Rolf Verleger

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Rolf Verleger

Rolf Verleger (* 17. Dezember 1951 in Ravensburg) ist ein deutscher Psychologe, Hochschullehrer und israelkritischer Aktivist. Von 1998 bis 2017 war er außerplanmäßiger Professor für Medizinische Psychologie an der Universität zu Lübeck.

Leben

Verleger wurde als Sohn von Überlebenden der Shoa geboren; sein Vater kehrte ohne seine Frau und Söhne aus Auschwitz zurück, seine Mutter als Waise von der Deportation nach Estland.[1] Er absolvierte ein Studium der Psychologie an der Universität Konstanz, das er 1976 mit dem Diplom abschloss. 1986 wurde er in Sozialwissenschaften an der Universität Tübingen promoviert, habilitierte sich 1993 für Medizinische Psychologie an der Universität zu Lübeck und erhielt dort 1998 eine außerplanmäßige Professur, die er bis 2017 innehatte.

Verleger war von 1999 bis 2005 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychophysiologie und ihre Anwendung e.V..[2]

Funktionsträger jüdischer Institutionen

Bekanntheit erlangte Verleger ab 2006 vor allem als damaliges Direktoriumsmitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland und als damaliger Vorsitzender der Jüdischen Gemeinschaft Schleswig-Holstein.[3]

Unter dem Eindruck des israelisch-libanesischen Kriegs im Sommer 2006 äußerte er sich mit einem Brief vom 23. Juli 2006[4] zunächst intern im Zentralrat, dann öffentlich[5] kritisch zu den „militärischen Maßnahmen der israelischen Regierung gegen den Libanon“ und zu der Israel unterstützenden Haltung des Zentralrats hierzu. Dies brachte ihm von Seiten der Zentralrats-Vorsitzenden Charlotte Knobloch und anderer Repräsentanten jüdischer Organisationen Kritik ein; Zentralrats-Generalsekretär Stephan Kramer bezeichnete die Position Verlegers als „abstrus“ und „absolute Einzelmeinung“. Andere verwiesen darauf, dass er nicht gegen Israel an sich, sondern gegen die derzeitige Politik des Landes argumentierte.[6][7]

Im August 2006 berief ihn die Jüdische Gemeinde Lübeck in Reaktion auf seine Äußerungen als ihren Delegierten für die Jüdische Gemeinschaft Schleswig-Holstein ab. Er verlor damit auch das Amt des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinschaft Schleswig-Holstein.[8][9]

Im Juni 2009 entzog die Jüdische Gemeinschaft Schleswig-Holstein Verleger sein Mandat als Delegierter im Zentralrats-Direktorium.[10]

Verleger war Vorsitzender und ist nun normales Mitglied des Vereins Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost.

Israelkritischer Aktivismus

Am 22. November 2006 startete Verleger die Online-Petition Schalom5767, auch Berliner Erklärung genannt, die mehr kritische Distanz der Bundesregierung gegenüber der israelischen Politik fordert.[11]

Mit dem 2008 veröffentlichtem Buch „Israels Irrweg. Eine jüdische Sicht“ liefert Verleger nach Ansicht des Soziologen Armin Pfahl-Traughber zwar „eine bislang in dieser Deutlichkeit in Deutschland unbekannte Kritik an Israel aus einer jüdischen Perspektive“, dies geschehe jedoch „in formal kritikwürdiger Weise“, da „Texte unterschiedlicher Ausrichtung und Herkunft einfach hintereinander gestellt“ würden. Eine systematischere Erörterung der dortigen Themen fehle. Inhaltlich bemängelte Pfahl-Traughber, dass sich Verleger kaum mit der bedenklichen Politik der Gegner Israels beschäftige und den legitimen israelischen Sicherheitsinteressen nicht ausreichend Aufmerksamkeit schenke. Verleger verweise zwar zutreffend darauf, dass es sich selbst bei übertriebener Israelkritik keineswegs zwingend um Antisemitismus handeln müsse. Es gebe aber auch Antisemiten, die ihren Judenhass hinter scheinbar legitimer Israelkritik verbergen würden. Dem Buch fehle eine differenziertere und trennscharfe „Unterscheidung von antisemitischer und nicht-antisemitischer Israel-Kritik“. Zudem gebe es „entgegen Verlegers Ausführungen“ durchaus einen „traditionellen islamischen Antisemitismus“, der „mit eindeutig judenfeindlicher Stoßrichtung“ artikuliere. [12]

