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Mohammed Mursi

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Mohammed Mursi, 2013
Unterschrift von Mohammed Mursi

Mohammed Mohammed Mursi Isa al-Ayyat[1][2][3] (arabisch ‏محمد محمد مرسي عيسى العياط‎, DMG Muḥammad Muḥammad Mursī ʿĪsā al-ʿAiyāṭ; * 20. August 1951 in Al-Adwah, Gouvernement asch-Scharqiyya) ist ein ägyptischer Politiker und Materialwissenschaftler. Seit dem 30. Juni 2012 ist er Staatspräsident der Arabischen Republik Ägypten. Er war bis dahin Vorsitzender der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei[4], die von der Muslimbruderschaft nach der Revolution in Ägypten 2011 gegründet worden war.

Persönliches, Studium und Professur

Mursi wuchs in dem kleinen nordägyptischen Dorf Al-Adwah im Nildelta als ältester von fünf Söhnen eines Landwirts und einer Hausfrau auf.[1][5] Aufgrund guter Schulnoten erhielt er einen Platz an der Universität Kairo,[5] wo er 1975 einen Bachelor in Ingenieurswissenschaften erwarb.[2] Von 1975 bis 1976 diente er in den ägyptischen Streitkräften als Soldat (engl.: Private) in der Chemiewaffenabteilung der zweiten Infanteriedivision.[1] Anschließend setzte er sein Studium fort und schloss es 1978 mit einem Master in Metallurgie ab.[2]

Mursi ist sunnitischer Muslim. Er ist seit 1979 verheiratet mit seiner elf Jahre jüngeren Cousine Naglaa Ali Mahmoud, welche zum Zeitpunkt der Hochzeit siebzehn Jahre alt war.[6][7] Drei Tage nach der Hochzeit ging Mursi in die USA, wo er bis 1982 an der University of Southern California promovierte.[2] Nachdem sie die Schule abgeschlossen hatte, zog seine Frau zu ihm nach Los Angeles. Dort wurden die ältesten beiden der fünf Kinder des Ehepaares geboren, die somit neben der ägyptischen auch die amerikanische Staatsbürgerschaft haben.[8][7]

Nach seiner Promotion war Mursi als Dozent an den Universitäten Kairo und Südkalifornien und an der California State University in Northridge tätig. 1985 ging er mit seiner Familie endgültig zurück nach Ägypten, um eine Professur an der Universität Zagazig anzunehmen, welche er bis 2010 innehatte. Er war dort Direktor der Abteilung für Materialwissenschaft.[2][5] Um nebenher zusätzliches Geld zu verdienen, reiste Mursi wie viele ägyptische Professoren herum und unterrichtete unter anderem von 1988 bis 1992 an einer libyschen Universität.[7]

Politischer Werdegang

Mohammed Mursi im Präsidentschaftswahlkampf 2012

Erstmals in Kontakt mit der Muslimbruderschaft kam Mursi bereits 1977[9] während seines Studiums an der Universität Kairo, die in den 70er Jahren eine Brutstätte des Islamismus war.[5] Formell trat er der Bruderschaft 1979 bei[1] und hatte auch während seines Aufenthalts in Los Angeles Kontakt zu dortigen Vertretern.[7] Nach seiner Rückkehr aus den USA stieg Mursi innerhalb der Muslimbruderschaft rasch auf. Seit den 1990er Jahren war er der oberste politische Stratege der Organisation und für zahlreiche Wahlkämpfe verantwortlich. Da die Muslimbrüder während des Mubarak-Regimes als religiöse Partei nicht an Wahlen teilnehmen durften, kandidierten sie als unabhängige Kandidaten. Als solcher wurde Mursi bei den Parlamentswahlen 2000 zum Abgeordneten seines Heimatwahlkreises Zagazig gewählt. Er nahm im Parlament bis 2005 die Rolle eines Fraktionschefs derjenigen Parlamentarier wahr, die den Muslimbrüdern angehörten.[10]

Als Mitglied der Führungsriege der Muslimbruderschaft beteiligte sich Mursi in der Regierungszeit Mubaraks an regierungskritischen Demonstrationen und wurde dabei mehrfach verhaftet, zuletzt 2011.[2] Nach dem Sturz Mubaraks gründeten die Muslimbrüder die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei und wählten Mursi am 30. April 2011 zum ersten Parteivorsitzenden der neuen Partei.

