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Papyrologie

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Die Papyrologie (von griechisch πάπυρος pápyros ‚Papyrus(-staude)‘ und λόγος lógos ‚Wort‘, ‚Lehre‘) ist eine Spezialdisziplin der Klassischen Altertumswissenschaft bzw. der Alten Geschichte. Ihr Gegenstand sind die überwiegend in Ägypten gefundenen Texte auf Papyrus, Ostraka, Pergament, Holz- und Bleitäfelchen und ähnlichen Beschreibstoffen aus der griechisch-römischen Zeit von etwa 300 v. Chr. bis 700 n. Chr., also aus dem Jahrtausend zwischen der Eroberung des Nillandes durch Alexander den Großen und der Abschaffung der griechischen Verwaltungssprache durch die Araber.

Die Papyrologie unterscheidet zwischen dokumentarischen und literarischen Papyri. Zu den dokumentarischen, die den weitaus größten Teil der erhaltenen Papyri ausmachen, gehören u.a. Urkunden, Privatbriefe, Verträge und Landlisten. Zu den literarischen Papyri zählt man alle auf Papyrus erhaltenen Texte, welche in die direkte Überlieferung eingegangen sind (oder wenigstens hätten eingehen können). Papyri, die nicht auf Altgriechisch oder Latein verfasst worden sind, fallen in die Zuständigkeit anderer Disziplinen wie der Ägyptologie, Koptologie und der Islamwissenschaft.

Für die Papyrologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren im deutschsprachigen Raum besonders die Arbeiten von Friedrich Preisigke (1853–1924), Otto Gradenwitz (1860–1935), Ulrich Wilcken (1862–1944), Leopold Wenger (1874–1953), Walter Otto (1878–1941) und Emil Kießling (1896–1985) prägend. Zu den wichtigen Papyrologen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zählen etwa die Briten Eric Gardner Turner und Peter J. Parsons, die Italiener Medea Norsa, Marcello Gigante und Tiziano Dorandi, der Deutsche Herwig Maehler sowie der US-Amerikaner Dirk Obbink.

Verhältnis zu anderen Wissenschaften

Die Papyrologie ist Hilfswissenschaft für einige andere Fachgebiete:

  • Die Wirtschafts- und Sozialgeschichte kann aus der Analyse von auf Papyrus erhaltenen Dokumenten Rückschlüsse auf das antike Alltagsleben und wirtschaftliche Zusammenhänge (z. B. Preisentwicklungen) bzw. Handels- und Kommunikationswege ziehen, da Papyri zu diesen in der literarischen Überlieferung zumeist vernachlässigten Bereichen wichtige Informationen liefern können.
  • Die antike Rechtsgeschichte analysiert Rechtsurkunden (etwa über Kauf, Pacht, Kreditgeschäfte, Heirats-, Arbeitsverträge usw.) und verfolgt die Entwicklung des Rechtswesens insbesondere in hellenistischer Zeit.
  • Die Theologie wertet die auf Papyrus erhaltenen frühesten Zeugnisse für den Text des griechischen Alten und Neuen Testaments aus und interpretiert die zahlreichen Papyrusfunde mit frühchristlicher apokrypher oder patristischer Literatur.
  • Die Sprachwissenschaft verfolgt anhand von Papyri das Entstehen der antiken griechischen Volkssprache, einer Zwischenstufe auf dem Weg vom klassischen Altgriechisch zum Neugriechischen.
  • Papyri erlauben eine – im Vergleich zu anderen antiken Gesellschaften – sehr detaillierte Rekonstruktion der ägyptischen Verwaltungsstrukturen und Herrschaftsverhältnisse.
  • Die Historische Demographie kann aus Papyrusurkunden vergleichsweise zuverlässige Schätzungen zu Bevölkerungsdichte und -veränderungen im antiken Ägypten gewinnen.

Von der Papyrologie ist die Epigraphik abzugrenzen, die sich vorwiegend mit Inschriften auf Stein und Metall befasst, traditionell aber auch Texte auf Schreibtäfelchen behandelt, wie sie etwa im römischen Vindolanda gefunden wurden. Eine wichtige mit der Papyrologie verwandte (Hilfs-)Wissenschaften ist die Paläografie – die Lehre über die Schriftentwicklung: Da die Mehrzahl der Papyri nicht in Buchschrift, sondern in Kursive geschrieben ist, braucht man entsprechende Kenntnisse, um die Texte überhaupt entziffern zu können.

