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Antijudaismus

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Dieser Artikel behandelt den Antijudaismus, eine religiös-theologisch motivierte pauschale Judenfeindlichkeit. Verwandte Themen siehe dort.
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„Das ellend iamerig und trostlose volck der iuden… hat das allerhailigst sacrament vilfeltiglich gestochen … do warden die iuden … mit gepürlicher peen des tods gestraft.“ Aus der Schedelschen Weltchronik von 1493

Als Antijudaismus (von griechisch-lateinisch anti judaios: „gegen Juden“) wird die pauschale Ablehnung von Angehörigen des Judentums aus überwiegend religiösen Motiven bezeichnet.

Diese Ablehnung durchzog die Christentumsgeschichte seit ihren Anfängen. Sie begleitete die Trennung des Christentums vom Judentum (~70–100), seinen Aufstieg zur Staatsreligion des Römischen Reiches (313–380), die Christianisierung Europas, den universalen Herrschaftsanspruch des Papsttums und die Religionspolitik vieler christlicher Landesherren. Da die meisten Juden weiterhin nicht an Jesus Christus als den Messias und Sohn Gottes glaubten, stellten sie das kirchliche „Wahrheitsmonopol“ schon durch ihr Dasein in Frage. Sie wurden daher seit dem 4. Jahrhundert im christlichen Europa rechtlich, sozial und ökonomisch benachteiligt, ausgegrenzt und (besonders im Hochmittelalter und in der frühen Neuzeit) oft verfolgt, vertrieben und vielfach ermordet. Dies rechtfertigten Christen wiederum als „Strafe“ oder „Fluch Gottes“ für die angebliche „Verstockung“ oder „Gotteslästerung“ der Juden.[1]

Der christliche Antijudaismus gilt als historische Voraussetzung des „modernen“, um 1800 entstandenen nationalistischen, sozialdarwinistischen und rassistischen Antisemitismus. Die Definition beider Begriffe und ihr Verhältnis zueinander sind in der Antisemitismusforschung jedoch umstritten. Bei einer weiten Definition umfasst Antijudaismus auch außerchristliche Judenfeindlichkeit, etwa die vorchristliche Antike Judenfeindschaft und nachchristliche Judenfeindschaft in Teilen des Islam.

Spätantike

Neues Testament

Alte Kirche

Hauptartikel: Substitutionstheologie

Iberische Halbinsel

Die Goten waren im Verlauf der Völkerwanderung schon vielfach Christen geworden. Sie hatten sich aber dem Arianismus zugewandt, den die römische Kirche in Nicäa 325 und Konstantinopel verdammt hatte. Diese „Häresie“ führte der Ostgotenkönig Theoderich der Große 493 in Italien für seine Heere und Beamten ein, zwang sie aber den Römern und Katholiken nicht auf. Diese relative Toleranz gegenüber den übrigen Glaubensrichtungen kam besonders dem Judentum zugute.

Die auf der Iberischen Halbinsel herrschenden Westgoten ließen der katholischen Mehrheit und jüdischen Minderheit ihren Glauben. Aber schon vorher, im Jahr 305 erließ die Synode von Elvira erste antijüdische Gesetze: Christinnen wurde es verboten, Juden zu heiraten, wenn diese nicht vorher konvertierten. Juden wurde verboten, Christen Gastfreundschaft zu gewähren, christliche Konkubinen zu haben und die Felder von Christen zu segnen.

587 trat König Rekkared I. zum Katholizismus über, um die Kluft zwischen den bis dahin arianischen Westgoten und der romanisch-katholischen Bevölkerung zu überbrücken. Dieses Streben stieß nun bei Arianern und Juden auf Widerstände. Daraufhin verschärfte sich ihre Lage. 589 verordnete ein Konzil von Toledo, damals Hauptstadt des Westgotenreichs, auf dem auch der Übertritt aller Westgoten zum katholischen Glauben beschlossen wurde, die Zwangstaufe von Kindern aus Beziehungen von Juden und Christen. Ab 613 bis 620 verordnete König Sisebut weitere Zwangstaufen, nun auch von Erwachsenen.

Die Kirchenkonzile bestätigten die darauf folgenden Sondergesetze gegen die zwangsbekehrten Juden: Die Archive des Klerus, nicht des Staates, verwalteten die abverlangten „Treueschwüre“ der Neugetauften. Ihnen wurde das Reisen und Ansiedeln stark erschwert, indem sie sich in jedem Ort neu die Weiterreise erlauben lassen mussten. Ein Spitzelsystem überwachte jeden ihrer Schritte, so dass ihre Lage schlimmer war als die der nichtgetauften Juden zuvor.

Trotzdem beeinflussten die getauften „Neuchristen“, die in den Dokumenten der Kirche stets weiter „Juden“ genannt wurden, die „Altchristen“ mehr als umgekehrt. Daraufhin verfasste Isidor von Sevilla zwei polemische Schriften für die christliche Unterweisung der Zwangsbekehrten. Sie argumentieren mit Stellen aus den Psalmen, die auf die Menschwerdung Christi verweisen sollten. Kurz darauf verfasste auch Ildefonsus von Toledo einen Traktat De Virginitate beatae Mariae, der die Jungfrauengeburt Jesu gegen von Juden eingebrachte Zweifel daran verteidigte.

Aufgrund brutaler Übergriffe Egicas auf die verbliebenen Gemeinden nahmen einige der „bekehrten“ Juden Kontakte zu jüdischen Gemeinden in Nordafrika auf, um Fluchtmöglichkeiten zu erkunden. Dies stellte der König 694 zur Eröffnung des Konzils in Toledo als versuchte staatsfeindliche Verschwörung mit Muslimen dar, die seit 672 begonnen hatten, südspanische Küstenstädte zu überfallen. Er drängte darauf, alle spanischen Juden, ob Greis, Frau oder Kind, ohne individuelle Prüfung der Vorwürfe unbefristet zu verurteilen:

  • zur Enteignung,
  • Verbannung aus ihren Wohnsitzen,
  • Vogelfreiheit,
  • beliebigem Sklavendienst bei christlichen Grundherren,
  • vollständigem Verbot ihrer Religionsausübung,
  • Wegnahme ihrer Kinder ab dem 7. Lebensjahr,
  • Zwangsheirat der Mädchen und Frauen mit Christen.

Er nahm nur die gallische Provinz Septimanien aus, wo sie als Steuerzahler unentbehrlich waren. Dieser Versuch, das Judentum als Religion völlig auszulöschen, wurde erneut mit ihrer „Verstockung“, „Gotteslästerung“ und dem „Vergießen von Christi Blut“ begründet.

Erst die islamischen Eroberer setzten diesem Vorgehen der katholischen Gotenkönige Spaniens 713 ein Ende. Die überlebenden Juden halfen ihnen bei ihrem Siegeszug.

Mittelalter

Karolinger

In der Karolingerzeit waren Juden relativ geschützt und geachtet. Doch die christliche Ständegesellschaft schloss sie seit dem späten 10. Jahrhundert von allen „ehrenwerten“ Berufen aus und verhinderte ihre soziale Integration durch rechtliche Schranken. Ihre stets bedrohte Randexistenz prägte die mittelalterliche Gesellschaft.

Im Frühmittelalter war der größte Teil Westeuropas katholisch christianisiert. In dieser Zeit kam es kaum zu Übergriffen auf Juden. Doch die Tradition der Kirchenväter, Schriften adversus Judaeos (gegen die Juden) zu verfassen, wurde von den christlichen Theologen fortgesetzt. Sie verbreiteten die Ansicht, die Juden hielten sich für auserwählt und seien zudem die Mörder Christi. So impften sie den neuen Gläubigen das tiefe Misstrauen gegen sie ein.

Im Frankenreich fanden Juden eine sichere Zuflucht. Karl der Große (747–814) gewährte ihnen kirchlichen Schutz und räumte ihnen als Händlern besondere Privilegien ein. Daraufhin wurden einige Juden sehr reich. Im Volk entstand der Eindruck, es ginge allen Juden besser als ihnen. Manche konvertierten deshalb zum Judentum. Ludwig der Fromme (778–840) stellte die Juden dann erneut unter seinen Schutz. Doch bald mussten sie sich diesen erkaufen, beispielsweise durch eine Sondersteuer oder so genannte Judenbriefe.

Im 9. Jahrhundert entwickelte sich allmählich das feudalistische Lehnswesen (wenngleich die zeitliche Entwicklung des Lehnswesen in der neueren Forschung wieder umstritten ist). Grundbesitz war in Europas mittelalterlichen Agrarstaaten die wichtigste Voraussetzung für politische Teilhabe. Nichtchristen durften unter den Karolingern keine Lehnsmänner werden. Juden wurde es untersagt, Grundbesitz zu erwerben, so dass sie sich in Städten niederlassen mussten. Sie blieben ohne politischen Einfluss und konnten nicht zum Adel aufsteigen, weder von Geburt noch durch Verdienste wie das spätere Rittertum.

Ständewesen

Ab dem 10. Jahrhundert organisierten sich die Handwerker der Städte in Zünften, die zugleich christliche Bruderschaften waren. Sie verweigerten Juden die Mitgliedschaft und verdrängten sie so aus den meisten Berufen. Die Juden mussten sich auf von Christen geächtete Berufe wie Trödelhandel, Pfandleihe oder Kreditvergabe spezialisieren. Dabei war ihnen maßvolle Zinsnahme erlaubt. Da aber die wenigsten Kleingewerbe ohne Geldkredite auskamen, wurden Juden, besonders in ökonomischen Krisen, als „Wucherer“ betrachtet und beschimpft. Daraus entwickelte sich das Stereotyp des reichen, habgierigen, betrügerischen Juden.

Kiewer Rus

Die Geschichte des Aufstiegs und der Christianisierung der Kiewer Rus ist eng mit der Zerschlagung des Chasarenreichs verbunden, eines Khaganats zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer. Dieses Reich hatte zwischen dem 8. und 9. Jahrhundert die jüdische Religion als Staatsreligion eingeführt.

956 oder 957 zerstörte Swjatoslaw I. die Reichshauptstadt Itil an der Wolga und besiegelte damit den Untergang des Chasarenreichs. In der Tauflegende um Großfürst Wladimir I. von Kiew spielen die Chasaren noch einmal eine Rolle: Nach der Nestorchronik habe Wladimir Vertreter der vier großen Religionen empfangen um selbst zu entscheiden, welcher Religion sich die Rus anschließen sollten. Das Judentum vertreten in dieser Legende Gesandte der Chasaren. Die Juden werden in der Legende als das zerstreute Volk dargestellt, das den Zorn Gottes auf sich gezogen habe und deshalb aus seiner Heimat vertrieben wurde, was ihre Religion aus der Sicht des Kiewer Fürsten gänzlich unattraktiv erscheinen lässt.

Von Konstantinopel, dessen Religion sie annahmen, übernahmen die Kiewer Großfürsten auch den byzantinischen Antijudaismus.

Ob nach der Zerschlagung des Chasarenreichs größere Gemeinschaften von Chasaren im Kiewer Herrschaftsgebiet existierten, ist in der historischen Forschung umstritten.

Unter Großfürst Wladimir Monomach kam es um 1113 zu einem ersten Pogrom an Juden in Kiew. Geduldet waren nur die kleinen, relativ wohlhabenden Gemeinden der Karäer.

Kreuzzüge

Hinrichtung von Juden um 1250 (N.B. Judenhut) durch Kreuzfahrer

Mit Beginn des 11. Jahrhunderts wurden Juden immer öfter nicht nur als Feinde des wahren Glaubens, sondern auch als innenpolitische Verbündete äußerer Feinde des Heiligen Römischen Reiches dargestellt. Das bedrohte ihre bisherige relative Duldung schwer.

1007 eroberte Kalif Al-Hakim Jerusalem, zerstörte dort die Grabeskirche und viele weitere Kirchen im „Heiligen Land“. Obwohl er ebenso gegen Synagogen vorging, hieß es in Frankreich: Dieses „ungeheure Verbrechen“ sei durch die „Bosheit der Juden“ bewirkt worden (Radulphus Glaber). So wurden diese nun landesweit aus Städten und Dörfern verbannt, in Flüssen ertränkt oder enthauptet. Viele töteten sich selbst, die übrigen ließen sich taufen. Papst Johannes XVIII. sandte vergeblich einen Legaten, um die Verfolgung zu beenden. Der Bevölkerung galt diese dennoch als von „Gott“ befohlenes Werk. Dies war ein deutliches Signal für die spätere Kreuzzugspropaganda.

Nach dem 1. Investiturstreit (1075–1085) hatte der neue Papst Urban II. an Macht gewonnen. Er sah sich nun als dem König- und Kaisertum übergeordnet und zur Weltherrschaft berufen. Als die türkischen Seldschuken Kleinasien eroberten und Byzanz bedrängten, nutzte er sein Amt am 27. November 1095 erstmals zu einem politischen Aufruf an alle Europäer.

Der Erste Kreuzzug sollte Jerusalem von den „Heiden“ – den islamischen Herrschern – befreien. Das Bauernheer von 1096 wie auch das Ritterheer von 1097 sahen sich legitimiert, gegen alle Nichtkatholiken, vor allem gegen Juden – nach Guibert von Nogent die „übelsten Feinde Gottes“ – vorzugehen und damit im eigenen Land zu beginnen. So berichtet der jüdische Chronist Salomo bar Simeon über den Herzog Gottfried von Bouillon:

„Er tat den bösen Schwur, nicht anders seinen Weg zu ziehen, als indem er das Blut seines Erlösers an dem Blute Israels rächen und von jedem, der den Namen Jude trägt, weder Rest noch Flüchtling übrig lassen werde…“

Daraufhin baten die Juden Deutschlands Kaiser Heinrich IV. um Hilfe. Dieser wies Bouillon an, sie ungeschoren zu lassen, erlegte ihnen dafür aber eine hohe Geldzahlung an ihn auf. Auch Peter von Amiens erpresste von ihnen Geld und Wegzehrung für sein Heer. Das Gefolge von Emicho von Leiningen ließ sich dadurch nicht von Raub, Plünderung und Massenmord abhalten, da dies für einfache Bauern weit mehr Aussicht auf Reichtum bot. Verschuldete Adlige ergriffen die Gelegenheit, ihre verhassten Gläubiger und jüdischen Geldverleiher zu beseitigen.

