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Rudolf Diels

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Rudolf Diels im November 1933

Rudolf Diels (geb. 16. Dezember 1900 in Berghausen; gest. 18. November 1957 in Katzenelnbogen) war der erste Chef der Gestapo. Der Jurist, der ab 1930 im preußischen Innenministerium arbeitete, trat erst 1937 in die NSDAP ein, arbeitete jedoch schon vor dem Regierungsantritt Hitlers mit Hermann Göring zusammen. Nach der „Machtergreifung“ wurde er Chef der preußischen politischen Polizei, aus der die Gestapo hervorging. Nachdem er im Zuge von Machtkämpfen zwischen Göring und Heinrich Himmler seinen Posten räumen musste, war er als Regierungspräsident in Köln und Hannover tätig. Nach Kriegsende trat Diels als Zeuge bei den Nürnberger Prozessen auf.

Leben

Der Sohn eines Großbauern aus dem Taunus machte 1917 sein Abitur in Wiesbaden und meldete sich anschließend freiwillig zum Kriegsdienst. Am Ende des Ersten Weltkrieges war er bei einer Nachrichtenabteilung im elsässischen Hagenau stationiert. In Marburg nahm er 1919 das Studium der Rechtswissenschaften auf, wo er sich auch dem Corps Rhenania-Straßburg zu Marburg anschloss. Nachdem er 1920 das erste juristische Staatsexamen bestanden hatte, war Diels als Regierungsreferendar in Kassel tätig. Das zweite Staatsexamen legte er 1924 ab, es folgten Anstellungen als Regierungsassessor in Neuruppin, Teltow und Peine.

Preußisches Innenministerium

Im Jahr 1930 erhielt Diels einen Posten als Regierungsrat im preußischen Innenministerium Severings. Dort war er „Dezernent zur Bekämpfung der kommunistischen Bewegung“ in der politischen Abteilung Ia der Polizei. Im gleichen Jahr heiratete Diels seine erste Frau Hildegard Mannesmann. Im Zuge des „Preußenschlags“ konnte Diels durch Zuträgerdienste seine Karriere erheblich vorantreiben. Der Gruppe um Papen und Schleicher hatte Diels Informationen über eine Besprechung zwischen Staatssekretär Wilhelm Abegg (Diels Vorgesetzter) und den KPD-Politikern Wilhelm Kasper und Ernst Torgler zugespielt. Diese Informationen – die die tatsächliche Besprechung in verzerrter Form wiedergaben und auch in die Presse lanciert worden waren – bildeten die Grundlage für die Behauptung, die preußische Regierung würde mit den Kommunisten konspirieren und lieferte somit einen willkommenen Vorwand zur Einsetzung eines Reichskommissars in Preußen (Abegg-Affäre).

Für seine Hilfe wurde Diels im August 1932 mit einer außerplanmäßigen Beförderung zum Oberregierungsrat belohnt – ein solcher Posten war in seinem damaligen Alter ungewöhnlich und es gab eine Reihe älterer Beamter, die übergangen wurden. Im gleichen Zug übernahm Diels die Leitung der politischen Abteilung der preußischen Polizei.

Nach den Akten der Spruchkammer aus Diels’ Entnazifizierungsakten stand er bereits seit Anfang der 1930er Jahre mit von Papen und den Nationalsozialisten in Verbindung, seit Ende 1932 knüpfte er direkt Kontakt zu Göring, welchem er sich wiederum durch das Zutragen von Informationen über Kommunisten und Sozialdemokraten andiente.

Chef der politischen Polizei

Göring wusste diese wichtigen Dienste aus dem preußischen Innenministerium zu schätzen. Unmittelbar nachdem Hitler gewählt wurde, machte sich Göring an die Reorganisation der Polizei. Neuer Polizeipräsident von Berlin wurde Magnus von Levetzow, Diels Kompetenzen als Leiter der politischen Abteilung wurden erweitert. Göring verfolgte den Plan, die politische Abteilung aus der preußischen Polizei zu lösen und direkt seinem Innenministerium zu unterstellen.