Als solcher trat er für seine Partei bei der Präsidentschaftswahl 2012 an. Ursprünglich sollte Chairat el-Schater für die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei antreten und Mursi Parteivorsitzender bleiben, doch die Kandidatur El-Schaters wurde von der Wahlkommission nicht zugelassen. Im ersten Wahlgang erhielt Mursi mit 24,78 % die meisten Stimmen[11] und trat Mitte Juni in einer Stichwahl gegen den unabhängigen Kandidaten Ahmad Schafiq an, gegen den er mit 51,7 % der gültigen Stimmen gewann.[12] Mit seiner Vereidigung am 30. Juni 2012 trat Mursi sein Amt als fünfter Präsident Ägyptens an.[13]

Positionen

Innenpolitik

Vor allem während der ersten Runde des Präsidentschaftswahlkampfes machte Mursi sich mehrfach das Motto der Muslimbrüder zu eigen: „Der Koran ist unsere Verfassung. Der Prophet ist unser Führer. Der Dschihad ist unser Weg. Der Tod für Gott ist unser nobelster Wunsch.“[14][15] Im Kampf um den Stichwahlsieg hingegen wählte er eine deutlich zurückhaltendere Rhetorik: „Ich will einen demokratischen, zivilen und modernen Staat.“[15] In seiner Antrittsrede versprach Mursi, Präsident aller Ägypter sein zu wollen.[4] Er legte daher mit Bekanntwerden seines Wahlsieges am 24. Juni 2012 den Vorsitz der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei nieder und beendete seine Mitgliedschaft bei den Muslimbrüdern.[4] Inhaltlich beschränkten sich sowohl das Wahlkampfmanifest der Muslimbrüder als auch Mursis Wahlkampfreden im Wesentlichen auf allgemein gehaltene Ziele wie die Stärkung der ägyptischen Wirtschaft durch mehr Freiheit für kleine und mittlere Unternehmen, die Bekämpfung der Korruption, die Restrukturierung des Staats- und Sicherheitsapparates und eine Reform des Schulsystems, um Ägypten zu einer Wissensgesellschaft zu machen.[16][1] Mit konkreten Forderungen hinsichtlich politischer Maßnahmen hielt sich Mursi auch nach seinem Wahlsieg weitgehend zurück.[17] In den ersten Monaten seiner Präsidentschaft war Mursi hauptsächlich auf die Stärkung seiner Befugnisse bedacht, was zu Machtkämpfen mit dem Militärrat und der Justiz führte (siehe unten). Zudem war er bestrebt, die verfassungsgebende Versammlung zu unterstützen, und befürwortete die von ihr erarbeitete Verfassung trotz der vielfach geäußerten Kritik, die Verfassung sei zu stark islamisch geprägt und schütze die Rechte von Frauen und Minderheiten nicht ausreichend.[18] Anfang 2013 gab die ägyptische Regierung bekannt, den Verkauf alkoholischer Getränke in einigen Städten verbieten zu wollen, was als erstes Anzeichen der seit Mursis Amtsübernahme von vielen erwarteten bzw. befürchteten strengeren Durchsetzung islamischer Regeln im gesellschaftlichen Leben gewertet wird.[19] Zwar wurde ein Verbot nicht durchgesetzt, jedoch eröffnete in Mursis Amtszeit das erste alkoholfreie Hotel in Ägypten unter dem Namen „Les Rois Hotel“ in der Stadt Hurghada.[20]

