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Schmach für Deutschland

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Der Ausspruch eine „Schmach für Deutschland“ entstammt einer Bemerkung des deutschen Kronprinzen und späteren Kaisers Friedrich, die dieser im Februar 1880 in einer nicht-öffentlichen Sitzung der Victoria-National-Invalidenstiftung dem Berliner Stadtrat und Vorsitzenden der jüdischen Korporation in Berlin Meier Magnus gegenüber machte. Mit diesen Worten verurteilte der Kronprinz die antisemitische Bewegung. Er habe sich im Auslande den dortigen Menschen gegenüber für diese Agitation geschämt.[1] Das Wort des Kronprinzen wurde bei der Bekämpfung des Antisemitismus oft zitiert, von antisemitischer Seite hingegen als zweifelhaft oder sogar gefälscht hingestellt.

Varianten

Die genauen Worte des Kronprinzen sind nicht überliefert. Je nachdem wird der Ausspruch auch wiedergegeben als „eine Schmach unserer Zeit“, „eine Schmach des Jahrhunderts“ oder „eine Schmach für die deutsche Nation“.

Kontext

Der schon seit einigen Jahren schwelende Antisemitismus erhielt Ende der 1870er Jahre einen Aufschwung. Massgeblich hierfür waren die Agitationen des Hofpredigers Adolph Stöcker sowie die Veröffentlichung des Artikels „Unsere Aussichten“ durch Heinrich von Treitschke in den Preussischen Jahrbüchern, woraus sich der so genannte „Berliner Antisemitismusstreit“ entwickelte.

Ablauf

Auf einer Sitzung der Victoria-National-Invalidenstiftung im Februar 1880 sprach der Kronprinz mit dem stellvertretenden Vorsitzenden der Stiftung und Vorsitzenden der jüdischen Korporation in Berlin Meier Magnus über die antisemitische Bewegung und bezeichnete diese als eine „Schmach für Deutschland“.

Als Reaktion auf eine antisemitische Veranstaltung am 17. Dezember 1880 in den Reichshallen in Berlin, bei der Ernst Henrici gegen die Juden gehetzt hatte, luden Mitglieder der Deutschen Fortschrittspartei die Wahlmänner aller Parteien für den 12. Januar 1881 ebenfalls in die Reichshallen zu einer Versammlung ein, um zu demonstrieren, dass die Bürger von Berlin keineswegs auf Seiten der antisemitische Bewegung standen, sondern diese verurteilten. Vor den 2500 Wahlmännern bezog sich Eugen Richter in der Schlußrede auf die Worte des Kronprinzen:

„Es wird dermaleinst nicht das kleinste Lorbeerblatt im Ruhmeskranze unseres Kronprinzen sein, daß er schon beim ersten Beginn dieser Bewegung, was unser verstorbener Kollege Wulffshein mit eigenen Ohren gehört hat und auch andererseits glaubwürdig bestätigt ist, — dem Vorsitzenden der jüdischen Korporation von Berlin gegenüber erklärte, daß diese Bewegung eine Schmach für die deutsche Nation sei! (Stürmischer, langandauernder Beifall.)“

Eugen Richter: Verurtheilung der antisemitischen Bewegung durch die Wahlmänner von Berlin. C. Bartel, 1881, (online)

Da von antisemitischer Seite eine derartige Verdammung von höchster Stelle als verfälscht oder erfunden zurückgewiesen wurde, sah sich der Kronprinz am 14. Februar 1881 veranlasst, seine Äußerung zu wiederholen. In einer Sitzung des Vorstandes der Victoria-National-Invalidenstiftung saß er zwischen dem Chef der Admiralität von Stosch und Meier Magnus. Er erkundigte sich, wie Magnus mit dem vergangenen Jahre zufrieden gewesen sei, in dem sich die antisemitische Bewegung weiter ausgebreitet hatte. Magnus antwortete, dass es

„… für ihn eines der trübsten seines langen Lebens gewesen sei. Wenn ihm und unzähligen seiner Glaubensgenossen inmitten dieser traurigen Bewegung ein starker Trost geblieben wäre, so sei es die lebendige Erinnerung an den an dieser Stelle gethanen Ausspruch des Kronprinzen, daß er die Bewegung bedaure und daß sie eine Schmach für unsere Zeit sei. Mit allem Nachdruck bemerkte hierauf der Kronprinz, daß er dieselbe Anschauung heut wie damals hege, daß er die gedachten Bestrebungen auf das Entschiedenste mißbillige und verwerfe. Was sein Gefühl dabei am meisten verletze, sei die Hineintragung dieser Tendenzen in die Schule und die Hörsäle; in die Pflanzstätten des Edlen und Guten sei dieses böse Samenkorn hineingeworfen worden. Hoffentlich werde es nicht zur Reife gelangen. Er vermöge es nicht zu fassen, wie Männer, die auf geistiger Höhe stehen oder ihrem Berufe nach stehen sollten, sich hier zu Trägern und Hilfsmitteln, einer in ihren Voraussetzungen und Zielen gleichmäßig verwerflichen Bewegung hergeben könnten. Der Kronprinz zog zur Erläuterung dieser Anschauungen eine Anzahl anerkannter Zwischenfälle der letzten Zeit herbei, wobei er auf die Geschichte der Agitation und ihrer einzelnen Phasen einging. Gelegentlich der Versammlungen knüpfte der Kronprinz insbesondere an die in den „Reichshallen“ stattgefundene Worte der Verurtheilung.“

Heinrich Rickert (ohne Namensnennung): Antisemiten-Spiegel, Seite 26-27, Verlag und Druck von A. W. Kafemann, Danzig 1890.

