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Rothschild

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Freiherrliches Wappen der Rothschilds, 1822
Stammhaus in der Frankfurter Judengasse

Die Rothschilds, deren Stammreihe sich in Deutschland bis um 1500 urkundlich belegen lässt, waren im 19. und 20. Jahrhundert eine Bankiersfamilie jüdischer Herkunft, deren Stammhaus M. A. Rothschild & Söhne in Frankfurt war. Sie zählten im 19. Jahrhundert zu den einflussreichsten Bankiers und wichtigsten Finanziers der europäischen Staaten. Noch heute ist das Bankhaus durch seine Nachfolgeinstitute eine international bedeutende, hauptsächlich im Investmentbanking tätige Bank.

Während der größten Teile des Jahrhunderts zwischen 1815 und 1914 war die Familie Rothschild im Besitz der weltgrößten Bank. Bis 1860 war die Firma N. M. Rothschild & Sons als eine Unternehmensgruppe mit fünf eigenständigen Niederlassungen organisiert. Die Bezeichnung Haus Rothschild, das sowohl von den Familienmitgliedern als auch ihren Zeitgenossen im 19. Jahrhundert verwendet wurde, weist auf die enge Verbindung der Geschichte des Unternehmens mit der Familiengeschichte hin. Laufend überarbeitete und erneuerte Gesellschaftsverträge regelten dabei die gemeinsame Geschäftstätigkeit und die Aufteilung der daraus entstehenden Gewinne. Die verschiedenen Unternehmen wurden bis in die 1960er Jahre als Familienunternehmen geführt. Die Teilhaber des Familienunternehmens wurden ausschließlich aus den Reihen der männlichen Rothschilds rekrutiert. Der Schwerpunkt der Tätigkeit des familieneigenen Bankhauses lag im 19. Jahrhundert im internationalen Anleihengeschäft. Dazu kam der Handel mit Edelmetallen, die Annahme und Diskontierung von Handelswechseln, Devisengeschäfte und die Vermögensverwaltung für sehr vermögende Privatkunden. Die Rothschilds gehörten außerdem zu den wesentlichen Geldgebern der entstehenden Bahngesellschaften.

Der Historiker Niall Ferguson hat den Aufstieg der Familie Rothschild als eine der bemerkenswertesten Fallstudien der Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts bezeichnet.[a 1] Dem im jüdischen Ghetto von Frankfurt geborenen Mayer Amschel Rothschild, der als der Gründer der Rothschilddynastie gilt, war es noch verboten, außerhalb der Frankfurter Judengasse Grundbesitz zu erwerben. Seine Söhne zählten dagegen zu den wohlhabendsten Europäern. 1885 wurde einem seiner Enkel die englische Peerswürde verliehen; er wurde damit in den Hochadel aufgenommen. Anders als vergleichbare Familien blieben die Rothschilds ihrem jüdischen Glauben verpflichtet, obwohl sie immer wieder Ziel antisemitischer Hetzereien waren. In den Ländern, in denen sie geschäftlich tätig waren, nutzten sie ihren finanziellen Einfluss häufig, um sich für eine rechtliche und politische Verbesserung der Situation der dort lebenden Juden einzusetzen.

Die Gründung des Hauses Rothschild

Mayer Amschel Rothschild

Mayer Amschel Rothschild (* 23. Februar 1744; † 19. September 1812 in Frankfurt am Main) war der Begründer der Rothschilddynastie. Seine Vorfahren hatten seit spätestens Mitte des 16. Jahrhunderts im jüdischen Ghetto der Stadt Frankfurt, der Judengasse gelebt. Die Häuser in der Judengasse waren nicht durch Hausnummern, sondern durch verschiedenfarbige Schilder oder besondere Warenzeichen gekennzeichnet. Da die Familie über Generationen in dem „Haus zum Rot(h)en Schild“ wohnte, etablierte sich bereits im 17. Jahrhundert der Familienname „Rothschild“. Daran änderte sich auch nichts, als man 1664 in das „Haus zur Hinterpfann“ zog.

Mayer Amschel Rothschild

Mayer Amschels Vater, Amschel Moses Rothschild, betrieb in der Judengasse ein Geschäft für den Handel mit Kleinwaren und Geldwechsel. Sein Sohn Mayer Amschel ging zunächst auf eine jüdische Elementarschule in der Judengasse. Vermutlich in der Absicht, Rabbiner zu werden, besuchte er danach die Talmudschule in Fürth. Aufgrund des frühen Todes seiner Eltern brach er die Ausbildung 1756 ab. Er wurde für einige Jahre nach Hannover geschickt, wo er in der Firma von Wolf Jakob Oppenheim arbeitete. Wolf Jakob Oppenheim gehörte der weitverzweigten Familie Oppenheim an, von denen ein Familienmitglied zu dieser Zeit in Bonn einer der Hoffaktoren von Clemens August I. von Bayern war.[a 2] Hoffaktoren waren selbständige Kaufleute, die die Adelshöfe mit verschiedenen Luxusgütern belieferten und auch Finanzgeschäfte tätigten. Zu den Betätigungsfeldern von Hoffaktoren, die häufig Juden waren, gehörte auch die Beschaffung antiquarischer Münzen und anderer Sammelstücke für die fürstlichen Kuriositätenkabinette. Wieder nach Frankfurt zurückgekehrt, machte sich Mayer Amschel um 1764 zwanzigjährig in der Judengasse als Münz- und Wechselhändler selbständig. In Hannover hatte er den Münzsammler General von Estorff kennengelernt, und dank dieser Beziehung konnte Mayer Amschel Rothschild wiederholt Münzen an das Münzkabinett des Erbprinzen Wilhelm von Hessen in Hanau verkaufen. 1769 reichte Mayer Amschel eine Bittschrift ein, ihm den Titel eines Hoffaktor zu gewähren. Dieser Titel wurde ihm eingeräumt. Am 21. September 1769 konnte er die Plakette mit dem Wappen von Hessen-Hanau und der Inschrift „M. A. Rothschild, Hoflieferant Seiner Erlauchten Hoheit, Erbprinz Wilhelm von Hessen, Graf von Hanau“ vor seinem Geschäft anbringen. Dieser Titel war zwar nicht mit besonderen Rechten verbunden, war aber für Mayer Amschel prestigeträchtige Referenz gegenüber seinen Kunden.