Außenpolitik

Mursi gilt als kritisch gegenüber dem Staat Israel,[21] unter anderem, da er Gründungsmitglied des Ägyptischen Projektkomitees zum Widerstand gegen den Zionismus ist.[2] In einer vom ägyptischen Fernsehen ausgestrahlten Ansprache nach Bekanntgabe seines Wahlsieges sicherte Mursi jedoch die Einhaltung der von Ägypten geschlossenen internationalen Verträge zu, zu denen auch der Friedensvertrag mit Israel von 1979 zählt.[4] Allerdings sicherte Mursi auch der im Gazastreifen herrschenden Hamas, die das Existenzrecht Israels nicht anerkennt, bei einem Treffen mit ihrem Chef Chalid Maschal am 19. Juli 2012 Unterstützung zu.[22] Die Tötung des Militärchefs der Hamas, Ahmed al-Dschabari, durch einen israelischen Luftangriff am 14. November 2012 als Reaktion auf palästinensische Raketenangriffe auf den Süden Israels bezeichnete Mursi als „inakzeptable Aktion“.[23][24] Er beorderte Premierminister Hescham Kandil in den Gazastreifen, um der Hamas die Unterstützung Ägyptens zu bekunden, und kündigte an, sich um das Ende der israelischen Offensive bemühen zu wollen.[23][24] Anfang 2013 wurden mehrere antisemitische Aussagen Mursis aus der Zeit vor seiner Präsidentschaft bekannt.[25] In einem Video aus dem Jahr 2010 bezeichnet er „Zionisten“ als „Blutsauger, die Palästinenser angreifen, diese Kriegstreiber, diese Nachkommen von Affen und Schweinen“.[26] Ebenfalls 2010 rief er in einer Rede vor Mitgliedern der Ärztekammer des Gouvernements asch-Scharqiyya dazu auf, „unseren Kindern und Enkelkindern den Hass auf die Zionisten und die Juden beizubringen. Mit diesem Hass müssen wir sie füttern, er muss erhalten bleiben.“[27] Als Mursi bei seinem Deutschlandbesuch am 30. Januar 2013 auf diese Aussagen angesprochen wurde, relativierte er sie dahingehend, dass keinesfalls das Judentum als solches gemeint gewesen sei, sondern lediglich solche Personen, die Blutvergießen unter Unschuldigen angerichtet hätten.[28]

Im seit Jahrzehnten angespannten Verhältnis zwischen Ägypten und dem Iran ist Mursi nach eigener Aussage um Entspannung bemüht, um ein strategisches Gleichgewicht in der Region zu schaffen.[29] Als erster ägyptischer Präsident seit der Islamischen Revolution im Iran 1979 besuchte er anlässlich des Treffens der blockfreien Staaten am 30. August 2012 den Iran. Allerdings bezeichnete er in seiner dortigen Rede den syrischen Präsidenten Assad als Anführer eines Unterdrückerregimes, was die mit Syrien verbündete iranische Regierung verärgerte,[30] sodass das Verhältnis der beiden Staaten nach wie vor angespannt ist und keine offiziellen diplomatischen Beziehungen unterhalten werden.[31] Dennoch empfing Mursi den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad am 5. Februar 2013 zu einen Staatsbesuch in Ägypten.[31]

Präsidentschaft

Machtkampf mit dem Militärrat

Mursis Befugnisse als Präsident waren zu Beginn seiner Amtszeit weitgehend unklar, da die neue Verfassung noch ausgearbeitet wurde und somit die Kompetenzen der einzelnen Staatsorgane nicht genau festgelegt waren.[21] Nach Einschätzung von Beobachtern stand Mursi daher hauptsächlich vor der Schwierigkeit, sich gegenüber dem nach wie vor mächtigen Militärrat durchzusetzen.[32][33] Dieser hatte die Befugnisse des Präsidenten kurz vor Mursis Amtsantritt dahingehend beschränkt, dass der Militärrat den alleinigen Oberbefehl über die Streitkräfte und die Entscheidungsmacht über die Streitkräftefinanzen hatte; zudem durfte der Präsident keine Ernennungen oder Beförderungen im Militär vornehmen.[21]

Seinen Amtseid wollte Mursi ursprünglich vor dem Parlament ablegen, doch dieses war zuvor aufgrund eines Urteils des Verfassungsgerichts vom Militärrat aufgelöst worden.[34] Die offizielle Vereidigung am 30. Juni 2012 in Kairo fand daher auf Drängen des Militärrats vor dem Verfassungsgericht statt.[35] Jedoch legte Mursi am Vortag auf dem Tahrir-Platz in Kairo einen symbolischen Amtseid vor Zehntausenden Anhängern ab, um seine Verbundenheit mit dem Volk zu zeigen und dem Militärrat die Stirn zu bieten.[34] Er schwor bei Gott, „das republikanische System zu wahren, die Verfassung und das Gesetz zu achten, die Interessen des Volkes umfassend zu schützen sowie die Unabhängigkeit der Nation und die Sicherheit des Staatsgebiets zu bewahren.“[34]

Am 8. Juli 2012 forderte Mursi das aufgelöste Parlament ungeachtet der Verfassungsgerichtsentscheidung per Dekret auf, seine Arbeit wieder aufzunehmen,[36][37] was dieses am 10. Juli auch tat.[38] Zudem ordnete Mursi vorgezogene Wahlen innerhalb von 60 Tagen nach Annahme einer neuen Verfassung durch Referendum an,[36] worüber das Parlament bei seinem Zusammentreffen beriet.[38] Der Militärrat, dessen Entscheidung zur Auflösung des Parlaments somit übergangen wurde, kam zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen,[39] äußerte sich jedoch nicht zu dem Vorgang.[38]

