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Schalom Nagar

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Schalom Nagar
Schalom Nagar

Schalom Nagar (geb. 1938 im Jemen als Salam Nagar) ist der Henker Eichmanns und wurde später Rabbiner und Schochet.

Hintergründe, Prozess und Bewachung Eichmanns

Nagar und seine Geschichte wurde erst nach 1990 "entdeckt", als ein israelischer Radiosender eine Sendung zum 30. Jahrestag von Eichmanns Gefangennahme und Exekution produzieren wollte. Nach dem Durchforsten von Gefängnisunterlagen und Hinweisen von ehemaligen Gefängnismitarbeitern wurde Nagar, "der kleine jemenitische Wärter", wie er genannt wurde, ausfindig gemacht und gebeten, die Erinnerungen preiszugeben, die er so viele Jahre lang weggesperrt hatte. Zu dieser Zeit lebte Shalom Nagar nach seiner Pensionierung in Kiryat Arba und lernte von morgens bis Mitternacht im Kollel.

"Jahrelang war ich zur Verschwiegenheit verpflichtet. Meine Kommandanten fürchteten Repressalien von Neonazis und von anderen, die Eichmann für einen Helden hielten. Aber Isser Harel, der Mossad-Chef, der für die Ergreifung Eichmanns in Argentinien verantwortlich gewesen war, hatte bereits ein Buch darüber geschrieben, also was habe ich zu befürchten? Ausserdem war ich an der grossen Mitzwa der Ausrottung von Amalek beteiligt."

Das Los hatte Schalom Nagar zu Eichmanns Henker bestimmt. Nagar bewachte Eichmann in der Zelle und begleitete ihn sogar auf die Toilette. Als am 31. Mai 1962 kurz vor Mitternacht das Todesurteil gegen Adolf Eichmann durch Erhängen vollstreckt wurde, zog Schalom Nagar den Hebel, der die Falltür auslöste. Jahrelang verfolgten ihn daraufhin Albträume.

Viermal drei Stunden pro Tag saß Nagar auf einem Stuhl in Eichmanns Zelle und beobachtete ihn, dann hatte er 48 Stunden frei, sechs Monate lang ging das so. Hinter der vergitterten Metalltür saß ein anderer Wärter, der Nagar beobachtete, im Raum dahinter ein Aufseher, der beide Wärter beobachtete.

Nagar sah Eichmann zu, wie er am Schreibtisch saß und schrieb. Er sah ihm beim Schlafen zu, beim Lesen. Das Gesicht Eichmanns wurde zu einer Landschaft der Bösartigkeit, die er studierte. Aber er fand nichts, keine Schuld, keinen Hass, keine Furcht. "Nie habe ich irgendwelche Gefühle in seinem Gesicht gesehen", sagt Nagar. "Er war immer höflich, aber auch distanziert. Er hat mich nie angesehen, nur wenn er mich um etwas bat. Ansonsten schaute er zur Wand." Manchmal sagte er "Gracias", wenn Nagar ihn zur Toilette oder zur Dusche führte. Nagar sagt, auch er habe nichts gefühlt. Als hätte ihn Eichmann mit seiner Anwesenheit betäubt, mit dieser schrecklichen Ruhe, wie sie nur ein Buchhalter des Todes ausstrahlen kann.

Vom 11. April bis 15. Dezember 1961 hatte der ehemalige SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann in Jerusalem vor Gericht gestanden. Er ist mitverantwortlich für die Ermordung von etwa sechs Millionen Menschen. Dass Nagar kein europäischer Jude war, prädestinierte ihn zum Bewacher Eichmanns. Denn die Behörden befürchteten Selbstjustiz. Dies sollte peinlichst vermieden werden, ebenso ein Suizid Eichmanns, deshalb die allerstrengste Bewachung.

Nagar: "Zu bereuen gibt es da nichts. Eichmann war ein millionenfacher Mörder, und jemand musste ihn hinrichten. Es war meine Aufgabe, was mich aber nicht gerade stolz macht."

Schalom Nagar war noch keine 25 Jahre alt, als er die Falltür unter dem Galgen von SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann herunterklappen ließ. Israels bislang einzige Hinrichtung.

Von den Albträumen, die Nagar danach über Jahre verfolgten, sprach er erst später. "Drei Tage Sonderurlaub gab es anschließend. Psychologische Hilfe zu keiner Zeit."

Als nach dem Todesurteil im Dezember 1961 Freiwillige für die Hinrichtung gesucht wurden, war "der kleine Jemenite" Schalom Nagar der einzige von 22 Männern der Sonderbewachung für Eichmann, der Einheit A1, der sich nicht meldete. "Lasst das doch jemanden machen, der selbst im Lager war oder Verwandte verloren hat." Der Posten als Henker wurde dann durch Losentscheidung vergeben, und es traf ihn. Ausgerechnet Nagar, den Wärter, der über lange Monate hin die Aufsicht im Inneren der Zelle Eichmanns hatte. Der wortwörtlich Eichmann am nächsten stand. "Nach dem Los gab es keine Ausreden mehr, auch für mich. Jemand musste das erledigen."