Am 29. August 1770 heiratete Mayer Amschel Gutle Schnapper (* 23. August 1753; † 7. Mai 1849), die 17-jährige Tochter von Wolf Salomon Schnapper, einem der Hoffaktoren des Fürstentums Sachsen-Meiningen. Gutle Schnapper brachte eine Mitgift von 2.400 Gulden mit in die arrangierte Ehe, die für die Geschäftstätigkeit von Mayer Amschel ein erhebliches finanzielles Mittel darstellte.[1] Das Paar bekam insgesamt zwanzig Kinder, von denen zwischen 1771 und 1792 fünf Töchter und fünf Söhne überlebten. Ein wachsendes Einkommen ermöglichte es der ebenfalls wachsenden Familie, 1785 das Haus zum Grünen Schild zu erwerben, eines der größten Häuser in der Judengasse. Es wurde zum Stammhaus der Rothschilddynastie. Der Angriff Österreichs und anderer Staaten auf Frankreich 1792 eröffnete Mayer Amschel Rothschild neue, interessante Geschäftsfelder.

Beginn der Finanzgeschäfte

Der geschäftlich ganz große Durchbruch erfolgte jedoch auf einem ganz anderen Feld. Im Jahr 1789 gelang Mayer Amschel Rothschild erstmals ein bedeutender Einstieg in das Bankgeschäft, als er mit Wilhelm, der seit 1785 als Landgraf Wilhelm IX. von Hessen-Kassel in Kassel residierte, ein Wechseldiskontgeschäft abschließen konnte. Wilhelm IX. war einer der reichsten Fürsten im Heiligen römischen Reich Deutscher Nation. Die Grundlage dieses Vermögens legte Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel, der Vater Wilhelms IX., mit dem Verkauf hessischer Soldaten für den Kampf der englischen Krone gegen die nach Unabhängigkeit strebenden Nordamerikaner. Der Umfang der Finanzgeschäfte mit dem Landgrafen wuchs zunächst aber nur langsam an. Erst mit der Beteiligung Rothschilds an dem Verkauf einer Geldanleihe an den Landgrafen im Jahr 1800 begannen die Bankgeschäfte erheblich im Umfang zu wachsen. Die Ernennung Mayer Amschel Rothschilds 1801 zum Hoffaktor von Hessen-Kassel unterstrich seine steigende Bedeutung für die Finanzgeschäfte Wilhelms. 1804 konnte Rothschild erstmals alleine eine Staatsanleihe auflegen und verkaufen. Es handelte sich dabei um eine Anleihe des dänischen Staats, die Rothschild zur Gänze an den 1803 zum Kurfürsten aufgestiegenen Wilhelm vermitteln konnte.

Datei:1743 Wilhelm-01.JPG
Wilhelm I. von Hessen-Kassel – ein Wechseldiskontgeschäft mit diesem Fürsten begründete das Bankgeschäft der Rothschilds

Entscheidend für den wachsenden Erfolg Mayer Amschel Rothschilds bei den Finanzgeschäften mit dem Kurfürsten Wilhelm I. war dessen wichtigster Finanzberater und Vermögensverwalter, Carl Friedrich Buderus. Mit diesem hatte Rothschild bereits in der Zeit als Hoffaktor in Hanau enge Beziehungen geknüpft. Beide Männer verband der Aufstieg aus bescheidenen sozialen Verhältnissen. Je weiter Buderus am Hof Wilhelms aufstieg, desto mehr sorgte er dafür, dass die etablierten Bankiers des Kurfürsten (z. B. Bethmann) zu Gunsten Rothschilds verdrängt wurden.

Als Kassel 1806 von französischen Truppen besetzt wurde und Wilhelm I. sich fluchtartig ins Exil (erst in das Herzogtum Schleswig, damals Teil Dänemarks, dann nach Prag, damals Teil des österreichischen Kaiserreichs) begeben musste, gelang es Buderus unter großen Schwierigkeiten, den größten Teil des immensen Geldvermögens des Kurfürsten vor dem französischen Zugriff zu retten. Als nunmehr wichtigster Finanzberater des Kurfürsten nutzte Buderus ab 1807 ausschließlich die Dienste Mayer Amschel Rothschilds und seiner fünf Söhne Amschel, Salomon, Nathan, Kalman und Jakob. Bis zur Vertreibung der Französischen Armee aus dem Kurfürstentum 1813 wickelten diese in ganz Europa Wilhelms Finanztransaktionen diskret und zuverlässig ab. Die zunehmende Größe, Komplexität und Internationalität seiner Geschäfte, veranlassten Mayer Amschel Rothschild 1810 sein Unternehmen auf eine breitere Basis zu stellen. In einem neuen Gesellschaftervertrag nahm er seine Söhne als vollwertige Geschäftspartner in das Unternehmen auf. Der Vater stand zwar weiterhin an der Spitze des Unternehmens, die Last der alltäglichen Arbeit lag aber nun auf den Schultern der Söhne. Als nach Außen sichtbares Zeichen der Neuerungen, hieß die Firma fortan „Mayer Amschel Rothschild und Söhne“. Mayer Amschel konnte sich nun stärker um ein anderes Anliegen kümmern, die Emanzipation der Frankfurter Juden. Wiederholte schriftliche Interventionen bei dem von Napoleon eingesetzten Großherzog von Frankfurt, Karl Theodor von Dalberg, führten schließlich am 7. Februar 1811 zur Verkündung eines Emanzipationsediktes. Damit wurden die Frankfurter Schutzjuden den übrigen Bürgern rechtlich gleichgestellt. Bevor aber das Edikt Rechtskraft erlangen konnte, musste die jüdische Gemeinde beträchtliche Geldsummen an die Stadt Frankfurt zahlen. Kurz vor seinem Tod am 16. September 1812 wurde Mayer Amschel schließlich noch Mitglied des Wahlkollegiums Frankfurts.

