, S. 204 ff.; [20] Rajko Djuric: Zigeuner des Lexikons. Djuric ist Kulturwissenschaftler und ehemaliger Präsident der Internationalen Roma-Union; Cristina Kruck, Rroma-Traditionen, in: Helena Kanyar Becker (Hrsg.), Jenische, Sinti und Roma in der Schweiz, Basel 2003, S. 163–176.
  50. Vossen, S. 207ff.; [21] Seite der Universität Graz.
  51. Rajko Djuric/Jörg Becken/A. Bertolt Begsch, Ohne Heim - Ohne Grab. Die Geschichte der Roma und Sinti, Berlin 1996, S. 327ff.; Rüdiger Vossen: Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies. Zwischen Verfolgung und Romantisierung. Frankfurt (Main) u. a. 1983, S. 256ff.
  52. George von Soest, Zigeuner zwischen Verfolgung und Integration, Weinheim 1979, S. 56ff.
  53. Vgl. etwa die im Katholizismus aus dem Alten Testament abgeleitete bis mindestens in die 1970er Jahre hinein im deutschsprachigen Raum gepflegte "Aussegnung" der Wöchnerin (purificatio mulieris post partum), mit der ihr der erneute Zutritt in die Kirche ermöglicht wurde. Zur Aussegnung: Rüdiger Vossen, Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies. Zwischen Verfolgung und Romantisierung, Frankfurt a. M./Westberlin/Wien 1983, S. 243ff.; Siglinde Clementi/Alessandra Spada (Hrsg.), Der ledige Un-Wille: zur Geschichte lediger Frauen in der Neuzeit, Bozen/Wien 1998, S. 185ff. M. Monika Niermann, Deutsche Kindheit in der Dobrudscha, Marburg 1996, S. 62ff.; Oswald A. Erich/Richard Beitl, Wörterbuch der deutschen Volkskunde, Stuttgart 1974, 3. Aufl., neu bearb. von R. Beitl unter Mitwirkung v. K. Beitl); Edith Saurer [Hrsg.], Die Religion der Geschlechter. Historische Aspekte religiöser Mentalitäten, Wien/Köln/Weimar 1995, S. 9f.
  54. http://www.verein-museum-europaeischer-kulturen.de/seiwert.htm
  55. Elena Marushiakova, Vesselin Popov: The Relations of Ethnic and Confessional Conciousness of Gypsies in Bulgaria
  56. Priorities for concerted pan-European action based on Open Society Foundations’ experience and good practice. Open Society (Positionspapier, veröffentlicht durch den Europarat), abgerufen am 20. Oktober 2010 (engl.).


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