Nagar konnte damals noch nicht Hebräisch richtig schreiben und lesen. Mit 15 war er allein aus dem Jemen nach Israel ausgewandert. Dann folgte bald der Armeedienst, danach ging er zum Grenzschutz und dann zum Gefängnisdienst. "Für Eichmann suchten sie Juden aus orientalischen Ländern. Europäische Juden durften nicht in seine Nähe." Die Verantwortlichen befürchteten Selbstjustiz, vor allem durch Überlebende. Sie gingen auch davon aus, dass Eichmann Selbstmord verüben könnte. Darum schärfste Bewachung rund um die Uhr. Nagar war sogar der Vorkoster Eichmanns: "Das Essen musste ich ihm unter einem verriegelten Deckel bringen. Von jeder Speise musste ich zuerst essen. Danach immer erst Eichmann." Gefängnisdirektor Avrahami sagte ihm damals: "So ein kleiner Jemenit wie Du kümmert die Welt überhaupt nicht. Aber auf den Ex-Chef des SS-Judenreferats richtet sie ihre ganze Aufmerksamkeit. Da musst Du eben herhalten", erinnert sich Nagar. "Er meinte das wohl als Scherz."

Für Avrahami war Nagar immer ein Mann für besondere Aufgaben. Wichtige Aufgaben übertrug er dem unscheinbaren jungen Mann, der immer schnell begriff, was wichtig und richtig war. Siebzehn Jahre später wurde er mit besonderer Belobigung in den Ruhestand entlassen.

Trotzdem hätte er als Zellenwärter Eichmanns fast seinen Arbeitsplatz verloren. Ein Mal ließ Nagar doch einen aus Ungarn eingewanderten Kollegen in die Zelle. "Er zeigte Eichmann seinen Unterarm mit der eintätowierten Nummer und zitierte ihm auf Deutsch das Sprichwort: Wer zuletzt lacht, lacht am besten." Eichmann legte Beschwerde ein, eine disziplinarische Untersuchung fand statt. Nagar erhielt eine Abmahnung.

Hinrichtung Eichmanns, Verbrennen des Leichnams

Wenige Minuten vor Mitternacht wurde Eichmann im Gefängnis von Ramle bei Tel Aviv hingerichtet, nachdem am Vortag von Präsident Jitzhak Ben Zwi das letzte Gnadengesuch abgelehnt worden war. Die Asche Eichmanns wurde im Sinne einer Schandstrafe, wie sie früher bei besonders schwerwiegenden Staatsverbrechern verhängt wurde, gegen den Protest der Trauerfamilie auf dem Meer verstreut, und zwar ausserhalb des israelischen Territoriums, damit sie das heilige Land nicht besudele.

An die Hinrichtung erinnert sich Nagar genau. Es war gegen neun Uhr am Abend. Ein deutscher Pfarrer nahm die Beichte ab. Als Henkersmahlzeit bat Eichmann nur um ein letztes Glas Wein. Eine Augenbinde lehnte er ab: "Nicht nötig." Schalom Nagar holte Eichmann ab und legte ihm den Strick um. "Er hat sich nicht gewehrt, nicht geweint, nicht gezittert. Dann gab mir der Kommandant den Befehl, und ich löste den Fallmechanismus aus."

Der Galgen war nach Anweisungen aus englischen Büchern gebaut worden. "Alles genau nach Buch, von der Falltür bis zur Schlinge. Und alles doch improvisiert. Keiner von uns wusste wirklich, wie so etwas abgeht. Niemand hatte je eine Hinrichtung gesehen, geschweige denn durchgeführt." "Es lief, wie wir erwartet hatten". Nagar stand mit Eichmann und Direktor Avrahami im Galgenraum. Durch ein Fenster beobachteten die Zeugen die Hinrichtung, darunter die Richter. "Der Direktor verließ dann das Zimmer. Ich stand ein letztes Mal mit ihm allein im Zimmer und blickte ihm wie immer fest in die Augen. Dann zog ich den Vorhang vor. Ich zitterte leicht, als ich den Fallmechanismus betätigte."

Nagar hörte die Falltür, dann einen letzten Atemstoß. "Alles verlief, wie wir es erwartet hatten. Aber ich wusste, der Todesengel stand mit mir im Raum." Probleme gab es dann bei der Abnahme der Leiche. Der Direktor löste vom oberen Stock aus die Schlinge. "Dabei zeigte sich, dass das Seil angerissen war. Wir erfuhren erst später, dass es festere Seile für Galgenstricke gibt."

Nagar: "Als ich ihn (den toten Eichmann) an den Beinen hielt, band ihn der Chef oben los." Nagar stützte die Leiche von unten mit der Schulter ab. "Dabei klappte sie plötzlich herunter, mit einem lauten Gurgeln. Die Luft, die noch in der Lunge festgeklemmt war, stieß plötzlich nach oben, gemischt mit Blut und mir direkt ins Gesicht. Es klang wie ein gurgelndes Bellen." Schleim, Blut, Röcheln. Nagar stand unter Schock.

