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Heinz Levié

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Datei:Mitglieder der Pelzbranche Walter Langenberger, Heinz Levié, Jürgen Thorer (1982).jpg
Heinz Levié auf der Frankfurter Pelzmesse 1982 (vorn rechts)

Heinz Levié (geb. 19. Januar 1910 in Hofgeismar; gest. 22. Oktober 1983 in Nürnberg) war Doktor jur. utr., Rechtsanwalt, Oberregierungsrat, von 1946 bis 1949 Bürgermeister von Nürnberg und als Rauchwarenkaufmann Mitinhaber der Fränkischen Pelzindustrie Märkle & Co, später Marco Pelzveredelungs GmbH, Fürth.

Werdegang

Heinz Levié wurde am 19. Januar 1910 in Hofgeismar als Sohn eines Richters geboren. Seine Jugend verlebte er in Herzberg (Elster). Am Humanistischen Gymnasium in Luckau in der Niederlausitz machte er sein Abitur und begann anschließend mit dem Studium der Rechtswissenschaften, das er 1931 als Referendar und mit der Doktorprüfung beendete. Als so genannter Halbjude, sein Vater war Jude, beendeten die Nürnberger Rassegesetze die Staatsdienstkarriere des Einser-Juristen. Heinz Levié bekannte sich zur christlichen Glaubensgemeinschaft. Nachdem ihm der Staatsdienst verschlossen war, trat er eine Stelle als Privatsekretär beim Inhaber des Verlagshauses B. G. Teubner an. In jener Zeit erlitt Levié, ein Liebhaber schneller Autos, einen schweren Unfall, bei dem er einen Schädelbasisbruch, Jochbein-, Kiefer-, Fuß- und Rippenbrüche erlitt. 1936 heiratete er in Leipzig die Tochter des auf Fuchsfelle spezialisierten Rauchwarenhändlers Lambro Nantzou. Bei der Gestapo denunziert, wurde er 1940 verhaftet, vom Sondergericht Leipzig zu einer hohen Zuchthausstrafe verurteilt und ins Zuchthaus Waldheim gebracht.

Eine im Zuchthaus erlittene Erkrankung an Lungentuberkulose rettete ihn vermutlich vor dem Transport in die Gaskammer. Um seine Genesung bemühte sich vor allem der Chefarzt der dem Zuchthaus benachbarten Lungenheilstätte, Dr. Jochen Gräf, der Vater des Leiters der Frankfurter Filiale seiner künftigen Rauchwarenfirma Marco. Nach der Heilung versteckte er ihn vor der Gestapo, bis Levié im April 1945 von amerikanischen Truppen befreit wurde.

1946 machten ihn die Amerikaner zum Polizeichef von Leipzig. Warum die Wahl auf ihn fiel, ist nicht genau bekannt; er übte diese Funktion auch nur kurze Zeit aus. Vor der Besetzung Leipzigs durch die Russen belud er sein Auto mit einigen Pelzen und fuhr in den Westen. Auf dem Weg zur Lungenheilstätte in den bayrischen Bergen stoppten ihn die Amerikaner, und „nach einigen theaterreifen Konfusionen“ ernannten sie ihn zum Ersten Bürgermeister von Nürnberg. Diese Position übte er drei Jahre lang aus.

Im Jahr zuvor beteiligte er sich an dem später als Fränkische Pelzindustrie Marco GmbH firmierenden alten Pelzhandels- und Pelzveredlungsunternehmen Märkle & Co. Neben seiner Tätigkeit für die Firma engagierte er sich besonderes in der Öffentlichkeitsarbeit und für die Gesamtinteressen des Rauchwarenverbands. Durch seine Mitinitiative wurde 1952 die erste Fachklasse für Kürschnerlehrlinge in Fürth eingerichtet.[1] 1970 erhielt er den Bayerischen Verdienstorden und 1973 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

Im Oktober 1983 musste die gemeinsame Firma Konkurs anmelden, nach Meinung der Banken hätte er „viel früher und viel brutaler sehr viel mehr Leute entlassen müssen“. Am Tag nach der letzten, hoffnungslosen Lagebesprechung fanden Freunde Heinz Levié tot in seinem Sessel, „ganz friedlich, als wäre nichts passiert“. Der letzte Polizeibericht besagt, er sei eines natürlichen Todes gestorben, Herzversagen. Die Pistole, die an seiner Seite gefunden wurde, war jedoch Anlass für Diskussionen und Spekulationen in der Pelzbranche. Er hinterließ eine Tochter.[2]

Bürgermeister von Nürnberg

1946 wurde Heinz Levié von der amerikanischen Militärregierung aufgrund seiner juristischen Vorkenntnisse zum Bürgermeister ernannt. Diese Aufgabe nahm er bis 1948 wahr.