Mit der Gründung des Geheimen Staatspolizeiamtes (Gestapo) am 26. April 1933 hatte Göring sein Ziel erreicht. Rudolf Diels wurde (am gleichen Tag) als „Inspekteur“ dessen Leiter. Im Juli 1933 wurde er zum Ministerialrat befördert.

Obwohl Diels seine Tätigkeit in dieser frühen Phase der NS-Diktatur später als Widerstand darstellte, konnte nachgewiesen werden, dass er mit den neuen Machthabern willig kooperierte. Er förderte die Verzahnung zwischen Gestapo und der Parteischlägertruppe SA – bei der Diels seit März 1932 „Förderndes Mitglied“ war – beispielsweise durch die Übernahme von SA-Führern in den Polizeidienst. Bei Göring setzte er sich für die Niederschlagung der Ermittlungen im Fall Albrecht Höhler ein. Höhler – seinerseits der Mörder von Horst Wessel – war im September 1933 von der SA entführt und ermordet worden.

Allerdings wurde nach dem Krieg von Angehörigen des betreffenden SA-Rollkommandos und dem Gestapa-Beamten Pohlenz übereinstimmend behauptet, dass Diels bei dem Mord an Höhler persönlich anwesend war und diese Tat gar erst durch Ausstellung eines Überstellungsbefehles an die SA juristisch legalisiert habe. Es hätte sich um keine regelrechte Entführung gehandelt, sondern auf der Landstrasse bei Freienwalde hätte eine geheime, durch den erwähnten von Diels ausgestellten Überstellungsbefehl "juristisch legale Überstellung" des Gefangenen vom Gestapa an die SA stattgefunden. Behauptungen, auch Diels habe geschossen, sind bisher unbewiesen.

Ebenso wirkte Diels beim Aufbau des Instruments der „Schutzhaft“ und bei den Judenverfolgungen mit. Noch nach dem Krieg wusste er die Vorzüge des NS-Terrors gegen die Kommunisten zu schätzen.

Konflikte, die Diels mit SA und SS austrug – z. B. um die frühen Konzentrationslager – lassen sich nicht auf eine kritische Einstellung Diels gegenüber den Nationalsozialisten zurückführen, sondern primär auf Kompetenzstreitigkeiten.

Regierungspräsident und SS-Führer

Die steile Karriere Diels’ erlitt einen abrupten Dämpfer, als er Ende 1933 in den Machtkampf zwischen Göring und Himmler verwickelt wurde. Himmler strebte nach der Kontrolle über den gesamten Polizeiapparat in Deutschland, so auch über die Polizei des größten Bundesstaates Preußen. Noch am 15. September 1933 als Rangführer von Himmler als Obersturmbannführer in die SS aufgenommen, wurde Diels als Leiter der Gestapo von Göring entlassen und sah sich zur Flucht in die Tschechoslowakei veranlasst. Seine Wohnung und seine Büroräume wurden von SS und SA durchsucht. Erst auf Drängen Görings kehrte Diels nach Berlin zurück und wurde am 18. November 1933 zum Polizeipräsidenten von Berlin ernannt. Am 29. November konnte er sein vorheriges Amt als Inspekteur der Gestapo wieder antreten. Die Darstellung Diels als von der SS (insbesondere Heydrich) Verfolgter wurde nach dem Krieg von ihm selbst erarbeitet und lässt sich freilich schwerlich damit in Einklang bringen, dass Diels am 9. November 1933 ehrenhalber zum SS-Standartenführer befördert wurde.

Ungeachtet dessen schien sich Diels bei einigen einflussreichen Persönlichkeiten im NS-Apparat unbeliebt gemacht zu haben, wohl auch weil er einigen NS-Gegnern (Severing, Löbe und Kempner) bei der Emigration geholfen hatte. Am 21. April 1934 wurde er in den einstweiligen Ruhestand versetzt, sein Nachfolger als Gestapo-Chef wurde Himmler. Am 9. Mai 1934 erhielt Diels einen Posten als Regierungspräsident in Köln.