Nach der Hinrichtung wurde die in Laken gewickelte Leiche zu einem eigens für diesen Zweck gebauten Ofen gebracht (den Pinchas Zeklikovsky, ein Holocaustüberlebender, der seine gesamte Familie verloren hatte, in geheimer Mission angefertigt hatte; Zeklikovsky war ein in Petach Tikva arbeitender Experte im Ofenbau). Der Transport der Leiche zum Ofen vor den Gefängnismauern war im Dunkeln nicht so leicht wie gedacht. "Der Ofen war schon glühend heiß, es war unmöglich, näher heranzukommen. Doch die Räder der Bahre waren nur schwer in die dafür vorgesehenen Schienen zu rollen. "Es wollte einfach nicht klappen."

Erst nach vielen Versuchen, wobei die Leiche in den Leinentüchern mehrfach beinah von der Bahre gefallen wäre, kam der letzte Anstoß. Die Bahre rollte an die Ofentüre und kippte nach vorn. Die Leiche fiel ins Feuer.

"Es war schon früher Morgen. Der Chef ließ mich danach in seinem Dienstwagen nach Hause fahren. Meine Frau erschrak, als sie das Blut am Kragen und der Schulter sah. Sie fragte, was passiert sei. Ich wollte nur noch ins Bett und sagte: ,Das wirst Du schon in den nächsten Nachrichten hören’."

Schlafen konnte Nagar danach lange nur noch sehr schwer. "Ich sah ihn immer wieder vor mir. Dazu dieses Bellen. Diese Träume wollten einfach nicht aufhören." Erst nach Jahren fand Nagar wieder seine Ruhe. Er wurde religiös, studierte die Heilige Schrift. Siebzehn Jahre später ging er in Frühpension. Er wurde Rabbiner und arbeitete als Schächter, der nach Vorschrift Hühner koscher schlachtet.

Fast wäre die Hinrichtung Eichmanns nicht die einzige der israelischen Justizgeschichte geblieben. Nach dem Todesurteil 1988 gegen John Demjanjuk und vor dessen Aufhebung durch das Oberste Gericht kam es zu erneuten Exekutionsvorbereitungen. Die Gefängnisbehörde erinnerte sich plötzlich wieder an Schalom Nagar und bot ihm den Posten ein zweites Mal an. "Da war aber bei mir nichts zu machen. Schon beim ersten Mal tat ich es nicht freiwillig. Ein zweites Mal hätte mich niemand dazu bringen können."

Letzte Worte Eichmanns

Die letzten Worte des Nazi-Verbrechers Adolf Eichmann, bevor er 1962 in Israel wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschheit und Verbrechen gegen das jüdische Volk gehängt wurde, waren: «Hoffentlich werdet ihr alle mir folgen.» Das erklärte Anfang Dezember 2014 in einer Dokumentarsendung des 2. Israelischen TV Rafi Eitan, 88, der Mossad-Agent, der 1960 in Argentinien die Gefangennahme des Architekten der «Endlösung» und seine Überführung nach Israel geleitet hatte.

Eitan hatte Eichmann zum Galgen begleitet und stand in diesem schicksalshaften Moment hinter ihm. «Ich begleitete ihn zur Vollstreckung des Urteils», sagte er, «und ich sah ihn von hinten. In diesem Moment sprach ich nicht mit ihm.» Die Aufgabe, Eichmann in Argentinien zu fassen, bezeichnete Eitan «vom operationellen Standpunkt aus betrachtet» als eine seiner leichtesten Missionen.

Nach der Hinrichtung

In Teilen der Bevölkerung und in den Medien arabischer Staaten blieb der unverhohlene Antisemitismus populär. So kommentierte z. B. die ostjordanische „Jerusalem Times“ den Eichmann-Prozess so: Eichmann habe der Menschheit mit der Vernichtung von sechs Millionen Juden „einen wirklichen Segen erwiesen“, und seine Arbeit werde eines Tages mit der „Liquidierung der verbliebenen sechs Millionen“ vollendet werden.

Hannah Arendt berichtete darüber („Eichmann in Jerusalem“): „Die Zeitungen in Damaskus und Beirut, in Kairo und Jordanien verhehlten weder ihre Sympathie für Eichmann noch ihr Bedauern, dass er „sein Geschäft nicht zu Ende geführt“ habe; eine Rundfunksendung aus Kairo am Tag des Prozessbeginns enthielt sogar einen kleinen Seitenhieb auf die Deutschen, denen jetzt noch vorgeworfen wurde, dass „im letzten Krieg nicht ein deutsches Flugzeug je eine jüdische Siedlung überflogen und bombardiert“ hätte.

Die Todesstrafe ist in Israel bisher nur ein einziges Mal verhängt worden, und zwar im Fall von Adolf Eichmann. – Noch kein einziger Araber wurde hingerichtet, auch nicht für die grausamsten Terrorakte.

Artikel in der Jüdischen Zeitung, Zürich

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