Am folgenden Tag, dem 15. Januar 1881, wurden diese Äußerungen des Kronprinzen in der Nationalzeitung abgedruckt. Obwohl die Authentizität der Aussagen von zahlreichen Zeugen bestätigt wurde, fuhr der Hofprediger Adolph Stöcker fort, die Richtigkeit des Zitats zu bestreiten, auch wenn Eugen Richter diese 1883 noch einmal bestätigte:

„Der Abg. Eugen Richter hatte, als im Abgeordnetenhause im Jahre 1883 die Richtigkeit der Mittheilung über die Stellung des Kronprinzen zu der antisemitischen Bewegung von conservativer Seite in Zweifel gezogen war, in der Sitzung vom 6. Dezember 1883 erklärt, daß Herr Geheimrath Magnus ihm persönlich den Hergang bei der erwähnten Sitzung der National-Invaliden-Stiftung und die Aeußerung des Kronprinzen genau so mitgetheilt habe, wie dieselben in dem erwähnten Artikel der Nat.-Ztg. enthalten waren.“

a. a. O., Seite 28, Fußnote.

Anlässlich eines Verleumdungsprozesses gegen die „Freie Zeitung“ im Jahre 1885 wurde Stöcker dann allerdings gerichtlich bescheinigt:

„Auf Grund dieses Ergebnisses der Beweisaufnahme ist als erwiesen angenommen, daß Seine kaiserliche Hoheit – wenn auch nicht wörtlich, so doch in einer dem Wesentlichen gleichbedeutenden Weise – das von dem Angeklagten behauptete Urtheil in Betreff der antisemitischen Bewegung gefällt habe.“

a. a. O., Seite 28.

Unbeirrt hielt Stöcker an seiner Behauptung fest und erklärte in der Sitzung des Preussischen Abgeordnetenhauses vom 31. März 1890:

„Ich muß dagegen protestiren, daß der Hr. Abg. Rickert einen hohen Mund, der längst geschlossen ist, hier wieder reden läßt. Die Aeußerung dieses hohen Mundes ist niemals konstatirt. (Rufe links: Jawohl! Widerspruch rechts.)“

a. a. O., Seite 25.

Die Legende, hier seien dem Kronprinzen Worte in den Mund gelegt worden, hatte sich um die Zeit in antisemitischen Kreisen bereits fest etabliert. Ganz ähnlich zog auch der sozialdemokratische Parteihistoriker Franz Mehring die Worte in Zweifel und stellten den Kronprinzen als von jüdischen Hintermännern gesteuert hin:

„Aber öffentlich verleugnete Bismarck die antisemitische Agitation nicht, ließ sich vielmehr unter dankender Erwiderung von ihr anhochen und erkannte gar nicht, daß die feurigsten Huldigungen der armseligen Spektakelmacher ihm die wachsende Erbitterung der jüdischen Hochfinanz nicht aufwiegen konnten. Diese geriebene Klasse begann ihn zu kitzeln, wo er am empfindlichsten war. Sie plagte den Kronprinzen, der, von seinem liebevollen Vater überaus knapp gehalten, auf ihr Wohlwollen angewiesen war, so hart und so lange, bis er etwas von der "Schande des Jahrhunderts" murmelte oder gemurmelt haben sollte, denn sicher ist dieses Wort, das die ganze kapitalistische Presse fortan als die herrlichste Blüte menschlichen Geistes gegen den antisemitischen Schutzpatron ausspielte, niemals festgestellt worden.“

Franz Mehring: Geschichte der deutschen Sozialdemokratie (5. Ausgabe), Band 4. Dietz, Stuttgart 1913, Seite 189 (online)

Einzelnachweise

  1. Eugen Richter: Politisches ABC-Buch, 9. Auflage. Verlag "Fortschritt, Aktiengesellschaft", Berlin 1898, Artikel "Antisemiten", Seite 17 (online)

Literatur

  • Eugen Richter (ohne Namensnennung): Zeuge Stöcker, ein Zeitbild aus dem Jahre 1885; die Prozeßverhandlungen wegen Beleidigung des Hofpredigers Stöcker vor der II. Strafkammer des Landgerichts Berlin I am 9., 10., 13. und 16 Juni 1885. Verlag "Fortschritt, Aktiengesellschaft", Berlin 1885 (online)
  • Leopold Auerbach: Das Judenthum und seine Bekenner. Verlag von Sigmar Mehring, Berlin 1890 (online)
  • Heinrich Rickert (ohne Namensnennung): Antisemiten-Spiegel. Verlag und Druck von A. W. Kafemann, Danzig 1890. (online)
  • Eugen Richter: Politisches ABC-Buch, 9. Auflage. Verlag "Fortschritt, Aktiengesellschaft", Berlin 1898. (online)
  • Franz Mehring: Geschichte der deutschen Sozialdemokratie (5. Ausgabe), Band 4. Dietz, Stuttgart 1913. (online)


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