So zerstörten die Kreuzfahrer planmäßig viele der bislang blühenden jüdischen Gemeinden entlang der Reiseroute. Man ermordete die seit Generationen dort Ansässigen ohne Rücksicht auf Alter oder Geschlecht und hetzte die Fliehenden solange, bis auch sie getötet waren. Verschont wurden nur Juden, die sich rechtzeitig taufen ließen. Betroffen waren 1096 in Ostfrankreich u. a. Metz und Rouen, im Rheinland Speyer (3. Mai), Worms (5.–18. Mai), Mainz (27. Mai), Trier, Köln (1.–29. Juni), Neuss und Wevelinghoven (24.–25. Juni), Altenahr (25.–26. Juni), Xanten (27. Juni), Moers (29. Juni), Prag in Böhmen. Erst in Ungarn trafen die Kreuzfahrer auf Widerstand und wurden an der Grenze von einem katholischen Heer vernichtend geschlagen. Die übrigen Heere erreichten zuletzt das „Heilige Land“, wo sie in Jerusalem eins der grausamsten Massaker jenes Jahres anrichteten. – Sie gingen in die jüdischen Annalen als Gezerot Tatnu ein. Noch heute wird in der jüdischen Liturgie der Opfer gedacht.

Einige Kirchenführer versuchten das Morden aufzuhalten. Der Kölner Erzbischof verteilte Kölns Juden auf umliegende Dörfer und Städte, wo sie noch drei Wochen überlebten, bis man sie aufgespürt hatte. Dabei halfen oft ortsansässige Denunzianten. Nur eine Gruppe in Kerpen entging dem Tod. In vielen Fällen beging die versammelte Judengemeinde kollektiven Selbstmord, sobald ihr Versteck gefunden war.[2]

Deshalb stellte Heinrich IV. im Reichslandfrieden von 1103 die Juden unter seinen Schutz. Doch ein solches Dekret war nur begrenzt wirksam. Es verbot den Schutzbedürftigen das Tragen von Waffen. Menschen ohne Waffenrecht waren jedoch im mittelalterlichen Europa praktisch vogelfrei.

Die folgenden Päpste hielten sich nun zurück: Im Decretum Gratiani von 1140 befassten sich nur wenige Canones mit den Juden. Als der Mönch Rudolph im Rheinland 1146 im Vorfeld des Zweiten Kreuzzugs erneut zu Judenpogromen hetzte, erließ Papst Eugen III. die Bulle Sicut Judaeis zu ihrem Schutz. Diese verbot Zwangstaufen, Übergriffe ohne Rechtsverfahren und erpresste Dienstleistungen, erlaubte ungestörte jüdische Feste, gebot den Schutz jüdischer Friedhöfe und drohte denen, die diese Regeln verletzten, die Exkommunikation an.

Zugleich verlangte der angesehene Theologe Petrus Venerabilis von Cluny vom fränkischen König Ludwig VII., die Juden leben zu lassen, aber vollständig zu enteignen, um mit ihrem Besitz die Kreuzfahrer zu verpflegen und auszurüsten. Denn sie seien weit schlimmere Feinde Gottes als die „Sarazenen“ (Muslime). Dennoch sollten sie „zu einem Leben schlimmer als der Tod bewahrt bleiben“.

Dagegen bezog Bernhard von Clairvaux öffentlich Stellung, indem er Psalm 59,11f. EU zitierte:

„Töte sie nicht, damit meine Völker niemals vergessen.“

Juden seien in der Welt zerstreut als lebendige Zeichen für das Leiden Jesu, um die Völker auf kommende Erlösung hinzuweisen. Dann würden nach Röm 11,25f auch die Juden errettet werden. Dazu müssten sie verschont werden. Sie sollten nur auf Zinsen für ihre Kredite verzichten. Wo man sie töte, könnte es den Kreuzfahrern ähnlich ergehen wie denen in Ungarn. Damit konnte Clairvaux ähnlich organisierte Gemetzel wie 1096 verhindern. – Das 3. Laterankonzil von 1179 lockerte nach dem Zweiten Kreuzzug sogar manche der früheren antijüdischen Gesetze.

In England war die Lage der kleinen jüdischen Minderheit seit ihrer Ansiedlung 1066 besser als auf dem europäischen Festland. Sie wurden als belebender Wirtschaftsfaktor begrüßt. Der Prior der Westminster Abbey, Gilbert Crispin, gewährte einem jüdischen Gelehrten sogar die Ehre einer offenen religiösen Diskussion. Dabei ging es um die allegorische oder wörtliche Auslegung des Alten Testaments. Der jüdische Vertreter schlug vor, Christen könnten sich auch bei übertragener Deutung an den Wortlaut halten, damit die Tora erfüllt und zum Segen für beiderseitiges Wohlergehen würde. Dies war ein seltenes Beispiel eines toleranten Gedankenaustauschs.

Doch im Vorfeld des Dritten Kreuzzugs kam es auch in England erstmals zu Ritualmord-Vorwürfen (s. u.) und grausamen Judenpogromen. Als König Richard I. 1189 seine Teilnahme bekannt gab, griffen religiös fanatisierte Massen fast alle jüdischen Gemeinden in England an, um sie zu berauben. Am schwersten traf es die Stadt York, deren Juden – auch die, die zur Taufe bereit waren – völlig ausgerottet wurden.

Philipp II. von Frankreich ließ auf „eigene Nachforschung“ eines angeblichen Ritualmords hin am 16. Februar 1181 sämtlichen Besitz aller Juden von Frankreich beschlagnahmen, um seine prekäre Finanzlage zu bessern. Im Jahr darauf vertrieb er sie aus dem ganzen Land, so dass auch ihr Grundbesitz an den Königshof fiel. Die Synagogen ließ er „reinigen“ und widmete sie dann zu Kirchen um. Mit Schenkungen solcher Gebäude band er den französischen Klerus umso fester an sich. 1198 rief er die vertriebenen Juden jedoch zurück in sein Land. Der Zisterzienser-Abt Adam von Perseigne verfasste im selben Jahr eine heftige Kritik an der Habsucht des Priesterstands:

„Weder wagt noch vermag der Teufel sich so sehr gegen Christi Majestät versündigen, noch konnte die Unwissenheit der Juden so sehr gegen ihn fehlen, wie diese unseligen Christen gegen ihn Verbrechen aufhäufen.“

Im 12. Jahrhundert wurden jüdische Kaufleute mehr und mehr aus dem internationalen Handel verdrängt. Die Juden – eine Minderheit in der mittelalterlichen Feudalgesellschaft – wurden durch immer höhere Schutzzölle und Sondersteuern belastet. In dieser Zeit begann die jüdische Abwanderung nach Osteuropa.

Ghettoisierung

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Juden mit den mittelalterlichen „Judenhüten“ (Abbildung aus dem 13. Jh.)

Nach der Erfahrung der Kreuzzüge erhielten die Juden 1236 von Friedrich II. den Rechtsstatus von kaiserlichen Kammerknechten. Dadurch gerieten sie in direkte Abhängigkeit vom Kaiser. Dieser ließ sich ihren Schutz mit einer „Judensteuer“ bezahlen. Dieses „Judenregal“ wurde nach dem Zusammenbruch der kaiserlichen Zentralgewalt im Interregnum von vielen deutschen Territorialfürsten beansprucht. Die Goldene Bulle von 1356 bestätigte den Kurfürsten das Recht dazu. Oft war die Schutzsteuer so hoch, dass sie die jüdischen Geldverleiher zwang, hohe Zinsen zu verlangen. Das erzeugte neue Vorurteile und verstärkte den Hass auf die „Wucherer“ in der christlichen Bevölkerung, die selber damals dem Zinsverbot unterlag.

Auch die Päpste sahen sich als Schutzherren der Juden und unterstellten sie ihrer „Sündenknechtschaft“. So verlangte Papst Innozenz III. vom fränkischen König, er solle die Juden als Strafe für ihre Schuld am Tod Christi unterdrücken, „damit diese nicht wagen, ihren Nacken, der dem Joch ewiger Knechtschaft unterworfen ist, zu erheben…sondern immer die Scham ihrer Schuld betrachten.“

Auf dem IV. Laterankonzil (1215) dogmatisierte Innozenz III. die Transsubstantiation, die Lehre von der Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi. Das Konzil verschärfte ältere Kirchendekrete und verpflichtete alle Juden und „Sarazenen“ (Muslime) zu einer Kleiderordnung, um „Mischehen“ auszuschließen. Es beschloss außerdem ein Ämter- und Missionsverbot für Juden und wies ihnen das Wohnen in gesonderten Stadtvierteln zu. Christen durften nicht für sie arbeiten und nicht mit ihnen essen. Für ihre „Wucherzinsen“ mussten Juden den Kirchen den Zehnten abgeben; andernfalls würden sie vom Handel mit Christen ausgeschlossen. Getauften Juden wurde die Beachtung jüdischer Riten vollständig verboten.

Thomas von Aquin bekräftigte fast alle diese Maßnahmen in seiner Schrift De regimine Iudaeorum. Die theologische Rechtfertigung des Kirchenrechts wiederum verfestigte die Judenfeindlichkeit in der Bevölkerung. Damit wurden aber nur antijüdische Entwicklungen untermauert, die längst im Gang waren. Berufsverbote für Juden waren seit 100 Jahren üblich. Auch die Einrichtung von Judenghettos lässt sich seit Beginn des 11. Jahrhunderts belegen.

Die Beschlüsse des IV. Laterankonzils wurden nicht überall und nicht einheitlich umgesetzt. Erst seit dem 15. Jahrhundert mussten Juden neben dem Spitzhut einen gelben Ring oder Kreis auf dem Mantel tragen. Besonders seit dem „Judendekret“ des Konzils von Basel (1434) – das u.a. auf der Legationsreise des Kardinals Nikolaus von Kues nach dessen Ernennung zum päpstlichen Legaten zwischen 1450 und 1452 propagiert wurde – entstanden in den meisten deutschen Städten jüdische Stadtviertel. Diese als Ghettos oder Judengassen bezeichneten Stadtviertel waren von Mauern umgeben und wurden nachts durch Tore verschlossen. Dadurch wurden die Juden bei Pogromen zu einem leicht greifbaren Ziel.

Die Konzilsbeschlüsse verbanden Katholizismus und Antijudaismus noch enger miteinander und verschärften die Isolierung der Juden. Das Zinsverbot ließ sich nicht durchhalten; auch Wirtschaftskrisen konnten nun den religiös bereits völlig unterdrückten Juden angelastet werden. Das hatte in Zeiten der Not fatale Folgen.

Religiöse Kriminalisierung

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Tötung eines christlichen Kindes 1475 in Trient. Schedelsche Weltchronik von 1493

Seit Mitte des 12. Jahrhundert beschuldigte man die Juden immer öfter einer begrenzten, stets wiederholten Auswahl „satanischer“ Verbrechen: Ritualmord (oft verbunden mit Kindesentführung), Hostienfrevel, Blasphemie, Brunnenvergiftung.

Anonyme Anklagen dieser Art führten oft zu örtlichen Pogromen, da sie nicht einzelne, sondern alle Juden betrafen. Wo die Autoritäten eingriffen, kam es zu Schauprozessen und unter Folter erzwungenen „Geständnissen“. Die Feindbilder des christlichen Volksglaubens gleichen dabei frappierend jenen, die im römischen Reich den Christen selber gegenüber laut wurden und die damalige Christenverfolgung begleiteten. Sie wurden zwar von den Päpsten meist zurückgewiesen, von weltlichen Herrschern aber teilweise für finanzielle und politische Interessen benutzt.

  • „Ritualmordlegenden“ :

Ritualmordlegenden behaupteten, dass Juden christliche Kinder schlachten, deren Blut in ihr Passahbrot (Mazzen) einbacken und damit Unheil auf die Christen herabbeschwören. Ähnlich hatten Römer früher die Abendmahlsfeier der Christen als kannibalischen Akt denunziert. Der Vorwurf wurde oft während der Karwoche vor Ostern erhoben und ignorierte das jüdische Verbot des Blutgenusses ebenso wie den Sinn des Pessachfestes: Dieses erinnert an Israels Befreiung aus der Sklaverei, die die Ablösung von Menschenopfern durch Tieropfer begründet.

Ein Ritualmordvorwurf tauchte erstmals 1144 in Norwich, 1168 auch in Gloucester auf. 1171 führte eine erfundene Ritualmord-Anklage in Blois (Frankreich) erstmals zu einem förmlichen Prozess gegen 40 Juden. Man bot ihnen an, sie am Leben zu lassen, falls sie sich zu Christus bekehrten. Als sie dies trotz Folter verweigerten, wurden sie verbrannt.

1235 wurde in Fulda erstmals im deutschsprachigen Raum ein Gerücht laut, Juden hätten einen Hausbrand und den Tod von fünf Kindern verursacht: Der Mord an 32 örtlichen Juden war von einer Mordanklage gegen alle Juden des Reiches begleitet. Friedrich II. ordnete eine Untersuchung an, die mit Freispruch endete.