Die Säuberungsaktionen im Zuge der Röhm-Affäre im Sommer 1934 überstand Diels unbeschadet. Zum einen konnte er sich (bis zum Ende des „Dritten Reiches“) der Protektion Görings sicher sein, zum anderen hatte er offenbar frühzeitig belastende Dokumente über verschiedene Führungspersonen der NSDAP ins Ausland gebracht und konnte diese als Druckmittel einsetzen.

Wohl nach Konflikten mit dem Essener Gauleiter Terboven ließ er sich im Juli 1936 als Regierungspräsident nach Hannover versetzen. Erst am 1. September 1937 trat Diels in die NSDAP ein und wurde Gauführer der NS-Studentenkampfhilfe der Provinz Hannover. Am 20. April 1939 wurde er zum SS-Oberführer ernannt und war im Stab des SS-Abschnitts IV (Hannover) tätig. Im Jahr 1941 wurde er – wieder dank Göring – im Zuge der Umorganisierung der Reichswerke „Hermann Göring“ Generaldirektor und Vorstandsvorsitzender der Holdinggesellschaft Reichswerke AG für Binnenschiffahrt „Hermann Göring“. Ab dem 1. März 1942 arbeitete Diels im Stab des SS-Hauptamts, bis zum 30. November 1944 hatte er den SS-Ehrendegen und den SS-Totenkopfring erhalten.

Am 17. Januar 1943 heiratete Diels Ilse Göring, die Witwe von Hermann Görings 1932 gestorbenem Bruder Karl Ernst Göring (seine erste Ehe war 1936 geschieden worden). Nachdem er Ende 1943 erneut Schwierigkeiten mit der Gestapo hatte, wurde er auf Betreiben Görings zu einer Kur nach Lugano geschickt. Offenbar versuchte er dort, Asyl zu beantragen, wurde von der Schweizer Fremdenpolizei aber abgewiesen. In Lugano traf Diels auch Hans Bernd Gisevius wieder, seinen früheren Konkurrenten um die Leitung der Gestapo und einer der Mitverschwörer vom 20. Juli 1944. Nach seiner Rückkehr wurde Diels zweimal (Frühjahr und November 1944) von der Gestapo verhaftet.

Nachkriegszeit

Diels wurde am 3. Mai 1945 festgenommen und bis 1948 interniert. Von Herbst 1945 bis Sommer 1947 trat er als Zeuge bei den Nürnberger Prozessen auf. Anschließend arbeitete Diels für die amerikanische Militärregierung – bereits 1948 hatte er Kontakte zum CIC aufgenommen. Aus seinem Entnazifizierungsverfahren ging Diels Mitte 1949 relativ unbeschadet hervor, konnte er doch Fürsprecher wie Paul Löbe und Ernst Torgler vorweisen. Ungeachtet dessen wurde in der SBZ bereits am 5. Januar 1949 ein Haftbefehl gegen ihn erlassen, der jedoch in den Westzonen nicht vollstreckt wurde.

Ebenfalls 1949 veröffentlichte Diels seine Autobiographie „Lucifer ante portas. Es spricht der erste Chef der Gestapo“, die als Vorabdruck (die Buchfassung wurde noch geändert) in einer 9-teiligen Serie (Mai-Juli 1949) im Spiegel erschienen war [1] und trotz ihres apologetischen Charakters als eine bedeutsame Quelle für die Frühgeschichte der NS-Diktatur gilt. Dem Publizisten und ehemaligen Spiegel-Redakteur Peter-Ferdinand Koch zufolge, hat Fritz Tobias die Kontakte von Diels – und auch von Paul Karl Schmidt – zum Spiegel hergestellt.[2]

Nach dem Ende seiner Internierung lebte Diels auf seinem Gutshof in Kaltenweide-Twenge (Langenhagen) bei Hannover und in Berghausen. Er wurde als „Beamter zur Wiederverwendung“ bis zu seinem Tode vom Land Niedersachsen besoldet. Im Zusammenhang mit der John-Affäre publizierte Diels 1954 ein wüstes Pamphlet gegen Otto John, welches ihm ein dienstrechtliches Verfahren einbrachte.

