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Lil Picard

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Lil Picard (1968)
Lil Picard (links) im Jahr 1978

Lil Picard (geb. 4. Oktober 1899 in Landau als Lilli Elisabeth Benedick, gest. 1994 als Lil Picard in New York) war eine deutsche Schauspielerin und Journalistin, verheiratet bis 1926 mit Fritz Picard, ab 1935 mit dem Bankier Hans Felix Jüdell. Das Paar emigrierte 1936 wegen des in Deutschland zunehmenden Antisemitismus nach New York. Dort war Lil Picard als Malerin, Bildhauerin, Kunstkritikerin, Fotografin, Performance- und Happeningkünstlerin erfolgreich.

Leben und Werk

Elisabeth war das einzige Kind von Rosalie und Jakob Benedick. Benedick war ein jüdischer Winzer und Weinhändler in der Pfalz (Region). Elisabeth Benedick erlebte ihre Kindheit und Jugend in Strassburg (damals im deutschen Elsaß-Lothringen) und besuchte dort die Schule.

Kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs traf sie 1918 Fritz Picard, mit dem sie gegen den Willen der Eltern in Berlin lebte und den sie 1921 heiratete. Im Berlin der frühen 1920er Jahre studierte sie Kunst und Literatur, nahm Ballett- und Gesangsunterricht, spielte in Cabaret-Revuen und hatte einen kurzen Auftritt im Film „Variété” mit Lya de Putti und Emil Jannings. Befreundet mit Künstlern des Berlin Dada, wie Richard Huelsenbeck, George Grosz, Emmy Hennings und Hugo Ball gehörten zu ihrem Umfeld auch Else Lasker-Schüler und Kurt Schwitters.

1926 von Franz Picard geschieden behielt sie den Namen Lil Picard und zog für einige Jahre nach Wien. 1928 in Wien schrieb sie für das Feuilleton des Berliner Börsenkuriers. Im Jahr 1933 zurück in Berlin, arbeitete sie mit Erfolg für die „Zeitschrift für Deutsche Konfektion” und schrieb Beiträge zu den Mode- und Frauenseiten des Berliner Tageblatts.

1935 heiratete sie den Bankier Hans Felix Jüdell. Wegen der in Deutschland zunehmenden Judenverfolgung und Entzug ihres Presseausweises emigrierte das Paar ab November 1936 nach New York. Jüdell konnte im New Yorker Bankwesen arbeiten und änderte seinen Namen zu Henry Odell oder O'Dell. Lil Picard wurde ab 1937 in der New Yorker Kunstszene bekannt. Sie hatte als Schmuck- und Hutdesignerin Erfolg (Erwähnung in Vogue Ausgabe 1. Mai 1940) und betrieb nacheinander verschiedene aussergewöhnliche Modeboutiquen.

Um 1939 begann ihre künstlerische Entwicklung als Malerin. 1947 traf sie Patricia Highsmith, die lebenslang eine Freundin blieb und sie mit den Abstrakten Expressionisten bekannt machte. Künstlerisch bildete sie sich an der Hans Hofman School of Art weiter. Picard setzte eine Vielzahl künstlerischer Techniken ein, die sie aus der Berliner und Pariser Avantgardeszene kannte. Wie die Dadaisten benutzte sie Wortspiele. Als stärksten Einfluß benannte sie Kurt Schwitters. [1]

1952 traf sie Alfred Jensen, mit dem sie bei Hans Hofman studierte und über den sie Seymour Boardman, Sam Francis, John Grillo, Franz Kline, Raymond Parker und Mark Rothko kennenlernte. Trotz ihrer 10jährigen Affäre mit Jensen blieb Hans Felix Jüdell ihr lebenslang verbunden.

Ab 1955 wurde sie als Bildende Künstlerin mit wichtigen Einzelausstellungen wahrgenommen. Gegen Ende der 1950 Jahre nahm ihr Werk Entwicklungen voraus, die erst später von Künstlern wie Robert Indiana und Jasper Johns ausformuliert wurden. Die Werke zeigen Buchstabenkombinationen und beziehen kommerzielle Kosmetikartikel wie eine Vorahnung der Pop Art ein.[2][3]

Um 1960 arbeitete Lil Picard an Reliefs und Tableaus, die autobiografische und feministische Bezüge zeigten. Ihr erstes Happening, „The Bed”, veranstaltete sie 1964 im Alter von 65, im Café Au Go Go. Die Arbeit bestand aus einer Art Striptease auf einem elektrisch verstellbaren Bett, bei dem die Tänzerin Meredith Monk assistierte. Das Bett in Verbindung mit feministischen Bedeutungen blieb Thema für weitere Auftritte: „Bed Sheet Event” 1969; „Working from Bed” 1971 und 1972; „White Sheets and Quiet Dots” 1974 and 1976 (mit Hannah Wilke); „Bed Tease” 1978 and 1980; „Bed Paint” 1981.

Als frühe Künstlerin der Soziopolitischen Happenings und Performances war sie an Jon Hendricks innovativen Performanceprogrammen im Judson Church Kunstraum und an Charlotte Moormans jährlichen Avantgarde Festivals beteiligt. Ihre Performances richteten sich gegen den Vietnamkrieg und die Manipulation der Frauen durch Medien und Werbung.[4]

1965 traf Lil Picard Andy Warhol und unterhielt enge Beziehungen zu anderen Künstlern der Warhol Factory. Ihre Performance "Construction-Destruction-Construction" in der Factory wurde von Warhol gefilmt und in seinem Underground Experimentalfilm „****” (Four Stars) 1968 veröffentlicht. Bei der Performance wirkten mit: Al Hansen, Taylor Meade, Viva, Kate Millet, Nam June Paik. Picard spielte in einem autobiografischen Film Warhols seine Mutter und schrieb für Warhol verbundene Publikationen wie „Interview”.

