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Normannen

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Das Wort Normanne bezeichnet romanisierte Skandinavier, die sich ab dem 9. Jahrhundert von der Normandie ausbreiteten.

Etymologie

Der Begriff Normanne wird als Synonym für Wikinger nicht mehr verwendet. Eigentlich handelt es sich dabei aber um einen Oberbegriff, der auch die Wikinger, wenigstens zum großen Teil, umfasste. In mittelalterlichen Chroniken werden die Bezeichnungen Dani und Nortmanni oft als Synonyme für Wikinger, Skandinavier oder Waräger verwendet. In den lateinischen Quellen des 9. und 10. Jahrhunderts werden sie auch als piratae (Seeräuber) oder pagani (Heiden) bezeichnet. Ermoldus Nigellus schreibt (übersetzt): „Dieses Volk nannte man früher mit einem Namen, der alt ist, Dänen (Deni) und auch jetzt noch nennt man sie stets so; doch Normannen benennt sie oft die fränkische Sprache, schnell und rasch sind sie, die Waffen brauchen sie geschickt.“[1] Auch in anderen Quellen erscheinen die Begriffe Dänen und Normannen als austauschbar, was daher rührt, dass sich die modernen skandinavischen Völkerschaften noch nicht herausgebildet hatten. Die fränkischen Reichsannalen schreiben von einem Land „Normannia”, womit nicht Norwegen, sondern Dänemark und alles, was nördlich davon liegt, gemeint ist. Adam von Bremen sagt, dass die Piraten Ascomanni genannt würden, nach der Art ihrer Schiffe. Liutprand von Cremona nennt Rusii/Rusi als zweiten Namen der nordmanni.[2] Bis heute hat sich dieser Name als Ruotsi im Finnischen für Schweden erhalten. Später ging der Name Rus von der skandinavischen Oberschicht des Kiewer Reichs auf die slawische Bevölkerung über, woraus unser Wort Russe abgeleitet ist. Hrabanus Maurus nennt die Normannen Marcomanni.[2] Der Begriff "Normane" wurde später auf die Bewohner der Normandie beschränkt, während die räuberischen Skandinavier als "wikinger" bezeichnet wurden.

Romanisierte Normannen

Normannische Gebiete im 12. Jahrhundert
Bronzene Löwen-Statue um 1100, italo-normannisch, heute im New Yorker Metropolitan Museum of Art

Bei den Romanen handelt es sich um die romanisierten Bewohner des französischen Herzogtums Normandie und deren Nachfahren in Süditalien und in England. Dieses Gebiet im Norden des heutigen Frankreich wiederum erhielt seinen Namen nach den Normannen oder Nordmännern (vgl. norwegisch nordmann, „Norweger“), die in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts in Nordfrankreich eindrangen und im Jahr 911 unter Herzog Rollo durch den Vertrag von Saint-Clair-sur-Epte das untere Seinebecken von Karl III. von Frankreich als Lehen empfingen. Der Friedensvertrag wurde aber nicht eingehalten. Rollo und sein Nachfolger Wilhelm Langschwert eroberten weitere angrenzende Gebiete, die dann als Belehnung König Rudolfs von Burgund ausgegeben wurden. Ganz allmählich verdrängte die kriegerische normannische Oberschicht den fränkischen Adel. In der Folge nahmen die Normannen die Langues d’oïl an und entwickelten eine eigenständige kulturelle Identität, die sie sowohl von ihren skandinavischen Vorfahren als auch von ihren frankogallischen Nachbarn unterschied. Das Herrschaftsgebiet wird erst im 11. Jahrhundert in den Quellen in seiner Ausdehnung klar. Die Christianisierung schritt schnell voran und die Kirche wurde eine Quelle der Identität.[3] In der Folgezeit wurden viele Klöster gegründet (oder wiedergegründet, weil die meisten existierenden Abteien von den Wikingern zerstört worden waren) und Kirchen erbaut. Um das Jahr 1000 kam es zu einem wirtschaftlichen Aufschwung, in dem die normannischen Herzöge den Bauern Privilegien gewährten und die Leibeigenschaft ablehnten. 1034 gründete Herluin die Abtei von Bec. Es wurde zu einem Zentrum des Geisteslebens, als Lanfranc und später Anselm, die späteren Erzbischöfe von Canterbury, dort Prior und Abt waren.

Rollo und seine Nachfolger bauten in der Normandie einen modernen Lehnsstaat auf. Rollo verschmolz das nordische Gefolgschaftsrecht mit dem fränkischen Lehnsrecht. Er führte eine neue Form der Vasallität ein, die ligisch genannt wurde und dem Vasallen größte Freiheiten einräumte, ihm sogar Bündnisse mit Nachbarn ermöglichte, ohne die Lehnstreue zu beeinträchtigen.[4]

In den süditalienischen Gebieten herrschten sie seit ungefähr 1030. Einzelne Normannengruppen dehnten mit dem beginnenden 11. Jahrhundert ihre Streifzüge bis in den Mittelmeer-Raum aus und setzten sich in der Gegend um Neapel, bei Aversa und Capua fest. Schließlich erlangten sie in beinahe ganz Süditalien und Sizilien die Herrschaft, das sie von den Sarazenen eroberten.


Im Jahr 1066 eroberte der normannische Herzog Wilhelm England nach der Schlacht bei Hastings.