Als Kaufmann engagierte er sich in dieser Position besonders für Wiederaufbau und den wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt. Er setzte sich in der Zeit größter Wohnungsnot unter anderem dafür ein, dass trotzdem auch ein Hotel gebaut wurde, damit wieder Kaufleute in die traditionelle Handelsstadt kommen konnten. Ein weiterer Schwerpunkt war der Entnazifizierung und die Versorgung der Opfer des Nationalsozialismus.[3][2]

Fränkische Pelzindustrie - Marco Pelz

Datei:Pelz-Veredler-Treffen in Fürth, Dr. Levié, 1979.jpg
Heinz Levié (Bildmitte) bei einem Veredlertreffen. Bildunterschrift: Der Gastgeber, Dr. Levié, rief die deutschen Pelzveredler bei dieser Gelegenheit zu noch mehr Solidarität auf (1979)

1945 beteiligten sich Heinz Levié und sein Neffe Walter Kaiser an der Weiterführung des tradionsreichen Rauchwarenzurichtungs- Veredlungs- und Handelsunternehmen Märkle und Co., gegründet von Waldemar Märkle und bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Taucha bei Leipzig beheimatet. Seit der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft gehörte auch sein Bruder, der Rauchwarenveredler Franz-Rudolph Märkle (* 1892; † 1961) zur Unternehmensführung.[4][5] Am Anfang befand sich die nach dem Krieg in das westliche Deutschland übergesiedelte Firma unter dem neuen Namen Bavarian Fur im Schlossgut Chiemsee, anschließend in Langenzenn. Schließlich mietete man in Fürth Fabrikräume der damaligen Dynamit Actien Gesellschaft und benannte sich erneut um in Fränkische Pelzindustrie Märkle & Co. (Kronacher Straße 67). Die Firma expandierte rasch und musste deshalb bald wieder die Räumlichkeiten wechseln, nunmehr in die Karolinenstraße 104-108, in der es bereits für den Betrieb benötigte Brunnen und zumindest später einen Schienenanschluss an die Bahn gab. In seiner erfolgreichsten Zeit, den 1950er bis 1970er Jahren, wurden dort, in dem jetzt als Marco-Pelze bekannten Unternehmen, über 1000 Mitarbeiter beschäftigt, der jährliche Umsatz betrug in Spitzenzeiten 100 Millionen DM, zuletzt angenommene 60 Millionen. In Deutschland und weltweit bestanden jeweils mehrere Niederlassungen oder Vertriebsstellen. Der Name Marco war die Fortführung der Schutzmarke Marko (mit „k“) der Vorkriegsfirma Märkle & Co.

Der Betrieb umfasste die Abteilungen Fellgroßhandel, Pelzveredelung und Modellwerkstätten, in denen auch für Privatkunden gearbeitet wurde. Das schon in der Vorkriegszeit überaus kreative Unternehmen war auch unter den Nachfolgern insbesondere mit seiner Pelzzurichtungs- und Veredlungssparte erfolgreich experimentierfreudig. Die Firma Marco kreierte zwei vom Markt sehr gut angenommene Farbschattierungen für Indisch-Lamm-Felle, die Farben sarok und sourire, und beförderte damit den Vorkriegsartikel Indischlamm in der Zeit der Persianermode erneut zu einem weiteren Hauptartikel der Pelzbranche. Die als neues Schwarz vorgestellte Persianerfarbe Royal Dark fand ebenfalls eine sehr große Beachtung.