Nach dem Folterprozess von Valréas 1247 verbot Papst Innozenz IV. die Blutbeschuldigung und betonte - vergeblich -, dass die Tora Juden den Genuss von Blut verbiete. Auch der spätere Reformpapst Martin V. wies die Legendenbildung durch Hetzprediger in seiner Judenschutzbulle 1422 energisch zurück. Dennoch gab es Ritualmordanklagen und Schauprozesse dazu bis ins 20. Jahrhundert hinein. Die bekanntesten Fälle waren Hugo von Lincoln 1255, Werner von Oberwesel 1287 und Simon von Trient 1475. Noch 1840 wurde eine solche Anklage in der „Damaskusaffäre“ vom Vatikan gestützt.

Mit dem Ritualmord verband sich auch das Rattenfänger-Motiv der „Kindesentführung“. Der Klerus fürchtete ohnehin ständig den verderblichen Einfluss jüdischen Andersseins auf die christliche Jugend. Man warf Juden vor, was Christen ihnen oft selber real zufügten: Missionare und Inquisitoren nahmen „Ketzern“ und Juden in Spanien und anderswo ihre Kinder durch Zwangstaufe oder Zwangsadoption weg, um sie ihrem „gottlosen“ Einfluss zu entziehen.

  • „Hostienfrevel“:

Der Vorwurf des Hostienfrevels tauchte vermehrt auf, nachdem das 4. Laterankonzil 1215 die Transsubstantiationslehre dogmatisiert hatte. Gerüchte über „Bluthostien“ sollten ungläubige Frevler widerlegen; als dies misslang, wurde Juden Hostienraub und Marter des Leibes Christi, also die Fortsetzung des Gottesmords an der konsekrierten Hostie, unterstellt. Analog zur heidnischen Magie folterten sie die Hostie angeblich mit Messern und Nägeln. 1290 wurden Pariser Juden deshalb zum Tod verurteilt.

In Deutschland zog der fränkische Adelige Rintfleisch 1298 durch die Lande, um einen angeblichen Hostienfrevel in Röttingen anzuklagen: Dies führte zur Vernichtung von 140 jüdischen Gemeinden in Franken, Bayern und Österreich. Auch in Deggendorf wurde eine jüdische Gemeinde deswegen 1338 vollkommen ausgelöscht.

Im Osten des Sacrum Romanum Imperium kam es 1492 in Sternberg und 1510 in Berlin zu späktakulären Hostienschänderprozessen. Im Sternberger Hostienschänderprozesses wurden 27 Juden zum Feuertod verurteilt und starben vor den Toren der Stadt auf dem Scheiterhaufen. Alle in Mecklenburg ansässigen Juden mussten das Land verlassen. Nach dem Berliner Hostienschänderprozess starben 39 Juden auf dem Scheiterhaufen, zwei weitere – diese waren durch Taufe zum Christentum übergetreten – wurden enthauptet. Alle übrigen Juden wurden aus der Mark Brandenburg ausgewiesen.[3]

  • „Gotteslästerung“:

Der Vorwurf der Gotteslästerung löste im 13. Jahrhundert einen großangelegten Feldzug gegen die rabbinische Literatur aus. Der getaufte Jude Nikolaus Donin begann ihn, indem er den Talmud wegen angeblich darin enthaltener „Gotteslästerungen“ 1239 bei Papst Gregor IX. anzeigte. Dieser verlangte daraufhin von den Königen Englands, Frankreichs, Kastiliens und Portugals, alle Talmudexemplare einzuziehen und alle Kleriker, die hebräische Bücher behielten, zu exkommunizieren.

Nur König Ludwig IX. von Frankreich befolgte den Befehl am 3. März 1240, setzte aber eine öffentliche Disputation an, die erst die Vorwürfe klären sollte. Sie brachte dem Wortführer der jüdischen Seite, Rabbi Jechiel ben Josef, einen rhetorischen Sieg und hohes Ansehen. Doch das Urteil stand längst fest: Nach einem Aufschub wurden am 29. September 1242 einige 10.000 Talmudexemplare - 24 Wagen voll - in Paris öffentlich verbrannt.

Papst Innozenz IV. bekräftigte 1244: Im Talmud würden Gott, Christus und Maria gelästert, seine mündliche Überlieferung verfälsche das biblische Gesetz, das auf Christus hinweise, und erziehe die Juden dazu, sich dem Hören auf die wahre Lehre der Kirche zu verweigern. Als eine jüdische Delegation erklärte, der Talmud sei für Juden unentbehrlich, um die Bibel zu verstehen, ließ er ihn untersuchen. 40 Gutachter der Universität Paris, darunter Albertus Magnus, verurteilten den Talmud erneut.

Dies rechtfertigte fortgesetzte Zensur-, Einzugs- und Verbrennungsaktionen späterer Päpste, französischer Könige und vor allem der dortigen Inquisition. Bernard Guis berühmtes „Ketzerhandbuch“ führte neben dem Talmud rabbinische Bibelkommentare auf, die es einzuziehen gelte, darunter Schriften von Maimonides. Er veranstaltete 1319 in Toulouse eine weitere Bücherverbrennung.[4]

In Deutschland blieb es bei öffentlicher Verhöhnung des Talmud und Hetzreden. Damals populäre Prediger wie Berthold von Regensburg und Konrad von Würzburg setzten Juden und Ketzer gleich. Da sie am Talmud festhielten, seien sie alle zur Hölle verdammt.

In Spanien kam es bis 1263 zu Talmudverboten. Danach begnügte sich König Jakob I. von Aragon damit, dass Juden anstößige Stellen freiwillig strichen. Diese festzustellen überließ er einer Kommission unter dem Dominikaner Ramon von Penaforte. Als sich das Verfahren als unwirksam erwies, zog er den Zensurbefehl 1265 zurück.

Ein Gutachter, der Mönch Ramon Marti, hatte das rabbinische Schrifttum positiver beurteilt. Er fand im Talmud viel Verwandtes zu Lehren Jesu und versuchte, aus Legenden der Haggada Jesu Messianität zu beweisen. Nur aus ihrem eigenen Schrifttum heraus könne der christliche Prediger die Juden überzeugen. Sein um 1280 entstandenes Hauptwerk Pugio fidei adversos Mauros et Iudaeos beeinflusste auch Martin Luther.

Der Gegenpapst Benedikt XIII. jedoch erließ 1415 mit einer „Judenbulle“ ein Totalverbot der Talmudbenutzung und -verbreitung. Ausgenommen waren nur päpstlich beauftragte Judenmissionare.

  • „Brunnenvergiftung“:

Dieser Vorwurf der Brunnenvergiftung tauchte erstmals im Jahr der großen Pestepidemie auf und führte zur Vernichtung zahlreicher Judengemeinden, vor allem - wie schon 1096 - im Rheinland. Die Anklage variiert das antike Motiv des Brunnenverstopfens. Warum sie nur Juden traf, ist kaum rational erklärbar. Es mangelte in mittelalterlichen Städten allgemein an sauberem Wasser; wegen fehlender Abwasserkanäle war die Hygiene der Bevölkerung schlecht.

Die Tora verlangte zwar Reinheit im Alltag, so dass die Judenghettos ihre Brunnen tiefer anlegten und eher auf saubere Gassen und Körperhygiene achteten als die übrige Stadtbevölkerung. Doch sauberes Wasser war auch dort knapp. Die Pest betraf Juden ebenso.

Doch die kirchliche Propaganda hatte das Vorurteil des heimtückischen, zu allen Verbrechen fähigen Juden längst tief im Aberglauben der mittelalterlichen Bevölkerung verankert und bestärkte es laufend. Die Pogrome des Jahres 1349 waren daher sehr oft eine „Prävention“, bevor die Pest einen Ort erreichte.

Die Ankläger waren oft örtliche Handwerker, Bauern oder Kleingewerbetreibende, die bei Juden hoch verschuldet waren und die Gelegenheit nutzten, ihre Gläubiger loszuwerden. So schrieb der Priester Jakob Twinger von Königshofen über das „Valentinstagmassaker“ in Straßburg:

„…am St. Veltlinstag verbrannte man die Juden auf ihrem Friedhof auf einem Holzgerüst. Man schätzt die Zahl der Getöteten auf 2000. Die sich aber wollten taufen lassen, ließ man am Leben… Was man den Juden schuldig war, wurde bezahlt und alle Pfandbriefe über Schulden wurden ihnen zurückgegeben, das bare Gut aber, das sie hatten, nahm der Rat und verteilte es unter die Handwerker nach der Kopfzahl. Das war auch das Gift, das die Juden tötete.“

Das Pogrom war also eine konzertierte Aktion des Stadtrats mit den christlichen Handwerkern. Auch nach den Jahren der Pest gab es immer wieder derartige Anklagen gegen Juden. Papst Martin V. wies diese ebenso wie den Ritualmord zurück:

„Auch haben wir erfahren, dass man die Juden der Missetat anklagt, sie hätten die Brunnen vergiftet und mischten in ihr Osterbrot Menschenblut. Da dieses aber den Juden mit Unrecht vorgeworfen wird, so verbieten wir allen Christen und vorgenannten geistlichen und weltlichen Predigern, dass sie die Christen gegen die Juden in Bewegung setzen.“

Dies zeigt deutlich, von wem die Pogromhetze damals ausging.

  • „Wucherjuden“:

Zu diesen religiösen Anklagen gesellte sich im Lauf des Hochmittelalters das ökonomische Klischee des „Wucherjuden“; Juden war der Geldhandel zugewiesen worden, da Christen das Zins– und Wechselgeschäft – damals als „Wucher“ bezeichnet – verboten war. Dieses galt ihnen als ehrlos, betrügerisch und anmaßend, s. Zinsverbot. Juden hatten die unterworfene Minderheit zu sein und nicht Forderungen an Christen zu stellen. Dieser Hass auf die Gläubiger konnte im Kontext von Wirtschaftskrisen leicht in Pogrome ausarten.

Um 1330 griffen Hungerkatastrophen und Seuchen um sich, die die Gegensätze zwischen Arm und Reich und Stadt und Land verschärften. Immer mehr verarmte Bauern mussten Kredite bei städtischen Juden aufnehmen. Unzufriedene verschuldete Bauern rotteten sich nun als „Judenschläger“ zusammen, um an Ghettojuden wahllos Rache zu üben. So kam es 1336-38 erneut zu einer Pogromwelle in Franken, Schwaben, Österreich, der Steiermark, dem Elsass und Rheingau.

Das Wucher-Klischee wurde von italienischen Bettelmönchen, allen voran den Franziskanern, im 15. Jahrhundert mit reichsweiten Hetzpredigten geschürt. Bernhardin von Siena (1380–1444) griff dabei den Wucher auch der Christen an. Bernhardin von Feltre (1439–1494) dagegen galt als „Geißel“ der Juden: Als Friedensstifter von vielen Städten gerufen, stachelte er überall zu Pogromen gegen sie auf. Dabei ignorierte er päpstliche Schutzbriefe und beschwerte sich in Rom darüber, dass diese die „Anmaßung“ der Juden gegenüber Christen begünstigten. Daraufhin wurden die Päpste Eugen IV. und Nikolaus V. schwankend und griffen zum Teil auf Canones des 4. Laterankonzils zurück.

Weder Mönche noch Päpste verstanden die ökonomischen Notwendigkeiten des aufkommenden Merkantilismus: Sie berücksichtigten nicht, dass ohne Zinsnahme kein Geldgeschäft und kein Handel möglich war. Gerade die ärmeren Handwerker und das Kleingewerbe der Städte war auf die Leihanstalten angewiesen, die nur Juden betreiben durften. Diese konnten nur durch Zinsen leben. Je höhere Abgaben christliche Herrscher verlangten, umso höhere Zinsen mussten sie nehmen.

  • „Antichrist“:

Öffentliche Passionsspiele boten viel Raum für Verunglimpfung von Juden. Sie wurden häufig als der Satan dargestellt oder als der Antichrist „entlarvt“. Das Publikum durfte ihre Bestrafung fordern und festlegen, die auf der Bühne sofort vollzogen wurde. Das drang nun auch in die Dramaturgie der Fastnachtsspiele ein. So wurden Pogrom und Vertreibung eingeübt und symbolisch vorweggenommen. Auch damalige Karikaturen zeigen die wachsende Judenfeindlichkeit.

Pogrome und Vertreibungen

Im 13. und 14. Jahrhundert kam es zu zahlreichen schweren Pogromen und Vertreibungen der jüdischen Minderheit.

1221 wurde die jüdische Gemeinde in Erfurt ausgelöscht, 1235 folgte die in Fulda, 1285 die in München. 1264 wurden englische Juden Opfer eines Pogroms in London. In sämtlichen Fällen ging dem Pogrom der Vorwurf eines angeblichen Ritualmords voraus.

Nun begann auch eine Welle von Vertreibungen jüdischer Gemeinden. 1290 vertrieb König Eduard I. von England alle Juden aus seinem Reich. 1306 tat Philipp IV. es ihm in Frankreich nach. Doch Ludwig X. erlaubte 1315 die Rückkehr der französischen Juden. 1394 wurden sie unter Karl VI. endgültig vertrieben.

Die meisten vertriebenen Juden aus England und Frankreich flohen zunächst in das Heilige Römische Reich, in deutsche oder italienische Gebiete. Dort waren sie keineswegs überall vor Verfolgung sicher. Sie wurden in den europäischen Königreichen und Fürstentümern nur geduldet, solange sie den Herrschern wirtschaftlichen Nutzen brachten.

Zwischen 1336 und 1338 wurden während der Armledererhebung zahlreiche Massaker in jüdischen Gemeinden von Süddeutschland und dem Elsass durchgeführt. 1348 brach die Pest in weiten Teilen Mitteleuropas aus. Damit erreichten die Judenverfolgungen einen grausamen Höhepunkt. Sofort kam das Gerücht auf, sie hätten „Brunnen vergiftet“ und damit die Seuche ausgelöst. Angesichts des um sich greifenden Zerfalls der Autoritäten, die hilflos gegenüber dem „Schwarzen Tod“ waren, fand die Bevölkerung in ihnen den geeigneten Sündenbock.