Zur erweiterten Neuauflage von „Israels Irrweg“ (2009) bemängelte Karl Pfeifer, dass Verleger Theodor Herzl aus dritter Hand bzw. englischen Übersetzungen zitiere. Auch David Ben Gurion sei nicht direkt, sondern „aus einem Elaborat von Ilan Pappe“ zitiert worden, und zwar zudem in einer Form, die das Zitat des historischen Kontextes entkleide. Verlegers „antiisraelische Ressentiments“ resultierten wahrscheinlich nicht zuletzt aus dem von ihm detailliert geschilderten orthodoxen Milieu, in dem er aufwachsen musste und mit dem er gebrochen hatte. Verleger beanstande zwar, „dass israelische Politiker sich auf den Holocaust berufen“, mache jedoch genau das gleiche und erwähne „explizit seine ermordeten Verwandten“. Er betreibe „Dämonisierung Israels“ und „Fälschung von dessen Geschichte bis hin zur Legitimierung antisemitischer Politiker wie dem ehemaligen Londoner Bürgermeister Ken Livingstone“. Verleger habe von Rechts- und Linksextremisten wie dem Neonazi-Portal Altermedia oder der Webseite Arbeiterfotografie Lob als „mutiger Jude“ für Sätze wie „Das Judentum, meine Heimat, ist in die Hände von Leuten gefallen, denen Volk und Nation höhere Werte sind als Gerechtigkeit und Nächstenliebe.“ erfahren. Das sei „natürlich purer Unsinn, denn jeder, der sich zumindest ein bisschen auskennt, weiß, dass es ‚das‘ Judentum nicht gibt und dass Israel im Vergleich zu seinen Nachbarn ein Hort der Gerechtigkeit und der Nächstenliebe “ sei, auch wenn Verleger von Israel eine „Perfektion ... wie von keinem anderen Staat der Welt“ fordere. [13]

In einem Interview am 22. Juli 2014 mit dem Deutschlandfunk bezeichnete Verleger das militärische Vorgehen der israelischen Armee gegen Ziele im Gazastreifen nach verstärktem Raketenbeschuss durch die Hamas im Juli 2014 als „Massaker“ und machte den „Terror Israels“ und die seiner Meinung nach fehlende Kritik daran für die neue Welle des Antisemitismus in Europa verantwortlich. Der Holocaust rechtfertige das nicht: „Ich meine, was hat das mit meiner ermordeten Verwandtschaft zu tun, dass da jetzt ein solches Unrecht im Nahen Osten geschieht? Man kann doch nicht mit Verweis auf schreckliche Dinge in der Vergangenheit weiter heute Unrecht geschehen lassen. Das ist die völlig falsche Lehre, die da gezogen wird. [...] Dieser Konflikt – man kann auf geraubten Land nicht in Frieden leben. Das Land ist den Palästinensern weggenommen worden und es muss eine vernünftige friedliche Regelung her.“ Im größeren historischen Kontext sei die Wurzel des ganzen Konflikts, [dass] Europa vor 100 Jahren mit seiner jüdischen Minderheit nicht fertig geworden sei und dieses Problem dorthin nach Palästina exportiert habe.[14] In einem weiteren Interview mit WDR 5 sagte er, in Israel herrsche „eine national-religiöse Stimmung mit Tendenzen ins Faschistische“. An der Regierung seien „Leute, die sagen: ‚Nur ein toter Araber ist ein guter Araber‘“. Ferner äußerte er Verständnis für die „verzweifelte“ Hamas, die sich „aus Protest [...] mit den Mitteln [...] wehrt, die sie hat“.[15]

Im SWR-Interview am 14. August 2014 wiederholte Verleger seine Kritik an der Gaza-Operation und auch am Verhalten der Bundesregierung gegenüber Israel.[16]

Solche in mehreren deutschen Medien getätigte Äußerungen Verlegers zu Israel wurden 2014 in der Jüdischen Allgemeinen kritisiert. Verleger vertrete nur sich und eine irrelevante Minderheit der deutschen Juden. Er werde nicht aufgrund seiner „tiefgründigen Analysen des Nahostkonflikts“ um einen Kommentar gebeten, sondern weil „Jude kritisiert Israel“ den größeren Sensationsfaktor biete.[17]

Am 2. Juli 2016 gründete Rolf Verleger gemeinsam mit Yazid Shammout, dem Vorsitzenden der palästinensischen Gemeinde in Hannover, das Bündnis zur Beendigung der israelischen Besatzung.[18] Impulsgeber hierfür waren zuvor der Theologe Martin Breidert und der nach ersten Planungstreffen kurz zuvor verstorbene Menschenrechtsaktivist Rupert Neudeck. Zu den Mitgliedern zählen der Palästinenser Ghaleb Natour und die Israelin Nirit Sommerfeld. Horst Teltschik ist Beirat des Bündnisses.[19]