Ende November druckten die Illustrierten Stern und Weltbild Serien über den Reichstagsbrand und die „Machtergreifung“, die wesentlich auf Diels’ Informationen basierten.

Während eines Jagdausflugs starb Diels im November 1957, nachdem sich beim Herausnehmen seiner Jagdwaffe aus dem Auto ein Schuss gelöst hatte.

Charakterisierung

Rudolf Diels charakterisierte sich stets als Widerstandskämpfer gegen die Nationalsozialisten. Er ordnete sich selbst dem Kreis der Verschwörer vom 20. Juli 1944 zu und verwies auf seine Verfolgung durch die SS, insbesondere durch Heydrich. Die Einschätzung Diels’ durch die historische Forschung fällt allerdings weniger schmeichelhaft aus. Hier wird Diels als Opportunist eingeschätzt, der sich den jeweiligen Gegebenheiten anpasste, wenn es der Karriere förderlich war. So stand Diels während der Weimarer Republik liberalen Kreisen nahe und verkehrte im Berliner „Demokratischen Club“, dessen Präsident der jüdische Vize-Polizeipräsident Bernhard Weiß war. Bereits vor der „Machtergreifung“ hatte sich Diels mit Göring gutgestellt, dessen Schutz er bis Kriegsende genoss. Während seiner Amtszeit als Gestapa-Chef arbeitete Diels an gesetzlichen Regelungen zur Schutzhaft und zur Judenverfolgung mit, auch am Aufbau des Konzentrationslagers Sonnenburg war er beteiligt. Nach dem Fall des „Dritten Reiches“ stand Diels bereits ab 1948/49 in den Diensten der alliierten Besatzungsverwaltung.

Bestätigt ist, dass er vereinzelt NS-Verfolgten bei der Emigration half, was ihm während der Entnazifizierung durch entlastende Aussage beispielsweise von Paul Löbe oder Carl Severing zugute kam. Seine Selbsteinschätzung als Widerstandskämpfer gegen die Nationalsozialisten gehört jedoch ins Reich der Legende, auch eine Beteiligung am Attentat vom 20. Juli 1944 konnte nicht belegt werden.

Von den Vertretern der These, der Reichstagsbrand sei von der SA inszeniert worden, wird Diels als Mitwisser dargestellt. Angeblich sollten sich bei dem belastenden Material, was er ins Ausland schaffte, auch Dokumente befinden, die die „wahren Täter“ identifizierten. Diels selbst äußerte sich diesbezüglich widersprüchlich. Er habe bis 1949 geglaubt, die SA hätte den Reichstag angezündet, später aber seine Meinung dahingehend geändert, dass der Holländer van der Lubbe der Alleintäter gewesen sei, was auch der überwiegenden Ansicht der heutigen Forschung entspricht. Zu seinen Gründen für die jeweiligen Ansichten äußerte sich Diels nicht. Angeblich soll er kurz vor seinem Tod geplant haben, in Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitgeschichte eine Rekonstruktion der damaligen Vorgänge zu erarbeiten.

Weblinks

 Commons: Rudolf Diels – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur

  • Christoph Graf: Politische Polizei zwischen Demokratie und Diktatur. Die Entwicklung der preußischen Politischen Polizei vom Staatsschutzorgan zum Geheimen Staatspolizeiamt des Dritten Reiches., Colloquium: Berlin 1983, ISBN 3-7678-0585-5
  • Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957) - der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes (Dissertation Universität Hannover), Peter Lang, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-631-59818-4
  • Rudolf Diels: Lucifer Ante Portas ... Es spricht der erste Chef der Gestapo, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1950.

Einzelnachweise

  1. DIE NACHT DER LANGEN MESSER …. In: Der Spiegel. Nr. 20–28, 1949 (erste Folge, online).
  2. Peter-Ferdinand Koch: Enttarnt – Doppelagenten. Namen, Fakten, Beweise. Ecowin-Verlag. Salzburg 2011. ISBN 978-3-7110-0008-8, S. 219.

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