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Lotte Witt

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Lotte Witt (1897)

Lotte Witt (* 23. April 1870 in Berlin; † 28. Dezember 1938 in Wien) war eine deutsche Theaterschauspielerin.

Leben

Mainz, Elberfeld, Sankt Petersburg

Lotte Witt wuchs als junges Kind im englischen Sprachbereich auf, da ihre Eltern, die Schauspieler Fanny und Julius Witt, 1871 nach Amerika emigrierten und sich dort deutschsprachigen Theatern anschlossen. Nach dem frühen Tod ihres Vaters (1879) kehrte sie mit ihrer Mutter nach Europa zurück. Am Stadttheater in Mainz, wo sie zur Schule ging, machte Lotte Witt erste Bühnenerfahrungen. Über die Station Elberfeld gelangte sie nach Sankt Petersburg, das damals ein Zentrum deutschsprachiger Theaterkultur war.[1] Als junge Schauspielerin, „fast noch ein Kind“,[2] traf Lotte Witt hier auf berühmte Kollegen wie Josef Kainz, Friedrich Mitterwurzer, Arthur Vollmer, Emanuel Reicher oder Jenny Groß. Die Italienerin Eleonora Duse trat in Gastvorstellungen auf. Gleich an ihrem ersten Tag in Sankt Petersburg bestand Lotte Witt eine Bewährungsprobe. Die Hauptdarstellerin des Wildenbruch-Dramas Die Haubenlerche musste krankheitsbedingt absagen. Da der Petersburger Intendant Philipp Bock kein Ersatzstück parat hatte, bot Lotte Witt an, die Rolle in der Haubenlerche zu übernehmen – sie hatte das Stück in Elberfeld gespielt. Trotz großer Bedenken willigte Bock ein. Der österreichische Theaterkritiker Hermann Bahr, der sich zu der Zeit ebenfalls in Sankt Petersburg aufhielt, erinnerte sich Jahre später an den Abend:

„[...] sie fängt mit der größten Ruhe zutraulich zu plaudern an, [...] gleich wie zu alten Bekannten, und ihre helle Stimme wiegt sich und jetzt fliegt ihr Lachen auf ein Mal wie eine Lerche durch das Haus. [...] Und wir sehen uns an und wissen jetzt alle, dass die kleine Person eine große Schauspielerin ist, und wir haben eine solche Freude! Ich habe seitdem noch manches beim Theater erlebt, aber niemals habe ich mehr das ganze Geheimniß des Schauspielers lebendiger gespürt: dieses ist, den Menschen durch seine bloße Existenz wohl zu thun, wie einem Blumen wohl thun, bloß dadurch, daß sie auf der Welt sind; dafür kann man ihnen nie genug danken.“[3]

Der große Erfolg hatte zur Folge, dass das Petersburger Publikum ständig neue Inszenierungen mit Lotte Witt sehen wollte. 1891 gab sie jedoch dem Werben des umtriebigen Intendanten Bernhard Pollini nach und ging nach Hamburg.

Hamburg und Wien

Lotte Witt in einer Aufführung von Ludwig Fuldas Lustspiel Die Zwillingsschwester (Wien, 1905)

In der Hansestadt avancierte Lotte Witt im Laufe nur weniger Monate zu einem Publikumsliebling des Thalia Theaters.[4][5] In den Worten Hermann Bahrs: „Sie sah die Leute nur an und hatte sie schon.“[6] Sie spielte vor allem im naiven, munteren und sentimentalen Fach. Zu ihren Rollen zählten aber auch die Franziska in Lessings Minna von Barnhelm und die Rahel in Grillparzers Die Jüdin von Toledo.[4]

Am 1. April 1895 gastierte Lotte Witt mit einem Aufritt als Fanchon in Die Grille von Charlotte Birch-Pfeiffer erstmals am Wiener Burgtheater und zielte damit bereits auf ein Engagement ab.[7] Ihre zweite und und dritte Gastrolle hatte sie am 3. April 1895 als Margarethe und Adelheid sowie am 6. April als Ilka in Krieg und Frieden.[8][9] Diese Auftritte waren so erfolgreich, dass Intendant Max Burckhard sie ab dem 3. Juni 1898[10] fest für sein Ensemble verpflichtete.