Edgar Ætheling, einer der Konkurrenten Wilhelms um den englischen Thron, floh schließlich nach Schottland. König Malcolm III. heiratete Margaret, die Schwester Edgars, und stand damit in Opposition zu Wilhelm, der schon die südliche Grenzen von Schottland in Frage gestellt hatte. Im Jahre 1072 überfiel Wilhelm Schottland und ritt bis Abernethy, wo er sich mit seiner Flotte traf. Malcolm unterwarf sich Wilhelm und huldigte ihm, er gab ihm seinen Sohn Duncan als Geisel. Seitdem gab es immer wieder Streit darüber, ob die schottische Krone dem König von England Gehorsam schulde.

Normannen kamen nach Schottland, bauten Burgen und begründeten Adelsfamilien die künftige Könige wie Robert I. stellten. Sie gründeten auch einige schottische Klane. Alexander I., der ältere Bruder von König David I. heiratete Sybilla von Normandie. David I. stellte normannische Kultur den Schotten vor und verbrachte Zeit auf dem Hof von König Heinrich I., der selbst Edith von Schottland, die Schwester Davids heiratete. Um das Königreich von seinem Halbbruder, Máel Coluim mac Alaxandair wegzunehmen, musste David viele Menschen mit Ländereien belohnen. Das Verfahren wurde unter den Nachfolgern Davids fortgesetzt, am meisten unter Wilhelm I. Das von den Normannen stammende Feudalsystem wurde in unterschiedlichem Ausmaß in großen Teilen Schottlands aufgestellt. Schottische Familien wie die Bruce, Ramsay, Fraser, Ogilvie, Montgomery, Sinclair, Pollock, Douglas oder Gordon, auch das spätere Haus Stuart sind alle auf normannische Wurzeln zurückzuführen.


Kultur

Im 11. Jahrhundert war die Normandie der Standort vieler wichtiger Entwicklungen in der Geschichte klassischer Musik. Abtei Fécamp und Abtei Saint-Évroult waren Zentren von Musikproduktion und musikalischer Bildung. Bei Fécamp, unter italienischen Äbten Wilhelm von Dijon und Johann von Ravenna wurde das System der Notendarstellung durch Buchstaben entwickelt und gelehrt. Heute ist es in englisch- und deutschsprachigen Ländern immer noch die meist verbreitete Form der Tonhöhendarstellung. Auch bei Fécamp wurde das Notensystem – worum die Neumen orientiert wurden – erstmals im 11. Jahrhundert entwickelt und gelehrt. Unter dem deutschen Abt Isembard wurde La Trinité-du-Mont zu einem Zentrum der Musikkomposition.

Bei Saint-Évroult entwickelte sich die Tradition des Singens, und der Chor der Abtei wurde berühmt in der Normandie. Unter dem normannischen Abt Robert de Grantmesnil flohen mehrere Äbte von Saint-Évroult nach Süditalien. Dort wurden sie von Robert Guiscard unterstützt und gründeten ein lateinisches Kloster bei Sant'Eufemia. Dort setzten sie die Tradition des Singens fort.

Siehe auch

Quellen

  • Annales fuldenses - Jahrbücher von Fulda. Darmstadt 1975 (lateinisch-deutsch)
  • „Jahrbücher von St. Bertin“. In: Quellen zur karolingischen Reichsgeschichte Teil II. Lateinisch–Deutsch. Übs. von Reinhold Rau. Darmstadt 1972. S. 11–287.
  • Gregor von Tours: Zehn Bücher Geschichten. Darmstadt 1977. (lateinisch - deutsch)
  • R. A. B. Mynors: The Panegyrici Latini. Oxford 1964.
  • Ermoldi Nigelli Carmina. In: Diese Reihe der Monumenta Germaniae Historica ist nicht bekannt
  • Snorri Sturluson: Heimskringla. Thule Altnordische Dichtung und Prosa Bd. 14. Darmstadt 1965

Literatur

  • Régis Boyer: Die Wikinger. Aus dem Französischen von Linda Gränz, Klett-Cotta, Stuttgart 1995, ISBN 3-608-93191-0.
  • Richard A. Brown: Die Normannen. München u.a. 1988. (Rezension)
  • Torsten Capelle: Kunst- und Kulturgeschichte der Wikinger. (Grundzüge, Bd. 63)
  • Hubert Houben: Die Normannen. Beck, München 2012, ISBN 3-406-63727-2.
  • Andreas Mohr: Das Wissen über die Anderen. Zur Darstellung fremder Völker in den fränkischen Quellen der Karolingerzeit (Studien und Texte zum Mittelalter und zur frühen Neuzeit, Bd. 7). Berlin u.a. 2005 (grundlegend zur Darstellung der Normannen in fränkischen Quellen sowie zu den Kulturkontakten der frühmittelalterlichen Normannen zum christlichen Festlandeuropa).
  • Francois Neveux: La Normandie des duces aux rois Xe-XIIe siècle. Rennes 1998.
  • Alheydis Plassmann: Die Normannen. Erobern – Herrschen – Integrieren. Kohlhammer, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-17-018945-4 (Rezension)
  • Trevor Rowley: Die Normannen. Magnus, Essen 2002, ISBN 3-88400-017-9.
  • Peter H. Sawyer: The Age of the Vikings. London u.a. 1962.
  • Rudolf Simek: Die Wikinger. 5. Auflage. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-41881-5
  • Ian Heath u.a.: Wikinger und Normannen. Siegler, St. Augustin 2003, ISBN 3-87748-630-4.

Lexika

Weblinks

Wiktionary: Normanne – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Anmerkungen

  1. In honorem Hludowici IV, 11–14. In: Diese Reihe der Monumenta Germaniae Historica ist nicht bekannt
  2. 2,0 2,1 Springer S. 364
  3. Strauch S. 367
  4. Strauch S. 367.
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