Zwar versuchten Kaiser und Papst, ihre Pflichten wahrzunehmen und die Juden zu schützen. Clemens VI. argumentierte erstmals rational: Die Pest wüte auch dort, wo keine Juden lebten, und raffe auch sie dahin, wo sie lebten. Er verbot das Hinrichten von Juden ohne Gerichtsverfahren. Das half ihnen jedoch nur in Avignon.

1349 kam es in vielen Städten noch vor Ausbruch der Pest zu Massakern an Juden, oft angeheizt durch die Flagellanten. Zeitgenössische Quellen berichten auch von häufigen Selbstmorden ganzer Judengemeinden vor der ihnen angedrohten Verbrennung.[5] Ein Jahr darauf lebten nur noch wenige Juden in Mitteleuropa. Nur in Spanien, Österreich und Polen erreichten die Herrscher ein vorzeitiges Ende der Pogrome.

Die Massenmorde wurden nicht nur durch religiösen Hass, Aberglauben und politische Unfähigkeit verursacht. Hinzu kamen Interessen der verschuldeten Adeligen und Bürger, die eine willkommene Gelegenheit sahen, ihre Gläubiger loszuwerden.

Frühe Neuzeit

Spanien

Zwischen 711–719 hatten die Mauren den größten Teil der vorher zum Westgotenreich gehörenden Gebiete der Iberischen Halbinsel erobert. Die als Reconquista bezeichnete Rückeroberung durch die angrenzenden christlichen Königreiche begann bereits im 8. Jahrhundert, setzte sich über das gesamte Mittelalter fort und endete 1492 mit der Eroberung des Emirats von Granada. Infolge der Reconquista entstanden auf dem Boden der unter maurischer Herrschaft islamisierten Gebiete die christlichen Königreiche Portugal und Spanien.

Das Alhambra-Edikt von 1492 stellte Juden und Muslime vor die Wahl, entweder das Land zu verlassen oder sich taufen zu lassen. Sie mussten theologische Scheindebatten und Schauprozesse – sogenannte Autodafés – über sich ergehen lassen. Waren sie nicht gewillt zum Christentum zu konvertieren, mussten sie Spanien verlassen oder endeten auf dem Scheiterhaufen. Doch selbst wenn Juden sich taufen ließen, wurden sie von der christlichen Mehrheit nicht als vollgültige Kirchenmitglieder geachtet, sondern als marranos (span. Schweine) beschimpft. Die Marranen wurden teils noch bis in die dritte Generation verachtet und angefeindet. Sie reagierten darauf ähnlich wie die verfolgten Muslime (Morisken) mit der Geheimhaltung ihres Glaubens (Taqiyya). Das wiederum verstärkte das Misstrauen gegen alle Juden und Muslime. Für eine soziale Diskriminierung sorgte zusätzlich das Ideal der „limpieza de sangre“ (span. Reinheit des Blutes). Viele Ämter blieben „reinblütigen“ Spaniern – ohne jüdische oder maurische Vorfahren – vorbehalten. Damit wurde die Judenfeindschaft erstmals nicht nur religiös begründet, sondern mit der Abstammung gerechtfertigt - ein Rassismus avant la lettre.

Hinzu kam seit 1481 die spanische Inquisition. Ursprünglich war der Dominikanerorden mit der Durchsetzung religiösen Zwanges gegen Ketzer und Hexen beauftragt worden. Der spanische König Ferdinand II. und seine Gemahlin Isabella I. setzten die Inquisition aber auch ein um jüdische und muslimische Konvertiten aufzuspüren, die heimlich ihre angestammte Religion weiter ausübten. Diese Hetzjagd erreichte unter Führung von Tomas de Torquemada, dem ersten spanischen Großinquisitor, ihren Höhepunkt.

Vertreibungen im Heiligen Römischen Reich

Die aus England (1290), Frankreich (1314), Spanien (1492) und Portugal (1497) vertriebenen Juden wanderten notgedrungen in andere Gebiete Europas und gründeten in vielen Reichsstädten neue Gemeinden. Daraufhin verstärkte sich dort oft der Judenhass. Im deutschsprachigen Raum waren die Juden rechtlich kaum geschützt und seitens der Bevölkerung häufigen lokalen Pogromen ausgesetzt. Zudem verbreiteten führende Theologen den Antijudaismus mit zahlreichen polemischen Schriften.[6] Der von zwei Dominikanern 1487 verfasste, bis 1609 massenhaft verbreitete „Hexenhammer“ zum Beispiel rechtfertigte im Gefolge der Inquisition nicht nur die Verfolgung angeblicher „Hexen“, sondern auch von Juden.[7]

Zwischen 1390 und 1520 wurden die Juden aus fast allen Reichsstädten, einigen Bischofstädten und vielen landesherrlichen Territorien des Heiligen Römischen Reiches vertrieben:[8]

Jahr Stadt Gebiet Anlass
1391</br> 1401 - Pfalz
1401 - Thüringen
1418 Erzstift Trier -
1420 Wien -
1421 - Österreich
Hauptartikel: Wiener Gesera
1424 Köln -
1432 - Sachsen
1438 Augsburg -
1442 München -
1450 Landshut -
1450 Ingolstadt -
1453 Würzburg -
1453 Breslau -
1470 Erzstift Mainz -
1475 Bistum Bamberg -
1478 Passau -
1496 - Steiermark, Kärnten, Krain
1492 - Mecklenburg Sternberger Hostienschänderprozess
1493 Erzstift Magdeburg -
1494 Naumburg
1496 Grafschaft Schwarzburg -
1498 Erzstift Salzburg -
1499 Nürnberg -
1500 - Böhmen und Mähren
1507 Nördlingen -
1510 - Mark Brandenburg Berliner Hostienschänderprozess
1515 Ansbach, Bayreuth -
1517 Merseburg -
1519 Regensburg -

Unter Kaiser Maximilian I. wurde es üblich, dass Reichsstädte sich die Erlaubnis zur Judenvertreibung vom Kaiser erkauften, um der Zahlung eines höheren Strafgeldes und anderweitigen Schwierigkeiten zu entgehen. So verfuhren z.B. Nürnberg, Ulm, Donauwörth, Oberrehnheim, Schwäbisch Gmünd, Colmar, Reutlingen und Nördlingen. In den Reichsstädten entschieden also Stadträte und Kaiser gemeinsam über eine Judenvertreibung. In den landesherrlichen Städten und Territorien dagegen lag diese Entscheidung bei einzelnen Landesherren des jeweiligen Hoheitsgebiets. Die Vertreibungen aus Mecklenburg und Brandenburg waren durch vorherige Judenpogrome veranlasst.[9] Zwischen 1490 und 1515 wurden die ansässigen Juden auch aus vielen landesherrlichen Territorien und Städten im Osten und Südosten des Heiligen Römischen Reiches ausgewiesen. [8]

Viele der Ausgewiesenen, darunter die Mainzer Juden, zogen in die Reichsstadt Frankfurt am Main. Deren Stadtrat erlaubte aber nur den finanzkräftigsten der Vertriebenen die Niederlassung.[10] 1515 lehnte der Rat es ab, ihr Aufenthaltsrecht zu verlängern. Ab Frühjahr 1515 verhandelte er mit dem Fürstbischof der angrenzenden Kurmainz Albrecht II. „der Juden halben, wie die zu vertrieben syen“. Beide Seiten waren an einer umfangreichen Vertreibung der Juden aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet interessiert. Dabei wollten die Ratsherren möglichst vermeiden, die Erlaubnis des Kaisers teuer erkaufen zu müssen, und eine spätere Rückkehr der Vertriebenen in ihre Stadt ausschließen. Dazu mussten sich auch die Landesherren der vielen kleinen und zersplitterten Territorien im Umland verpflichten, die Juden zu vertreiben und deren Aufnahme künftig zu verweigern. Andernfalls hätten nur die Landesherren anstelle des Stadtrats die Judensteuern eingenommen und eine allmähliche Rückkehr von Juden ihrer Gebiete in die Stadt Frankfurt ermöglicht, so dass sich die Zahl der Frankfurter Juden dauerhaft nicht wesentlich verringert hätte. Die angestrebte Vereinbarung zwischen Stadtrat und benachbarten Landesherren verfehlte jedoch die notwendige Mehrheit der bei den Verhandlungen vertretenen Stände. Außerdem hatten sich die Frankfurter Juden inzwischen an den Kaiser gewandt. Albrecht II. selbst scheiterte 1515 und 1516 bei dem Versuch, die in seiner Bischofsstadt Mainz ansässigen Juden zu vertreiben. So behielten die Juden im Raum des späteren Landes Hessen großenteils auch später ihre Wohnsitze.[11]

16. Jahrhundert

Humanismus

Seit der von Italien ausgehenden Renaissance versuchten manche gebildete christliche Humanisten gegenseitige Toleranz zwischen Juden, Christen und Muslimen zu fördern, indem sie die Gemeinsamkeiten der drei Religionen herausstellten: zum Beispiel Nikolaus von Kues (De pace fidei 1453). Sie wollten damit der weitgehend erfolglosen Judenmission zum Durchbruch verhelfen.

Erasmus von Rotterdam, der führende Humanist im deutschsprachigen Raum, trat in seinen Schriften entschieden für „Eintracht“ und „Frieden“ ein, vertrat zugleich aber einen starken Judenhass. Er bezog seine Leitideen also nur auf die Gemeinschaft unter Christen, nicht auf ihr Verhältnis zu den Juden. Für diese war in seinem Konzept kein Raum. Der Humanismus förderte auch nicht ihren rechtlichen Schutz; allenfalls die Zentralmächte von Kaiser und Papst boten ihnen zeitweise gewisse Schutzrechte.[12] Daher betonen einige Historiker, dass die Humanisten sich kaum vom traditionellen Antijudaismus abhoben, sondern diesen zum Bestandteil der europäischen Bildungskultur machten und der späteren Aufklärungsepoche übermittelten.[13]

Der humanistisch gebildete Theologe Johannes Reuchlin hatte die hebräische Sprache gelernt, um die jüdische Kabbala zu studieren. Er übernahm die Ansicht des italienischen Humanisten Giovanni Pico della Mirandola, die spekulativ-mystische Deutung des Gottesnamens sei für Christen ein Weg, ihres Glaubens gewiss zu werden (De arte cabalistica, um 1507).[14]

Die Kölner Dominikaner um den Inquisitor Jakob van Hoogstraten bekämpften humanistische Versuche, jüdische Schriften zur Auslegung des Alten Testaments heranzuziehen, als Häresie. Dabei half ihnen der jüdische Konvertit Johannes Pfefferkorn, der sich 1504 christlich taufen ließ und erfolglos Judenmission betrieb. Er verfasste dann eine Serie judenfeindlicher Schriften wie den Judenspiegel (1508), die Judenbeichte (1508) und das Osternbuch (1508). In seiner Schrift Judenfeind (1509) beschrieb er die Juden als „gefährlicher als der Teufel“ und „Bluthunde“. Sie „trachteten den Christen nach dem Leben“. Jeder Christ sei daher verpflichtet, sie „wie räudige Hunde zu verjagen“. Vor allem ihre Bücher, in denen Gott, Jesus und Maria gelästert würden, seien an ihrer Verstocktheit und an aller Zwietracht unter den Christen Schuld. Erst wenn man sie ihnen gewaltsam wegnehme und sie verbrenne, könne man sie bekehren und Frieden unter Christen erreichen:[15]

„All die Gewalt, die den Juden geschieht, ist aus der Meinung, dass sie dadurch zu dem heiligen christlichen Glauben bewegt werden möchten … zu ihrer besten Besserung und nicht unseres Nutzens wegen.“

Als Haupthindernis für die Judenmission sah Pfefferkorn den Talmud, während er die Kabbala durchaus als Offenbarungszeugnis anerkannte. 1509 erlaubte ihm Kaiser Maximilian I., religiöse Schriften der Judengemeinden des Reichs einzuziehen. Die Jüdische Gemeinde Frankfurt am Main protestierte beim Mainzer Erzbischof Uriel von Gemmingen und erreichte, dass dieser im kaiserlichen Auftrag eine theologische Prüfungskommission einsetzte. 1510 befahl der Kaiser Pfefferkorn, die bereits beschlagnahmten Bücher den Judengemeinden vorläufig zurückzugeben.[16]

Reuchlin, der wie Hoogstraten in die Kommission berufen worden war, urteilte als einziger der Gutachter im Oktober 1510 positiv über den Talmud und andere jüdische Schriften und trat gegen Pfefferkorns beabsichtigte Bücherverbrennung ein. Dabei billigte er den Juden die Rechte römischer Reichsbürger zu: Obwohl sie wegen ihres Gottesmords zu Recht zu Sklaven erklärt worden seien, blieben sie wie die Christen Untertanen des Kaisers und damit Teil der civilitas communis. Spanische Judenmissionare hätten den Talmud erfolgreich benutzt, um Juden zu Christus zu führen. Dieser selbst habe mit seinen Gegnern diskutiert. Auch Polemik gegen Christen könne man Juden nicht verdenken, da sie nur für ihren Glauben einträten. 1511 gab er sein Gutachten als Buch heraus (Augenspiegel) und löste damit einen literarischen Streit aus. Pfefferkorn schrieb, Reuchlin habe die Kirche geschädigt und sich von Juden bestechen lassen. Der Kölner Theologe Arnold von Tungern schrieb, Reuchlin habe die Juden begünstigt und ihre Bosheit zu vertuschen versucht. Dieser nannte Pfefferkorn einen ungebildeten „Taufjuden“ und erwiderte 1513:[17]

„Ich begünstige Juden so, dass sie kein Unrecht tun, aber auch kein Unrecht leiden. Die Pflichten einfacher menschlicher Vereinigung, gesellschaftlichen Verkehrs verlangen, dass man selbst Verbrecher nicht für rechtlos erkläre und so behandele. Ungerechtigkeit ist Rohheit, die alle Menschlichkeit verleugnet und den, der ihr nachstrebt, zum wilden Tier macht.“

Nach mehreren negativen Universitätsgutachten über Reuchlins Augenspiegel leitete Hoogstraten 1513 einen Inquisitionsprozess gegen ihn ein. Reuchlin rief Papst Leo X. an, der die Entscheidung den Bischöfen von Speyer und Worms übertrug. Diese sprachen ihn 1514 frei. Danach veröffentlichte er seine Briefwechsel zu diesem Fall. Nach seinem Vorbild gaben einige seiner Anhänger, darunter der papstfeindliche Ritter Ulrich von Hutten, die anonymen Dunkelmännerbriefe heraus. Sie verhöhnten die an den Univeritäten herrschende Scholastik und forderten die Freiheit der Wissenschaft. Hoogstraten appellierte seinerseits an den Papst und erreichte schließlich, dass dieser Reuchlins Augenspiegel am 23. Juni 1520 als häretisch verbot. Zu diesem Umschwung hatten die Dunkelmännerbriefe und der Beginn der Reformation 1520 entscheidend beigetragen.