Am 19. Juli ordnete Mursi die Freilassung von 572 Gefangenen an, die in der Zeit seit dem Sturz Mubaraks vom Militärrat verurteilt worden waren. Somit sind über 10.000 der insgesamt knapp 12.000 durch den Militärrat inhaftierten Zivilisten wieder auf freiem Fuß.[22]

Am 12. August 2012 berief Mursi Mahmud Mekki zu seinem Vizepräsidenten und entließ Muhammed Hussein Tantawi, den Vorsitzenden des Militärrats, in den Ruhestand. Sein Nachfolger wurde Abd al-Fattah as-Sisi. Zudem erklärte Mursi die seine Position einschränkenden Verfassungszusätze für unwirksam, die der Militärrat kurz vor der Vereidigung Mursis beschlossen hatte. Mit diesen Verfassungszusätzen und der Auflösung des zur Jahreswende gewählten Parlaments hatte der Militärrat ungewöhnlich viel Macht in seinen Händen konzentriert, was durch Mursis Maßnahmen teilweise revertiert wurde.[40][41][42][43] Dennoch ist der Militärrat nach Einschätzung von Experten nach wie vor mächtig; einige Beobachter sind sogar der Ansicht, jede ägyptische Regierung – einschließlich Präsident Mursi – könne sich nur halten, sofern sie vom Militärrat toleriert werde.[44]

Machtkampf mit der Justiz und Durchsetzung der neuen Verfassung

Ein weiterer innenpolitischer Machtkampf bahnte sich im Oktober 2012 zwischen Präsident Mursi und der Justiz an, als Mursi versuchte, den ägyptischen Generalstaatsanwalt Abdel Meguid Mahmud seines Amtes zu entheben. Nach Ansicht einiger Regierungspolitiker waren unzureichende Ermittlungsmaßnahmen Mahmuds der Grund, weshalb 24 ranghohe Beamte des gestürzten Staatschefs Husni Mubarak vom Vorwurf der Verantwortung für die Niederschlagung von Demonstrationen im Februar 2011 freigesprochen worden waren. Mahmud wurde vorgeworfen, er stehe noch immer auf Seiten der alten Führung. Mahmud betonte hingegen die Unabhängigkeit der Justiz und weigerte sich, seinen Posten abzugeben. Unterstützung erhielt er dabei von ranghohen Richtern. In der Folge kam es am 12. Oktober auf dem Tahrir-Platz bei Protesten gegen die Politik Mursis zu gewaltsamen Ausschreitungen zwischen Anhängern und Kritikern Mursis, wobei rund 200 Menschen verletzt wurden. Am Tag darauf lenkte Mursi ein und nahm die Entlassung Mahmuds zurück.[45][46]

Mitte November 2012 verschärfte sich aufgrund hunderter Raketenangriffe der im Gazastreifen herrschenden Hamas auf Ziele in Israel einmal mehr der Israelisch-Palästinensische Konflikt, was zu einer israelischen Offensive gegen den Gazastreifen („Operation Wolkensäule“) führte. Bei den anschließenden internationalen Bemühungen um einen Waffenstillstand zwischen den Konfliktparteien nahm Mursi eine zentrale Rolle ein und legte den Vorschlag vor, welcher am 21. November von Israel und der Hamas angenommen wurde. Dies werteten Beobachter als Zeichen für eine gestärkte Rolle Mursis in der Nahostregion.[47]

Am Tag darauf, dem 22. November 2012, erließ Mursi, gestärkt durch seinen jüngsten außenpolitischen Erfolg, neue Verfassungszusätze, welche die seit Mursis Amtsübernahme erlassenen Gesetze und Dekrete bis zur Verabschiedung einer neuen Verfassung für nicht durch die Justiz oder andere Staatsorgane anfechtbar erklärten. Zudem wurde Generalstaatsanwalt Abdel Mahmud erneut seines Postens enthoben und es wurde angeordnet, die Verfahren gegen Mitglieder des alten Regimes, einschließlich Mursis Vorgängers Mubarak, neu aufzurollen, ebenso wie die Prozesse wegen der Tötungen während der Proteste im Frühjahr 2011.[48] Die Dekrete zogen in der ägyptischen Gesellschaft und international starke Kritik auf sich,[49] da die Gewaltenteilung durch sie faktisch abgeschafft wurde.[50][51][52] So äußerte Friedensnobelpreisträger Mohammed el-Baradei, dass Mursi sich als „neuer Pharao“ geriere.[53][54][55] Es kam zu Massenprotesten gegen die Erlässe, in deren Folge bei heftigen Zusammenstößen zwischen Anhängern und Gegnern Mursis mindestens fünf Menschen starben.[56][57]