Zu ihren ersten festen Rollen in Wien gehörte die der Magd Hanne Schäl in Gerhart Hauptmanns Milieudrama Fuhrmann Henschel. Die „derbe Sinnlichkeit, das Bäuerisch-Schlaue und Berechnende“ brachte Lotte Witt nach dem Urteil eines Kritikers „mit fast unheimlicher Wirklichkeitstreue heraus“.[11] Schon im Jahr 1900 wurde sie zur Hofschauspielerin ernannt. Im selben Jahr zählte die führende naturalistische Zeitschrift Die Gesellschaft sie neben Josef Kainz zu den „fremde[n] Schauspieler[n] ersten Ranges“, die „auf der Burgbühne heimisch geworden“ sind.[12] Allmählich war sie in den größten Rollen zu sehen, so etwa – an der Seite von Kainz – als Cressida in Shakespeares Troilus und Cressida, in der Titelrolle von Henrik Ibsens Schauspiel Hedda Gabler und als Anna Karenina in der Bühnenfassung des Romans von Leo Tolstoi. Nach Jahren sah Hermann Bahr sie auf der Wiener Bühne wieder und erkannte die Entwicklung, die stattgefunden hatte:

„Damals hatte sie sich […] eigentlich begnügt, den Reiz ihres reinen, innigen und, ich muß es noch einmal sagen, so blumenhaften Wesens walten zu lassen. […] Aber jetzt hatte sie gelernt, sich in das Schauspiel zu ordnen. Sie war gebändigt; jetzt hielt sie an sich, Wort und Geberde hatten das schönste Maß, sie vergaß nicht mehr, dem Ganzen zu gehorchen. Die glücklichste Natur war zur edelsten Kunst geworden.“[6]

Wie es für eine professionelle Schauspielerin nicht unüblich war, verfügte Lotte Witt über eine gut ausgebildete Singstimme, die gelegentlich auch bei Aufführungen zum Tragen kam. Eher ungewöhnlich zu dieser frühen Zeit war jedoch, dass eine deutsche Schauspielerin sich an einen aktuellen Ragtime-Song wagte und ihn 1902 auf Schallplatte veröffentlichte. Lotte Witt spielte das Lied des Komponisten-Duos Joseph E. Howard und Ida Emerson als Hallo My Baby (Originaltitel: Hello! Ma Baby) in passablem Englisch ein, wobei ihr die Kindheitsjahre in Amerika möglicherweise zugutekamen.[13]

Am 7. April 1926 wurde Lotte Witt Ehrenmitglied des Burgtheaters.[4] Insgesamt blieb sie der Wiener Bühne mehr als dreißig Jahre verbunden. Nur gelegentlich trat sie auch an anderen Bühnen, unter anderem in Hamburg, auf.

„Der Abgang Lotte Witts von der Lebensbühne – sie war seit ihrem Abschied vom Burgtheater im Jahre 1930 in schwere Krankheit verfallen – erinnert an eine der scharmantesten (sic!) und erfolgreichsten Schauspielerinnen des deutschen Theaters. […] Sie stand bereits im Kindesalter auf der Bühne, wuchs also in der Theaterluft heran und wurde bereits neunzehnjährig als jugendliche Liebhaberin nach Elberfeld engagiert. Ihre stets von Erfolgen begleitete Karriere führte sie über Hamburg, wo sie jahrelang zu den gefeiertsten Lieblingen des Publikums gehörte, 1898 nach Wien an das Burgtheater. Die Vielseitigkeit Lotte Witts kam in dem von ihr beherrschten Rollenfach zum Ausdruck: etwa Rautendelein, Porzia, Anna Karenina, Hanne Scheel und eine Reihe von Lustspielfiguren, die sie mit gleichem Können darstellte. Zu dem Bezaubernden ihrer Persönlichkeit kam noch ihr eigenartig wirkendes Organ hinzu, von dem Hermann Bahr schrieb: ‚Eine sehr innige, milde und herzliche Stimme, so fein und rein, als wenn ein dünnes silbernes Stäbchen ganz sachte, ganz leise, ganz heimlich an venezianisches Glas streifen würde…‘ Lotte Witt erhielt schon in den ersten Jahren ihrer Zugehörigkeit zum Burgtheater den Titel ‚Hofschauspielerin‘ und befand sich im Jahre 1926, als das Burgtheaterjubiläum gefeiert wurde, unter den ersten Ehrenmitgliedern des Hauses. Die Beerdigung Lotte Witts fand vorgestern in aller Stille statt, die Mitglieder des Burgtheaters hatten sich fast vollzählig eingefunden, der einstigen Kollegin das letzte Geleite zu geben.“