Reuchlin trennte als einer der ersten führenden christlichen Theologen den rechtlichen Umgang mit Juden vom theologischen Urteil über ihre Religion. Viele Reichsgerichte und territoriale Hofgerichte übernahmen seine Auffassung, so dass der religiöse Antijudaismus sich in Gerichtsverfahren um politische Rechte von Juden weniger negativ auswirkte.[18] Daher wurde Reuchlin früher oft als Wegbereiter der aufgeklärten Toleranz betrachtet. Neuere Forschungen betonten dagegen, dass er weiterhin die antijudaistischen Thesen vom Gottesmord und der „Ehrlosigkeit“ der Juden vertrat und wie Augustinus nur für ihre „Duldung“ eintrat. Wie die meisten Humanisten habe er den Rahmen des traditionellen Antijudaismus nicht verlassen.[19]

Martin Luther

Martin Luther beendete zwar seit 1521 das kirchliche Machtmonopol mit der von ihm ausgelösten Reformation, stellte aber das Judentum als „Werkreligion“ dem wahren Christusglauben gegenüber. Er übernahm die antijüdischen Stereotypen des Mittelalters, fasste sie in seinen judenfeindlichen Schriften zusammen und forderte von den Fürsten 1543 ein Religionsverbot, Arbeitszwang und Vertreibung der Juden. Zwar folgten diese dem nicht, doch Luthers Haltung zum Judentum beeinflusste den Protestantismus entscheidend.

Dabei unterschied er von Beginn an die theologische Auseinandersetzung um die Wahrheit des Glaubens vom politischen Umgang mit den Juden. Sein theologisches Urteil legte er früh fest und blieb darin im Kern gleich – seine politischen Ratschläge dagegen wandelten sich mit der Zeit je nach Situation erheblich.

1514 unterstützte er in einem Gutachten für den sächsischen Kurfürsten Reuchlin gegen die Kölner Dominikaner, die Talmudbücher verbrennen wollten. Er begründete dies aber konträr (WAB 1/7, 23f):

„Von allen Profeten ist geweissagt, dass die Juden Gott und ihren König Jesus schmähen und lästern werden … Und wenn sie versuchen, die Juden von ihren Lästerungen zu reinigen, werden sie erreichen, dass die Schrift und Gott als Lügner erscheinen … Aber verlass dich drauf: Gott allein wird am Werk sein … Denn sie sind so sehr durch den Zorn Gottes an ihren verkehrten Sinn dahingegeben, dass sie, wie der Prediger Salomo (1,15) sagt, unverbesserlich sind. Und jeder Unverbesserliche wird durch die Strafe schlimmer und bessert sich niemals.“

Luther glaubte also: Keine Maßnahme könne die heutigen Juden zu Christus bekehren, weil Gott bewirkt habe, dass sie ihn ablehnen, wie es die Bibel vorhersagte. Nur Gott selbst könne und werde diese „Verstockung“ überwinden. Bekehrungszwang sei dazu ebenso sinnlos wie „aufklärende“ Pädagogik. Damit stellte er die Juden aber nur den Christen an die Seite, die für ihn ebenso Gottes Zorngericht unterstellt und völlig auf sein Erbarmen angewiesen waren. Der Jude war für ihn der Typus des verlorenen Sünders, dem Christen zur Mahnung.

In seiner ersten Psalmenvorlesung 1513–1515 übernahm Luther die Substitutionstheologie der Patristik:

  • Gott habe sein Volk wegen dessen fortgesetzter Überheblichkeit „ausgespien“; Zeichen dafür sei seine Zerstreuung und der unumkehrbare Tempelverlust. Die Messiashoffnung der Juden sei vergeblich, so dass sie weder leiblich (politisch) noch geistlich (religiös) bestehen könnten. Dies sei Gottes Strafgericht über die Kreuzigung seines Sohnes (u.a. WA 3/82, 25f).
  • Es habe sie aber nicht gebessert, sondern verstockt: Sie beharrten auf ihrem Ungehorsam und trachteten, andere dazu zu verführen. Sie in diesem Äon zu bekehren, sei Illusion. Nach Jes 10,21 könne allenfalls ein Rest von ihnen gerettet werden (u.a. WA 4/468, 35ff).
  • Sie seien aktive Feinde der Christenheit; ihre talmudische Bibelauslegung lehre lauter Lügen, um die Wahrheit Christi aufzulösen und die Völker mit Hochmut gegen Gott zu erfüllen (ebd).

Luther misstraute den Rabbinern also ebenso wie der katholischen Scholastik und sah ihre Lehren als selbstgerechte Verfälschung des Wortes Gottes an. In beiden wiederholte sich für ihn ständig die Verwerfung Christi. Seine Römerbrief-Vorlesung 1515/16 führte dies weiter aus: Hinter denen, die sich ihrer eigenen Werke rühmen und dabei Gottes Vergebung missachten, stehe teuflische Überheblichkeit. Dies gelte nicht bloß für „Türken“ (Muslime) und Juden, sondern gerade auch für Christen, besonders deren Priester. Sie seien allesamt „Feinde des Kreuzes Christi“ (Phil 3,18 LUT), die weder Gott noch den Menschen dienen wollten.

Über antijudaistische Hetzprediger sagte er (WA 56/436, 13ff):

„In dreister Weise brechen sie in lästerliche Schimpfreden aus, wo sie doch mit ihnen Mitleid haben sollen und ähnliche Dinge für sich befürchten müssten … Als wären sie ihrer selbst und jener ganz sicher, erklären sie sich frech gleichsam als die Gesegneten und jene als die Verfluchten … Warum? Weil sie vergessen haben, was geschrieben steht … (Röm 12,14 LUT; 1 Kor 4,12f EU).“

Dies zielte auf die Selbsterkenntnis der christlichen Sünder, um sie Gottes allein rettender Gnade in die Arme zu treiben und zur Solidarität mit den leidenden Juden zu befähigen:

„Daher haben beide Grund, Gott zu loben, aber nicht, miteinander zu streiten.“

1523 schrieb Luther Dass Jesus Christus ein geborner Jude sei. Die Schrift reagierte auf den katholischen Vorwurf, er habe die Jungfrauengeburt geleugnet. Als wunderbar gezeugter, aber natürlich geborener Sohn Marias sei Gottes Sohn zugleich aus „Abrahams Samen“ entstanden. Damit wollte Luther „der Juden etliche […] zum Christenglauben reizen“. Er beklagte, dass die katholische Kirche sie mit Zwangstaufen und Canones wie Hunde misshandelt und ihnen Christus vorenthalten habe. Es sei klar, dass sie sie so nicht habe bekehren können:

„Wenn man sie zwingt, als Geldverleiher ihren Unterhalt zu verdienen, wie sollte sie das bessern?“

Da nur Gottes Wort allein dies vermöge, solle man sie nicht politisch unterdrücken, sondern aus ihrer eigenen Bibel heraus überzeugen. Dazu müsse man anerkennen, dass Israel Gottes ersterwähltes Volk sei, dem Gott besondere Privilegien verliehen habe. Dann versuchte Luther, sie wie der spanische Dominikaner Raimundus Martini (Pugio fidei, um 1280) mit einem alttestamentlichen Schriftbeweis von Marias Jungfräulichkeit und Jesu Messianität zu überzeugen. Der Messias sei schon gekommen, so dass die jüdische Messiaserwartung Irrtum sei. Erst wenn sie das einsähen, könne man ihnen die für sie schwer begreifliche Erkenntnis nahebringen, dass „Gott … muge mensch seyn“.

Luther erwartete also, dass einige Juden sich nach erfolgreicher Reformation zum evangelischen Glauben bekehren würden. Doch um 1526 erlebte er, dass sie dies nicht taten, sondern selbst Missionserfolge unter jungen Christen hatten. Von nun an vertrat er öffentlich die Blindheit, Verstockung und Verfluchung aller Juden, die zum höheren Ruhm der Christenheit diene. Nur einzelne Juden könnten den Weg zum Heil finden, um so die Tür für alle offen zu halten. Dazu rechtfertigte er nun das Leiden, das sie durch Christen erfuhren, einschließlich des „Schandrocks“, den sie zu tragen hätten, aus der Bibel:

„Hilf Gott, wie oft und in viel Landen haben sie ein Spiel wider Christum angericht, darüber sie verbrannt, erwürgt und verjagt sind … Aber Christus und die Seinen bleiben fröhlich in Gott, als sie dadurch bestätigt werden in ihrem Glauben … Also sie den Fluch im Geist anziehen als ein täglich Kleid, so lass sie auch ein öffentlich Schandkleid äußerlich tragen, damit sie vor aller Welt als meine Feinde erkannt und veracht werden … “

Zuvor hatte Luthers Gerichtspredigt die evangelischen Christen den Türken, Papisten und Juden als vom Teufel verführten „Gotteslästerern“ an die Seite gestellt, um sie die Solidarität der Sünder zu lehren: Nun argumentierte er immer stärker für die politische Unterdrückung der rabbinischen Lehre, die er als große Gefahr sah.

Die Gründe für diesen Umschwung hängen mit dem 1525 niedergeschlagenen Bauernkrieg und dem erfolgreichen Augsburger Reichstag zusammen: Seitdem war die Reformation zur Sache der protestantischen Landesfürsten und Luther ihr kirchenpolitischer Ratgeber geworden. So erklärte er, Moses habe den Juden das Erheben von Wucherzinsen erlaubt; den Christen aber sei dies verboten. Jedoch dürfe die Obrigkeit den Juden die Gewinne aus dem Wucherzins mit Gewalt wieder abnehmen. Denn Gottes Zorn habe sie den Völkern unterworfen. Auf dieser Linie rechtfertigte Luther die politische und kirchenrechtliche Unterdrückung der Juden.

In dem Maß, wie er die Lage der evangelischen Länder von außen wie innen bedroht sah, verschärfte sich seine Ablehnung: Im Sommer 1532 plädierte er noch für die Aufnahme taufwilliger Juden, im Herbst wollte er den nächsten Juden mit einem Stein um den Hals in der Elbe „taufen“. 1533 plädierte er noch für Duldung, 1536 schon für die Vertreibung der Juden, 1537 warnte er alle, Fürsten wie Privatleute, vor Geschäften mit ihnen.

Dabei spielte Luthers Disput mit drei gelehrten Rabbinern über Weissagungen der Bibel eine Rolle: Er begegnete der missionarischen Kraft ihres Messianismus, der nach den Vertreibungen des 15. Jahrhunderts damals unter Juden verbreitet war. Er glaubte, diesen genauso hart wie die „Schwärmer“ bekämpfen zu müssen, weil er in beiden die Gefahr gesetzlichen Zwanges für die Christen sah.

1538 schrieb er den Brief wider die Sabbather an einen guten Freund. Um Missionserfolge der Juden in Böhmen und Mähren abzuwehren, argumentierte er für eine christologische Einheit der Bibel: Das Alte Testament weise von sich aus immer deutlicher auf die Menschwerdung Gottes in seinem Messias hin, die die Juden leugneten. Dazu kam das alte patristische Argument, die Tempelzerstörung sei die Strafe für Israels Ablehnung Chrísti gewesen und beweise seine Verwerfung.

1544 schrieb er Vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi: Darin machte er die Talmud-Exegese der Bibel lächerlich und griff dazu die antijüdische Hetze des Antonius Margaritha auf. Jüdische Feindseligkeit gegen Christus zeigten ihr Ketzerfluch im Achtzehnbittengebet und ihre Toledot Jeschu, die Jesus als Zauberer und unehelich gezeugten Wechselbalg verunglimpften. Dagegen behauptete er, das Alte Testament habe nicht nur den Messias, sondern auch die Jungfrauengeburt vorhergesagt. Er versuchte wie Athanasius und Augustinus von Hippo, in Bibelstellen detailliert die Rede des Vaters, des Sohnes und des Geistes zu unterscheiden. Nur in seinem eigenen Wort sei Gottes dreifältige Wesenseinheit zu finden. Die Vernunft könne nicht einmal über die formale Existenz des Schöpfers adäquat urteilen, schon gar nicht über das Ende der Geschichte spekulieren.