In seinem Testament verfügte Mayer Amschel Rothschild, das Familienunternehmen als Ganzes zu erhalten. Für dessen Führung legte er ein strenges Reglement fest:

  • Alle Schlüsselpositionen sind mit Familienmitgliedern zu besetzen.
  • An Geschäften dürfen nur männliche Familienmitglieder teilnehmen.
  • Der älteste Sohn des ältesten Sohnes soll Familienoberhaupt sein, soweit die Mehrheit der Familie nicht anders entscheidet.
  • Es soll keine juristische Bestandsaufnahme und keine Veröffentlichung des Vermögens geben.

Der Aufstieg zur europäischen Finanzinstitution

Eine zentrale Rolle im Aufstieg zur wichtigsten europäischen Finanzinstitution spielte Mayer Amschels Sohn, Nathan Mayer Rothschild, der 1799 nach England ausgewandert war. Nathan Rothschild hatte die ersten zehn Jahre in Großbritannien überwiegend im neu industrialisierten Norden Englands verbracht, wo er Textilien aufkaufte und nach Deutschland exportierte.[b 1] Der Einstieg ins Bankgeschäft erfolgte erst 1811 und hing zu einem Teil damit zusammen, dass der größte Teil des kurfürstlichen Vermögens aus englischen Staatsanleihen bestand. Die jährlichen Zinsen hierfür wurden jedoch in London ausgezahlt und konnten infolge von Krieg und Kontinentalsperre nur mit großen Schwierigkeiten an den Kurfürsten transferiert werden. Die Kontinentalsperre war eine von Napoleon am 21. November 1806 in Berlin verfügte Wirtschaftsblockade über die britischen Inseln, die bis 1814 in Kraft blieb. Nathan erhielt wegen der eingeschränkten Transfermöglichkeiten ab 1809 den Auftrag für die Dauer des Krieges die anfallenden Zinszahlungen neu anzulegen. Er verfügte somit für einige Jahre über erhebliche Geldsummen, deren Verwendung der Kurfürst kaum kontrollieren konnte. Nathan Rothschild spielte darüber hinaus eine große Rolle in der Versorgung der britischen Truppen mit Gold. Die britische Regierung verfügte zwar durch den Verkauf von Anleihen über hinreichend finanzielle Mittel. In den Ländern, in denen sich die britischen Truppen aufhielten, wurden jedoch britische Banknoten nicht als Zahlungsmittel akzeptiert, so dass sich die britische Regierung gezwungen sah, ihren Truppenführer Wellington mit Goldmünzen zu versorgen. Der Auftrag zur Beschaffung der entsprechenden Münzen ging im Januar 1814 an Nathan Rothschild. Die Firma „Mayer Amschel Rothschild und Söhne“ verfügte zu diesem Zeitpunkt bereits über ein enges europaweites Netzwerk, um diese Aufgabe zu lösen. Die Beschaffung des Goldes war für die Rothschilds mit großem finanziellen Risiko verbunden, die Kommission, die an die Rothschilds gezahlt wurde, betrug zwischen 2 und 6 Prozent der beschafften Mittel. Die im Auftrag der britischen Regierung beschafften und transferierten finanziellen Mittel entsprachen nach einer Schätzung des damaligen britischen Zahlmeisters John Charles Herries bis Juni 1814 12,6 Millionen Francs.[b 2] Ein Kommentar von J. C. Herries zeigt jedoch auch, auf welch Misstrauen ein jüdischer Finanzier im 19. Jahrhundert stieß:[b 3]

Der hier ansässige Rothschild hat die verschiedenen Aufträge, die wir ihm anvertraut haben, sehr zufriedenstellend ausgeführt, und obwohl er ein Jude ist, haben wir einiges Vertrauen zu ihm.

Als am 1. März 1815 Napoléon von seinem Exil auf der Insel Elba nach Frankreich zurückkehrte und binnen kurzer Zeit eine gut ausgerüstete Armee mit 125.000 erfahrenen Soldaten aushob, begann das Haus Rothschild erneut in ganz Europa große Mengen an Gold aufzukaufen, um diese J. C. Herries als Zahlungsmittel für Wellington zur Verfügung stellen zu können. Nathan Mayer Rothschild unterlief dabei die Fehleinschätzung, dass dieser Krieg (wie alle bisherigen napoleonischen Kriege) sehr lange dauern würde. Tatsächlich gelang es Napoleon bei Charleroi einen Keil zwischen die britische Armee unter Wellington und die preußischen Truppen unter Blücher zu treiben. Am 16. Juni schlug er die Verbündeten in der Schlacht bei Quatre-Bras und der Schlacht bei Ligny. Am 18. Juni 1815 griff Napoléon die alliierte Armee von Wellington nahe dem belgischen Ort Waterloo an und unterlag in dieser Schlacht vernichtend Wellington und seinen Verbündeten. Das Ende dieser Schlacht bedeutet faktisch das Ende der Herrschaft der hundert Tage. Das Haus Rothschild hatte zu diesem Zeitpunkt bereits substantielle Goldmengen aufgekauft, deren Preis mit dem Ende des Krieges fallen würde und damit einen erheblichen finanziellen Verlust bedeuten würde. Um diesen (sehr sicher absehbaren) Verlust zu verhindern, kaufte Nathan Rothschild britische Staatsanleihen auf. Seine Vermutung war, dass mit dem Sieg der britischen Armee die britische Regierung die Zahl der emittierten Anleihen reduzieren und damit der Preis der Anleihen steigen würde. Nathan Rothschilds Vermutung war richtig und als er im November 1817 die Wertpapiere verkaufte, waren sie im Preis um mehr als 40 Prozent gestiegen. Niall Ferguson schätzt, dass das Haus Rothschild mit diesem Geschäft einen Gewinn realisierte, der heute einem Gegenwert von 600 Millionen britischen Pfund entspricht.[b 4]

