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Robert K. Merton

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Robert King Merton (geb. 5. Juli 1910 in Philadelphia, Pennsylvania als Meyer Robert Schkolnick; gest. 23. Februar 2003 in New York) war ein US-amerikanischer Soziologe.

Leben

Merton studierte ab 1927 an der Temple University bei George E. Simpson. Ab 1931 war er Forschungsassistent bei Pitrim A. Sorokin an der Harvard-Universität, wo er danach bis 1937 lehrte. 1938 wurde er Professor an der Tulane University und 1941 an der Columbia University, wo er 1963 Giddings Professor für Soziologie wurde und 1974 den Rang eines University Professor erhielt. 1942 bis 1971 war er dort Associate Director des Bureau of Applied Social Research. 1979 ging er in den Ruhestand. 1984 zog er sich aus der Lehre zurück. Er war außerdem Adjunct Professor an der Rockefeller University und war an der Russell Sage Foundation.

Merton ist Vater (aus erster Ehe mit Suzanne Carhart, die 1934 geschlossen und 1968 geschieden wurde und aus der auch zwei Töchter stammen) von Robert C. Merton, dem Wirtschafts-Nobelpreisträger von 1997. Er war in zweiter Ehe ab 1993 mit der Soziologin Harriet Zuckerman verheiratet.

Werk

Er versuchte, die Statik des Parsons'schen Strukturfunktionalismus durch eine Betonung der Dynamik sozialer Prozesse zu überwinden.

Merton prägte unter anderem die Begriffe selbsterfüllende Prophezeiung (englisch self-fulfilling prophecy), Focus Group, Rollenmodell (role model), Matthäuseffekt, unbeabsichtigte Folgen und Wissenskommunismus und rief das Gleichnis Auf den Schultern von Giganten wieder in Erinnerung.

Bekannt geworden ist Merton für seine Position, dass der Soziologie zur Entwicklung von Großtheorien (grand theories) die empirische Grundlage fehle. Dementsprechend plädierte er dafür, sich auf Theorien mittlerer Reichweite zu konzentrieren, bei denen die Theoriegenerierung mit einer empirischen Fundierung verknüpft werden kann.

Echte und unechte Wissenschaft

Mitte der 1930er Jahre zeigte sich Merton beunruhigt vom Phänomen des Nationalsozialismus und besonders von der Bereitschaft deutscher Wissenschaftler, sich in den Dienst des NS-Regimes zu stellen. Daher versuchte er in einer Vorlesung aus dem Jahr 1937 („Science and the Social Order“) und einem Essay aus dem Jahr 1942 („Science and Democratic Social Structure“) eine strenge Trennlinie zwischen „echter“, das heißt demokratischer und ethischer Wissenschaft auf der einen und unethischer, antiintellektueller „Anti-Wissenschaft“ auf der anderen Seite zu ziehen. Vier Charakteristika zeichneten nach Merton echte Wissenschaft aus (die genannten Beiträge sind in Merton (1949) wiederabgedruckt):

1. Kommunitarismus (communitarianism
Die Ergebnisse wissenschaftlicher Wissensproduktion sind das Produkt kooperativer Anstrengungen, und sie stehen grundsätzlich allen Mitgliedern der Wissenschaftsgemeinschaft jederzeit zur freien Verfügung.[1]
2. Universalismus (universalism
Die Bewertung wissenschaftlicher Forschung muss unabhängig von der Person oder den sozialen Attributen des verantwortlichen Wissenschaftlers erfolgen. Das heißt, dass Ethnie, Nationalität, Religion, sozialer Stand und persönliche Eigenschaften des Forschers nicht herangezogen werden dürfen, um dessen Forschungen zu diskreditieren oder um deren Glaubwürdigkeit zu unterstreichen. (Dieses Prinzip wandte sich vor allem gegen den Ausschluss der Juden aus dem deutschen Wissenschaftsbetrieb.)
3. Uneigennützigkeit (disinterestedness
Antriebsfeder echter Wissenschaft ist nicht Eigennutz, sondern die Leidenschaft zu wachsender Erkenntnis, Neugier im positiven Sinne und altruistisches Interesse am Wohlergehen der Menschheit.
4. organisierter Skeptizismus (organized scepticism
Sowohl in den Forschungsmethoden wie in der institutionellen Absicherung der Forschung muss gewährleistet sein, dass ein abschließendes Urteil erst gefällt wird, wenn alle nötigen Fakten zur Verfügung stehen.

Diese Charakteristika, nach den englischen Anfangsbuchstaben auch CUDOS-Prinzipien genannt, hatten insbesondere in Großbritannien und den USA Einfluss auf die extrem negative Wahrnehmung der deutschen Wissenschaft der NS-Zeit, die in ihrer Gesamtheit als „unethisch“ oder sogar als „wertlos“ verworfen wurde. Das stand allerdings im Widerspruch zu dem bereits während des Zweiten Weltkrieges zu Tage tretenden Interesse aller alliierten Kriegsparteien, möglichst vieler deutscher Wissenschaftler habhaft zu werden, um von deren Erkenntnissen zu profitieren (siehe Operation Overcast).