Damit griff Luther die natürliche Theologie des Thomas von Aquin und der jüdischen Kabbala an. Dazu datierte er den Fristablauf der bei Daniel angekündigten 70 Jahrwochen auf Tod und Auferstehung Jesu. Die nachbiblische Geschichte des Judentums sei also seit 1.468 Jahren ohne jede Verheißung. So wollte er mittels jüdischer Bibelauslegung den jüdischen Glauben widerlegen. Diese berechnende Apologetik wertete aber unter der Hand die historische Exegese jüdischer Theologen wie Nikolaus von Lyra und Paul von Burgos auf, die Luther kannte. Hatten seine reformatorischen Frühschriften die Vernunft als gänzlich untauglich zur Erkenntnis Gottes dargestellt, so gab er ihr nun ein gewisses Eigenrecht zum Erweis der Messianität Jesu aus der Gesamtbibel. Hieran knüpfte die spätere lutherische Orthodoxie an.

1543 schrieb er Von den Jüden und iren Lügen, um Christen über die aus seiner Sicht falsche jüdische Theologie aufzuklären. Grundfehler der Juden sei ihr Glaube, dass ihre Erwählung sie bereits vor Gott rechtfertige. Aber alle Menschen seien Sünder und stünden unter Gottes Zorn. Mit dieser Bußpredigt verquickte er aber die traditionelle antijudaistische Polemik: Juden seien alle verstockt, blutdürstig, rachsüchtig, geldgierig, leibhaftige Teufel usw. Sie würden die christliche Jugend wider besseres Wissen verführen, auf einen anderen, rein weltlichen Christus zu warten.

Auch das Klischee des jüdischen Ausbeuters griff er auf:

„Jawohl, sie halten uns (Christen) in unserem eigenen Land gefangen, sie lassen uns arbeiten in Nasenschweiß, Geld und Gut gewinnen, sitzen dieweil hinter dem Ofen, faulenzen, pompen und braten Birnen, fressen, sauffen, leben sanft und wohl von unserm erarbeiteten Gut, haben uns und unsere Güter gefangen durch ihren verfluchten Wucher, spotten dazu und speien uns an, das wir arbeiten und sie faule Juncker lassen sein […] sind also unsere Herren, wir ihre Knechte.“

In Wahrheit waren die Juden meist die „Kammerknechte“ der „Junker“, für die sie arbeiten mussten, nicht deren heimliche Herren. Luthers Zerrbild appellierte an den Sozialneid der Bevölkerung: Nicht angeblicher Reichtum, sondern die „Verstocktheit“ und Missionserfolge der Juden unter Christen machten ihm Sorge. Darum forderte er eine „scharfe Barmherzigkeit“:

  • ihre Synagogen niederzubrennen,
  • ihre Häuser zu zerstören,
  • sie in Ställen unterzubringen,
  • ihre Bücher wegzunehmen,
  • ihren Rabbinern das Lehren,
  • ihren Händlern das Reisen,
  • ihren Geldverleihern das „Wucher“-Geschäft zu verbieten,
  • sie von den Straßen zu verbannen,
  • ihr Geld und ihren Schmuck einzuziehen als Staatsrücklage,
  • sie zu harter körperlicher Arbeit zu zwingen und
  • sie aus allen evangelischen Ländern auszuweisen.

Dieser harte Maßnahmenkatalog sollte die jüdische Religionsausübung unterbinden, nicht die Bevölkerung zu Pogromen aufhetzen. Luther verbot explizit, Juden zu verfluchen und persönlich anzugreifen. Er wandte sich an die Obrigkeit, die Gott zur Abwehr des Bösen eingesetzt habe, und forderte von ihr nun die Gewalt, die er 1523 noch abgelehnt hatte. Da er die jüdische Religion nicht neben dem Christentum anerkennen konnte, fand er keine theologische Lösung und suchte stattdessen eine politische. – Doch die evangelischen Fürsten konnten auf den jüdischen Wirtschaftsfaktor nicht ohne weiteres verzichten und setzten Luthers Forderungen nicht um. Nur das Kurfürstentum Sachsen erließ ein Lehrverbot für Rabbiner.

Luthers Schrift bündelte die mittelalterliche Judenfeindschaft, sammelte und verstärkte sämtliche damals umlaufenden Klischees und überlieferte sie der Neuzeit. Er folgte darin dem Hauptstrom der christlichen Theologie, der die Juden erst zu bekehren versuchte, dann ihre Verfolgung rechtfertigte und sie schließlich aktiv betrieb. In seiner letzten Predigt am 15. Februar 1546 mahnte er jedoch erneut, sich um die Bekehrung der Juden zu bemühen, und relativierte damit seine früheren antijüdischen Forderungen. Der theologische Hintergrund jedoch blieb derselbe: Ohne das Evangelium gab es für ihn keine Erlösung, nur den Tod. So wollte Luther im Grunde auch die „verstockten“ Juden bis zuletzt für den Glauben an Jesus Christus gewinnen.

Andere Reformatoren

Die Reformation geschah in einer Zeit großer politischer, sozialer und ökonomischer Umbrüche. Der um 1450 erfundene Buchdruck erlaubte, Schriften in Massenauflage in ganz Europa zu verbreiten. Das Bildungsniveau wuchs. Debatten über theologische Fragen erregten viele Gemüter und blieben keine innerkirchliche Angelegenheit mehr. Luthers Bibelübersetzung erlaubte auch Laien die Überprüfung der Quelltexte und ermöglichte einen direkten Dialog mit jüdischen Theologen, wenn dieser auch noch selten geschah. Protestantische Pastoren erweiterten ihre Kenntnis der Hebräischen Bibel. Der Humanismus schuf erste Ansätze einer historisch-kritischen Bibelexegese. Die Haltung von Luthers Schülern und Zeitgenossen zum Judentum war daher differenzierter als die der katholischen Scholastik. Bei einigen Reformatoren wuchs dessen Ablehnung noch, während sich manche philosophisch geschulten Humanisten eher mäßigend zu Gunsten der Juden äußerten. Der literarische Judenhass war jedoch nicht immer Hauptanliegen der Autoren, sondern Konvention und Mittel, um sich Gehör zu verschaffen.

Paul Staffelsteiner verfasste 1536 Eine kurtze underrichtung. Darin bezeichnete er jüdische Gläubige als „Heuchler und Blender", ihren Glauben als „ungegrundte erdichtete Ceremonien". Dieser „aufklärerische“ Ansatz richtete sich nur gegen Juden. Von Wolfgang Rus erschien 1536 das judenfeindliche Buch der Altveter / des Israelitischen Volks / nemlich woher di Synagog, das Volck Gottes / oder die Kirche iren ursprung habe. Er stand in der Tradition der frühchristlichen Geschichtsfälschung.

Antonius Margaritha war als jüdischer Konvertit politischer Berater christlicher Herrscher für antijüdische Maßnahmen. Sein Werk Der gantz judisch Glaub von 1531 zog das Fazit: „In summa kein Jud will keynem Christen wol“. Über die Arbeitsmoral der Juden hieß es wie bei Luther:

„Nach diesem tun die Juden den ganzen Tag nichts. Wenn sie bedürfen einzuheizen, Licht anzuzünden, Kühe zu melken etc., nehmen sie etwa einen einfältigen armen Christen, der ihnen solches tue. Des berühmen sie sich, sie bilden sich ein, sie seien also Herren und die Christen ihre Knechte, sprechen, sie haben noch das wahre Regiment und die Herrschaft, sintemal die Christen ihnen dienten in aller Arbeit und sie müßig liegen.“

Auch das Motiv einer feindlichen Allianz von Türken und Juden gegen Christen trug er vor:

„Die Juden frohlocken sehr, wenn sich ein Krieg in der Christenheit vor allem durch den Türken erhebt. Dann beten sie weiter gegen alle Obrigkeit der Christen. Sie können nicht leugnen, dass ihr Fluche auf die jetzigen christlichen Königreiche und das Kaisertum gehe.“

Die Reformatoren zitierten Margaritha gern als Experten. Doch 1530 auf dem Reichstag in Augsburg verlor er eine öffentliche Disputation gegen Josel von Rosheim, den damaligen Rechtsanwalt („Schtadlan“) der Juden im Kaiserreich. Dieser widerlegte den Verdacht der Illoyalität und unterstützte den Kaiser gegen die evangelischen Reichsstände und Kurfürsten, weil er Luthers Ablehnung der Juden erkannt hatte. Margaritha musste die Versammlung verlassen. Trotzdem übernahm Luther 1543 die meisten seiner antijüdischen Stereotypen und Forderungen.

Martin Bucer schrieb 1539 einen Ratgeber, der Juden wie Nutztiere sah: von den jude/ ob un wie die unde den Christe zu halten sind. Er empfahl, sie zu unterdrücken:

„ir Recht ist jnen von dem Barmhertzigen Gott vff erlegt, das sie bey den volkern, bey denen sie wonen, die vndersten und der schwanz sein vnd am aller herttestenn gehalten werden sollen.“

Das entsprach den judenfeindlichen Konzilsedikten von 1215, zeigt also deren Kontinuität. Auch bibelfeste Reformatoren, die sonst der katholischen Tradition den Kampf angesagt hatten, folgten hier dem Zeitgeist.

Philipp Melanchthon und der Schweizer Reformator Heinrich Bullinger jedoch kritisierten Luthers Schem Hamphoras (1544) öffentlich: Sie sei „von einem Schweinehirten, nicht von einem berühmten Seelenhirten geschrieben.“ Luthers Schmähschriften fanden also auch bei seinen Anhängern nicht immer Anklang. So verteidigte Melanchthon auf dem Ständetag in Frankfurt am Main 1539 posthum die Unschuld von 38 Juden, die 1510 wegen angeblichen Hostiendiebstahls verbrannt worden waren.

Andreas Osiander schrieb 1529 ein Gutachten zu einem Mordfall, das er 1540 anonym veröffentlichte, bald aber als Autor von Johannes Eck entdeckt wurde: Ob es wahr und glaublich sey, daß die Juden der Christen kindt heymlich erwürgen und ihr Blut gebrauchen. Darin engagierte er sich differenziert gegen die antijudaistischen Ritualmordlegenden und fasste zusammen: Wer aber will so teuflische Hirngespinste glauben, die gegen Gottes Wort, die Natur und alle Vernunft sind? Diese Haltung blieb jedoch eine Ausnahme. Obwohl Renaissance, Humanismus und ein gewachsenes Bildungsniveau ihnen eine genauere Kenntnis des Judentums ermöglichten, behielten und überlieferten auch evangelische Christen weithin die traditionellen antijudaistischen Vorurteile.

Vom Trienter Konzil bis zum Westfälischen Frieden

Papst Leo X. hatte zwar 1515 auf dem Laterankonzil eine Vorzensur für alle gedruckten Werke einführen lassen, diese aber gegenüber hebräischen Schriften liberal gehandhabt: So wurde in Venedig 1523 erstmals die babylonische Gemara gedruckt. Der jüdische Verleger Gerson ben Mose Soncino druckte außerdem zahlreiche Talmudausgaben und half aus Spanien geflohenen Juden. Diese Blütezeit ging seit Paul III. 1548 zu Ende.

Unter Papst Julius III. ließ die römische Inquisition im Kirchenstaat alle talmudischen Bücher einziehen und am jüdischen Neujahrsfest, dem 9. September 1553, öffentlich verbrennen. Weitere Bücherverbrennungen folgten in Pesaro unter dem Inquisitor Michele Ghislieri, der spätere Papst Pius V., in Venedig und Ancona. Alle Bücher sollten vor dem Druck der Zensur vorgelegt werden; tatsächlich ließ Paul IV. auf Betreiben des Konvertiten Andreas de Monte 1557 auch alle bereits zensierten hebräischen Bücher einziehen. Er gab 1559 den ersten Index verbotener Bücher heraus, der die Lektüre des Talmud und aller Kommentare dazu verbot.

Papst Pius IV. erlaubte im Trienter Index 1564 jedoch wieder den Druck talmudischer Schriften, sofern sie anders genannt wurden und keine Schmähungen des Christentums enthielten. Jakob von Bonaventura hatte das Trienter Konzil für die italienischen Juden erfolgreich darum gebeten und sich zur Übernahme der Prüfungskosten bereit erklärt. Seitdem hieß der „bereinigte“ Talmud für Juden stets Gemara oder Schischa Sedarim. Sie sorgten teilweise selbst für die Zensur, indem sie Listen der für Christen anstößigen Stellen anlegten, so z.B. der Rabbiner Abraham Provenzale aus Mantua um 1555.

Hinzu kam die Verschärfung der Sozialpolitik gegenüber den Juden im Kirchenstaat: Papst Paul IV. witterte angesichts der Ausbreitung des Protestantismus überall „Ketzerei“ und sah Juden als deren Drahtzieher. 1555 erließ er die Bulle Cum nimis absurdum, um die römischen Juden zu demütigen und an ihrer Entfaltung zu hindern. Er verbot christlichen Hausangestellten Dienste und die Anrede „Herr“ für Juden, diesen den Aufenthalt nahe Kirchen, gebot ihnen Latein als einzige Geschäftssprache und zwang sie zur Umsiedlung in den ärmsten Stadtteil am Tiberufer. Am 26. Juli mussten sie alle in das neue Ghetto ziehen.

Papst Pius IV. hob einige dieser Maßnahmen seines Vorgängers wieder auf. Er erlaubte, dass Juden auf Reisen keinen Judenhut tragen mussten, so dass sie besser vor Überfällen geschützt waren. Auch die eingezogenen Bücher gab er ihnen zurück. Doch er regierte nur sechs Jahre; sein Nachfolger Pius V. erneuerte 1566 nur drei Monate nach Amtsantritt die Bulle Cum nimis absurdum und verbot jeden Kontakt zwischen Neuchristen (getauften Juden) und Juden: Sie durften nicht miteinander speisen und das jüdische Ghetto bei Folterandrohung nicht betreten. 1569 wies er alle Juden aus dem Kirchenstaat aus. Er rechtfertigte dies neben den bekannten Gottesmord-Anklagen mit angeblicher Wahrsagerei und Zauberei. Wer nach drei Monaten noch anzutreffen wäre, würde seinen ganzen Besitz verlieren. Nur die Juden in Rom und Ancona waren ausgenommen, weil er nahe dem Heiligen Stuhl ihre Bekehrung erhoffte.