In den Dekreten ordnete Mursi zudem an, dass die Verfassunggebende Versammlung und der Schura-Rat nicht durch Gerichtsbeschlüsse aufgelöst werden durften,[48] womit er einer eventuellen dahingehenden Entscheidung des Verfassungsgerichts zuvorkommen wollte. Anhänger Mursis blockierten in der Folge den Zugang zum Gerichtsgebäude, um die Verfassungsrichter daran zu hindern, dennoch über die Verfassungsmäßigkeit der Verfassungsgebenden Versammlung zu entscheiden.[58] Aus Protest gegen das seiner Meinung nach verfassungswidrige Vorgehen Mursis beschloss der ägyptische Richter-Club einen Boykott der Volksabstimmung über den von der Verfassungsgebenden Versammlung erarbeiteten neuen Verfassungsentwurf.[59] Dies wäre problematisch gewesen, da nach ägyptischem Recht alle Wahlen von Richtern beaufsichtigt werden müssen.[59] An dem geplanten Termin für die Volksabstimmung, dem 15. Dezember, hielt Mursi dennoch fest.[60]

Aufgrund anhaltender Massenproteste lenkte Mursi schließlich am 8. Dezember ein und annullierte seine umstrittenen Sondervollmachten.[60][61] Damit folgte er der Empfehlung eines Gremiums aus Juristen und Politikern, welches er zuvor selbst zur Lösung des Konflikts einberufen hatte und an dessen Entscheidung er sich vorab gebunden hatte.[60] Da dennoch ein Teil der Richter das Verfassungsreferendum boykottierte, wurde es in zwei Etappen am 15. und am 22. Dezember 2012 abgehalten. Die neue Verfassung wurde mit knapp 64 Prozent der Stimmen angenommen[62] und am 26. Dezember 2012 von Präsident Mursi unterzeichnet, womit sie in Kraft trat.[63]

Am 27. März 2013 zeigte sich, dass der Machtkampf zwischen Mursi und der Justiz fortdauert, denn ein Berufungsgericht in Kairo erklärte die im November 2012 erfolgte Ersetzung von Generalstaatsanwalt Abdel Mahmud durch Talaat Ibrahim Abdallah für ungültig und ordnete die Wiedereinsetzung Mahmuds in sein Amt an.[64] Während Mahmud vielen Muslimbrüdern als Anhänger des gestürzten Mubarak gilt, sah die Opposition in Abdallah einen Erfüllungsgehilfen Mursis und der Muslimbruderschaft.[65]

Umgang mit Unruhen 2013

Im Januar 2013 nahmen in der ägyptischen Gesellschaft Protestbewegungen zu, unter anderem aufgrund von Aufrufen liberaler und linker Oppositionsgruppen zu Demonstrationen gegen Präsident Mursi, die Regierung und die neue Verfassung. Geschürt wurden die Unruhen durch die schlechte wirtschaftliche Lage Ägyptens und eine damit verbundene hohe Arbeitslosigkeit sowie einen zunehmenden Hass auf die nach Ansicht der Opposition hilflos agierende Regierung und die weiterhin nicht reformierten Sicherheitskräfte.[66] Hinzu kam, dass am 26. Januar ein Gericht in Port Said insgesamt 21 Fußball-Hooligans wegen tödlicher Ausschreitungen im Vorjahr zum Tode verurteilte, wogegen in Port Said zahlreiche Menschen protestierten und unter anderem versuchten das Gefängnis zu stürmen, in welchem die Verurteilten einsaßen.[67] Nachdem die Ausschreitungen bereits mehr als 30 Todesopfer gefordert hatten, entschloss sich Präsident Mursi am 28. Januar dazu, in den Großstädten Port Said, Sues und Ismailia den Notstand auszurufen und eine nächtliche Ausgangssperre zu verhängen. Die Opposition lud er zu Gesprächen ein,[68] was diese allerdings umgehend ablehnte, da ein Dialog ohne vorheriges Entgegenkommen Mursis „reine Zeitverschwendung“ sei.[69] Zudem verabschiedete das Oberhaus ein von der Regierung vorgelegtes Gesetz, das Mursi die Möglichkeit gibt, die Armee bis zu den geplanten Unterhauswahlen nach eigenem Ermessen zusammen mit der Polizei im Landesinnern zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit einzusetzen.[70][71] In den darauffolgenden Tagen ging die Polizei mit harten Maßnahmen gegen Demonstranten vor. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kritisierte die Polizeigewalt[72] und zählte mindestens 45 Tote sowie über 1.000 Verletzte.[73] Nachdem ein Video öffentlich geworden war, das die schwere Misshandlung eines Demonstranten durch Polizisten zeigt, forderten die wichtigsten Oppositionsgruppen am 3. Februar erstmals geschlossen Mursis Rücktritt.[74] In einer Erklärung zeigte sich Mursi „schmerzerfüllt angesichts dieser schockierenden Bilder“, betonte aber, dies sei ein Einzelfall, und stellte im Gegensatz zu seinem Innenminister keinen Rücktritt in Aussicht.[74]