Herkunft der Papyri

Ptolemäerzeit und Ägypten als Provinz des Imperium Romanum

Zwischen 332 v. Chr., als Alexander der Große Ägypten eroberte, und 642 n. Chr., als das Land durch islamische Araber eingenommen wurde, war die Amts- und Verkehrssprache in Ägypten überwiegend Altgriechisch[1]. Nur die Papyri in dieser Sprache sowie die (recht wenigen) lateinischen Stücke werden von der Papyrologie behandelt. Die frühesten bislang bekannten griechischen Papyri aus Ägypten sind im frühen 3. Jahrhundert v. Chr. entstanden. Da die Araber einige Jahrzehnte an der herkömmlichen Verwaltung des Nillandes festhielten, wurde Griechisch dort erst 693 als Amtssprache abgeschafft.

Im Römischen Reich

Ein kleiner Teil der erhaltenen Papyri stammt aus anderen Bereichen des Römischen Reiches – denn im ganzen Imperium wurde dieses Material verwendet -, doch war die Voraussetzung für eine Erhaltung nirgends so günstig wie im ägyptischen Wüstensand. Bedeutende Papyrusfunde sind die Herculaneum Papyri aus Herculaneum (wo die Papyri durch die Asche des Vesuvs 79 n. Chr. zwar verkohlt wurden, aber erhalten blieben und dank moderner Technik lesbar gemacht werden können) oder die Papyri aus Dura Europos am Euphrat.

In anderen Sprachen

Auf Papyri gefundene Texte in ägyptischer Sprache (Hieratisch, Demotisch, Koptisch), in lateinischer Sprache, auf Hebräisch, Persisch, Arabisch und in anderen Sprachen fallen, wie gesagt, in den Bereich anderer Disziplinen (z. B. der Ägyptologie). Papyri aus der islamischen Zeit sind überwiegend Briefe, Urkunden, juristische Texte (Personen,- Erb-, Ehe- und Prozessrecht), ferner literarische, d.h. außerkoranische, Texte aus dem 9. Jahrhundert.[2]

Papyri werden in der Textkritik des Neuen Testaments mit dem Buchstaben P in Fraktur abgekürzt: \mathfrak{P}.

Auswertung und Aufbewahrung

Die Universität Heidelberg führt ein Gesamtverzeichnis aller publizierten griechischen Papyri Ägyptens[3]. Sehr viel stärker als im Falle der Epigraphik und Numismatik sind "normale" Altertumswissenschaftler in der Regel kaum in der Lage, mit uneditierten papyrologischen Quellen zu arbeiten, da nur wenige Experten über die notwendigen Spezialkenntnisse verfügen. Allenfalls Papyri, die in "Buchschrift" verfasst sind, erschließen sich auch den übrigen Forschern. Der Aufarbeitung und Edition der Papyri durch die Papyrologen kommt daher besondere Bedeutung zu, da von dieser im Grunde winzigen Spezialdisziplin Forscher unterschiedlichster Fachrichtungen (Philologen, Historiker, Philosophen, Archäologen, Religionswissenschaftler u. a.) abhängig sind.

Institute und Verbände

In Deutschland gibt es je eine Professur für Papyrologie an den Universitäten Heidelberg und Trier. Ferner befassen sich rechtsgeschichtliche Lehrstühle und Institute etwa in München[4], Freiburg[5], Marburg und Göttingen mit Papyrologie.

An der Universität Wien (Standort: Österreichische Nationalbibliothek wegen der dort untergebrachten Papyrussammlung, die mit 180.000 Objekten zu den größten der Welt zählt)[6] gibt es einen speziellen Arbeitsbereich für Papyrologie, der vom Altphilologen Hermann Harrauer ins Leben gerufen wurde. 2004 wurde die erste Professur für Papyrologie und Alte Geschichte eingerichtet, die an seinen ersten Diplomanden, Bernhard Palme, vergeben wurde. Papyrologie ist derzeit für Studierende der Alten Geschichte und Altertumskunde in Wien verpflichtend – eine Besonderheit im deutschsprachigen Raum.

Bedeutende Papyrussammlungen befinden sich in Deutschland in Gießen[7], Heidelberg[8], Halle[9], Jena[10], Köln[11], Leipzig[12], Marburg[13] und Trier[14].

An der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften existiert die Arbeitsstelle für Papyrologie – Epigraphik – Numismatik, begründet von Reinhold Merkelbach und gegenwärtig (2009) geleitet von Jürgen Hammerstaedt.

Berühmt und bedeutend ist die Sammlung der Oxyrhynchus Papyri in Oxford, die über 400.000 Stücke enthält.

In den Vereinigten Staaten gibt es nennenswerte Papyrussammlungen an der Universität Michigan[15] und an der Duke University in North Carolina[16].

Die Association Internationale de Papyrologues ist ein internationaler Verband zur Interessenvertretung und Projektförderung auf dem Gebiet der Papyrologie.