Damit war die kurze Phase der toleranten Begegnung von jüdischen und christlichen Humanisten beendet. Doch anders als der Talmud blieben die Kabbala-Schriften von der katholischen Zensur weitgehend unbehelligt und konnten sogar neu gedruckt werden: so der Sohar 1558/59.

Neuzeit

17. und 18. Jahrhundert

Der lutherische Antijudaismus blieb aktiv, etwa 1699 mit der Polemik Das schwer zu bekehrende Juden-Hertz / Nebst einigen Vorbereitungs-Mitteln zu der Jüden Bekehrung des Celler Konsistorialpredigers Sigismund Hosmann.[20]

Doch traten seit dem 17. Jahrhundert vermehrt Vertreter eines Philosemitismus auf, die eine generelle Verurteilung des Judentums ablehnten und auf seine Vorzüge hinwiesen: so beispielsweise Hugo Grotius, Simon Episcopius (1583–1643), Pierre Jurieu (1637–1713), Johann Christoph Wagenseil (1633–1705). Dieser verlangte sogar, die jüdische Literatur für die christliche Exegese der Bibel heranzuziehen. Im Pietismus wurde Israel als Gottes ersterwähltes Volk dann weithin anerkannt, jedoch umso mehr versucht, es zu Christus zu bekehren.

Die Aufklärung beerbte und säkularisierte den christlichen Antijudaismus. Einige aufgeklärte Philosophen und Theologen des 18. Jahrhunderts, beispielsweise Montesquieu und auf jüdischer Seite Moses Mendelssohn haben die rechtliche Gleichstellung der Juden verlangt. Diese Entwicklung ging jedoch mit der Abkehr von den biblischen Traditionen einher. Sie verallgemeinerte die Besonderheit von Juden- und Christentum zu einer humanen Idee, Moral und Religiosität.

Polen

Polen, das ab 1138 dem feudalen Partikularismus in Teilherrschaften erlag, wurde unter Władysław I. Ellenlang (reg. 1306–1333, ab 1320 König von Polen) ein geeintes Königreich. Sein Sohn, Kasimir „der Große“ (reg. 1333–1370, ab 1333 König von Polen), festigte politisch, ökonomisch und militärisch das väterliche Erbe durch grundlegende Reform und Reorganisation des Staatsapparats. 1367 erlaubte er Juden die freie Ansiedlung und gewährte ihnen Gewerbe- und Steuerfreiheit. Dies war damals außergewöhnlich und bewirkte einen Zustrom von jüdischen Einwanderern aus ganz Europa. Sie blieben hier nicht auf das Geldgeschäft beschränkt und stellten bald in ganz Polen einen Hauptanteil an der Schicht des Kleinbürgertums. Zudem lebten sie meist in eigenen Stadtbezirken, dem „Schtetl“, und hatten dort ihre eigene Verwaltung, die „Kahale“. So standen sich Juden und Polen wie zwei Volksgruppen gegenüber.

Im 16. Jahrhundert machte die polnische Aristokratie Juden häufig zu ihren Gutsverwaltern und Geschäftsführern. Nach der Union Polens mit Litauen, 1569, wurden Juden meist Landverpächter ukrainischer Bauern und zogen sich als „Ausbeuter“, „Fremde“ und „Ungetaufte“ deren Hass zu. Der Kosakenaufstand von 1649 ging mit Massakern der Bauernheere an etwa 10.000 polnischen Juden und Katholiken einher. Beide fochten in der Schlacht bei Beresteczko 1651 Seite an Seite dagegen.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts ging Polen als Staat unter. Das beendete dort die Toleranz gegen andere Religionen und Minderheiten. Es kam zu zahlreichen Ritualmordprozessen und Lynchmorden an Juden. Nach einer Beschwerde ihres Vertreters und einer Empfehlung des mit der Untersuchung der Vorwürfe beauftragten Kardinals Ganganelli, des späteren Papstes Clemens XIV., verdammte Papst Benedikt XIV. 1758 die „Blutlüge“. Der polnische König August III. bestätigte dies 1763 und setzte damit den Pogromen vorerst ein Ende.

Im Zuge der rechtlichen Gleichstellung der Juden wurde 1764 die jüdische Selbstverwaltung in Polen abgeschafft. Zudem spaltete sich das polnische Judentum in Chassidim („Fromme“) und Mitnaggedim (populäre Mystiker und orthodoxe Talmudisten). Der Haidamakenaufstand 1768 brachte erneute Bauernmassaker an Juden.

Der „Vierjährige Reichstag“, der von 1788 an Staats- und Wirtschaftsreformen beschloss, änderte nichts an der Lage der Juden. Das polnische Bürgertum lehnte ihre Gleichstellung ab, wollte sie aber zugleich zur Assimilation zwingen. Selbst progressive Reformer wie Pater Stanisław Staszic sahen sie als „Heuschreckenplage“ und „Schmarotzerhaufen“.

Um ihren Patriotismus zu zeigen, nahmen viele Juden wie Berek Joselewicz 1794 am Aufstand von Tadeusz Kościuszko gegen die Teilungen Polens teil. Ein jüdisches Regiment fiel am 4. November im Kampf für Polens Freiheit und Einheit gegen die russischen Eroberer.

Napoleon Bonaparte gründete 1807 ein vom Ersten Französischen Kaiserreich politisch abhängige Herzogtum Warschau. Doch er nahm die im Code Napoleon verankerte Gleichberechtigung der Juden schon 1808 wieder zurück. Dem folgte der Herzog Friedrich August von Sachsen mit einem Dekret, das den Juden die Bürgerrechte für 10 Jahre aberkannte, bis sie sich assimiliert hätten. Juden, die sich im Lebensstil ganz den Christen anpassten, erhielten jedoch zur Antwort:

„Wie können aber die sich zu den mosaischen Gesetzen Bekennenden dieses Land als ihr Vaterland ansehen? Sind sie nicht von dem Wunsche beseelt, in die Heimat ihrer Vorfahren zurückzukehren? Fühlen sie sich nicht als eine Nation für sich? Mit der Änderung der Tracht ist es noch lange nicht getan.“

So wurde das Judentum auf den von Preußen, Österreich und Russland besetzten Gebieten Polens und Litauens weniger als Religionsgemeinschaft denn als eigenes Volk betrachtet und ausgegrenzt. Daran knüpfte der polnische Nationalismus und Antisemitismus in Teilen der Bevölkerung im 19. Jahrhundert fast nahtlos an.

Deutsches Kaiserreich

Im Kulturprotestantismus des 19. Jahrhunderts wurde es zur Regel, den angeblich überlegenen Universalismus und Moralismus der „absoluten“ christlichen Religion am unterlegenen, engen, materialistischen, überholten Judentum zu profilieren. Gerade die idealistischen und romantischen Heroen des Geistes erwiesen sich als hilflos und anfällig für den um sich greifenden sozialdarwinistischen und rassistischen Antisemitismus.

Dazu kam eine Politisierung des lutherischen Christentums wie bei dem Berliner Hofprediger Adolf Stöcker. Luthers antijüdische Schriften wurden wiederentdeckt und ausgiebig für antisemitische Propaganda benutzt. Daran konnten später Nationalsozialisten wie Julius Streicher, Alfred Rosenberg und „Der Stürmer“ anknüpfen. Dabei wurde allerdings Luthers theologischer und zeitgeschichtlicher Kontext stets ignoriert. Erst ab 1945 begann die evangelische Kirche, zeitbedingte Judenfeindlichkeit und genuine Wort-Gottes-Theologie bei Luther auseinanderzuhalten.

Weimarer Republik

Die Novemberrevolution 1918 beendete mit der Monarchie die Oberaufsicht des Kaisers über die Kirche (Summepiskopat) und das „Landesherrliche Kirchenregiment“, also das Recht der Landesregierungen, die höchsten Kirchenbeamten einzusetzen. Die Weimarer Verfassung gestattete den evangelischen Kirchen erstmals weitgehende Selbstverwaltung nach rein kirchlichen Gesichtspunkten. Das Synodalprinzip stärkte die Laien gegenüber Pastoren und Bischöfen.

1922 gründete sich der Deutsche Evangelische Kirchenbund (DEK) als gemeinsames Dach bekenntnisgebundener Landeskirchen. Das Konzept einer „Volkskirche“, deren Gemeinden auf kommunaler Ebene von der Bevölkerung getragen und für ihre Belange offen sein sollten, konnte sich nun entfalten. Diese ungewohnte Unabhängigkeit vom Staat verunsicherte viele evangelische Pastoren, die sich in der Kaiserzeit im deutschnationalen Bürgertum heimisch gefühlt hatten.

Ein Großteil war von Theologen ausgebildet worden, die den Ersten Weltkrieg mittrugen. Die Pfarrer waren häufig in antisemitischen Studentenverbindungen wie dem Verein Deutscher Studenten organisiert. Seit Stoecker und Paul de Lagarde hatten sich Teile des Luthertums dem rassistischen Antisemitismus geöffnet und diesen als politisches Programm über das Kriegsende hinaus etabliert.

In der Nachkriegsnot erhielten der rückwärts gewandte Nationalismus und Antisemitismus enormen Auftrieb. Juden wie Hugo Preuß oder Walter Rathenau, die seit der Revolution in Führungspositionen aufsteigen konnten, wurden zur Zielscheibe des Hasses. Neue bürgerliche Parteien wie die DNVP propagierten die Dolchstoßlegende und lasteten alle Krisenphänomene dem „zersetzenden“ Einfluss des „Weltjudentums“ an.

Eine Flut von Veröffentlichungen stärkte diese Propaganda. Typisch für den Zeitgeist war Oswald Spenglers Untergang des Abendlandes: Er stellte das Judentum als grenzen- und heimatloses, nur materiellen Zielen verhaftetes, unter die Völker zerstreutes „Fremdvolk“ dar, das wie ein Naturgesetz den Niedergang der „Wirtvölker“ und damit Hass und blutige Konflikte erzeugen würde. Das rechtfertigte rassistische „Lösungen“ der Judenfrage.

Viele Protestanten standen der deutsch-völkischen Bewegung nahe, die die tragenden politischen Kräfte der Weimarer Republik, Sozialdemokratie, Liberalismus und katholische Zentrumspartei, erbittert bekämpfte. In ihren Augen bedrohten die „Gottlosen“ im Verbund mit Katholiken und Juden die Verbindung von Volkstum und evangelischer Religion. Dabei behielt die Mehrheit Vorbehalte gegen den unverblümten Rassismus und wollte das Christentum dem Volkstum überordnen.

Eine Minderheit wandte sich jedoch der nun aufstrebenden „deutschchristlichen Bewegung" zu, die das Alte Testament als „jüdische Religionsurkunde“ abwertete und das Christentum „entjuden“ wollte, um es mit „germanischer“ Verehrung von „Blut und Boden“ zu verschmelzen. Von beiden Seiten aus wurden so die Grenzlinien zwischen christlichem Antijudaismus, der den Juden die Tür zur Kirche offenhielt, und rassistischem Antisemitismus, der sie aus dem Volksglauben geistig und politisch „ausmerzen“ wollte, immer mehr verwischt.

Zeit des Nationalsozialismus

Von diesen Strömungen im Kulturprotestantismus während des Kaiserreichs und der Weimarer Republik ausgehend, hatte der kirchliche Antijudaismus dem staatlichen Antisemitismus der Nationalsozialismus wenig entgegenzusetzen.

Zwar kam es aufgrund der von den Deutschen Christen erzwungenen Ausschließung von protestantischen Pfarrern jüdischer Abstammung, „Arisierung" genannt, zur Gründung des Pfarrernotbundes und zu einem Kirchenkampf, aus dem 1934 die Bekennende Kirche hervorging. Doch auch in dieser evangelischen Opposition überwogen antijudaistische und obrigkeitshörige Einstellungen, so dass es zu keinem kirchlichen Widerstand gegen die immer deutlichere Judenverfolgung des NS-Regimes kam und man sich weithin auf die Verteidigung kirchlicher Selbstverwaltung gegen staatliche Eingriffe begrenzte.

Eine Ausnahme war Dietrich Bonhoeffer, der sich dem Widerstand des Kreisauer Kreises und Plänen zu einem Attentat auf Hitler anschloss. Schon 1933 ahnte Bonhoeffer das kommende Geschehen im Betheler Bekenntnis voraus:

„Wir verwerfen jeden Versuch, die geschichtliche Sendung irgendeines Volkes mit dem heilsgeschichtlichen Auftrag Israels zu vergleichen oder zu verwechseln. Es kann nie und nimmer Auftrag eines Volkes sein, an den Juden den Mord von Golgatha zu rächen.“

Der Holocaust wurde dadurch nicht aufgehalten, sondern konnte nicht zuletzt wegen der jahrhundertelangen kirchlichen Volkserziehung im Geist des Antijudaismus mit Hilfe 100.000er getaufter Mitläufer durchgeführt werden. Daher haben die Kirchen den Völkermord am europäischen Judentum, die Shoa, mitzuverantworten.

Kirchliche Erklärungen seit 1945

Seit dem Holocaust begannen die Kirchen allmählich, den christlichen Antijudaismus theologisch und praktisch aufzuarbeiten und ihr Verhältnis zum Judentum neu zu bestimmen.

In der ersten Nachkriegserklärung der neu gegründeten EKD, dem Stuttgarter Schuldbekenntnis vom 19. Oktober 1945, fehlte noch jeder ausdrückliche Hinweis auf die Shoa; selbst die Aussage Martin Niemöllers (Durch uns ist großes Leid über viele Völker und Länder gekommen) fand nur gegen heftigen Widerspruch Eingang in den Wortlaut.