Mit dem zunehmenden Wohlstand in der Bundesrepublik ließ die Nachfrage nach dem preiswerteren Lockenfell rapide ab und wandte sich dem nun für die meisten Arbeitnehmer erschwinglichen, bisherigen Statussymbol Nerz zu. Auch der Absatz des vor allem in Deutschland bis dahin beliebten Nutriapelzes war erheblich zurückgegangen. Diese Marktveränderungen dürften, zusammen mit einer nichtausreichenden und zu späten Reaktion darauf, eine der Hauptursachen für den Konkurs des zum Schluss als Marco GmbH & Co, Pelzindustrie KG firmierenden Unternehmens Ende Oktober 1983 gewesen sein. Gerade diese drei Fellarten waren, nicht zuletzt wegen der teils konkurenzlosenen Qualität, wesentliche Artikel der Marco-Pelzzurichtung und -veredlung.[6][7]

Der Veredlungsteil der Firma wurde kurz nach dem Konkurs an eine Schweizer Finanzgruppe verkauft und in Marco Pelzveredlungs-GmbH umbenannt;[8] der durch regelmäßige Veröffentlichungen in der Pelzbranche bekannte Chefchemiker Ing. Anton Ginzel wechselte trotz seines hohen Alters mit in die neue Firma.[9] Neben dem Erhalt der Arbeitsplätze wurde als Grund für das schnelle Zustandekommen der Neugründung der bevorstehende Auktionstermin in London genannt. Zitat: „Denn Marco gilt als großer Spezialist für Persianer-Veredlung in allen möglichen Farben und -variationen und der Wegfall seiner Veredlungsmöglichkeiten hätte zweifelsohne einen negativen Einfluß auf die November-Versteigerung von Persianern in London gehabt.[10] Die ausländischen Marco-Niederlassungen blieben zum Teil erhalten. Die New Yorker Filiale geriet jedoch im Zusammenhang mit dem Konkurs der Muttergesellschaft im gleichen Jahr ebenfalls in Zahlungsschwierigkeiten.[11] Die Fürther Nachfolgefirma stellte, ebenfalls nach einem Konkurs, 1989 endgültig den Betrieb ein.[12]

Literatur, Weblinks

Belege

  1. Berufsschule Fürth: Kürschner Zuletzt abgerufen am 10. Juli 2013.
  2. 2,0 2,1 Volker Schöps: Pontifex Maximus. Zum Tode von Dr. Heinz Levié 22. Oktober 1983. In: Die Pelzwirtschaft. 10/1983, S. 55–56.
  3. Stadtarchiv Nürnberg: Gedenktage Zuletzt abgerufen 1. Juli 2013.
  4. Arthur Heber & Co. (Hsgr.): Biographische Rundschau der Deutschen Pelz-Industrie, Blatt Märkle & Co KG, Taucha - Leipzig. Verlag für Handel und Industrie, Datum nicht bekannt. Sammelmappe.
  5. Ohne Autorenangabe: Konsul a. D. Franz-Rudolf Märkle †. In: Rund um den Pelz, Nr. 12 Dezember 1961, Fulde Verlag Köln, S. 11
  6. Irene Mayer-List: Pech mit dem Beerdigungsmantel. 18. November 1983, Zeit-online Zuletzt abgerufen 10. Juli 2013.
  7. Ohne Autorenangabe: Marco-Konkursantrag und Dr. Heinz Levié verstorben. In: Winckelmann Pelzmarkt Nr. 718, 28. Oktober 1983, Winckelmann Verlag, Frankfurt am Main, S. 1–5.
  8. Neues aus dem Handelsregister. In: Winckelmann Pelzmarkt Nr. 743 v. 27. April 1984, S. 2. Geschäftsführer Kunz Dieter, Pelzkaufmann und Kraus Rüdiger, Ledertechniker; (Winckelmann Pelzmarkt 10. Februar: ...neues Frankfurter Domizil: Niddastraße 66-68)
  9. Ohne Autorenangabe: Marco Nachfolger Pelzveredlung GmbH. In: Winckelmann International Fur Bulletin. Nr. 1917, 25. November 1983, Supplement iv
  10. Ohne Autorenangabe: Marco-Veredlungsbetrieb übernommen. 150 Arbeitsplätze bleiben erhalten. In: Winckelmann Pelzmarkt. Nr. 722, 25. November 1983, Winckelmann Verlag, Frankfurt am Main, S. 1–2.
  11. Ohne Autorenangabe: Marco Royal Dark, New York, beantragt Moratorium. In Winckelmann Pelzmarkt. Nr. 795, 17. August 1984, S. 5.
  12. Stadtmuseum Fürth: Zeitreise/1950-1999. Zuletzt abgerufen am 18. Juli 2013.


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