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Paula Fürst

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Paula Fürst (eigentlich: Paula Fuerst; geb. 6. August 1894 in Glogau; gest. vermutlich Ende Juni 1942) war eine deutsche Reformpädagogin jüdischer Herkunft.

Ausbildung und Werdegang

Paula Fürst war das zweite und jüngste Kind des jüdischen Kaufmanns Otto Fürst und dessen Ehefrau Malvine, geb. Rosenberg. Die Mutter siedelte nach dem frühen Tod des Vaters mit ihren beiden Kindern im Jahr 1906 nach Berlin über. Dort besuchte Paula eine Höhere Töchterschule, anschließend noch das Victoria Luise-Oberlyzeum, wo sie 1914 erfolgreich das Lehrerinnenexamen ablegte. Anschließend studierte sie Französisch und Geschichte an der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität). Während ihres Studiums war sie über Clara Grunwald mit der Montessoripädagogik in Berührung gekommen. Da die junge Lehrerin von der neuen Erziehung überzeugt war, gab sie ihr Studium auf und widmete sich ganz der Montessori-Pädagogik.

Paula Fürst erwarb durch Studien in Berlin und Rom ein Montessori-Diplom, das sie zur Führung von Montessori–Heimen und –Schulen berechtigte. Als 1926 in Berlin-Wilmersdorf die erste Montessori–Klasse Berlins an der 9. Volksschule eröffnet wurde, übertrug man ihr die Leitung. Neben ihrer Tätigkeit als Lehrerin hielt sie häufig öffentliche Vorträge über die Montessoripädagogik. Dabei betonte sie stets, daß das Kind, verschieden vom Erwachsenen, ein Recht auf die Entfaltung seines ihm eigenen Wesens hat.[1]

Leben und Wirken unter der nationalsozialistischen Diktatur

Paula Fürsts Laufbahn wurde 1933 jäh durch die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten unterbrochen. Die Montessori–Pädagogik wurde bald als undeutsche Pädagogik desavouiert und als unvereinbar mit der nationalsozialistischen Ideologie verboten: „Es ist erwiesen, daß ausschließlich jüdische … Elemente jene Montessori-Pädagogik als willkommene Methode aufgegriffen und für sie Propaganda machten. Denn 1. war die undeutsche und egoistische Haltung ihnen selbst gemäß, und 2. konnten sie unter Zuhilfenahme des wohl durchdachten Montessori-Materials bei den kleinen Kindern jene zersetzende Macht des Individualismus geltend machen, der die Menschen vereinsamt und für eine lebendige Volksgemeinschaft unfähig macht“.[2]

Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft wurde Paula Fürst gezwungen, ihre Stellung als Lehrerin aufzugeben. Im gleichen Jahr wurde ihr jedoch die Leitung der Theodor–Herzl–Schule angetragen. Diese zionistisch ausgerichtete Privatschule erfuhr nach der Machtergreifung der Nazis einen regelrechten Ansturm jüdischer Schüler und Schülerinnen, unter ihnen auch Adin Talbar. Innerhalb eines Jahres war die Zahl der Schüler von 200 auf 600 angestiegen. Da viele Schüler jüdischer Herkunft an den allgemeinen Schulen verstärkten Repressalien und Schikanen ausgesetzt waren, meldeten immer mehr Eltern ihre Kinder für einen Besuch jüdischer Schulen an. Die wenigen jüdischen Schulen, die von den Nationalsozialisten erlaubt wurden, waren administrativ der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ unterstellt.

Der Novemberpogrom 1938 bedeutete auch eine entscheidende Zäsur in der Schulpolitik der Nationalsozialisten. Alle jüdischen Privatschulen wurden verboten. Der Reichsvereinigung der Juden wurde die Pflicht übertragen, für die schulische Bildung der jüdischen Schüler zu sorgen. Leo Baeck, der Vorsitzende der „Reichsvereinigung“, bot Paula Fürst die Leitung der Schulabteilung in dieser Institution an. In dieser Stellung unterstanden ihr sämtliche jüdischen Schulen in Deutschland. Nach kurzer Bedenkzeit akzeptierte sie das Angebot trotz der schwierigen Bedingungen, unter denen dieses Amt auszuüben war. Eine Kollegin dort wurde ihre Lebensgefährtin, Hannah Karminski.[3]

In den Monaten nach dem Novemberpogrom befand sich das jüdische Schulwesen in einem Zustand von Chaos und Auflösung. Viele Eltern und Kinder, aber auch Lehrer, versuchten, dem unablässigen nationalsozialistischen Terror durch Flucht ins Ausland zu entkommen. Ein geregelter Schulbetrieb war unter diesen Rahmenbedingungen kaum möglich. Dennoch gelang es Paula Fürst bis zum Herbst 1939, das jüdische Schulwesen neu zu strukturieren und eine kontinuierliche schulische Ausbildung jüdischer Schüler zu gewährleisten.

