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Augenspiegel (Reuchlin)

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Der Augenspiegel war eine Streitschrift, verfasst 1511 von Johannes Reuchlin, der im Judenbücherstreit Position gegen die Absicht bezog, Schriften auf Hebräisch zu verbrennen. Reuchlin selbst wurde daraufhin als Ketzer angeklagt und seine Schriften, vor allem der Augenspiegel, 1520 durch Papst Leo X. verboten.[1]

Hintergrund

Reuchlin hat seinen Augenspiegel in deutscher Sprache geschrieben und veröffentlicht. Er wurde von Thomas Anshelm in Tübingen im Herbst 1511 gedruckt und erschien gleich darauf zur Frankfurter Herbstbüchermesse. Der Augenspiegel ist die Antwort auf einen Angriff von Johannes Pfefferkorn, der in seinem Handtspiegel in deutscher Sprache Reuchlin attackierte. Ein über den neu etablierten Buchdruck ausgetragener öffentlicher Streit begann, der als erstes Medienereignis der Neuzeit bezeichnet werden kann. Pfefferkorn rief, mit der geistlichen Macht in Gestalt des Kölner Dominikanerordens im Rücken, dazu auf, die Bücher der Juden mit Ausnahme der biblischen Bücher (Altes Testament) zu verbrennen. Reuchlin verfasste ein Gutachten, das sich gegen die Verbrennung richtete (verbrennt nicht, was ihr nicht kennt!).[2]

Inhalt

Das gedruckte Buch enthält als Hauptbestandteil das in deutscher Sprache verfasste Gutachten Reuchlins für den Kaiser. Maximilian I. erlaubte Pfefferkorn zuvor, jüdische Schriften zu beschlagnahmen, und beauftragte Reuchlin mit einem Gutachten, ob die Konfiszierung jüdischer Bücher rechtens sei. Reuchlin machte in seinem Gutachten (Ratschlag) klar, dass das jüdische Schrifttum nicht als Ganzes verneint oder bejaht werden kann, sondern zunächst einmal in seiner Unterschiedlichkeit wahrzunehmen ist. Er teilt die jüdischen Schriften in sieben Arten ein: 1. die Heiligen Schriften der Juden, ihre Bibel (Altes Testament); 2. der Talmud; 3. die Kabbala; 4. Glossen und Kommentare zu den biblischen Schriften (Perusch); 5. Reden, Disputationen, Predigtbücher (Midrasch); 6. Schriften der jüdischen Philosophen und Gelehrten aller Wissenschaften (Sepharim); 7. Poetisches, Fabeln, Gedichte, Märchen, Satiren, Sammlung von Lehrbeispielen (Dichtung). Nach der Einteilung der jüdischen Literatur in Gattungen wirft er der Gegenseite Ignoranz und Vorurteile als Basis für die Verurteilung der jüdischen Schriften vor, da diese die Sprache nicht beherrschten. Als Fazit beschreibt er den Weg, über eine Ausweitung der Hebräischkenntnisse und den Studien zur jüdischen Literatur zu einem Verständnis zu kommen.

Rezeption

Die Publikation in deutscher Sprache hat dazu beigetragen, dass die Rezeption des Augenspiegels nicht nur auf die Kreise beschränkt blieb, die der lateinischen Sprache mächtig waren. Durch das Gutachten und diverse Gegengutachten entwickelte sich ein mehrjähriger erbitterter Streitschriftenkrieg zwischen Befürwortern Reuchlins und Anhängern Pfefferkorns und der Position der Dominikaner.

Literatur

  • Markus Rafael Ackermann, Der Jurist Johannes Reuchlin (1455-1522), Berlin 1999
  • Ludwig Geiger, Johann Reuchlin. Sein Leben und seine Werke, Leipzig 1871 (Nachdruck von Bibliolife, Charleston 2010)
  • Hans Peterse, Jacobus Hoogstraeten gegen Johannes Reuchlin. Ein Beitrag zur Geschichte des Antijudaismus im 16. Jahrhundert, Mainz 1995
  • Johannes Reuchlin, Deutschlands erster Humanist. Ein biographisches Lesebuch von Hans-Rüdiger Schwab, München 1989
  • Johannes Reuchlin, Briefwechsel, Bearbeitet von Matthias Dall’Asta und Gerald Dörner (Band I unter Mitwirkung von Stefan Rhein), Stuttgart – Bad Cannstatt 1999ff, Band I 1477-1505 1999, Band II 1506-1513 2003, Band III 1514-1517 2007
  • Die Welt im Augenspiegel. Johannes Reuchlin und seine Zeit. Herausgegeben von Daniela Hacke und Bernd Roeck, Stuttgart 2002

Weblinks

 Commons: Johannes Reuchlin – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Johannes Reuchlin – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise

  1. Dr. Hans-Peter Willi: Reuchlin im Streit um die Bücher der Juden
  2. Kirsten Serup DEUTSCHLANDFUNK


Dieser Artikel basiert ursprünglich auf dem Artikel Augenspiegel (Reuchlin) aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der Doppellizenz GNU-Lizenz für freie Dokumentation und Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported. In der Wikipedia ist eine Liste der ursprünglichen Wikipedia-Autoren verfügbar.