Literatur

Weblinks

 Commons: Mohamed Morsi – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 Profile: Egyptian presidential frontrunner Mohamed Mursi, Asharq Alawsat Newspaper, 25. Mai 2012 (englisch, abgerufen am 19. Januar 2013)
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 2,5 2,6 Biografie, Union of Islamic World Students, 14. Mai 2013 (englisch, abgerufen am 22. Januar 2013)
  3. 13 Kandidaten kämpfen um Mubaraks Nachfolge, Die Zeit, 26. April 2012
    Ein Volk vor dem Fernseher: Ägypter verfolgen erstes TV-Duell der Geschichte, Focus, 10. Mai 2012
    Tomas Avenarius: Wahlkampf in Ägypten: Kulturrevolution im TV-Studio, Süddeutsche Zeitung, 13. Mai 2012
  4. 4,0 4,1 4,2 4,3 Ägyptens neuer Präsident – Islamist Mursi schlägt versöhnliche Töne an, Stern, 25. Juni 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013)
  5. 5,0 5,1 5,2 5,3 Muhammad Morsi - An ordinary man, The Economist, 30. Juni 2012 (englisch, abgerufen am 19. Januar 2013)
  6. Morsi’s wife prefers ‘first servant’ to first lady, The Globe and Mail, 28. Juni 2012 (englisch, abgerufen am 22. Januar 2013)
  7. 7,0 7,1 7,2 7,3 Egypt’s Everywoman Finds Her Place Is in the Presidential Palace, The New York Times, 27. Juni 2012 (englisch, abgerufen am 19. Januar 2013)
  8. Egypt's Morsy goes from prisoner to president, Reuters, 24. Juni 2012 (englisch, abgerufen am 22. Januar 2013)
  9. Morsi inaugurated in Egypt, McClatchy, 30. Juni 2012 (englisch, abgerufen am 22. Januar 2013)
  10. thenational.ae: Mohammed Morsi: Egypt's accidental president, The National, 25. Juni 2012 (englisch, abgerufen am 22. Januar 2013)
  11. Mursi, Shafiq officially in Egypt's presidential elections runoffs, Ahram Online, 28. Mai 2012 (englisch, abgerufen am 29. Mai 2012)
  12. Ergebnis des zweiten Wahlgangs der Präsidentschaftswahlen Tagesschau.de, 24. Juni 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013)
  13. Morsi sworn in as Egypt's president, promises new era - Egypt's 5th head of state launches power struggle with military, CBCnews World, 30. Juni 2012 (englisch, abgerufen am 22. Januar 2013)
  14. Egyptian President Mohammed Morsi: “Jihad Is Our Path & Death in the Name of Allah Is Our Goal”, Human Events, 24. Juni 2012 (englisch, abgerufen am 22. Januar 2013)
  15. 15,0 15,1 Die Muslimbrüder in Ägypten werden mächtiger, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 27. Juni 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013)
  16. More rhetoric than substance, Al-Ahram Weekly, 3. Mai 2012 (englisch, abgerufen am 19. Januar 2013)
  17. Star für eine Nacht, Die Tageszeitung (TAZ), 25. Juni 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013)
  18. Ägypter geben sich islamisch geprägte Verfassung, Süddeutsche Zeitung, 25. Dezember 2012 (abgerufen am 19. Januar 2013)
  19. Ägypten will den Verkauf von Alkohol einschränken, Die Welt, 19. Februar 2013 (abgerufen am 20. Februar 2013)
  20. Erstes alkoholfreies Hotel in Hurghada eröffnet Die Welt, 30. April 2013 (abgerufen am 23. Mai 2013)
  21. 21,0 21,1 21,2 Wahlgewinner Mursi – Ägyptens machtloser Präsident, Stern, 25. Juni 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013)
  22. 22,0 22,1 Mursi ordnet Freilassung hunderter Inhaftierter an, Yahoo! Nachrichten, 20. Juli 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013)
  23. 23,0 23,1 Ägypten mischt sich in israelisch-palästinensischen Konflikt ein, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 15. November 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013)
  24. 24,0 24,1 Ägypten mischt sich in israelisch-palästinensischen Konflikt ein, Yahoo! Nachrichten, 15. November 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013)