Im August 1939 begleitete Paula Fürst einen Kindertransport nach London. Großbritannien hatte seine Einwanderungsbestimmungen gelockert und erlaubte 10.000 jüdischen Kindern die Einreise. Obwohl ihr zahlreiche Freunde und Kollegen dringend empfahlen, diese Gelegenheit für eine Emigration nach England zu nutzen, kehrte sie nach Erfüllung der Aufgabe kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland zurück. Paula Fürst lehnte jede Möglichkeit, Nazi-Deutschland zu verlassen, mit der Begründung ab, dass das Leben seinen Sinn verlieren würde, ließe sie die ihr anvertrauten Menschen im Stich[4].

Zweiter Weltkrieg und letzte Lebensjahre

Der Kriegsausbruch am 1. September 1939 läutete eine neue, noch schwierigere Phase im Bereich des jüdischen Schulwesens ein. Zu dieser Zeit waren in Deutschland ungefähr 9000 Kinder im schulpflichtigen Alter verblieben. Da seit Jahren propagiert wurde, dass Personen jüdischer Abstammung in Deutschland keine Zukunft hätten, verlagerte sich das Ziel der schulischen Ausbildung auf die Vorbereitung zur Auswanderung. Im August 1941 wurde die Auswanderung jedoch generell verboten und die Lebensverhältnisse der verbliebenen jüdischen Familien wurden immer bedrückender. Durch die konsequente Anwendung der Nürnberger Gesetze waren sie vielfach ihrer materiellen Existenzgrundlage beraubt worden und mussten in der Öffentlichkeit beinahe täglich Erniedrigungen über sich ergehen lassen. Ab September 1941 wurden auch die deutschen Juden in die Konzentrations- und Vernichtungslager Richtung Osten deportiert. Paula Fürst versuchte in dieser Zeit unter größten Anstrengungen, dennoch einen halbwegs geregelten Schulbetrieb aufrecht zu erhalten. Ende Juni 1942 verfügten die nationalsozialistischen Verwaltungsstellen jedoch, dass sämtliche jüdischen Schulen mit sofortiger Wirkung zu schließen seien. Zu diesem Zeitpunkt weilte Paula Fürst jedoch schon nicht mehr in Berlin.

Deportation und Ermordung

Am 19. Juni 1942 hatte die Gestapo das Gebäude der „Reichsvereinigung“ umstellt und wählte etwa 50 Mitarbeiter für die „Deportation“ aus, darunter auch Paula Fürst. Fünf Tage später, am 24. Juni 1942, wurde sie im „16. Osttransport“ (dem sogenannten „Straftransport der Reichsvereinigung“) gemeinsam mit 201 anderen Personen nach Minsk deportiert. Höchstwahrscheinlich wurde sie dort oder später in einem Vernichtungslager in Osteuropa ermordet.[5]

Ehrungen

Berlin hat Paula Fürst mehrmals gewürdigt: Im November 2000 wurde am Haus Kaiserdamm 17-19 eine Gedenktafel für sie und die Theodor-Herzl-Schule angebracht. Ferner trägt eine private Musikschule (Ortsteil Lichterfelde) und eine Straße (Stadtteil Lichtenberg) ihren Namen.

In Freiburg im Breisgau trägt die freie Schule des Jugendhilfswerks seit Mitte 2008 ihren Namen.

Werke (Auswahl)

  • Montessori-Erziehung. In: Westermanns illustrierte deutsche Monatshefte, 1927/H. 851, S. 42 ff.

Literatur

  • Manfred Berger: Recherchen zur Situation des Kindergartenwesens im Dritten Reich. In: Unsere Jugend, 1988/H. 2, S. 64 ff.
  • Manfred Berger: Paula Fürst – eine in Vergessenheit geratene Montessori-Pädagogin. In: Montessori. Zeitschrift für Montessori-Pädagogik, 2005/H. 3, S. 147 ff.
  • Manfred Berger: Führende Frauen in sozialer Verantwortung: Paula Fürst. In: Christ und Bildung, 2005/H. 4, S. 27
  • Martin-Heinz Ehlert: Paula Fürst. Aus dem Leben einer jüdischen Pädagogin. Berlin 2005, ISBN 3-938414-76-6.
  • Lola Samrotzski-de Bergé: Frauen im Dienste der Montessori-Pädagogik. München 2008 (unveröffentlichte Diplomarbeit), S. 135–179
  • Adin Talbar (Hrsg. der deutschen Fassung): Erinnerungen an die Theodor Herzl Schule in Berlin. Jerusalem 1998.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Fürst 1927, 46
  2. zitiert nach Berger 1988, S. 64
  3. vgl. Samrotzski-de Bergé 2008, S. 140 ff.
  4. vgl. Samrotzski-de Bergé 2008, S. 168 ff.
  5. Vgl. Gottwaldt, Schulle: Die „Judendeportationen […], 2005, S. 240–242


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