Erst unter dem Einfluss von Theologen wie Karl Barth, Helmut Gollwitzer und Friedrich-Wilhelm Marquardt kam es zu einer theologischen Neubesinnung auf die unaufgebbaren jüdischen Wurzeln und Inhalte des christlichen Glaubens. Die Deutschen Evangelischen Kirchentage der 1960er Jahre leisteten dabei exegetische, aufklärende und religionsdialogische Arbeiten. Ein Meilenstein zur Revision antijudaistischer theologischer Positionen war der Synodalbeschluss zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden, den die Evangelische Kirche im Rheinland am 11. Januar 1980 fasste. Eine Reihe evangelischer Landeskirchen folgte dem mit ähnlichen Erklärungen und Verfassungsänderungen. Eine Gruppe jüdischer Gelehrter des National Jewish Scholars Project hat diese Bemühungen der christlichen Seite im Juli 2002 mit der Erklärung DABRU EMET (deutsch: Redet Wahrheit) gewürdigt.

In vielen Bereichen von Kirche und Theologie sowie im Religionsunterricht bleiben antijudaistische Stereotypen jedoch bis in die Gegenwart hinein wirksam. Kritik finden deshalb manche feministischen Theologinnen.[21] Weiterhin wird das rabbinische Judentum vor allem wegen des lutherischen Gegensatzes von „Gesetz“ und „Evangelium“ oft als angeblich äußerliche, am „Buchstaben“ haftende Gesetzesfrömmigkeit, als Kasuistik, „Werkreligion“ u.ä. dargestellt und bildet so die Negativfolie für die angeblich ethisch überlegene Lehre Jesu und des Christentums.

Benedikt XVI. formulierte 2008 die Karfreitagsfürbitte für die Juden für die Tridentinische Messe neu. Diese Ausnahmefassung stieß auf Proteste bei Vertretern jüdischer Gemeinden, etwa dem Zentralrat der Juden in Deutschland[22] und vielen Christen, etwa beim Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim Zentralrat der Katholiken.[23]

Antijudaismus im Islam

In der islamischen Welt war die Lage der Juden besser als im christlichen Europa. Wie die Christen galten sie dort als Dhimmis – „Schutzbefohlene“. Sie mussten eine Sondersteuer zahlen, durften dafür aber ihren Glauben fast unbeschränkt ausüben. Die Eroberung der vorher von den Westgoten beherrschten Gebiete der Iberischen Halbinsel durch die Mauren 713 wurde daher als Befreiung erlebt. Christen, Juden und Muslimen tolerierten einander, so dass im Ergebnis Wirtschaft und Kultur in al-Andalus erblühten.

Anders als hier, wurden in Marokko und Persien – ebenso wie in Europa – Judenghettos eingerichtet. Zeitweise wurde den Juden eine Kleiderordnung aufgezwungen ( → Gelber Ring). 1033 wurden in Fès mehrere Tausend Juden von aufgebrachten Moslems umgebracht, 1066 folgte ein Blutbad in Granada. Dennoch waren gewaltsame Übergriffe auf Juden hier deutlich seltener als in Europa.

Später wurde die jüdische Minderheit jedoch in allen islamischen Ländern ausgegrenzt. Erst 1492 entstand auf Einladung der islamischen Herrscher wieder eine Jüdische Gemeinde in Jerusalem. Unter den osmanischen Herrschern konnten Juden dort lange Zeit unbehelligt leben.

Siehe auch

Literatur

Gesamtdarstellungen
  • Karl Heinrich Rengstorf, Siegfried von Kortzfleisch (Hrsg.): Kirche und Synagoge. Handbuch zur Geschichte von Christen und Juden. 2 Teilbände, dtv/Klett-Cotta-Verlag, München 1988, ISBN 3-423-04478-0
  • Wolfgang Benz: Bilder vom Juden, C.H. Beck, München 2001, ISBN 3-406-47575-2
  • Gerhard Czermak: Christen gegen Juden. Geschichte einer Verfolgung. Aktualisierte Neuausgabe. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-8218-1133-1.
  • Malcolm V. Hay: The Roots of Christian Anti-Semitism. Freedom Library Press, New York NY 1981, ISBN 0-88464-033-7.
  • Friedrich Heer: Gottes erste Liebe. Die Juden im Spannungsfeld der Geschichte (= Ullstein 34329 Ullstein-Sachbuch). Durchgesehene und um das Schlusskapitel „Rückblick und Ausblick“ erweiterte Lizenzausgabe. Ullstein, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-548-34329-5.
  • Rainer Kampling: Im Angesicht Israels. Studien zum historischen und theologischen Verhältnis von Kirche und Israel. Bd. 47, Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2002, ISBN 3-460-00471-1.
Spätantike
  • Heinz Schreckenberg: Die christlichen Adversus-Judaeos-Texte und ihr literarisches und historisches Umfeld (1. – 11. Jahrhundert) (= Europäische Hochschulschriften. Reihe 23: Theologie. Bd. 172). 2., überarbeitete Auflage. Lang, Frankfurt am Main 1990, ISBN 3-631-42603-8.
Mittelalter
  • Thomas Brechenmacher: Der Vatikan und die Juden. Geschichte einer unheiligen Beziehung vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. München 2005, ISBN 3-406-52903-8.
  • Jeremy Cohen: The Jews as the Killers of Christ in the Latin Tradition, from the Augustine to the Friars. In: Traditio. Bd. 39, 1983, ISSN 0362-1529, S. 1–27.
  • David I. Kertzer: Die Päpste gegen die Juden. Der Vatikan und die Entstehung des modernen Antisemitismus.. Propyläen-Verlag, Berlin u. a. 2001, ISBN 3-549-07147-7.
  • Gerd Mentgen: Die Judenvertreibungen im mittelalterlichen Reich. Ein Forschungsbericht. In: Aschkenas. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden. ISSN 1016-4987, Jg. 16, Nr. 2, 2006, S. 367–405.
Frühe Neuzeit
  • Heiko A. Oberman: Wurzeln des Antisemitismus. Christenangst und Judenplage im Zeitalter von Humanismus und Reformation. 2., durchgesehene Auflage. Severin und Siedler, Berlin 1981, ISBN 3-88680-023-7.
  • Karl Heinrich Rengsdorf, Siegfried von Kortzfleisch (Hrsg.): Kirche und Synagoge. Handbuch zur Geschichte von Christen und Juden. Darstellung mit Quellen (= dtv 4478, 1–2). 2 Bände. Klett-Cotta im Deutschen Taschenbuch-Verlag, München 1988, ISBN 3-12-906720-5 (Bd. 1), ISBN 3-12-906730-2 (Bd. 2).
  • Hering Torres, Max Sebastián: Rassismus in der Vormoderne. Die „Reinheit des Blutes“ im Spanien der Frühen Neuzeit. 911, Campus-Verlag, Frankfurt am Main u. a. 2006, ISBN 3-593-38204-0.
  • Edith Wenzel: „Do worden die Judden alle geschant.“ Rolle und Funktion der Juden in spätmittelalterlichen Spielen. Bd. 14, Fink, München 1992, ISBN 3-7705-2743-7 (Zugleich: Berlin, Technische Universität, Habilitations-Schrift, 1989/90).
  • Markus J. Wenninger: Man bedarf keiner Juden mehr, Ursachen und Hintergründe ihrer Vertreibung aus den deutschen Reichsstädten im 15. Jahrhundert. Graz 1981, ISBN 3-205-07152-2. (= Beiheft zum Archiv für Kulturgeschichte 14).
  • Fritz Backhaus: Die Hostienschändungsprozesse von Sternberg (1492) und Berlin (1510) und die Ausweisung der Juden aus Mecklenburg und der Mark Brandenburg. In: Jahrbuch für Brandenburgische Landesgeschichte. Band 39 (1988). S. 7–26.
  • Heiko Oberman: Luther, Israel und die Juden. Befangen in der mittelalterlichen Tradition. In: Martin Luther heute. Themenheft 3, Bundeszentrale für politische Bildung, 1983
  • Peter von der Osten-Sacken: Martin Luther und die Juden, 2002
Neuzeit
  • Peter Blastenbrei: Johann Christoph Wagenseil und seine Stellung zum Judentum, Harald Fischer, Erlangen 2004, ISBN 3-89131-409-4
  • Michael Ley: Holokaust als Menschenopfer, ISBN 3-8258-6408-1
  • Gerhard Lindemann: Antijudaismus und Antisemitismus in den evangelischen Landeskirchen während der NS-Zeit. In: Geschichte und Gesellschaft, 29. Jahrgang, Heft 4: Protestantismus und Nationalsozialismus, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2003, S. 575–607
Nach 1945
  • Rat der EKD (Hrsg.): Christen und Juden I–III, Gütersloher Verlagshaus 2002

Weblinks

 Commons: Antijudaismus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelbelege

  1. Johannes Heil: Antijudaismus und Antisemitismus. Begriffe als Bedeutungsträger. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Jahrbuch für Antisemitismusforschung, Frankfurt am Main 1997, S. 92–114
  2. Alfred Haverkamp: Juden und Christen zur Zeit der Kreuzzüge (= Konstanzer Arbeitskreis für Mittelalterliche Geschichte. Vorträge und Forschungen. Bd. 47). Jan Thorbecke, Stuttgart 1999, ISBN 3-7995-6647-3, S. 291.
  3. Fritz Backhaus: Die Hostienschändungsprozesse von Sternberg (1492) und Berlin (1510) und die Ausweisung der Juden aus Mecklenburg und der Mark Brandenburg. In: Jahrbuch für Brandenburgische Landesgeschichte. Band 39 (1988). S. 7–26.
  4. Vgl. überblicksweise Yosef Hayim Yerushalmi: The Inquisition and the Jews of France in the Time of Bernard Gui. In: The Harvard Theological Review. Bd. 63, Nr. 3, 1970, ISSN 0017-8160, S. 317–376, doi:10.1017/S001781600002544X.
  5. Klaus Bergdolt: Der schwarze Tod. Die große Pest und das Ende des Mittelalters. = Der schwarze Tod in Europa (= Beck'sche Reihe 1378). 5. Auflage. Beck, München 2003, ISBN 3-406-45918-8, S. 149.
  6. Bernhard Lohse: Luthers Theologie in ihrer historischen Entwicklung und in ihrem systematischem Zusammenhang. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1995, ISBN 3525521960, S. 357f.
  7. Günter Jerouschek, Wolfgang Behringer (Hrsg.): Heinrich Institoris, Jakob Sprenger: Der Hexenhammer. Deutscher Taschenbuch Verlag, 2000, ISBN 3423307803, S. 41-43
  8. 8,0 8,1 Markus J. Wenninger: Man bedarf keiner Juden mehr. S. 159 f.
  9. Markus Wenninger: Man bedarf keiner Juden mehr. S. 251
  10. Markus J. Wenninger: Man bedarf keiner Juden mehr. S. 191
  11. Markus J. Wenninger: Man bedarf keiner Juden mehr. S. 194 f.; Arye Maimon: Der Judenvertreibungsversuch Albrechts II. von Mainz und sein Mißerfolg (1515/. 16) in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 4, 1978, S. 191–220.
  12. Bernhard Lohse: Luthers Theologie in ihrer historischen Entwicklung und in ihrem systematischem Zusammenhang. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1995, ISBN 3525521960, S. 357f.
  13. Michael Ley: Holokaust als Menschenopfer. Lit Verlag, 2002, ISBN 3825864081, S. 38
  14. Wilhelm Schmidt-Biggemann: Geschichte der christlichen Kabbala. Band 1: 15. und 16. Jahrhundert. Frommann Holzboog, 2012, ISBN 3772825699, S. 136ff.
  15. Hans-Martin Kirn: Das Bild vom Juden im Deutschland des frühen 16. Jahrhunderts. Mohr, Tübingen 1989, ISBN 3167453540, S. 73
  16. Rolf Decot: Luthers Reformation zwischen Theologie und Reichspolitik. Lembeck, Fankfurt am Main 2007, ISBN 3874765393, S. 363f.
  17. Willehad Paul Eckert: Die Universität Köln und die Juden im späten Mittelalter. In: Akademie der Wissenschaften zu Berlin (Hrsg.): Jahrbuch 1990-1992. Walter de Gruyter, Berlin 1993, ISBN 3110121484, S. 503f.; Zitat S. 505
  18. Friedrich Battenberg: Die Juden in Deutschland vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2001, ISBN 3486557777, S. 14f.
  19. Friedrich Battenberg: Die Juden in Deutschland vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2001, ISBN 3486557777, S. 85
  20. Der Titel lautete fortgesetzt: „Auf Veranlassung der erschröcklichen Gottes-Lästerung / welche der Jude Jonas Meyer von Wunstorff / als er vor der Fürstl. Residentz-Stadt Zelle / nebst andern hochberüchtigten Dieben den 21. Martii An. 1699. abgethan / und nach dem Qverbalcken des Gerichts / behueff einer Winde, öffentlich in der Lufft schwebende, hinauffgezogen ward / Zu vieler tausend Zuschauer höchster Bestürtzung, ausgerufen / …“; Hieronymus Friederich Hoffmann, Celle 1699.
  21. Rafaela Eulberg: Jesus, der erste Feminist und der Mord an der Göttin? Antijudaismus in christlich-feministischer Theologie und in Ansätzen postchristlicher Feministinnen
  22. Pressemitteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland: Zentralrat und Rabbiner kritisieren neuen Wortlaut der katholischen Fürbitten
  23. ZdK: Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim ZdK veröffentlicht Stellungnahme zur Karfreitagsfürbitte „Für die Juden“



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