– Nachruf im Neuen Wiener Tagblatt vom 1. Januar 1939[14]

Familie

Verheiratet war Lotte Witt mit dem Generalmajor Livius Borotha von Trstenica, der einer kroatischen Adelsfamilie entstammte. Die Hochzeit im Jahr 1906 sorgte in der in- und ausländischen Presse für einiges Aufsehen, da es Offizieren zu der Zeit nicht erlaubt war, Schauspielerinnen oder Sängerinnen zu heiraten. Der österreichische Kaiser persönlich erteilte ausnahmsweise die Erlaubnis zur Vermählung.[15][16] Das Paar hatte zwei Kinder: den Juristen und kurzzeitigen Präsidenten des österreichischen Verwaltungsgerichtshofes, Sergius Borotha (1907–1990), und die Schauspielerin Susi Witt.

Geschwister von Lotte Witt waren der Schauspieler und Theaterdirektor Carl Witt (1862–1930), die Schauspielerin Hermine Straßmann-Witt und die Schauspielerin Käthe Frank-Witt (1872–1916).

Literatur

  • Hermann Bahr, Lotte Witt. In: H.B., Wiener Theater (1892–1898). Berlin 1899, S. 190–195.
  • Franz Planer (Hrsg.), Das Jahrbuch der Wiener Gesellschaft. Biographische Beiträge zur Wiener Zeitgeschichte. Wien 1929.
  • Deutsches Bühnen-Jahrbuch, 51, 1940, S. 103.

Einzelnachweise

  1. Aleksej I. Žerebin, „Alles ist verteufelt elegant.“ Zu den kulturellen Beziehungen zwischen Wien und Petersburg um 1900. In: Das Wort. Germanistisches Jahrbuch Russland, 2008, S. 167–174.
  2. Hermann Bahr, Lotte Witt. In: H.B., Wiener Theater (1892–1898). Berlin 1899, S. 190.
  3. Hermann Bahr, Lotte Witt. In: H.B., Wiener Theater (1892–1898). Berlin 1899, S. 191 f.
  4. 4,0 4,1 4,2 Rita Bake / Brita Reimers, So lebten sie! Spazieren auf den Wegen von Frauen in Hamburgs Alt- und Neustadt. Hamburg 2003, S. 113.
  5. Hamburger Nachrichten. In: Der Humorist (1880-1926), 20. Januar 1895, S. 7 (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/hu1
  6. 6,0 6,1 Hermann Bahr, Lotte Witt. In: H.B., Wiener Theater (1892–1898). Berlin 1899, S. 192.
  7. Kleine TheaterplaudereienWiener Hausfrauen-Zeitung. Organ des Wiener Hausfrauen-Vereines / Wiener Hausfrauen-Zeitung. Organ für hauswirtschaftliche Interessen, Jahrgang 1895, S. 126 (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/whz
  8. Kleine TheaterplaudereienWiener Hausfrauen-Zeitung. Organ des Wiener Hausfrauen-Vereines / Wiener Hausfrauen-Zeitung. Organ für hauswirtschaftliche Interessen, Jahrgang 1895, S. 194 (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/whz
  9. Kleine TheaterplaudereienWiener Hausfrauen-Zeitung. Organ des Wiener Hausfrauen-Vereines / Wiener Hausfrauen-Zeitung. Organ für hauswirtschaftliche Interessen, Jahrgang 1895, S. 136 (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/whz
  10. Theater, Kunst und Literatur. In: Deutsches Volksblatt, 4. Juni 1898, S. 12 (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/dvb
  11. Die Wage. Eine Wiener Wochenschrift, Band 2, 1899, S. 82.
  12. Die Gesellschaft, Band 16, Teil 4, 1900, S. 49.
  13. Ragtime in der K.u.K Monarchie, Deutsches Schellackplatten- und Grammophonforum (abgerufen am 22. September 2020).
  14. Lotte Witt gestorben. In: Neues Wiener Tagblatt / Neues Wiener Abendblatt. Abend-Ausgabe des Neuen Wiener Tagblatt(es), 1. Januar 1939, S. 20 (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/nwg
  15. Le Monde Artiste, 22. Juli 1906.
  16. Indiana Tribüne [Indianapolis], 9. August 1906.


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