Die Rothschild-Brüder

Die Rothschild-Söhne stiegen binnen weniger Jahrzehnte zu den führenden Bankiers Europas auf. Jeder von ihnen wurde geadelt. Sie finanzierten Staaten, Unternehmen, Eisenbahnen und den Bau des Sueskanals. Die fünf Niederlassungen in Frankfurt, Wien, London, Paris und Neapel operierten zwar unabhängig voneinander, waren jedoch durch einen alle fünf Jahre überarbeiteten und erneuerten Vertrag miteinander verbunden. Geschäftliche Operationen erfolgten meist in enger Zusammenarbeit. Die erzielten Gewinne wurden sowohl nach Leistung, als auch nach familiären Verpflichtungen unter den Brüdern und ihren Nachkommen aufgeteilt. Trotz immer wieder auftretenden Interessenkonflikten, erneuerten die verschiedenen Familienzweige bis 1905 den Partnervertrag immer wieder.

Das Haus Rothschild spielte vor allem eine große Rolle an der Londoner Börse, die sich seit der Glorious Revolution von 1688 langsam, aber stetig zu einem der wesentlichen europäischen Finanzplätze entwickelt hatte. Zwischen 1815 und 1859 war die Londoner Filiale an der Emittierung von 14 verschiedenen Staatspapieren beteiligt. Das Nominalvolumen der emittierten Wertpapiere entsprach 43 Millionen Britischen Pfund und damit mehr als fünfzig Prozent aller Wertpapiere, die in London emittiert wurden. Britische Staatspapiere spielten dabei eine große Rolle. Aber auch die Regierungen von Frankreich, Preußen, Österreich, Neapel, Belgien und Brasilien nahmen die Dienste des Bankhauses in Anspruch.[b 5] In der Regel kauften die Rothschilds die gesamte Tranche von der Regierung auf. Sie trugen allerdings das Vermarktungsrisiko nicht, denn die emittierende Regierung erhielt den Kaufbetrag nur dann in vollständiger Höhe, wenn das Papier vollständig platziert werden konnte. Die Rothschilds waren auf Grund ihres engen Netzwerkes in der Lage, die Papiere in ganz Europa abzusetzen. Im Unterschied zu einer großen Anzahl ihrer Konkurrenten konnte das Bankhaus Rothschild regelmäßig durchsetzen, dass der Nominalbetrag des Papieres auf Britischen Pfund basierte. Der Papierinhaber konnte seine Forderung nicht nur in London einlösen, sondern erhielt Zinszahlungen auch in anderen Ländern, in denen die Rothschilds Niederlassungen unterhielten. Dieser Wertpapierhandel stellte das Kerngeschäft des Bankhauses dar. Sie waren darüber hinaus auch im Währungshandel aktiv und investierten in Versicherungen, Minen und Eisenbahnen. Zum Ruf des Bankhauses trug wesentlich bei, dass die Rothschilds sehr auf die Kreditwürdigkeit der Emittenten achteten. Die Zahlungszusagen jedes Wertpapiers, das in den 1820er Jahren über ihr Haus platziert wurde, wurde bis gegen Ende der 1820er Jahre erfüllt, obwohl es in der Mitte der 1820er Jahren zu einer massiven Finanzkrise in Lateinamerika kam.[b 6]

Amschel Mayer Rothschild

Amschel Mayer Rothschild (1773–1855) wurde nach dem Tod seines Vaters neues Familienoberhaupt und übernahm die Leitung des Frankfurter Bankhauses „M.A. Rothschild & Söhne“. Dieses war zugleich auch das Mutterhaus der Rothschildbanken in London, Paris, Wien und Neapel. Als der vorsichtigste der fünf Söhne Mayer Amschel Rothschilds war er stets um die Liquidität der Bank besorgt, ging Risiken möglichst aus dem Weg und bevorzugte eher kleinere Geschäfte. Außerdem versuchte er die europaweit stark wachsenden Geschäfte der Familie Rothschild abzubremsen, was wiederholt zu Streitigkeiten zwischen den Brüdern führte. Amschel Mayer Rothschild konzentrierte sich auf die Fortsetzung der Tätigkeit als Hoffaktor verschiedener deutscher Fürsten. Die von seinem Vater mit Hilfe von Carl Friedrich Buderus aufgebauten Beziehung zum Hof von Hessen-Kassel spielten dabei eine besonders wichtige Rolle. Daneben war Amschel Mayer Rothschild auch Schatzmeister und Finanzier des Deutschen Bundestages in Frankfurt. Seine guten Beziehungen zu fast allen deutschen Mittel- und Kleinstaaten halfen M.A. Rothschild & Söhne zwischen 1820 und 1830 das Bankhaus Gebrüder Bethmann als im deutschsprachigen Raum führenden Emittenten von Staatsanleihen zu verdrängen. Trotz dieses Erfolges verlor das Mutterhaus in Frankfurt bereits unter der Leitung Amschel Mayer Rothschilds im Vergleich mit den stark expandierenden Rothschildbanken in London und Paris an Bedeutung. Dennoch blieben letztere offiziell nur Filialen von M.A. Rothschild & Söhne. Solange Gutle Rothschild (* 23. August 1753; † 7. Mai 1849), die Mutter der fünf Brüder Rothschild, noch lebte, blieb Frankfurt auch der Hauptversammlungsort der stetig anwachsenden Familie Rothschild.