  25. Ist Mursi wirklich so schlimm? - Seite 2/2: - Mursi ist ein Antisemit Zeit Online, 30. Januar 2013 (abgerufen am 4. Februar 2013)
  26. Ägyptens Präsident Mursi und der Antisemitismus „Diese Nachkommen von Affen und Schweinen“, Süddeutsche Zeitung online, 15. Januar 2013 (abgerufen am 17. Januar 2013)
  27. Antisemitische Äußerungen des ägyptischen Präsidenten „Nachfahren von Affen und Schweinen“ tagesschau.de vom 17. Januar 2013, Tagesschau.de, 17. Januar 2013 (abgerufen am 17. Januar 2013)
  28. Besuch hat abruptes Ende - Mursi bricht Diskussion ab n-tv.de, 30. Januar 2013 (abgerufen am 4. Februar 2013)
  29. Ägypten stärkt Beziehung zum Iran, Frankfurter Rundschau, 24. Juni 2012 (abgerufen am 2. September 2012)
  30. Ägyptens Präsident Mursi wirbt für Revolution in Syrien, Stuttgarter Zeitung, 30. August 2012 (abgerufen am 2. September 2012)
  31. 31,0 31,1 Ahmadinedschad besucht Ägypten, Yahoo! Nachrichten, 5. Februar 2013 (abgerufen am 5. Februar 2013)
  32. Ägyptens Präsident Mursi vereidigt – Die Geburt der zweiten Republik, SWR.de, 30. Juni 2012 (abgerufen am 30. Juni 2012, nicht mehr abrufbar)
  33. Wenig Spielraum für Ägyptens neuen Staatschef, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V., 26. Juni 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013)
  34. 34,0 34,1 34,2 Mursi legt symbolischen Amtseid ab: „Ich fürchte niemanden außer Gott“, Tagesschau.de, 29. Juni 2012 (abgerufen am 30. Juni 2012).
  35. Neuer ägyptischer Präsident Mursi legt Amtseid ab, Die Welt, 30. Juni 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013).
  36. 36,0 36,1 Mursi setzt Parlament wieder ein Süddeutsche Zeitung, 8. Juli 2012 (abgerufen am 9. Juli 2012, nicht mehr abrufbar)
  37. Muslimbruder Mursi fordert die Generäle heraus, Die Welt, 8. Juli 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013)
  38. 38,0 38,1 38,2 Ägyptens Parlament tagt trotz Auflösung durch Militärrat, Yahoo! Nachrichten, 10. Juli 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013)
  39. Ägyptens Präsident setzt aufgelöstes Parlament wieder ein, Schweizer Radio und Fernsehen, 9. Juli 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013).
  40. Präsident Mursi entlässt Armeechef Tantawi. Eklat in Ägypten. Neue Zürcher Zeitung, 12. August 2012, abgerufen am 22. Januar 2013.
  41. Ägyptens Präsident bricht Macht der Militärs. Verteidigungsminister Tantawi entlassen. Süddeutsche Zeitung, 12. August 2012, abgerufen am 22. Januar 2013.
  42. Ägyptens Präsident Mursi feuert Armeechef Tantawi. Machtkampf. Spiegel Online, 12. August 2012, abgerufen am 22. Januar 2013.
  43. Mursi greift in Ägypten nach der ganzen Macht. Verteidigungsminister entlassen. Focus Online, 12. August 2012, abgerufen am 22. Januar 2013.
  44. Ägypten: Kein Kompromiss in Sicht, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V., 19. Dezember 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013)
  45. Ägyptens Generalstaatsanwalt darf Posten doch behalten, Der Standard, 13. Oktober 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013)
  46. Ägyptens Chefankläger kann doch im Amt bleiben, Yahoo! Nachrichten, 13. Oktober 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013)
  47. Konflikt im Gaza: Waffenstillstand ändert die Spielregeln im Nahen Osten., Handelsblatt, 22. November 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013).
  48. 48,0 48,1 English text of Morsi's Constitutional Declaration, Al-Ahram, 22. November 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013)
  49. Europa warnt Mursi: „Einen Staatsstreich können wir nicht gutheißen“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. Dezember 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013)
