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Jesusbewegung

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Dieser Artikel behandelt die antike, jüdische Gruppe der AnhängerInnen des Jesus von Nazaret. Für die christliche Bewegung des 20. Jahrhunderts siehe Jesus-People.

Der Begriff Jesusbewegung wird im Rahmen einer sozialwissenschaftlich orientierten Historischen Jesusforschung häufig für Jesus von Nazaret und seine Anhänger gebraucht.

Der Begriff „Jesusbewegung“ wurde im deutschen Sprachraum von Gerd Theißen verbreitet; insbesondere sein Buch von 1977 zur "Soziologie der Jesusbewegung" hat eine nachhaltige Diskussion angestoßen.[1] Theißen verstand unter der Jesusbewegung eine „von Jesus hervorgerufene innerjüdische Erneuerungsbewegung im syrisch-palästinischen Bereich ca. 30. - 70. n. Ch."[2] Meist wird der Begriff jedoch auf die Zeit vor dem Tod Jesu beschränkt. Das Urchristentum vor seiner endgültigen Trennung vom Judentum wird dann nicht dazu gerechnet.[3][4] Da die Verkündigung des Reiches Gottes als Ziel der Jesusbewegung angesehen wird, wird sie teils als „basileia-Bewegung“ bezeichnet (von griech. βασιλεία τοῦ Θεοῦ basileia tou theou – Königsherrschaft Gottes).[5]

Theißens Analyse der Jesusbewegung hebt u.a. deren Wanderradikalismus hervor.[6] Dieser war nach Theißen von drei Rollen geprägt. Es gab die Wandercharismatiker, die dem Ethos des Wanderradikalismus entsprechend (Heimatlosigkeit, Familiendistanz, Besitzkritik und Gewaltlosigkeit) umher zogen. Die Wandercharismatiker kamen aus Ortsgemeinden außerhalb der großen Städte. Die Ortsgemeinden wurden von Sympathisanten der Jesusbewegung gebildet und dienten den Wandercharismatikern als materielle Basis. Die Wandercharismatiker waren von den Ortsgemeinen als geistige Autoritäten anerkannt. Wandercharismatiker und Ortsgemeinden legitimierten sich aus ihrer engen Beziehung zu Jesus als "Offenbarer".

Forschungen zur Jesusbewegung nutzen soziologische, sozialgeschichtliche und kulturanthropologische Ansätze. Auf diese Weise wird die Aufmerksamkeit nicht nur auf die einzelne Person Jesus von Nazaret, sondern auf die zu Jesus gehörende Gruppe von Anhängerinnen und Anhängern gelenkt.[7] Im 19. Jahrhundert war eine Deutung von Jesus verbreitet, die ihn als einzigartiges Genie auffasste. Gegen Reste dieser Auffassung wendet sich etwa die Befreiungstheologin und Feministin Elisabeth Schüssler-Fiorenza.[5] Jesus dürfe nicht „als ein historisches Artefakt von der Bewegung seiner NachfolgerInnen“ getrennt werden. Die positivistische Rekonstruktion echter Worte und Taten Jesu objektiviere die Männlichkeit Jesu als Tatsache, die für den Glauben grundlegende Bedeutung habe (in Verbindung mit der Erwartung an die historische Jesusforschung, christliche Identität zu begründen). Auch das Bild Jesu als eines „feministische[n] Helden“ lehnt sie ab. Dadurch werde nicht nur Androzentrismus, sondern auch Antijudaismus gefördert: Jesus erscheine als radikaler Erneuerer im Gegensatz zum Judentum.[8] Um auch in Bezug auf die Jesusbewegung ein Überlegenheitsdenken zu vermeiden, spricht sie von einer Emanzipations- statt von einer Erneuerungsbewegung. Sie versteht sie als „eine von mehreren jüdisch-apokalyptischen Widerstandsbewegungen gegen die römisch-imperiale Herrschaft.“[9]

„Jesusbewegung“ wird manchmal auch in klassischen historisch-kritischen Textanalysen als Synonym für die Anhänger Jesu verwendet.[4] In anderen Untersuchungen leiten zwar soziologische Begriffe die Erkenntnisabsicht, es wird jedoch kein Bezug zu einer allgemeinen Theorie hergestellt. Eine theoretische Grundlage liefert teilweise das auf Max Weber zurückgehende Konzept der charismatischen Herrschaft bzw. charismatischen Bewegung. Ohne dass Weber selbst von der Jesusbewegung spricht, sind von ihm verstreute Bemerkungen zu den Jüngern Jesu und dem Urchristentum bekannt. Das Paradigma der charismatischen Herrschaft erhält – nach einer Einschätzung von 1987 – in der Religionssoziologie breite Zustimmung und wird auch in der historischen Bibelwissenschaft vereinzelt zugrunde gelegt.[10]

Literatur

  • Michael N. Ebertz: Das Charisma des Gekreuzigten: zur Soziologie der Jesusbewegung. Mohr, Tübingen 1987, ISBN 3-16-145116-3.
  • Wolfgang Stegemann: Jesus und seine Zeit. Biblische Enzyklopädie, Bd. 10, Kohlhammer, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-17-012339-7.
  • Gerd Theißen: Soziologie der Jesusbewegung. Ein Beitrag zur Entstehungsgeschichte des Urchristentums. Christian Kaiser, 7. Auflage. Gütersloh 1997 (1. A. 1977).

Einzelnachweise

  1. Wolfgang Stegemann: Jesus und seine Zeit. Biblische Enzyklopädie, Bd. 10, Kohlhammer, Stuttgart 2010, S. 257. ISBN 978-3-17-012339-7.
  2. Gerd Theißen: Soziologie der Jesusbewegung. Ein Beitrag zur Entstehungsgeschichte des Urchristentums. Christian Kaiser, 7. Auflage. Gütersloh 1997 (1. A. 1977). Zitiert nach Michael Schäfers, a.a.O., S. 91, Anm.63.
  3. Michael Schäfers: Prophetische Kraft der kirchlichen Soziallehre?: Armut, Arbeit, Eigentum und Wirtschaftskritik. LIT Verlag Münster, 1998, S. 91, Anm.63.
  4. 4,0 4,1 Emilio Voigt: Die Jesusbewegung: Hintergründe ihrer Entstehung und Ausbreitung: eine historisch-exegetische Untersuchung über die Motive der Jesusnachfolge. W. Kohlhammer Verlag, 2008. Online-Auszug.
  5. 5,0 5,1 W. Stegemann, a.a.O, S. 299
  6. Gerd Theißen: Soziologie der Jesusbewegung. Ein Beitrag zur Entstehungsgeschichte des Urchristentums. 7. Aufl. Chr. Kaiser, Gütersloh 1997 (1. A. 1977) ISBN 3-579-05035-4. Exzerpte
  7. W. Stegemann, a.a.O., S. 114f.
  8. Elisabeth Schüssler Fiorenza: Jesus - Miriams Kind. Sophias Prophet. Kritische Anfragen feministischer Christologie. Chr. Kaiser, Gütersloh 1997, S. 137f. ISBN 3-579-01838-8.
  9. Jesus - Miriams Kind, Sophias Prophet, S. 142-144.
  10. Michael N. Ebertz: Das Charisma des Gekreuzigten: zur Soziologie der Jesusbewegung. Mohr, Tübingen 1987, S. 10-12. ISBN 3-16-145116-3. Online-Auszug.


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