Salomon Rothschild

Salomon Rothschild (1774–1855) war der Begründer der österreichischen Linie. Erste geschäftliche Erfolge erzielte er 1815, ab 1820 (Beteiligung an einer Anleihe des Bankhauses Parish) wuchs er in die Rolle des größten Finanziers des metternichschen Regimes und des Deutschen Bundes hinein. Salomon Meyer Rothschild, dem zu Beginn seiner Karriere noch der Besitz von Grund und Boden verboten war, wurde 1822 zum Freiherrn geadelt; er wurde in der Folge zu einem der größten Grundbesitzer des Landes. 1835 erhielt er die Konzession für die Errichtung der Kaiser-Ferdinands-Nordbahn und baute im Zusammenhang auch die Witkowitzer Eisenwerke auf. Die aus seinem Bankhaus 1855 entstandene Creditanstalt stand bis in die 1930er Jahre unter rothschildschem Einfluss.

Nathan Rothschild

Nathan Mayer Rothschild (1777–1836) ging 1799 als Textilkaufmann nach Manchester. 1808 gründete er die Bank N.M. Rothschild & Sons in London, die noch heute erfolgreich arbeitet. Er wurde dank seiner sorgfältig geplanten und durchgeführten Transaktionen zum einflussreichsten Finanzier der britischen Regierung und begründete die große Rolle des Hauses Rothschild, die es ab 1815 für mindestens fünfzig Jahre in der europäischen Finanzwelt innehatte. Der ungewöhnlich schnelle Aufstieg des Hauses Rothschilds, an dem Nathan Rothschild wesentlichen Anteil hatte, führte zu einer Reihe von Gerüchten über den Finanzier. So kolportierte man bereits 1830, dass Nathan Rothschilds Erfolg auf einen sagenhaften hebräischen Talisman zurückzuführen sei.[b 5] Ebenso lang ist die nicht zutreffende Geschichte im Umlauf, dass Nathan Rothschild mittels eines effizienten Informationsdienstes bereits vor dem britischen Premierminister vom Ausgang der Schlacht bei Waterloo wusste. Darauf habe er seine Aktien verkauft. Da andere Anleger aus dem Verhalten schlossen, er sei im Besitz von Information über eine britische Niederlage, folgten sie ihm beim Verkaufen der Aktien. Nachdem die Kurse der Wertpapiere in den Keller gesunken waren, habe Nathan Rothschild die Papiere wieder aufgekauft und den vollen Kursanstieg mitgenommen, den die Nachricht vom Sieg der Briten mit sich brachte. In dem unverhüllt antisemitischen deutschen Nazi-Film Die Rothschilds aus dem Jahre 1940 besticht Nathan Rothschild sogar einen französischen General, um die Niederlage der französischen Armee sicherzustellen. Tatsächlich unterschied sich Nathan Rothschild in seinem Finanzgebaren nicht von dem seiner Konkurrenten (siehe auch die detaillierte Darstellung im Abschnitt Der Aufstieg zur europäischen Finanzinstitution), besaß aber offensichtlich ein sehr gutes Gespür für die Funktionsweise der Finanzmärkte. Beim schnellen Aufstieg des Hauses Rothschilds spielte außerdem die gute Vernetzung der europäischen Niederlassungen der fünf Rothschild-Brüder eine erhebliche Rolle.

Kalman bzw. Carl Mayer Rothschild

Kalman Rothschild (1788–1855) ging in Salomons Auftrag 1821 nach Neapel. Dort hatte er die Finanzen der österreichischen Truppen zu überwachen. Er eröffnete die sizilianische Rothschild-Dependance, welche jedoch nur bis 1863 existierte. Kalman nannte sich später Carl Mayer von Rothschild.

Jakob Rothschild (1792–1868) war der jüngste der Brüder. Er ging 1812 nach Paris und etablierte dort Rothschild Frères zu einer der ersten Bankadressen und nannte sich fortan James de Rothschild. Als Berater von zwei französischen Königen wurde er der einflussreichste Bankier des Landes. In den folgenden Kriegen unter Napoléon III. spielte er eine wichtige Rolle bei der Finanzierung des Eisenbahnbaus und dem Bau von Bergwerken, was Frankreich dabei half, den wirtschaftlichen Rückschlag nach dem verlorenen Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 zu überwinden und zu einer Industriemacht zu werden. 1982 wurde die Bank zusammen mit anderen Banken durch die Regierung François Mitterrands verstaatlicht. Das Nachfolgeinstitut Rothschild & Cie Banque ist eine Neugründung durch David René de Rothschild, sie stellt heute den französischen Teil der Rothschild Bankgruppe.

Verwandtschaftsheiraten

Als sich aus den Niederlassungen der fünf Söhne Mayer Amschel Rothschilds eigenständige Familienzweige herauszubilden begannen, stieg in der Familie Rothschild das Bedürfnis, den Zusammenhalt auch für die Zukunft zu sichern. Enge Familienbande wurden als Voraussetzung für den Erhalt der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Spitzenposition der Familie betrachtet. Man übernahm daher den in der europäischen Oberschicht bis in das 19. Jahrhundert üblichen Brauch, Vettern und Cousinen des ersten und zweiten Grades gezielt miteinander zu verheiraten (siehe Parallelkusinenheirat und Kreuzkusinenheirat). Den Anfang machte James de Rothschild am 11. Juli 1824, als er die Tochter seines Bruders Salomon, Betty von Rothschild, in Frankfurt heiratete. In der Generation der Kinder und Enkel der fünf Brüder wurde die Verwandtschaftsheirat fast zur Regel. Von 21 Ehen, die zwischen 1824 und 1877 von Nachfahren von Mayer Amschel Rothschild abgeschlossen wurden, waren bei nicht weniger als 15 beide Ehepartner direkte Nachkommen von ihm.[b 7] So blieb nicht nur der Zusammenhalt gewahrt, auch die beträchtlichen Mitgiften blieben in der Familie. Zudem konnte der Einfluss Fremder auf das Familiengeschäft verhindert und die Beibehaltung des jüdischen Glaubens gesichert werden.