Zu Verlegers 2017 erschienenem Band „Hundert Jahre Heimatland? Judentum und Israel zwischen Nächstenliebe und Nationalismus“ befand Armin Pfahl-Traughber, dass dieser in Form und Inhalt „etwas fragmentarisch und unstrukturiert“ wirke und „der Einseitigkeit einer kritiklosen Sicht auf die Politik der israelischen Regierung seine eigene Einseitigkeit der Ignoranz gegenüber den politischen Kontexten entgegen“ setze. Da Buch sei „nicht gelungen“. Manche Ausführungen wirkten schief und Bedeutungsebenen würden vermengt. Verlegers Argumentation, dass Israelkritik als antisemitisch abgetan würde, hält Pfahl-Traughber entgegen, dass es genügend empirische Belege dafür gebe, „dass Antisemitismus nicht selten über Israelfeindlichkeit als "Umwegstrategie" vermittelt“ werde. Dies bedeute umgekehrt zwar nicht, „dass alle Einwände gegen Israels Politik ein judenfeindliches Motiv haben“, was aber eben auch niemand behaupte. Verleger baue hier ein „Strohmannargument“ auf, das dann umso einfacher verdammt werden könne. Verleger negiere den „israelfeindlichen Antisemitismus in der Mehrheitsgesellschaft“ und unterstellt, dass es sich beim Antisemitismusvorwurf um eine „politische Waffe“ handele.[20]

Mitgliedschaften

Publikationen

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Helga Verleger - Die Quellen sprechen - Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933 - 1945. Abgerufen am 17. August 2017.
  2. Vereinsregister des Amtsgerichts Gießen Blatt 1367
  3. Vertrag zwischen dem Land Schleswig-Holstein, der Jüdischen Gemeinschaft Schleswig-Holstein und dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein, den er für die Jüdische Gemeinschaft unterschrieben hat
  4. Brief an das Präsidium des Zentralrats
  5. Philipp Gessler: Vertreter des Zentralrats kritisiert Israel. In: die tageszeitung vom 8. August 2006
  6. Philipp Gessler: Der Provokateur. In: taz. die tageszeitung – Ausgabe 8047. 14. August 2006, archiviert vom Original am 20. Juni 2017; abgerufen am 20. Juni 2017.
  7. Christopher Stolzenberg: „Zehn Libanesen für einen toten Israeli“. In: Süddeutsche Zeitung vom 8. August 2006
  8. Zentralrats-Kritiker muss gehen. In: die tageszeitung vom 24. August 2006
  9. Israel-Kritik: Jüdische Gemeinde Lübeck entmachtet Vorsitzenden des Landesverbandes. (Memento vom 11. März 2007 im Internet Archive) Bericht der Lübecker Nachrichten vom 24. August 2006, in dem die Jüdische Gemeinschaft Schleswig-Holstein nur verkürzt als „Landesverband“ genannt ist
  10. Israel-Kritiker Rolf Verleger abberufen. In: junge Welt vom 19. Juni 2009
  11. .: Schalom5767 - Friede2006 :. Abgerufen am 17. August 2017.
  12. Armin Pfahl-Traughber: Fragen zum Antisemitismus und zu Israel, Humanistischer Pressedienst vom 6. August 2008
  13. Karl Pfeifer: Antizionistische Stille Post aus Deutschland, Hagalil vom 5. Juli 2009
  14. Rolf Verleger: Interview zum Gaza-Beschuss durch Israel. Deutschlandfunk, 22. Juli 2014
  15. „Ventil für nationale Gefühle in Israel“, WDR5, 25. Juli 2014.
  16. SWR 1 "Leute": Rolf Verleger, Psychologe, lebt als gläubiger Jude in Deutschland und kritisiert die Gaza-Politik der israelischen Regierung. online Audio vom 14. August 2014
  17. Michael Wuliger: Kritischer Jude vom Dienst – Die mediale Karriere des Professors Rolf Verleger. In: Jüdische Allgemeine. 21. August 2014, archiviert vom Original am 20. Juni 2017; abgerufen am 20. Juni 2017.
  18. BIB-JETZT. Abgerufen am 17. August 2017.
  19. Daniel Schacht (Interviewer): „Wir wollen, dass Wort und Tat zusammenpassen“ / Rolf Verleger und Yazid Shammout über das Bündnis zur Beendigung der israelischen Besatzung - das heute in Hannover gegründet wird. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 2. Juli 2016, S. 6
  20. Armin Pfahl-Traughber: Einseitigkeiten gegen andere Einseitigkeiten, Humanistischer Pressedienst vom 6. November 2017
  21. Beiratsmitglieder auf der Internetseite der DAG
  22. Jörg Armbruster: Rolf Verleger: "Israels Irrweg – eine jüdische Sicht", SWR2 - Die Buchkritik, 5. Oktober 2009, als MP3-Datei und Manuskript (PDF; 16 kB)
  23. Martin Forberg: "Brücken zu Palästina", Süddeutsche Zeitung, 23. März 2009


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