Siehe auch

Literatur

Einführungen

  • Nabia Abbott: Studies in Arabic Literary Papyri. 3 Bände. University of Chicago Press, Chicago IL 1957–1972.
    • Band 1: Historical Texts (= Oriental Institute Publications 75, ISSN 0069-3367). 1957;
    • Band 2: Qurʾānic Commentary and Tradition (= Oriental Institute Publications 76). 1967;
    • Band 3: Language and Literature (= Oriental Institute Publications 77). 1972, ISBN 0-226-62178-2.
  • Roger Bagnall: Reading papyri, writing ancient history. Routledge, London u. a. 1995, ISBN 0-415-09376-7.
  • Roger Bagnall: Egypt. From Alexander to the Copts. An archaeological and historical guide. British Museum Press, London 2004, ISBN 0-7141-1952-0.
  • Roger S. Bagnall, Bruce Frier: The demography of Roman Egypt (= Cambridge Studies in Population, Economy, and Society in past Time 23). Reprinted edition. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 1995, ISBN 0-521-46123-5.
  • Adolf Grohmann: Allgemeine Einführung in die arabischen Papyri nebst Grundzügen der arabischen Diplomatik. Burgverlag, Wien 1924.
  • Adolf Grohmann: Arabische Papyruskunde. In: Bertold Spuler, Hartwig Altenmüller (Hrsg.): Handbuch der Orientalistik. Abteilung 1: Der Nahe und Mittlere Osten. = The Near and Middle East. Ergänzungs-Band 2, Halbband 1. Brill, Leiden u. a. 1966, S. 49–118.
  • Adolf Grohmann: Chrestomathie de papyrologie arabe. Documents relatifs à la vie privée, sociale et administrative dans les premiers siècles islamiques (= Handbuch der Orientalistik. Abteilung 1: Der Nahe und Mittlere Osten. = The Near and Middle East. Ergänzungs-Band 2, Halbband 2). Retravaillée et élargie par Raif Georges Khoury. Brill, Leiden u. a. 1993, ISBN 90-04-09551-9.
  • Raif Georges Khoury: Die Bedeutung der arabischen literarischen Papyri von Heidelberg für die Erforschung der klassischen Sprache und Kulturgeschichte im Frühislam. In: Heidelberger Jahrbücher. Bd. 19, 1975, ISSN 0073-1641, S. 24–39 (mit Abbildungen arabischer Papyri).
  • Peter J. Parsons: Die Stadt des Scharfnasenfisches. Alltagsleben im antiken Ägypten. Aus dem Englischen von Yvonne Badal. Bertelsmann, München 2009, ISBN 978-3-570-00459-3 (zugleich eine gute populäre Einführung in die Arbeitsweise der Papyrologie).
  • Hans-Albert Rupprecht: Kleine Einführung in die Papyruskunde. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1994, ISBN 3-534-04493-2.

Zeitschriften/Periodika

Materialaufnahmen

  • Charikleia Armoni, James M. S. Cowey, Dieter Hagedorn (Hrsg.): Die griechischen Ostraka der Heidelberger Papyrus-Sammlung (= Veröffentlichung aus der Heidelberger Papyrussammlung. NF Heft 11). Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2005, ISBN 3-8253-5087-8.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Vgl. beispielsweise: Karl Sudhoff: Ärztliches aus griechischen Papyrus-Urkunden. Bausteine zu einer medizinischen Kulturgeschichte des Hellenismus (= Studien zur Geschichte der Medizin. Heft 5/6, ISSN 0256-2634). Barth, Leipzig 1909.
  2. Siehe die angegebene Literatur von N. Abbot, A. Grohmann und R.G. Khoury.
  3. Heidelberger Gesamtverzeichnis der griechischen Papyrusurkunden Ägyptens
  4. Leopold-Wenger-Institut für Rechtsgeschichte, Abteilung für Antike Rechtsgeschichte und Papyrusforschung
  5. Institut für Rechtsgeschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
  6. Papyrussammlung der Österreichischen Nationalbibliothek
  7. Giessener Papyrussammlungen
  8. Papyrus-Sammlung der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
  9. Papyrussammlung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
  10. Papyrussammlung der Friedrich-Schiller-Universität Jena
  11. Papyrus-Sammlung an der Universität zu Köln
  12. Papyrus- und Ostrakasammlung der Universitätsbibliothek der Universität Leipzig
  13. Papyrus-Sammlung am Institut für Rechtsgeschichte und Papyrusforschung der Philipps-Universität Marburg
  14. Papyrussammlung der Universität Trier
  15. Papyrussammlung der University of Michigan
  16. Papyrus Archive Duke University


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