Kommunikation

Im Gegensatz zu heute war es im 19. Jahrhundert sehr schwierig und kostenintensiv, schnell und zuverlässig geschäftsrelevante Informationen zu beschaffen. Somit mussten auch die fünf Söhne von Mayer Amschel Rothschild ihr Informationsnetzwerk in demselben Maß entwickeln und ausbauen, wie sie ihre Aktivitäten über ganz Europa ausweiteten. Beginnend in den letzten Jahren der napoleonischen Herrschaft tauschten die fünf Brüder nahezu täglich private und geschäftliche Korrespondenz aus. Schnell erweiterte man das Netzwerk auch auf außerfamiliäre Personen, in der Regel andere Bankiers, zu denen man besonders vertrauensvolle Geschäftsbeziehungen pflegte (z. B. Sal Oppenheim in Köln, Bleichröder in Berlin). Einige dieser so genannten „Agenten“ gab es auch außerhalb Europas. Während Briefe der Rothschilds untereinander bis in die 1850er Jahre fast ausschließlich in Jiddisch abgefasst waren, schrieben familienfremde Kontaktpersonen meist auf Deutsch und Französisch und ab den 1830er Jahren auch auf Englisch. Um ein möglichst hohes Maß an Schnelligkeit und Geheimhaltung zu gewährleisten, bauten die Rothschilds ein eigenes, effektives, aber auch kostenintensives Kuriersystem auf. Zum Transport wurden Pferde, Kutschen, Brieftauben und Schiffe eingesetzt, die Geheimhaltung sollte durch Codewörter und Verschlüsselungen gewährleistet werden. Sehr schnell wuchs die Größe und Qualität des Nachrichtensystems der Rothschilds, so dass es nicht nur mit demjenigen von Wettbewerbern, sondern auch mit dem ganzer Staaten vergleichbar war. Der Niedergang setzte erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der Einführung von Telegrafendiensten ein, da nun Kuriersysteme einerseits technisch überflüssig waren und andererseits größere Bevölkerungskreise nun günstig, schnell und zuverlässig an Informationen gelangen bzw. diese weiterleiten konnten.

Weitere Träger des Familiennamens Rothschild

Weingüter

Die Weingüter der Familie genießen bis heute Weltruf. Nathaniel de Rothschild, dritter Sohn Nathans, erwarb 1853 Château Brane-Mouton. James erwarb 1868, kurz vor seinem Ableben, das renommierte Château Lafite-Rothschild. Edmond Rothschild wiederum wurde 1973 Eigentümer von Château Clarke und Château Malmaison, im Jahr 1979 erwarb er auch das benachbarte Château Peyre Lebade. Eine Sammlung von über 15.000 Flaschen an Rothschild-Weinen findet sich im englischen Waddesdon Manor, einem in seiner Architektur, Gartenanlage und Kunstsammlung einmaligen Familiensitz der Rothschilds, 1874 errichtet von Ferdinand von Rothschild.

Schlösser

James de Rothschild baute zwischen 1855 und 1859 das Schloss Ferrières.

Nathaniel Meyer von Rothschild ließ Ende des 19. Jahrhunderts das Schloss Rothschild in Reichenau an der Rax (Niederösterreich) errichten, auch bekannt als Schloss Hinterleiten.

Schloss Rennhof in Hüttenfeld wurde von Mayer Carl von Rothschild im Jahr 1853 erbaut. Heute beherbergt es das Litauische Gymnasium Hüttenfeld.

Albert Salomon Anselm von Rothschild ließ 1879–1884 nach den Plänen von Gabriel-Hippolyte Destailleur sein Palais Albert Rothschild in der Wiener Prinz-Eugen-Straße errichten.

Das Rothschildschloss in Waidhofen an der Ybbs in Niederösterreich beherbergte im Jahr 2007 die Niederösterreichische Landesausstellung.

Le Goût Rothschild

Mit ihrem Einrichtungs- und Lebensstil waren die Rothschilds stilbildend. Sie begründeten den Goût Rothschild.

Die Rothschildfamilie als Ziel von Kritik, Hetzkampagnen und Verschwörungstheorien

Die Rothschildfamilie ist seit dem Beginn ihres großen Einflusses auf die europäische Wirtschaftsgeschichte das Ziel von Karikaturen, polemischen Schriften, Hetzkampagnen und Verschwörungstheorien, die sich häufig durch einen mehr oder weniger verdeckten Antisemitismus kennzeichnen. Selbst berechtigte Kritik an ihrem Geschäftsgebaren hatte häufig einen antisemitischen Unterton.[2][3]

Als einer der Ersten kritisierte Honoré de Balzac die Rothschilds öffentlich. In seiner Erzählung „Das Haus Nucingen“ (1838) karikiert er mit dem arroganten, rücksichtslosen und groben Bankier Nucingen, der seinen Reichtum durch betrügerische Bankrotte erwirbt, James de Rothschild. Möglicherweise geht auch die bis heute umlaufende Geschichte, die Familie Rothschild habe ihren Reichtum durch eine Spekulation auf den Ausgang der Schlacht von Waterloo erworben, auf Balzac zurück, da er sie in seiner Erzählung ebenfalls nennt. Georges Dairnvaell brachte 1846 diese Geschichte in seinem Pamphlet „Die erbauliche und kuriose Geschichte von Rothschild I., König der Juden“ erneut in Umlauf.[a 3] Bereits im 19. Jahrhundert wurde behauptet, Nathan Mayer Rothschild habe einen französischen General bestochen, um den britischen Sieg sicherzustellen. Diese verfälschte Darstellung wird auch in dem nationalsozialistischen Propagandafilm Die Rothschilds aus dem Jahre 1940 aufgegriffen, der neben Jud Süß und dem Dokumentarfilm Der ewige Jude die deutsche Bevölkerung auf härtere Maßnahmen gegen die Juden vorbereiten sollte. Eine weitere filmische Aufarbeitung wurde sechs Jahre früher ohne antisemitische Tendenzen produziert (Die Rothschilds (The House of Rothschild) von Alfred L. Werker mit George Arliss).

Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Einfluss der Rothschilds mit dem eines regierenden Monarchen verglichen. Sie galten als Teil einer Geldaristokratie, die dank ihrer Wirtschaftsmacht zum Erhalt bestehender Regierungen beitrug, sich keiner Nation patriotisch verpflichtet fühlten und selbst den Sturz von Monarchen wie etwa den französischen König Karl X., mit denen sie enge Beziehungen pflegten, schadlos überstanden. „Geld ist der Gott unserer Zeit und Rothschild ist sein Prophet“, schrieb Heinrich Heine im März 1841. Alphonse Toussenel, ein französischer Journalist und Schriftsteller, verband in dem 1846 erschienen Buch „Die Juden, Könige der Epoche: Eine Geschichte des Finanzfeudalismus“ mit seiner Kritik an den Konditionen, zu denen James de Rothschild die Konzession an der Bahnlinie von Paris nach Belgien erwerben konnte, mit einem Argument gegen das Judentum an sich: Frankreich sei „an die Juden verkauft“ worden, und die Eisenbahnlinien ständen direkt oder indirekt unter der Kontrolle von „Baron Rothschild, der König der Finanzwelt, ein Jude, der von einem sehr christlichen König zum Baron gemacht wurde.“ [a 4] Sehr früh unterstellte man den Rothschilds die Fähigkeit, auf Grund ihrer finanziellen Macht Kriege zu verhindern. 1828 schrieb Fürst Pückler-Muskau, ohne die Rothschilds scheine keine Macht in Europa Krieg führen zu können.[a 5] Vergleichbare Äußerungen findet man auch bei Ludwig Börne, österreichischen Diplomaten und Antisemiten wie Alphonse Toussenel, der dazu schrieb: Der Jude spekuliert auf den Frieden, das heißt auf die Hausse, und das erklärt, warum der Frieden in Europa schon 15 Jahre währt.[a 5] Die Bereitschaft und die Fähigkeit, einen Krieg zu verhindern, wird aus heutiger Sicht positiv bewertet. Im 19. Jahrhundert sah man im Krieg jedoch ein legitimes politisches Mittel und der den Rothschilds aus Geschäftsinteresse unterstellte Pazifismus stieß auf Kritik. Während der Italienischen Unabhängigkeitskriege schrieb Earl Shaftesbury, dass es merkwürdig, beängstigend, erniedrigend sei, dass das Geschick dieser Nation der Spielball eines ungläubigen Judens ist.[a 6] Auf vergleichbare harsche Kritik stieß der Einsatz von August Belmont, dem Agenten der Rothschild in Nordamerika, für Friedensverhandlungen zwischen den Parteien des Amerikanischen Bürgerkriegs.

Verschwörungstheorien, in denen der Familie Rothschild eine Rolle zugesprochen wird, gibt es bis heute. In unterschiedlichen Versionen wird behauptet, die Rothschilds leiteten oder beteiligten sich an einer entweder jüdischen, freimaurerischen, illuminatischen oder außerirdischen Verschwörung, häufig mit den in diesem Umfeld üblichen Ähnlichkeiten oder unkritischen Bezugnahmen auf die längst als Fälschung entlarvten Protokolle der Weisen von Zion. Ebenfalls als Quelle für derartige Theorien werden die allgemein nicht als authentisch angesehenen so genannten Rakowski-Protokolle genannt.[4]

Das Bankhaus Rothschild heute

Ein zentrales Bankhaus bzw. ein Netzwerk von eng miteinander kooperierenden Banken im gemeinsamen Besitz der Familie Rothschild gibt es heute nicht mehr. Stattdessen existieren drei Finanzgruppen, die von unterschiedlichen Familienzweigen der Rothschilds kontrolliert werden, und sich teilweise durch zahlreiche Schachtel- und Querbeteiligungen auszeichnen.[5][6] Zwischen den drei Finanzgruppen bestehen vereinzelt gegenseitige Minderheitsbeteiligungen.

Die größte dieser Gesellschaften stellt die „Paris-Orléans SA“ dar. Durch die Fusion der Bankaktivitäten des britischen und französischen Zweiges der Familie Rothschild im Januar 2008 wurde dieses Unternehmen zur zentralen Holdinggesellschaft für die Geschäfte der englischen und französischen Rothschilds in den vier Bereichen: Investment-Banking, Corporate-Banking, Private-Banking (Vermögensverwaltung) und Private-Equity (Unternehmensbeteiligungen). Das Unternehmen wurde 1838 gegründet und war ursprünglich eine Eisenbahngesellschaft. Es ist an der Börse Euronext in Paris notiert (ISIN: FR0000031684). Das Aktienkapital wird zu 58,1 % von der Familie Rothschild kontrolliert (Stand Ende März 2008). Der Rest der Aktien ist über die Börse breit gestreut.