In ihren Happenings und Performances wendete Picard oft Methoden destruktiver Kunst an, wie sie durch Gustav Metzger und Ralph Ortiz bekannt wurden, mit dem sie häufig zusammenarbeitete. Sie versuchte auf diese Weise, humanistische Werte bewußt zu machen und zur Besserung der politischen, soziologischen und ökologischen Situation der Gesellschaft beizutragen.[5] Bis in die frühen 1980er Jahre baute sie interaktive Environments und veranstaltete, meist in Verbindung mit dem New York Avantgarde Festival, Happenings und Performances.

Lil Picard stand freundschaftlich und künstlerisch in Verbindung mit Boris Lurie, Chuck Close, Helen Frankenthaler, Franz Kline, Robert Motherwell, Carolee Schneemann, Josef Beuys, Roy Lichtenstein, Jasper Johns, James Rosenquist, Larry Rivers und Patricia Highsmith.

Ihr künstlerisches Gesamtwerk umfaßt Gedichte, Malerei, Collagen, Assemblagen, Filme, Happenings und Performances. Ab 1976 wirkte sie in mehreren Filmen mit, unter anderem bei Rosa von Praunheims "Underground and Emigrants".

Sie schrieb zudem für Magazine wie Village Voice, East Village Other, Feminist Art Journal, High Performance, Arts Magazine, war Kunstkorrespondentin für Kunstform International und „Die Welt” und übersetzte Tom Wolfes „Electric Kool-Aid Acid Test” (1968) ins Deutsche.[6]

Einzelausstellungen und Performances

  • 1960 White Sculptures. David Anderson Gallery, New York.
  • 1964 Bed. Happening, Cafe Au Go Go, New York
  • 1966 Ballad of Sweet Peas (Peace) and Lollypops. Performance auf der Staten Island Fähre. 5th Annual Avant Garde Festival, organisiert von Charlotte Moorman
  • 1968 Construction-Destruction-Construction (C-D-C). Performance, The Factory, New York
  • 1976 Political Dematerialization. Ronald Feldman Fine Arts, New York
  • 1976 Titel zu ermitteln. Holly Solomon Gallery Gallery, New York
  • 1976 Titel zu ermitteln. Goethe House New York
  • 1978 Retrospektive. Neuer Berliner Kunstverein Berlin
  • 2011 Lil Picard and Counterculture New York. 24. Februar bis 27. Mai 2011, University of Iowa Museum of Art, Iowa City

Gruppenausstellungen

  • 1949-60 Ausstellungen in New York. Unter anderem in der March Gallery, Brata Gallery und Fleischman Gallery
  • 1960 New Media New Forms. Martha Jackson Gallery, New York.
  • 1971 Happening und Fluxus. Ausstellung im Kunstverein Köln
  • 1972 American Women Artists. Kunsthaus Hamburg[7]
  • 1995 NO! Neue Gesellschaft für bildende Kunst Berlin
  • 2001 NO!art and the Aesthetics of Doom. Block Museum, Evanston IL
  • 2002 NO!art and the Aesthetics of Doom | University of Iowa Museum of Art, Iowa City

Sonstige

Publikationen

  • 1970 Lil Picard: JA- & NEIN-Gedanken. In: Lurie, Boris; Krim, Seymour (Hg.), Köln 1988.

Medienproduktion

  • Hubert Fichte; Lil Picard: Originalaufnahmen New York 1975/76. 1CD, Suppose Verlag, Köln 2007, ISBN 3932513428. Hubert Fichte interviewt Lil Picard.

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Kathleen A. Edwards: Lil Picard and Counterculture New York. The University of Iowa Museum of Art, S. 2, abgerufen am 4. März 2012 (englisch).
  2. Mark Bloch: Lil Picard and Counterculture New York. In: Whiteout Magazine. Juli 2011, abgerufen am 2. März 2012 (englisch): „Finally, whether it was the influence of her number-obsessed lover Jensen or the achievement of beating Robert Indiana or Jasper Johns to the punch by several years, it is impossible to ignore the importance of her 1958-59 paintings that, way before the pack, spelled out the 26 letters of the alphabet or four doppelgangers in particular that combined as a square to sing the word L-O-V-E.“
  3. Kathleen A. Edwards: Lil Picard and Counterculture New York. The University of Iowa Museum of Art, S. 2, abgerufen am 4. März 2012 (englisch).
  4. Kathleen A. Edwards: Lil Picard and Counterculture New York. The University of Iowa Museum of Art, S. 1, abgerufen am 4. März 2012 (englisch).
  5. Kathleen A. Edwards: Lil Picard and Counterculture New York. The University of Iowa Museum of Art, S. 2, abgerufen am 4. März 2012 (englisch).
  6. Roberta Smith: Lil Picard, 94, Artist and Critic Who Was Once a Hat Designer. The New York Times, 14. Mai 1994, abgerufen am 2. März 2012 (englisch).
  7. Wahl der Damen. In: Der Spiegel. Nr. 20, 1972, S. 157 (8. Mai 1972, online).

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