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Kurt Eisemann

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Albert Einstein (Mitte) empfängt in Princeton Studenten der Yeshiva Universität. (L-r): Arthur Taub, Kurt Eisemann, Simon Auster, Einstein, William Frank und Seymour Aronson (Archivfoto vom August 1952)

Kurt Eisemann (19232018), Mathematiker

Leben

  • tachles-Newsletter vom 10. Juli 2020 schreibt:

Durch ein Empfehlungsschreiben Albert Einsteins gelang es Kurt Eisemann, seiner Leidenschaft wissenschaftlich nachzugehen, was das Leben des jüdischen Emigranten massgeblich veränderte.

«Einer der grössten Tage in meinem Leben war der, als ich einen Brief von Albert Einstein bekam; mit nur einem einzigen Satz: ‹Ich würde mich freuen, wenn Sie mich Sonntag, den 22. August, etwa um 4.30 Uhr nachmittags besuchen wollen.› Das war eine Einladung an mich, den kleinen Einwanderer, der mittellos nach Amerika gekommen war. Das war für mich einfach unglaublich!» Noch Jahrzehnte später leuchten die Augen von Kurt Eisemann, wenn er sich an dieses denkwürdige Ereignis aus dem Jahre 1948 erinnert. Als Sohn des jüdischen Arztes Lazarus Eisemann und seiner Ehefrau Lina wurde Kurt 1923 in Nürnberg geboren. Er verbrachte eine unbeschwerte Kindheit, die mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten ein jähes Ende fand. Schon bald begann die Entrechtung der jüdischen Bevölkerung: Doktor Eisemann verlor die Kassenzulassung und musste seine Arztpraxis schliessen. Im Sommer 1933 flüchtete die Familie aus der Stadt der Reichsparteitage nach Frankreich. Dort wollten sie warten, bis der nationalsozialistische Spuk vorüber wäre – vergeblich! 1935 siedelte die deutsch-jüdische Familie deshalb nach Palästina über, liess sich im Moschaw Neve Yaakov bei Jerusalem nieder und versuchte zunächst – aufgrund eines deutlichen Überangebots von deutschen Ärzten – für einige Jahre in der Landwirtschaft Fuss zu fassen. «Dafür war mein Vater jedoch völlig ungeeignet», erinnert sich Sohn Kurt. Mit dem Verkauf von Kuhmilch und Hühnereier schlugen sich die Eisemanns mehr schlecht als recht durch.

Universitätsabschluss ohne Abitur

Schon in früher Jugend erlag Kurt der Faszination der Zahlen. In seiner Freizeit verschlang er Mathematik-Lehrbücher und tauchte tief in die Welt von Algebra, Geometrie und den Geheimnissen der Differenzial- und Integralrechnung ein. «Alle anderen haben das gehasst. Für mich war es ein Vergnügen – eine Erleuchtung! Ich war verliebt in die Mathematik.»

Für den jungen Mann war klar: Er wollte studieren! Doch seine Eltern konnten ihm keine höhere Schule finanzieren. Ohne formelle Hochschulreife blieb Kurt jedoch eine akademische Ausbildung verwehrt. Mit Anfang zwanzig machte sich der junge Mann deshalb auf den Weg ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, um dort seinen Traum zu verwirklichen. Doch auch in Amerika wollte keine Universität Kurt Eisemann als Mathematikstudent annehmen. Trotz seiner umfangreichen Kenntnisse und seinem unbändigen Drang nach Wissen. Der Autodidakt verfügte mittlerweile über die Kenntnisse eines Hochschullehrers, er konnte die kompliziertesten Brückenkonstruktionen berechnen, die kniffligsten Gleichungen lösen und die komplexesten Zahlentheorien analysieren. Um endlich doch an der Universität studieren zu können, gaben ihm Freunde einen ungewöhnlichen Rat: Wende dich an Albert Einstein. Kurt Eisemann schrieb einen Brief an den berühmten Physiker und Mathematiker, der auch tatsächlich auf dessen Schreibtisch landete. Einstein antwortete postwendend: «Ich sehe aus Ihrem Brief, dass Sie mit Leib und Seele Mathematiker sind, und möchte gerne dazu beitragen, dass Ihnen die Beendigung Ihres Studiums erleichtert wird.» Empfehlungsschreiben an diverse Bildungseinrichtungen öffnen dem jungen Emigranten nun endlich die lang verschlossenen Türen: Ohne Abitur gelingt Kurt Eisemann ein Abschluss an der renommierten Yeshiva University, mit summa cum laude, der Schlagzeilen in der jüdischen Presse Nordamerikas macht: «Embryo Einsteins graduiert in zwei Jahren», titelte etwa der «Jewish Examiner». «Das war reine Zeitungs-mache», kritisiert Kurt Eisemann diese reisserische Schlagzeile. «Es war mir etwas peinlich, denn ich war kein Embryo Einsteins, ich war nur einer, der sich gesehnt hat, studieren zu dürfen. Das war alles!»

IQ 160

Albert Einstein bat einen wohlhabenden Freund, die weitere universitäre Ausbildung von Kurt Eisemann zu finanzieren. Es klappte: Der deutsch-jüdische Emigrant studierte am renommierten Massachusetts Institute of Technology und erwarb anschliessend den Doktortitel an der Harvard University. Auch wenn Kurt Eisemann jeden Vergleich mit seinem berühmten Förderer weit von sich weist, so verband ihn mit dem Nobelpreisträger doch eines: Beide, Kurt Eisemann und Albert Einstein, gehören mit einem Intelligenzquotienten von 160 zur kleinen Bevölkerungsgruppe der Genies.

Später arbeitete Eisemann für internationale Computerfirmen und lehrte als Mathematik-Professor an verschiedenen Universitäten in den USA. Zuletzt unterrichtete Kurt Eisemann bis 1992 an der University of San Diego und versuchte auch dort, seine Begeisterung und Liebe für die Mathematik an die junge Generation weiterzugeben. Doch ohne die Unterstützung von Albert Einstein wäre es nie so weit gekommen. Für seinen berühmten Förderer waren es nur einige Empfehlungsschreiben, für den jungen Emigranten, der aus Hitler-Deutschland geflohen war, der Beginn einer wundervollen Karriere. Seinen Lebensabend verbrachte der rüstige und hellwache Pensionär im sonnigen US-Bundesstaat Kalifornien. Auch nach sechs Jahrzehnten in den USA konnte Kurt Eisemann noch fliessend Gedichte der deutschen Klassiker aus dem Gedächtnis rezitieren. Er starb kurz nach seinem 95. Geburtstag in seinem Haus in San Diego.

Die Geschichte von Kurt Eisemann steht exemplarisch für viele von den Nationalsozialisten vertriebene deutsche Juden – und dafür, dass es manchmal glückliche Zufälle gibt, die ein ganzes Leben verändern können. Mit der Flucht dieser Menschen verlor Deutschland eine beträchtliche wissenschaftliche Kompetenz, die in der Emigration zum Blühen kam.

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