Datei:Logo LCF Rothschild.svg
Logo Banque Privée Edmond de Rothschild

Eine zweite Finanzgruppe, die „Groupe LCF Rothschild“, wird von einem in der Schweiz ansässigen Zweig der Rothschilds kontrolliert. Es wurde 1953 von Edmond Adolphe de Rothschild gegründet und umfasst neben mehreren Banken auch Hotels, Immobilien, Weingüter und einen Versicherungsmakler. Ein zentraler Bestandteil dieser Gruppe ist die in Genf beheimatete „Banque Privée Edmond de Rothschild“. Sie ist an der Schweizer Börse („SIX Swiss Exchange“) notiert (ISIN: CH0001347498).

Datei:RIT Capital Partners.png
Logo von RIT Capital Partners Plc

Als dritte Gesellschaft unter Kontrolle eines Zweigs der Rothschilds ist die „RIT Capital Partners PLC“ zu nennen. Dieses Unternehmen wurde 1961 auf Initiative von Lord Jacob Rothschild gegründet und wird seitdem auch von ihm geführt. Seit 1988 investiert RIT Capital Partners auf internationaler Ebene vorwiegend in kleinere und mittlere, börsennotierte und private Firmen. Es ist an der Londoner Börse notiert (ISIN: GB0007366395).

Einzelnachweise

  1. Ferguson (2002), S. 23
  2. Ferguson (2002), S. 62
  3. Ferguson (2002), S. 32
  4. Zitiert nach Ferguson (2002), S. 34
  5. 5,0 5,1 Zitiert nach Ferguson (2002), S. 37
  6. Zitiert nach Ferguson (2002), S. 38
  • Niall Ferguson (2009): The Ascent of Money – A Financial History of the World, Penguin Books Ltd, London 2009, ISBN 978-0-14-103548-2
  1. Ferguson (2009), S. 82
  2. Fergusson (2009), S. 84
  3. zitiert nach Ferguson, S. 83. Im Original lautet das Zitat: Rothschild of this place has executed the various services entrusted to him in this line admirably well, and though a Jew, we place a good deal of confidence in him.
  4. Ferguson (2009), S. 86
  5. 5,0 5,1 Ferguson (2009), S. 87
  6. Ferguson (2009), S. 88 bis S. 89
  7. Ferguson (2009), S. 89
  • Andere
  1. Edith Dörken: Berühmte Frankfurter Frauen, Verlag Otto Lembeck, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-87476-557-2, S. 46
  2. Daniel Pipes, Verschwörung. Faszination und Macht des Geheimen, Gerling Akademie Verlag München 1998, S. S. 140ff u.ö.
  3. Tobias Jaecker, Antisemitische Verschwörungstheorien nach dem 11. September. Neue Varianten eines alten Deutungsmusters, LIT Verlag, 4. Aufl., Münster 2009, S. 43, 52 u.ö.
  4. Birk Meinhardt, Arier im Astralleib, in: Süddeutsche Zeitung vom 15. und 16. März 2008, S. 3.
  5. Beteiligungs-Organigramm der Paris Orléans SA
  6. Beteiligungs-Organigramm der Groupe LCF Rothschild auf Seiten 30 und 31 des Geschäftsberichts 2008

Literatur

  • Wilhelm Stricker: Rothschild. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 29, Duncker & Humblot, Leipzig 1889, S. 373–375.
  • Lothar Buderus von Carlshausen, „Das Leben eines kurhessischen Beamten in schwerer Zeit“, in: Hessenland. Monatsschrift für Landes- und Volkskunde, Kunst Literatus Hessens, 42. Jg., 1931;
  • Egon Caesar Conte Corti: Das Haus Rothschild. 2 Bde. Insel-Verlag, Leipzig 1927.
  • Niall Ferguson (2002): Die Geschichte der Rothschilds. Propheten des Geldes. Aus dem Engl. 2 Bde. DVA, München-Stuttgart 2002. ISBN 3-421-05354-5
  • Niall Ferguson (2009): The Ascent of Money – A Financial History of the World, Penguin Books Ltd, London 2009, ISBN 978-0-14-103548-2
  • Georg Heuberger (Hrsg.): Die Rothschilds. Eine europäische Familie. Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1995, ISBN 3-7995-1201-2;
  • Georg Heuberger (Hrsg.): Die Rothschilds. Beiträge zur Geschichte einer europäischen Familie. Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1995, ISBN 3-7995-1202-0;
  • Joachim Kurz: Die Rothschilds und der Wein. Eine Erfolgsgeschichte aus Bordeaux. Econ Verlag, Berlin 2006. ISBN 3-430-30005-3
  • Rainer Liedtke, NM Rothschild & Sons – Kommunikationswege im europäischen Bankenwesen im 19. Jahrhundert, Böhlau Verlag 2006, ISBN 3-412-36905-5
  • Frederic Morton: Die Rothschilds. Ein Portrait der Dynastie. Aus dem Amerikanischen von Hans Lamm und Paul Stein. Aktualisiert von Michael Freund. Franz Deuticke, Wien 1992. ISBN 3-216-07896-5
  • Bernhard Schmidt: Rothschild. In: Frankreich-Lexikon. Hrsg. v. B. S., Jürgen Doll, Walther Fekl, Siegfried Loewe, Fritz Taubert. Erich Schmidt, Berlin 2005. ISBN 3-503-06184-3
  • Derek Wilson: Die Rothschilds. Eine Geschichte von Ruhm und Macht bis in die unmittelbare Gegenwart. Aus dem Englischen von Gunther Martin. Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG., München 1994, ISBN 3-453-07326-6.
  • Andrew Carrington Hitchcock, „Satans Banker – Die Finanzgeschichte der globalen Vereinnahmung durch Rothschild & Co“, Originalausgabe „The Synagogue of Satan“ 2006, J.k. Fischer Verlag, ISBN 978-3-941956-66-7

Siehe auch

Weblinks

 Commons: Rothschild – Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien


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