Anomietheorie

Merton ist zudem der Begründer einer kriminalsoziologisch bedeutenden Anomietheorie (1938 erstmals formuliert). Dabei geht er von einem Widerspruch zwischen den als legitim erkannten kulturellen Zielen einer Gesellschaft (etwa Konsum von Statussymbolen) und der ungleichen Verteilung der Mittel (etwa Geld, Einfluss, Beziehungen), mit denen diese Ziele zu erreichen sind, aus. In einer solchen Situation entsteht Anomie, auf die nach Merton in fünf Weisen reagiert werden kann.

  • Konformität: Kulturelle Ziele werden akzeptiert, die legalen Mittel zur Erreichung sind vorhanden.
  • Innovation: Kulturelle Ziele werden akzeptiert, die Mittel zur Erreichung sind nicht vorhanden und werden durch illegale Mittel ersetzt (Folge: Kriminalität).
  • Ritualismus: Kulturelle Ziele werden akzeptiert aber individuelle reduziert damit die legalen Mittel zu ihrer Erreichung genügen.
  • Rückzug: Kulturelle Ziele wie auch legale Mittel werden abgelehnt (Folge: Selbst- oder Fremdexklusion).
  • Rebellion: Kulturelle Ziele und legale Mittel werden aufgegeben und sollen durch neue ersetzt werden.

Ehrungen

Merton war mehr als zwanzigfacher Ehrendoktor (unter anderem Columbia University, Chicago, Oxford, Harvard, Yale, Hebrew University, Leiden). 1962 war er Guggenheim Fellow und 1983 war er MacArthur Fellow. 1994 erhielt er die National Medal of Science. Er war Mitglied der American Academy of Arts and Sciences, der National Academy of Sciences, der Academia Europaea, der American Philosophical Society und der königlich schwedischen Akademie der Wissenschaften und war korrespondierendes Mitglied der British Academy.

1990 wurde die Robert K. Merton Professur für Sozialwissenschaften an der Columbia University nach ihm benannt.

Publikationen

  • 2003: The Travels and Adventures of Serendipity: A Study in Sociological Semantics and the Sociology of Science (mit Elinor Barber). Princeton University Press, ISBN 0691117543
  • 1993: (1965) On the Shoulders of Giants: A Shandean Postscript: The Post-Italianate Edition (mit Umberto Eco und Denis Donoghue). University of Chicago Press; Reprint edition. ISBN 0226520862
  • 1985: Entwicklung und Wandel von Forschungsinteressen. Aufsätze zur Wissenschaftssoziologie. Mit einer Einleitung von Nico Stehr, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. ISBN 3518577107
  • 1976: Sociological Ambivalence and other Essays. New York: The Free Press. ISBN 0029211204
  • 1973: The Sociology of Science. Theoretical and Empirical Investigations. Chicago: University of Chicago Press. ISBN 0226520919
  • 1968: The Matthew effect in science. Science 159, 59–63
  • 1968: Sozialstruktur und Anomie, in Sack F./König R. (Hrsg.), Kriminalsoziologie, Frankfurt am Main, S. 283–313.
  • 1965: On the shoulders of giants (siehe 1993)
    • (deutsche Ausgabe) Auf den Schultern von Riesen. Ein Leitfaden durch das Labyrinth der Gelehrsamkeit, Frankfurt: Syndikat, 1980, ISBN 3-8108-0128-3; auch Frankfurt a. M.: Suhrkamp (suhrkamp taschenbuch wissenschaft), zuletzt 3. Auflage 2010
  • 1949: Social Theory and Social Structure. Toward the codification of theory and research, Glencoe: Ill. (Revised and enlarged edition 1959)
  • 1946: Mass Persuasion. The Social Psychology of a War Bond Drive. New York: Harper & Brothers Publishers.

Literatur

  • Lewis A. Coser: The Idea of Social Structure. Papers in Honor of Robert K. Merton. New York: Harcourt Brace Jovanovich 1975. ISBN 0155405489
  • Charles Crothers: Robert K. Merton. Ellis Horwood, Chichester 1987. ISBN 0-7458-0122-6
  • Thomas F. Gieryn Science and Social Structure. A Festschrift for Robert K. Merton. New York Transactions of The New York Academy of Sciences 1980. ISBN 0897660439
  • Piotr Sztompka: Robert K. Merton. An intellectual profile. Macmillan, Basingstoke 1986. ISBN 0-333-37210-7

Einzelbelege

  1. Der Begriff Kommunitarismus hier darf nicht mit dem Kommunitarismus als Strömung in der Politischen Philosophie seit den 1980er Jahren verwechselt werden.

Weblinks


Dieser Artikel basiert ursprünglich auf dem Artikel Robert K. Merton aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der Doppellizenz GNU-Lizenz für freie Dokumentation und Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported. In der Wikipedia ist eine Liste der ursprünglichen Wikipedia-Autoren verfügbar.