  50. Ägypten: Mursi entlässt Generalstaatsanwalt, hebt Gewaltenteilung auf, Afrika Echo, 23. November 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013)
  51. Mursi macht sich zu Ägyptens „neuem Pharao“, Die Welt, 22. November 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013)
  52. Machtzuwachs des ägyptischen Präsidenten – Mursi kann nicht gegen sein Volk regieren, Qantara.de, 30. November 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013)
  53. Mursi erweitert Macht radikal., Deutsche Welle, 23. November 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013)
  54. Mursi macht sich zu Ägyptens „neuem Pharao“ Die Welt, 22. November 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013)
  55. Ägypten: Präsident Mursi greift nach der absoluten Herrschaft, Spiegel Online, 22. November 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013)
  56. Tausende wieder bei Protestmarsch gegen Präsident Mursi, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 7. Dezember 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013)
  57. Ägypten: Mehrere Tote bei Straßenschlachten, Berliner Zeitung, 5. Dezember 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013)
  58. Richter in Ägypten wollen Verfassungsreferendum boykottieren, Zeit Online, 3. Dezember 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013)
  59. 59,0 59,1 Mursi plant Abstimmung über neue Verfassung - Ägyptens Richter boykottieren Referendum, Tagesschau.de, 2. Dezember 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013)
  60. 60,0 60,1 60,2 Opposition lehnt Verfassungsreferendum ab, Frankfurter Allgemeine, 9. Dezember 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013)
  61. Ägyptische Opposition lehnt Verfassungsreferendum ab, Yahoo! Nachrichten, 9. Dezember 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013)
  62. Neue ägyptische Verfassung mit knapp 64 Prozent angenommen, Der Tagesspiegel, 25. Dezember 2012 (abgerufen am 22. Januar 2013)
  63. Mohamed Morsi signs Egypt's new constitution into law, The Guardian, 26. Dezember 2012 (englisch, abgerufen am 22. Januar 2013)
  64. Wahlen in Ägypten auf Herbst verschoben – Präsident Mursi stößt auf jede Menge Widerstand., oe24.at, 27. März 2013 (abgerufen am 30. März 2013)
  65. Streit zwischen Präsident und Justiz in Ägypten – Mursi muss Generalstaatsanwalt austauschen, Süddeutsche.de, 27. März 2013 (abgerufen am 30. März 2013)
  66. Hass auf Polizei - Ägypten kollabiert, Zeit Online, 27. Januar 2013 (abgerufen am 28. Januar 2013)
  67. Über 20 Tote bei Ausschreitungen wegen Urteil zu Fußball-Massaker, Der Tagesspiegel, 26. Januar 2013 (abgerufen am 28. Januar 2013)
  68. Mursi verhängt Ausnahmezustand über drei Städte, Zeit Online, 28. Januar 2013 (abgerufen am 28. Januar 2013)
  69. Opposition lehnt den Dialog mit Präsident Mursi ab Focus Online, 28. Januar 2013 (abgerufen am 28. Januar 2013)
  70. Mursi soll künftig Ägyptens Armee einsetzen dürfen, Yahoo! Nachrichten, 28. Januar 2013 (abgerufen am 28. Januar 2013)
  71. Kairo: Armee erhält Polizei-Befugnisse, Deutschlandradio, 28. Januar 2013 (abgerufen am 28. Januar 2013)
  72. Aktion mit Nofretete – Figuren gegen Polizeigewalt, Amnesty International, 28. Januar 2013 (abgerufen am 23. Februar 2013)
  73. Ägypten: Tod und Zerstörung bei Protesten, Amnesty International, 28. Januar 2013 (abgerufen am 23. Februar 2013)
  74. 74,0 74,1 Wichtigste Oppositionsgruppe in Ägypten fordert Mursis Rücktritt, Zeit Online, 3. Februar 2013 (abgerufen am 4. Februar 2013)

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